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Lebenssucher

Lily Braun: Lebenssucher - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorLily Braun
titleLebenssucher
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.-G.
seriesLily Braun - Gesammelte Werke
volumeVierter Band
printrun1.-20. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070919
projectid35ed0622
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Drittes Kapitel.

Vom Suchen nach Erkenntnis, und von der kleinen Gina Vollendung.

Gleich am nächsten Tage – er konnte den Beginn seines Studiums kaum mehr erwarten – besuchte er einen der Professoren, an die er empfohlen worden war, und dessen Rat er einzuholen gedachte. Der alte Herr stellte ihn gleich nach der Begrüßung vor die Frage, auf welchen Beruf er sich vorzubereiten wünsche.

»Darauf soll mir die Universität die Antwort geben,« erwiderte er freimütig, wenn auch in seinem Eifer ein wenig abgekühlt durch die geschäftsmäßige Art des Gelehrten. »Ich muß erst finden, wofür es sich lohnt, das Leben einzusetzen.«

Der Professor lächelte belustigt, im Grunde überzeugt, einen jener begüterten jungen Leute vor sich zu haben, die das Studium zum Vorwand für einige ungebundene Jahre Großstadtlebens benutzen, und war innerlich mit dem jungen Gelbschnabel fertig, der noch dazu so große Worte brauchte, um seine Absichten zu beschönigen. Die Antwort bestand denn auch nur in der Empfehlung einiger bekannten Dozenten. »Tout Berlin besucht ihre Vorlesungen, besonders der weibliche Teil, soweit er hübsch und berufslos ist,« fügte er schmunzelnd hinzu, durch sein weiteres Schweigen bekundend, daß er nichts mehr zu sagen habe. Konrad verbeugte sich steif und ging.

Irgendeine klassische Erinnerung an das Verhältnis des Meisters zum Jünger mochte ihm vorgeschwebt haben, als er die Treppe zu dem berühmten Mann emporgestiegen war, und nun war er erledigt, weil er sich nicht von vornherein in ein abgestempeltes Fach einschachteln ließ; nicht einmal der Versuch eines näheren Eingehens auf seine Wünsche und Fähigkeiten war gemacht worden.

Eulenburg, dem er davon erzählte, lachte ihn aus: »Die Leute werden dafür bezahlt, daß sie uns Kenntnisse beibringen; sie haben, wenn sie halbwegs anständig sind, genug damit zu tun, und sollten sich noch mit unseren Seelenleiden beschäftigen!«

Daraufhin begann er, die erste kleine Enttäuschung rasch abschüttelnd, sich auf eigene Faust ein Programm zu machen. Er belegte, ohne Warnung und Rat Wohlwollender irgend zu beachten, eine Menge verschiedener Vorlesungen: philosophische, nationalökonomische, literarische und kunsthistorische, ja naturwissenschaftliche sogar, für die er durch Warburgs Berichte Interesse gewann, und mit dem ganzen Hochgefühl eines Pilgers, der an der Schwelle des Heiligtums steht, von dem er das Wunder erwartet, betrat Konrad Hochseß das ehrwürdige Gebäude der Frideriziana Wilhelma.

Er hätte sich für den Schwung seiner Seele die Kuppel eines gotischen Doms gewünscht; die niedrigen grauen Decken drückten ihn nieder, und als er in den Hörsaal trat, wo eine dichtgedrängte Schar von Studenten des berühmten Professors harrte, dessen philosophische Vorlesungen ihm über Deutschlands Grenzen hinaus einen Namen gemacht hatten, da erinnerte ihn der Anblick des weißgetünchten Raums, der braungestrichenen Pulte, der schwarzen Tafel und des Katheders darin so schmerzhaft an die öden Klassenzimmer, daß es ihm eiskalt über den Rücken kroch.

Lautes Getrampel empfing den Dozenten. Alle Blicke richteten sich auf sein Mephistoantlitz; ein paar elegante Damen hielten die langgestielten goldenen Lorgnetten vor die Augen. Dann begann er zu sprechen: sehr leise und langsam zuerst; schließlich mit wachsender scharfer Betonung der Konsonanten, was seine Stimme ungewöhnlich hart erscheinen ließ, und begleitet von seltsam verrenkten Arm- und Handbewegungen. Es war, als müsse er den Faden seiner Gedanken mühsam auseinanderwickeln und ziehen, und diese Anstrengung beschäftigte manche der Zuhörer mehr als ihre Resultate.

Konrad verstand wenig; die für sein Ohr gekünstelte Sprechweise störte ihn, und die vielen geistreichen Bemerkungen, auf die alles mit glänzenden Augen wartete, um sie dann trampelnd zu quittieren, schienen ihm der Würde der Sache nicht angemessen. Er fühlte sich leer und müde, als er herauskam. Wie hungrig war er gekommen, wie überhungert ging er fort!

Auf dem Gang begegnete ihm Else Gerstenbergk. Er freute sich, inmitten der Scharen Unbekannter, die sich, nach ihren Gesprächen zu schließen, jetzt schon auf Grund ihrer Berufe sonderten, jemanden zu treffen, dem er sich mitteilen konnte.

»Professor Görne ist ein Gehirnequilibrist, dessen fabelhafter Geschicklichkeit zuzusehen die Nerven angenehm aufpeitscht,« sagte sie. »Da Sie jedoch zunächst nicht Seiltanzen lernen wollen, sondern gerade gehen, rate ich Ihnen fürs erste zu weniger glänzenden Namen und weniger vollen Hörsälen;« und mit warmer Anteilnahme gab sie ihm ihre Ratschläge.

»Sie studieren wohl schon lange?« frug er sie, erstaunt über ihre Sachkenntnis.

»Ja und nein,« entgegnete sie mit einem Lächeln; »als ich noch den Dr. phil. als letztes Ziel all meines Strebens ansah, war ich von unstillbarem Wissenshunger erfüllt und verzichtete lieber auf alles, Ruhe, Vergnügen, Freude, als daß ich eine meiner Vorlesungen versäumt hätte.« Sie machte eine kleine Pause. »Jetzt komme ich nur noch, wenn Pawlowitsch nicht kommen kann. Sehen Sie, hier,« und sie zeigte ihm ein mit statistischen Berechnungen gefülltes Heft, »ich schreibe diese Zahlen für ihn nach.« Ein Glockenzeichen schreckte sie auf. »So spät schon!« – und mit einem eiligen Händedruck lief sie davon. Daß sie so wenig Zeit für ihn hatte! Gerade in diesem Augenblick hätte er sich an sie klammern mögen wie ein ermatteter Schwimmer.

In der nächsten Vorlesung traf er der Verabredung gemäß Warburg. Er fand ihn, wie stets, wenn er ihn wiedersah, in steigendem Maße erfüllt von der Freude an seinem Studium. Das reizte ihn zu einem Gefühl, gemischt aus Neid und Enttäuschung. Jede neue Tatsache, die der Dozent vom Katheder herunter mit monotoner Stimme aus dem abgegriffenen, vielfach benutzten Manuskript vorlas, hinterließ einen hellen Glanz auf dem farblosen Gesicht des Freundes, und lebhafter, als es sonst seine Art war, sprach er nach dem Kolleg, während sie Arm in Arm vor der Universität auf und nieder schritten, von der quellenden Fülle des Wissens, die von diesem ehrwürdigen Hause seit einem Jahrhundert in die Welt ströme und durch die großen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte an Reichtum immer noch zugenommen habe.

»Das Unglück ist nur, daß des Geistes Gefäß zu eng ist, um alles aufzunehmen,« schloß er enthusiastisch.

»Und selbst, wenn es groß genug dafür wäre,« meinte Konrad, »was hättest du davon, jeden Stern benennen, die Liebesregungen jedes Wurms beobachten, die Wirkungen jedes Elements berechnen zu können?«

»Was ich davon habe, du griesgrämiger Träumer?!« rief Walter, »was ich weiß, besitze ich; zum Herrn der Welt macht mich die Erkenntnis.«

»Die Erkenntnis vielleicht! Aber du begeisterst dich nur für Kenntnisse –«

Walter blieb mitten auf der Straße stehen, um dem Freunde gerade ins Gesicht zu sehen. »Versuch's einmal, Konrad,« sagte er eindringlich, »versuch's ernsthaft, konsequent, dir diese gering geachteten Kenntnisse anzueignen, die aller Erkenntnis Grundlage sind. Man muß überall von der Pieke auf dienen, wenn man etwas Tüchtiges werden will; du hast nach einem Gipfel stürmen und die ermüdende Talwanderung vermeiden wollen.«

»Ganz richtig,« antwortete Konrad heiter – der goldene Herbstglanz in der Luft, der die Baumreihen der einzigen königlichen Straße Berlins umspielte, hatte auch an seinem Himmel die Wolken verscheucht, so daß er in der Ferne, traumhaft, die siegkündende Göttin über dem Säulentor verheißungsvoll leuchten sah – »mit achtzig Pferdekräften durch die Täler sausen, nur auf die Gletscher und Felsen zu Fuß, das entspräche meiner Begierde. Aber du weißt ja, ich füge mich, da dieses Zeitalter das der Herden ist, und marschiere in Reih und Glied.« Er blätterte in seinem Notizbuch und zog den Freund mit sich fort. »Rasch – ich versäume den Anschluß: Einführung in die Nationalökonomie.«

Er wurde ein ungewöhnlich fleißiger Student, der seinen Lehrern auffiel, aber es lag etwas Krampfhaftes in seinem Fleiß, und wenn Warburg, erstaunt über die Zähigkeit, die er entwickelte, seiner Freude darüber Ausdruck gab, sah er ihn mit spöttisch gekräuselten Lippen und einem eigenen Lächeln an, hinter dem eine wesenlose Trauer sich zu verbergen schien. Eulenburg erklärte ihm in seiner derben Weise wiederholt, daß es ein Zeichen beginnenden Irrsinns sei, morgens Philosoph, mittags Nationalökonom, nachmittags ein Sozio-, Physio-, Zoo-, oder sonst ein Loge zu sein – statt dem Feuergott lieber in irgendeiner Form persönlich zu dienen – und nachts infolgedessen eine Schlafmütze. Seine dringenden Einladungen, ihn in die Bars und Kabaretts zu begleiten, schlug Konrad ab; statt dessen saß er zu Hause über den Büchern, die er sich fast täglich, wenn irgendein neues Thema ihn gepackt hatte, aus den Bibliotheken heimbrachte, oder besuchte, von Pawlowitsch angeregt, die Bildungskurse der Arbeiter, wobei ihn, wie er ehrlich gestand, die Zuhörer mehr interessierten als die Vorträge, und der Vortragende mehr als das, was er vortrug.

Gleich an jenem ersten Abend, zu dem er durch den Russen eingeladen worden war, hatte er sich in seinen tiefgewurzelten Neigungen verletzt gefühlt, und der Aufruhr, in den er dadurch geraten war, hatte ihn die eigenartige Umgebung, in der er sich befand, fast vergessen lassen.

Pawlowitsch sprach über die deutsche Literatur nach Goethe und kritisierte dabei die Romantiker als reaktionäre, aller Wirklichkeit abholde Träumer, die, von ungreifbaren Sehnsüchten erfüllt, zu schwach, um sich kämpfend den elenden Verhältnissen der Zeit entgegenzuwerfen, in der Weltflucht ihr Heil gesucht und das Leben zum Spiel gemacht hätten. Das Bild des alten Habicht, seines in Hochseß fast ein wenig geringschätzig behandelten Lehrers, tauchte in Konrads Erinnerung auf, wie er dem Knaben zuerst mit vor Rührung zitternder Stimme Hölderlins Hyperion vorgelesen hatte. Seitdem war der Dichter ihm ein Freund geworden, die ganze Periode der Romantik eine so vertraute, daß er sich unter den Schlegel und Tieck, den Brentano und Hardenberg heimisch fühlte und ihre Bücher ihn in der Bamberger Pension die kalte Fremde der Gegenwart oft genug verschmerzen ließen. Und Pawlowitsch kannte einen Hölderlin kaum, und die Gestalten einer Bettina Arnim, einer Caroline Schlegel erschienen in seiner Schilderung wie Typen überspannter Weiber.

Kaum hatten sie sich nach dem Vortrag im Speisesaal des Gewerkschaftshauses wieder zusammengefunden – einem überaus nüchternen, schlecht erleuchteten und noch schlechter gelüfteten Raum, der an jenem Tage infolge des endlos plätschernden Regens draußen, und der vielen tropfenden Kleider und Schirme drinnen, besonders düster und ungastfreundlich war, – als Konrad seiner Empfindungen nicht mehr Herr blieb und ihnen lebhaften Ausdruck geben mußte. Pawlowitsch lächelte überlegen.

»Die neue Jugend!« sagte er, »sie ähnelt verzweifelt der von mir nach Ihrer Ansicht so übel behandelten von damals. Aber selbst, wenn Sie recht hätten, wenn ich mich wirklich einer Geringschätzung großer Künstler schuldig gemacht hätte –, was ich bestreite, denn es kommt auch in der Kunst nicht auf Inhalte, sondern auf Wirkungen an, – und Sie mich davon überzeugen könnten, ich würde meinen Vortrag nicht um einen Satz ändern.«

»Also gegen Ihre Überzeugung sprechen,« unterbrach ihn Konrad entrüstet.

Pawlowitsch machte eine abwehrende Handbewegung: »Ruhe, Ruhe, junger Freund! Geschmack hat, noch dazu, wenn er schlecht ist, mit Überzeugung nichts zu tun. Wohl aber stehen meine Vorträge wie unsere ganze Bildungsarbeit innerhalb des Proletariats überhaupt im Dienste einer Überzeugung: der des Sozialismus, der des Klassenkampfes. Besser, hundertmal besser –« seine Augen begannen zu funkeln und sein Gesicht verlor den Ausdruck versteinter Ruhe, der es sonst beherrschte –, »ich vermittle meinen Hörern einen schlechten Geschmack, als daß ich sie auch nur einen Augenblick lang an ihrer Weltanschauung irre mache.«

Ein paar Arbeiter, die dem Vortrag beigewohnt hatten, traten, von der lebhaften Unterhaltung angezogen, hinzu; man rückte zusammen, und sie setzten sich.

»Ganz richtig, ganz richtig,« nickte der eine, ein älterer Mann mit harten Fäusten und verwitterten Zügen, »Kunst und Dichtung sind für uns Mittel der Zerstreuung, Genüsse für die Feierstunden statt der Kneipe oder der blöden Witze der Possenreißer. Es ziemen uns nicht mehr die Laster der Unterdrückten, noch die müßigen Zerstreuungen der Gedankenlosen, sagt schon Lassalle.« Er hatte langsam und dozierend gesprochen, ohne Wärme. Konrad wandte sich ihm zu.

»Grade von diesem Gesichtspunkt aus: daß Sammlung statt Zerstreuung, Anregung statt Einlullung des Geistes notwendig ist,« sagte er, »dürften Ihnen Dichter wie Hölderlin nicht vorenthalten werden. Eine Erhebung der Seele, eine Bereicherung des Gemüts geht von ihnen aus –«

»Bleiben Sie uns doch mit dem Gemüt vom Leibe,« warf Pawlowitsch heftig ein, »diesem Alpdruck des Deutschtums, der auf allem lastet, was sich aus Schlaf und Traum befreien will! Gemüt! – Die Fessel am Fuß, an der ihr die Traditionen und Sitten der Vergangenheit mit euch schleppt. Gemüt! – das euch an Scholle und Familie, an Kirche und Krone kettet! Wissen Sie nun, warum ich die Romantiker ablehne, ablehnen muß? All unsere Bildungsarbeit wird durch die Erfordernisse des Klassenkampfs bestimmt. Was ihn schwächen kann, darf keine Rolle spielen.«

Wieder nickte der Arbeiter. »Nur solche Wissensgebiete sind für uns von Bedeutung, die uns unsere Stellung im Klassenkampf besser erkennen lehren, uns für ihn fähiger machen,« dozierte er.

»Aber Wissen und Kunst sind doch zweierlei, haben im Grunde gar nichts miteinander zu tun,« sagte Konrad lebhaft, wobei er sich bittend nach Warburg und Else Gerstenbergk umsah, die bisher geschwiegen hatten. Beide lächelten ihn auch jetzt nur wortlos an, der eine in seiner versonnenen Art, die andere mit einem leisen Kopfneigen, wie dem der Zustimmung.

»Ich verstehe den Herrn nicht,« mischte sich jetzt der jüngere Arbeiter ins Gespräch, ein blasser, schmalbrüstiger Mensch mit zusammengekniffenen Lippen. »Was ist uns heute zum Beispiel anderes vermittelt worden als Wissen; und was will der Herr anders, als daß wir auch von den Dichtern, die er liebt, etwas erfahren, also noch mehr wissen sollen?«

Konrad blieb die Antwort schuldig. Er sah eine Kluft vor sich aufgerissen, viel breiter und tiefer, als die, welche er als zwischen den Klassen bestehend angenommen hatte. War sie wirklich nur ein Abgrund zwischen zwei Bergen derselben Erde, oder der Weltraum zwischen zwei Sternen?

Die Freunde verabschiedeten sich. Es regnete noch immer. Auf der Straße, vor dem roten Hause standen die Wasserlachen; schwarz und träge floß der Kanal vorüber; selbst über den Laternen hing der Regen wie ein Trauerschleier.

»Diese Vergötterung des Verstandes ist die Entgötterung der Erde,« sagte Konrad. »Warum schweigst du übrigens immer? Du wenigstens hättest mir beistehen können, dann hätte ich auch nicht schmählich die Flucht ergriffen.«

»Mich packte das Schauspiel zu sehr, als daß ich Mitwirkender hätte sein mögen.«

»Bequeme Ausrede!«

»Diese bewußte Beschränkung, diese Überzeugungstreue, die sich selbst zur Einseitigkeit verdammt, hat etwas Grandioses,« fuhr Warburg unbeirrt fort.

In Konrads Kopf klopfte das Blut: »Und das sagst du?! du, der du all deine Klugheit, all deine Verstandeskühle daran setztest, um mich den Frevel bewußter Beschränkung, einseitiger Überzeugungstreue einsehen zu lehren, auf der die katholische Kirche ihre Geisteszwingburg baute?!«

»Noch freue ich mich, daß es gelang,« entgegnete Warburg, »trotzdem werde ich, historisch betrachtet, auch die Großartigkeit ihrer Politik anerkennen. Vielleicht,« fügte er in zögerndem Nachdenken hinzu, »ist sie die notwendige Voraussetzung allen Erfolgs.«

»Damit gibst du zu, daß von Rechts wegen eine Tyrannis die andere abzulösen hätte,« rief Konrad.

»Ich hüte mich wohl vor solch voreiligen Schlußfolgerungen. Ich konstatiere nur Tatsachen,« meinte Warburg, der, die Arme im Rücken verschränkt, den Kopf vorgebeugt, mit den gesenkten Augen gleichsam an der Erde suchend neben dem Freunde herging, dessen Blicke hin und her flackerten, sich hier an einem Gesicht, dort an einem Wolkengebilde festsaugend, um es rasch wieder loszulassen.

Jetzt blieb Konrad mit einem leichten Aufstampfen des Fußes stehen. Erstaunt sah Warburg auf.

»Zum Teufel mit deiner Objektivität! Überlaß doch so was den Mummelgreisen, die, weil sie selbst eine Brille auf der Nase tragen, das kalte Auge der Wissenschaft preisen. Ich will nicht anschauen; ich will erleben – erleben! Ich forsche nicht nach dem Ding an sich, sondern danach, was es für mich ist, für mich sein kann.«

Warburg lächelte ein wenig überlegen. »Darum bist du ja auch, wie ich schon immer sagte, von Natur awissenschaftlich,« sagte er, »hättest ein Kriegsmann oder ein Künstler werden sollen.«

Konrad schwieg verletzt und grub die Zähne tief in die Unterlippe. Der Freund, dachte er, hätte wissen müssen, daß er eine seiner wundesten Stellen traf. Soldat! – Das hatte ihn zeitenweise in Träume von Krieg und Ruhm verwoben, ihm als köstlichstes Ziel vorgeschwebt, aber dann sah er die Wirklichkeit: Uniformprotzen, Rekrutendriller, die Wunsch und Sehnsucht rasch erstickte. Künstler! – Leidenschaftlich hatte er ein paar Jahre lang Geige gespielt, – mit viel Talent, sagten die Lehrer, – um das Instrument schließlich, als er sich ohne Erfolg mit einer eigenen Komposition gequält hatte, fast mit einem Gefühl von Ekel beiseite zu legen. Auch Gedichte hatte er gemacht, – er betonte, wenn er davon sprach, sich selbst verhöhnend, das »gemacht«, – und hütete sich später ängstlich, irgendeinen rhythmischen Einfall zu Papier zu bringen, weil er »nicht geworden und gewachsen war«.

Die Freunde trennten sich ernstlich verstimmt und sahen sich in der nächsten Zeit nur flüchtig.

Auf Konrads Schreibtisch, der ihm im kühlen Lichte dieser Tage nicht einmal grotesk erschien, sondern in seiner absurden Häßlichkeit einen beinahe lächerlichen Eindruck machte, häuften sich danach Bücher sozialistischen Inhalts. Lange Zeit hindurch stand er unter dem berauschenden Einflusse Lassalleschen Pathos. Er wälzte abenteuerliche Pläne im heißen Kopf: Die Gefesselten befreien, die Entrechteten zur Würde sich selbst bestimmenden Menschentums erheben – welch eine Aufgabe wäre das! Doch wenn er dann, ganz erfüllt, mit vor Tatenfieber klopfenden Pulsen andere sozialistische Zeitungen und Broschüren zur Hand nahm, oder in Versammlungen ging, bei deren Besuch er sich allmählich von Pawlowitsch emanzipierte, der ihn zu leiten, ja zu beherrschen suchte, so wurde der Eindruck immer stärker, daß das reine Gold der ursprünglichen großen Ideen auf der einen Seite gegen die Kupfermünzen alltäglicher Sorgen und Erlösungen, auf der anderen Seite gegen die abgegriffenen gedruckten Anweisungen auf illusorische Schätze eingetauscht worden war.

»Ideen werden altersschwach, sobald man sie auf die Flaschen des sogenannten gesunden Menschenverstandes zieht,« sagte er einmal in einer Stunde tiefer Depression zu Pawlowitsch; »so geht das Christentum am Protestantismus zugrunde.«

»Und der Sozialismus – woran?« frug der Russe, während sein rechter Mundwinkel sich sarkastisch in die Höhe zog.

»Das vermag ich nicht zu bezeichnen; es ist auch wohl vermessen, angesichts der Millionen seiner Anhänger vom Zugrundegehen überhaupt zu sprechen,« entgegnete Konrad, »nur – es wirkt so entmutigend, ernüchternd, wenn man die Nachkommen seiner Helden und Märtyrer sieht: trockne Schulmeister, korrekte Beamte.«

»Entmutigend?! Ernüchternd?!« wiederholte Pawlowitsch mit hartem Auflachen. »Sie sind sehr maßvoll, Herr Baron! Eher sollte der Sozialismus ganz zugrunde gehen, als daß er nach den Idealen jener Schulmeister und Beamten etwa in Konsumvereinen und Baugenossenschaften seine sogenannte Erfüllung fände! Aber noch sind wir da – wir!« und ein triumphierendes Leuchten glitt über seine Züge.

»Wir«, das war der Freundeskreis des Russen, eine Gruppe radikaler Sozialdemokraten, fast nur Slawen und Juden, mit der auch Konrad zuweilen zusammenkam. Hier war Leidenschaft, hier war Empörung, – aber jene kalte und verbissene, die nur das Resultat einer ununterbrochenen Kette von Unterdrückungen sein können; hier war Überzeugungstreue, aber eine, die religiöse Wärme in die Eisluft grausamen Fanatismus wandelt. Hier war Sehnsucht, aber vor allem jene negative der Hassenden, deren deutlichstes Ziel Rache ist und Zerstörung.

Stets war es ein Gefühl des Fröstelns, das Konrad aus dieser Umgebung heimwärts trieb. Mit einem erleichterten Aufatmen pflegte er dann nach seinen geliebten Dichtern zu greifen, bald alles um sich her vergessend; in rhythmischem Tonfall, fast ein wenig psalmodierend wie die katholischen Priester, las er erst leiser, dann lauter und lauter sprechend die tönenden Verse vor sich hin, im Takt im Zimmer auf und nieder schreitend. Wenn Giovanni ihm den Tee servierte – eine alte Hochsesser Gewohnheit, die er wieder aufgenommen hatte –, unterbrach er sich kaum; das Summen der Flamme, das Brodeln des Wassers erschien ihm vielmehr wie die Begleitung seiner Melodien.

Einmal – Giovanni war in ein Varietétheater gegangen, Erinnerungen an die eigene Kunst schienen ihn immer häufiger hinzuziehen, was Konrad lächelnd geschehen ließ, gönnte er doch dem alten Manne dies bißchen wiedererwachende Lebensfreude – brachte Gina, die Bucklige, den abendlichen Imbiß; vergebens hatte sie vorher an der Türe geklopft, er hatte, von den musikalischen Akkorden Georgescher Verse hingerissen, ihr Pochen überhört. Leise, daß nichts dazwischen klirrte, deckte sie den Tisch, mit den feinen Fingerchen Glas und Porzellan, Brot und Obst zierlich ordnend. Erst als das Wasser im Kessel zu rauschen begann, bemerkte Konrad die Kleine. Sie stand bewegungslos, die blassen Lippen halb geöffnet, die großen Augen auf ihn gerichtet, in ihrem roten Kleidchen an den grünen Teppich gelehnt; die braunen, lockigen Haare bedeckten barmherzig den Höcker, so daß sie einem Elflein glich, das dem Walde entsprungen war, um der tiefen Menschenstimme zu lauschen.

»Du, Gina?« sagte Konrad lächelnd. Wie gut paßte dies hauchzarte Kind in die Stimmung des Abends. Sie stammelte eine Entschuldigung, um gleich darauf, aus dem Erstaunen erwachend, den nunmehr am Tisch Sitzenden mit ruhiger Grazie zu bedienen. Ihre Füßchen versanken lautlos im Teppich, und jede Bewegung schien bei all ihrer Natürlichkeit doch von großer Kunst diktiert, denn niemals wandte sie dem jungen Mann den verunstalteten Rücken zu. Eine wohlige Behaglichkeit breitete sich um ihn aus; die Mahlzeit dauerte länger als sonst, denn Konrad mußte immer wieder auf die zarten Hände, in das strahlende Gesichtchen, auf die weichen Locken des Mädchens schauen, in denen Goldreflexe spielten, und es trieb ihn, den wehmütigen Mund lächeln zu sehen.

»Liebst du Gedichte?« frug er sie.

»Ich hörte sie nie,« sagte sie.

»Auch nicht in der Schule?« forschte er weiter.

»Nie ging ich zur Schule« – voll Beschämung den Blick gesenkt, gestand sie's. »Nach dem Sturz war ich jahrelang krank; erst jetzt lernt' ich gehen.«

»Dem Sturz?! Wann war das und wie?«

Noch tiefer fiel ihr Köpfchen auf die schmale Brust, die Haare glitten zur Seite und enthüllten den Höcker. »Ich lernte turnen auf ihren Schultern,« flüsterte sie stockend, »oh, sie war böse damals! Sie hatte so sehr auf die neue Nummer gehofft!«

»Die Mutter?« staunte er.

Sie nickte. »Doch nun ist sie gut, weil Sie hier sind,« ein schwärmerischer Blick heftete sich auf ihn, »weil Giovanni ihr mit den Hunden eine neue, viel schönere Nummer lehrt.«

Darum also war der Alte stundenlang bei Frau Wanda im Zimmer, aus dem dann ein vielstimmiges Konzert von Hundegebell, Weibergekreisch und dem Gelächter eines zahnlosen Mundes hervordrang!

Konrads Schweigen rief in des Kindes Zügen den Ausdruck jäher Angst hervor. »Sie werden doch nicht fortziehen?« murmelte sie, die Hände ineinander ringend, »weil die Mutter eine Jongleuse ist?«

Er strich ihr beruhigend die Haare aus dem Gesichtchen; seltsam, wie heiß es war und doch unverändert schneeweiß. »Ich bleibe und wenn du willst, lehr' ich dich lesen.«

»Oh!« wie heller Jubel klang's, von einem großen dankbaren Blick begleitet.

Von nun an brachte sie ihm regelmäßig den Tee, ohne daß der sonst so eifersüchtige Giovanni sie daran gehindert hätte. Er schien in den Unterricht der gelehrigen Schülerin, in die Beobachtung ihrer Erfolge auf der Bühne ganz vertieft; er veränderte sich aber auch zusehends im Äußeren, indem er auf seine Toilette größere Sorgfalt verwendete und sich krampfhaft gerade zu halten suchte. Eines Tages entdeckte Konrad sogar, daß er sich die Haare wieder gefärbt hatte. Das widerte ihn an, und um so lieber ließ er sich des Kindes Dienste gefallen. Eine Atmosphäre zarter Sorgfalt verbreitete sich um ihn, mit der nur die Zärtlichkeit eines Weibes den Geliebten zu umgeben vermag. Sie lernte um seinetwillen die Treppen gehen und erschien, wovor sie sich stets so sehr gefürchtet hatte, ohne Scheu unter dem aufkreischenden Kindervölkchen des Enckeplatzes, um täglich mit frischen Blumen seine Tafel zu schmücken; ja, sie wagte es schließlich sogar, bis zur Markthalle zu gehen, um mit sicherem Blick die schönsten Früchte für ihn auszusuchen. Blieb er dem Hause fern, so kauerte sie vor seinem Schreibtisch, eifrig Lettern malend und buchstabierend, bis sie ihn eines Abends strahlend mit dem Vorlesen eines Gedichtes überraschte, seinen Tonfall und seinen Rhythmus genau nachahmend. Und jede Nacht, er mochte heimkommen, wann er wollte, kroch sie, vom leisesten Geräusch seines Schritts erwachend, aus dem Bett, warf sich ihr rotes Kittelchen über und brachte ihm frisches Wasser. Sie hatte bemerkt, daß er es sich sonst selbst zu holen pflegte.

Alle Ereignisse ihres kurzen Lebens vertraute sie ihm allmählich an, Erlebtes und Geträumtes dabei seltsam durcheinander mischend.

Wer der Vater eigentlich gewesen war, wußte sie nicht; so viele Männer seien immer aus und ein gegangen, lärmende Leute, die alle Sprachen durcheinander schwatzten, Kunstreiter und Clowns. Ein alter Mann mit einem bösen Gesicht – vielleicht war's der Vater gewesen – habe sie einmal alle hinausgeworfen, die Treppe hinunter, ganz gewiß! Sie erinnere sich genau, wie sie hinabgekollert wären, einer über den anderen, und wie der Clown schließlich grinsend auf den Händen gegangen sei. Und dann war die Tänzerin dagewesen, die einzige, die die kleine Gina lieb gehabt hatte! Süßigkeiten brachte sie ihr mit und nähte Kleider für ihre Puppen und küßte sie – ach, seitdem sie den Höcker hatte, mochte sie niemand mehr küssen, niemand! Sie sei gestorben, sagten die Leute, aber sie wisse es besser: mit eigenen Augen habe sie gesehen, wie die Gute, Schöne in heller Mondnacht in ihren vielen, vielen, weißen Röckchen zum Fenster hinausgeflogen sei, – »zu den Sternen, die der alte weiße Zaubrer drüben in sein großes Glashaus fangen kann.«

Konrad hörte ihr zu und störte sie mit keinem Wort in ihren Träumen. Er wußte, wie weh das tut, und er war doch ein gesundes Kind gewesen!

Manchmal, wenn es dunkelte, fuhr er mit ihr durch die Stadt in den Tiergarten. Sie hatte niemals andere Bäume gesehen als die des Gartens der Sternwarte, nie andere Straßen als die dunklen, schmutzigen der nächsten Nähe. Er schämte sich vor sich selbst, daß er am hellen Tage das Gelächter der anderen über seine seltsame Gefährtin fürchtete, aber er fühlte bald, wie die Dunkelheit auch das Kind vor den zudringlich mitleidigen Blicken schützte, die sie roh aus der Traumwelt, in die sie versetzt wurde, gerissen haben würden. Jetzt war ihr der Tiergarten eine Welt voller Wunder, die schwarzen kahlen Bäume verhexte Riesen, die stillen Wasser der Nixenpaläste schimmernde Dächer und die bunten Lichter der Stadt der Nacht kostbares Geschmeide.

Mehr als er es sich selbst gestand, erfüllte dies Kind sein Leben und ließ ihn das unstillbare Sehnen vergessen, das ihn so oft zu verzehren gedroht hatte.

Wie seine reine Seele sich vor ihm erschloß, sein unbeirrbarer Verstand sich entwickelte, sein Herz, gleich einer Wasserrose, die auch aus dem tiefsten Schlamm in weißem Gewande leuchtend emporsteigt, ihm entgegenblühte, – das alles ward ihm zur täglichen Freude, zu um so größerer, als er sie tief in sich verschloß.

Niemand, auch Warburg nicht, wußte von seinem Umgang. Gina verkroch sich, sobald Konrad Gäste hatte. Seine gleichmäßigere Stimmung, die Heiterkeit seines Wesens, die auch trübe Stunden durchleuchtete, schob der Freund auf die Befriedigung, die das Studium ihm mehr und mehr gewährte, auch auf den anregenden Umgang, der sich allmählich entwickelt hatte.

Trotz aller Gegensätze, oder vielleicht grade um ihretwillen – denn das ist der Unterschied der Jugend vom Alter, daß sie Widerstände aufsucht, die das Alter zu vermeiden sucht, wie sie aus lauter Kraftgefühl Felsen erklettert, statt gebahnte Wege zu gehen –, hatten sich die Beziehungen zu Pawlowitsch mehr und mehr zu freundschaftlichen gestaltet. Sie saßen oft stundenlang debattierend beieinander, besuchten sich auch bald in ihren Wohnungen, wobei Konrad die Entdeckung machte, daß der Russe, dessen freie Ehe mit Else Gerstenbergk bekannt war, nicht mit ihr zusammenwohnte. Er hauste in ein paar Stuben von puritanischer Einfachheit, die erst bei näherem Zusehen den bizarren Geschmack des Bewohners merken ließen: an den Wänden hingen neben Photographien Rubensscher Gemälde – die üppigsten Frauenleiber leuchteten in hundert verschiedenen Stellungen daraus hervor –, Radierungen von Käte Kollwitz, aus denen das Elend grinste und der Blutrausch schrie; und über dem schmalen Feldbett befand sich eine goldumrahmte Kopie der schwarzen russischen Madonna, an der die Opfergabe eines silbernen Herzens hing.

»Glauben Sie,« sagte Pawlowitsch, »ich würde so heftig gegen Gemüt und Traditionen wettern, wenn ich sie nicht noch in mir zu bekämpfen hätte? Das da gehörte meiner Mutter. Dies Herz opferte sie um meinetwillen, als ich mich von ihr und ihrem frommen Glauben schied. Sie starb, während ich auf der Peter-Paulsfestung war. Nicht einmal ihren letzten Wunsch, mich segnen zu dürfen, erfüllte man ihr. Darum laufe ich wohl auch –« schloß er mit rauhem Lachen – »als ein Gezeichneter durch die Welt.«

Zuweilen lud er die Freunde zu Else Gerstenbergk ein; dann wußten sie im voraus, daß er in jener seltenen weichen Stimmung war, die einen anderen Menschen aus ihm machte.

Mit einem freudigen Rot auf den Wangen, das sie fast schön erscheinen ließ, trat ihnen dann die Hausfrau entgegen, sie in das Zimmer führend, das sie mit den alten Möbeln ihrer verstorbenen Eltern ungemein behaglich eingerichtet hatte. Familienbilder, die verrieten, daß die Bewohnerin einer Sippe von Beamten und Offizieren entstammte, hingen an den Wänden, auf den Fensterbrettern blühten Hyazinthen, der Nähtisch davor zeugte von vieler Benutzung.

»Sie hätte zu Ihrer Zeit leben müssen,« sagte Pawlowitsch, den Arm um ihre Schultern gelegt, als er Konrad das erstemal bei ihr willkommen hieß, »das heißt zur Zeit der Schlegel und Tieck natürlich! Und sollte eigentlich um irgendeinen königlich preußischen gefallenen Freiheitshelden trauern. Statt dessen ist sie im Zorn des Himmels eines lebendigen Revoluzzers Liebste geworden. Eine tapfere Liebste!« fügte er, ihr ritterlich die Hand küssend, hinzu.

An jenem Abend war er besonders mitteilsam. Draußen tanzten die Schneeflocken gegen die Fensterscheiben, um sich auf der Straße in naßgrauem Schmutz aufzulösen; in dem altmodischen Kachelofen, der breit und behäbig eine Ecke des Zimmers völlig einnahm, brannte das Feuer. Der Russe lehnte daran, während Else ab und zu ging, um das Abendessen aufzutragen.

»Wie gemütlich es bei Ihnen ist!« sagte Warburg.

Pawlowitsch lachte: »Wenn es nicht Winter wäre, ich würde imstande sein, Sie auf Ihr liebenswürdiges Urteil hin, das ich leider als berechtigt anerkennen muß, ohne Umstände der gütigen Wirtin allein zu überlassen. Wissen Sie, warum die Engländer trotz aller Demokratie so fest mit ihren Traditionen verwachsen sind, warum die Deutschen trotz aller umstürzlerischen Ideen Philister bleiben und die Russen trotz der leidenschaftlichsten Freiheitsbegeisterung die Revolution nicht durchgeführt haben? Weil der lange Winter die häusliche Gemütlichkeit gezeitigt hat, weil das Herdfeuer, ein wahres Symbol besonders des Germanentums, die Menschen von der schmutzigen Straße und der rauhen Öffentlichkeit weg in den Schoß der Familie zieht. Ein alter allgemeiner Brauch bestätigt meine Auffassung: im Frühling freit der Bauer, damit er im Winter unter Dach und Fach ist.«

Else kam mit der Obstschale und bat zum Essen. Sie setzten sich um den runden Tisch.

»Auch den Liebeskünsten dieser Frau ist der Winter der beste Bundesgenosse gewesen,« sagte Pawlowitsch, sie mit einem zärtlichen Lächeln betrachtend. »Erfroren, innerlich und äußerlich, kam ich aus Rußland. Diese Frau öffnete mir die Tür zum warmen Zimmer. Es bedurfte des ganzen Restes meiner Energie, um mich dem Sturme draußen nicht ganz zu entwöhnen.«

»Danach wäre die Ehe die kostbarste Waffe des Staates im Kampfe gegen die Revolution,« meinte Warburg.

»Sicherlich,« erwiderte der Russe mit scharfer Betonung, »sie ist das Mittel für alle Unterdrückung, geistige und physische: der junge Mann, der eben noch, strotzend von Kraft, glühend von Begeisterung, eine Welt zu erobern oder eine zu vernichten gedachte, wird in ihren Armen zum gesitteten Bürger, der vor jedem Idol staatlicher Macht den Rücken krümmt und mit saurem Schweiß jedem rollenden Pfennig nachläuft; und die junge Frau wird unter ihrer Peitsche zur Sklavin, die ihre Liebe für das Brot und das Bett verkauft und in ständiger Prostitution Kinder gebärt.«

»Und der Weg, um diese Wirkungen aufzuheben?« frug Konrad, obwohl er die Antwort voraussah. Es lag ihm aber an der Fortsetzung dieses Gesprächs.

»Die freie Ehe natürlich – unsere Ehe!« rief Pawlowitsch und legte die breite Faust auf die weiche kleine Hand Elsens, die neben ihm auf dem Tisch ruhte und unter der seinen nun völlig verschwand.

Konrad verlangte danach, mehr zu hören: »Würde nicht, von Ausnahmen abgesehen, für die Masse eine Zügellosigkeit ohnegleichen die Folge sein?«

Pawlowitsch lachte hell auf: »Nun sind Sie fast ein halbes Jahr in Berlin, atmen sogar die vergiftete Luft, die ich um mich verbreite, und reden noch wie ein fränkischer Landpfarrer! Zügellosigkeit! – Wann werden verständige Leute aufhören, erotische Bedürfnisse unserer Physis und ihre Befriedigung mit moralischem Maßstab zu messen und körperliche Treue der seelischen – jener einzig notwendigen Folge wahrer, das heißt geistiger Gemeinschaft zwischen Mann und Weib – nicht etwa nur überzuordnen, sondern sie sogar für die Treue an sich zu erklären! Wenn ein Weib einen Mann erotisch entflammt und er ihren Leib begehrt, den er erkannte, muß er dann zugleich ihre Seele lieben, von der er nichts weiß? Oder soll er verzichten wie ein Wüstenheiliger und sie und sich um eine Stunde rasenden Rausches betrügen, der vielleicht in seinem Hirn ein unsterbliches Werk erzeugt, in ihrem Schoß einen Helden?«

Er war aufgestanden, seine Brust hob und senkte sich, auf seinen Backenknochen, die breit aus den eingesunkenen Wangen herausstachen, brannten rote Flecken, und die kleinen Augen sprühten. Minutenlang war kein anderer Laut im Zimmer zu hören als das Verknistern der letzten Flamme im Ofen. Else saß still vor dem verwüsteten Tisch, den Reste der Mahlzeit bedeckten; ihre Augen hielt sie gesenkt, ihren Mund fest geschlossen, aber ihre Hand, die noch immer auf dem weißen Tischtuch neben dem Teller lag, ihre Hand sprach: zuerst durchlief sie ein Zittern, das jeden Finger einzeln ergriff, dann ballte sie sich, wie von schmerzhaftem Krampf zusammengezogen, um schließlich nach einem wehen Zucken sich lang auszustrecken, blaß und müde wie eine Sterbende.

Erst die Stimme des Russen belebte sie wieder. »Sing uns ein Lied,« sagte er rauh. Schwankend wie nach schwerem Traum erhob sie sich, trat ans Klavier und schlug, noch blaß vor Erregung, ein paar Akkorde an, die allmählich voller und voller anschwollen, während ihre Stimme immer sieghafter darüber schwebte. In leidenschaftlicher Melodie schien ihr ganzes Wesen sich aufzulösen. Das war das blasse Mädchen nicht mehr, das die Roheit des Mannes traf wie die Wiesenblume der Herbststurm, das war das Weib, dessen entfesselte Leidenschaft sie in den Purpurmantel der Herrscherin hüllte. Wie schön sie war! Mit einem Blick stürmischen Verlangens, den sie mit einem zärtlichen Aufleuchten in ihren Augen beantwortete, beugte sich Pawlowitsch über sie.

Als die Freunde sich verabschiedet hatten, verfolgte sie noch lange das Bild des Paares, wie es zuletzt unter dem weißen Flurlicht vor ihnen gestanden hatte: der starke große Mann mit dem Arm um die Schulter der schlanken Frau, beide strahlend im Glück vollen Besitzes.

Eiskalt schlug der Schnee den Wandernden ins Gesicht. Sie schwiegen lange.

Vor dem großen Weinhaus in der Leipziger Straße, dessen Drehtüren sich trotz der späten Stunde noch unaufhörlich bewegten, blieb Konrad stehen.

»Die Kehle ist mir wie ausgedörrt, als ob ich allein die Kosten der Unterhaltung getragen hätte,« sagte er, gezwungen lachend; »komm, wir wollen noch ein paar Flaschen die Hälse brechen.« Warburg suchte einen versteckten Platz in einem der stillen oberen Säle, aber Konrad zog ihn in die dichteste Menge der Tafelnden. »Mitten darin wollen wir sein, wo sie lachen und lieben.« Er bestellte weißen Burgunder: »Napoleons Wein!« Und als der goldne Trank in den Gläsern glänzte, meinte er grübelnd: »Pawlowitsch hat unrecht: Dieser, der größte der Helden, wurde im Bett der Ehe gezeugt!«

»Und doch gewiß im Rausch der Leidenschaft,« sagte Warburg; »Carlo Bonaparte war ein Korse, mehr an die freie Luft, als an den warmen Ofen gewöhnt.«

»Du stimmst Pawlowitsch' Theorien zu?« frug Konrad mit gespanntem Ausdruck, die dunklen Augen voll auf den Gefährten gerichtet.

»Sie scheinen mir zunächst in größerem Einklang mit den Forderungen der Natur zu sein als die strengen Gesetze der Treue, die wohl nur ein Ergebnis moralischer Überlegungen sind,« entgegnete Walter vorsichtig.

»Das bedeutet eine Zerreißung des Menschen in Geist und Körper, eine Erniedrigung der Liebe auf das Niveau des Tierischen –« und heftig, daß der Wein in aufleuchtenden Perlen überfloß, setzte Konrad das Glas zum Munde.

»Du vergißt, daß wir unsere erotischen Bedürfnisse mit den Tieren gemeinsam haben, unsere geistigen dagegen nicht; die Spaltung in uns ist daher von vornherein gegeben.«

»Damit öffnest du der Freiheit der Gelüste Tür und Tor.«

»Der Freiheit, – nicht der Zügellosigkeit, die wiederum nur eine ausschließlich menschliche, der Natur fremde Verirrung ist.«

»Du statuierst aufs neue Gesetze, die doch zu vage sind, um brausendes Blut am Überschäumen zu hindern. Wo, wenn Freiheit die Norm sein soll, hört sie auf, Freiheit zu sein? Und, wenn der von Natur Nüchterne mit zwei Glas Wein die Freiheit, zu trinken, auskostet, wie steht's mit dem, dessen Durst jeder Tropfen nur steigert, dessen Glut nur immer verzehrender um sich greift, weil, was für die anderen löschendes Wasser, für ihn jenes Feuerwasser ist, das, wenn es brennend in kühle Quellen fließt, ihren ganzen Lauf in lodernde Flammen wandelt?!«

»Konrad –!« rief Walter, erschrocken durch die Leidenschaft, die ihm entgegenschlug, die aus des Freundes sprühenden Blicken noch wilder als aus seinen Worten sprach.

Jener lächelte: »Du wähntest, jene Kette des Wissens aus Zahlen und Namen, Regeln und Theorien geschmiedet, mit der ich mühsam Tag für Tag meine Glieder umschnüre, habe mein ungebärdiges Selbst in Fesseln geschlagen?!« Immer rascher leerte er sein Glas und füllte es wieder –. »Ich will dir etwas anvertrauen, etwas, das ich mir selbst nur in den dunkelsten Stunden sage: Meine Angst ist's, jene gräßlichste Angst, die es gibt, die vor sich selbst. Bist du dir nie wie dein eigenes Gespenst erschienen? Hast du dich nie vor den fremden wilden Mächten in dir gefürchtet, wie der Vesuv sich vor dem Feuer in seinem Innern fürchten muß, das ihn zu zerreißen, zu verbrennen droht? Es ist in uns immer etwas, das hungert. Wir müssen der Bestie von Zeit zu Zeit blutigen Fraß vorwerfen, oder sie einsperren – ganz fest – ganz fest. Du siehst: Die Feigheit macht mich sittsam wie einen Philister, und – der Ekel!« Wieder und wieder setzte er das volle Glas zum Munde.

»Konrad –!« Walter legte die Hand mahnend auf Konrads heiße Rechte. Der sah ihn an mit einem weiten, leeren Blick, als sähe er an ihm vorbei, durch ihn hindurch in die Ferne: »Oder des blassen Kindes silberweiße Reinheit, die selbst alles andere Weiß schmutzig erscheinen läßt –«

Ein Gelächter, gell und mißtönend, schlug an sein Ohr. Durch den Dunst von Menschenatem, Zigarrenrauch, dampfenden Speisen und süßen Gerüchen vieler Weine blickten Gesichter, unwahrscheinlich in roter Gedunsenheit, verzerrt durch freches Grinsen, Männer und Frauen, die am Tage korrekt und gesittet hinter dem Ladentisch standen, an der Nähmaschine oder auf dem Drehstuhl saßen, Rekruten kommandierten oder Kinder erzogen. Wie sie einander lüstern betrachteten, wie die Augen der Männer an den durchsichtigen Blusen der Mädchen, an den krachenden Seidentaillen allzu üppiger Frauen forschend hängen blieben! Da lag ein Arm über einer Stuhllehne, an die sich schmachtend der runde Rücken eines Weibes lehnte, – sicherlich eine tugendhafte Gattin und gute Mutter bei Tage –, dort unter dem Tisch zerdrückte eine rote Hand das dünne Gelenk einer blassen Jungfer, drüben versanken zwei Augenpaare verzehrend ineinander, und das feiste Knie eines Glatzköpfigen zwängte sich an das der kokettierenden Nachbarin. Und über alledem das Gelächter – gell und mißtönend! Gröhlten irgendwo kleine Teufel triumphierend über die Demaskierung da unten? Oder waren es vielleicht doch nur die alten Herren mit weißen Bärten und blauroten Wangen, die sich an dem langen Tisch unter der blanken Säule mit flackernden Augen unsaubere Geschichten erzählten?

Konrad hörte nur noch, wie sie fröhlich waren, sah nur noch Blicke, von Liebe trunken, fühlte nur noch die große Glut, die über allen zusammenschlug.

Als er nach Hause kam, lauter als sonst den Schlüssel im Schloß drehend, drang ein Lichtstreif aus dem Zimmer der Wirtin und Flüstern, Lachen, Hundewinseln. Unbezähmbare Neugierde beherrschte Konrad plötzlich, angestachelt durch das Bild Frau Wandas, das er in seinem dunklen Reiz so greifbar deutlich vor sich zu haben meinte, wie er es in Wirklichkeit nie gesehen hatte. Er stieß die Türe auf und sah in einen roten Nebel, aus dem zuerst Giovannis schwarze Gestalt hervorkroch.

»Der Herr Baron,« grinste er mit einem tiefen Bückling, und nach rückwärts gewandt im Tone eines Befehlshabers: »Schrei nicht, Wanda – wir wiederholen die Probe: – Chin – Mao – Sem – Ysi – Lo – hierher!« Eine Peitsche pfiff durch die Luft, aufheulend stürzten fünf winzige, schwarzgraue Hunde, von jener nackten Rasse mit den übergroßen vorstehenden Augen, aus dem Hintergrund, wo sie nebeneinander, Konrad steif anglotzend wie Götzen, gesessen hatten, und unter der großen runden Lichtkugel aus rotem Glas, die von der Decke herabhing, reckte sich der Körper der Jongleuse, von oben bis unten in rotem Trikot, der ihre vollen Formen eng umschloß.

»Auch die Lichteffekte versuchten wir heut –« krähte des Alten Stimme, dann kauerte er sich mit hochgezogenen Knien auf das breite Bett im Hintergrund, griff nach dem Tamburin, das darauf lag, und schlug es im Takt mit den knöchernen Fingern.

Mit kleinen schwarzen Kugeln spielte das Weib. Sie leuchteten; sie sahen sie an; sehnsüchtig, wenn sie über ihrem Kopfe tanzten, trunken, wenn sie an ihr niederrieselten; – waren es nicht Pupillen, herausgerissen aus den Augenhöhlen Lebendiger? Das Tamburin dröhnte einen Siegesmarsch. Und zu Füßen der Spielerin hockten die Hunde zusammengedrängt und starrten sie an, unbewegt. Da klingelten die Glöckchen an Giovannis Instrument, und eilig, wie hungrige Affen, kletterten sie von allen Seiten an der roten Gestalt empor, bis sie oben auf Brust und Schultern hingen, die schwarzen, feuchten Schnäuzchen dicht an ihrem Gesicht. Mit einer Bewegung hingebungsvoller Ermattung ließ sie die Kugeln fallen, sie schlugen klingelnd auf, dann lagen sie vor ihr, aufwärts schauend, erloschenen Blicks. Die Hunde aber wurden immer lebendiger: auf ihrem Kopf saß der eine und wühlte den nackten Körper in das üppige Nest ihrer schwarzen Haare; aus ihren Armhöhlen lugten zwei andere mit hängenden Zungen hervor; um ihre Hüften hüpften die letzten, der eine den glatten langen Schwanz des anderen im Maul. In rasendem Rhythmus dröhnte das Tamburin.

Und in Konrads Kopf brausten die Geister des Weins, in seinen Adern pochte das Blut. Im nächsten Augenblick würde er die eklen schwarzen Geschöpfe von den prangenden Gliedern reißen und würgen!

Da öffnete sich die Tür hinter ihm – klirrend fiel etwas zu Boden – Glas splitterte – Wasser rieselte dazwischen. Die Hunde sprangen zur Erde und bellten.

»Du – du!« schrie die Spielerin, mit erhobenen Fäusten vorwärtsstürmend.

Konrad wandte den Kopf: Todblassen Gesichts, in dem nichts lebte als die haßerfüllten Augen, den frostschauernden mageren Körper nur von ihrem weißen Nachtgewand umhüllt, stand die kleine Bucklige vor ihm. Und das Blut ebbte zurück, die Geister des Weins entflohen. Mit einem Schritt war er zwischen dem Kinde und der wütenden Mutter. »Sie rühren das Mädchen nicht an, oder – bei Gott! –« und er griff nach der Peitsche am Boden.

Das alles war nichts als ein wüster Traum gewesen, dachte er am nächsten Morgen. Aber Gina war krank, und als er an ihr Bettchen trat und die Hand auf ihre Stirne legte, fühlte er das Fieber. Wanda schlug, als er kam, mit einem bösen Blick die Türe hinter sich zu. Es mußte also doch wohl wahr gewesen sein. Am liebsten wäre er umgezogen – sofort, aber die Augen des Kindes, die eine Bitte waren, hielten ihn fest. Stundenlang saß er an ihrem Bettchen und las ihr vor, während ihr schmales Gesichtchen von unbeschreiblicher Seligkeit strahlte. Waren es Goethes Gedichte, die sie nicht oft genug hören konnte, so flüsterte sie leise mit; es klang wie zweistimmiger Gesang aus der Ferne.

»Du wirst einmal eine schöne Stimme haben, Gina,« sagte er.

»Wirklich?« lächelte sie glücklich und summte träumerisch das Lied vom Heidenröslein vor sich hin. »Es ist viel schöner wie das vom Monde,« meinte sie.

»Warum denn?« frug der Jüngling.

»Röslein wehrte sich und stach – mußt es eben leiden –« sang sie, und zwei schelmische Grübchen erschienen wie kleine Kobolde in ihren Wangen. »Glauben Sie nicht, Herr Konrad,« fuhr sie dann ernsthaft fort, »daß das Röslein sich nur zum Scheine wehrte? Es litt doch diesen Tod so gerne! Der andere aber, der vom Monde sang: – rausche, rausche, lieber Fluß! Nimmer werd' ich froh; so verrauschte Scherz und Kuß und die Treue so –, der hat nie, nie mehr gelacht, und wenn er über die Straße geht, weinen die Kinder, die ihn sehen.«

Sie richtete sich jäh in den Kissen auf, geschüttelt von Angst.

»Es war ein König von Thule, gar treu bis an das Grab –« klang tief, gleichmäßig, beruhigend Konrads Stimme, während seine Hand sie vorsichtig bettete und seine Augen auf ihr ruhten. Noch ein Aufseufzen, und sie schlief ein.

Niemand wußte, was ihr fehlte. Es kamen Tage, wo sie aufzustehen vermochte und sich's nicht nehmen ließ, wie früher, Konrads Tisch zu decken. Dann aber trug ihr Giovanni die Teller und Schüsseln, die ihre mageren Ärmchen nicht mehr heben konnten, zu, und brachte ihr sogar heimlich Blumen zum Schmuck, fremde, farbenfrohe, die lange gereist waren, um hier im Norden zu sterben.

Seit jenem Abend hatte der Alte sich verwandelt. Er ging umher wie ein Schuldbeladener. Stumm, in steter Dienstbereitschaft, bettelte er um Konrads Gunst. Frau Wanda ging er scheu aus dem Wege. Abends war er stets zu Haus und spielte mit dem kranken Kinde, wenn es allein war. Sein Jauchzen hatte Konrad einmal in ihr Zimmer gelockt: da stand der Alte hinter einem Wandschirm, über dem er auf seinen Fingern mit bunten Lappen geschmückte Puppen agieren ließ – ein improvisiertes Kasperltheater, das Gina entzückte. Konrad war in sein fröhliches Knabenlachen ausgebrochen und hatte ihm mit einem liebevollen: »Du bist ein guter Kerl« die runzlige Wange getätschelt. Von da an konnte sich Giovanni nicht genug tun, um der Kleinen Freude zu machen.

Nur zuweilen, wenn keiner ihn sah, und das Kind, was immer häufiger vorkam, auf seinem Stuhle eingeschlafen war, wobei das Köpfchen ihm tief auf die Brust sank und der Höcker hoch hervortrat, streifte es sein Blick voll Abscheu, und des Nachts drückte er sich verstohlen hinter die Falten des Flurvorhangs, um, wenn Wanda aus dem Theater nach Hause kam, die Sekunde zu erhaschen, wo sie seine Augen mit dem Ausdruck verzehrenden Schönheitshungers umfassen konnten.

Konrad, der sich der kleinen Kranken in der ersten Zeit ganz gewidmet hatte, ging nun, da er sie wohler und gut aufgehoben glaubte, mit lebhaftem Eifer und wachsender innerer Anteilnahme seinen Studien nach. Jener Wissensdurst hatte ihn allmählich ganz in seinen Bann geschlagen, der der Neugierde so nahe verwandt und darum so spezifisch jugendlich ist. Jede neue Kenntnis, die er erwarb, trug schon die Frage nach einer weiteren in sich, nur daß diese Jagd nach Wissen die dumpfe, in keine Formeln zu fassende Sehnsucht nach höheren Zielen nicht zu unterdrücken vermochte.

Wenn er sich mit Warburg darüber aussprach, pflegte ihn dieser immer wieder darauf hinzuweisen, daß ein Beruf, ein Pläne und Gedanken auf sich konzentrierendes Ziel, ein Mittel sei, dem unruhigen Hin- und Herflattern seiner Seele abzuhelfen. Der aber empörte sich stets aufs neue gegen diese Auffassung:

»Schlimm genug, wenn der Beruf das Ziel zu ersetzen vermag!« sagte er. »Schlimmer noch, wenn der Mensch es nötig hätte, wozu das Tier nur gezwungen werden kann, in Käfige gesperrt zu werden, und ohne sie in der Freiheit – und sei es selbst die Freiheit der Wüste – nicht imstande wäre, sich die Nahrung zu erkämpfen, deren Geist und Seele bedarf!«

Pawlowitsch dagegen suchte mit allen Mitteln seines Verstandes und seiner Überredungskunst diesem unbestimmten Sehnen im Sozialismus Ziel und Richtung zu geben, und seine Vorträge, denen Konrad regelmäßig beiwohnte, schienen ihrem Inhalt nach oft nur für diesen Adepten bestimmt zu sein. Nachher debattierten sie.

»Die Jugend von heute ist von Geburt an altersschwach,« polterte Pawlowitsch, als Konrad wieder einmal, ganz kühl und von nichts als von Zweifeln und Widersprüchen beladen, mit den Freunden aus dem Gewerkschaftshaus trat, die frische, schon frühlingsduftige Luft in tiefen Zügen einatmend.

»Oder so stark wie Jung-Siegfried, der sich sein eigenes Schwert schmieden mußte,« antwortete er dem Russen.

Sie fuhren nach dem Westen hinaus bis zu dem Café, wo sie sich an jenem Herbstnachmittag zuerst getroffen hatten. Pawlowitsch bestand darauf, obwohl Else Gerstenbergk die Freunde zu sich gebeten hatte.

»Der Tisch ist schon für euch gedeckt,« wagte sie noch einmal mit einem schüchternen Lächeln, das ihr sonst so fremd war, einzuwenden.

»Wir werden die Freiheit unserer Entschließung doch nicht einem gedeckten Tisch opfern,« rief der Russe unwirsch, und sie fügte sich stumm.

Am Ziele angelangt, knüpfte er den Faden des Gesprächs aufs neue an und erzählte, sich immer mehr an der Glut der eigenen Erinnerung erwärmend, von jener Zeit im Anfang der neunziger Jahre, wo er als junger Mensch zum erstenmal nach Berlin gekommen sei – »auch einer wie Sie, zum Revolutionär nicht geboren« – und in den starken, alles mit sich fortreißenden Strom sozialistischer Ideen hineingetrieben worden wäre.

»Damals besaßen wir den kostbaren, durch nichts zu ersetzenden Schatz eines Ideals, für das Titel, Vermögen, Vergangenheit und Zukunft wegzuwerfen, nicht nur kein Opfer, sondern eine Seligkeit war. Während Sie und Ihresgleichen!« – er schürzte verächtlich die Lippen: »Zugvögel seid ihr, die das Ziel verloren haben und, umherirrend, schließlich kraftlos ins Meer stürzen.«

»Sie vergessen nur, daß seitdem zwei Jahrzehnte verflossen sind, daß die Träume von damals Wirklichkeiten von heute wurden,« warf Konrad ein.

»Unsinn, Unsinn –« wehrte Pawlowitsch ab, »haben wir vielleicht den Sozialismus?«

»Nein. Aber wir machten, scheint mir, viele Schritte in seiner Richtung und sehen mehr und mehr, daß der Weg nicht nur gangbar, sondern notwendig ist.«

Pawlowitsch trommelte mit den Fingern auf dem Tisch.

»Die Bourgeoissöhnchen waren also nur gerade kräftig genug, sich für eine Idee zu begeistern, um das Proletariat jetzt, wo es zähe Arbeit, gänzlich unromantische Anstrengung gilt, im Stich zu lassen?«

»Verzeihen Sie,« antwortete Konrad sehr ruhig dem Erregten, »es handelt sich doch wohl um zwei verschiedene Generationen, von denen Sie sprechen. Die eine – die Ihre! – ist, so kommt es mir vor, gerade diejenige, die den Rausch der Jugend überwunden hat und jetzt nüchtern für all jene Einzelziele kämpft – deren Notwendigkeit ich gar nicht bestreiten will – für die Sie uns, die neue Jugend, aber um so weniger begeistern können, als – Sie müssen auch diese Offenheit entschuldigen! – Sie selbst nicht mehr begeistert sind.« Pawlowitsch biß sich heftig auf die Lippen und warf ihm unter gerunzelter Stirn einen bösen Blick zu. »Für Sie«, fügte Konrad, der ihn ruhig auffing, hinzu, »ist doch das alles nur noch ein Rechenexempel –«

»Und das letzte Ziel: die Aufhebung der Klassenherrschaft, die Sozialisierung der Welt?« frug Pawlowitsch, mechanisch in dem Glase löffelnd, das vor ihm stand.

Konrad zögerte mit der Antwort: »Deren Voraussetzung die Diktatur des Proletariats sein soll – nicht wahr?« Pawlowitsch nickte spottend: »Haben Sie vielleicht dagegen etwas einzuwenden?«

»Ja,« entgegnete Konrad bestimmt.

»Wie?!« rief Else mit einem Ungestüm einfallend, das ihrem Interesse bei diesen Fragen gar nicht zu entsprechen schien, und einem ängstlich flehenden Zug um den Mund, den Konrad nicht verstand. »Wie?! Sie könnten den Glauben von Millionen zerstören wollen?« Und ihre Augen suchten die des Russen, der hartnäckig in den Schoß sah.

»Wer ihn wirklich besitzt, dem wird er durch einen jungen Menschen, der kaum die Nase in die Welt gesteckt hat, auch nicht zerstört werden können,« meinte Konrad, »ich aber hab' ihn nicht – leider! – ich kann seine Verwirklichung nicht einmal für wünschenswert halten. Vielleicht – vielleicht wäre sogar –« zwischen jedem Wort entstand eine Pause, und seine Augen richteten sich aufwärts, glitten wie suchend über die Köpfe der Menschen hinweg in die Ferne – »der Kampf dagegen ein – Ziel, wenn man dabei zugleich für etwas kämpfen könnte.«

Er erwartete einen heftigen Angriff, aber statt dessen wandte Pawlowitsch das Gesicht, in das sich zwischen Mund und Nase zwei tiefe Falten gegraben hatten, Elsen zu und sagte mit einer von Wehmut leise durchzogenen Ironie: »Schau ihn dir an, Else, diesen Knaben aus den fränkischen Wäldern mit der großen Sehnsucht im Blut. Kein Vorurteil hat ihn von vornherein krummgebogen, keine Großstadtdekadenz hat ihn abgestumpft; all meine Überredungskunst, die freilich greisenhaft genug geworden sein mag, verwandte ich auf ihn, und doch – kann er nicht glauben! Genau wie bei uns, wo dieselbe Generation, die sich vor wenigen Jahren für die Revolution massakrieren ließ, sich heute höchstens über Fragen der Erotik den Kopf – nicht einmal das Herz! – zerbricht!« Seine Stimme sank. Er ließ es sich ruhig gefallen, daß Else seine große Hand zwischen die ihren nahm.

»Du mußt einlenken,« mahnte Warburg leise, während Konrad den starken Mann sich gegenüber erschüttert ansah und vor dem wehen, vorwurfsvollen Blick Elsens beschämt den seinen senkte. Alles war er zu tun bereit, um den Eindruck, den er gemacht hatte, wieder zu verwischen. Schon öffnete er den Mund, doch der Russe fiel ihm ins Wort: »Still! Nehmen Sie keine Rücksicht auf solche Rückfälle in die ›Gemüts‹-Krankheit! Erklären Sie mir lieber, nicht etwa die Gründe Ihres Unglaubens, – das interessiert mich nicht! – sondern, warum Sie die Verwirklichung unserer Ideen nicht für wünschenswert halten.«

Konrad errötete heftig: »Das alles, was ich sage, lieber Herr Pawlowitsch, sind doch nur Augenblickseindrücke! Ich bin wirklich nicht so vermessen, meine Ansichten für irgendwie feststehende zu halten.« Else dankte ihm mit einem warmen Blick.

»Gewiß, gewiß – das glaub' ich gern! Sie müssen mir aber demgegenüber gestatten, gerade von den ersten Eindrücken helläugiger Jugend oft mehr zu halten als von den späteren schablonenhaften Resultaten sogenannt tiefgründiger Studien. Also?«

»Wenn Sie es denn durchaus wissen wollen – aber, nicht wahr, Sie glauben mir ohne weiteres, daß ich all Ihren Gegenargumenten zugänglich bin?« Pawlowitsch nickte ungeduldig. »Sehen Sie, mir scheint, daß uns, den physisch Satten, das Proletariat als die Klasse geistig Saturierter gegenübersteht. Freilich, sie scharen sich durstig um jeden kleinsten Born des Wissens. Aber was ihnen zufließt, ist ihnen ein Höchstes, ein Evangelium. Sie sind Besitzende, die stolz auf ihren geistigen Geldsäcken ruhen. Erinnern Sie sich, wie neulich Ihr Freund,– ein führender Genosse war es, glaube ich, – unter dem dröhnenden Beifall der Menge erklärte: ›von allen alten Banden der Religiosität, von all jenen mystischen Phantasien und Sehnsüchten, die nur diejenigen beschäftigen können, welche zu faul oder zu feige sind, sich realen Dingen zu widmen, haben wir uns endgültig frei gemacht‹, und wie man ihn umjubelte, als er schließlich ausrief: ›auch Likörtrinken ist schön und gehörte einst zum Leben, wir wissen aber, daß wir ohne das auskommen, und dasselbe gilt von allen geistigen Schnäpsen, die uns Pfaffen, Philosophen und Ästhetiker vorsetzen‹. Solche Menschen, die für alle Fragen schon die Antwort wissen, die weiter hinaus, ins Unbekannte keine Sehnsucht mehr haben – solche Menschen können uns weder Führer, noch dürfen sie der Zukunft Herrscher sein. Sie würden mehr Fesseln anlegen als brechen, mehr Saat zertreten als säen.«

Konrad brach ab; er fürchtete, schon wieder zu weit gegangen zu sein, und sah erwartungsvoll zu dem Russen hinüber. Der aber lächelte nur gutmütig: »Ist das Ihre ganze Sorge, junger Mann? Doch selbst, wenn Sie recht hätten, glauben Sie, die Menschheit wäre nicht Manns genug, sich solcher Führer wieder zu entledigen? Und glauben Sie wirklich, die Befreiung von Millionen armer Menschen aus Not und Elend wöge nicht reichlich die paar sogenannten Kulturgüter auf? Man ist ja heute von tränenreicher Sentimentalität in bezug auf sie, die vielleicht im Strudel der großen Umwälzung verloren gehen werden.« Er unterbrach sich und sah nach der Uhr. »Wir werden die Fortsetzung unseres Gespräches auf ein anderes Mal verschieben müssen,« sagte er. »Ich habe noch eine Verabredung.«

Auf der Straße trennten sie sich. Else war sehr blaß, und beim Aufstehen schien es Konrad, als habe sie geschwankt. »Ich möchte Sie nicht allein gehen lassen,« sagte er besorgt. Sie nahm wortlos seine Begleitung an.

Ihm fiel ein, was ihm in letzter Zeit von Pawlowitsch vielfach zu Ohren gekommen war, – mit den Grundsätzen, die er entwickelt hatte, stimmte es überein –, daß er ein wüstes Leben führe, mit der und jener stadtbekannten Schönen gesehen worden sei und gegenwärtig mit einer verheirateten Frau ein Verhältnis habe. Er sah Else an, wie sie gesenkten Hauptes neben ihm schritt, und sein Herz krampfte sich zusammen. Hatte er sie nicht kürzlich erst voll strahlenden Glücks gesehen?

Bis vor die Tür ihres Hauses schwiegen beide. »Ich habe Angst um Sie, Fräulein Else,« sagte er schließlich. »Ich auch,« erwiderte sie, wehmütig lächelnd. Und dann: »Kommen Sie, mein Tisch ist noch gedeckt. Ich fürchte heute die Einsamkeit.« Er folgte ihr.

Ein kleiner Teller mit Erdbeeren stand zwischen den anderen Schüsseln auf dem runden Tisch. Sie schob sie dem Gaste zu: »Nehmen Sie, bis morgen sind sie welk. Sie waren für ihn bestimmt. Die ersten!« Zwei große Tränen rollten über ihre Wangen. Konrad griff nach ihrer Hand und führte sie an die Lippen: »Else, liebe Else!« flüsterte er. Mit einer mütterlichen Bewegung strich sie ihm die Haare aus der Stirn: »Großes Kind!«

Dann saßen sie vor dem Ofen, dessen Feuer sie rasch noch einmal entzündet hatte, denn sie fror trotz der Frühlingsluft.

»Das ist: die freie Ehe,« begann sie leise und schwieg wieder.

»Sie sind allein – zu viel allein,« meinte er. Ein verlorenes Lächeln spielte um ihren blassen Mund: »Eheleute, meinen Sie wohl, müßten immer beieinander sein?! Daß die Ehe sie dazu zwingt, ist ihr Fluch. Ich glaube, aneinandergekettete Sklaven müssen sich schließlich hassen, selbst wenn sie die zärtlichsten Brüder gewesen waren. Auch ich will frei sein, wie ich seine Freiheit achtete, nur,« ganz vergrämt sah sie in die spielenden Flammen, um erst nach sekundenlangem Verstummen aufs neue fortzufahren: »Sie kennen seine Grundsätze – er hat keine, die er nicht lebte, die das Leben ihm nicht zuerst diktiert hätte. Er liebt mich, er kann nicht los von mir. Er kommt immer wieder zu mir zurück – immer wieder – seit Jahren. Vielleicht hat er recht – in allem! Mein Verstand sagt ja. Aber mein Herz wird niemals aufhören, nein zu sagen, nein!«

»Sie glauben auch an die – andere Treue?« frug er. Wie seltsam ihm zumute war: Die dunkle Nacht, das dämmrige Zimmer, allein mit dem Mädchen, die im Schein der kleinen verhängten Lampe vor ihm saß, ein süßes Traumbild. Nur auf ihren Händen, den kleinen weichen Händen, deren Berührung auf seinem Haar er noch spürte, lag das volle Licht.

»Glauben? Wie sollte ich?« spottete sie wehmütig. »Ich weiß nur, daß ich sie halten muß, daß Liebe Eins ist für mich, vielleicht für alle Frauen. Das ist ja gerade das Gräßliche, über das ich nie hinweg kann: ist sie wirklich beim Manne zwiespältig, ist für ihn ein Spiel, eine Befriedigung flüchtigen Begehrens, was für uns Gipfel ist und Erfüllung, dann gibt es nur den Kampf und nie die glückliche Einheit der Geschlechter.«

»Ich möchte glauben,« meinte er in Erinnerung an seine Kämpfe, seine Niederlage und seinen Sieg, dunkel errötend, »daß wir uns zu Ihrer Auffassung erziehen könnten und – müßten.« Sie sah auf, neuen Glanz in den Augen:

»Und das sagt ein Mann wie Sie, in der Blüte der Jugend!« Nun stockte sie wieder.

In ihm tobte es von den widerstreitendsten Gefühlen: wie ein Bruder hätte er sie an sich ziehen, mit linden Worten um ihres Leidens willen trösten mögen, wie ein Liebender wünschte er sehnsüchtig ihr Stirn und Hände – die schönen, schönen Hände! – zu küssen, ach, und wie ein Kind verlangte er danach, den Kopf in ihrem Schoß, alles sagen zu dürfen, was er litt! Er streckte die Hände aus, die gewölbten Handflächen nach oben, wie ein Bettler: »Wenn Sie mich ein wenig lieb haben könnten!«

Sie schüttelte den Kopf: »Mit ein wenig Liebe sollten Sie sich nie begnügen. Ganz und groß muß sie sein; dann ist sie, selbst, wenn sie ins tiefste Elend führt, doch immer Glück – das einzige Glück gewesen! Manchmal, wie vorher, bin ich schwach – weibisch; vergessen Sie's bitte! Selbst wenn er – nicht wiederkäme, bin ich doch reich, überreich gewesen.«

Er sah sie an, Müdigkeit und Trauer auf dem jungen Gesicht: »Sie fühlen es doppelt gegenüber meiner Armut.«

»Erlebe die Liebe, selbst wenn du vorher weißt, daß du an ihr zugrunde gehst – möchte ich jedem sagen. Und wenn ich es sage, ich, die sich nicht einmal, sondern hundertmal kreuzigen läßt –« ihre Augen umdunkelten sich, von Leid überschattet – »so muß es wohl wahr sein. Wäre die Liebe nur Glück, sie wäre wenig. Aber sie ist Erlösung, Menschwerdung, ist Sonne, die alle geschlossenen Blüten wach küßt, ist Regen, der alle verborgenen Keime zum Sprießen bringt, Gewittersturm, unter dem die verschmachtete Erde zu neuem Leben erwacht. In ihr findet alle Unruhe Gleichmaß, alle Sehnsucht Erfüllung. Gott ist die Liebe, sagen die Frommen und wissen nicht, was sie tun, wenn sie den verdammen, der da sagt: Die Liebe ist Gott.« Sie war aufgestanden, leuchtend in der eigenen Begeisterung.

»Daß ich ein Weib wie Sie zu finden vermöchte,« rief Konrad hingerissen.

Ein Schatten flog über ihr Gesicht: »Einmal stand einer vor mir, wie Sie: jung und schön und gut,« murmelte Else nachdenklich, »und Pawlowitsch sagte zu mir: beglücke ihn. Ich weinte drei Tage lang vor Verzweiflung –«

»Und der Jüngling?«

»Nahm eine Kokotte.«

Sie schwiegen beide. In die Stille hinein schlug die Uhr.

»Sie müssen gehen, sonst büßen Sie die Nachtwache mit einem müden Tag,« sagte das Mädchen; »aber vorher will ich Ihnen etwas zeigen – mein Geheimnis.«

Sie führte ihn ins Nebenzimmer. Da lagen auf Tischen und Stühlen viele Puppen mit runden Kindergesichtern, von denen keines dem anderen glich; vom stupsnasigen Bauernbübchen bis zum bläßlichen Stadtschulmädchen schienen alle Physiognomien vertreten. Else machte eine wegwerfende Bewegung: »Das ist nichts. Mittel zum Erwerb,« und auf seinen fragenden Blick, »wir müssen leben – alle beide – und er hat keine Ahnung vom Geldverdienen, desto mehr aber vom Ausgeben. Als ich anfing, tat ich's aus Herzensdrang; ich arbeitete für mein Kind, gab den Puppen Gesichter, wie ich sie mir für mein Mädel oder meinen Jungen erträumte, dann –« sie brach ab und trat vor einen großen Glasschrank, den sie öffnete, »jetzt ist mein Geheimnis hier.«

Mit mattblauem Samt waren Wände und Regale ausgeschlagen, von denen die hellen Figuren davor sich duftig abhoben. Waren es Puppen, Elfen, verzauberte Märchengestalten? Sie trugen Kleider von Brokat und vergilbter Seide und Spinnwebentüll; Schleier und Kronen, Blumenkränze und Nonnenhauben auf dem flachsgelben Seidenhaar; ihre Gesichter waren blaß, kränklich, übernächtig, mit großen stummen Augen und mattrosa Lippen; ihre mageren Arme liefen in langfingrige Hände aus – solche Hände, die nichts mehr halten können, so schwach sind sie – und ihre Beine waren schlank und dünn in den Fesseln, daß Generationen von Königen nötig gewesen sein mußten, um diese Feinheit hervorzubringen. Nie hätten diese Frauen Mütter, diese Männer Krieger sein können. Sie waren nur schön, von letzter, vergeistigter Schönheit. Mitten unter ihnen, als wäre sie die Herrscherin, saß auf hochlehnigem Stuhl ein Prinzeßchen in kurzem Spitzenkleid, goldbraune üppige Locken, von zartem Perlenkrönchen geschmückt, umrahmten das Gesicht, das noch blasser, noch schmaler war als das der anderen, und die Beinchen waren auch viel, viel dünner als die der Könige und Königinnen ringsum; das Prinzeßchen war viel zu vornehm, um ihre Füße mit der rauhen Erde in Berührung bringen zu können; sie war die letzte Blüte des alten Stammes.

Konrads Blick blieb allein an ihr hängen. Vorsichtig nahm er sie in die Hand, drehte und wendete sie sanft wie etwas sehr Liebes. »Gina!« flüsterte er selbstvergessen. Dann erst entsann er sich der Schöpferin dieser Traumwelt. Mit einem Blick, der Frage und Staunen und Bewunderung zugleich ausdrückte, sah er sie an.

»Muß nicht jeder Mensch, wenn er nicht verarmen will, sich auf diesem allzu hellen, allzu lauten Planeten einen Winkel schaffen, in dem seine verfolgte Phantasie Alleinherrscher ist? Müssen wir nicht den Quellen in uns, denen die Blumenwiese versagt wurde, die sie tränken sollten, irgendwo einen Brunnen schaffen, damit sie uns nicht zersprengen?« antwortete sie ihm; er hielt noch immer das Prinzeßchen auf dem roten Stuhl in der Hand. »Mögen Sie die Kleine?« Er streichelte mit dem Finger über das Köpfchen und den Rücken: »Ihr fehlt nur der Höcker.« Else sah ihn verwundert an: »Der Höcker?« Und nun erzählte er ihr von Gina und von allem, was ihm das weiße Kinderseelchen war.

»Gleich morgen besuch' ich sie und bring' ihr meine Puppen,« sagte Else gerührt; »und die kleine Perlengekrönte gehört Ihnen.«

»Wie gut Sie sind!«

»Ich glaube, Sie sind besser –«

An der Türe, zu der sie ihn begleitet hatte, drehte er sich noch einmal um: »Ich muß Ihre Hände küssen, Ihre Zauberhände.« Aber er küßte sie nicht nur, er legte sie sich auf die Stirn, auf die Augen, auf das Herz.


Als Else Gerstenbergk am nächsten Morgen in Frau Wanda Fennrichs Wohnung trat, erfuhr sie schon am Eingang von der heulenden Frau, daß die Kleine in der Nacht kränker geworden war. Sie fand Konrad mit übernächtigen Augen an ihrem Bettchen.

»Sie schrie nach mir,« sagte er leise. »Giovanni hat mich vergebens gesucht. Jetzt, seit ich ihren Kopf gestreichelt habe, schläft sie.«

»Nein, Herr Konrad, nein,« tönte ein feines Stimmchen aus den Kissen, »wie könnt' ich schlafen, wenn du mich streichelst – ich träume nur –« und ein Paar fieberglänzende, kranke Augen richteten sich auf ihn.

»Gina!« flüsterte er erschüttert.

Leise war Else nähergetreten, ein paar ihrer Kinderpuppen in den Händen. Konrad schlang stützend den Arm um die Kranke: »Sieh nur, was du bekommen sollst!« Die Augen des Kindes bohrten sich in Elses Antlitz:

»Wer ist die fremde Frau?«

»Eine liebe Freundin –«

Um die Lippen der Kleinen zuckte es, während ihre Augen noch immer an der Besucherin hingen, prüfend, feindselig. »Ich spiele nicht mehr mit Puppen,« sagte sie hart und schloß die Lider, sich ins Bett zurückfallen lassend.

»Es ist wohl besser, ich gehe,« meinte Else. Konrad erhob sich und reichte ihr die Hand: »Haben Sie Dank, tausend Dank, daß Sie kamen.« Jetzt erst bemerkte sie, wie elend er aussah. Sie erschrak: »Ich komme wieder, heute noch, nur um nach Ihnen zu sehen.«

Ein wimmernder Wehlaut ließ sie verstummen. Gina saß hoch aufgerichtet in den Kissen, ihre Augen dunkle Brunnen eines Stroms von Tränen, der über die eingefallenen Wangen floß.

Konrad war im gleichen Augenblick wieder neben ihr, während Else die Türe leise hinter sich zuzog. »Rausche, rausche, lieber Fluß – nimmer werd' ich froh –« kam es stoßweise von Ginas Lippen. Konrads Hand lag wieder wie vorhin auf ihrem Köpfchen, das langsam, langsam zurücksank.

Es wurde ganz still im Zimmer. Frau Wanda war angstgeschüttelt in die Küche geflohen; die Hunde sprangen ihr schmeichelnd auf den Schoß; Giovanni hockte zusammengesunken an der Türe.

Konrad blieb allein mit dem Kinde. Es atmete schwer. Von Zeit zu Zeit öffnete es die Augen und sah ihn an. Jedesmal war ihr Ausdruck reifer, tiefer, als entfalte sich das kleine Geschöpf in diesen Minuten zum Weibe.

»Küsse mich!« hauchte es sehnsüchtig. Und seine Lippen ruhten auf den ihren, vom Fieber zerrissenen. Der glühende schmächtige Körper zuckte in seinen Armen.

Ein seliges Lächeln verklärte das zarte Gesichtchen. »Mußt – es – eben – leiden –« tönte es fast unhörbar an des Jünglings Ohr.

Und Gina war tot.

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