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Lebenssucher

Lily Braun: Lebenssucher - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorLily Braun
titleLebenssucher
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.-G.
seriesLily Braun - Gesammelte Werke
volumeVierter Band
printrun1.-20. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070919
projectid35ed0622
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Elftes Kapitel.

Wie Konrad Hochseß das Leben fand.

Breit und majestätisch wälzt sich der Strom der Weichsel durch das grüne, flache Land; er ist wie ein Herrscher, der stets voll königlicher Ruhe zu schreiten gewohnt ist. Und an Graudenz, der kleinen Stadt an seinem Ufer, fließt er stolz vorbei, ihrer nicht achtend. Sie ist ja auch nur eine arme Magd, die sich mit weit von ihm abgewendeten Straßen scheu und schämig vor ihm zurückzieht. Sie weiß, daß sie zu häßlich ist, um sich ihm anzubieten wie die großen Städte, die an breiten Flüssen liegen und ihnen ihre schönsten Häuser, ihre gepflegtesten Gärten herausfordernd zukehren. Sie wurde in Dienstbarkeit geboren, denn Troßleute des Deutschen Ritterordens, Handwerker und kleine Krämer waren es, die sie gründeten, nicht als künftige Handelsherren, die dem Wasserlauf ihre beladenen Schiffe zur abenteuerreichen Fahrt ins Weite anvertrauen wollten, sondern als arme Dienstmannen, die ihre Häuschen geduckt unter den Schloßberg bauten, in dessen Schutz und unter dessen Herrschaft sie standen. Hochmütig erhob er sich über sie, ein von der Natur selbst gebauter Thron, von dem aus die Ordensburg meilenweit in das Land sah und mit den Feuern ihres Wartturms allen Gleichen ringsum ihre Kriegszeichen gab. Ihr zu Füßen schmiegte sich auch der Strom wie ein gebändigter Riese, ja, wenn die Sonne ihn in seine schimmernde Silberrüstung hüllte, schien es, als ob er sie schmeichelnd umwerbe.

Und ob auch die frommen Ritter, hingestreckt von Russen und Tartaren, aus dem gräßlichen Morden der Tannenberger Schlacht nicht wiederkehrten, die polnischen Vögte aber, denen die Burg danach Untertan war, sie in dreihundertjähriger Herrschaft zur schmutzigen Herberge verkommen ließen, und der Sturm, den der korsische Äolus über Europa entfesselte, ihre morschen Mauern zusammenstürzte, – der Strom blieb ihr treu. Denn der Burgfried hielt allen Unbilden stand und spiegelte sich weiter in seinen Fluten, und der Brunnen im Burghof senkte sich immer noch tief, tief hinab und saugte an seinen Wassern.

Zu jeder freien Stunde, die er hatte, wanderte Konrad hier hinauf. Heimatliche Gewohnheit war es ihm, von hoher Warte in die Lande zu lugen, und daß man heute in Tälern und Städten so viele Türme baute zum bloßen Zierat, war ihm stets als ein Zeichen dafür erschienen, wie ganz und gar die Bestimmung alles Hochragenden, nach Wetter und Wolken Ausschau zu halten und das Nahen feindlicher Mächte zuerst zu sehen und zu künden, vergessen worden war, und wie die Menschen verlernt hatten, nach Sehnsucht zu verlangen. Denn nur, wer auf Bergen und Burgen steht, und wer sieht, wie Himmel und Erde sich berühren, der lernt das Sehnen, den vermag keine friedliche Enge mehr zu befriedigen.

Die Briefe Elsens, die ihm täglich von seinem Sohn erzählten und oft von ein paar ungefügen Buchstaben seiner Kinderhand begleitet waren, las er am liebsten hier oben. Dann wurde ihm das Bild des kleinen Konrad am lebendigsten, dann sah er fast greifbar deutlich das praktische und umsichtige Walten Elsens, unter deren weichen Fingern alles gedieh. Und er freute sich dessen von Herzen. Aber er war ganz außerstande, sich vorzustellen, daß er dabei sein könne, wenn Else dieselben Wege ging, die Norina gegangen war, und das lebensprühende Kind die Räume mit seiner Gegenwart erfüllte, wo Norinas Sohn die blauen Wunderaugen aufgeschlagen und wieder geschlossen hatte.

Er war so weit weg – wie der Bewohner eines anderen Sterns, der von dort aus seine eigne Erdenvergangenheit betrachtet. Denn wenn sonst Gegenwart fast unmerklich zur Vergangenheit wurde, so war jetzt eines vom anderen gewaltsam losgerissen.

»War ich wirklich gestern noch Konrad von Hochseß?« frug er sich oft, wenn er im ersten Morgengrauen vom Strohsack sprang und seine beiden Stubenkameraden – Kriegsfreiwillige wie er –, die mit ihren siebzehn Jahren noch einen Kinderschlaf hatten, aus den Betten rüttelte. Und er wiederholte verwundert die gleiche Frage, wenn er, der die Respektlosigkeit gegenüber Lehrern und Vorgesetzten einmal zum Prinzip erhoben hatte, sich widerspruchslos – nicht einmal seiner Empfindung gestattete er, sich aufzulehnen – selbst den scheinbar kleinlichsten Befehlen und Anordnungen grober Unteroffiziere fügte. Wenn seine beiden jungen Kameraden, die eben erst von der Schulbank und aus dem Elternhaus kamen, sich beklagten, und er, der eine Art väterlichen Verantwortlichkeitsgefühls ihnen gegenüber besaß, sie zu trösten sich bemühte, entwickelte er in der Verteidigung des »Militarismus« Gründe, die das Ergebnis fester Überzeugungen zu sein schienen und doch nichts als die rasche Folge des wuchtigen Anschauungsunterrichts waren, den der Krieg tagtäglich erteilte.

Nach der Kriegserklärung war noch nicht eine Woche verflossen, als Lüttich fiel, obwohl die Besatzung allein größer gewesen war als das Heer der Angreifer und die ganze Bevölkerung des Landes, selbst die Frauen, in dem überaus ungünstigen Berg- und Waldgelände aus dem Hinterhalt auf unsre Truppen feuerten. Wenige Tage später wurden die Siege von Mülhausen und Lagarde gemeldet und die Abwehrkämpfe der Grenzbesatzungen gegen die von allen Seiten einbrechenden Russen. Und das alles geschah, ohne daß der Aufmarsch der mobilen Truppen vollendet war, von Heeren in schwacher Friedensstärke.

Dann kam die Nachricht vom heldenhaften Untergang des kleinen Dampfers »Königin Luise«. Es war ein altes, friedliches Schiff gewesen, das fröhliche Badegäste bei geruhiger See von Swinemünde nach Rügen zu geleiten pflegte. Und plötzlich hatte das Kriegsfieber es gepackt und war mit nur hundertundzwanzig Mann Besatzung keck wie der jüngste Draufgänger bei Nacht und Nebel an Englands Küsten entlang geschlichen, um die See, die verschwiegene, die nicht einmal dem »Beherrscher der Meere« ihr Geheimnis verriet, sondern im stillen dem Wagemutigsten ihre Gunst gewährte, mit Minen zu spicken. An der Mündung der Themse erst, dicht vor der Hauptstadt, die sich damit brüstete, daß seit Jahrhunderten kein Feind sie betreten, hatte es sein Schicksal ereilt, aber auch da noch hatte es einen britannischen Kollegen mit in die Tiefe gezogen.

Sobald der Jubel über die ersten Siege nachließ und die Begeisterung über den Handstreich sich in stille, heiße Freude verkehrte, brach bei Konrads jungen Freunden in noch stärkerem Maße als vorher der Zorn über den Tagesdienst aus.

»Widersinnig ist's,« grollte Hans Gerwald, der einzige Sohn eines bekannten Berliner Malers, »jetzt Stiefel zu putzen und Stuben zu scheuern, wo es allein auf Schießen und Stürmen ankommt.«

»Unerhört –,« sekundierte Fritz Ewert, eines ostpreußischen Gutsbesitzers Ältester – »Griffe zu kloppen und Parademarsch zu üben, als ob nichts als ein Kaisermanöver uns erwartete.«

Und sie ergingen sich beide in heftigen Anschuldigungen eines Drillsystems, das nur ein langer, fauler Frieden hätte entwickeln können. Die Enttäuschung über den Beginn der so heiß ersehnten Heldenlaufbahn klang aus ihrem jugendlichen Unmut heraus.

Konrad liebte sie um dieser Ungeduld willen. Ihm selbst aber konnte die Vorbereitung zu der großen Aufgabe, die zu erfüllen war, gar nicht streng, gar nicht entsagungsvoll genug sein, und es bedurfte keiner besonderen Überredungskunst, um die beiden Kameraden für seine Auffassung zu gewinnen. Sie waren wohl beide Gymnasiasten gewesen, die wie die anderen ihre weichen Gemüter mit dem Panzer der Skepsis und Kühle umkleidet hatten, um ja nicht für unmännlich zu gelten; der Krieg hatte ihn gesprengt; die Tore ihrer Seelen standen weit offen allem, was rein und groß war. Konrad hätte sie in Erinnerung an seine eigenen siebzehn Jahre beneiden können, wenn die Erkenntnis ihres Wesens, von dem die Zeit alles abspülte, was ihm an Alltag schon angehaftet hatte, ihn nicht mit so stolzer Zukunftszuversicht erfüllt hätte.

»Alle, die sich einer großen Sache opferten,« sagte er einmal zu ihnen, »haben sich vorher kasteit, um jener Entsagung willen, die das ganze Ich auf einen einzigen Punkt konzentriert: die heilige Tat.« Und von da an erinnerten sie einander, wenn der Unmut sie wieder zu übermannen drohte, scherzend an hie Pflicht der Kasteiung.

Weniger leicht war es, sie von der praktischen Notwendigkeit vieler untergeordneten Maßnahmen und Übungen zu überzeugen.

Er stieß auf stets erneuten Widerspruch, wenn er erklärte, daß ohne einen Drill bis ins kleinste, der jeden unbedeutenden Handgriff so lange einübt und in alle übrigen einordnet, bis er zu einem völlig mechanischen wird, ohne eine pedantische Ordnung, die jedem Dinge den unverrückbar gleichen Platz anweist, so daß keine Sekunde Zeit unnütz verloren geht, ohne eine eiserne Disziplinierung, die sich auf jede einzelne Handlung, ja auf jede Körperbewegung erstreckt, ohne einen Gehorsam, der dadurch geübt wird, daß er die persönliche Neigung in scheinbar Nebensächlichen Dingen bändigt, ein Heer niemals zum unbedingt zuverlässigen Werkzeug in der Hand des Feldherrn zu werden vermöchte.

»Das mag früher richtig gewesen sein,« warf Hans Gerwald ein, dessen Schulwissen kein bloßes Gepäckstück war, das er mitschleppte, sondern sich in ihm zu etwas Lebendigem geformt hatte, »wo die Armeen klein und übersichtlich gewesen sind, jetzt, wo Millionen im Felde stehen, kann der einzelne nicht nur ein Werkzeug, sondern muß ein denkender Kopf, ein lebendiger Wille sein.«

»Ganz gewiß!« antwortete Konrad, »aber es war eben einer der größten Trugschlüsse der Vergangenheit, daß die Freiheit im Äußeren Freiheit im Inneren bedeutet. Erst die Mechanisierung des Daseins im Nebensächlichen, die unbedingte Herrschaft über alles Technische, befreit die Kräfte der Seele von allen Bindungen, sichert die Unerschütterlichkeit des Muts, der Ausdauer, der Siegeszuversicht.«

Allmählich überzeugten sich die beiden jungen Soldaten von der Richtigkeit seiner Auffassung, aber weniger infolge seiner Überredungskunst – denn so leicht es auch war, ihr Gefühl zu entflammen, so schwer war es andererseits, ihrem kritischen Verstand eine andere Richtung zu geben –, als infolge der Einsicht, die ihnen die Ereignisse der Nähe und der Ferne vermittelten.

So klein der Kreis ihres Gesichtsfeldes war – er reichte zunächst über den Kasernenhof und den Exerzierplatz nicht hinaus und erweiterte sich nach und nach auf die in ein Feldlager verwandelte Stadt – so deutlich erkannten sie doch die ungeheure Maschinerie des Krieges, in der das winzigste Rädchen seinen Platz und seine Funktion hatte und für das Ganze so unentbehrlich war wie der Motor selbst.

Und sie wurden alle drei – mit vollem Bewußtsein aus vertiefter Überzeugung – zu einem Zahn solch eines winzigen Rädchens und fühlten, wie Kraft und Wille dabei wuchs.

Das Regiment war längst im Felde. Vom ersten Tage an war es in Grenzgefechte verwickelt. Die daheimgebliebenen jungen Soldaten hörten nicht viel davon; in den Zeitungen stand nichts. Nur manchmal, wenn die älteren Leute, die Feldwebel und die Unteroffiziere vom Ersatzbataillon mit ernsten Gesichtern zusammenstanden, dann ahnten sie, daß wieder etwas, irgend etwas geschehen sei. Und zuweilen bekam der und jener einen Brief von einem, der draußen war; dann drängten sie sich abends in der Stube um ihn und horchten zu, mit brennenden Wangen und flackernden Augen, wenn er vorlas: von den Kosaken, den verfluchten Schimmelreitern, die die Dörfer in Brand steckten, die Häuser ausraubten, die Bewohner töteten oder entführten, von den langen Märschen und den Kämpfen in der Nacht, von der vierfachen Übermacht der grimmen Gegner. »Eins zu vier –« sagten sie untereinander mit strahlenden Gesichtern und strafften die Muskeln. »Eins zu vier –« mit dem Gedanken rückten sie am anderen Morgen in den Dienst und waren noch einmal so ausdauernd und so rührig als sonst.

Fritz Ewert, der Kriegsfreiwillige, war eines Abends beim Lesen hinausgegangen und nicht wiedergekommen. Man tuschelte hinter ihm her. Sollte das Kind sich fürchten? Warum ließ man auch Knaben zur Männerarbeit zu? In der Nacht hörte Konrad, wie er sich schlaflos hin und her warf; als der Morgen graute und der Schlummer ihn endlich bezwungen hatte, hingen zwei schwere Tränen an seinen Wimpern.

An einem Sonntage war es – die frommen Bürger der Stadt kamen gerade im Feierkleide aus der Kirche –, da schob sich vom Bahnhof her ein Haustein müder, verstaubter Menschen zwischen sie. Alte Männer trugen ächzend schwere bepackte Körbe auf dem Rücken; Frauen schleppten todmüde Kinder mit sich, die nur noch leise zu wimmern vermochten.

Konrad hatte Fritz Ewert fast gewaltsam mit sich ins Freie genommen; sein junger Kamerad war so still, so traurig geworden, daß es ihn ängstigte. Aber kaum, daß er jetzt die Wandernden bemerkte, als er schon mitten unter ihnen war:

»Woher kommt ihr?« frug er, vor Aufregung heiser.

»Aus dem Neidenburgischen,« sagte ein Alter einsilbig.

»Von Osterode –« murmelte ein mattes Weib.

Und nun sprachen sie alle durcheinander: »Die Kosaken sind hinter uns her, mit Lanzen und Peitschen,« – jammerte eine gebückte Greisin. »Sie spießen unsre Kinder,« – heulte eine andere hysterisch auf, mit entsetzten Augen um sich blickend.

Die Kirchgänger sammelten sich um sie. Sie griffen in die Taschen, sie beratschlagten über ihre Unterkunft. Die Gesichtszüge der Flüchtlinge belebten sich. Des jungen erregten Soldaten achtete kaum einer mehr. An einen jeden richtete er drängend die gleiche Frage: »Wißt ihr von Klaußen nichts?!«

Ein halbwüchsiger Bursche zuckte schließlich vielsagend die Achseln: »Die Russen sind überall.«

Und nun endlich schien sich Ewerts erstarrte Angst in einem Strom von Worten zu lösen. »Dicht dabei bin ich zu Hause, am Druglin-See,« erzählte er hastig. »Die Meinen sind daheim. Der Vater und die Mutter würden standhalten, bis zuletzt, das weiß ich. Weil man den Posten nicht verläßt, auf den Gott einen stellte. Weil die Heimat ihnen mehr gilt als das Leben. Und ich – ich konnte das Gut nicht leiden, weil ich frei sein wollte. Was hat der Vater getobt und die Mutter geweint über mich! Und nun: mein ganzes Leben will ich mich freudig von ihm fesseln lassen, wenn ich es gerettet, wenn ich die Eltern, die ich fast zu hassen vermeinte und doch so zärtlich liebe, in Sicherheit wüßte! Ach –,« er umkrampfte Konrads Arm – »und die Schwestern – zwei junge hübsche Dinger – seit einer Woche bin ich ohne jede Nachricht!«

Es beruhigte ihn etwas, daß Konrad mit ihm gemeinsam alles zu tun versprach, um Näheres in Erfahrung zu bringen. Aber bei allen Erkundigungen stießen sie auf das gleiche Nichtwissen oder auf die durch die militärische Lage erzwungene Verschwiegenheit, während unbestimmte, wilde Gerüchte über das Schicksal Ostpreußens die Stadt durchschwirrten.

Eines Tages – Konrad war gerade zur Bahnhofswache kommandiert – kamen die ersten Verwundeten. Bahn um Bahn in endloser Reihe. Unter den weißen Linnen lugten aschfahle Gesichter mit geschlossenen Lidern hervor, und rote, fieberglühende, von Bandagen umwickelte Köpfe, die nichts als schreckhaft große Augen hatten, lagen reglos auf hartem Pfühl; und bei anderen lag die Decke ganz flach und leer, da wo sich die Beine unter ihr abzeichnen sollten. Die Menge derer, die noch gehen konnte, folgte: welche, denen das Kinn oder die Stirn, die Nase oder die Augen verbunden waren, oder die sich humpelnd vorwärts bewegten; einer, der nur auf einem Beine hüpfte, von zweien unter den Schultern gehalten, von denen selber jeder einen Arm in der Binde trug. Dann ein Kleiner, Blasser, der einen schlichten grauen Offizierskoffer zwischen den groben Fäusten schleppte, während die Schweißtropfen ihm unter der schmalen Kopfbandage hervorperlten; er hielt stöhnend inne und sah sich um. Da flog ihm ein junges Weib entgegen; der Koffer polterte zu Boden; er fing eine Ohnmächtige auf. »Sein Leutnant fiel, – das ist die Frau,« sagte ein Verwundeter zum anderen. Der nickte langsam: »Kein Offizier ist von meiner Kompagnie übrig geblieben,« sagte er.

Der Bahnhof war schon leer; nur eine schlanke Frau schritt noch immer angstvoll suchend am Zuge auf und ab. Da kamen ihr zwei entgegen: ein schmaler, junger Sanitäter und ein breitschultriger Rittmeister, der mit den hohen Stulpenstiefeln seltsam schleppend ging, mit starren Blicken unentwegt geradeaus sah und sich von seinem Begleiter an der Hand führen ließ, als wäre der Riese ein kleines Kind. Die Wartende trat ihm entgegen. »Arthur!« schrie sie auf. Er sah sie an, stumpf, gleichgültig. Er erkannte sie nicht.

Konrad stand, ohne ein Glied zu rühren, angewurzelt. Aber es war trotz aller Erschütterung kein rührseliges Mitleid, das er empfand. Es war Ehrfurcht.

Angesichts all dessen, was sie nun vor Augen sahen und was die erhitzte Phantasie aus den Erzählungen der Verwundeten und der Flüchtlinge gestaltete, wuchsen die Besorgnisse der Bevölkerung. Und als plötzlich Arbeiter zu Tausenden die Umgebung überschwemmten, ganze Wälder niederschlugen, um die Stämme die Kreuz und die Quer über den Boden zu werfen, die Erde zu tiefen Schützengräben aushöhlten und dichte Stacheldrahtverhaue zogen, da steigerten sie sich immer mehr.

Die Siege in Belgien und Frankreich, auf die sich im Reich das Interesse zu konzentrieren schien, vermochten hier, so nahe der Grenze, nicht mehr den gleichen Jubel hervorzurufen.

Ein Gespenst, unfaßbar, namenlos, kroch die Angst durch die in der Sommerschwüle still glühenden Straßen.

Bis sich von Westen ein wetterschwangerer Wind erhob, der sie vor sich hertrieb, und, wie er den Himmel mit blitzgeladenen Wolken bedeckte, die Geister aufpeitschte zu kraftgesättigter Empörung.

Das war der Haß der Welt wider uns; das war die Lüge und die Verleumdung, die am höchsten bezahlten Söldner im Dienst unserer Widersacher.

Hans Gerwald, der als Schüler dem Jungdeutschlandbund angehört hatte und ihm seine aller ungesunden Großstadtkultur fremde natürliche Frische und kraftvolle Körperlichkeit verdankte, brauste bei einer der abendlichen Stubengespräche mit den Kameraden immer wilder auf, wenn von diesem Vernichtungskrieg der Feinde die Rede war.

»Wie eine Spinne sitzt England in der Mitte des Netzes, das es über die Erde spann,« rief er erregt, »aber das Gift, das diesem greulichen Tier seine verheerende Wirkung verleiht, ist nichts anderes als der von Juden gezeugte Geist des Krämers – ein uns Germanen so in tiefster Seele entgegengesetzter, daß es ihm gegenüber nur zweierlei geben kann: ihn gewaltsam abzustoßen, oder sich ihm mit Haut und Haaren zu verschreiben.«

Konrad lachte den Hitzkopf an, denn mochte er auch noch so häufig mit seinen Ansichten in die Irre gehen, daß er überhaupt welche hatte und stürmisch verteidigte, war erfrischend im Gegensatz zu der Zerfahrenheit seiner eigenen Jünglingsjahre. »Du vergißt, mein Junge,« sagte er – auch sie hatten untereinander das »Du« der Soldaten längst angenommen – »daß gerade England von Juden am wenigsten beeinflußt sein kann, weil es ihrer nur wenige hat, und überdies den ›Krämergeist‹, von dem du sprichst, schon zu einer so frühen Zeit besaß, wo von jüdischem Einfluß noch gar keine Rede sein konnte.«

»Auch verstehe ich nicht,« warf Fritz Ewert ein, der anfing, seine Teilnahmlosigkeit angesichts alles dessen abzustreifen, was sein persönliches Unglück nicht berührte, »was die infamen Verleumdungen, die England ausstreut, mit dem jüdischen Geist zu tun haben könne.«

»Herr Gott, bist du vernagelt!« entfuhr es dem Leidenschaftlichen. »Wer sein Lebtag schachert und im Übervorteilen des anderen die modernste und höchste aller Tugenden sieht, ist auf trügen und lügen angewiesen und wird der Sicherheit seines Systems unbedingt mehr vertrauen als den Waffen, die er zu führen verlernte.«

»Diese Folgerungen sind richtig,« antwortete Konrad rasch, »aber nicht das Judentum, sondern der Kapitalismus ist die Prämisse. Nur ein Volk, das ihn in Fleisch und Blut aufnahm, kann eines so niedrigen Hasses, der nichts, aber auch gar nichts, mit unserem heiligen Zorn zu tun hat, gegen den Weltkonkurrenten fähig sein, kann sich kaltblütig der Waffe der Verleumdung bedienen, um ihn zu überrennen.«

Gerwald riß die Augen auf: »Donnerwetter! – Du bist am Ende gar ein Sozi?!«

»Nein!« lachte Konrad, belustigt über das Entsetzen des jungen Soldaten, und fuhr zugleich bewegt von dem befreienden Gefühl, daß sich ihm jetzt die Gedanken so leicht zu festen Ansichten formten, ernster fort, »wenn du mich recht verstanden hättest, würdest du wissen, daß ich es im Sinne der heutigen Sozialdemokratie nicht sein kann, – die übrigens vielleicht am 4. August neu geboren wurde, so daß man über die noch in den Windeln liegende nicht viel zu sagen vermag. Auch sie hat sich vom Geist des Kapitalismus, der zugleich der Geist des Materialismus ist, weil er das Materielle zu Ursache und Zweck erhebt, verseuchen lassen, sonst hätte sie nicht so verblendet sein können, das Kuckucksei des Internationalismus, das der Kapitalismus ihr ins Nest legte, für ihr eigenes zu halten. Segnen wir den Krieg, daß er unseren kleinen Finger, den wir dem Teufel schon gegeben hatten, ihm wieder entriß. Segnen wir Haß und Verleumdung, die uns beweisen, daß wir noch anderen Geistes sind, daß wir Gut und Blut für nichts achten und die Idee von Staat und Vaterland für alles.«

Die beiden Stubengenossen verstanden ihn offenbar nicht ganz, aber um so stärker fühlten sie, daß sie im Tiefsten ihres Wesens auf einen Ton gestimmt waren. Und diese Harmonie, die aus der gemeinsamen Entrüstung wider den offenbarten fremden, seiner ganzen Natur nach feindlichen Geist der Gegner zum deutlichen Ausdruck kam, wurde in allen – den Soldaten, den Bürgern, den Männern und den Frauen – zur Kraft.

Und doch war die Angst noch nicht völlig vertrieben. Im Schatten hockte sie noch immer und zog mit den langen dürren Armen an sich, wer nicht sicher im Hellen ging.

Da kam die große Mittagsgöttin, die in alle Winkel leuchtete: Die Wahrheit. Ihr Kleid, die Sprache, das eben noch ein buntes phantastisches Gewand gewesen war, in das sie sich oft fast versteckte, floß in weißen strengen Falten an ihr herab. Niemand hätte sie mehr zu verkennen, niemand an ihr zu zweifeln vermocht.

In den kurzen markigen Worten des Generalquartiermeisters stand jedes Ereignis wie gemeißelt da.

Furchtbar konnte es sein; grauenhaft war es nicht mehr.

Ringsum an den Grenzen flammten die Städte und Dörfer gen Himmel, daß der Horizont in der Nacht rot zu glühen begann. Mochten die Augen entsetzt das gräßliche Schauspiel gewahren, der Wille der vielen schmolz in der Lohe zu einem Unteilbaren zusammen.

Auch Konrads junger Kamerad wußte nun, daß Haus und Hof eingeäschert, daß die Schwestern entflohen, die Eltern von den Mordbrennern fortgeschleppt waren – wer weiß wohin. Aber er weinte nicht mehr, er ballte nur die Fäuste und bekam schon jetzt den harten Zug um den Mund, den alle, die ihn erlebten, wie das Brandmal des Krieges tragen.

Weit, immer weiter entfernte sich ein jeder von der Fessel einstiger physischer und seelischer Heimat. Die Gegenwart versank ihnen allmählich, wie schon die Vergangenheit versunken war, und nur eines lebte: die Zukunft.

Verzehrend wurde in den Kasernen unter der jungen Mannschaft der Durst nach Taten. Sie sprachen nicht mehr viel miteinander. Müde vom strengen Dienst, müder noch von der getäuschten Erwartung, warfen sie sich abends aufs Bett und erwachten in der Frühe mit Augen voll Hoffnung: Heute –!

Immer mehr Reserven wurden herausgeschickt, einmal zehn, dann zwanzig, dann dreißig Mann. Sie strahlten, wenn sie gingen, als wären sie schon heimkehrende Sieger.

Und eines Morgens traf es Hans Gerwald, Fritz Ewert und Konrad Hochseß: »Um vier Uhr marschbereit.« Nichts weiter. Mit einem schmetternden Hurra aus zwei jungen Kehlen machte sich die überströmende Freude Luft. Singend packte Hans seinen Tornister, und von den Kameraden abgewandt, heimlich, daß keiner es sehen sollte – nur Konrad erhaschte es mit flüchtigem Blick –, strich er zärtlich den letzten Brief der Mutter glatt und verwahrte ihn in seiner Brusttasche, und steckte, ein großes Stück Brot opfernd, den gelben süß duftenden Kuchen von zu Haus in den Brotbeutel; Fritz dagegen entledigte sich mit aszetischer Härte aller Dinge, die ihm überflüssig oder gar sentimental erschienen. Zuletzt legten sie ein paar Bücher obenauf: ein kleines Bändchen Goethescher Gedichte der eine, Goethes Faust der andere und Nietzsches Zarathustra alle beide. »Ihr Barbaren!« sagte Konrad lachend. Er beschwerte sich nicht; ihm schien, als könnten gedruckte Worte ihm auf diesem Wege nichts mehr geben, was nicht an lebendig Gewordenem in ihm war.

In der letzten Viertelstunde ging er noch rasch den Schloßberg hinauf. In Frieden gebreitet, mit üppigen Feldern glänzte das Land, ein ahnungsloses Kind. Und die Wellen des Flusses, seines fröhlichen Spielgefährten, trugen das Sonnenlicht, das sie tranken, strahlend weiter. Nur der Turm ragte finster gen Himmel. Wie vor Jahrhunderten sah er in der Ferne lodernde Flammen, die den zahllosen, aus dem östlichen Horizont, dem schmalen Strich zwischen Himmel und Erde, schwarz hervorquellenden Horden, die Wege wiesen.

* * *

Das Regiment marschierte. Und vom Himmel brannte die Sonne und es war, als ob die weiße Chaussee von dem langen grauen, von Gewehren stacheligen Tier mit den vielen Menschenfüßen allmählich verschlungen wurde.

An stillen blauen Seen ging es vorbei, die zwischen nickenden Bäumen tief in den Mulden lagen. Dann sonderte sich wohl der oder jener ab, riß die Kleider vom Leibe und tauchte minutenlang den ermatteten Körper in die frische Flut, um gleich danach wieder in Sprüngen den Zug zu erreichen. Und da und dort standen Bauerngehöfte am Wege, mit roten Dächern und strotzenden Scheunen. Dann liefen Frauen und Kinder mit gefüllten Eimern zwischen den Reihen hin und her, als müßten sie gerade diesen Soldaten mit einem frischen Trunk dafür danken, daß der Krieg sie noch nicht berührte. Die Mädchen zierten sich nicht, wenn ihnen einer im Vorübergehen die roten Lippen küßte, und die Kinder jauchzten, wenn ein Bärtiger sie zärtlich zu sich emporhob. Sie waren ja keine Fremden mehr, sie waren alle eine Familie.

Das Regiment marschierte. Ein Hüne war darunter, der zuweilen aus dem Gliede trat und neugierig musternd, seine Kompagnie an sich vorüberziehen ließ. War der eine zu weiß im Gesicht oder der andere zu rot, so nahm er ihm fast mit Gewalt den Tornister vom Rücken und legte ihn über den seinen auf den eigenen Buckel. Und der jüngste Leutnant in einem anderen Bataillon trug mit einem Gesicht, das wie über den besten Witz der Welt fröhlich lachte, oft über jeder Schulter ein Gewehr. Konrad sah besorgt, wie Hans und Fritz, seine Nachbarn, in den Knien zusammenknickten oder in den Armen zu zittern begannen. Aber eine Frage, ein teilnehmendes Wort spannte ihre Kräfte aufs neue. Sie duldeten keine Hilfe. Der Oberst, um die ungeübteren unter seinen Leuten besonders besorgt, ritt häufig zurück, immer die gleiche Frage – »will einer schlapp werden?« – väterlich wiederholend. Aber das »Nein, Herr Oberst!« klang stets gleichmäßig kräftig, wenn es auch oft zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorkam. Konrad wußte: Die da drüben, die Feinde mit den niedrigen Stirnen, und den seit Generationen an Lasten gewöhnten, stiernackigen Rücken, waren solcher Marschleistungen nicht fähig. Und wir, die Nervenmenschen?! Wie kam das nur? So war auch hier, dachte er beglückt, die Idee der Materie überlegen, der eiserne Wille und das klare Bewußtsein von dem, was auf dem Spiele stand, stärker als die bloße brutale Kraft.

»Das Ganze halt!« tönte das Signal. Und im Augenblick lagen sie dicht aneinandergedrängt in den Gräben am Rande des Weges, von tiefem Schlaf übermannt. Niemand war in das reife Roggenfeld hinübergesprungen, wo es sich im Schatten der Ähren sicher gut schlummern ließ, – niemand, auch die nicht, die es sonst ruhig zertrampelt hätten um einiger Kornblumen willen. Sie wußten auf einmal etwas von der Heiligkeit des Lebens, diese Krieger, die den Tod in den Läufen ihrer Gewehre trugen.

»Marsch!« – Sie schüttelten sich. Die Tornister klapperten. Sie sprangen auf die Füße. »In der Heimat – in der Heimat, da gibt's ein Wiedersehn,« sangen sie aus schmetternder Kehle.

Das Regiment marschierte.

Und nun mündeten von allen Seiten die Straßen wie Nebenflüsse in die große Chaussee und brachten immer neue und neue Massen. Die Marschkolonnen verdoppelten sich: Infanterie auf der einen, Artillerie mit polternden Kanonen auf der anderen Seite; dazwischen ein schmaler Raum, auf dem Motorräder vorüberknatterten, Automobile sich schnaufend durchzwängten.

Über ein kleines Flüßchen hinweg, das in zahllosen Windungen, als sträube es sich mit aller Gewalt, von dem stillen, reizenden Tale Abschied zu nehmen, die Wiesen durchzog, stieg die Chaussee zu den waldigen Höhen empor. Da ging es plötzlich wie ein Stoß durch die Reihen, denn oben, ihnen entgegenflutend, erschien ein anderes Heer, in ununterbrochener Kette sich langsam vorwärtsschiebend. Feinde? Unmöglich; denn das Kommando, auszuweichen, wurde von Zug zu Zug weitergegeben.

Ein hochbeladener Leiterwagen machte den Anfang. Neben den schweißtriefenden Pferden ging ein Bauer mit weißem Stoppelbart und finster drohendem Antlitz, das nicht rechts noch links sah. Oben auf den Betten und Kisten thronte eine alte Frau, nornenhaft. In Strähnen hingen die grauen Haare um die durchfurchten Züge; ihre tiefen Augen sahen die Begegnenden an und sahen sie nicht; um sie her ein Krabbeln und Schreien von Kindern; hinter ihr am Wagen zwei Fohlen, die unruhig an den Ketten zerrten, und eine Kuh, die mühselig vorwärts stapfte. Allem anderen Fuhrwerk, das folgte, gab dieses Eine Tempo und Richtung an; von ihm schien erstarrt Verzweiflung wie eine lange, schwarze Fahne über alles zu wehen, das nachkam. Da waren kleine Karren, von Mann und Frau gezogen, dürftiger Hausrat darauf und blasse Kinder. Dann ein Hundegespann, darin in Betten gepackt eine Wöchnerin mit dem wimmernden Säugling an welker Brust. Elegante Landauer mit alten Arbeitsgäulen an der Deichsel, von halbwüchsigen Stallburschen gelenkt, dicht besetzt mit verhärmten Frauen, verängstigten Kindern, folgten Schritt vor Schritt in qualvoller Langsamkeit; denn viele, viele, die nicht überrannt werden durften, gingen zu Fuß. Zuweilen schritten schlanke, blonde Frauen in seidenen Kleidern, Mädchen in zarten, gestickten Mullröcken mitten unter ihnen, und Alte in straßenstaubigem Anzug, werdende Mütter, die geflickten Schürzen gespannt über dem gesegneten Leibe, saßen in ihren Kutschen. Fast alle aber schleppten irgend etwas: lauter tote Gewichte, die den Gang ihrer Füße beschwerten, letzte armselige Erinnerungen an die verlorene Habe. Die wenigen Befreiten schritten stark aus und überholten die anderen; ihre Augen bekamen neuen Glanz; sie wußten, daß sie nichts hatten, gar nichts, aber das Leben! Nur – nur! – das Leben! Und viele, die zuerst mitleidig, dann neidisch blickten, warfen mit raschem Entschluß die Lasten von sich – Spiegel und Kaffeemühlen, Köfferchen und Körbe bezeichneten ihren Weg –, und wiedergewonnene Kraft ging aus von ihnen.

Alle schwiegen. Selbst die Hunde, die mit hängenden Zungen dazwischen trotteten, hatten das Bellen verlernt. Keine Klage wurde laut, keine Bitte. Verstummt war wie auf Kommando das Singen der Soldaten, das Trommeln und Pfeifen und Trompeten der Musik. Und zwischen den Fliehenden und den Marschierenden flog kaum ein Gruß hin und her. »Marsch – marsch – wider den Feind,« hieß es bei den einen; »vorwärts – auf unseren Fersen ist er« – bei den anderen.

Nur den Kindern warfen die Feldgrauen da und dort ein Päckchen Schokolade zu; seinen schönen, duftenden, schon ein wenig bröckelig gewordenen Kuchen reichte Hans Gerwald mit einem zärtlichen Abschiedsblick einem blassen Bübchen, das mit wunden Füßen auf wackeligem Karren saß.

Fritz Ewerts Züge nahmen indessen einen immer gespannteren Ausdruck an; seinen Blicken schien nichts zu entgehen. Jeden Wagen durchforschten sie, in jedem Antlitz bohrten sie sich fest, als ob sich doch unter der Kruste von Schweiß und Staub, hinter der tragischen Maske, die der Jammer darüber gezogen hatte, ein altes, bekanntes Gesicht verbergen könnte.

Plötzlich durchschnitt ein langgezogener Klageruf die Stille und übertönte laut das unaufhörliche Rollen der Räder, das Trampeln der Tritte. »U-uhh – u-uhh –« heulte es aus der Tiefe des Tals. Da standen die Herden, buntfleckig, dicht gedrängt, und schrien, von der Qual übervoller Euter gefoltert, den Menschen nach, die sie verlassen hatten. »Zu Sklaven machtet ihr«, schienen sie zu sagen, »die freien Tiere der Felder. Was sind wir nun ohne euch?! Fraß der Raben!« Und sie fingen an, sich vorwärts zu bewegen am Rande der Straße den Fliehenden nach, ein drittes Heer, laut brüllend in seiner unfaßbaren Not.

Der Abend kam. Die Armee zog sich wie ein Fächer weit auseinander. Auf einem schmalen Landweg unter einem Dach hoher Linden marschierte das Regiment dem Dorfs zu, das, als wäre es vor der Zeit schlafen gegangen, lautlos zwischen zwei blauen Seen lag, die es wie freundliche Augen bewachten. Nach dem Marsch des heißen Tages sehnten sich die Soldaten nach Stunden der Ruhe. Aber kein Hund schlug an, den Bewohnern ihr Kommen kündend, kein neugieriges Kindervolk sprang ihnen wegweisend entgegen. Einladend glühten rote Geranien unter dem Giebel mit den geschnitzten Pferdeköpfen des ersten Bauernhauses am Wege, aber auf Pochen und Rufen antwortete keiner. Sie traten die Türe ein. Seltsam: wie leer der große Flur gähnte. Da klangen aus dem Stall daneben wimmernde Laute: Verblutend lag auf dem Stroh eine edle Stute, von einer Lanze roh durchbohrt, das langsam sich verschleiernde Auge mit einem Ausdruck menschlichen Mutterwehs auf das hochbeinige Füllen gerichtet, das kläglich nach Nahrung winselte. Einer zog den Revolver und gab ihnen beiden den Gnadenschuß. Dann warfen sie sich in der Scheune daneben aufs Heu.

Die Türe des nächsten Hauses stand weit offen. Auf dem Tisch in der Stube lag ein Strickzeug; in der Kammer standen noch volle Milchsatten auf den Wandbrettern. Und doch suchte keiner, der eintrat, nach der Hausfrau. Wie aus einer Gruft schlug es jedem entgegen, atembeklemmend. Dann kam eins, da wehten wie hilfeflehend die weißen Vorhänge aus zerbrochenen Fenstern, und zu Haufen geschichtet, sinnlos zerschlagen, zertrampelt, beschmutzt lag der Hausrat auf den Dielen; im Garten dahinter stand ein frisches, roh zusammengenageltes Holzkreuz. Danach aber, wo die Häuser sich dichter scharten, ragten nur noch rauchgeschwärzte Mauern in die Luft, Haufen verkohlter Holzbalken versperrten den Weg, ein beizender Geruch angebrannter Kadaver schwebte darüber. Aber übermannt von Ermüdung warfen sich die Soldaten achtlos in die Mauerwinkel. Die kleine Kirche drüben lockte noch; sie stand nicht zwischen den Häusern wie ihresgleichen, sondern recht wie ein Feiertag, über den Werktag erhoben, auf einem Hügel.

»Dorthin,« sagte Konrad zu seinen beiden Gefährten; die drei hatten immer getreulich zusammengehalten. Sie kletterten über den Kirchhof, über umgestürzte Kreuze, geborstene Steinplatten, an kreisrunden, tiefen Kraterlöchern vorbei – als ob dieser Krieg selbst den Toten ihren Frieden nicht gönnte – und erkannten erst dicht vor dem Gotteshause stehend, daß eine Granate das Dach heruntergerissen hatte. In das trümmerbedeckte Schiff lugte düster der Nachthimmel, und die alten Bäume ringsum streckten anklagend kahle, geschwärzte Äste empor zu ihm. Aber die drei Müden suchten nicht länger.

»Hat die Erschöpfung mich stumpf gemacht,« dachte Konrad, als er sich in den Mantel gewickelt auf die Altarstufen streckte, »sind diese neben mir, die jetzt schon in tiefem Kinderschlaf liegen, von Natur so hart, daß alle Trümmer von Menschenglück, die wir sahen, uns weniger erschüttern als eine Shakespeare-Tragödie auf der Bühne?« Nein – es war nicht Härte und nicht Erschöpfung, es war eine neue Abschätzung der Werte, die sich aller bemächtigte. Daß Häuser und Scheunen, Kühe und Kälber jemals als Inhalt des Glücks hatten erscheinen können – mußte man darüber heute nicht nachsichtig lächeln, wie reife Menschen über Kinderträume? Konrad sah noch einmal zu seinen Kameraden hinüber: ein hoher Ernst, eine fast aszetische Strenge lag auf ihren stillen, jungen Gesichtern. So meißelt das Schicksal die Köpfe derer, die bestimmt sind, die Zukunft zu bauen. Und der Neid, der sich seiner bemächtigen wollte, wandelte sich in andächtige Liebe, in starke Hoffnung.

Das Regiment schlief, als hätte es nur einen Atem. Gleichmäßig, einlullend klang von der Chaussee herüber noch immer das Rollen der Flüchtlingswagen.

Drei Stunden der Ruhe. Dann Alarm – ohne Signal –, dessen Flüstern aufpeitschender war als die Trompete. Kein Licht durfte gebrannt werden, kein Streichholz entzündet; schattenhaft huschten die Gestalten in der Finsternis. Zu essen gab's ein wenig Brot und Speck; man mußte sparsam sein mit den Rationen; die Feldküchen und die Bagage hatten bei diesen Eilmärschen den Anschluß nicht mehr innezuhalten vermocht.

Und nun harte, gedämpfte, Kommandostimmen: »Antreten – Gewehre in die Hand – das Gewehr über – ohne Tritt – marsch!«

Viele schliefen im Gehen. Gefühl und Gedanken lagen unter einer dunklen Decke. Nur die Beine bewegten sich wie eine aufgezogene Maschine.

Da setzte aus der Ferne ein dumpfes Grollen ein, wie das Knurren gefangener Löwen, die ihren Fraß erwarten. Und die Köpfe hoben sich, der Schritt wurde elastisch, in die Körper kehrte die Seele zurück.

An einem Gutshof irrlichterte es – abgeblendete Laternen – Gemurmel – in der Finsternis riesenhaft erscheinende Planwagen. Von einem Licht flüchtig getroffen, glühte ein rotes Kreuz phantastisch auf. Im Walde wurde es lebendig. Verschlafene Vögel flatterten unruhig über den Ästen. Leise drückten sich Pferdehufe in den Sand des Wegs: Lanzenreiter. Oder Ritter der Vorzeit in grauer Eisenwehr, die der Alarm aus den Grüften schreckte? Aus Erdhügeln streckten sich die offenen Mäuler schwerer Geschütze, beutegierig. Und darüber ein Rauschen schwerer Flügel, die riesige Gestalt eines Urweltvogels.

Konrad sah empor, als müsse er diesem beschwingten Ungeheuer Abbitte leisten. Die Mutter dieses Fabeltiers hatte er allzeit gering geachtet; wie hatte sie plötzlich Sinn und Wert bekommen, seitdem sie nicht mehr Selbstzweck, Sport und Spielzeug war, sondern im Dienste stand wie sie alle.

Vorüber marschierte das Regiment.

Im Morgengrauen befand es sich oberhalb einer weiten Talmulde, die ringsum von wellenförmigen Hügelketten umrandet war, während sie in ihrer Tiefe blaue, im Grün hohen Schilfrohrs sich verlierende Wasserflächen barg und verstreute Gehöfte, von Bäumen beschützt, und hie und da ein Dörfchen, das in seinem besonderen kleinen Hügelbettchen lag wie ein Kind in der Wiege.

Das Knurren der eisernen Raubtiere von drüben wurde zu einem wütenden Wolfsgeheul.

Die Massen der Marschierenden lösten sich auf.

»Kompagniekolonne in der Richtung auf den Sturzacker halblinks vorgehen!« – klang es an Konrads Ohr. Endlich! Wer war noch müde, wer hungrig?! Sie stürmten vorwärts.

Und näher, immer näher pirschen sich die russischen Granaten.

Sie sausen über die Köpfe, wie die gespenstische wilde Jagd:

»Hu – i – ch – sch – ach!«

Und die Antwort kommt, ein Hexenritt in der Walpurgisnacht:

»Pu – uh – uh« –

Zerrissen, zerwühlt ist der Acker ringsum. Über niedrigem Feuerstrahl steigen da und dort dicke, braune Erdvulkane auf.

»Ohne Tritt – marsch – halt – Gewehr ab – hinlegen« – wie ein Uhrwerk, ruhig, gleichmäßig, wiederholen sich die Kommandos.

Viertelstunde um Viertelstunde vergeht.

Da: ein verlassener russischer Schützengraben, wüst wie ein zerstörtes Vorstadtwarenhaus. Hemden, Hosen, Gewehre, Kochgeschirre – alles haben sie im Stiche gelassen in haltloser Flucht.

Und der Donner von drüben rollt wie zwischen den Felswänden des Hochgebirges.

Und die Blitze entzünden die Gehöfte ringsum, lodernde Fackeln zum furchtbaren Feste des Kriegsgottes.

Dann plötzlich Stille.

Nur in den Ohren braust und saust es noch, und der Herzschlag hämmert wild den Takt dazu. Sie fallen um wie die Toten, da wo sie stehen; ein Schlaf von Minuten, der in seiner Tiefe wie eine Ewigkeit lang ist.

»S-s-s-it – bum. S-s-s-it – bum –« und am Himmel kringeln sich zarte Lämmerwölkchen.

Das ist Schrapnellfeuer in der Flanke.

Hinter der Schützenlinie rasen zwei herrenlose Gäule mit offenen Leibern, aus denen die Eingeweide quellen – sie fallen – acht Beine recken sich zuckend empor.

»Plä-rr-rr« – das sind die Gewehre des Regiments – wie ein Wagen auf holprigem Pflaster.

»Ting« – von drüben wie ein Klirren am Drahtzaun.

Im eiligen Vormarsch ist offenbar ein seitlicher Graben übersehen worden.

»Sprung auf – marsch – marsch! –« sie fliegen in Sprüngen über das ebene Feld.

»O-o-h!« schreit einer neben Konrad. Ein Körper rollt ihm vor die Füße. Instinktiv bückt er sich, um ihn aufzurichten. Gebrochene Augen stieren ihn groß an. Die Nase ist ganz spitz und weiß, – die ganze Brust eine klaffende Wunde. Weiter!

»Ach!« – wieder einer. Wie ein gefällter Baum stürzt er.

»Hinlegen!« Es ist, als ob die Erde sie schützend in ihre Arme nimmt.

»Plä-rr-rr« knattert es. Diesmal blieb die Antwort aus.

Aus dem feindlichen Schützengraben kroch ein großer erdbrauner Mann mühsam hervor. Durch die Kruste von Staub, die sein Gesicht bedeckte, sickerte von der Stirn herab über das rechte Auge ein Rinnsal roten Blutes. Er stützte sich schwer auf den Degen und ließ mit der Linken mühsam ein Stück weißen Linnens flattern.

Konrad war der erste, der ihm entgegentrat. Mit einer einzigen Handbewegung wies er in den Graben hinter sich. Da standen sie aneinandergedrängt, an die Schanze gelehnt, mit zerrissenen Gliedern, durchlöcherten Schädeln, zerschossener Brust, die Waffe noch immer von den erstarrten Fingern umkrampft.

»Das Vaterland –« sagte der Offizier in stockendem Deutsch, Konrads staunendem Blicke folgend. Da salutierten die preußischen Wehrmänner ringsum, ehe sie ihn und die wenigen übriggebliebenen abführten.

»Das Bataillon hinter das Dorf – vorwärts marsch!« Es war keine Zeit, um sich des Grausens und der Bewunderung klar zu werden.

Die Kämpfer sammelten sich. Viele fehlten. Und nun schritten sie wieder aus; im Takt klappten die Sohlen auf dem harten Boden. Hans Gerwald lachte Konrad an, Fritz Ewert drückte ihm stumm die Hand. Sie gehörten zur Spitzenkompagnie.

»Wir sind gefeit – alle drei,« sagte Hans, »und das Dorf da unten ist verschont geblieben, als wäre es für uns bestimmt.«

Im gleichen Augenblick prasselte über ihre Köpfe hinweg eine deutsche Granate mitten hinein.

»Also hat die Drachenbrut sich drinnen festgesetzt,« brummte Fritz.

Und schweigend ging es weiter.

Dicht vor dem Dorfe stehen sie. Waren noch Menschen in den Häusern?! Eine alte Frau mit einem weinenden Kinde an der Hand läuft ihnen entgegen. Hinter ihr aus der braunen Scheune sprühen im Augenblick glühende, funkenstreuende Garben.

»Nehmt das Kind!« schreit sie heiser. Die Nächststehenden wollen beide zurück hinter ihre Linien zerren. Aber mit übermenschlicher Anstrengung reißt sie sich los: »Ich sterbe, wo ich geboren bin,« und in rote Glut taucht sie unter. Das Kind fliegt von Arm zu Arm – »meine Puppe!« schluchzt es auf. Sie ist ihm entfallen, schon züngelt ein Flämmchen nach ihr. Hans Gerwald springt hinzu und schleudert sie der Kleinen nach, die jetzt tief in einem Kellerloch steckt.

»Hans!« ruft Konrad.

Der lacht hell auf: »Wenn die Puppe ihr Lebensglück ist –« Dann bricht er zusammen: »Mein Fuß!« und ein langer Blick, wie gequälte Tiere ihn haben, die nicht reden können, trifft den Kameraden. Es kracht und prasselt von allen Seiten. Schon hat ihn Konrad auf den Armen wie ein kleines Kind. Der aber wehrt sich mit versagenden Kräften: »So laß – mich – doch liegen!«

Doch Konrad hält ihn umklammert. Ihm ist auf einmal, als rettete er etwas sehr Kostbares, Unersetzliches – ein Stück der Jugend, die aufbauen sollte, was jetzt in Trümmer fiel. Und wie Christoforos stark fühlt er sich.

Sie kommen zu einem Chausseewärterhäuschen. Er stößt mit dem Fuß die Türe auf. In dem engen Raum dahinter liegen sie schon, die Verwundeten, dicht geschart, Mann an Mann. Sie wimmern leise. Der Sanitäter weiß kaum, wem er zuerst helfen soll. Aber der Eintritt der neuen Gäste läßt sie verstummen. Aller Augen richten sich auf sie, eine einzige Frage, die keines Worts bedarf. Und Gerwald hebt den Kopf – er lacht schon wieder –: »Wie's steht, wollt ihr wissen, Kameraden?« sagte er mit ganz heller Stimme, »nun gut – wie anders als gut. Bis die Sonne sinkt, ist Preußen frei!« Dann wird er sehr blaß.

»Hm,« macht der Sanitäter, als er ihm den Stiefel aufgeschnitten hat. Konrad sieht ihn ängstlich an. Er schüttelt den Kopf: »Ein Dum-Dum-Geschoß offenbar. Wird lange dauern –« sagt er ganz leise.

Noch ein Händedruck, den der Verwundete heftig erwidert. »Spätestens übermorgen bin ich doch wieder heil?« hört er ihn noch inständig flehen. Dann ist er wieder auf der Straße und jagt dem Dorfe zu.

Ein einziger brennender Trümmerhaufen empfängt ihn.

»Nach der Feuerlinie entwickeln –« eine nicht mehr menschliche Stimme brüllt es aus Rauch und Flammen.

Lähmendes Entsetzen – nur einen Atemzug lang – versteint alles. Dann: vorwärts – hinein!

Jeder Gedanke erlischt. Jedes Gefühl schrumpft zusammen.

Beizender Rauch beklemmt den Atem. Er wirbelt empor, verhüllt den Himmel, als wollte er dem freundlich strahlenden das Gräßliche nicht schauen lassen, um dann, hohnlachend über das eigene Mitleid, aus den Dächern auszubrechen und die schwarzen Schwaden triumphierend mit gelbem und blauem Licht zu zerreißen. Danach streckt er sich schmal, weiß, langsam, wie die Seelen der Toten, aus berstenden Fenstern.

Quer über die Straße jagen Tiere mit wahnsinnigem Gekreisch. Sie entfliehen dem brennenden Stall, sie prallen jenseits entsetzt zurück vor zusammenkrachenden Balken. Sie fallen. Und über verendete Leiber springt die stürmende Truppe wider die Menschenmauer, die ihren Weg versperrt.

Das ganze Orchester der Hölle spielt dem satanischen Tanze auf: Kugeln, Granaten, Schrapnells – ein Pfeifen und Knattern, Heulen und Sausen.

Die lebendige Mauer zerreißt – fällt auseinander – bricht in sich zusammen. Berge von Toten und Sterbenden häufen sich.

Noch ein Bogenstreich des geigenden Teufels – das letzte Gekreisch der Getroffenen.

* * *

Spätnachmittag war es. An einem weißleuchtenden Tag im August.

Da fand Konrad Hochseß sich wieder unter einer einsamen Pappel am Weg. Er sah an ihr empor. Gedankenlos. Ihre Spitze war verdorrt. Richtig – alle Pappeln gehen ein – fuhr es ihm durch den Sinn – alle, die zu den Zeiten korsischer Weltherrschaft gepflanzt worden sind.

Er begann langsam zu sich zu kommen. Warum lag er hier? Er mußte doch –

Dort unten am See war ein Menschengewühl – am See, der grünlich-blaue Hexenaugen hatte – Augen, die verraten, wenn sie lächeln.

Dort kämpfen Kameraden –!

Er sprang auf – und sank ächzend zusammen. Was war das nur für eine Faust, die ihn festhielt?

Er besann sich: mit dem Kolben hatte er um sich geschlagen in die breiten, gelben Fratzen, die rechts und links um ihn aufgetaucht waren. Und dann hatte ihm jemand einen Stoß vor die Brust gegeben.

Jemand? – Wer?

Sehr groß war er gewesen – riesenhaft. Hatte einen Stab in der Hand gehabt – oder einen Speer. Und eine lange, graue Haarsträhne über dem linken Auge –

Konrad lächelte matt: Wie dumm die Müdigkeit machte! Und daß ihm just jenes vergessene Bild einfiel, – der einäugige Germanengott –, das über seinem Kinderbettchen gehangen hatte!

Seltsam: immer mehr Bilder kommen, lebendig gewordene. War jener dort nicht der ruhende Gigant aus der Mediceerkapelle, der alle Erkenntnis besaß und nicht sagen konnte, was er wußte? Er hatte sich erhoben, war entwichen, um vor ihm den verschlossenen Mund zu öffnen – fast hätte er mit seinem marmornen Fuß die Wasserrose zertreten – Jörun Egils Wasserrose mit dem Käfer darin. –

Daß der Prophet, der die neue Religion suchte, in den See gegangen war, weil – weil der Käfer die Blume fraß! Warum hatte er nicht bis heute gewartet?

Jörun Egil – wie töricht bist du! Siehst du denn nicht, daß es den Tod nicht gibt? Daß Tod und Leben nichts sind, wie das Auf und Ab der Wellen? Freilich – wenn du nur den Käfer siehst – nichts als den Käfer!

Konrads Kopf sank zurück. Wie gut, daß die Erde sich so weich wie ein Kissen hinter ihm wölbte! Und wie es leuchtete über ihm: gelb, rosa, violett – war es der Himmel Toskanas? Er schloß beseligt die Augen. »Norina« hauchte sein blasser Mund. Ein Klingen und Singen und Jauchzen war ihm im Ohr und ein Mittönen der Erde wie von tanzenden Füßen. Zu Busch und Wiese, zu Wald und Dorf kehrten sie wieder in Scharen, die vertriebenen guten Götter der Erde, die Genien des Hauses, die Nymphen der Flur. Nun war alles, alles belebt, was tot gewesen war, oder – seziert, wie Leichen. Selbst aus der sterbenden Pappel über ihm lachte noch eine freundliche Dryade.

Ob wohl sein Junge mit Nix und Elfe spielte? Und zur großen Mutter beten lernte? Wie gerne würde er –

Krampfhaft riß er die Augen auf. Seine Gedanken waren jetzt klar, ganz klar.

»Ich sterbe,« sagte er laut, und eine Frömmigkeit, wie er sie nie empfunden, weitete und erhellte seine Seele.

Andächtig sog sein Auge das Bild ringsum ein: das von Geschossen zerrissene Feld, das seine Wunden trug, um einst im Frieden von lebendiger Liebe umhegt, nur um so vollere Früchte zu tragen. Denn Kanonendonner war der Hochzeitsglockenklang gewesen, unter dem sich der Mensch wieder der Erde vermählte.

Ihm schwindelte – als wäre es Mitternacht und der ganze sternfunkelnde Himmel sänke auf ihn –

Und plötzlich stand er in Reih und Glied mitten unter den Kameraden. Verzweifelt verteidigten die Russen den Damm, der dort, wo der See am schmalsten war, hinüberführte in ihre letzten Stellungen. Sie sanken wie Ähren vor dem Schnitter, doch aus jedem Korn wuchs im Augenblick ein neuer Riese hervor – sie führten Kolben mit Eisenstacheln und Peitschen mit Bleikugeln – sie schleuderten Felsen durch die Luft –

Gibt es eine Waffe und eine Übermacht, die den bezwingen könnte, der unsterblich ist, – weil das Sterbliche in ihm aufging im Ewigen, der Idee? –

Dann war er wieder unter der Pappel. Die gute Dryade wischte ihm mit einem kühlen Tüchlein den Schweiß von der Stirn und bedeckte mit weichen Händen seine Ohren, damit er den furchtbaren Schrei von unten nicht höre, wo der See gierig die Russen verschlang, die nicht weichen und sich nicht ergeben wollten.

Und lächelnd huschte sie davon. Schade! Sie hatte tiefe, dunkle Augen gehabt wie –

»Hurra – Hurra –!« Das ganze Tal hallte wider –

Konrads Antlitz leuchtete.

Wie schön ist es doch, zu sterben am Spätsommerabend – wenn die Sonne sinkt – für den, der das Leben fand!

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