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Lebensstrahlen

Hans Dominik: Lebensstrahlen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleLebensstrahlen
publisherVerlag Scherl
printrun71. bis 85. Tausend
yearo.J.
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151001
projectid600ebae2
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»Sehr erfreut, Herr Professor, daß Sie mir die Ehre Ihres Besuches geben!« begrüßte Eisenlohr Professor Braun auf der Schwelle des Laboratoriums.

»Bitte, bitte, Herr Doktor«, wehrte der Professor ab, »die Ehre ist auf meiner Seite! Ich bin neugierig, noch mehr bei Ihnen zu hören und selber zu sehen ...«

Er wandte sich zur Tür zurück. »Wo bleibt denn Ihr altes Faktotum?«

Noch während er es sagte, wurden von draußen her Schritte vernehmbar. Der alte Michelmann stampfte herein, einen mächtigen Koffer auf dem Rücken, den er vorsichtig zu Boden gleiten ließ.

»Was bringen Sie uns da, Michelmann?« fragte Eisenlohr.

»Gepäck von Herrn Professor. Es kommt noch mehr, Herr Doktor«, sagte der Alte, wischte sich die Stirn und zog wieder ab.

Eisenlohr blickte abwechselnd den Professor und den Koffer an. Wie kam Professor Braun dazu, mit solch einem Monstrum auf die Reise zu gehen? Während Eisenlohr noch darüber nachdachte, ging die Tür wieder auf. Der wackere Michelmann erschien mit einem zweiten Exemplar von ähnlichen Abmessungen, das er neben das erste absetzte. Hinter ihm kam Dr. Holthoff, der noch einen dritten kleineren Koffer brachte. »So, Michelmann.«

»Das wäre wohl alles«, sagte der und verließ den Raum, Dr. Holthoff sprach zu Eisenlohr weiter: »Ich schlug Herrn Professor Braun vor, erst mit uns zu frühstücken. Er legt aber Wert darauf, sofort mit den Arbeiten zu beginnen.«

»So ist es«, bestätigte der Professor Holthoffs Worte. »Erst die Arbeit, meine Herren, später das Vergnügen.«

Er zog ein Schlüsselbund aus der Tasche und öffnete den ersten großen Koffer. In den Schrank eines chemischen Laboratoriums glaubte Eisenlohr zu blicken, als der türartige Deckel aufging. Dutzende von verschieden geformten Gläsern mannigfachster Art sah er, zahllose Flaschen mit Chemikalien daneben, alles sicher in hölzernen Einsätzen befestigt, daß auch ein ungeschickter Gepäckträger dem Ganzen kaum einen Schaden zufügen konnte. Schon öffnete der Professor den zweiten Koffer, der einen ähnlichen Inhalt aufwies, und überzeugte sich, daß auch hier alles richtig und unbeschädigt an Ort und Stelle war. Erst dann nahm er auf dem Sessel, den Eisenlohr ihm hingeschoben hatte, Platz.

»Ich möchte resümieren, was Herr Holthoff mir bei unserm letzten Zusammensein mitteilte«, eröffnete er die Besprechung. »Sie gehen bei Ihren Versuchen von der Arbeitshypothese aus, daß eine keimfreie Gelatine unter dem Einfluß einer bestimmten Strahlung amöboid wird, das heißt also, daß ihre Moleküle sich in einer Art gruppieren, die man als die erste, niedrigste Stufe organischen Lebens ansprechen muß.«

Eisenlohr und Holthoff nickten zustimmend; Professor Braun sprach weiter:

»Der Begriff Gelatine ist vieldeutig. Im Handel sind gegenwärtig ungefähr dreitausend verschiedene Sorten erhältlich. Ich habe zweihundert Proben ausgewählt und mitgebracht.«

Er deutete bei den letzten Worten auf den zweiten Koffer, der lange Reihen schimmernder Reagenzgläser enthielt. Holthoff neigte sich zu Eisenlohr und flüsterte ihm etwas zu.

»Der Mann scheint noch gründlicher zu sein als wir«, verstand Eisenlohr. »Wenn er alle die Proben hier durcharbeiten will, muß er sich auf Monate bei uns ins Quartier legen.«

Eisenlohr wiegte den Kopf leicht hin und her.

»Für spätere Arbeiten kann das zweifellos sehr wichtig und nützlich sein, Herr Professor, für die ersten Versuche möchte ich wieder die gleiche Gelatine nehmen, mit der wir bereits Erfolge hatten.«

Braun nickte. »Ich habe daran gedacht, Herr Eisenlohr. Die ersten zehn Gläser dort rechts enthalten eine Gelatine, die mit der Ihrigen identisch ist. Wir könnten damit beginnen, um dann später zu andern Sorten überzugehen.«

Holthoff wollte sich erheben, um den ersten Versuch vorzubereiten. Aber die Sache ging nicht annähernd so schnell, wie er es sich dachte. Professor Braun hatte seine Gelatineproben in zugeschmolzenen Gläsern mitgebracht und verlangte, daß sie auch während der Versuche geschlossen blieben, um die Keimfreiheit zu sichern.

So ging der halbe Vormittag über Vorversuchen hin. Mit hochempfindlichen Bolometern stellten Eisenlohr und Holthoff erst einmal fest, wieviel von der Strahlung von den Glaswänden der Röhren verschluckt wurde, und öfter als einmal hatte der Professor dabei Gelegenheit, die systematische und exakte Arbeitsweise der beiden zu bewundern.

Dann war es endlich soweit. Die erste Gelatineprobe konnte vor die Strahlröhre geschoben werden.

»Wir müssen die Strahlung fünfzehn Minuten wirken lassen und dann sehen, was geworden ist«, sagte Eisenlohr. »Etwas anderes läßt sich vorläufig nicht tun.«

Um sich die Zeit zu vertreiben, blätterte Professor Braun in den Protokollbüchern und staunte vor der Unsumme von Arbeit, die in den tausenden hier sorgfältig niedergelegten Versuchen steckte.

Er wollte etwas Anerkennendes darüber sagen und suchte nach passenden Worten, als ein Geräusch von draußen ihn aufmerken ließ.

Dr. Bruck war von seiner Reise zurückgekehrt und kam die Treppe herauf. Mit kurzem Händedruck begrüßte er Eisenlohr und Holthoff und ließ sich von ihnen mit Professor Braun bekannt machen.

»Ich sehe, Sie sind bei einem Versuch, ich will nicht stören«, sagte er mit einem Blick auf die Apparatur und ging nach einem andern Teil des Laboratoriumsaales. Holthoff konnte von seinem Platz aus beobachten, wie er dort in Schränken und Kästen zu kramen begann.

»Scheint mir heut ein bißchen zerstreut zu sein, der Kollege Bruck«, meinte er halblaut zu Eisenlohr. »Hat kein Wort darüber gesagt, was er in Frankfurt ausgerichtet hat.«

»Er wollte uns jetzt nicht stören«, winkte Eisenlohr ab, der in kurzen Abständen den Zeiger der Wanduhr verfolgte.

Inzwischen stand Dr. Bruck vor einer Reihe von Schubläden, deren Inhalt er zum vierten- und fünftenmal vergeblich umkehrte.

Dutzende von Metallplättchen ließ er durch seine Hände gleiten. Viele davon waren noch unverändert, so wie er sie aus dem Bleiblech herausgestanzt hatte. An anderen hatte die ultrafrequente Strahlung genagt und gefressen, hatte das massive Blei stellenweise in einen Mürbeteig verwandelt. Andere wieder ließen deutlich den Fortschritt der Arbeiten erkennen. Da gab es welche, die bereits bronzeartige Tönungen in den verschiedensten Varianten aufwiesen, nicht unähnlich jener Probe, die Bruck auf seiner Reise nach Frankfurt bei Monsieur Bigot gesehen hatte. Einige zeigten die goldige Tönung schon schärfer in der Mitte konzentriert, aber Proben mit dem scharfen gelben Kreis waren nicht darunter, und doch hätte Bruck darauf schwören mögen, daß einmal neun Stück davon vorhanden waren, während er jetzt nur noch sieben in seiner Mappe hatte. –

»Die fünfzehn Minuten sind um«, sagte Eisenlohr. Holthoff lief zu der Schaltwand und setzte die Strahlröhre still. Eisenlohr nahm das Reagenzglas aus der Apparatur heraus. Sorgfältig betrachtete er es durch eine Lupe, während Professor Braun ihm gespannt zusah. Schließlich konnte der nicht länger an sich halten.

»Lassen Sie mich auch sehen!« Er wollte ihm das Glas aus der Hand nehmen.

»Einen Augenblick, Herr Professor«, wehrte Eisenlohr ab. »Wir können das besser und bequemer haben. Wir wollen das Glas in den Projektionsapparat stecken.«

Von Braun und Holthoff begleitet, ging er zu der einen Schmalwand des Saales. Ein Druck auf einen Schalter, und eine Starklichtlampe hinter der Optik des Projektors flammte auf. Ein anderer Schalterdruck, und lichtdichte Vorhänge an sämtlichen Fenstern gingen herab; nur eine weiße Leinwand leuchtete noch in dem verdunkelten Raum.

Eisenlohr drehte und regelte an den Linsen; scharf und immer schärfer stellte sich ein mehrhundertfach vergrößertes Bild des Reagenzglases mit seinem Inhalt auf der weißen Fläche dar. Haarscharf stand es jetzt auf der Leinwand, und dort, wo der Strahl vorher die Gelatine getroffen hatte, zeigte sich Bewegung. Da zuckte und ruckte es. Da krochen Gelatineklümpchen hin und her, reckten hier und dort Vorsprünge aus, als ob es Gliedmaßen wären, zogen sie wieder ein, um sie an einer andern Stelle neu herauszustrecken.

Atemlos starrte Professor Braun auf das Bild. »Es sind wirklich lebende Amöben!« flüsterte er vor sich hin. »Sehen Sie, Doktor Eisenlohr! – Haben Sie es gesehen? Die eine dort rechts hat eben gefressen!«

In der Tat hatte sich eines dieser beweglichen Gelatineklümpchen eben jetzt neben ein Stückchen toter Gelatine gelegt, hatte sich an ihm ausgebreitet und es immer mehr umflossen, so daß dies Stückchen nun nicht mehr draußen war, sondern sich plötzlich im Innern der Amöbe befand. Ein Fremdkörper schien es die ersten Sekunden noch zu sein, doch immer mehr verschwamm es dann.

»Sie verdaut ihren Fraß! – Sie wächst – sie lebt!« Wie im Fieber stieß Professor Braun die Worte hervor. Mit einem fast schmerzhaften Griff packte er den Arm Eisenlohrs: »Sehen Sie da oben rechts! Zwei Amöben fließen zu einem Individuum zusammen –«

Mit zusammengekniffenen Lidern verfolgte er die Vorgänge auf der Leinwand, sah, wie sich dort zwei bewegliche Protoplasmastückchen zu einem größeren verbanden, wie sich dann eine Einschnürung bildete und aus dem vereinigten Körper wieder zwei neue wurden.

»Die Urzeugung ist Ihnen gelungen, Doktor«, hörte Eisenlohr Brauns Stimme dicht an seinem Ohr. »Ich lege meine Hand dafür ins Feuer: Mit Ihrer Strahlung haben Sie sterile Gelatine zum Leben erweckt ...«

Langsam machte Eisenlohr seinen Arm frei. »Es ist nur ein Anfang, Herr Professor Braun«, sagte er bescheiden.

»Ein Anfang, der sich sehen lassen kann, Doktor!« rief Braun, hingerissen von dem eben Geschauten. »Das hier genügt, um die ganze Theorie von Weltraumkeimen, die Lehre von der Panspermie und alle ähnlichen Erklärungsversuche der Entstehung des Lebens, zu denen die Wissenschaft in ihrer Verlegenheit greifen mußte, überflüssig zu machen.«

Er hielt inne, weil Michelmann hereinkam. Der Alte flüsterte Eisenlohr etwas zu und reichte ihm eine Besuchskarte. Der las sie im Lichtstrahl des Projektors und ging dann mit Michelmann zusammen zur Tür. Ungeduldig fragte der Professor Dr. Holthoff nach dem Grund der Störung. Der horchte ein paar Sekunden auf die Stimmen, die vom Eingang her vernehmbar wurden, und antwortete dann: »Wir bekommen amerikanischen Besuch, Herr Professor, Mister Spranger aus New York, ein Studienfreund Eisenlohrs.«

»Kommt jetzt nicht sehr gelegen! Ist der Herr auch Physiker?« fragte Braun.

»Nichts weniger als das«, lachte Holthoff. »Mister Spranger hat sich – sagen wir mal: studienhalber – ein paar Semester in Heidelberg aufgehalten und sich die Kollegs nach seinem eigenen Geschmack ausgesucht. Etwas Jura, ein wenig Philosophie, auch einiges über anglosächsische Literatur hat er gehört.«

»Also kein abgeschlossenes Studium«, warf Professor Braun mißbilligend dazwischen.

»Hatte er nicht nötig, Herr Professor, da er bei der Auswahl seiner Eltern die nötige Vorsicht walten ließ. Nach seinen Heidelberger Semestern hat er sich in den Strudel des amerikanischen Geschäftslebens gestürzt und schwimmt munter obenauf ... Als Juniorpartner der New-Yorker Firma Kelly and Company gehört er drüben zu den Prominenten ...«, konnte Holthoff eben noch sagen, dann waren Eisenlohr und Spranger bei ihnen. Eine kurze Vorstellung. Neugierig sah sich der Amerikaner in dem verdunkelten Raum um.

»Gebt ihr hier eine Kinovorstellung?« fragte er mit einem Blick auf die Leinwand. »Da krabbelt ja allerhand durcheinander.«

»So etwas Ähnliches ist es in der Tat«, erwiderte Eisenlohr. »Wir haben eben die Wirkungen einer Strahlung auf bestimmte organische Substanzen untersucht. Aber das hat Zeit, mein lieber William. – Ich denke, Sie werden auch nichts dagegen haben, Herr Professor Braun, wenn wir zunächst einmal vernünftig frühstücken.«

Noch während der letzten Worte bewegte Eisenlohr ein paar Schalter. Der Projektor erlosch, und das volle Tageslicht flutete wieder in den Saal. Erst jetzt konnte der Amerikaner dessen ganze Ausdehnung übersehen und die vielen Instrumente und Apparaturen darin erkennen.

»Alle Wetter, mein Junge!« meinte er anerkennend, »ihr seid ja hier eingerichtet wie ein Carnegie-Institut. So etwas hätte ich in einer alten Burg bei Gott nicht vermutet. Davon mußt du mir noch mehr erzählen, Eisenlohr. Das interessiert mich doch, was ihr hier so treibt.«

»Später, William, später. Ich hoffe, du wirst ein paar Tage bei uns zu Gast bleiben«, lenkte Eisenlohr ab. »Jetzt wollen wir uns erst mal stärken. Hallo! Doktor Bruck! Lunching time! Kommen Sie schon 'raus aus Ihrem Schrank!«

Er mußte die Aufforderung noch einmal wiederholen, bis Bruck sein vergebliches Suchen endlich aufgab und sich den andern anschloß. Über einen Flur und eine breite Treppe führte Eisenlohr seine Gäste in den Speiseraum.

» By Jove – ihr versteht hier zu leben!« staunte William von neuem, als er über die Schwelle trat. Eisenlohr hatte den ehemaligen Remter der Burg unter größter Schonung alles Alten in einen behaglichen Speiseraum umwandeln lassen. Die Kreuzgewölbe der Decke und die Spitzbogenfenster waren unverändert geblieben und zeigten beste Gotik des dreizehnten Jahrhunderts. Auch der Mosaikfußboden mochte aus der gleichen Zeit stammen, aber er war von sachkundiger Hand renoviert und neu geschliffen worden, so daß sein Bildwerk in voller Farbenpracht zur Wirkung kam, soweit ihn nicht echte Teppiche bedeckten. Moderne Arbeit und doch geschickt dem Stil einer lange vergangenen Zeit angepaßt war das Mobiliar des Raumes, und mit Wohlgefallen erblickte Spranger den weißgedeckten Mitteltisch, auf dem Porzellan, Kristall und Silber glänzten.

»Setzen wir uns, meine Herren«, lud Eisenlohr ein. »Du kommst hier neben mich, William. Wollen Sie, bitte, mir gegenüber Platz nehmen, Herr Professor? – So, nun wären wir ja glücklich alle zu Stuhl gekommen.« Er drückte auf einen Klingelknopf, und Michelmann begann aufzutragen.

»Was macht New York, William?« fragte Eisenlohr, nachdem das alte Faktotum wieder abgetreten war.

»Danke, es macht sich«, meinte Spranger trocken, während er sich von der vor ihm stehenden Platte bediente. »Du bist seit drei Jahren nicht drüben gewesen, würdest heut manches nicht wiedererkennen –«

Eisenlohr wollte Genaueres wissen und fragte nach diesem und jenem. Spranger gab Antwort, zuerst ausführlich, allmählich immer kürzer und zerstreuter. Das Gespräch, das Professor Braun und Dr. Holthoff führten, nahm seine Aufmerksamkeit immer mehr in Anspruch. Er hörte den Professor mit Holthoff über ein biologisches Thema sprechen, von dem er, Spranger, wenig Ahnung hatte, fing danach Ausdrücke wie »Amöben« und »amöboide Bewegungen« auf und vernahm dazwischen immer wieder anerkennende Worte des deutschen Professors über die großartige Entdeckung seines Freundes.

»Entschuldige, Eisenlohr«, sagte er plötzlich, »jetzt möchte ich dich mal etwas fragen: Sind das nicht ziemlich brotlose Künste, mit denen du dich augenblicklich befaßt?«

Eisenlohr konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Er wollte etwas erwidern, aber Professor Braun, der Sprangers Frage auch gehört hatte, kam ihm zuvor.

Von den hohen Aufgaben der reinen Wissenschaft begann er zu sprechen, die ohne jede Rücksicht auf Gewinn oder Nichtgewinn durchgeführt werden müßten, redete weiter von der Ergründung der Wahrheit, die das alleinige Ziel aller Forschung wäre, und traf damit bei William Spranger offensichtlich auf ein vollkommenes Unverständnis.

»Nun ja«, meinte der Amerikaner, nachdem es ihm gelungen war, wieder zu Wort zu kommen. »Sie mögen das so machen; andere machen es jedenfalls ganz anders.«

»Andere? Wer sind die anderen?« fragte Holthoff.

»Zum Beispiel ein gewisser Monsieur Bigot, Herr Doktor. Sie haben ihn ja neulich auch kennengelernt.«

»So, der?« sagte Holthoff ziemlich wegwerfend.

Bruck horchte schärfer hin, als er den Namen hörte. Seine Fahrt nach Frankfurt kam ihm wieder in die Erinnerung.

»Ja, den meine ich«, fuhr Spranger fort. »Er steckt schon wieder in Paris. Sucht Kapitalisten für eine neue, ganz große Erfindung. Ich halt's ja für Humbug. Wenn's aber doch wahr wäre, dann wär's wirklich eine kolossale Sache.«

Professor Braun legte seine Gabel auf den Teller und sah den Amerikaner an.

»Sie sagten eben ›Humbug‹, Mister Spranger?«

»Ich sagte, daß ich's vorläufig noch dafür halte, Herr Professor«, berichtigte ihn Spranger.

»Ich empfehle Ihnen dringend, bei dieser Meinung zu bleiben«, fuhr Braun fort. »Sogenannte Erfinder, die mit einer kolossalen – grandiosen – bahnbrechenden und so weiter Sache aus dem internationalen Kapitalmarkt hausieren gehen, sind fast immer Schwindler. Gerissene Scharlatane, Mister Spranger, die ihre Zeit begriffen haben –«

»Wieso ihre Zeit?« fragte Eisenlohr über den Tisch.

»Diese Herrschaften haben erkannt, daß unsere physikalische Wissenschaft heute für die Bauernfängerei ein besonders ertragreicher Boden ist«, fuhr Professor Braun erbittert fort. »Da treten solche Leute mit Behauptungen auf, über die jeder ernsthafte Wissenschaftler die Achseln zuckt, machen Kapitalisten, die von allen diesen Dingen natürlich keine Ahnung haben, betrügerische Experimente vor und prellen sie um Hunderttausende, während die wirkliche Forschung um jeden Hundertmarkschein betteln muß – und oft vergeblich bittet ...«

»Die Versuche, die Monsieur Bigot den Geldleuten in Paris vorgeführt hat, sollen aber recht überzeugend ausgefallen sein«, bemerkte Spranger.

»Den Geldleuten! Da haben Sie's ja, Mister Spranger«, fiel ihm Professor Braun ins Wort. »Was verstehen denn schon Geldleute von physikalischen Versuchen? Denen wollte ich jeden Tag das Blaue vom Himmel vormachen, wenn's nur darauf ankäme.«

Spranger schüttelte den Kopf. »Für ganz so dumm müssen Sie uns Finanzleute nicht halten, Herr Professor. Wir haben auch unsere Experten und sehen uns eine Sache sehr gründlich an, bevor wir Geld dafür geben. Wer uns 'reinlegen will, der müßte schon recht früh aufstehen.«

»Oho, William!« Eisenlohr stieß Spranger in die Seite. »Du sprichst plötzlich per wir. Scheinst also doch Lust zu haben, dich näher mit dem zu beschäftigen, was du für Humbug hältst. Darf man wissen, um was es sich dabei handelt?«

Die Frage Eisenlohrs schien William Spranger in Verlegenheit zu bringen.

»Vorläufig darf ich darüber nichts sagen«, meinte er nach kurzem Zögern. »Ich habe mich zum Schweigen verpflichten müssen.«

»Hm, hm«, Holthoff räusperte sich vernehmlich und warf Eisenlohr einen vielsagenden Blick zu.

»Schade, William«, meinte der, »daß du nichts verraten darfst! Wir hätten dich vielleicht beraten können. Jedenfalls stehen wir dir zur Verfügung, wenn du uns brauchen solltest.« »Besten Dank für dein Anerbieten, mein lieber Eisenlohr! Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich später davon Gebrauch mache. Erst will ich mir mal selber in Paris ansehen, was dieser Wundermann zu zeigen hat. Ich will nicht leugnen, neugierig bin ich darauf.«

»Ich glaube, Mister Spranger, ich kann Ihnen schon jetzt sagen, was Sie zu sehen bekommen werden.«

Die Worte kamen von Dr. Bruck, der sich bisher so gut wie gar nicht an der allgemeinen Unterhaltung beteiligt hatte.

Eisenlohr sah seinen Ersten Assistenten verwundert an. Spranger warf die Gabel auf den Teller.

»Ausgeschlossen, Herr Doktor! Die Sache ist streng geheim. Monsieur Bigot hat die wenigen Personen, denen er Mitteilung machte, ehrenwörtlich zum Schweigen verpflichtet. Ich halte es für unmöglich, daß Sie etwas darüber wissen können.«

»Ich weiß aber doch, daß Monsieur Bigot behauptet, es wäre ihm gelungen, Blei –«

»Stop, Doktor Bruck!« Der scharfe Zwischenruf Sprangers und fast mehr noch der Blick, mit dem ihn der jetzt ansah, veranlaßten Bruck, jäh abzubrechen. Der Amerikaner brachte seinen Mund dicht an das Ohr Eisenlohrs, flüsterte dem etwas zu. Eisenlohr nickte und sagte danach ziemlich gleichgültig: »Wir wollen die Tafel aufheben. Würden Sie die Güte haben, Herr Professor Braun, mich für eine kurze Zeit zu entschuldigen ...«

Der Professor brummte etwas vor sich hin, was nicht unbedingt wie eine Zustimmung klang.

»Herr Doktor Holthoff steht Ihnen selbstverständlich sofort zur Verfügung. Sie könnten inzwischen zusammen weiterarbeiten.«

Professor Braun stand auf und nickte. »Einverstanden, Herr Eisenlohr. Kommen Sie bitte, Herr Holthoff! Wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Der Professor und Holthoff hatten kaum den Raum verlassen, als Spranger losbrach:

»Es ist mir vollkommen unbegreiflich, wie auch nur Andeutungen über die Bigotschen Versuche in die Öffentlichkeit dringen konnten. Ist Ihnen ein unbestimmtes Gerücht zu Ohren gekommen oder haben Sie wirklich etwas Genaueres –« Er brach ab, weil Michelmann hereinkam, um abzuräumen.

»Wir wollen in mein Arbeitszimmer gehen, da sind wir ungestört«, schlug Eisenlohr vor und erhob sich. Spranger und Bruck folgten ihm.

Eisenlohr führte sie in seinen Arbeitsraum und deutete auf ein paar Klubsessel.

»Nehmen Sie bitte Platz! – Willst du mit Doktor Bruck unter vier Augen sprechen oder ist dir meine Anwesenheit recht?«

Spranger zögerte mit der Antwort und überlegte. Bruck war jedenfalls nicht zum Schweigen verpflichtet. Was der wußte, würde Eisenlohr von ihm früher oder später doch erfahren.

»Ich sehe, ihr wollt lieber allein bleiben«, sagte Eisenlohr und machte Anstalten, sich zurückzuziehen, doch da hatte Spranger schon seinen Entschluß gefaßt.

»Nein, Eisenlohr. Bleib hier. Ich möchte nur dich und auch Herrn Doktor Bruck bitten, über alles, was zur Sprache kommt, unbedingt zu schweigen. Es hängt ungeheuer viel davon ab, daß das Geheimnis gewahrt bleibt.«

Eisenlohr streckte ihm die Rechte hin. »Meine Hand darauf, William, ich werde schweigen.«

»Und Sie, Herr Doktor Bruck?« fragte Spranger.

»Ihr Wunsch ist mir Befehl, Mister Spranger. Für meine Person verspreche ich Ihnen ebenfalls Geheimhaltung; für Monsieur Bigot und seine Leute kann ich natürlich nicht bürgen.«

»Nun schießen Sie endlich los, Bruck!« mahnte Eisenlohr ungeduldig. »Was wissen Sie denn wirklich über diesen Wundermann aus Paris?«

»Monsieur Bigot wird vor Mister Spranger und seinen Freunden Bleibleche produzieren, die an den Rändern bräunliche und gelbliche Verfärbungen zeigen.«

William Spranger nickte. Genau das gleiche hatte ihm sein Partner James Kelly vor kurzem geschrieben.

»Monsieur Bigot wird behaupten, daß dies Bräunliche und Gelbe Gold wäre, in das er nach seinem Geheimverfahren das Blei verwandelt habe.« Wieder verriet ein Nicken Sprangers, daß Bruck das Richtige getroffen hatte.

»Solche Bleche kann man natürlich mit Leichtigkeit präparieren«, fuhr Bruck fort. »Man braucht dann nur noch die nötige Fingerfertigkeit, um sie in die Apparatur hineinzupaschen. Ich glaube, daß Monsieur Bigot kein ungeschickter Taschenspieler ist.«

Jetzt schüttelte Spranger energisch den Kopf. Er dachte an das, was noch weiter in dem Brief von James Kelly stand.

»Sie sind im Irrtum, Herr Doktor Bruck«, sagte er mit Entschiedenheit. »Monsieur Bigot hat die Versuche in einem kleinen Kreis vorgeführt, zu dem außer meinem Partner Kelly auch ein recht ernsthafter Wissenschaftler gehörte. Er hat die Bleibleche vorher von Hand zu Hand gehen lassen, hat sie unter den Augen der Sachverständigen der Strahlung einer Elektronenröhre ausgesetzt und schon nach kurzer Zeit mit dieser Verfärbung wieder herausgezogen.«

»Es wäre überzeugender gewesen, wenn der Sachverständige sie hineingesetzt und auch wieder herausgenommen hätte, Mister Spranger«, sagte Bruck nachdenklich.

»Auch das ist geschehen, Herr Doktor Bruck. Nach den ersten gelungenen Versuchen hat Professor Hartford, unser Experte, selbst darauf bestanden. Monsieur Bigot hat sich widerspruchslos seinen Wünschen gefügt. Das Ergebnis ist in allen Fällen das gleiche gewesen: eine Umwandlung von Blei in Gold, die dann später auch durch die chemische Untersuchung bestätigt wurde.«

»Ja, dann –«, Bruck zuckte unschlüssig die Achseln und schwieg. Er wußte im Augenblick nicht, was er Spranger erwidern sollte.

»Dann gibt es immer noch eine ganze Reihe anderer Möglichkeiten«, nahm Eisenlohr den Faden auf. »Haben eure Sachverständigen auch die Elektronenröhre untersucht?«

»Darüber hat mir Kelly nichts geschrieben, Eisenlohr.«

»Dann bliebe es immerhin denkbar, daß die Kathode der Röhre aus Gold bestanden hat und Gold auf dem Wege der Kathodenzerstäubung auf das Blei gelangt ist.«

»Du hältst etwas Derartiges für möglich, Eisenlohr?«

»Ohne weiteres, William. Mit zerstäubendem Kathodenmaterial lassen sich recht hübsche Metallüberzüge herstellen. In der Praxis wird davon verschiedentlich Gebrauch gemacht.«

»Ja, wenn das so wäre –!« sagte Spranger unsicher.

»Ich habe nur gesagt, daß es so sein könnte, William. Natürlich kann es auch anders gewesen sein. Beispielsweise könnte das Gold schon vorher in dem Blei gesteckt haben und durch die Strahlung nur freigelegt worden sein –«

Spranger griff sich an den Kopf. »Nette Möglichkeiten, die du entwickelst! Wie soll sich unsereiner dagegen schützen?«

»Indem ihr erstens einmal euer eigenes Blei zu dem Versuch mitbringt, reines, unverfälschtes Bleiblech, mein lieber William, und indem ihr zweitens nach dem Experiment die Röhre zerbrecht und ihre Kathode genau untersucht.«

»Die Röhre zerbrechen, Eisenlohr? Monsieur Bigot wird seine Röhren kaum aus der Hand geben. Er behauptet, daß sie ungemein kostbar seien.«

»Dann müßt ihr eben sagen, daß euer Geld noch kostbarer sei, vielleicht wird das bei ihm ziehen.«

»Großartig, Eisenlohr! Du hättest nicht Physiker, sondern Kaufmann werden sollen. Ich werde deinen Rat befolgen, und für eigenes Blei will ich auch sorgen. Das bekommt man doch überall zu kaufen.«

»Die Mühe kannst du dir sparen, William. Ich werde dir etwas reines Blei aus unserm Vorrat holen. Entschuldige mich bitte einen Moment!« Er stand auf und verließ den Raum. Der Moment, um den er Spranger gebeten hatte, zog sich jedoch ein wenig in die Länge, denn Dr. Bruck hatte bei seinem vorherigen Kramen die Sachen so durcheinander gebracht, daß Eisenlohr geraume Zeit brauchte, um zu finden, was er suchte.

»Darf man wissen, woher Ihre Kenntnis von der Bigotschen Sache stammt?« fragte Spranger inzwischen Bruck.

»Von ihm selber, Mister Spranger. Ich lernte Monsieur Bigot zufällig im Eisenbahnabteil kennen.«

Spranger konnte seine Verwunderung nicht verbergen. »Das ist doch recht eigenartig, Herr Doktor. Von uns verlangt er unbedingte Geheimhaltung, und zu seiner Reisebekanntschaft spricht er darüber. Können Sie sich das erklären?«

Bruck ließ sich mit der Antwort Zeit. Er hatte das Gefühl, daß er seine Worte jetzt vorsichtig wählen müßte.

»Es ergab sich gesprächsweise, daß wir beide physikalische Chemie treiben«, erwiderte er schließlich. »Ein Wort gab das andere. Wir gerieten in eine wissenschaftliche Debatte. Da hat er in der Hitze des Gefechts vielleicht mehr gesagt, als er eigentlich preisgeben wollte. Mir genügte es, um mir ein ungefähres Bild von der Sache zu machen ...«

»Von der Sie, wie mir scheint, nicht allzuviel halten, Herr Doktor?«

»Das möchte ich doch nicht sagen, Mister Spranger. Dazu weiß ich zuwenig von Bigots Arbeiten.«

»Hm, hm, soso!« Spranger blickte nachdenklich vor sich hin. »Darf ich fragen, Mister Spranger, was Sie als Kaufmann von der Sache halten?«

Spranger warf einen schnellen Blick zu Bruck hin, der mit gesenkten Lidern dasaß.

»Das wird davon abhängen, wie man sie anfaßt, Herr Doktor Bruck. Richtig gemanagt kann es ein Millionengeschäft werden.«

Dr. Bruck ballte die Hände unter der Tischplatte zusammen, bis sie ihn schmerzten. Da wurden sie wieder genannt, diese Millionen, die ihm seit seinem Zusammensein mit Bigot nicht mehr aus dem Kopf wollten, wurden diesmal nicht von einem zweifelhaften Erfinder genannt, sondern von einem nüchternen Kapitalisten. Was konnte man tun, um an diesem Segen teilzunehmen? Während er darüber noch grübelte, kam Eisenlohr zurück.

»Hier, William, chemisch reines Blei«, sagte er und ließ eine Anzahl Metallscheibchen auf die Tischplatte fallen. »Daran laß den Mann seine Künste versuchen.«

Spranger ließ die kleinen runden Plättchen durch die Finger gleiten. »Merkwürdig!« murmelte er dabei vor sich hin.

»Was findest du daran merkwürdig, William?« fragte Eisenlohr.

»Genau solche Plättchen benutzt auch Monsieur Bigot bei seinen Versuchen. Kelly hat es mir geschrieben. Zu was braucht ihr die Dinger?«

Dr. Bruck saß mit zusammengekniffenen Lippen da. Er wartete gespannt auf die Antwort Eisenlohrs.

»Wir brauchen die Scheiben als Blenden in unserer elektrooptischen Bank«, erwiderte Eisenlohr.

»Hm, so.« Spranger spielte mit den Scheibchen, während er weitersprach. »Strahlung habt ihr, Blei habt ihr ... Wenn ich du wäre, Eisenlohr, ich würde doch lieber versuchen, Monsieur Bigot Konkurrenz zu machen, anstatt – was hast du mir vorhin da unten im Laboratorium erzählt? – anstatt organische Substanzen mit der Strahlung zu untersuchen. Ich glaube, du würdest damit ein besseres Geschäft machen.«

»Jeder nach seiner Neigung und seinem Können, mein lieber William. Wir treiben unsere Forschung um der Wissenschaft willen und nicht, um Geschäfte damit zu machen.«

»Ein echt deutscher Standpunkt, Eisenlohr! Doch für mich, offen gestanden, zu hoch! Aber um auf Monsieur Bigot zurückzukommen: Er hat Kelly eine Aufstellung über seine Auslagen gegeben und verlangt nur für die Option auf seine Erfindung eine Million Dollar.«

»Ziemlich viel Geld«, meinte Eisenlohr trocken.

»Bei Gott, das ist es, Eisenlohr! Auch die Firma Kelly and Company ist nicht reich genug, um eine Million durch eine faule Sache zu verlieren. Was rätst du mir, Eisenlohr?«

»Sich die Sache sehr genau anzusehen, William, und alles für Schwindel zu halten, was nicht unwiderleglich bewiesen ist.«

»Leicht gesagt, aber schwer getan«, seufzte Spranger vor sich hin und schwieg.

»Ich verstehe deinen Partner Kelly nicht recht«, fuhr Eisenlohr fort. »Wie ich ihn von New York her in der Erinnerung habe, ist er ein siebenmal gesiebter Geschäftsmann. Wie gerade der sich darauf einlassen kann, ist mir unbegreiflich!«

Spranger schüttelte den Kopf. »Mir weniger, Eisenlohr. Old Kelly hat so seine Ideen – oft recht gute, aber manchmal auch ganz ausgefallene, von denen er sich nur schwer abbringen läßt. Ich muß so schnell wie möglich nach Paris zurück und zusehen, daß da keine Dummheiten gemacht werden.« Er warf einen Blick auf die Uhr. »Wenn ich gleich fahren könnte, wäre es mir lieb.«

»Schade, William!« sagte Eisenlohr bedauernd. »Ich hatte gehofft, dich wenigstens ein paar Tage hier zu haben ...«

Spranger hatte sich erhoben. »Später, Eisenlohr. Ich komme wieder, sobald ich in Paris nach dem Rechten gesehen habe.«

»Ich könnte ja Mister Spranger zum Flugplatz fahren, während Sie mit Professor Braun und Holthoff weiterarbeiten«, schlug Dr. Bruck vor.

»Das wäre eine edle Tat, Bruck«, nahm Eisenlohr das Anerbieten an. »Wenn Sie sich etwas dranhalten, erreichen Sie noch das Nachmittagsflugzeug nach dem Westen.«

»Also gehen wir«, sagte Spranger und gab damit das Zeichen zum Aufbruch.

*

Während der schnelle Wagen die Kilometer fraß, saß Spranger schweigend neben Dr. Bruck und ließ sich das vor kurzem Gehörte durch den Kopf gehen. Bedenkliche Dinge waren das, die Eisenlohr ihm angedeutet hatte. Nicht nur vor Taschenspielereien würde er auf der Hut sein müssen; auch allerlei physikalische Betrugsmöglichkeiten, von denen er bisher nichts ahnte, gab es. Er würde Augen und Ohren in Paris sehr offenhalten müssen.

Auch Dr. Bruck war nachdenklich. Er verstand Eisenlohr von Tag zu Tag weniger. Warum hatte der kein Wort von seinen eigenen Arbeiten auf dem Gebiet der Metallumwandlung gesagt? Warum behandelte er eine Entdeckung, für die ein Mensch wie Bigot gleich eine blanke Million verlangte, als eine Bagatelle?

»Warum beschäftigen Sie sich nicht mit der Metallumwandlung?« vernahm er im gleichen Augenblick die Frage Sprangers.

Die Gedanken Brucks kreisten immer noch um die Million, die der Franzose verlangte und die die Amerikaner vielleicht geben wollten. Er selbst kannte die Strahlung genau, die für die Umwandlung erforderlich war. Nach seiner festen Überzeugung konnte er der Firma Kelly & Company heute schon etwas wesentlich Besseres anbieten als dieser Monsieur Bigot. Sollte er sich Spranger gegenüber offenbaren? Interessieren würde es ihn gewiß. Aber ebenso sicher würde es auch den Bruch mit Eisenlohr, den Verlust seiner Stellung hier bedeuten ...

Ungeduldig wiederholte Spranger seine Frage.

»Herr Doktor Eisenlohr bestimmt die Art unserer Arbeiten«, entgegnete Bruck ausweichend.

»Haben Sie keinen Einfluß auf ihn? Können Sie ihn nicht dazu überreden?« fragte Spranger.

Bruck schüttelte den Kopf. »Er ist der Chef, Mister Spranger. In das Arbeitsprogramm läßt er sich nicht hineinreden.«

Spranger zuckte die Achseln. »Schade, Herr Doktor! Ich würde lieber mit Eisenlohr als mit Monsieur Bigot zusammen gehen.«

»Sie würden zweifellos besser dabei fahren«, erwiderte Dr. Bruck und brach jäh ab, als habe er schon zuviel gesagt. Auch Spranger schwieg, bis sie den Flugplatz erreichten.

Ein kurzer Abschied. Spranger stieg in das Flugzeug, Dr. Bruck machte sich, von widerstrebenden Gedanken hin und her gerissen, auf den Heimweg. Er konnte das bedrückende Gefühl nicht loswerden, daß er soeben die größte Chance seines Lebens verpaßt habe. Immer wieder malte er sich aus, wie anders es jetzt sein könnte, wenn er offen mit Spranger gesprochen und dem seine Metallproben gezeigt hätte. Aber das war ja nun vorbei. Vielleicht, daß die andere Karte im Spiel für ihn schlug. In Ihlefeld hielt er vor dem Postamt.

Eine Frage kostet ja nichts, ging's ihm durch den Sinn, während er die Stufen emporstieg. Am Schalter erkundigte er sich, ob etwas Postlagerndes für ihn da wäre.

Der Beamte griff in ein Fach und ließ einen Packen Briefe durch die Finger gleiten. Sagte »Jawohl, Herr Doktor, hier ist etwas für Sie« und drückte ihm ein Schreiben in die Hand. Enttäuscht blickte Bruck es an. Er hatte erwartet, französische Marken zu sehen, aber der Umschlag war mit deutschen Postwertzeichen freigemacht. Mit einem kurzen »Danke!« empfahl er sich und stieg wieder in seinen Wagen. Erst dort besah er sich den Brief genauer. Ein Absender war nicht darauf vermerkt, die Marken waren in Aachen abgestempelt.

Aachen – Aachen? Wer konnte ihm aus Aachen schreiben? Noch dazu postlagernd? Ungeduldig riß er den Umschlag auf. Las und stutzte schon bei den ersten Zeilen.

Das Schreiben kam doch von Bigot, aber vorsichtig war der Herr, das mußte man ihm lassen. Offenbar liebte er es nicht, seine Briefe im internationalen Postverkehr eine Grenze passieren zu lassen, und hatte Mittelsmänner an der Hand, die sie treff- und zielsicher in einen deutschen Briefkasten beförderten. Damit waren aber die Vorsichtsmaßregeln Bigots noch nicht erschöpft. Auch der Text des Schreibens selbst war so gehalten, daß ein Uneingeweihter kaum etwas Verdächtiges herauslesen konnte.

Dr. Bruck hielt den Platz hier vor dem Postamt nicht für den geeigneten Ort, um das Schreiben zu studieren, und ließ seinen Wagen wieder anrollen. Erst als Ihlefeld einige Kilometer hinter ihm lag, lenkte er auf den Sommerweg, hielt wieder an und machte sich in aller Ruhe an die Lektüre. Zunächst gab Monsieur Bigot seinem Bedauern darüber Ausdruck, daß er von dem so hochgeschätzten Kollegen seit ihrem letzten Zusammentreffen nichts mehr gehört hätte ...

»Stimmt, mein Lieber. Ich habe dir noch nicht geschrieben. Aber vielleicht – vielleicht – werde ich dir jetzt schreiben«, murmelte Bruck vor sich hin und las weiter. Er mußte sich Mühe geben, um einen Sinn in die verklausulierten Sätze des Franzosen zu bringen.

»Das Korn ist reif«, schrieb Bigot weiter. »Um es zu schneiden, braucht man eine Sense, eine Sichel genügt nicht.« Dr. Bruch strich sich über die Stirn. Sichel? Sense? Ach so, der Brief war in deutscher Sprache abgefaßt, aber Monsieur Bigot hatte dabei französisch gedacht: La faux – die Sense, la faucille – die kleine Sense oder Sichel. So war dieser Satz wohl zustande gekommen. Er besaß also das wirksamere Mittel und sollte dem anderen damit helfen. Im stillen freute sich Bruck über die Anerkennung seiner eigenen Leistung, die darin lag.

Im weiteren Verlauf des Textes schlug Bigot ihm ein gentlemen agreement vor. Halbpart bei allen Gewinnen, aber dafür von seiten Brucks Röhrenzeichnungen und genaue elektrische Angaben. Genau betrachtet war das Ganze eigentlich schon ein vollkommener Vertrag mit vielen Paragraphen, und da er bereits die Unterschrift Bigots trug, brauchte ihn Bruck nur noch zu bestätigen, um ihn rechtsgültig zu machen. Aber war dieser Vertrag etwas wert? War er auch nur das Papier wert, auf dem er stand? Bruck konnte seiner Zweifel nicht Herr werden. Gesetzt den Fall, er gäbe die Zeichnungen und Unterlagen heraus – Gefahr würde er dabei kaum laufen, denn Bigot erklärte sich am Ende seines Schreibens dazu bereit, auf eine einfache Benachrichtigung selber nach Ihlefeld zu kommen. Aber dann würde er mit allem, was er bekam, wieder nach Paris verschwinden, würde vielleicht ganz und gar verschwinden, sobald er das amerikanische Heu einmal im Trockenen hatte, und er, Bruck, würde das Nachsehen haben. Unwillkürlich kam ihm das Wort vom betrogenen Betrüger in den Sinn. Sein Gesicht war sorgenvoll, als er das Schreiben in seine Brieftasche steckte und den Wagen wieder in Gang setzte.

*

Früher als das Flugzeug erreichte die Funkdepesche, in der Spranger seine Ankunft ankündigte, die französische Hauptstadt. Schon auf dem Pariser Flugplatz empfing ihn sein Partner James Kelly.

»Großartig, Spranger, daß Sie auf meinen Brief hin gleich gekommen sind!«

Auf deinen Brief nicht, old Boy. Es waren ganz andere Dinge, die mich hierher trieben, dachte Spranger. »Ich hielt es für das Richtigste«, sagte er laut.

»War es auch, Spranger. Ich bin mit Monsieur Bigot inzwischen ein gutes Stück weitergekommen. Für heute abend haben wir einen neuen Versuch verabredet. Ich hoffe, er wird auch Sie überzeugen.«

»Wir werden sehen, Kelly«, sagte Spranger vieldeutig. »Wo ist die Verabredung?«

»Heute abend um acht Uhr im Laboratorium von Monsieur Bigot in der Rue Saint Antoine.« –

Ein ungemein vornehmer Diener nahm den Herren Kelly und Spranger um die achte Abendstunde in der Rue Saint Antoine Mäntel und Hüte ab. Der Mann sieht wie ein Lord aus, ging es Spranger durch den Kopf, während sie dem Livrierten durch einen etwas überladen ausgestatteten Salon in das Laboratorium folgten.

»Ich heiße Sie willkommen, meine Herren!« begrüßte Monsieur Bigot seine Gäste. »Darf ich Sie mit Mister Hartford bekannt machen, Mister Spranger?« fuhr er fort. »Mister Hartford vom National Laboratory in Schenektady ist ein Landsmann von Ihnen. Er hat sich als wissenschaftlicher Experte in selbstloser Weise für die Überwachung der Versuche zur Verfügung gestellt.«

Während Spranger Mr. Hartford noch prüfend musterte, bestätigte ihm Kelly die Mitteilung Bigots mit Worten der Anerkennung für die bisherige Tätigkeit Hartfords. Spranger fand derweil Zeit, sich ein wenig in dem Raum umzusehen. Ähnlich sah es hier aus wie in dem Laboratorium Eisenlohrs, in dem er noch am Morgen dieses Tages war, und doch zum Teil wieder ganz anders. Die gleichen Maschinen und Hochspannungstransformatoren wie dort. Eine gewaltige Elektronenröhre, ganz ähnlich derjenigen, die ihm Eisenlohr gezeigt hatte. Davor auch eine elektrooptische Bank, hier aber kürzer und kleiner als auf der Eulenburg. In der Hauptsache also dasselbe, aber hier, wie es Spranger scheinen wollte, doch anders, gewissermaßen theatralischer, aufgemacht.

Im Laboratorium Eisenlohrs standen alle diese Apparaturen auf einem glatten Steinboden, hier dagegen auf schwellenden Teppichen. Dort gab es nur einfache Stühle und Schemel, während hier bequeme Polstermöbel zum Sitzen einluden. Hier hingen wertvolle Ölgemälde an den Wänden, und wenn sie auch große Elektriker, wie einen Ampère, Faraday und Tesla, darstellten, so schienen sie William Spranger doch nicht recht in einen Laboratoriumsraum zu passen. Und noch etwas anderes fiel ihm auf. Der Raum um die Strahlröhre und die Elektronenbank war durch eine von Messingsäulen getragene starke Kordel aus roter Seide abgesperrt. Etwas Derartiges hatte er in Eisenlohrs Laboratorium nicht gesehen.

Er legte die Hand auf eine der blinkenden Stützsäulen und fragte: »Was soll das hier, Monsieur Bigot?«

»Es ist wegen der Hochspannung nötig«, beeilte sich der Franzose zu erklären. »Für jemand, der mit der Apparatur nicht genau vertraut ist, wäre es gefährlich, diesen Raum zu betreten.«

»Ich will aber unsere Proben selbst in den Apparat legen«, widersprach Spranger und beharrte darauf, obwohl Kelly es ihm auszureden versuchte und auf Mr. Hartford als ihren zuverlässigen Experten hinwies.

Nur schwer vermochte Monsieur Bigot auch seine Überraschung zu verbergen, als Spranger die Bleiplättchen zum Vorschein brachte, die er von Eisenlohr bekommen hatte, und erst nach längerem Hin und Her kam man zu einer Einigung.

Gut, Mr. Spranger sollte bei abgeschaltetem Strom seine Proben einlegen und auch wieder herausnehmen. Doch während die Röhre mit Hochspannung arbeitete, dürfe er sich unmöglich in dem abgesperrten Raum aufhalten, entschied Monsieur Bigot schließlich, und auf Kellys Zureden gab sich Spranger damit zufrieden. Nach den Anweisungen Bigots legte er eines der Plättchen in die Apparatur und ließ sich dann neben Kelly auf einem Sessel nieder, während Bigot den Strom einschaltete und danach zu Mr. Hartford zurückkehrte.

Eine Viertelstunde hindurch mußte nach den Angaben Bigots die Strahlung auf das Blei wirken, fünfzehn endlose Minuten, wenn man sie mit der Uhr in der Hand abzuwarten hatte. Keinen Blick ließ Spranger während der Zeit von Hartford und Bigot. Etwas spärlich dünkte ihm dabei die Beleuchtung des Raumes. An der übrigen Ausstattung gemessen hätte sie seiner Meinung nach etwas reichlicher sein dürfen.

»Die fünfzehn Minuten sind um!« rief er jetzt. Sofort ging Bigot zur Wand, um den Strom abzuschalten. Unmittelbar danach stürzte Spranger zu der Elektronenbank hin und zog das Bleiplättchen aus dem Apparat. Goldig hell blinkte es in der Mitte der kleinen grauen Scheibe, haarscharf, wie mit dem Zirkel gezogen, saß ein kreisförmiger gelber Fleck darin. Noch während er daraufstarrte, trat Kelly zu ihm, fragte: »Ist es gelungen. Spranger?«, sah dann schärfer hin und nahm ihm das Scheibchen aus den Händen, in dem Augenblick, als auch Bigot von der Schaltwand zurückkam.

»Sehen Sie nur, Monsieur Bigot!« stieß Kelly erregt hervor.

Der Franzose schien nicht überrascht zu sein. »Ich habe diesen Fortschritt erwartet, Mister Kelly«, sagte er ruhig. »Wir haben Fortschritte in der Beherrschung der Strahlung gemacht. Die Umwandlung erfolgt jetzt konzentrierter und tiefer gehend. Ich denke, Sie können mit dem Ergebnis zufrieden sein.«

Spranger hatte das Plättchen wieder an sich genommen. Nachdenkend, überlegend, zweifelnd betrachtete er es. War das wirklich dasselbe Stück, das er vorhin in den Apparat gelegt hatte? Dann, ja, dann hätte Bigot ja vielleicht doch – er griff in die Tasche, zog eines der andern Bleiplättchen heraus, hielt es daneben, verglich. Genau stimmten sie nach Größe und Dicke überein. Ja, noch mehr erschaute er jetzt bei genauerem Hinsehen. Die Stahlstanze, mit der diese Platten einmal aus einem Blech geschlagen waren, hatte wohl an einigen Stellen kleine Scharten. Das hatte auch am Rande der Scheibchen kleine Einkerbungen ergeben, die sich natürlich bei jedem einzelnen Stück wiederholen mußten. In der Tat entdeckte sie Spranger auch hier wie dort. Ein Zweifel daran, daß die Metallumwandlung an dem von ihm selbst in den Apparat gelegten Stück gelungen war, konnte nicht mehr bestehen.

Trotzdem wollte er sich noch nicht zufrieden geben und verlangte einen zweiten Versuch.

»Wie Sie wünschen, Mister Spranger«, sagte Bigot mit unerschütterlicher Ruhe, und noch einmal wiederholte sich das gleiche Schauspiel. Ein zweites Mal lange Minuten des Wartens, und zum zweiten Male hielt Spranger ein Stück in der Hand, das genau den gleichen goldigen Fleck aufwies wie das erste.

»Sind Sie jetzt überzeugt, Sie ungläubiger Thomas?« fragte ihn Kelly, während die Blicke Bigots zwischen den beiden Amerikanern hin und her gingen. Erwartung und Spannung las Spranger aus den Blicken, aber auch Besorgnis schien ihm darin zu liegen.

Unwillkürlich kam ihm dabei eine Ermahnung Brucks in die Erinnerung: »Lassen Sie sich den Versuch wenigstens dreimal vorführen«, hatte der Doktor gelegentlich ihres Gespräches gesagt.

»Hallo, Spranger! Wie denken Sie über die Sache?« fragte ihn sein Partner.

»Aller guten Dinge sind drei, Kelly!« Spranger zog ein neues Bleiplättchen aus der Tasche. Kelly schüttelte unwillig den Kopf. Die Hartnäckigkeit Sprangers ärgerte ihn, und er bemühte sich, sie ihm auszureden. Dabei wandten die beiden Amerikaner für kurze Zeit Bigot und Hartford den Rücken zu und bemerkten nicht, daß sie miteinander flüsterten.

»Wir können den Versuch jetzt wiederholen«, klang die Stimme Bigots zwischen die Worte Kellys. Der wollte noch etwas sagen, aber Spranger unterbrach ihn:

» All right, Monsieur Bigot, noch ein drittes Mal, dann werden wir unsere Entschlüsse fassen.« –

Zum dritten Male ging der Versuch vonstatten und verlief ebenso wie bei den beiden vorangegangenen Malen. Ein drittes Plättchen mit einem goldigen Zentrum konnte Spranger zu den beiden anderen in seine Brieftasche schieben.

»Wünschen die Herren noch einen vierten Versuch?« fragte Bigot geschmeidig.

»Danke, Monsieur Bigot! Was wir jetzt haben, genügt uns. Ich muß die Angelegenheit nun mit Mister Kelly besprechen. Ich glaube, wir werden uns heute abend noch klarwerden. Wir könnten dann vielleicht schon morgen zur Besprechung eines Vorvertrages zusammenkommen.«

Obwohl Spranger die Worte in einem freundschaftlichen Ton sprach, konnte Bigot seine Enttäuschung nur mit Mühe verbergen. Er hatte nach den gelungenen Versuchen einen schnellen Abschluß erwartet. Kaum hatten die beiden Inhaber der Firma Kelly & Company das Haus verlassen, als er Hartford gegenüber seinem Unmut Luft machte.

»Verlieren Sie die Nerven nicht, Bigot!« beruhigte der ihn. »Warten Sie den morgigen Tag ab. Daß Kelly angebissen hat, ist sicher. Mit seinem Partner werden Sie morgen auch fertig werden.« –

Im Hotelzimmer saßen Kelly und Spranger zusammen und berieten die Affäre Bigot.

»Ich habe den Eindruck, Spranger, daß Ihre Freunde in Deutschland Ihnen geraten haben, die Finger von der Sache zu lassen«, meinte Kelly.

»Sie irren sich, Mister Kelly«, widersprach Spranger. »Sie haben mir nur die verschiedenen Methoden erklärt, nach denen man uns 'reinlegen könnte. Das haben sie allerdings mit deutscher Gründlichkeit getan, und ich bin –«

»Das weiß ich, Spranger«, fiel ihm Kelly ins Wort. »Das haben Sie mir schon erzählt, bevor wir in die Rue Saint Antoine fuhren. Ich wunderte mich auch, daß Sie sich von Monsieur Bigot nicht die Strahlungsröhre zur Untersuchung ausliefern ließen. Warum haben Sie das eigentlich unterlassen?«

»Weil es nicht mehr nötig war, Kelly. Der Schwindel läuft diesmal andersrum.«

»Was?« Kelly starrte seinen Partner verdutzt an. »Sie sagen Schwindel? ... Nach drei überzeugenden Versuchen sprechen Sie von Schwindel?«

Spranger kramte in seiner Tasche, brachte verschiedene Plättchen zum Vorschein und breitete sie vor sich auf dem Tisch aus.

»Entscheiden Sie selbst, Kelly«, sprach er weiter. »Hier sind die Bleiplättchen, die mir Eisenlohr für die Versuche mitgegeben hat. Sie sehen überall die gleichen Scharten am Rand, die offenbar von einem Fehler der Stanze herrühren. Hier sind die beiden ersten Platten der Versuche. Sie zeigen genau die gleichen Einkerbungen. Als ich sie zuerst sah, war ich überzeugt, daß Monsieur Bigot ehrlich gearbeitet hätte.«

»Und was ist mit der dritten Platte?« fragte Kelly.

Spranger reichte sie ihm hin. »Sehen Sie selbst, Kelly. Hier fehlen diese charakteristischen Scharten. Der Rand ist überall glatt. Nun und nimmer ist das dieselbe Platte, die ich für den dritten Versuch in den Apparat gelegt habe. Beim drittenmal hat uns Bigot betrogen.«

Kelly ließ die drei Plättchen durch seine Finger gleiten, verglich sie auch mit den anderen Bleiplatten. Der Unterschied war ganz unverkennbar. Ratlos blickte er Spranger an, fragte:

»Warum das? Warum nach zweimaligem Gelingen beim drittenmal ein Betrug?«

Spranger zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht, Kelly, aber ich werde es bald erfahren. Mit dem Frühflugzeug kehre ich nach Deutschland zurück. Doktor Eisenlohr wird mir sagen können, was hinter der Geschichte steckt ...«

»Unsere Konferenz morgen. Spranger? Wir wollten zusammen den Abschluß besprechen.«

»Halten Sie Bigot hin, Kelly! Gebrauchen Sie irgendeine Ausrede, erzählen Sie ihm, was Sie wollen! Hat es so lange gedauert, dann kann es auch noch vierundzwanzig Stunden länger dauern. Dann, hoffe ich, werden wir klar sehen.«

*

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