Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lily Braun >

Lebenssucher

Lily Braun: Lebenssucher - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorLily Braun
titleLebenssucher
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.-G.
seriesLily Braun - Gesammelte Werke
volumeVierter Band
printrun1.-20. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070919
projectid35ed0622
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel.

Von der Fahrt in die Freiheit.

In der Bahnhofshalle von Bamberg brütete die Septembersonne in breiten, heißen Strahlen. Sie schien die kurzen Minuten verzauberter Stille benutzen zu wollen, um jeden Rest von Rauch herauszudrängen; sie tanzte lustig über alles Blanke und ließ selbst auf den Steinplatten des Perrons Millionen winziger Sternchen strahlen.

Drei Männer traten hinaus; mit elastischem, raschen Schritt der eine, so wie sorglose Menschen gehen, mit schweren an der Erde klebenden Sohlen der andere, wie solche, die unsichtbare Lasten tragen, und hastig trippelnd der letzte, als wäre er ein Greis oder ein Kind.

»Eine halbe Stunde zu früh! Verrückt!« brummte der zweite, eine untersetzte Gestalt mit den typischen feinen Zügen des Semiten von alter Kultur.

»Weise, sehr weise, mein Freund!« entgegnete lachend der erste, ein hochgewachsener blonder Jüngling, der, gewohnt, sich zu allen anderen niederbücken zu müssen, die Schultern ein wenig nach vorn fallen ließ, »und zwar nach deiner eigenen Theorie, lieber Walter. Heißt es nicht, die Vorfreude auskosten bis aufs letzte, wenn wir hier in steigender Erwartung die Minuten verstreichen sehen?«

Ein leise meckerndes Lachen antwortete ihm. Rasch wandte er sich nach dem anderen Gefährten um.

»Jetzt steht der Mensch wahrhaftig hinter mir wie eine Leibwache!« rief er halb ärgerlich, halb belustigt.

»Euer Gnaden haben geruht, mich als Kammerdiener mitnehmen zu wollen,« antwortete der Alte mit einem tiefen Bückling, während seine schwarzen Äuglein zärtlich zu ihm aufblinzelten.

»Damit du vor der Welt ein Amt hast, Giovanni, du weißt, ein Kerl ohne Titulatur hat keine Existenzberechtigung! Aber unter uns,« und über des Jünglings gebräuntes Antlitz huschte ein weiches Kinderlächeln, »unter uns bist du, was du immer warst: mein Freund.« Der Alte drückte die dürren Hände flach aneinander wie zu einem Gelöbnis.

»Wollen wir nicht wenigstens aus der Sonne gehen?« sagte Walter, noch immer voll Mißmut.

»Freu' dich doch, daß sie scheint! Sieh nur, wie sie selbst diesen öden Bau in einen Märchenpalast verwandelt!«

»Träumer!«

In diesem Augenblick schien das Leben erwacht: Dort rasselte schwerfällig ein langer Lastzug vorüber, hier rangierte mit schrillem Pfeifen eine Lokomotive, drüben klingelte gellend der Telegraph, dazwischen sauste ein Expreßzug stolz durch die Halle, daß sie bis in ihre Fundamente erbebte; das alles kreischte und fauchte und dröhnte und schrie den Harrenden und Hin- und Widerhastenden in gleichem Allegrotempo sein Vorwärts – Vorwärts entgegen, während dunkle Rauchschwaden alle Sonne verschluckten.

Es läutete. Um den langsam hereinstampfenden Personenzug drängten sich die Landleute. Eine grauhaarige Alte, die schwer bepackte Kiepe auf dem krummen Rücken, keuchte im letzten Augenblick auf den Perron. »Mach rasch, Mutter!« rief ein junger Bursche ärgerlich aus dem Coupéfenster.

Konrad Hochseß' Stirnadern schwollen. »Bande!« knirschte er zwischen den Zähnen und sprang hilfreich zu, die Last der armen Frau mit beiden Händen stützend, als sie die Stufen des Waggons emporstieg.

»Wirst du nun einsehen, daß das weibliche Geschlecht sich in keinen einheitlichen Begriff zusammenfassen läßt?« sagte Walter; »es gibt Damen und Lastträgerinnen – von alters her.«

»Glaubst du, ich werde jemals eine Tatsache als berechtigt anerkennen, nur weil sie die sogenannte Würde des Alters für sich hat?« brauste Konrad heftig auf. »Die Würde des Alters! Ach!« er schüttelte sich wie im Ekel, »ich brauche bloß an unseren Magister zu denken: er predigte uns mit eindringlicher Spekulation auf unsere Tränendrüsen Enthaltsamkeit und betrank sich, daß seine arme Dicke ihn nächtlicherweile auf der Treppe auflesen mußte!«

»Was ereiferst du dich?! Seine Predigten waren nichts anderes als Schuldbekenntnisse!«

»Ein Schwächling ist noch ekelhafter als ein Heuchler.«

Es läutete abermals: der Eilzug. Hinter den Freunden klappten die Coupétüren auf und zu. Da lief ein Mädchen mit langen wehenden Zöpfen und glühenden Wangen, ein kleines, von Seidenpapier umhülltes Paketchen in der ausgestreckten Hand, über den Bahnsteig. Sie suchte. Vergebens. Niemand sah hinaus. Keiner schien für die Stadt, aus der der Zug ihn entführte, einen Abschiedsblick zu haben. Nur hinter einem Fenster tauchte etwas auf wie eine Fratze: gelb, faltig, mit tief heruntergezogenen Mundwinkeln, wie nur unauslöschlicher Gram sie zeichnet. Das Mädchen riß bei diesem Anblick entsetzt die hellen blauen Augen auf und starrte noch auf denselben Fleck, als der Zug sich schon in Bewegung setzte; erst der gelle Pfiff brachte sie zu sich. Und plötzlich schien sie entdeckt zu haben, was sie suchte: ein scharfgeschnittenes Profil – schwarze, gerade gezogene Augenbrauen, weiche rote Lippen – blonde Haare. Aber der Kopf, an dem ihre Blicke sehnsüchtig hingen, wandte sich ihr nicht zu, obwohl sie atemlos neben dem schon rascher fahrenden Zuge herlief. Da warf sie ihr Paketchen gegen das Fenster: daß Seidenpapier löste sich, eine blasse Rose fiel unter die Räder. Walters dunkler Kopf bog sich einen Augenblick lang hinaus. »Das Klärchen!« sagte er, zu dem Freunde gewandt.

»Ich weiß,« stieß er zwischen den Zähnen hervor.

»Und hast keinen Gruß für sie? Gabst du nicht früher dein ganzes Taschengeld für ihre Eitelkeit aus, machtest Fensterpromenaden und Liebesgedichte?!«

Der andere warf dem spottenden Freunde einen Blick zu, dessen drohender Ausdruck zu dem Geschehenen in keinem Verhältnis zu stehen schien.

»Erinnere mich nicht. Du weißt so gut wie ich, daß sie sich an den Egon, den dummen Bengel, hängte –«

»Ganz einfach: weil er, der Durchgefallene, in Bamberg blieb, und du nicht rasch genug den Ranzen packen konntest. Erwartetest du etwa ewige Treue von dem Mädchen, oder gedachtest du, Konrad Freiherr von und zu Hochseß, das Fräulein Klärchen Werber als dein ehelich Gemahl heimzuführen?!«

Der junge Mann überhörte diesmal den Spott.

»Ich hatte sie lieb,« flüsterte er wie im Selbstgespräch. »Wie oft wäre ich davongelaufen, aus Ekel über die Gemeinheit der Bengels um mich, aus Wut über den öden Stumpfsinn, den man uns als aller Weisheit letzten Schluß eintrichterte, aus Sehnsucht – ich wußte selbst nicht, wonach! –, wenn die Kleine nicht gewesen wäre. Kaum, daß ich ihr die Hand zu drücken wagte – Esel, der ich war! –, nur daß sie in einer Stadt mit mir lebte, daß ich sie hier und da sehen, grüßen, ein paar Worte mit ihr wechseln konnte, genügte mir.«

Er schwieg minutenlang, ein Lächeln um die Lippen, um dann, aufgerichtet, den Kopf dem Freunde abgewandt, als wäre er allein mit sich, in steigender Erregung weiter zu reden.

»Gib uns armen, hinausgestoßenen, mutterlosen Buben solch eine Liebe, gütiges Geschick, laß uns solch einem süßen, zarten Ding begegnen, und es bedarf all eurer Strafpredigten nicht, liebwerte Priester und Professoren! Wenn ich halbwegs gerade wuchs in diesen Jahren – dem Klärchen verdank' ich's. Nicht, weil sie mich mit guten Ratschlägen fütterte – weiß Gott nicht! – nur weil sie da war.«

Er setzte sich wieder, die Ellbogen auf den Knien, das Kinn in die Hände gegraben, dem Freunde gerade ins Gesicht starrend: »Und schließlich stieß sie – sie! – mich in den Schmutz, daß ich mich vor mir selber graue!« Aufstöhnend schlug er die Hände vor das Gesicht.

»Konrad – Konrad!« und der Freund suchte vergebens, sie zu lösen, um ihm ins Antlitz zu schauen, »wie kannst du dem unschuldigen Mädel daran die Schuld zuschieben!«

Der junge Mann sah auf, mit Augen, die erloschen schienen. »Glaubst du, ich wäre jemals mit den anderen gegangen, wenn ich ihrer sicher gewesen wäre?! Ich wäre solch ein Schweinigel gewesen, unsere Liebe zu beschmutzen?! Gelacht hätt' ich, wie bisher, triumphierend gelacht, wenn die Kameraden den ›heiligen Konrad‹ gehänselt hätten.«

»Früher oder später mußte es kommen,« meinte der andere zögernd, ohne aufzusehen.

»Es mußte – meinst du?!« Mit bitter geschürzten Lippen sah er auf. »Aus hygienischen Gründen wohl, wie die Gelehrten sagen?! Neulich hat sich einer das Leben genommen, als er von einer Dirne kam. Ich versteh's! Nur, daß ich auch dafür zu schwach bin.«

»Oder zu stark,« warf Walter mit Betonung ein.

»Du glaubst?!« Konrad zuckte die Achseln. »Pah! Schütteln wir's ab! Wie alles übrige! Jetzt geht's in ein neues Leben.«

Und sie schwiegen beide.

Walter sah zum Fenster hinaus. »Die Türme des Doms!« unterbrach er lebhaft die Stille. »Dort, ganz fern – zum letztenmal! So schau doch hinaus!«

»Nein,« ungewöhnlich hart kam es über die weichen Lippen, »denn nichts, aber auch gar nichts hat diese Stadt mir gegeben, was sie nicht mit Wucherzinsen wieder genommen hätte, wenn es nicht dieser erste Tag reiner Freude ist, und jener andere vielleicht vor drei Jahren, als ich sie, alle Wunder von ihr erwartend, zuerst betrat.«

»Und dankst ihr doch so viel an Wissen und Werden – um mit unserem würdigen Professor zu sprechen.«

Konrad lachte, aber es war sein frohes Lachen nicht. »Ins Gesicht hätt' ich ihm springen mögen, als er all sein Pathos auf diese unvergleichliche Alliteration verwendete. War nicht das Wissen, mit dem er und seinesgleichen unser Hirn belastete und unser Herz einschnürte, der mörderische Feind allen Werdens? Wie reich war ich, als ich zum erstenmal, aller Andacht, alles Wunderglaubens voll, da droben vor dem Hochaltar stand, zu Füßen des steinernen Reiters, um dessen ritterliches Haupt ich meine Märchenträume spann! Und jetzt –«

Er brach ab. Die Falte zwischen seinen Augenbrauen vertiefte sich.

»Jetzt,« fiel Warburg ein, »jetzt hat man uns in die Welt und in die Freiheit entlassen, um das eigene Leben zu erkämpfen.«

»Mit der Reifeprüfung in der Tasche und doch unreifer als je!« spottete Konrad.

Warburg nickte: »Selbstverständlich. Denn jede Altersstufe hat ihre eigene Reife, die uns niemand fix und fertig mit auf den Weg geben kann. Oder hast du erwartet, sie würde dir sauber verpackt und etikettiert, wie irgendein Apotheker-Elixier, mit auf den Weg gegeben werden?!«

Konrads Stirn rötete sich. »Wenn du's denn wissen willst: ja! Ein Elixier – eins, das als Wärme durch die Adern rinnt, als Kraft die Muskeln schwellt, – das hab' ich, unbewußt vielleicht, erwartet. Nicht goldvortäuschendes, dreckiges Papiergeld, das nur den Hunger von alten Geizhälsen stillen kann. Freilich,« fuhr er mit einem sarkastischen Lächeln fort, »die meisten unserer lieben Kameraden, das stellten wir ja erst neulich fest, sind alt geboren, darum konnte ihnen der Wust trockner naturwissenschaftlicher Erkenntnisse zur Weltanschauung werden, darum geraten sie in Ekstase – Begeisterung ist ein viel zu edles Wort dafür! – über jede neueste Luftschiffkonstruktion, verwechseln ständig Technik mit Kultur, machen den Beruf zum letzten Lebensideal –«

»Und«, ergänzte Warburg, »sind doch vielleicht beneidenswert um den festen Boden unter den Füßen, das klare Ziel vor Augen.«

Konrad schüttelte heftig den Kopf. »Unser alter Streit! Wozu ihn aufwärmen?! Du weißt: lieber verlier' ich mich in den Wolken und stürze zerschmettert hinab, als daß ich jenen festen Boden betrete, solch klares Ziel für das meine erkläre.«

Er lehnte sich mit geschlossenen Lidern in die Kissen zurück.

Beide schwiegen. Eintönig ratterte der Zug.

Stunden vergingen. Es dämmerte schon, als der alte Giovanni vor der Tür auftauchte.

»Frische Orangen, ganz frische Orangen, Herr Baron,« sagte er und hielt dem jungen Mann ein Körbchen voll blutroter Früchte entgegen. Sie leuchteten förmlich. Konrad griff mit beiden Händen danach und hob sie empor.

»Sieh nur die Pracht!« rief er strahlend. »Die Äpfel der Hesperiden! Die ewige Jugend! Komm, Walter, laß uns wieder glauben, daß wir Götter sind!«

Walter warf einen mißtrauischen Blick auf Giovanni. »Wo der Kerl nur die wieder her hat?« brummte er. Aber der Italiener war ebenso leise verschwunden, wie er gekommen war.

* * *

Die Freunde hatten beschlossen, die erste Nacht ihres Berliner Aufenthalts in einem Hotel nahe am Bahnhof zuzubringen und sich gleich am nächsten Morgen nach geeigneten Quartieren umzusehen. Daß Konrad den Gedanken an eine gemeinsame Wohnung auch nicht einen Augenblick zu erwägen schien, hatte Walter gekränkt. Er war überempfindlich und um so mehr geneigt, eine absichtliche Zurücksetzung seiner Person anzunehmen, als er noch immer nicht zu glauben vermochte, daß Konrads Freundschaft an seiner Abstammung keinen Anstoß nahm. Es erschien ihm darum nunmehr als gewiß, daß die äußere Trennung das erste Zeichen der inneren sei. Je näher sie dem Ziele kamen, desto mißmutiger und einsilbiger wurde er, während Konrad, ohne eine Ahnung von den Empfindungen des Gefährten, in wachsender Erregung von Fenster zu Fenster lief.

Wie allmählich aus dem Dunkel der Nacht die Lichter Berlins auftauchten, in glänzender Perspektive ganze Straßenzüge da und dort sich öffneten und der schwarze Himmel sich allmählich mit einem rosigen Glanz überzog, als strahle von den Häusermassen zaubrische Helle aus, da klopfte sein Herz immer ungebärdiger. Weit, so weit, als wäre es seine eigene nicht, lag die Vergangenheit hinter ihm; diese Lichter leuchteten seiner Zukunft.

Er sprang als erster aus dem Zuge und atmete die rauchgeschwängerte Luft, die ihm entgegenschlug, mit demselben Entzücken wie der Bergsteiger den reinen Hauch der Gipfel. Traumbefangen lief er die Bahnhofstreppen hinab, kaum bemerkend, daß der Freund alle praktischen Erfordernisse der Ankunft für ihn erledigt hatte. Sie standen schon vor dem nahen Gasthaus, als er zu sich kam.

»In den Hühnerstall?!« lachte er, »und gleich jetzt? Hast du wirklich in diesem Augenblick nichts anderes zu denken! In dieser Nacht sieht mich kein Hotel! Wir wollen frei sein, Walter!«

»Morgen, wenn wir gegessen und geschlafen haben, – du solltest übrigens nicht vergessen, daß der Arzt dich vor Überanstrengungen warnte.«

»Pedant! Du machst dich zum Sklaven der Uhr, als gingen wir noch ins Gymnasium, und willst mich zum Sklaven einer dummen Muskel machen, die nicht ganz vorschriftsmäßig funktioniert.«

»Ich bin müde, und das Herz ist mehr als eine dumme Muskel.«

»So geh' schlafen!« lachte Konrad, »morgen früh weck' ich dich, Philister!« Und schon bog er mit großen, elastischen Schritten in die Königgrätzer Straße ein.

Daß Giovanni ihm hastig trippelnd folgte, während seine lebhaften schwarzen Äuglein unruhig hin und her fuhren, schien er vergessen zu haben. Mitten auf dem Potsdamer Platz blieb er stehen. Um ihn brauste die Weltstadt. Eine endlose Kette leuchtender Perlen, hingen die Bogenlampen der wie Sternzacken nach allen Richtungen weisenden Straßen am dunklen Himmel; unten flogen gelbe, braune und weiße Autos mit großen Lichtaugen vorüber; von den Höhen der Häuser warfen glühende Schriften, bunte Pfeile, kreisende Ringe ihre wechselnden Farben auf das Gewühl der Wagen, der Pferde und Menschen unter ihnen.

Wie der Schwimmer, dem das Meer zum vertrautesten Element geworden ist, sich jauchzend immer höheren Wogen entgegenwirft, so eilte Konrad leichtfüßig durch die abwechselnd sich stauenden und sich vorwärts schiebenden Massen, keines warnenden Zurufs achtend. Plötzlich aber sah er auch seinen Schritt gehemmt, denn alles um ihn schien durch einen einzigen Wink des die Straße beherrschenden Polizisten gefesselt, und in den leeren Raum vor ihm ergoß sich, von der anderen Richtung kommend, der Strom von Menschen und Wagen. Schon suchte er, dem jede Unterordnung unter allgemeine Gesetze verhaßt war, sich dem Zwang zu entziehen, als der schlanke, wie Firnschnee schimmernde Leib eines Autos langsam und fast unhörbar dicht an ihm vorüberkam; zu gleicher Zeit flammte in seinem Innern das Licht auf und umstrahlte schmeichelnd die üppige Gestalt eines Weibes, das lässig in den blauen Polstern lehnte.

Die Menschen, die Wagen, die Pferde draußen verschluckte die Nacht. Nur sie leuchtete: ihr Goldhaar und die Perlenschnüre darin, die Haut ihres entblößten Halses, das lockende, grünlich schillernde Augenpaar, der volle, sehr rote Mund, der sich über starken weißen Zähnen lächelnd öffnete. Konrad starrte sie an, selbstvergessen, – war sie ein Fabelwesen? Dem Schoße der schillernden Stadt entsprungen? Im nächsten Augenblick erlosch das Licht, die Nacht schlug ihren Mantel um sie, mit einem langgezogenen Klageton wie der Sturm, wenn er durch alte Kamine heult, glitt der weiße Wagen vorüber.

Vorwärts schoben sich alle Räder; um Konrad tobte aufs neue der Lärm der Stadt. Widerstandslos ließ er sich weitertreiben. Durch lange Straßen, an hellen großen Fenstern vorbei, hinter denen dichtgedrängt an kleinen Tischen die Menschen saßen.

Sein Gang verlor an Elastizität, sein Blick wurde nüchtern: diese bunten Reklamelichtbilder waren doch eigentlich ein dummer, kindischer Witz, und wie müde sahen im Grunde die Menschen aus; das Lächeln auf den Gesichtern der Damen, die ihm begegneten, war doch nur ein Grinsen. Ach, auch er war müde! Und irgendeinen Ton hatte er im Ohr, der ihn störte, den er los werden mußte: etwas wie einen unregelmäßigen und doch niemals aussetzenden Schritt hinter sich. Zuweilen hatte er sich danach umgedreht, sein Blick war aber immer nur gleichgültigen, ausdruckslosen Gesichtern begegnet. Er hastete vorwärts, durch eine lange Straße, die das Licht der großen Bogenlampen auf halber Höhe der Häuser ganz zu verschlucken schien, während der Menschenstrom unten schwarz dahinflutete, nur hie und da von den Lampen eines Restaurants grell erleuchtet, – so grell, daß auch die jüngsten Gesichter, die rotgeschminktesten Wangen von fahler Leichenfarbe überzogen waren.

»Ich habe einen meiner schweren Träume,« dachte Konrad und strich sich mechanisch mit der kalten Hand über die Stirn.

Dann lachte er hell auf, so daß die neben ihm Schreitenden ihn ängstlich ansahen. »Hunger, nichts als Hunger!« und er bog mit raschem Entschluß in das nächste Kaffeehaus ein, aus dem heitere Musik und wirrer Stimmenlärm ihm entgegenklang. Wie gut es tat, still zu sitzen und bei Essen und Trinken zur Wirklichkeit zurückzukehren! Wohin hatten seine Träume ihn wieder einmal getrieben? Die Nixe in der blauen Woge – »eine geschminkte Dirne« würde Freund Walter gesagt haben. Sein ausdrucksvoller Mund zuckte schmerzhaft. Herr Gott, wie allein er doch eigentlich war! Wo war einer, ein einziger, der ganz mit ihm gefühlt, ihn ganz verstanden hätte?! Seine Scheu vor dem Leben und seine große Sehnsucht nach ihm, sein Wünschen ins Weite und sein Erschrecken, wenn das Ferne nahe kam, sein Liebesverlangen und seine rasche, gräßliche Ernüchterung! Was wird die große, fremde, in diesem Augenblick von ihm fast als feindselig empfundene Stadt aus ihm machen? Er brachte sich ihr dar; war er Marmor, für dessen Gestaltung der Künstler schon lebte, oder ein Opfer, bestimmt, auf den Altären fremder, wilder Götter zu bluten? Wer einen Menschen hätte, nur einen einzigen Menschen in dieser Wirrnis!

Einen Menschen! Wo war Giovanni?! Er erschrak: hatte er den alten Mann, mit dem geheimnisvolle Fäden des Erlebens, des Träumens und Erinnerns ihn verknüpften, schon am ersten Abend im Gewühl verloren? Er sah sich suchend um; sein Blick tauchte in zwei kleine schwarze Augensterne, die mit einem Ausdruck mütterlicher Liebe und sklavischer Ergebenheit unverwandt, ohne die Lider zu bewegen, auf ihm ruhten. Er sprang auf. »Giovanni – verzeih,« und beide Hände streckte er ihm entgegen. Der lächelte nur.

»Jetzt suchen wir uns eine Schlafstelle,« damit schob er, des Tuschelns ringsum nicht achtend, seinen Arm unter den des Alten.

Sie traten ins Freie. Es war tief in der Nacht. Und noch ratterten die Autos, rollten die Wagen, strömten die Menschen auf und ab. Gab es in dieser Stadt keinen Schlummer?

Ein paar Mädchen mit hochgeschlitzten Kleidern und hauchdünnen Strümpfen, durch die das rosige Fleisch leuchtete, strichen dicht vorbei.

»Hast dir wohl den Urjroßvater als Jardedame mitjenommen?« lachte die eine keck, das blitzende Gebiß eines jungen Raubtieres zeigend.

»Du – die Blumenjule dort nimmt ihn dir jerne ab,« flüsterte die andere, die sehr groß und gertenschlank war, dicht an seinem Ohr; ihr Mantel schlug sekundenlang auseinander, die weiße schimmernde Brust enthüllend, aus der eine Woge starken Duftes emporstieg. In Konrads Schläfen pochte das Blut.

Ein blutjunges, schmächtiges Ding, mit großen übernächtigen Augen, um die das Laster schwere schwarze Ringe gezogen hatte, in einem schmalen Kindergesichtchen, vertrat ihm den Weg, sich wortlos anbietend. Er schob sie beiseite.

»Ach, so einer sind Sie – sooo einer!« knirschte sie rachsüchtig. Zwei junge Männer, noch ganz knabenhaft, die Schirmmützen über das lockige Haar keck nach hinten geschoben, drängten sich dazwischen; ein langer, vielsagender Blick aus vier Augen von unten herauf streifte Konrad, von einem gedehnten »na – – ?!« und einer Bewegung begleitet, die ihn beinahe zwang, mit der Faust in die frechen Gesichter zu fahren. Fluchend stob das Paar auseinander.

Er hastete weiter, ihm war, als müsse er dumpfer, stickiger Luft entfliehen. Aber sie folgte ihm: Die Nebenstraßen, die Mietshäuser, die Torbogen hauchten sie aus; und alles, was sich schämte und ängstigte, kroch hervor: Kinder mit fahler, sonnenentwöhnter Haut, Streichhölzer in den dünnen Händen, die sie automatenhaft einem jeden entgegenhielten; alte Weiber, aus deren faltigem Antlitz rot umränderte, lidlose Augen schauten.

Von Ekel gepackt, gegen das vergebens sein Mitleid kämpfte, machte Konrad einen weiten Bogen um sie. Schon atmete er auf; hier endlich war die Straße breit und leer.

Plötzlich aber stand eine neben ihm, groß und schattenhaft, grau umhüllt. Trug sie heimlich die Peitsche der Furien unter dem Tuche? Konrad drängte vorwärts. Der Alte dagegen – war es Neugierde, war's Erschöpfung? – hielt ihn zurück.

»Komm, Giovanni, komm!« rief er ungeduldig und wollte an der Grauen vorüber, die ihn schaudern machte.

Doch Giovanni hörte nicht; er stand jetzt dicht vor ihr.

»So kriechen sie auch daheim des Nachts auf den Straßen,« flüsterte er und griff nach seinem Beutel.

Da schlug die Graue das Tuch auseinander, ein winziger Kopf, braunrot, verschrumpft, wie das Greisenhaupt eines Erdgeistes, zeigte sich; aus einem klaffenden Mund drang ein Gewimmer in schneidendem Falsett, aus ausdruckslosen Augen strömten Tränen, als ob der ganze winzige, elende Kinderkörper sich auflösen wollte in ihrer Flut. Giovannis Augen weiteten sich; mit verstörtem Blick starrte er die Mutter an und den Säugling, während seine Hand den Arm Konrads umkrampfte.

»So schlich die Mutter umher mit mir –,« kam es wie in verhaltenem Schluchzen aus seiner Kehle.

Schon sammelten sich Vorübergehende um die Gruppe mit jener lüsternen Neugierde der Großstädter, die für ihre schlaffen Nerven in jedem Ereignis eine aufpeitschende Sensation zu wittern pflegen. Aber ehe sie noch Zeit hatten, ihrem Spott über das Schauspiel verletzenden Ausdruck zu geben, hatte Konrad den Alten in den nächsten vorüberkommenden Wagen gezogen.

Er brachte den ganz Verstörten vorsorglich bis hinauf in sein Hotelzimmer und stand, von der Sorge um ihn erfüllt, noch minutenlang lauschend an der Türe. »O madre mia!« murmelte leise weinend eine Greisenstimme, dann war es still.

* * *

Helle Herbsttage, die in Berlin wie junger Frühling wirken, so mild, so blütenreich sind sie, verscheuchten alle Nachtgespenster. Ihrer Klarheit schien nur das Wirkliche stand zu halten. Konrads Seele, die einem See geglichen hatte, dessen Tiefe von jedem Luftzug aufgewühlt wurde, so daß die Bilder der Außenwelt sich in seinen Wellen und Kreisen und Strudeln nur verwischt und verzerrt wiedergaben, wurde mehr und mehr zu einem Spiegel, der alles ihm Begegnende scharf umrissen zurückwarf.

»Laß mich zunächst nur sehen, nichts als sehen,« sagte er zu Walter, der nun schon seit Wochen in Arbeit und Studium steckte und ihm seine Untätigkeit zum Vorwurf machte.

»Du wirst verliedern, wenn du dir kein Ziel steckst, da das Leben dir leider keins aufzwingt,« antwortete der.

»Im Augenblick weiß ich kein schöneres als glücklich sein,« meinte Konrad. Sie saßen zusammen vor einem Kaffeehaus des Westens, und die Sonne tanzte in lauter goldenen Strahlen über die bunten Bäume, über den blinkenden Asphalt, über die vielfarbigen Kleider der vorüberwandernden Frauen. Und nun warf sie einen Schatten über den weißen Tisch, der in seiner plötzlichen Kühle an den Herbst erinnerte. Zwei Menschen, ein Mädchen und ein Mann, waren herzugetreten, Walter begrüßend. Des Mädchens ernste, ruhige Augen hatten sich Konrad zugewandt. »Es gibt nur ein würdiges Ziel allen Strebens: glücklich machen,« sagte sie herb. Konrad erhob sich, halb erstaunt, halb verlegen.

»Herr Pawlowitsch, Fräulein Gerstenbergk – mein Freund, Baron Hochseß,« stellte Walter Warburg vor. Sie kamen rasch ins Gespräch. Das Mädchen hatte, mit einer gewissen Absichtlichkeit, wie es schien, den Rücken der Straße zugewandt.

»War es der Ausdruck einer Laune oder der einer Überzeugung, der Sie vom schönsten Ziel, dem Glücklichsein, sprechen ließ?« begann sie. Ihre Frage verletzte Konrad ebensosehr wie ihre erste Anrede. Wie kam dieses fremde Mädchen dazu, alle Stufen und Stationen des Bekanntwerdens zu überspringen, die solchen Unterhaltungen vorangehen müßten? Dabei lag nichts Aufdringliches, nichts intim sein Wollendes in ihrem Wesen.

»Keines von beiden,« entgegnete er zurückhaltend, »sondern der eines momentanen Wohlbefindens.« Eine leise Enttäuschung malte sich in ihren Zügen. Sie antwortete nicht, sondern sah von nun an an ihm vorbei.

»Ich würde den Ausspruch des Herrn Barons als Überzeugung hochschätzen und mit Ihrem Ziele für identisch halten,« meinte Pawlowitsch mit dem scharfen Akzent des Russen zu Else Gerstenbergk gewandt, »Ihr Glücklichsein ist glücklich machen.«

»Unser alter Streit,« rief sie lebhaft, »Sie wollen negieren, was groß und stark ist: Aufopferung, Selbstverleugnung, Hingabe.«

»Negieren – nein! Nur ihrer Erhabenheit entkleiden.«

In Elses blasse Wangen stieg das Rot der Erregung. »Wollen Sie vielleicht behaupten, daß die Jahre auf der Peter-Pauls-Festung, die Ihre Gesundheit untergruben, daß der Aufenthalt Ihrer Freunde und einstigen Kampfgefährten in Sibirien, daß der Tod von Tausenden für die Sache der Freiheit nichts als Folgen egoistischer Handlungen sind?!«

»Egoistisch! Sie lieben es, Worte zu brauchen, deren Inhalte feststehen wie Bronzeguß in der Form,« entgegnete mit einem fast geringschätzigen Achselzucken Pawlowitsch, »wir sollten andere suchen, solche, denen erst der Inhalt Form zu verleihen vermag.«

Die beiden Freunde hatten zuhörend dabeigesessen.

»Sie gehen, wie mir scheint, Fräulein Gerstenbergks Frage aus dem Wege,« warf Warburg dazwischen. Pawlowitsch sah mit vielsagendem Blick ringsum; der enge Garten mit den dicht aneinander gerückten Tischen hatte sich gefüllt; man berührte den Nachbarn mit Rücken und Ellenbogen.

»Sie kennen das Sprichwort von den Perlen und den Säuen,« spottete Else, »es gehört zu den wenigen Grundsätzen von Pawlowitsch.«

»Ich hasse es,« fiel Konrad mit so starker Betonung ein, daß sich aller Blicke ihm zuwandten. »Von Perlen verstehen die Schweine nichts, was schadet es also den Perlen, wenn sie vor ihre Füße fallen? Aber vielleicht wäre ein armer Dichter Hungers gestorben, wenn er sie nicht im Vorübergehen gefunden hätte? Wer nicht verschwenden kann wie die Natur, die Milliarden von Lebenskeimen verstreut, damit Hunderte aufgehen, der,« – er stockte, es schien ihm unhöflich, seiner feindseligen Stimmung gegen den Russen Ausdruck zu geben.

»Nun?!« lächelte Pawlowitsch sarkastisch, »Sie strafen Ihre eigene Theorie Lügen, wenn Sie die letzte Ihrer Perlen verschlucken.«

»– ist selbst ein Bettler,« vollendete Konrad scharf.

Der Russe maß ihn statt aller Antwort von oben bis unten und wandte sich mit einer Wendung, die den Stuhl ins Wanken brachte, an Warburg.

»Sie sind stets der Klügere: Sie schweigen,« sagte er. »Kommen Sie morgen abend in meine Vorlesung? Nicht um ihrer selbst willen. Ich spreche über deutsche Literatur. Eine alte Liebe; aus meiner Berliner Studentenzeit. Aber eigentlich eine Unverschämtheit von einem Ausländer. Trotzdem wird Sie's interessieren. Wegen des Publikums. Ich habe ein paar klare Köpfe unter den Hörern. Arme Großstadtjungens. Mit festen Zielen, ohne Träume.«

Warburg nickte: »Gern. Jede neue Welt, die sich eröffnet, ist eine Bereicherung.«

»Das hätten Sie nicht tun sollen,« flüsterte Else indessen Konrad zu. »Er opferte alles seinen Idealen, und was er jetzt zuweilen sagt, enthüllt nur sein verbittertes Gemüt. Gerade Ihnen könnte er vieles geben.«

44 Konrads Stirn rötete sich. Er bereute seine Schroffheit. Mit welchem Recht hatte er sich ein Urteil herausgenommen, er, der nichts, gar nichts war!

»Wie meinen Sie das?« frug er in aufrichtiger knabenhafter Bescheidenheit.

»Ich sehe nur, daß Sie sehr jung sind,« antwortete sie.

»Und töricht und leer, wollen Sie sagen.«

»Töricht – vielleicht! Aber wie einer, der nach Weisheit verlangt. Und leer wie einer, der ganz erfüllt sein möchte.«

Die Worte fielen ruhig, fast geschäftsmäßig von des Mädchens blassen, schmalen Lippen und wirkten trotzdem auf Konrad wie ein plötzlich aufgerissener Fensterladen auf die übernächtigen Augen des Kranken. Wer war sie? Forschend strich sein Blick an ihr entlang. Sie war nicht hübsch; klein, zart und blaß, und eine Kühle umgab sie, die sich abwehrend zwischen sie und alle anderen schob. Ihre Hände aber, die übereinandergelegt auf der weißen Tischplatte lagen, schienen ihr ganzes Wesen Lügen zu strafen; an ihnen blieb Konrads Blick haften. Sehr weich und weiß waren sie, wie knochenlos; die Nägel an den spitzen Fingern so durchsichtig zart wie ein Rosenblättchen im Spätherbst – Hände, zum Streicheln geschaffen. Empfanden sie wie ein Mädchen, das arglos seine Schönheit enthüllt und sich plötzlich fremden Augen gegenüber sieht, Konrads Staunen? Sie glitten vom Tisch und versteckten sich in nonnengrauen Kleiderfalten. Konrad sah auf.

»Erfüllt sein, so erfüllt von einem einzigen großen Gedanken, einem einzigen beherrschenden Gefühl, daß nichts anderes Platz hat daneben, daß es nur einen Weg, ein Ziel gibt – wie herrlich muß das sein!« sagte er.

Pawlowitsch, der kaum zugehört zu haben schien, wandte sich ihm ebenso rasch wieder zu, als er sich abgewandt hatte.

»Die größte Grausamkeit ist es. Selbstmord. Nur ein hirnloser Spieler setzt alles auf eine Karte.«

»Oder ein Held!« rief Konrad lebhaft.

Pawlowitsch schnitt eine Grimasse, wie einer, dem eine Mücke aufs Augenlid sticht.

»Held! Vermeiden wir doch die großen Worte! Übrigens: wenn Ihr ›Held‹ alles verliert?!«

»Er behält sich selbst und hat damit im Grunde nichts verloren.« In Pawlowitsch' Augen blitzte es flüchtig auf. Er streckte Konrad über dem Tisch die Hand entgegen.

»Sie scheinen ja wer zu sein,« sagte der Russe, »nicht bloß ein Körnchen mehr, das unsere große Mühle in den allgemeinen Mehlbrei stampft. Aber was, zum Teufel, hat Sie in der Blüte Ihrer Jugend in diese Hölle verdammt?!«

»Die Sehnsucht nach dem Leben,« entgegnete Konrad.

Als ob er des Freundes pathetische Frage ins alltäglich Verständliche übersetzen müßte, fügte Warburg hinzu: »Schon seit zwei Jahren waren wir entschlossen, gemeinsam in Berlin zu studieren. Sie ahnen wohl kaum, wie schwer die Luft einer Stadt wie Bamberg auf jungen Köpfen lasten muß.«

»Einbildung, nichts als Einbildung!« rief Pawlowitsch. »Bamberg, eine Stadt, bis zum Rande gefüllt mit Traditionen, von ehrwürdiger Schönheit und Heimlichkeit, mit stillen Winkeln zum Träumen! Was für ein Kerl könnte aus einem Menschen werden, der in solch einem Neste wurzelt! Aber Berlin – die Großstadt – der die jüngsten der Gelbschnäbel jetzt ihre Maienlieder singen! Haben Sie einmal von der afrikanischen Zauberschlange gehört? Sie rollt ihren gleißenden Leib in der Sonne zusammen, wenn sie Hunger hat, streckt den zierlichen Kopf in die Höhe, läßt die großen funkelnden Augen rollen und das spitze feuerrote Zünglein spielen, während ihrem Körper ein berauschender Duft entströmt, wie –« In diesem Augenblick ging draußen mit einem leichten Wiegen der üppigen Hüften eine Frau vorüber; ein weißer Seidenrock umspannte eng ihre Formen, während der faltige schwarze Tüll, der darüber fiel, wie der Schleier der Türkin wirkte, der, statt zu verhüllen, nur zum genaueren Sehen verlockt. Pawlowitsch stockte sekundenlang, zog den Hut ein wenig lässig und lächelte ihr zu, um dann, während sie ganz langsam weiterging, mit lauter Stimme fortzufahren: »Ein Duft, wie von der Haut eines sehr reifen, sehr üppigen Weibes. Alles Getier taumelt der Schlange, solange sie hungert, von selber zu. Und Berlin hungert immer.«

Er schwieg, sichtlich zerstreut. Die Sonne hatte sich gesenkt. Fröstelnd und um einen Schein blässer erhob sich Else. »Wir wollen gehen,« sagte sie. Keiner achtete darauf.

Konrad starrte mit großen Augen die Straße herunter: das weiße Auto, die Nixe mit den Perlen im Haar?! Nein – nein! Wie konnte er die Schöne nur durch diesen Vergleich beleidigen!

Pawlowitsch stand auf. Else erhob sich zu gleicher Zeit, als wäre das selbstverständlich.

»Kann ich Sie beide morgen abend erwarten?« frug er, nun wieder ganz Herr seiner selbst. »Gewerkschaftshaus. Kleiner Saal. Fragen Sie nur nach dem Vortragskurs: Literaturgeschichte.« Die Freunde nickten zustimmend. Am Ausgang – Konrad hielt die weiche Hand Elsens in der seinen – schien sie zu zögern, den Mund zu einem Wort öffnen zu wollen. Es blieb unausgesprochen.

Als sie gegangen waren, wandte sich Konrad fragend an Warburg: »Wie stehen die zueinander?«

»Sie ist, so sagt man, seine Frau. Eine der vielen freien Ehen, die hier gang und gäbe sind. Nur, daß für den weiblichen Teil, wie mir scheint«, und er knipste sich nachdenklich ein paar Brotkrümchen vom Ärmel, »die Freiheit illusorisch ist!«

In diesem Augenblick betrat eine Gruppe junger Leute den Garten; sie waren fast alle im Tennisdreß, hatten schlanke, oft überschlanke Gestalten, bartlose, gebräunte Gesichter. Einer, der stattlichste von ihnen, fuchtelte mit dem Racket in der Luft herum, auf das voranschreitende Mädchen lebhaft einsprechend. Warburg zog vor der Näherkommenden den Hut. Im Kolleg des berühmten Mediziners war sie seine Nachbarin.

»Sie sind es!« rief sie lebhaft, ihm die Hand kameradschaftlich entgegenstreckend. Sie stellte ihn ihren Begleitern vor. »Mein Gesinnungsgenosse!« fügte sie triumphierend hinzu, um, zu Warburg gewendet, erklärend fortzufahren. »Eben haben sie noch das Blaue vom Himmel herunter geredet, um mir zu beweisen, daß Frauenstudium ein Widerspruch in sich ist. Ich bin schon ganz heiser vor lauter Verteidigung, denn Männer müssen, wenn sie sich mit unsereinem streiten, mehr überschrien als überzeugt werden. Jetzt überlasse ich Ihnen die Waffen. Sie haben schon gestern nach dem Kolleg bewiesen, daß Sie fechten können.«

Warburg fühlte sich sichtlich befangen, denn aller Augen ruhten nicht ohne leisen Spott auf ihm.

»Ich finde die Frage so einfach, daß ich sie als solche gar nicht mehr ansehen kann,« sagte er zögernd. »Wenn die Frauen etwas leisten, und das haben sie in der Medizin zum Beispiel schon bewiesen, so kann die Berechtigung zum Studium ihnen nicht mehr abgesprochen werden.«

Der, den die Studentin als Rolf Eulenburg vorgestellt hatte, lachte. »Sie machen sich's leicht, mein Lieber! Ich werde nächstens im Seminar nach Ihrem Beispiel die These verfechten: weil die Weiber im Bergbau unzweifelhaft mal was geleistet haben, müssen sie wieder in die Erde kriechen. Nein – das ist alles Blech –« fuhr er dann, ernster werdend, fort, »fadenscheinige Beweise. Sehen Sie sich nur das Mädel an, teuerster Frauenlob. Vor zwei Jahren sprangen wir zusammen als fidele Wandervögel über das Johannisfeuer: ich ein schlaksiger blasser Bengel, sie eine rote Herzkirsche. Und jetzt?! Ich bin –« er reckte die Arme, daß der breite Brustkasten hervortrat und drehte den Kopf mit der gebräunten Stirne, den frischen Lippen und hellen Augen siegesbewußt nach allen Seiten, »sie aber ist kreideweiß, hat mit ihren zwanzig Jahren schon so'n Stich um den Mund wie die Frauenrechtlerinnen, wenn sie die Männer begeifern, und fängt an – nimm's mir nicht übel, Hedwig – dem schlaksigen Bengel von damals verdammt ähnlich zu sehen.«

»Deine Beweise zeugen von echtester Männerlogik,« rief sie mit blitzenden Augen, »wenn ich, wie du, die Hörsäle nur von außen betrachten würde, meine Tage beim Reiten und Schwimmen, bei Tennis und Fußball vertrödelte, dann wäre ich die zu einem bloßen Muskelmenschen passende Kuhmagd –«

»Also: ein Weib,« warf Eulenburg heftig ein.

»Dafür aber bedanken wir uns!« klang ihre scharfe Entgegnung; »wir wollen erobern, was bisher euer alleiniges Besitztum war und was ihr gering schätzen lerntet, weil es euch niemand streitig machte: das Reich der Wissenschaft. Aus dem Überschuß brachliegender geistiger Kraft heraus ringen wir um unsere Menschwerdung.«

»Und wir?!« der Mann und das Mädchen standen sich einen Augenblick lang wie zwei sprungbereite Raubtiere gegenüber, »aus dem Überschuß unserer brachliegenden Körperkräfte um die unsere! Wir haben es satt, bloße Gehirnmenschen zu sein, das heißt: Väter von Trotteln.« Hedwig Mendel wandte sich ab, während Eulenburg, zu den anderen gewendet, ruhiger weiter sprach: »Da habt ihr ihn wieder, den unheilvollen Gegensatz der Geschlechter: während wir uns endlich unserer Männlichkeit erinnern, werden die Weiber –« Er vollendete nicht.

»Es entwickelt sich naturgemäß ein anderer, geistiger, in seiner Art schönerer Frauentypus,« sagte Warburg, durch einen dankbaren Blick Hedwigs belohnt.

»Waren Sie schon mal auf einem Frauenkongreß?!« frug der starrköpfige Widersacher. Warburg schüttelte den Kopf. »Na also!« meinte der andere sarkastisch.

»Sie reden wie'n Tauber vom Flötenspiel,« sekundierte ihm ein schmächtiger Jüngling, sich mit den langen Fingern, an denen die Nägel auffallend glänzten, durch die spärlichen blonden Haare fahrend. »Eine denkende Frauenstirn wird faltig, ein Frauenmund, der doziert, wird herb.«

»Die Studentinnen, die ich bisher gesehen habe, beweisen das Gegenteil,« erwiderte Warburg sehr bestimmt.

»Glauben Sie denn, daß der Norden seine Erfahrungen an Ort und Stelle gesammelt hätte?«

»Der weiß nicht mal, wo die Universität ist,« lachte es vielstimmig durcheinander. Eine allgemeine Unterhaltung entspann sich. Diesen Augenblick schien Eulenburg erwartet zu haben. Er wandte sich ganz dem Mädchen zu und beugte im Eifer der Rede den Oberkörper immer weiter vor, während seine Stimme zu einem Flüstern herabsank.

»Weißt du, woran du dich zur Mitschuldigen machst? An einer Sünde wider die Natur, so einer, die nicht vergeben werden kann. Ihr wollt unsre Kameradinnen sein, unsre Arbeitskollegen, – sei's drum! Das gelingt vielleicht. Wir werden mit euch über Gott und Welt debattieren, euch unsre Seelenkämpfe anvertrauen – mit heißem Kopf, aber mit kaltem Herzen!« Er sah sich um. Die anderen waren so vertieft im Gespräch, daß sie seiner kaum noch achteten. Er rückte ihr ganz nahe und schien sie mit den Augen zu umfassen, »denn lieben, weißt du, lieben – in die Arme nehmen und küssen und herzen, werden wir die anderen: die dummen, weichen, runden Mädels.«

Sie bog sich mit einer energischen Gebärde weit zurück, ihre Augen funkelten: »Für dich und deinesgleichen magst du recht haben,« sagte sie hochmütig und ohne die Stimme zu senken, so daß die Tischgesellschaft unwillkürlich aufhorchte, »wer von uns würde euch aber auch eine Träne nachweinen.« Und sie wandte sich, die Möglichkeit einer Antwort abschneidend, an Konrad, den einzigen, der bisher stumm geblieben war: »Sie denken in der Frauenfrage wie Ihr Freund?« Es entspann sich eine Unterhaltung ohne inneren Anteil; Konrad fühlte, daß sie ihr eine Hilfe war, und ging mit erzwungener Lebhaftigkeit darauf ein.

»Kellner, einen Whisky!« rief Rolf Eulenburg grimmig, und stürzte das Getränk, sobald es ihm gereicht wurde, hastig hinunter. Dann stand er geräuschvoll auf, ohne daß Hedwig es zu beachten schien, stieß heftig seinen Stuhl zur Seite und wandte sich, die Hände in den Hosentaschen, zwei Mädchen zu, die mit vielsagendem Lächeln und langen Blicken schon längst die Verbindung mit den jungen Leuten am Tisch vor ihnen hergestellt hatten.

»Süß ist die Nini heute,« hatte Konrad den blassen Jüngling mit den breiten Nasenlöchern neben sich flüstern hören.

»Totschick,« sekundierte ein anderer, das reizende Persönchen gegenüber in dem engen feuerroten Kleid von den schmalen Lackschuhen und dünnen Strümpfen bis zu der kecken Zipfelmütze über dem Bubengesicht sachkundig musternd. Und sie reckte und streckte sich, fuhr mit der gepflegten, nur etwas zu kurzen Hand über die runde Hüfte, wippte mit den ein wenig zu breiten Füßchen, so daß das ebenmäßige Bein, das nur an der Fessel hätte schlanker sein müssen, bis zu den Knien sichtbar wurde; nestelte dann an dem tiefen Ausschnitt ihrer Bluse, bis die beobachtenden Augen drüben dem Spiel ihrer Finger folgten und den Leberfleck entdeckten, der herausfordernd zwischen dem Ansatz ihrer Brüste saß.

Man unterhielt sich über sie, zuerst leise, dann lauter; es klang aufreizend wie das Gesumme eines Bienenschwarmes:

»Jetzt hat sie der Grote –«

»Und tanzt mit ihr Tango –«

»Und füttert mit Versen das hungrige Mäulchen –«

»Die süße Muse erotischer Dichtung –«

Man lachte, zwinkerte mit den Augen, paffte Zigarettendampf in breiten Ringen in die nach Welken und Modern duftende Herbstluft. Dann fiel leise Eulenburgs Name – einmal – ein zweites Mal. Und man lachte wieder.

»Ihnen widerstrebt also der Gedanke an eine gelehrte Frau?« sagte Hedwig mit einem abwesenden, gezwungenen Lächeln; ihre Hände spielten nervös mit der Schleife an ihrem Gürtel, ihre Stimme zitterte leise.

»Meiner Empfindung, gewiß,« antwortete Konrad gequält; – er hatte die Unterhaltung krampfhaft aufrecht erhalten, um das Mädchen von der Szene abzulenken, die sich vor ihm abspielte – »wenn auch nicht meinem Verstande. Das sind stets die beiden unversöhnlichen Gegner in mir.«

Doch sie hörte nicht mehr, was er sagte. Sie stand auf, wobei sie mit dem Knie gegen den Tisch stieß. Gläser und Tassen klirrten aneinander. Sie ging, ohne sich umzusehen. Die jungen Männer senkten die Kopfe, einige erröteten wie ertappte Sünder. Eulenburg, der bisher am Tisch nebenan überlaut geschwatzt und gelacht hatte, verstummte, warf ein paar böse Blicke hinüber und rief: »Hat ihr einer von euch weh getan?«

»Wer anders als du selbst,« klang es dagegen.

»Ich hab' ein Recht dazu, daß ihr's wißt, aber ihr – ihr« – er stand jetzt mitten unter ihnen und hob die Faust – »hütet euch!«

Mit einem spöttischen Lächeln sah der Sommersprossige dem Zornigen in das rote Gesicht.

»Du bist mir gar der Rechte, sie auszulachen!« fuhr Eulenburg fort, »läufst als ein Sportsmann, also als ein Nichtstuer herum und hast keinen Respekt vor einem armen Mädel, das sich schindet. Ich werd' ihn dir beibringen, hörst du?« Die anderen suchten ihn zu beruhigen: er aber machte mit Ellenbogen und Schultern ein paar verächtliche Bewegungen.

»Soupier' noch mal mit dem Grote, Nini,« rief er mit einer halben Wendung des Kopfes, und streckte gleich darauf Warburg die Hand entgegen. »Sie standen ihr bei,« und zu Konrad gewandt: »Sie auch. Ich danke Ihnen.« Er sah ihm gerade ins Gesicht. »Wie wohltuend jung Sie sind! Kommen Sie! Ich muß mir den Ärger verlaufen.«

Und sie gingen, als wären sie alte Freunde. Eulenburg sprach wie ein entfesselter Sturzbach: »Ich zanke mich immer mit ihr – immer! Aber ich wüte im Grunde nur gegen mich selbst, weil ich nicht los kann. Ist es nicht ein gültiger Beweis für den teuflischen Ursprung unserer Weltordnung, daß zwei, wie wir ein Dutzend Prachtexemplare der Menschheit in die Welt setzen könnten –« Konrads halb erstaunter, halb verletzter Blick traf ihn. Er lachte. »Ach so! Bei Ihnen spricht man noch augenverdrehend von Rosen und Vergißmeinnicht, wenn man liebt?! Wir sind wahrhaftig geworden, brutal, wenn Sie wollen, wie die Wirklichkeit, die scheußliche Wirklichkeit, die das Mädel wie ein saftloses Blatt« – er stieß mit dem Fuß an einen Haufen raschelnden Herbstlaubs – »vom Baum des Lebens fallen läßt und den Mann zwingt, sich an perverse Frauenzimmer wegzuwerfen.«

»Zwingt?!« wiederholte Konrad gedehnt.

Und Warburg meinte bedächtig: »Ist es nicht ein Zeichen von Dekadenz, den Regungen der Sinne so haltlos folgen zu müssen, sie überhaupt so wichtig zu nehmen?«

»Ganz im Gegenteil!« antwortete der andere. »Was als Dekadenz erscheint – Sie haben wohl auch draußen im Reich von braven Philistern, die die eigentlich dekadenten sind, schaudernd von ihr reden hören?! – ist nur französelnder Firnis, krampfhaft eingeführt, weil wir nun mal Narren der Kultur sind und alles, was drüben glänzt, mit ihr verwechseln. Unsere erwachte Sinnenfreude ist Bejahung des Lebens. Daß wir dabei über die Stränge schlagen, ist auch nur ein Zeichen von Kraft – einer überschüssigen leider, weil uns in dieser dummen Welt nirgends Gelegenheit geboten wird, sie in Leistungen umzusetzen.«

In diesem Augenblick strömten den Wandernden aus den langsam sich schließenden Kauf- und Bureauhäusern die Scharen der männlichen und weiblichen Angestellten entgegen.

»Wie!« rief Warburg, unwillkürlich stehen bleibend, »in dieser Stadt rastloser Arbeit klagen Sie um den Mangel an Leistungsmöglichkeiten!«

»Die verschiedenen Methoden großstädtischen Gelderwerbs sind doch keine Leistungsmöglichkeiten in meinem Sinn,« antwortete Eulenburg. »Glauben Sie, daß die Mädels durch Leistungen, die ihren natürlichen Wünschen und Fähigkeiten entsprächen, bleichsüchtig und schmalbrüstig würden wie die da?! Und sich nun denken zu müssen, daß solche wie die Hedwig sich in die Unnatur auch noch krampfhaft hineinsteigern! Wenn der Verstand den letzten Rest von Instinkt auch in den Weibern vernichtet hat und sie umherlaufen wie wohlkonstruierte Rechenmaschinen, deren Krempel immer stimmt, dann möcht' ich, bei Gott, an dem Ast da baumeln und dem gesamten Kurfürstendamm die blau angelaufene Zunge entgegenstrecken.«

Es war dunkler geworden. Die drei Gefährten standen abschiednehmend auf dem Platz vor dem großen Kaufhaus, hinter dessen Spiegelscheiben es von Seide und Spitzen, Blumen und Federn gleißte und glänzte. Sie tauschten, in der Absicht häufigen Verkehrs, ihre Adressen aus.

»Bei der Wanda Fennrich wohnen Sie?« sagte Eulenburg sichtlich überrascht zu Konrad. »Wie gefällt es Ihnen?«

»Ich soll es selbst noch erfahren,« antwortete dieser. »Bis jetzt war ich im Hotel.« Eulenburg zwinkerte vielsagend mit den Augen: »Na – wohl bekomm's!« sagte er.

Sie trennten sich. Konrad nahm ein Auto und fuhr in die innere Stadt. Die neugierige Ungeduld, die ihn, je weiter er kam, desto stärker beherrschte, ließ Vergangenes und Gegenwärtiges mehr und mehr als Nebelbilder erscheinen, die schließlich am Horizont seiner Gedanken träumerisch ineinander verschmolzen. Sein eigenes Heim erwartete ihn – nach Wochen unruhigen Hotellebens zum erstenmal. Er hatte Giovanni, der sich mit erstaunlicher Schnelle in Berlin zurechtfand, das Suchen danach überlassen und ihn von da ab kaum mehr gesehen. Zuweilen nur entdeckte er ihn, irgendwo im Straßengewühl, wie er sich eilig und scheinbar ohne rechts und links zu sehen hindurchwand. Hie und da erschien er am frühen Morgen an seinem Bett, um ihm nichts als ein »niente« achselzuckend zuzuflüstern.

Heute aber war er wie ein Sieger gekommen, das ganze Gesicht von Lachen erhellt, und hatte alle Kammerdienerallüren vergessen, als er dem noch Verschlafenen in überstürzender Hast von seiner Entdeckung erzählte: »eine bildsaubere Wirtin, schwarz und stattlich – und wie sie sich freute! Nicht wie die anderen alten Hexen, die einen schon an der Türe musterten, als wäre man ein Strolch! Nur ein paar komische kleine Hunde hat sie – der Mann ist tot – und eine Tochter. Die Zimmer mit großen Stühlen und breitem Bett. Gut sollst du's haben, bambino mio, – sehr gut.« Dabei hatte er Konrad, als wäre er der Knabe von einst, den blonden Kopf gestreichelt. Der hatte kaum hingehört und von allem Geschwätz nur eins verstanden: daß der stille Winkel gefunden war, nach dem er sich sehnte.

Jetzt – endlich! – würde er zu sich selber kommen. Er war sich bewußt, daß dies eine Notwendigkeit war, wenn er den Wirbelwinden Berlins nicht zum haltlosen Spielzeug werden sollte.

Irgend etwas, dessen er sich nicht bewußt wurde, ließ ihn aus seinen Träumen auffahren; es war wohl die Stille, nachdem eben erst der Lärm der Stadt in Räderrollen, Klingeln, Tuten und Traben um ihn getobt hatte; hier, auf dem schmalen Platz, in den die große Straße plötzlich mündete, spielten kleine Kinder, größere umkreisten ihn auf Rollschuhen, und vor den Vorgärten saßen rundliche Frauen, die Hände im Schoß verschlungen, und behäbige Männer, die Füße in gestickten Pantoffeln behaglich von sich streckend. Sie sahen alle auf – verwundert, erschrocken, ja geärgert, als die Hupe des Autos, das Konrad brachte, ihre Feierabendruhe unterbrach. Noch ehe er ausstieg, fiel sein Blick auf den großen, tiefen Garten, der den Platz erst zu einem Platze machte, denn sein Gitterwerk mit den hohen Büschen dahinter war wie ein Damm, an dem der Strom der Straße sich brach, gezwungen, zurückzufluten, woher er gekommen war. »Die Sternwarte,« sagte der Chauffeur. Aus dem Grünen ragte eine große Kuppel hervor, die hell erleuchtet war; alle anderen Häuser standen ringsum in ihren einfachen, glatten grauen Kleidern und sahen aus vielen kleinen Lichtaugen in ehrfürchtigem Staunen auf sie.

Giovanni kam seinem Herrn entgegen. Er schien hier schon ganz heimisch, denn die Kinder unterbrachen ihr Spiel, als sie ihn sahen, und drängten sich um ihn.

»Ein Kunststück, Onkel,« quälten sie, »das mit dem Ball.« – »Nein, mit den Karten.« – »Oder dem Groschen.« Und ein kleines Ding hielt ihm in gläubiger Bitte die zerbrochene Puppe entgegen: »mach' sie wieder ganz.« Aber er schob sie von sich – vorsichtig, väterlich, um keines zu verletzen – und führte Konrad ins Haus, die Treppen hinaufeilend wie ein Junger.

»Ist das die Himmelsleiter, Alter?« rief dieser ihm lachend zu, »Jakob hat sie sicher weniger hoch geträumt!«

Oben öffnete sich eine Tür, die Silhouette einer brünetten, üppigen Frau stand scharf umrissen vor dem hellen Hintergrunde. Aber noch ehe Konrad sie begrüßt hatte, schlüpfte eine Gestalt aus der Tiefe des Flurs, an der sein Blick hängen blieb; etwas zwerghaft Kleines in ein buntes Tuch gehüllt, ein schmales, sehr weißes Gesicht, aus dessen Oval zwei große traurige Augen strahlten, die sich entsetzt zu weiten schienen, als sie des Gastes ansichtig wurden.

»Gina!« rief die Frau an der Türe drohend; das kleine Wesen zuckte schmerzhaft zusammen und machte eine Bewegung wie zu rascher Flucht, aber die Füße schleppten sie nur langsam rückwärts; dabei fiel das Licht der Lampe auf einen Höcker, den es als schwere Last über den Schultern trug. Zwischen zwei Vorhängen, die es mit einer weißleuchtenden Kinderhand nur ein wenig zur Seite schob, verschwand es.

»Meine Tochter,« sagte die Frau nach sekundenlanger verlegener Stille wie entschuldigend, und öffnete eilfertig die nächste Türe, hinter der das Licht aufflammte. Sie war vorausgegangen und wandte im gleichen Augenblick, als wäre die Wirkung der plötzlichen Helle im voraus berechnet gewesen, den Kopf; ihr blühend schönes Gesicht, von dem rosigen Schimmer der Wangen, dem feurigen Rot der Lippen, dem Aufblitzen der goldbraunen Augen durchleuchtet, war Konrad so nahe, daß er das Ausstrahlen seines Glanzes wie prickelndes Feuer zu fühlen meinte; aber zu gleicher Zeit hatte er den harten Ton noch in den Ohren, vor dem die kleine Bucklige davongeschlichen war. Die Frau empfand: mit dem förmlichen Dank, den der junge Mieter aussprach, war sie entlassen.

Jetzt erst sah er sich um: ein Zimmer voll alter Teppiche. In sattem Grün hing einer an der Wand wie ein Blick in Waldestiefe; in verblichenem Blau lag ein anderer auf dem Boden wie sehr stilles, flaches Gewässer; in mattem Gelb deckte ein dritter den Diwan wie am Frühlingsabendhimmel der ferne Horizont. Ganz dunkle, schwere Schränke standen dazwischen, und mitten im Zimmer, groß und breit wie der Altar eines fremden Götzen, der den ganzen Raum mit seiner grotesken Form beherrschte, ein mächtiger Schreibtisch. Zu gigantischen Frauenbrüsten wölbten sich seine geschnitzten Laden, um die Schlangen und Eidechsen sich ringelten und schmiegten, die spitzen Zünglein saugend an der harten Kuppe. Nur die Phantasie eines Wahnsinnigen konnte dieses monströse Werk geschaffen haben.

Ein dunkler Blick aus Konrads Augen traf Giovanni, fragend, fast vorwurfsvoll.

»Fennrich war Bildhauer, Herr Baron,« sagte der unterwürfig, und mit leisem Kichern und vielsagendem Augenaufschlag: »die Frau sein Modell;« dann hob er den grünen Teppich: »Das Schlafzimmer.«

Hier schien alles weiß und glatt und kühl. »Es ist gut,« nickte Konrad müde, um gleich darauf, als besänne er sich, in hellerem Tone fortzufahren: »Du bist und bleibst ein Hexenmeister, Giovanni. Hab' Dank. Ich hätte dergleichen nie gefunden. Doch hast du für dich gesorgt?«

Der Alte öffnete eine Tapetentür: »Hier!« Konrad sah in einen schmalen Raum, dessen Wände mit Kränzen und welken Blumen behängt waren wie eine Totenkammer. »So wirf doch zuerst das Zeug heraus,« sagte er ärgerlich.

Giovanni schien nicht hinzuhören. Er fuhr mit der Hand wie kosend über die raschelnden Blätter.

»Die Sehnsucht meiner Jugend war's, einmal unter solchen Trophäen zu schlafen. Daß es die Zeugen der Triumphe einer toten Tänzerin sind, was tut's?!« Und er lachte leise.

»Das alles – ist auch von ihr?« frug Konrad, indes seine Augen von irgendeiner dunklen Erinnerung gebannt an den Seidenfetzen hingen, die aus der alten Truhe neben dem Bette hervorquollen.

»Das?!« Des alten Mannes Stimme überschlug sich, um dann zur Tonlosigkeit herabzusinken. »Das?!« Er zog den Anzug ganz hervor: ein Pierrotkostüm, vergilbt vom Alter, die Ärmel zerrissen, mit großen grauen Flecken besäet, an vielen Stellen wie von der ätzenden Farbe zerfressen. »Darin tanzte ich, als Monna Lavinia starb ... Gute Nacht!«

Konrad war, als ob er dem Eindruck entfliehen müsse, in das Zimmer mit den Teppichen und den Fratzen zurückgekehrt. Gedankenlos öffnete er die Schränke und Laden. Da stand und lag in guter Ordnung, was er von Hochseß und Bamberg mitgenommen hatte und vielerlei liebgewonnene heimatliche Dinge daneben, die seine Gedanken dankbar und gerührt zu der alten weißhaarigen Frau wandern ließen, deren Güte und Treue noch immer seines Herzens einziger Reichtum war.

Er wollte ihr schreiben – gleich, heute noch, dachte er in überquellender Empfindung. Er suchte sein Briefpapier, das mit dem Wappen, der roten Rose im silbernen Felde, und griff nach der Lade des Sekretärs. Um den aufwärts gerichteten Schlangenleib legten sich seine Finger und berührten das seidenglatte gewölbte Holz darunter. Es war ganz kühl; seine Hand aber war sehr heiß; er drückte ihre ganze Fläche dagegen, dann lehnte er sich in den Stuhl zurück, und seine Finger glitten träumerisch streichelnd über das Holz. Und wärmer und weicher wurde es.

Seine Gedanken verwirrten sich. Alles Erlebte wirbelte in wüstem Reigen um seinen heißen Kopf:

Berlin – das Weib im weißen Wagen – Wanda, die Wirtin –

Er riß die Augen auf – krampfhaft, gewaltsam. Daß es ihn stets aufs neue packte! Daß das heimlich schwelende Feuer seiner Sinne immer wieder auflodernd über ihm zusammenschlug! Aber er wollte nicht daran verbrennen – wollte nicht! Nur seine Kraft entzünden und seinen Willen. Er reckte sich gerade auf, um im nächsten Augenblick wieder müde zusammenzusinken; das »Warum?«, das »Wofür?« drückte ihn mit Zentnerschwere nieder. Da, – wer hatte ihm diesen Streich gespielt? – stand das Bild seines Vaters vor ihm auf dem Schreibtisch, ein Gesicht, kraftstrotzend, lebenslustig, mit dem Siegerlächeln in den lachenden Augen. Noch lagen seine Finger auf der Wölbung der Lade, doch ihm schien, als fasse er Stellen, die rauh, andere, die klebrig waren. Er bückte sich, die elektrische Lampe herunterziehend: die braune Beize war vielfach abgerieben – von allzu vielen Händen gestreichelt – betastet –

Ein Frösteln durchlief seinen Körper.

Er sah das Zimmer wieder vor sich mit den roten Plüschsofas, den Rokokostühlchen und der Batterie geleerter Flaschen auf dem Tisch – das Zimmer, in das sie ihn, den halb Betrunkenen, gröhlend geschleppt hatten: »Weil er ein Mann werden sollte –«

Er sprang auf, von Ekel geschüttelt. So mochte auch sein Vater zum Manne geworden sein!

Er riß das Fenster auf: Die Kuppel der Sternwarte leuchtete noch immer einsam durch die Herbstnacht. An ihren Glaswänden zeichnete sich der Schatten eines großen, dunklen Rohres ab und dann der eines Mannes. Das Licht erlosch: Dort drüben saß nun wohl ein stiller Forscher und erhob sich zu den Sternen.

Mit kühler Hand strich die Nacht über Konrads Stirne. Tiefe Ruhe überkam ihn.

Auch er wollte neue Welten suchen und im Dunkel dem Lichte nachgehen.

Aufatmend wühlte er sich in die weißen Kissen. Und das ferne leise Weinen eines Kindes sang ihn ein.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.