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Lebensstrahlen

Hans Dominik: Lebensstrahlen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleLebensstrahlen
publisherVerlag Scherl
printrun71. bis 85. Tausend
yearo.J.
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151001
projectid600ebae2
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Erwartungsvoll kam Dr. Bruck in das Hotel »Zum Hohen Stein« in Ihlefeld und fragte nach Monsieur Bigot. Von widerstreitenden Gefühlen bewegt, stieg er die Treppe empor, um zu dem Zimmer zu gelangen, das man ihm am Empfangsschalter genannt hatte. Immer zögernder setzte er den einen Fuß vor den andern, blieb endlich stehen, als er den obersten Treppenabsatz erreicht hatte. Sollte er weitergehen, sollte er lieber umkehren?

Dort, nur zehn Schritte entfernt, wartete hinter der Tür ein Mann auf ihn, durch den er vielleicht Millionen gewinnen konnte. Lockend war solche Aussicht; aber für immer würden diese nächsten zehn Schritte ihn von dem geraden Weg abbringen, den er bisher gegangen war.

Viel hatte er Eisenlohr zu verdanken. Vor fünf Jahren, als er schon einmal dicht am Scheitern war, hatte ihn der aus einer bedenklichen Lage herausgerissen, hatte ihn wieder stetig und ehrlich arbeiten gelehrt. War es nicht Treubruch, wenn er jetzt zu dem andern ging, um ihm Geheimnisse zu verkaufen, die nicht ihm selber, Bruck, gehörten? Mußte es ihn nicht für immer von Eisenlohr trennen?

Noch zauderte er, die eine Hand auf dem Geländer, als sich eine Tür öffnete. Scheinbar ohne bestimmte Absicht stand Bigot auf der Schwelle, schaute sich um, erblickte Bruck und winkte ihm zu.

Für ein glückbringendes Vorzeichen hielt es Dr. Bruck, ging weiter und begrüßte Bigot. Mit einem Wortschwall empfing ihn der Franzose, führte ihn in sein Zimmer und bat ihn, Platz zu nehmen.

Leicht und einfach hatte sich Bruck die Verhandlungen vorgestellt, aber jetzt gab es gleich zu Anfang Schwierigkeiten.

»Sie sind auf meine Anregung sehr spät eingegangen«, eröffnete Bigot die Besprechung, »fast zu spät, Herr Doktor. Meine amerikanischen Freunde drängten auf einen Abschluß«, fuhr er fort, als er das Befremden Brucks bemerkte. »Ich konnte die Verhandlungen nicht länger hinziehen, ich mußte ihnen zu dem vereinbarten Preis erst einmal geben, was ich hatte ...«

Im Geiste sah Bruck die Millionen, von denen er eben noch träumte, schon wieder zerflattern. Aber war es denn wirklich so? Versuchte nicht der andere am Ende zu bluffen? Noch klammerte er sich an diese Hoffnung, als Bigot nach einem Stoß Zeitungen griff und sie ihm hinschob. Es waren die gleichen Meldungen, die schon William Spranger bei seiner Ankunft in Paris eine unruhige Stunde verursacht hatten, Meldungen über den Verkauf der Bigotschen Erfindung zu einem phantastischen Preis, Dr. Bruck überflog sie, und seine Hoffnungen sanken auf den Nullpunkt. Die erste Million hatte der Franzose ohne ihn eingeheimst. Von der würde er natürlich nichts zu sehen bekommen. Es blieb nur die Möglichkeit, daß das, was er selber inzwischen weiter erreicht hatte, neuen Gewinn brachte, an dem er vielleicht halbpart teilnehmen könnte. Nach diesem Gesichtspunkt beschloß er, zu verhandeln.

»Ich habe Ihnen erst geschrieben, Monsieur Bigot, nachdem ich ein ordentliches Stück weitergekommen war«, sagte er und beugte sich nach seiner Aktentasche. Dabei entging ihm der gierige Blick, mit dem Bigot seine Bewegungen verfolgte. Bruck öffnete die Tasche, legte die goldigen Platten, die er bei seinen letzten privaten Versuchen erzeugt hatte, von den andern hin und sprach dabei weiter:

»Sehen Sie, ich wollte Ihnen doch etwas Vollkommenes bringen, das die Herstellung im großen auch wirklich lohnt. Hier haben Sie es! Hier ist die Umwandlung restlos durch die ganze Metallmasse hindurch erreicht. Ich glaube, daß dieser Fortschritt wohl seinen Preis wert sein sollte!«

Mit Gewalt zwang sich Bigot zu einer ruhigen Miene. Mit gespielter Gleichgültigkeit nahm er die schweren Plättchen in die Hände und konnte doch nicht verhindern, daß seine Finger vor Aufregung zitterten. In letzter Stunde, da er schon alles verloren glaubte, brachte dieser Deutsche ihm die Rettung. Jetzt nur unbewegt bleiben! Den da um keinen Preis merken lassen, wie die Dinge wirklich standen, ihm die Erfindung abnehmen und dann schleunigst weg damit nach Paris, um dort die verfahrene Situation wieder einzurenken!

»Das sollte wohl seinen Preis wert sein«, wiederholte Bruck seinen letzten Satz.

»Zweifellos, Herr Doktor«, bestätigte Bigot diese Bemerkung. »Ich bin weit davon entfernt, Ihre Leistung zu unterschätzen, aber Sie müssen berücksichtigen, daß auch ich inzwischen weitergekommen bin und den ersten großen Abschluß mit der Kapitalistengruppe gemacht habe. Immerhin könnte ich mir ein Abkommen denken, vielleicht in der Form, daß –«

Von häufigen Einwänden Brucks unterbrochen, entwickelte Bigot seine Vorschläge. Hin und her ging ein zähes Verhandeln. Fast eine Stunde verstrich, bis man sich schließlich einig war.

Jene erste Million war von Bigot allein verdient, davon ließ der Franzose sich nichts abhandeln. Aber alles, was man nun noch weiter aus den Amerikanern herausholen würde, sollte halbpart zwischen ihm und Bruck gehen. Dafür händigte der Doktor ihm die Goldproben aus und überdies alle Unterlagen für den Erzeugungsgang: die genauen Röhrenzeichnungen, die elektrischen Daten und was sonst noch dafür erforderlich war. Auch ein Vertrag wurde entworfen und nach einigem Widerstreben von Bigot unterzeichnet, obwohl er es sonst nicht liebte, etwas Bindendes, Schriftliches aus der Hand zu geben.

Als es nun glücklich so weit war, wollte Bigot die Verhandlungen als beendet betrachten, aber Dr. Bruck hatte das Empfinden, daß er von seiner Seite alles Wertvolle gegeben und so gut wie nichts dafür bekommen hätte. Irgendein Pfand wenigstens für jenen künftigen Reichtum, auf den er nun wieder hoffte, wollte er doch haben. Von neuem hub ein Verhandeln an, und schließlich fand sich Bigot bereit, etwas zu tun, was jeden anderen als den vom Millionenrausch verblendeten Bruck wohl stutzig gemacht hätte. Bigot schrieb Wechsel über eine Million Dollar aus und übergab sie dem Doktor als eine Bürgschaft für die ehrliche Auszahlung der zu erwartenden Gewinne.

»Ich hoffe, Herr Doktor«, bemerkte er dabei, »Ihnen diese Papiere recht bald honorieren zu können, falls nicht etwa Herr Eisenlohr unsere Dispositionen durchkreuzt.«

Bruck hatte Bigot gegenüber die Metallumwandlung bisher stets als seine eigene Erfindung ausgegeben. Verwundert blickte er auf.

»Wie kommen Sie auf Eisenlohr, Monsieur Bigot?«

»Nun, Herr Doktor Bruck, ich nehme an, daß Ihr Chef doch auch um diese Dinge weiß. Es würde unsere Transaktionen empfindlich stören, wenn er jetzt auf die Idee käme, damit an die Öffentlichkeit zu treten.«

»Ausgeschlossen, Herr Bigot!« fuhr Bruck auf. »Eisenlohr denkt gar nicht daran. Das ist es ja, was mich empört und dazu bewogen hat, die Verbindung mit Ihnen aufzunehmen, daß er diese Sache als Bagatelle behandelt. Ich will gar nicht bestreiten, daß wir die ersten Metallumwandlungen zusammen gemacht haben. Sie waren natürlich noch unvollkommen. Zuerst bildete sich nur Goldstaub auf den Bleiplatten. Aber es war doch ein vielversprechender Anfang. Doch vergeblich habe ich Eisenlohr immer wieder auf die enorme wirtschaftliche Bedeutung der Entdeckung hingewiesen. Es war, als ob er taube Ohren hätte ...«

»So, so, Herr Doktor«, warf Bigot dazwischen und setzte eine nachdenkliche Miene auf.

»Es ist fast unglaublich«, fuhr Bruck fort. »Auch bei Arbeiten, die einen ganz anderen Zweck verfolgten, bildete sich dieser Goldstaub gewissermaßen als Nebenprodukt. Können Sie sich vorstellen, daß Eisenlohr ihn wie einen lästigen Abfallstoff einfach aus dem Fenster warf, schimmerndes Goldpulver in den Wald verstreute?«

»Das ist in der Tat schwer faßbar, Herr Doktor. Haben Sie eine Erklärung dafür?«

»Nur die eine, Monsieur Bigot, daß Eisenlohr ein unheilbarer Monomane ist. Wie der Stier auf das rote Tuch stürzt er sich auf ein verstiegenes physikalisches Problem und hat für nichts anderes mehr Sinn.«

Schon öfter als einmal hatte Bigot während der letzten Ausführungen Brucks auf die Uhr gesehen. »Sie müssen mich jetzt entschuldigen, Herr Doktor«, beendete er die Unterhaltung. »Ich habe Eile, wieder nach Paris zu kommen. Man muß das Eisen schmieden, solange es warm ist. Dank Ihrer Hilfe hoffe ich bei unseren Kapitalisten noch einige Millionen locker zu machen.«

Dr. Bruck ging aus dem Zimmer. Zwei Minuten später folgte ihm Bigot, aber er benutzte nicht dieselbe Treppe wie Bruck. Durch einen hinteren Ausgang und den Garten verließ er das Hotel. Auf der Straße am Gartenzaun wartete ein Auto mit laufendem Motor. Bigot sprang mit einem Satz hinein.

»Los, Hartford!« rief er dem Mann am Steuer zu. »Wir haben keine Sekunde zu verlieren, wenn wir unser Flugzeug noch erreichen wollen.«

»Haben Sie alles bekommen?« fragte Hartford, während er Vollgas gab.

»Alles, Hartford!«

»Was hat's gekostet?«

Bigot zog eine Grimasse. »Der Mann ist mit ein paar Wechseln zufrieden gewesen.«

*

Bruck ging die Treppe hinunter und trat wieder in die Vorhalle des Hotels. Unwillkürlich verhielt er den Schritt, als der Name Bigot fiel. Ein Herr, der ihm den Rücken zuwandte, stand am Empfangsschalter und erkundigte sich nach dem Franzosen. Dr. Bruck hörte die Auskunft, die der Fragende erhielt: »Monsieur Bigot steht im Begriff abzureisen, mein Herr. Seine Rechnung hat er bereits bezahlt, aber er dürfte wohl noch auf seinem Zimmer sein.«

Mit einem kurzen »Danke!« wandte der Herr sich der Treppe zu und stutzte, als er Bruck sah. Auch der Doktor blieb stehen. War das nicht jener Hauptmann Reinhard, den er in einer ereignisreichen Nacht auf der Eulenburg kennengelernt hatte? Nicht gerade angenehm jetzt, diese Begegnung, wo er eben ein Geschäft mit dem Franzosen abgeschlossen hatte, das er selber nicht für ganz sauber hielt. Jeder Dritte war dabei überflüssig. Mit einem kurzen Nicken wollte er weitergehen, als Reinhard ihn anhielt.

»Sehr angenehm, Herr Doktor Bruck, daß ich Sie gerade hier treffe. Es wäre mir lieb, für die Unterredung mit einem ausländischen Erfinder einen Sachverständigen bei der Hand zu haben. Würden Sie mir eine Viertelstunde Ihrer Zeit opfern?«

Im stillen verwünschte es Bruck, daß er Reinhard in die Hände laufen mußte. Wie sollte er sich verhalten? Einfach ablehnen? Sich mit Zeitmangel entschuldigen? Es könnte ihn am Ende selber verdächtig machen. Wohl oder übel stimmte er zu und ging mit Reinhard zur Treppe.

»Würden Sie hier einen Augenblick warten? Ich möchte zuerst allein hineingehen«, sagte Reinhard und verschwand in dem Zimmer. Schon nach einer knappen Minute öffnete er die Tür und winkte auch Bruck herein. Der sah, wie Reinhard Schranktüren öffnete und Schubläden aufzog. Alles war leer, radikal ausgeräumt, Bigot verschwunden.

»Der Vogel ist ausgeflogen«, sagte Reinhard.

»Aber er war doch eben noch hier. Wir hätten ihn hinunterkommen sehen müssen«, meinte Bruck und biß sich im nächsten Augenblick auf die Zunge. Da hatte er etwas gesagt, was besser ungesagt geblieben wäre.

Reinhard schien die Worte überhört zu haben. Er war damit beschäftigt, das Zimmer zu durchsuchen. Auf dem Tisch lagen noch die französischen Zeitungen mit den Artikeln über den Verkauf der Erfindung an die Amerikaner. Einen eigenartig verschleierten Blick warf Reinhard abwechselnd auf diese Blätter und auf Bruck. Dann suchte er weiter, fand in einer versteckten Ecke einen Papierkorb und in ihm noch eine Zeitung. Er schlug sie auf, blätterte darin, hielt sie Bruck hin.

»Das hier hat Ihnen Monsieur Bigot wohl nicht gezeigt, Herr Doktor?«

Bruck blickte auf die Überschrift, die Reinhard mit dem Daumen festhielt. Sein Atem stockte.

»Amerikanischer Kapitalist von einem Betrüger hereingelegt! Eine Million durch einen Goldschwindel ergaunert!« stand da in fetten Lettern. Dr. Bruck mußte sich setzen. Hände und Knie zitterten ihm, während er den Artikel überflog. Vergeblich mühte er sich, einen Sinn in das Ganze zu bringen. Seine Million hatte Bigot im trockenen. Daran war nach diesem Aufsatz nicht mehr zu zweifeln. Als Schwindler war er auch entlarvt. Warum um alles in der Welt war er dann noch hierher gekommen? Hatte ihm, Bruck, das Geheimnis der Metallumwandlung für eine hohe Summe abgekauft? Allerdings für zweifelhafte Wechsel abgekauft, ging es ihm im gleichen Moment durch den Kopf. Er griff sich an die Stirn, unfähig, eine Erklärung zu finden.

Reinhard war mit der Untersuchung des Zimmers zu Ende.

»Hier ist nichts mehr zu holen«, meinte er resigniert.

Dr. Bruck wollte noch etwas sagen, etwas fragen. Reinhard achtete nicht mehr darauf. Er stürmte die Treppe hinunter.

Gleich darauf hörte Bruck den Kompressor eines schweren Wagens aufheulen.

*

Wütend knüllte William Spranger eine Zeitung zusammen und schleuderte sie in die Ecke. Die unvermeidliche Pfeife zwischen den Zähnen, schälte James Kelly sich aus seinem Sessel heraus, hob das Blatt wieder auf und glättete es, fragte dabei seinen Partner:

»Warum so stürmisch, Spranger?«

»Es ist schauderhaft, Kelly!« brach der los. »Über alle Maßen scheußlich und widerlich ist es, wie die Boulevardpresse mit Ihnen umspringt. In Wallstreet wird kein Hund mehr ein Stück Brot von Ihnen nehmen ...«

»... wenn er die Wurst bei mir riecht«, sagte Kelly und verzog die Lippen unter dem buschigen Schnurrbart zu einem Lachen.

»Geradezu unglaublich!« ereiferte sich Spranger weiter. »Seit drei Tagen leben die Pariser Zeitungen von Ihrem Reinfall. Alles andere tritt daneben in den Hintergrund. Da, hier!« Spranger griff nach einer anderen Zeitung. »Die neue Kabinettsbildung steht auf der zweiten Seite. Königshochzeit ... Unruhen in Indien ... Überschwemmungen in Illinois kommen auf die dritte. Die erste scheint ausschließlich für Mister Kelly und Monsieur Bigot reserviert zu sein. Wie ist das nur möglich gewesen?«

»Ja, mein lieber Spranger«, das Lächeln Kellys verbreiterte sich zu einem Grinsen. »Man hat so seine Beziehungen zu den Redaktionen. War nicht gerade billig, aber ich denke, es macht sich bezahlt.«

»Ich will froh sein, Kelly, wenn die Sache erst glücklich überstanden ist. Bisher hat unsere Firma solche Geschäfte nicht gemacht. Es wäre mir lieb, wenn wir sie auch in Zukunft nicht mehr machen würden.«

Bevor Kelly etwas antworten konnte, klingelte das Telephon neben ihm. Er nahm den Hörer, griff nach Block und Bleistift und machte sich Notizen.

» All right, Sir, bringen Sie unsere Restbestände zu bestem Kurse weiter zum Verkauf!« hörte Spranger ihn sagen. »New-Yorker Frühbörse«, wandte sich Kelly an seinen Partner. »Wir haben in Wallstreet schon recht hübsch realisiert. An der Pariser Börse morgen möchte ich noch etwas zurückhalten, die Kurse werden noch steigen. Ich denke, Spranger, wir werden eine runde Million Reingewinn buchen können, wenn wir die letzten Goldpapiere verkauft haben. Na, Boy, wie steht Old Kelly jetzt da?«

Spranger suchte nach Worten. Als Börsenmann mußte er die gelungene Spekulation Kellys vorbehaltlos anerkennen. Und trotzdem widerstrebte ihm diese Art, Geschäfte zu machen, ohne daß er sich über die Gründe selber recht klarzuwerden vermochte. Waren es moralische Skrupel, war es der Gedanke, daß so etwas auch leicht einmal schiefgehen und ihre gute Firma an einem Tage bankrott machen könnte? Er hätte es nicht sagen können. Seine Augen glitten über die Verkaufsaufstellungen, die Kelly ihm gegeben hatte, ohne daß er deren Inhalt recht erfaßte. Allzusehr gingen seine Gedanken noch durcheinander, als das Telephon sich schon wieder meldete.

» Damnie! Was will der Mann noch von mir?« knurrte Kelly. »Muß mich dringend sprechen? Höchste Wichtigkeit?« Er deckte das Mikrophon mit der Hand ab und sprach zu Spranger. »Monsieur Bigot ist unten. Scheint noch etwas auf dem Herzen zu haben.«

»Nicht empfangen! Rauswerfen!« gab Spranger zurück und wunderte sich, als er Kelly weiter sprechen hörte: »Schicken Sie den Herrn zu mir hinauf.«

»Was, Kelly? Sie wollen sich noch mal mit dem Betrüger einlassen?« fuhr Spranger empört auf.

»Ruhe, Ruhe, mein Lieber! Kein Hund ist so klein, daß er nicht beißen kann. Ich muß wissen, was der Bursche noch im Schilde führt.«

»Ich will den Menschen nicht mehr sehen, Kelly.«

»Brauchen Sie auch nicht, Spranger. Nur mithören sollen Sie, was er zu sagen hat. Gehen Sie bitte in das Schlafzimmer nebenan und lassen Sie die Tür angelehnt.«

Monsieur Bigot kam in das Zimmer. Geschmeidig, verbindlich, elegant wie immer, aber ein wenig befangen. Ganz wohl schien ihm bei diesem Besuch in der Höhle des Löwen nicht zu sein. Beklommen musterte er Kelly. Der verzog keine Miene und schaute ihn nur groß an, bis der Franzose sich entschloß, zu sprechen.

»Ich bin untröstlich, Mister Kelly ...«

›Daß der Schwindel vorzeitig 'rausgekommen ist‹, wollte Kelly abbremsen, aber Bigot ließ sich das Wort nicht mehr nehmen.

»Untröstlich über die falsche und gehässige Einstellung unserer Presse«, fuhr er redegewandt fort. »Ohne die Spur eines Grundes fällt man über mich und meine Lebensarbeit her, macht mich als Wissenschaftler unmöglich, untergräbt meine Existenz! Ich werde mich mit allen Mitteln dagegen wehren. Ich werde mich nicht scheuen, die Hilfe der Gerichte in Anspruch zu nehmen, wenn diese Schmutzblätter nicht umgehend meine Berichtigungen bringen.«

»Gerichte, Monsieur Bigot?« warf Kelly phlegmatisch dazwischen. »Ich würde an Ihrer Stelle der Justiz lieber aus dem Wege gehen. Der Code pénal sieht für Betrug empfindliche Freiheitsstrafen vor. Aber das können Sie meinetwegen halten, wie Sie wollen. Was hätten Sie mir sonst noch mitzuteilen?«

»Ich wollte Ihnen sagen, Mister Kelly, daß ich in den letzten Tagen wieder ein gutes Stück weitergekommen bin. Tag und Nacht habe ich im Laboratorium gesessen, habe mit einer neuen, verbesserten Röhre gearbeitet ...«

Er griff nach seiner Mappe. »Hier sehen Sie den Erfolg ...« Er warf die Platten, die er von Bruck bekommen hatte, auf den Tisch. »Das wurde in wenigen Stunden hergestellt. Restlos ist die Metallumsetzung gelungen. Jedes Bleiatom in diesen Platten hat sich unter der verstärkten Strahlung in Gold verwandelt. Mit diesen Proben in der Hand, Mister Kelly, werde ich meinen Anwalt auf die Redaktionen schicken und meine Schadenersatzansprüche geltend machen.«

In Kelly stiegen Zweifel auf. Zwar glaubte er bei den letzten Versuchen verdächtige Manipulationen Hartfords bemerkt zu haben, aber eine Täuschung seinerseits war schließlich nicht ausgeschlossen. Der deutsche Freund seines Partners hatte sich ebenfalls abfällig geäußert. Aber immerhin hatte er zugegeben, daß zwei von jenen drei Proben, die Spranger ihm bei seinem letzten Besuch zeigte, ein zweifellos durch Strahlung erzeugtes Gold enthielten. Nur bei der dritten hatte er klipp und klar von Schwindel gesprochen ...

In Gedanken versunken, ließ Kelly die neuen Platten, die Bigot ihm hingelegt hatte, durch die Finger gleiten und bemerkte dabei unregelmäßige Stellen an den Rändern. Er erinnerte sich im gleichen Augenblick, Ähnliches an den früheren von Bigot hergestellten Proben gesehen zu haben.

»Bitte einen Moment Geduld, Mister Bigot!« Er ging in das Nebenzimmer.

Bigot hörte ihn dort flüstern. Ein anderer, wahrscheinlich Spranger, war also dort und konnte mithören. Bigot beschloß, sein weiteres Verhalten danach einzurichten. Kelly kam zurück.

»Wollen Sie mir das erklären?« sagte der Amerikaner und legte das seinerzeit von Eisenlohr zerschnittene Stück vor Bigot hin. Der hatte Mühe, sein Erschrecken zu verbergen. Allzu offenkundig lag der Betrug, den er mit dieser Probe begangen hatte, zutage. Nur unverfrorenes Leugnen konnte die Situation für ihn noch retten. Scheinbar erstaunt betrachtete er das Stück, schob es dann kopfschüttelnd zurück.

»Das ist keine Probe von mir, Mister Kelly«, sagte er bestimmt. »Schon der Rand zeigt Verschiedenheiten. Sehen Sie hier! Vergleichen Sie!« Er schob ihm die anderen Stücke hin. »Meine Proben sind an dem Stanzschnitt leicht zu erkennen. Diese gefälschte Probe hier ... natürlich ist sie falsch, Mister Kelly, man sieht es ja auf den ersten Blick. Ich weiß nicht, wie Sie zu ihr gekommen sind ...« Er schlug die Hände vor die Stirn, als ob ihm plötzlich ein neuer Gedanke käme. »Ein Sabotageakt muß das sein ... ich weiß, ich habe Feinde. Von der Seite her hat man Ihnen das in die Hände gespielt, um mich bei Ihnen zu verdächtigen.«

Immer stärker wurde die Unsicherheit Kellys. Die verschiedensten Möglichkeiten gingen ihm mit Gedankenschnelle durch den Kopf. Wohl erinnerte er sich, daß er zusammen mit Spranger gleich nach jenem letzten Versuch den abweichenden Stanzenschnitt an diesem einen Stück festgestellt hatte. Aber mußte deshalb unbedingt Bigot der Betrüger sein? Konnte nicht auch vielleicht Hartford es getan haben? Der war ja auch Wissenschaftler, sollte in Amerika auf ähnlichem Gebiet gearbeitet haben. Wenn der Gründe hatte, Bigot zu diskreditieren ...Wenn er ein falsches Spiel getrieben hätte. Es war die einzige Erklärungsmöglichkeit, die eigentlich übrigblieb.

Aber dann ... dann konnte an Bigots Erfindung am Ende doch etwas sein. Dann mußte die Zeitungshetze gegen ihn natürlich abgestellt werden. Dann war's aber auch höchste Zeit für ihn, Kelly, seine Goldwerte abzustoßen, denn sowie die öffentliche Meinung wieder zu Bigots Gunsten umschlug, würde der Kurs sofort von neuem schwer gedrückt werden.

Gespannt beobachtete Bigot die Wirkung seiner letzten Worte auf Kelly. Würde der Amerikaner ihm seine Lüge glauben? Würde es ihm gelingen, den noch einmal einzufangen? Er versuchte kühl zu erscheinen, während jede Faser an ihm zitterte. Auch Kelly, sonst die verkörperte Ruhe, war erregt. Seine Stimme klang rauh, als er antwortete.

»Sie werden mir durch neue Versuche den Beweis für Ihre Behauptungen erbringen müssen, Monsieur Bigot.«

»Gewiß, selbstverständlich ...«, stotterte der Franzose.

»Mister Hartford wünsche ich dabei nicht mehr als Experten zu haben. Wir werden uns nach einer anderen, geeigneteren Persönlichkeit umsehen.«

Bigot vermochte nur zu nicken. Ein anderer an Hartfords Stelle? ...

Das konnte seine Pläne gefährden. Wenn Hartford jetzt ohne Entschädigung fortgeschickt wurde, konnte er zu plaudern anfangen.

»Wann können Sie den nächsten Versuch machen?« fragte Kelly. Hoffentlich nicht sofort, ich muß erst meine Papiere los sein, dachte er im stillen und horchte auf, als er Bigots Antwort hörte:

»Ich habe die neue Röhre bei dem letzten Versuch leider überanstrengt. Es muß erst eine neue beschafft werden, bevor ich wieder arbeiten kann ... Eine ... vielleicht auch zwei Wochen wird es dauern, Mister Kelly.«

»Sehr gut, Monsieur Bigot!«

»Wieso gut? Es wäre mir viel lieber, wenn ich den neuen Versuch sofort machen könnte.«

Kelly machte eine abwehrende Bewegung. »Es ist besser so, Monsieur Bigot. Lassen Sie den Lärm in den Zeitungen erst etwas abflauen. Ich glaube, ich werde auch etwas dazu tun können. Wenn Sie heute oder morgen mit Berichtigungen kämen, wäre es den Redaktionen wenig erwünscht. Nach ein paar Wochen weiß kein Mensch mehr, was heute gedruckt wurde. Wenn Sie mich dann wirklich überzeugen, können wir die Sache ganz groß anlegen ... eine Sondervorführung für die Presse, Einladungen ... Informationen, vielleicht können wir sogar ...«, Kelly kniff ein Auge zu, »... einige Goldproben an die Eingeladenen verteilen ... als Andenken, Monsieur Bigot ...«

Für eine kurze Weile wurde Bigot von den Worten Kellys mitgerissen, dann stemmte er sich dagegen, brachte seine Einwände vor.

»Das läuft aber vollkommen gegen unsere ersten Abmachungen, Mister Kelly. Wir gingen damals doch davon aus, daß die Erfindung unbedingt geheimbleiben müßte.«

Bigot mußte lange auf eine Antwort warten. James Kelly hing schon wieder seinen eigenen Gedanken nach. Neue, noch größere Spekulationsmöglichkeiten erblickte er für sich in einer nahen Zukunft. Einerlei, ob diesem zweifelhaften Alchimisten sein Kunststück gelingen würde oder nicht – Kelly hoffte durch ihn noch viele Dollar zu gewinnen.

»Wir haben ja Zeit, uns das in aller Ruhe zu überlegen, Monsieur Bigot. Es hängt ganz von uns ab, ob wir mit der neuen Sache an die Öffentlichkeit gehen wollen oder nicht«, beendete er die Unterredung.

*

Die Vorhersage Kellys, daß die Affäre Bigot bald in Vergessenheit geraten würde, traf schneller ein, als er es selber erwartete. Die Veröffentlichungen Eisenlohrs und Brauns über die künstliche Urzeugung waren erschienen. In wissenschaftlichen Fachzeitschriften zuerst, doch schnell fanden sie von dort ihren Weg in die Presse der ganzen Welt. Begierig stürzten sich die großen Tageszeitungen in diesen Sommermonaten auf den dankbaren Stoff. Funk und Bildfunk verbreiteten den Inhalt jener ersten Veröffentlichungen und die Photos, die ihnen beigegeben waren, über die ganze Erde. Leitartikel erschienen ebenso in Europa wie in New Jork, Frisko und Melbourne, in denen Eisenlohr den größten Entdeckern aller Zeiten an die Seite gestellt und auch die Arbeit Brauns voll gewürdigt wurde. Dem gegenüber verschwand alles, was hier und dort noch über Monsieur Bigot und seine Taten geschrieben worden war, schnell und lautlos in der Versenkung.

Und dann rückte ein Heer von Berichterstattern, Photographen und Filmleuten auf der Eulenburg an und bereitete dem alten Michelmann unruhige Tage. Mit der Wucht eines Elementarereignisses brach es herein. Vergeblich wäre jeder Versuch gewesen, sich dem Ansturm entgegenzustemmen, sowenig er Eisenlohr auch gelegen kam und sosehr Professor Braun darüber brummte. Es blieb den beiden nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen, sich hundertmal knipsen und filmen zu lassen und auch das künstlich gezeugte Leben, das in den Röhren und Retorten weiterwuchs, den Linsen der Kinoapparate preiszugeben.

Objektive Berichte waren es zuerst, die von den Tageszeitungen und Zeitschriften veröffentlicht wurden, doch bald schon setzte die Phantasie ein und begann hinzuzudichten, was zwar noch nicht da war, aber doch eines Tages vielleicht ... möglicherweise ... Wirklichkeit werden konnte. In der amerikanischen Sensationspresse fing es an und kam bald dazu, sich zu überschlagen.

Aufgeregt stürmte Professor Braun in Eisenlohrs Arbeitszimmer und funkelte ihn durch seine Brillengläser zornig an, während er ein amerikanisches Magazin auf den Tisch schleuderte.

»Sehen Sie das, Herr Eisenlohr!« Er deutete auf eine ganzseitige Abbildung. »Das geht entschieden zu weit. Wir riskieren unseren Ruf als ernsthafte Wissenschaftler, wenn wir nicht dagegen einschreiten.«

Eisenlohr griff nach dem Blatt und sah sich die Illustration an. Sie zeigte einen Blick in den offenen Brutschrank, aber sein Inhalt, so wie er hier dargestellt war, entsprach wenig den Tatsachen. Große Retorten standen darin, in denen in irgendwelchen Flüssigkeiten schwebend wunderliche Gebilde zu sehen waren, embryonenhafte Wesen, die eine gewisse Ähnlichkeit mit dem sagenhaften Homunkulus mittelalterlicher Alchimisten aufwiesen.

Nicht minder phantastisch als die Zeichnung war der zugehörige Text. Ein erfindungsreicher Reporter berichtete darin über weitere Versuche der beiden deutschen Gelehrten, von denen diese selber noch nichts wußten. Durch die Anwendung verbesserter und verfeinerter Strahlungen sollte es ihnen gelungen sein, die lebendigen Zellen in ihren Gläsern zu größeren organischen Gebilden weiterzuentwickeln.

»Gar nicht so übel«, meinte Eisenlohr, als er beim Lesen an diese Stelle kam, »der Mann hat Phantasie; das muß man ihm lassen.«

»Schwindeln tut der Kerl, und zwar auf unsere Kosten!« fuhr Braun ärgerlich dazwischen.

»Hm, ja, hier trägt er allerdings zu dick auf«, sagte Eisenlohr weiterlesend, »der Mann überschätzt uns. Wenn wir das schon hätten, was er uns andichtet, dann könnten wir uns für Geld sehen lassen. Ist aber niedlich gesagt, was er hier schreibt: ›Der phylogenetische Stammbaum in der Retorte durch neue Strahlung nachgemacht, die künstlichen Zellen gliedern sich im Reagenzglas ähnlich wie in einem bebrüteten Hühnerei.‹ Na, was sagen Sie dazu, Professor?«

»Unverantwortlich finde ich es!« fuhr Braun los. »Durch solche Veröffentlichung werden wir in wissenschaftlichen Kreisen diskreditiert. Ich weiß, was Sie sagen wollen«, fuhr er auf eine abwehrende Bewegung Eisenlohrs fort. »Wir haben mit dem Artikel nichts zu tun. Aber wird man uns das in der Öffentlichkeit glauben? Nein, Herr Doktor Eisenlohr! Man wird natürlich annehmen, daß wir irgendwie dahintersteckten. Man wird uns schließlich noch mit allerlei Schwindlern, wie etwa diesem Monsieur Bigot, von dem hier kürzlich die Rede war, in einen Topf werfen. Aber das darf nicht sein, Herr Doktor! Gegen diese Art einer Berichterstattung müssen wir uns energisch wehren. Ich will der Schriftleitung dieses Magazins einen Brief schreiben, den sie sich nicht hinter den Spiegel stecken wird.«

»Tun Sie meinetwegen, was Sie nicht lassen können, Herr Professor«, sagte Eisenlohr achselzuckend. »Viel Zweck wird es kaum haben. Ich möchte etwas ganz anderes vorschlagen.«

»Da bin ich wirklich neugierig, Herr Eisenlohr. Was gedenken Sie denn zu tun?«

»Ich möchte die Anregung, die hier gegeben wird, nicht unter den Tisch fallen lassen, um so weniger, als sie meinen eigenen Ideen ziemlich nahe kommt.«

»Ihren Ideen, Herr Eisenlohr?! Ja, um des Himmels willen, Sie nehmen diesen blutigen Unfug doch nicht ernst? Ich denke, der weitere Gang unserer Arbeiten liegt fest. Darüber waren wir uns doch einig.«

»Sie haben es sich in den Kopf gesetzt, mein lieber Herr Professor, Ihre sämtlichen Gelatineproben erst durchzuarbeiten. Ich glaube, ich sagte es schon einmal, daß wir etwas Neues und Grundlegendes dabei kaum erwarten dürfen. Ich meine, wir sollten jetzt einmal anders vorgehen.«

»Anders vorgehen? Ja, was wollen Sie denn machen, Herr Eisenlohr?«

»Wir haben unsere Zellen nach ihrer Erzeugung bisher einfach in den Brutschrank gestellt und dort ihrer weiteren natürlichen Entwicklung überlassen. Für den Anfang war das auch ganz gut, aber jetzt möchte ich anders verfahren. Ich möchte die belebte Materie dauernd der Strahlung aussetzen und sehen, was dann daraus wird.«

Professor Braun legte sein Gesicht in abweisende Falten. Was Eisenlohr vorschlug, war durchaus nicht nach seinem Sinn.

Mit vielen Worten und Gründen versuchte er seinen Standpunkt zu verteidigen, bis Eisenlohr es schließlich aufgab, ihn umzustimmen.

»Also führen Sie Ihren Arbeitsplan in Gottes Namen durch, Herr Professor«, entschied er, »Herr Doktor Holthoff kann Ihnen dabei weiter assistieren.«

»Und was wollen Sie machen?« fragte Braun mißtrauisch.

Eisenlohr antwortete ausweichend. »Ich weiß es noch nicht, Herr Professor. Ich muß mir die Sache erst noch mal durch den Kopf gehen lassen.« –

Während der nächsten Tage arbeitete Professor Braun vom frühen Morgen bis zum sinkenden Abend angestrengt mit Holthoff zusammen. Immer neue Gelatineproben setzten sie der Einwirkung der Strahlröhre aus. Immer wieder wurde Materie dadurch belebt, und bald vermochte der Brutschrank trotz seiner Größe die Früchte ihrer Arbeit nicht mehr zu fassen. Jene Reagenzgläser und Retorten, welche die Erzeugnisse der ersten Versuche enthielten, mußten den Platz räumen.

»Wohin damit?« fragte Dr. Holthoff den Professor.

»Geben Sie sie her«, sagte Eisenlohr, der gerade dazukam. »Ich werde sie anderswo unterbringen.«

Ein wenig verwundert blickte ihm Holthoff nach, als Eisenlohr, mit den Gläsern beladen, den Keller verließ. Es war ihm nicht recht klar, was der damit vorhatte. Sein Staunen würde aber wahrscheinlich noch größer geworden sein, hätte er die nächsten Schritte seines Chefs beobachten können. –

Ungefähr in der halben Höhe des Burgberges lag an dessen Südseite in einer Geländefalte ein kleiner Weiher. Kaum ein Teich, eigentlich nur ein Tümpel, knapp dreißig Meter lang und nicht ganz so breit.

Ein dichter Schilfkranz umgab ihn. Eine kaum fingerstarke Quelle, die etwas höher dem Berg entsprang, ergoß sich in ihn; einen sichtbaren Abfluß hatte dieses winzige Gewässer nicht.

Ein Angler hätte hier wohl vergeblich Beute zu machen versucht, aber im Frühjahr verriet ein Froschkonzert, daß doch allerlei Wassergetier darin vorhanden war. Zu diesem Teich ging Eisenlohr mit seinen Gläsern und schüttete deren Inhalt kurzerhand hinein. Für immer verloren schien damit jenes Leben zu sein, das einst mit soviel Kunst und Wissenschaft im Laboratorium der Burg gezeugt wurde.

Nicht mehr die Temperatur des Brutschrankes, sondern nur noch das sommerwarme Teichwasser umgab hier diese Zellen. Würden sie die jähe Veränderung ihrer Lebensbedingungen überstehen oder dabei zugrunde gehen?

Wir werden es sehen, wir werden hoffentlich noch mehr sehen, dachte Eisenlohr, während er mit den leeren Gläsern zur Burg zurückkehrte.

*

Von zweifacher Art waren die Sorgen, die Monsieur Bigot bedrückten. Da war erstens die von Tag zu Tag dringlicher werdende Frage, wie seine Geschäfte mit der Firma Kelly & Company weitergehen sollten; und zweitens ließ sich auch eine Klarstellung seines Verhältnisses zu Hartford nicht länger mehr aufschieben.

Wie mit einem Schlage war ihm durch die Zeitungsmeldungen, die ihn als Schwindler brandmarkten, jeder Kredit abgeschnitten. Alles, was er brauchte, mußte er bar bezahlen, und er brauchte viel, um jene Pläne, die ihm Bruck zugesteckt hatte, in Glas und Stahl umzusetzen. Wohl stand jetzt eine neue Strahlröhre, nach diesen Plänen gefertigt, in der Rue St. Antoine. Auch die Spannung der elektrischen Anlage war den Vorschriften entsprechend erhöht worden, aber für die Kühlanlage hatte es nicht mehr ganz gereicht. Die kleine Kältemaschine, die Bigot eben gerade noch zu beschaffen vermochte, gestattete nur eine kurze Arbeitszeit der Röhre, nach der jedesmal eine längere Betriebspause eingelegt werden mußte.

Schon wieder begann es jetzt in dem Zuführungsrohr zu den Röhren hin zu röcheln, ein Zeichen dafür, daß der Vorrat an flüssiger Luft erschöpft war. Mit einem Fluch stellte Bigot den Strom ab und nahm eine Bleiplatte aus dem Apparat.

»Nur zur knappen Hälfte umgewandelt, Hartford. Jetzt muß die Kältemaschine erst wieder eine halbe Stunde flüssige Luft schaffen, bevor wir weiterarbeiten können.«

»Ja, mein lieber Bigot«, Hartford zuckte die Achseln, »ich fürchte, übermäßig imponieren werden wir Mister Kelly mit unserer Anlage nicht. Es wird uns nicht leichtfallen, daraufhin weitere Dollar bei ihm locker zu machen.«

Während Hartford sprach, kam Bigot ein Brief Kellys in die Erinnerung, den er seit drei Tagen in der Tasche mit sich herumtrug. »Sie sprechen per wir und uns«, begann er zögernd. »Ich darf es Ihnen nicht länger verschweigen: Kelly hat bedauerlicherweise ein Vorurteil gegen Sie gefaßt. Er verlangt für die neuen Versuche einen anderen Experten.«

»Was? Einen anderen Experten?« Hartford fuhr gereizt auf. »Ich hoffe doch, Sie haben sich geweigert, auf diese unerhörte Bedingung einzugehen.«

Bigot machte eine unschlüssige Bewegung. »Ich habe alles mögliche versucht, Mister Hartford. Bisher habe ich mit Ihnen noch gar nicht von der Sache gesprochen, weil ich glaubte, daß es mir gelingen würde, Mister Kelly umzustimmen, aber jetzt ... Sehen Sie diesen Brief –«, er griff in die Tasche und reichte Hartford ein Schreiben, das die energischen Schriftzüge Kellys trug. Hartford überflog es und wurde blaß.

»Weiß der Himmel, woher der Mann seine Informationen hat!« fuhr Bigot fort. »Er behauptet steif und fest, daß es einen Professor Percy Hartford nicht gäbe. Beruft sich dabei auf eine Auskunft, die er telegraphisch von einem Professor James Hartford in Schenektady eingeholt haben will. Schreibt, daß er noch andere, genauere Auskünfte erwarte. Was wollen Sie unternehmen?«

Hartford zerriß den Brief Kellys in kleine Stücke, warf sie in einen Aschenbecher, zündete sie an und sah ruhig zu, wie das Papier in Flammen aufging.

»Was wollen Sie tun?« wiederholte Bigot seine Frage.

»Was wollen Sie tun, Monsieur Bigot?« fragte Hartford zurück. Vergeblich wartete er auf eine Antwort und sprach selber weiter: »Vergessen Sie nicht, Bigot, daß wir auf Gedeih und Verderb verbunden sind. Wenn Sie etwa glauben, mich jetzt einfach beiseitewerfen zu können, so wäre das ein folgenschwerer Irrtum von Ihrer Seite. Ja doch!« unterbrach er einen Einwand Bigots. »Ich kann mir schon denken, was Sie vorhaben. Dank den fremden Plänen können Sie jetzt endlich Gold machen, was Sie bisher noch niemals gekonnt haben. Da können Sie es zur Not riskieren und den Experten nehmen, den Kelly mitbringt! Nachher munter Dollars einkassieren ... und ich? – Ich kann sehen, wo ich bleibe!«

»Aber nein, Hartford«, die Stimme Bigots klang gequält, »ich denke gar nicht daran. Ich weiß, was ich Ihnen schuldig bin ...«

»Alles sind Sie mir schuldig, Bigot! Vergessen Sie das ja nicht! Ich rate es Ihnen zu Ihrem eigenen Besten. Sie wissen, daß ich Sie in der Hand habe!«

»Sie brauchen mir nicht zu drohen.« Müde ließ sich Bigot in einen Sessel fallen. »Sie kennen jetzt die Lage. Raten sollen Sie mir, Hartford. Sagen Sie mir, was soll ich tun?«

»Sie müssen es der Abwechslung halber mal mit der ehrlichen Tour versuchen, Bigot.«

Der Franzose sah seinen Kumpan verständnislos an. »Wie meinen Sie das, Hartford?«

»Wir brauchen Geld, Bigot. Das ist jetzt das wichtigste.«

»Geld?« stöhnte Bigot und fuhr sich mit beiden Händen in seinen dunklen Schopf. »Bei Gott, Geld! Wir haben es bitter nötig, Hartford. Die Gläubiger lassen sich nicht länger vertrösten.«

»Gläubiger? Unsinn! Die können warten; andere Dinge sind nötiger. Mit der elenden Kühlanlage hier kommen wir Kelly and Company besser nicht vor die Augen. Da müßte vor allen Dingen erst mal eine richtige Kältemaschine her –«

»Unmöglich, Hartford! Ich habe einen Kostenanschlag dafür eingefordert. Die Maschine würde an die zwanzigtausend Dollar kosten –«

»Ungefähr die gleiche Summe«, fuhr Hartford ungerührt fort, »müßte ich für mich beanspruchen, wenn ich mich die nächsten Wochen im Hintergrund halten soll. Etwas Bewegungsgeld müssen Sie auch haben, Bigot, um hier weiter standesgemäß auftreten zu können. Sagen wir alles in allem fünfzigtausend Dollar, damit würde der erste, dringendste Geldbedarf gedeckt sein.«

»Sie hätten Finanzminister werden sollen!« sagte Bigot in einem Anfall von Galgenhumor. »Vielleicht haben Sie auch die Güte, mir mitzuteilen, woher wir die Deckung für diesen eben von Ihnen aufgestellten Etat nehmen sollen?«

Hartford lachte.

»Ich deutete es Ihnen bereits an, mein lieber Bigot. Diesmal müssen wir es mit Hilfe der ehrlichen Tour machen, so unbekannt Ihnen dieser Weg auch zu sein scheint. Sie werden sich eben damit befreunden –«

»Zum Donnerwetter, Hartford!« fuhr Bigot ärgerlich auf: »Reden Sie nicht um den Brei herum! Sagen Sie endlich, was Sie vorhaben!«

»Das Einfachste und Nächstliegende, mein Lieber. Wir können jetzt wirklich Gold machen. Also werden wir es machen und verkaufen, bis wir die Summe zusammen haben, die wir vorerst mal brauchen. Unterbrechen Sie mich nicht, Bigot! Ich weiß, was Sie sagen wollen. Es wird eine langweilige Sache sein, bis wir die ersten zwanzigtausend zusammen haben. Dann muß sofort eine neue Kältemaschine hierher. Der Rest wird dann schneller gehen.«

»Sind Sie toll geworden, Hartford? Hunderttausend Dollar – einige siebzig Kilogramm gediegenes Gold würde das heißen. Nur milligrammweise haben wir es bisher erzeugen können –«

»Mit Ihren Schwindelversuchen!« fiel ihm Hartford barsch ins Wort. »Mit der deutschen Apparatur wird es besser gehen. Ich halte es nicht einmal für ausgeschlossen, daß wir dauernd Geschmack an der Sache gewinnen und überhaupt für eigene Rechnung fabrizieren ...«

»Sie sind toll geworden, Hartford! Vollkommen übergeschnappt!« entrüstete sich Bigot von neuem. »Selbst wenn wir Gold hätten, könnten wir es nicht absetzen. Der Handel mit Gold ist in Frankreich Staatsmonopol. Bei dem ersten Versuch, auch nur ein Kilo zu verkaufen, würde man uns festnehmen.«

Hartford lachte aus vollem Halse los. Eine Minute verstrich, bevor er weiterreden konnte. » By Jove, Bigot, was sind Sie für ein blutiger Anfänger! Wissen Sie wirklich noch nicht, daß der illegale Handel da am üppigsten blüht, wo der legale eingeschränkt wird? Halten Sie mich etwa für so naiv, daß ich mit unseren Barren zur Bank von Frankreich gehen werde? Nein, mein Teurer, es gibt andere, bessere Wege. Die Hauptsache ist, daß wir das Gold erst einmal machen. Den Absatz lassen Sie meine Sorge sein.«

Noch einen letzten Einwand versuchte Bigot. »Sie werden die Barren für ein Spottgeld verschleudern müssen, wenn Sie damit zu Schwarzhändlern gehen. Man weiß doch, wie die es treiben. Die Hehler kaufen die Ware für einen Bruchteil des wirklichen Wertes.«

Hartford schwankte zwischen Lachen und Staunen. »Hehler? Ja, wer spricht denn hier von Hehlern, Bigot? Das ist ein Handel wie jeder andere. Gewiß illegal, weil Gesetze heute verbieten, was gestern noch erlaubt war, aber sonst durchaus reell. Sie haben ja keine Ahnung«, fuhr er fort, als Bigot sich noch einen Zweifel erlaubte, »wie Juweliere, Dentisten und andere Goldverbraucher in Frankreich heute hinter dem gelben Metall her sind. Ich garantiere Ihnen einen Preis, der höchstens um zehn Prozent niedriger ist als der, den die Bank von Frankreich zahlt.«

»Und das Risiko? Wenn Sie erwischt werden, Hartford?«

»Ah bah! Halten Sie sich nur dran und machen kräftig Gold – alles andere überlassen Sie mir!«

*

Im Laboratorium der Eulenburg arbeiteten Professor Braun und Holthoff programmäßig weiter, obwohl es selbst dem geduldigen Dr. Holthoff nachgerade etwas zuviel wurde. Mit der Hartnäckigkeit eines Wildesels – um ein gelegentliches Wort Eisenlohrs zu gebrauchen – versteifte sich Braun darauf, die sämtlichen von ihm mitgebrachten Gelatinearten durchzuarbeiten. Alles andere interessierte ihn nicht. Auch die Tatsache, daß er durch seine Arbeiten die große Strahlröhre vollkommen mit Beschlag belegte, ließ ihn kalt. Mochten die andern doch sehen, wie sie mit ihren Sachen zurechtkamen!

Dr. Bruck benutzte die unfreiwillige Muße, um sich in seinem Arbeitszimmer mit theoretischen Berechnungen zu beschäftigen. Jener zweifelhafte Handel mit Bigot nahm ihn doch stärker mit, als er es selber für möglich gehalten hätte. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten vermied er es, Eisenlohr oder Holthoff in die Augen zu sehen. Bei seiner augenblicklichen Gemütsverfassung fühlte er sich in der Einsamkeit seines Studierzimmers am wohlsten.

Eisenlohr hatte noch an dem gleichen Tage, an dem er die erste bestrahlte Gelatine in den kleinen Burgteich schüttete, ein paar Telegramme nach Frankfurt und Berlin abgehen lassen. Als Antwort kamen schon in den nächsten Tagen mehrere Frachtstücke auf der Eulenburg an. Gemeinsam mit Michelmann machte er sich daran, sie in seinem eigenen Arbeitszimmer auszupacken. Mit Mißbehagen sah das alte Faktotum, wie Eisenlohr Holzwolle und Watte, in denen die Apparate verpackt waren, achtlos auf den Teppich warf.

»Wäre es nicht besser, Herr Doktor, wenn wir die Sachen im Laboratorium auspackten?« erlaubte er sich schüchtern zu bemerken.

»Nein, Michelmann. Wir machen es hier«, schnitt Eisenlohr den Einwand kurz ab und ging daran, eine neue Strahlröhre aus der Watteverpackung herauszuschälen. Sorgfältig legte er sie in einen Schrank, um sich dann an die nächste Kiste zu machen. Michelmann mußte kräftig mit zufassen, als sie einen Transformator aus ihr heraushoben. Schalt- und Meßgeräte enthielt die dritte Kiste, und dann konnte der Alte darangehen, die Spuren dieser Packerei zu beseitigen und das Zimmer wieder in Ordnung zu bringen. –

Dr. Bruck fuhr zusammen, als es klopfte und die Tür seines Zimmers geöffnet wurde. Er wollte den Block, auf dem er gerechnet hatte, beiseiteschieben, aber es war zu spät dazu. Eisenlohr stand bereits neben ihm und überflog die Formeln, die auf dem Papier standen. Unwillkürlich runzelte sich seine Stirn, als er sie genauer betrachtete.

»Ich habe die unfreiwillige Arbeitspause dazu benutzt, Herr Eisenlohr«, begann Bruck unsicher, »mich theoretisch mit einem Problem zu beschäftigen, das –«

»– Ihnen mehr am Herzen zu liegen scheint als unsere anderen Arbeiten, Herr Doktor Bruck. So, wie Sie es hier angegriffen haben, werden Sie es aber nicht lösen.«

Eisenlohr deutete auf eine Stelle in den Aufzeichnungen Brucks und bemühte sich, seine Meinung mit mathematischen Gründen zu belegen. Bruck versuchte seine eigene Auffassung zu verteidigen und führte gegen die Einwände Eisenlohrs neue Formeln ins Treffen. Eine wissenschaftliche Diskussion entspann sich zwischen den beiden; sie zog sich über eine gute halbe Stunde hin, bis Bruck plötzlich den Bleistift fallen ließ und sein Gesicht in die Hände stützte.

»Sie haben recht, Herr Eisenlohr, so geht es in der Tat nicht. Jetzt sehe ich den Fehler selber.«

Eisenlohr schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter. »Gut, daß Sie es endlich einsehen, Bruck. Werfen Sie den Formelkram in den Papierkorb und kommen Sie mit ins Freie! Frische Luft wird Ihnen nach dem Stubenhocken nichts schaden.«

Bruck stand aus und folgte Eisenlohr in den Vorraum. Er glaubte, daß der Chef wieder einmal Lust hätte, ein wenig durch den Wald zu laufen und zu plaudern. Als Eisenlohr einen Schrank aufschloß und einen blauen Leinenkittel herausnahm, stutzte er.

»Was haben Sie vor, Herr Eisenlohr?«

»Wollen ein bißchen Monteur spielen, Bruck.« Eisenlohr zog seinen Rock aus und dafür den Kittel an. »Nehmen Sie auch einen!« Er reichte ihm einen zweiten Kittel. »So!« fuhr er fort, nachdem Bruck ihn angezogen hatte. »Wir wollen eine Leitung ziehen. Ich habe die Trasse bereits abgesteckt und alles vorbereitet.« –

Es war ein tüchtiges Stück Arbeit, das Eisenlohr sich vorgenommen hatte und bei dem Bruck kräftig mithelfen mußte. Über fünfhundert Meter hin von der Burg bis zu dem kleinen Teich galt es eine blanke Freileitung zu spannen. Mit Kreidekreuzen hatte Eisenlohr bereits die Bäume gekennzeichnet, in deren Stämme die Isolatoren eingeschraubt werden sollten. Von Stamm zu Stamm hieß es zunächst eine Leiter schleppen, um das zu besorgen.

Bald wischte sich Bruck den Schweiß von der Stirn.

»Könnte uns Michelmann dabei nicht helfen?« fragte er.

»Ich möchte es mit Ihnen allein machen«, lehnte Eisenlohr den Vorschlag ab. »Ich bitte Sie auch, zu den andern nicht über diese Anlage zu sprechen.«

Erst jetzt fiel es Bruck aus, daß die Bäume für die Isolatoren in einer besonderen Absicht ausgewählt waren. Die Leitung folgte nicht dem kürzesten Wege, sondern verlief so, daß Isolatoren und Drähte durch halbhohes Unterholz überall gegen Sicht getarnt blieben. Es schien fast ausgeschlossen, daß jemand sie zufällig entdecken könnte.

Bruck machte sich allerlei Gedanken darüber, während sie gemeinsam die starken Kupferdrähte von Isolator zu Isolator spannten, und seine Neugier wurde noch stärker, als danach der zweite Teil der Arbeit an die Reihe kam.

Auf einem Karren schafften sie gemeinsam den keineswegs leichten Transformator an den Teich. Eine kräftige Bohle mußte hier vom festen Ufer zu einem Felsblock gelegt werden, der von dichtem und übermannshohem Schilf umgeben in dem sumpfigen Vorland lag. Dann erst konnten sie den Apparat dorthin bringen und aufstellen. Auch hier war die Tarnung eine vollkommene, und das gleiche galt für ein Stativ mit der neuen Strahlröhre, das seinen Platz dicht neben dem Transformator auf dem Felsblock fand.

Die Sonne stand schon tief am Horizont, als hier alles richtig zusammengeschaltet war. Dr. Bruck fühlte, wie sein Magen knurrte. Eisenlohr lachte.

»Sie scheinen Appetit zu haben, Kollege. Ist nach der Arbeit ohne Mittagspause und ohne Mittag nicht weiter verwunderlich. Um so besser wird's Ihnen jetzt schmecken. Wollen sehen, was es für uns gibt.« Langsam stiegen sie den Berg wieder hinauf; Bruck schleppte die Leiter, Eisenlohr trug eine schwere Werkzeugtasche. Ein paarmal machten sie halt, um sich zu verschnaufen.

Während einer solchen Rast wiederholte Eisenlohr seine Forderung nach unbedingter Verschwiegenheit. »Ich möchte unter keinen Umständen, daß über die Versuche, die ich hier vorhabe, vorzeitig etwas bekannt wird. Also bitte, Herr Doktor, auch Diskretion gegenüber Braun und Holthoff!«

Bruck wurde von zwiespältigen Empfindungen bewegt. Die wissenschaftliche Diskussion an diesem Morgen hatte seine Hoffnungen auf künftigen Reichtum schwer erschüttert. Bei den Ausführungen, die Eisenlohr in dieser Debatte machte, war ihm mit Schrecken klargeworden, daß es auf dem Wege, den er Bigot gewiesen hatte, kaum gehen würde. Sollte er dem Millionentraum weiter nachhängen? Sollte er ihn ein für allemal aufgeben? Das Vertrauen, das Eisenlohr ihm jetzt mit seinen letzten Worten entgegenbrachte, ließ ihn seinen eigenen Vertrauensbruch doppelt schwer empfinden. Wie eine Zwangsvorstellung begann ihn das alte Wort vom betrogenen Betrüger zu verfolgen; um sich davon frei zu machen, fing er an, von technischen Dingen zu sprechen.

»Sie haben keine Kühlanlage für die neue Strahlröhre, Herr Eisenlohr?«

»Es muß diesmal ohne flüssige Luft gehen, Bruck, die Anlage würde sonst zu kompliziert werden«, beantwortete Eisenlohr seine Frage. »Nach meiner Berechnung wird es auch so gehen. Ich beabsichtige, das Gewässer für den Rest des Sommers einer ultraharten, aber verhältnismäßig schwachen Dauerstrahlung auszusetzen. Wenn meine Vermutungen zutreffen, werden wir dabei allerlei überraschende Erscheinungen beobachten können.«

»Für den Rest des Sommers, Herr Eisenlohr?«

»Und auch für den Herbst, solange er mild bleibt, mein lieber Bruck.«

»Das wären immerhin ein paar Monate. So lange wollen Sie die Anlage hier im Freien lassen? Ohne Bewachung, ohne Schutz? Wenn ein Unbefugter sie zufällig entdeckte –?«

»Das ist kaum zu fürchten«, lehnte Eisenlohr den Einwurf ab. »Wir haben alles gut getarnt. Außerdem kommt hier kaum ein Fremder hin. Der Weg zur Burg läuft ja über die andere Bergseite. Kommen Sie, wir wollen weitergehen.«

Schweigend schulterte Bruck seine Leiter, und sie stiegen den hier ziemlich steilen Hang empor. Noch einmal machten sie Rast, und wieder kam Bruck auf seine Bedenken zu sprechen.

»Ah bah!« lehnte Eisenlohr sie ab. »Die Leitung wird dauernd unter einer Spannung von zweitausend Volt stehen. Die schützt sich selber gegen unerbetene Neugierige. Der Transformator ist gepanzert. Wer ihn aufzubrechen versucht, hat sich die Folgen selber zuzuschreiben. Die Strahlröhre – nun, Bruck, ich möchte keinem empfehlen, in ihre Nähe zu kommen, solange die Leitung unter Strom ist. Sie machen sich unnötige Sorgen.« –

Bei der gemeinsamen Abendmahlzeit hatte Professor Braun die Hauptkosten der Unterhaltung zu tragen. Begeistert berichtete er von gelungenen neuen Versuchen; aber schon wieder war der Brutschrank darüber zu eng geworden. Ältere Proben mußten neuen Platz machen.

»Ich werde sie nachher an mich nehmen, Herr Professor«, sagte Eisenlohr. »Ich habe inzwischen einen geeigneten Platz dafür eingerichtet.«

Er vermied es, die Frage, die in Holthoffs Blick lag, zu beantworten, und ließ Braun weiter von seinen Versuchen erzählen.

*

»Doch etwas zu früh verkauft!« knurrte Kelly zwischen zwei Rauchwolken und reichte Spranger einen Kurszettel hin. Der schob ihn zurück.

»Interessiert mich nicht mehr. Gott sei Dank, daß wir die Geschichte hinter uns haben. Sie sollten endlich etwas tun, Kelly, um Ihren ramponierten Ruf wiederherzustellen. In Wallstreet hält man Sie immer noch für den Reingefallenen. Briefe, die ich heute früh aus New York bekam, lassen keine Zweifel daran.«

Kelly qualmte wie ein Küstendampfer. »Mir egal, was die Idioten in Wallstreet über mich denken. Spranger. Ärgert mich nur, daß ich unsere Goldpapiere etwas zu früh abgestoßen habe. Wir hätten zwanzig Punkte mehr 'rausholen können, wenn ich noch eine Woche gewartet hätte. Habe mich durch den Kerl, den Bigot, bluffen lassen. Drei Wochen sind darüber verstrichen. Jeden Tag dachte ich, er würde sich melden ...«

»Ich bin heilfroh, daß wir den Menschen glücklich los sind«, unterbrach ihn Spranger. »Das Konto Bigot bleibt ein finsterer Posten in unserem Hauptbuch.«

»Aber ein recht nutzbringender, mein Boy. Ich wäre ganz zufrieden, wenn wir noch ein paar andere von derselben Art buchen könnten.« Er sah seinen Partner an und fuhr fort: » By Jove, Spranger, jetzt machen Sie wieder ein Gesicht wie ein Methodistenprediger! Nachgerade sollten Sie doch gelernt haben, daß Moral und Geschäft zweierlei sind.«

»Lassen wir das«, wehrte Spranger ab, »darüber will ich mit Ihnen nicht streiten. Es ist etwas anderes, das mir nicht aus dem Kopf will.«

»Schießen Sie los, Spranger! Was haben Sie noch auf dem Herzen?«

»Es ist die Einstellung meines alten Studienfreundes Eisenlohr zu diesen Dingen. Sie bleibt mir ein Rätsel.«

»Eisenlohr?« Kelly machte eine abfällige Bewegung. »Kein Mann, um Geschäfte mit ihm zu machen. Soweit ich es übersehe, der typische deutsche Gelehrte. Weltfremd – Idealist – in den Zeitungen stand kürzlich etwas über ihn. War eine reichlich verrückte Sache. Er soll Gelatine durch eine Strahlung lebendig gemacht haben. Dafür gibt ihm Wallstreet keinen roten Cent.– Wissenschaftlicher Ruhm? – Nonsens! Davon ist noch keiner satt geworden!«

»Sie kennen Eisenlohr nicht, sonst würden Sie anders von ihm reden«, unterbrach Spranger seinen Partner. »Er hat nicht nur bedeutende Erfindungen gemacht, sondern auch verstanden, sie gewinnbringend zu verwerten. Haben Sie niemals etwas von den Eisenlohrpatenten gehört?«

»Keine Ahnung, Spranger«, knurrte Kelly.

»Er bezieht Lizenzen daraus, die nicht von schlechten Eltern sind. Glauben Sie mir, Kelly, er ist kein schlechter Geschäftsmann, und gerade deswegen wundert es mich, daß er so gar keinen Wert auf eine seiner neuesten Entdeckungen legt. Er kann heute schon mehr als Ihr Freund Bigot. Ich habe Proben von synthetischem Gold bei ihm gesehen, die wesentlich vollkommener waren als alles, was uns Bigot bisher gezeigt hat.«

Kelly spitzte die Ohren. »Was sagen Sie, Spranger? Der Deutsche kann es auch, sogar noch besser?«

»Sicher, Kelly, aber das ist das Unerklärliche – er macht keinen Gebrauch davon.«

»Wenn er's täte, würde er's Ihnen bestimmt nicht auf die Nase binden«, fiel ihm Kelly ins Wort.

»Nein, Kelly. Ich weiß, was Sie jetzt denken. Ich habe es vorübergehend auch einmal gedacht, daß Eisenlohr im geheimen Gold macht und für sich verwertet. Das ist es aber nicht. Er hat mir auf meine Frage geantwortet, daß die Entdeckung zwecklos wäre, daß die Wissenschaft sich hier auf einem Holzweg befände. Mehr habe ich allerdings aus ihm nicht herausbekommen.«

Kelly pfiff durch die Zähne.

»Ihr deutscher Freund scheint mir gerissener zu sein, als ich dachte. Spranger. Ich sehe da eine neue Möglichkeit: Wenn Bigot versagt, könnten wir uns vielleicht mit Eisenlohr in Verbindung setzen.«

»Ich sage Ihnen vorher, Kelly, er wird es ablehnen.«

»Abwarten, mein Lieber! Das wird sich später finden. Erst muß ich einmal feststellen, was Monsieur Bigot treibt.« Kelly sah auf sein Chronometer. »Um drei Uhr bin ich bei meinem Zahnarzt angesagt. Noch bequem Zeit, um vorher in die Rue Saint Antoine zu fahren.«

Er stand auf und griff nach Stock und Hut.

»Lassen Sie Ihre Finger davon, Kelly! Die Sache ist faul!« rief ihm Spranger nach, aber Kelly hörte es kaum noch, er war bereits aus der Tür. –

Auf gut Glück fuhr er in der Rue St. Antoine vor. Vom Fenster aus sah ihn Hartford zufällig aus dem Wagen steigen.

»Kelly kommt!« rief er Bigot zu. »Sie müssen ihn allein empfangen. Ich mache mich unsichtbar. Denken Sie daran, daß wir alle Trümpfe in der Hand haben! Wir können jetzt warten, die Amerikaner müssen uns kommen –« Er brach ab und verschwand in einen Nebenraum.

Von dem livrierten Diener geleitet trat Kelly in das Laboratorium. Höflich und geschmeidig wie immer empfing ihn Bigot, und doch kam er Kelly irgendwie verändert vor, zurückhaltender und selbstbewußter als früher, schien ihm.

»Sie haben lange nichts von sich hören lassen, Monsieur Bigot«, eröffnete Kelly das Gespräch.

»Ich habe inzwischen weitergearbeitet, und ich darf wohl sagen, mit Erfolg, aber ich wollte erst zu Ihnen kommen, wenn ich die überzeugenden Beweise auf den Tisch legen kann. Jetzt ist es soweit, Mister Kelly, in den nächsten Tagen wahrscheinlich schon hätte ich Sie aufgesucht.«

»Hm, soso?« Kelly sah sich in dem Raum um. Eine neue, gegen die ältere wesentlich größere Röhre fiel ihm auf. Er deutete auf eine Rohrleitung: »Was ist das, Monsieur Bigot?«

»Kathodenkühlung, Mister Kelly. Erst so ist es möglich, die Röhre voll auszunutzen und die Produktion zu erhöhen.«

»Haben Sie schon etwas produziert?« fragte Kelly.

Du würdest dich wundern, wenn du wüßtest, was wir schon geschafft und an den Mann gebracht haben! dachte Bigot, aber er hütete sich, seine Gedanken laut werden zu lassen. »Ich bin mitten in der Arbeit«, antwortete er. »Die neue Röhre lieferte das Gold zunächst in Form eines feinen, adhäsiven Pulvers. Vor zwei Tagen gelang es mir zum erstenmal, auch Massivgold mit ihr herzustellen.«

»Pulver oder massiv, es bleibt sich gleich, wenn es nur gutes Gold ist«, meinte Kelly. »Was haben Sie da, Monsieur Bigot?« Er zeigte auf ein hölzernes Gestell, in dem mehrere mit goldigem Staub gefüllte Reagenzgläschen standen.

»Goldpulver, Mister Kelly! Es stammt von den ersten Versuchen mit der neuen Röhre.«

Kelly nahm eines der Gläschen aus dem Gestell. »Man müßte es umschmelzen«, meinte er, während er es betrachtete.

»Unnötige Mühe, Mister Kelly. Auch in dieser Form ist es gut verwendbar.«

»Als Pulver, Monsieur Bigot? Kann ich mir nicht recht vorstellen.«

»Doch, Mister Kelly. Ich sagte bereits, daß es in adhäsiver Form aus der Röhre anfällt ...«

»Adhäsiv? Kenne ich nicht! Was ist das?«

»Es bedeutet, daß die Körnchen schon unter einem mäßigen Druck zu massivem Gold zusammenbacken, eine Eigenschaft, die beispielsweise den Zahnärzten bei der Herstellung von Goldfüllungen erwünscht ist.«

Über Kellys Gesicht glitt ein Schimmer des Verstehens. »Ach so! Sie meinen, ein Dentist würde Ihnen das hier sofort abkaufen, um Plomben daraus zu machen! Haben Sie es schon versucht?«

»Ich denke nicht daran, Mister Kelly«, wehrte Bigot ab. »Es hätte die Geheimhaltung meiner neuen Entdeckungen gefährden können.«

»Geheimhaltung? Nonsens! Die Presse hat sich zur Genüge mit Ihnen und Ihren Arbeiten beschäftigt.«

»Und festgestellt, daß ich nichts kann, daß ich ein Scharlatan bin.«

Kelly nickte. »Das hat sie leider sehr gründlich getan, Monsieur Bigot.«

»Zuerst dachte ich auch ›leider‹, Mister Kelly. Ich war über diese Zeitungsartikel entrüstet, aber jetzt ist mir's gerade recht so. Bigot ist ein Schwindler! Bigot ist ein Nichtskönner! Nach dieser Pressekampagne ist das eine allgemein anerkannte Tatsache.«

»Ihre Reputation hat in der Tat etwas gelitten«, bestätigte Kelly mit leichter Ironie die Worte des andern. Unwillkürlich erinnerte er sich daran, daß er vor kurzem von seinem Partner etwas Ähnliches über seinen eigenen Ruf gehört hatte. Und ähnlich, wie er selbst darauf William Spranger antwortete, erwiderte ihm jetzt Bigot:

»Mögen die Leute von mir schreiben und denken was sie wollen. Die Hauptsache ist mir jetzt, daß ich ungestört weiterarbeiten kann. Wenn Sie wollen, zusammen mit Ihnen, Mister Kelly. Sonst – es werden sich auch andere finden, wenn ich sie überhaupt brauche.«

Die letzten Worte Bigots verschlugen Kelly die Sprache. So hatte er den Franzosen bisher noch nicht kennengelernt. Von Sekunde zu Sekunde verstärkte sich seine Überzeugung, daß der jetzt etwas wirklich Brauchbares geschaffen hatte und sich stark genug fühlte, es zur Not allein durchzusetzen.

»Sie können nach wie vor auf mich zählen, Monsieur Bigot«, sagte er nach kurzem Überlegen. »Vergessen Sie nicht, daß ich bereits eine Voroption von Ihnen erworben habe.«

»Die Verhandlungen müßten den früher festgelegten Bedingungen entsprechend geführt werden.«

»Ich bin dazu bereit, Monsieur Bigot, sobald Sie mir die versprochenen Beweisstücke bringen.«

»Ich gedenke es schon in den nächsten Tagen zu tun, Mister Kelly.«

» All right! Ich erwarte also demnächst Ihren Besuch.« Kelly machte Anstalten, sich zu verabschieden. Er wollte das Gläschen mit dem Goldpulver wieder in das Gestell stecken, als ihm ein anderer Gedanke kam. »Das hier könnten Sie mir eigentlich mitgeben«, meinte er.

Erst nach kurzem Zögern antwortete Bigot: »Ich will es Ihnen geben, Mister Kelly. Aber ich muß dringend um Ihre Diskretion bitten. Es ist nur für Sie. Kein Wort darüber zu anderen!«

»Meine Hand darauf, Monsieur Bigot!« Kelly schob das Röhrchen in die Tasche und verabschiedete sich. –

Kaum hatte er den Raum verlassen, als Hartford wiederauftauchte. »Diesmal haben Sie die Sache richtig gemacht, Bigot. Den Amerikaner haben wir wieder fest. Ich denke, wir werden unser Heu bald ins Trockene bringen.«

»Wäre auch Zeit«, sagte Bigot mit einem leichten Seufzer. »Offen gestanden, Hartford, mir ist bei Ihren Goldverkäufen nicht mehr wohl. Jedesmal, wenn Sie mit den Barren losziehen, fürchte ich, daß die Sache schiefgeht.«

Hartford lachte. »Keine Sorge, mein Lieber! Das Geschäft läuft glatt. Vielleicht werden wir's auch später noch trotz Mister Kelly für eigene Rechnung betreiben.« –

Während Kelly weiterfuhr, hing er dem Gedanken nach, der ihm in der Rue St. Antoine noch zuletzt beim Anblick des Röhrchens gekommen war. Für Plomben sollte das Goldpulver geeignet sein, hatte Bigot ihm versichert. Er war auf dem Wege zu seinem Zahnarzt, wollte sich ein paar Füllungen machen lassen. Eine gute Gelegenheit, die Sache sofort auszuprobieren. Freilich hatte er Bigot Verschwiegenheit gelobt. Nun, ein unverfänglicher Vorwand würde sich leicht finden lassen. Um Ausreden war Mr. Kelly noch niemals in Verlegenheit gewesen. –

»Wo haben Sie so lange gesteckt?« fragte ihn Spranger, als er gegen Abend in das Hotel zurückkam. Kelly mischte sich einen Sodawhisky und zog sich damit in seinen Klubsessel zurück.

»Uff, Spranger! War eine schwere Sitzung! Zwei Stunden habe ich auf dem Marterstuhl aushalten müssen. Vier neue Plomben hat mir der Dentist gemacht! Kommen Sie her, sehen Sie sich die Sache mal an!« Er riß den Mund auf, als ob er Spranger verschlingen wollte. Der blieb ruhig aus seinem Platz.

»Kann ich schon von hier sehen, Kelly. Offen gesagt, mein Geschmack ist's nicht! Ich hätte Porzellan vorgezogen. Ich finde es zu auffallend. Der Mann hat Ihnen ja ein kleines Goldbergwerk in Ihre Zähne gepflastert!«

Kelly entschloß sich, seinen Mund wieder zuzumachen. »Es ist Gold aus dem Laboratorium von Bigot, das dazu benutzt wurde«, sagte er.

»Gold von Bigot?« Spranger sah ihn mißtrauisch an. »Damit lassen Sie sich Ihre Zähne füllen? Geben sich sozusagen als Versuchskaninchen her? Ob das gerade klug von Ihnen war? Ich weiß nicht, Kelly ...!«

Kelly verschluckte den Rest seines Whiskys und setzte sich in Positur. »Was wollen Sie, Spranger? Der Dentist war entzückt von dem Gold. Er hätte brennend gern mehr davon gehabt. Fragte mich, ob ich ihm nicht etwas besorgen könnte.«

»Sie haben es hoffentlich abgelehnt?«

»Selbstverständlich! Ich denke gar nicht daran. Den Rest habe ich wieder mitgenommen. Da, hier ist er.« Er reichte Spranger das Röhrchen, in dem sich noch gut eine Messerspitze jenes Goldpulvers befand. »Falls Sie auch einmal Bedarf haben. Ich kann es Ihnen nur empfehlen.«

»Danke schön, Kelly! Vielleicht werde ich einmal Gebrauch davon machen«, sagte Spranger und nahm das Gläschen an sich.

*

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