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Lebensrückblick

Lou Andreas-Salomé: Lebensrückblick - Kapitel 8
Quellenangabe
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typeautobiography
authorLou Andreas-Salomé
titleLebensrückblick
publisherInsel Verlag
volumeinsel taschenbuch 54
printrun1. Auflage
editorErnst Pfeiffer
year1974
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Mit Rainer

In den sogenannten »Fürstenhäusern« der Schellingstraße in München, wo ich mit Frieda von Bülow zu Anfang 1897 abgestiegen war, hatte ich während einer Weile Gedichte anonym zugesandt bekommen. An der Handschrift des ersten Briefes nach der Vorstellung durch Jakob Wassermann – an einem Theaterabend im Frühling – erkannte ich den Verfasser. Nun las er mir noch andere Dichtungen vor, darunter »Christus-Visionen«; nach Äußerungen in jenem ersten Brief scheinen sie mir sehr negativ gehalten gewesen zu sein. Obwohl einiges daraus in der »Gesellschaft« schon hatte veröffentlicht werden sollen und auch andern zu Händen kam, konnten wir ihrer in spätern Jahren nicht mehr habhaft werden, trotz Bemühungen auch des Insel-Verlages um sie, so daß sie wohl als verloren angesehen werden müssen.

Nun währte es gar nicht mehr lange, bis René Maria Rilke zum Rainer geworden war. Er und ich begaben uns auf die Suche nach etwas Gebirgsnahem draußen; wechselten, hinausziehend, in Wolfratshausen auch noch mal unser Häuschen; ins erste Häuslein zog noch Frieda mit hinaus; beim zweiten, einem in den Berg gebauten Bauernheim, überließ man uns die Stätte überm Kuhstall; auf der Photographie, die später davon gemacht wurde, sollte die Kuh mit konterfeit werden – sie schaute nicht aus dem Stallfenster, doch steht die alte Bäuerin davor; und unmittelbar über dem Dach geht sichtbarlich der Weg in die Landschaft weiter; darüber wehte in grobem Leinen, handgroß mit »Loufried« schwarzgemalt, unsere Flagge, von August Endell verfertigt, der sich mit Rainer bald freundschaftlich verband; er half uns auch, die drei ineinandergehenden Kammern durch schöne Decken, Kissen und Geräte anheimelnd zu machen. Gegen den Herbst kam für eine Weile mein Mann nach, nebst dem Lotte-Hund; Jakob Wassermann besuchte uns bisweilen, auch andere; bereits im ersten Häuschen ein zu mir von St. Petersburg hergereister Russe (zwar unguten Andenkens), mit dem ich russische Studien trieb.

Der blutjunge Rainer, obwohl er schon verblüffend viel geschrieben und veröffentlicht hatte – Gedichte, Geschichten, auch die »Wegwarten«-Zeitschrift herausgegeben –, wirkte in seinem Wesen doch nicht vorwiegend als der zukunftsvoll große Dichter, der er werden sollte, sondern ganz von seiner menschlichen Sonderart aus. Und dies, obschon er bereits in seinen Anfängen, seit den kindlichsten von ehemals geradezu schon, die dichterische Aufgabe als die seiner unwidersprechlichen Berufung vorweggefühlt hatte und nie irre an ihr ward. Doch eben weil er von dieser Traumsicherheit glühend war, überschätzte sich ihm das schon Geleistete keineswegs; es bildete nur den Auftrieb zu erneuten Äußerungsversuchen, deren technische Bemühung, deren Ringen mit dem Wort sich ihm fast selbstverständlich noch im Gefühlsüberschuß verfing – dem noch nicht Vollendbaren mußte »Sentimentalität« aushelfen. Dies »Sentimentale« grenzte sich ab gegen sein Wesen hin: es blieb – möchte man sagen – innerhalb der technischen Notstände. Denn darüber hinaus kam es doch aus eben der ungeheuren Wesenssicherheit, sich dichterisch leisten zu können. Wenn auch z. B. einmal der ihm befreundete Ernst von Wolzogen ihn brieflich scherzend anredete: »Reiner Rainer, fleckenlose Maria«, so lag dennoch in Rainers innerer Situation keine weiblich-kindliche Erwartung, sondern schon seine Art Mannhaftigkeit: eine ihm entsprechende unantastbar zarte Herrenhaftigkeit. Dem widersprach nicht einmal seine eher bange Haltung gegenüber Beeinflussendem oder Bedrohlichem, also Fremdem: das, empfand er, galt weniger ihm als dem, wofür er jederzeit zum Hüter bestellt war und was er sich anvertraut wußte. Dies verlieh ihm eine Ungeteiltheit von Geist und Sinnen, ein Ineinanderschwingen von beidem: der Mensch ging noch unverkürzt und unbesorgt in den Künstler und der Künstler im Menschlichen auf. Gleichviel, wo es ihn ergriff – es war eine Ergriffenheit, die sich zu zerspalten noch gar nicht verstand und die keine Zweifel, kein Zaudern und Gegenurteilen in sich kannte außerhalb der noch unruhigen Entwicklung seiner poetischen Bewältigungen. Was man mit dem Wort »männliche Anmut« bezeichnet, war deshalb in hohem Grade Rainer damals zu eigen, in aller Zartheit unkompliziert, und unverwüstlich im Zusammenklang aller Wesensäußerungen; er konnte damals noch lachen, konnte sich noch vom Leben harm- und arglos in dessen Freude aufgenommen wissen.

Gedenkt man von da aus des spätern, des schon zielnahen, in seiner Kunst sich vollendenden Dichters, so wird es überaus klar, warum ihn dies die Harmonie der Persönlichkeit kosten mußte. Ohne Zweifel steckt ja, zutiefst gesehen, in allem Kunstvorgang ein Stück solcher Gefahr, solcher Nebenbuhlerschaft zum Leben: für Rainer noch unberechenbar gefährlicher, weil seine Veranlagung darauf gerichtet war, lyrisch das fast Unaussprechbare zu bewältigen, dereinst einmal dem »Unsäglichen« das Wort zu bereiten mit der Gewalt seiner Lyrik. Dadurch konnte es später in seinem Fall geschehen, daß die lebensvolle Selbstentfaltung einerseits und die Entfaltung der künstlerischen Genialität anderseits sich nicht gegenseitig förderten, sondern beinahe wider einander wuchsen, – daß also die Ansprüche von Kunst und Vollmenschentum in dem gleichen Maße in Streit gerieten, als die Kunstleistung in ihre ungeheure, ausschließende Werkwirklichkeit aufging. Diese tragische Wendung bereitete sich immer unabänderlicher darin vor.

Es vergingen Jahre, ehe sie vollends deutlich wurde. Was »Werk« werden wollte, sammelte sich zu steigender Fülle und Klarheit; die Wochen oder Monate zwischen den Entzückungen aber entleerten sich zu einem Warten mit leidendem Gewissen. Es war damals, daß mir um Rainer angst wurde: mir schien, jede Art von Arbeit oder anspruchslos geleisteter Tätigkeit sei besser als das leere Erwarten unter vergeblichen Selbstvorwürfen (ihn selbst ängstete dies daran am meisten). Wir nannten diese Erwägungen schließlich scherzweise »den Entschluß zum Postschaffnerwerden«. Dann entschlugen wir uns auch wieder aller Sorgen, für Jahre, denn was, wie Drohung und Krankheit, als Rainers Schicksal manchmal heraufdämmerte, brachte gleichzeitig Herrlichkeiten des Erlebens, die zu unerhörten Hoffnungen aufriefen.

Hatten wir uns unter Menschen kennengelernt, so war darüber längst ein zweisames Ineinanderleben geworden, bei dem uns alles gemeinsam war. Rainer teilte ganz unsere sehr bescheidene Existenz am Schmargendorfer Waldrande bei Berlin, wo in wenigen Minuten der Wald in die Richtung von Paulsborn führte, vorbei an zutraulichen Rehen, die uns in die Manteltaschen schnupperten, während wir uns barfuß ergingen – was mein Mann uns gelehrt hatte. In der kleinen Wohnung, wo die Küche den einzigen wohnzimmerlichen Raum außer meines Mannes Bibliothek darstellte, assistierte Rainer mir nicht selten beim Kochen, insbesondere wenn es sein Leibgericht, russische Topfgrütze, oder auch Borschtsch gab; er verlor alles Verwöhnerische, das ihn früher an geringsten Beschränkungen hatte leiden und seinen geringen Monatswechsel beklagen lassen; in seinem blauen Russenhemd mit rotem Achselschluß half er mir Holz zerkleinern oder Geschirr trocknen, während wir dabei ungestört bei unsern verschiedenen Studien blieben. Sie betrafen vielerlei; am eifrigsten aber betrieb er – der seit langem tief in russischer Literatur gelebt – russische Sprache und Landeskunde, seitdem wir ernstlich unsere große Reise vorhatten. Eine Zeitlang hing sie mit einem Plan meines Mannes zusammen, eine Reise nach Transkaukasien und ins Persische zu unternehmen, woraus nichts wurde. Wir gingen nun, gegen Ostern 1899, zu dritt nach Petersburg zu den Meinigen und nach Moskau; erst um ein Jahr später durchreisten Rainer und ich Rußland ausführlicher.

Obgleich wir nicht zuallererst Tula und Tolstoj aufsuchten, bildete doch seine Gestalt gewissermaßen das Eingangstor zu Rußland für uns. Denn wenn's auch bereits früher Dostojewskij gewesen war, der Rainer die Tiefen menschlicher Seele an Russen erschlossen, so wurde es doch Tolstoj, der ihm gleichsam den Russen als solchen verkörperte – infolge der Gewalt seiner dichterischen Eindringlichkeit in allen Schilderungen. Dieser zweite Besuch bei Tolstoj, im Mai 1900, fand nicht in seinem Moskauer Winterhaus statt wie der auf der ersten Reise, sondern in dem 17 Werst von Tula gelegenen Gut Jásnaja Poljána. Ganz konnte man ihn auch wohl nur auf dem Lande erleben, nicht in Stadt und Zimmer – mochte sich dieses noch so bäuerlich abheben von den übrigen Gemächern des gräflichen Haushalts, oder mochte es den Hausherrn noch so unbefangen in selbstgeflicktem Kittel oder bei Handwerksarbeit zeigen oder an der Familientafel bei Grütze und Kohlsuppe im Gegensatz zu den leckern Gerichten der Tischgenossen.

So war diesmal, bezeichnenderweise, der stärkste Eindruck, den wir empfingen, der von einer kurzen Wanderung zu dritt. Nach einer Frage an Rainer: »Womit befassen Sie sich?« und dessen etwas schüchterner Antwort: »Mit Lyrik«, war eine temperamentvolle Entwürdigung jeglicher Lyrik auf ihn niedergeprasselt, – ihr aber volle Aufmerksamkeit zuzukehren, hinderte uns beim Ausgang vom Gutshof ein fesselnder Anblick. Denn ein Pilger von fern, schon greise, war herangekommen, wurde nicht müde, den andern Alten unter stets erneuten Verbeugungen und Grüßen zu ehren. Er bettelte nicht, er grüßte nur, wie die vielen, die oft von weit her kamen zu dem gleichen Zweck: ihre Kirchen oder Heiligtümer wiederzusehen. So mußten wir, indes Tolstoj achtlos weiterschritt, die Ohren nach beiden Seiten spitzen aber unsere Augen blieben um so konzentrierter beschäftigt: jede Bewegung, Kopfwendung, jedes geringste Innehalten in der brüsken Gangart vermittelte uns » Tolstój«. Die frühsommerlichen Wiesen quollen über von Blumen, wie man sie selten so hochgewachsen und tiefgefärbt trifft außer auf russischer Erde; auch noch innerhalb des Waldschattens deckten unwahrscheinlich große Vergißmeinnicht den etwas moorigen Boden. Und stark betont wie diese Blumenfarben selber blieb mir eindringlich in Erinnerung, wie Tolstoj, inmitten lebhaften und lehrhaften Sprechens, sich förmlich jählings bückte, mit hohler Hand – etwa so wie man nach Schmetterlingen haschen würde – büschelweise die Vergißmeinnicht einfing, sie heftig, als müsse er sie sich total einverleiben, ans Gesicht preßte und sie dann lässig aus der Hand fallen ließ. Noch immer tönten, verschwommen hörbar, von fernher die verehrenden, begrüßenden Worte des Bauern; aus ihrem Nicht-enden-mögen klang es gleich einem: »– daß ich Dich noch gesehen –!« Und ich lieh ihnen aus unserm Gefühl die gleichen dankenden Worte, das gleiche Begrüßen: »– daß wir Dich noch gesehen –.«

Vielleicht trug diese Stunde etwas dazu bei, Rainers Übertreibung zu veranlassen, die jedem begegnenden Bäuerlein erwartungsvoll entgegensah wie einer möglichen Vereinigung von Simplizität und Tiefsinn. Aber mitunter erhielt er recht. So einmal bei Besichtigung der Moskauer Tretjakówschen Gemäldegalerie, die wir zugleich mit ein paar Bauern unternahmen. Vor einem großen Bild »Weidendes Vieh« äußerte der eine unzufrieden: »Kühe! kennen wir! was die uns schon angehen?« Der andere verwies es ihm mit beinah verschmitztem Gesicht: »Diese da sind gemalt, weil sie Dich was angehn –. Weil Du sie lieben mußt, siehst Du, darum sind sie gemalt. Du mußt sie lieben, obgleich sie Dich nichts angehn, – siehst Du.« Über seine eigene Erklärung vielleicht selber verdutzt, hatte das Bäuerlein sich drauf mit einem fragenden Blick dem neben ihm stehenden Rainer zugewendet. Und das wirkliche Erlebnis war hier Rainer: wie er auf den Bauern starrte, wie es aus ihm herausbrach in seinem mangelhaften Russisch – hingerissen: » Du weißt es –.«

Und endlich waren wir eingekehrt dort, wo es Rainer scheinen mußte, als begegne ihm fort und fort, was ihn voller Sehnsucht hergetrieben hatte: in den Menschen und Landschaften der Wolga – stromaufwärts, vom Süden an bis in den Norden, wo wir hinter Jarosláwl landeten. Hier durften wir, für einen Augenblick, heimisch werden in der russischen Isbá (Bauernhütte). Immer wieder dem Wolgadampfer entsteigend, irgendwo tief im Lande, fanden wir sie – noch neu und harzduftend in ihrem ungeschälten Birkengebälk; denn ein junges Paar, das sie sich erbaut, zwischen den schon braunverwitterten, rauchgeschwärzten errichtet, war dann noch in Dienst gegangen um Bargeld. Umlaufende Bank, ein Samovar, breiter, frisch für uns gefüllter Heusack am Boden machten den Innenraum fertig; im leeren Stallraum daneben eine zweite Strohschütte, obzwar die Nachbarbäuerin treuherzig zu bedenken gab, daß die erste ausreichend breit geraten sei. – Sind wir nur einigemal dem Wolgadampfer entstiegen? Waren wir nicht zu Gast bei solchen Bauern, und war nicht sogar der Bauerndichter Droschin in seiner Hütte unser Gastherr? Gäbe es nicht ganze Bücher zu füllen mit dem, worin wir ganz aufgingen in gespanntestem Interesse? Waren es nicht viele Jahre, so hingebracht? Waren es wirklich nur Tage, Wochen, kaum Monate? Aber alles war immer wieder gesammelt im Bilde einer Stunde und einer Isbá: immer wieder geschah uns, was da geschah, wenn wir in aller Morgenfrühe schon auf der Schwelle saßen, den dampfenden Samovar vor uns am Boden, und heiter den Hühnern zusahen, die so neugierig von den nachbarlichen Blockhütten zu Besuch antrabten, als kämen sie, ihre Eier zum Tee persönlich anzubieten.

Die »Isbá unterwegs« versinnbildlicht in der Tat etwas von dem, was für Rainer »Rußland« hieß und verhieß. Eine dieser Blockhütten aus Birkenstämmen, giebelgeschnitzt oder in starken, ungebrochenen Bauernfarben, die es den Wintern und Sommern überließen, sie ins Dunkle oder Helle zu verwittern: eine »Stelle« bedeutete sie, eine »Raststelle«, für ein Atemholen lang – wie er es ersehnt, ehe die Wanderung begann, und wie er's brauchte, um das Seine leisten zu können. Hier hauste Volk, dessen Geschichte Drangsal und Elend gewesen, dessen Grundnatur dennoch Ergebung und Zuversicht ineinanderzuhalten verstand: wie auch Rainer selbst von Grund aus in sich ein Anbefohlensein spürte, das jedes vergewaltigende Geschehen noch sicher mitumgriff. Dies Schicksalhafte hieß diesem Volke »Gott«: keine hochthronende Macht, die seine Lasten aufhob, nur eine Obhut der Nähe, die bis an diese Herznähe keine letzte Zerstörung heranläßt – der russische Gott Ljeskóws, der »in der linken Achselhöhle wohnhaft« ist. Rainer übernahm ihn, diesen Gott, weder Historischem noch auch Kirchlichem seiner neuen Umgebung; er bog in Rußlands Geschichte und Gotteslehre seine eigensten Nöte und Andachten ineinander, bis es in Notschrei und Lobpreis sich ihm als ein Stammeln entriß, das Wort ward wie noch nie – das Gebet ward.

Man darf sich nicht dadurch täuschen lassen, daß in den Büchern des »Stundenbuchs« es nicht widerspruchslos ein und derselbe Gott ist, den er dem Russen entnimmt: namentlich daß neben der Einstellung in die fromm vertrauende Gotteshut es unvermittelt auch die gibt, worin der Mensch umgekehrt zum Gottschöpferischen, Gott-erschaffenden zu werden scheint, der den Gott in seine Obhut zu nehmen hat. Hier entzweit nicht Überheblichkeit seine Andacht: vielmehr ist diese so groß, daß alle Gefühle, vom Erschauern der Demut bis zur zartesten Zärtlichkeit, sich um die gleiche Frömmigkeit sammeln, am innigsten in dem unerhört süßen Gedicht:

»– Du bist aus dem Nest gefallen,
bist ein junger Vogel mit gelben Krallen
und großen Augen und tust mir leid.
(Meine Hand ist Dir viel zu breit.)
Und ich heb mit dem Finger vom Quell einen Tropfen
und lausche, ob Du ihn lechzend langst,
und ich fühle Dein Herz und meines klopfen
und beide aus Angst.«

und dicht dabei:

»Wir bauen an Dir mit zitternden Händen
und wir türmen Atom auf Atom.
Aber wer kann Dich vollenden,
Du Dom.«

Noch nichts an alledem ist innerer Widerspruch; nichts ist Grenze frommer Andacht, nichts dichtet in ihm, was nicht in ihren Kreis sich sammelte: »Gott« erschuf sich seiner Dichtung unter Andrang aller menschlichsten Gefühle, indem diese, furchtlos vertrauend, den Gott selber an sich geschehen ließen als ihren Einklang und unerfaßliche Ordnung.

Denn in Andacht und Gebet schlägt ja alles an, was bis an den Rand bewußter Gefühlsvorstellungen in uns wogt: was dadurch innerste Sammlung, Herzeinkehr wird; was alle Ekstasen (mögen sie auch von weither, wie Geschlecht oder Geltung, herrühren) in einem unbekannten Zentrum bindet. Denn was liegt, auch beim »gläubigen« Menschen, dem Namen Gottes zugrunde? Das Anrühren dessen, was uns eben noch vom Bewußtsein her erreichbar ist und doch schon unsern bewußten Motivierungen entzogen – uns schon nicht mehr als »wir« erscheint; obwohl wir ja darein ausfließen und drum gern der Versuchung erliegen, es im Gesammeltesten eigenen Wesens zu benennen, zu objektivieren.

Aber »Gebet« – als Vollzug empfundener Andacht – setzt selbst bereits Höhegrade innerer Not, inneren Jubels, Preisgegebenheit oder Lobpreisung, voraus. Wenn es auf dieser Höhe Dichtung wird, unwillkürliche Kunstleistung, übermächtig im Ausdruck, geschieht bereits zutiefst etwas Paradoxales, indem Ursache und Wirkung sich umkehren: indem das Sekundäre, die Aussage, nicht mehr in eins fällt mit dem Erlebnis selbst, sondern ihre Erleichterung und Entlastung – wenigstens um eine Spur – zu einem selbsttätigen Drang und Ziel werden läßt.

Schon während der beginnenden Entstehung des Stundenbuchs, auf der ersten russischen Reise, wurden die Anfänge hierzu ergreifend deutlich; aber die zweite Reise brachte das innere Problem erst völlig zur Erscheinung, da erst dann Rainer sich dem Eindruck »Rußland« bei unsern Fahrten und Begegnungen unbeeinträchtigt hingeben konnte. Er hat im Rückblick darauf es schmerzvoll beklagt, daß die Tiefe dieser Eindrücke verhältnismäßig ohne weitere »Gebete« geblieben sei; das kam jedoch gerade daher, daß er sie betete: Gebet und Erfüllung deckten sich noch wie eine, im Vollzug schon vorhandene Wirklichkeit; und was als Kunstleistung, angedeutet oder auch ganz, ausblieb, realisierte sich wie noch nie in Rainer selbst, im außerordentlichen Anblick, den sein Wesen in solchen Augenblicken bot – allerdings immer wieder der Erwartung und banger Suche nach dem letzten Ausdruck weichend, der den Ausdruck selbständig bestätigen und befestigen sollte. Da war er denn zerrissen zwischen der Ungeduld, die den Eindrücken wie Sinnbildern entgegeneilte (die ihm in ihnen selbst schon Erfahrung von Vorhandenheit waren), der Sehnsucht, sich hineinzuknien in einen jeden ihrer, bis er sich in der dichterischen Aussage vollendete – und dem entgegengesetzten Drang, das in ihm bereits Schaffende nicht darüber zu versäumen. So befand er sich oft gleichzeitig wie gebannt auf dem ihm zukommenden Platz lauschender Stille und wie vor Fenstern eines Eilzugs rastlos vorübergerissen an Ort um Ort, an Landschaft um Landschaft, ohne Möglichkeit der Heimkehr zu ihnen. Noch nach Jahren sprach er, als von Uneinholbarem, von den Gedächtnislücken, die dadurch entstanden waren, verglich sie Analogem, was sich an frühestem Kindheitsmaterial begibt; leise, verhalten zitierte er dann:

»Mach, daß er seine Kindheit wieder weiß;
das Unbewußte und das Wunderbare
und seiner ahnungsvollen Anfangsjahre
unendlich dunkelreichen Sagenkreis.«

Damit war verbunden der insgeheime Aufruf, seine »Kindheit nochmals zu leisten«; der Wunsch, daß sie visionär aufdämmern möge, trotz all dem, was ihn vor vielen Erinnerungen zurückschaudern ließ. Denn über dies Schaudern hinaus, vor allem Zwiespalt, umfaßte früheste Kindheit doch seine ursprüngliche, aus sich selbst genährte Sicherheit. Aus ihr erst müßte sich der große Wurf zum Werk befreien, das er zu schaffen habe:

»Ich glaube an alles noch nie Gesagte.
Ich will meine frömmsten Gefühle befrein.

Was noch keiner zu wollen wagte,
wird mir einmal unwillkürlich sein.
Ist das vermessen, mein Gott, vergib.

Und ist das Hoffart, so laß mich hoffärtig sein
für mein Gebet –«

Mag auch in jedem Fall eine Nebenbuhlerschaft von Mensch und Künstler an der Frage entstehen, wie beide ihre Kräfte darein teilen: für Rainer war das Objekt seiner Kunst Gott selber, d. h. dasjenige, was seine Haltung zu seiner innersten, eigenen Lebensgrundlage ausdrückte, das Anonymste jenseits aller bewußten Ichgrenzen. Und das zu einer Zeit, wo »religiöser Kunst« nicht mehr durch die Drastik allgemein geltender Glaubensvorlagen die gültigen Bilder geliefert, ja vorgeschrieben sind. Man darf es sogar so sagen: Rainers dichterische Größe wie auch seine menschliche Tragik gehen auf den Umstand zurück, an einer objektlos gewordenen Gott-Kreation sich haben ausstürzen zu müssen. Wo dem Gläubigen der Produktionsdrang, Aussagedrang, auch noch so überwältigend wurde oder würde, da rührt er doch nicht an dies andere Allgewaltige: den Tatbestand des Gott-Umfaßten, der als solcher ja nicht erst seiner bedarf. In Rainer änderte die Objektlosigkeit: zwar ebensowenig seine innerste Hingebung und Haltung, aber seine Aufgabe als Künstler, als Gestaltender, konnte nicht umhin, in sein Letztes, Menschliches hineinzugreifen: wo sie zu mißlingen drohte, da bedrohte sie auch dieses selbst, dessen Objekt mit dem des Schaffens in eins fiel.

Es ist dies auch der Punkt, von dem aus man Rainers »Angst« als Schicksal begreift: nicht als bloße Angsthaftigkeit der zarten Natur vor Objektverlusten im Leben, oder als die aller echten Künstlernaturen infolge von unterbrochener Produktionskraft, die sich nicht befehligen läßt, sondern als jene absolute Angst vor dem Verschlucktwerden ins Nichts, worein auch das verfiel, was abgesehn von allem Unsern sich an uns und allem auswirkt. An der Bewältigung der Aufgabe »Gott« mußten sich so in ihm Menschentum und Dichtertum stoßen: das Menschentum als lebendige Unmittelbarkeit des empfangenden Seins, das Dichtertum als Aktion, dies Sein gestaltend zu beglaubigen. So hat Rainer, sowohl anfangs wie auch zwischendurch, seine künstlerische Gott-Aufgabe sich mitunter wie eine Verführung oder Anfechtung vorgestellt, die nach Höhen trachtet, welche notwendig ihn der tiefen, haltenden, alles untergründenden Bodenkraft entreißen mußten:

»Weit war ich, wo die Engel sind,
hoch, wo das Licht in Nichts zerrinnt –
Gott aber dunkelt tief.

Die Engel sind das letzte Wehn
an seines Wipfels Saum;
daß sie aus seinen Ästen gehn,
ist ihnen wie ein Traum.
Sie glauben dort dem Lichte mehr
als Gottes schwarzer Kraft,
es flüchtete sich Luzifer
in ihre Nachbarschaft.

Er ist der Fürst im Land des Lichts,
und seine Stirne steht
so steil am großen Glanz des Nichts,
daß er, versengten Angesichts,
nach Finsternissen fleht.«

(Ich zitiere aus den »Stundenbüchern« besonders deshalb, weil sie Frühes und Spätes enthalten, weshalb Rainer sie mündlich sogar gern »die undatierbaren« nannte, wie auch gleich ihnen den »Malte Laurids Brigge« sowie die »Elegien«.)

Diese Stellung des Luziferischen kennzeichnet den Ausgangspunkt für die Lauflahn des Engels in Rainers Dichtung. Eine große Angelegenheit! Stehen hier im Zitat die Engel noch unschuldig da, als winkten sie über sich weg nach Gott, so verringern sie ungewollt doch auch schon die Unmittelbarkeit zu ihm: wie ein Vorraum unübersehbar Flügelschlagender vor dem Allerheiligsten. Und dabei bleibt es nicht: mehr und mehr hängt der Aufenthalt, auch im Engelbereich selber, schon von der Kraft der Produktion, von der Stunde ihrer Gnade ab. Das Ruhen im Gott wird zurückgestellt gegen die Audienz beim Engel. Und gegen das Ende vollendet diese Problematik sich so, daß Gott und Engel in Austausch miteinander treten.

Man vermag dieser Wendung an irgendeiner der Linien des Gesamtbildes gleichsam mit den Augen zu folgen, besonders klar an den Bedeutungen, in die sich Rainers Wort von der »Armut« wendet, die im »Stundenbuch« den Dritten Teil mitbenennt. Ursprünglich bedeutete »Armut« dem Menschen wie dem Dichter das Sichfreihalten für das Wesentliche, die Nichtabhaltung durch das Nebensächliche, eine Haltung des Reichtums und kostbaren Besitzes, den allein es gilt, denn

»Armut ist ein großer Glanz aus Innen.«

Bereits Rainers Bemühen um praktische Vereinfachung des Alltagsdaseins, um Entwöhnung von absorbierenden Ansprüchen, vergeudenden Zeitverlusten gehörte hierher. Zwischen den Stunden der Produktionskraft lauerte aber auch schon damals die Frage, ob man nicht mit einem Teil des eigenen Wesens unproduktiv sei, dem Trivialen und Abhaltenden überantwortet bleibe. Man vernimmt noch die flügelschlagenden Engel droben, deren Dasein das Lobsingen Gottes ist, steht aber als der Ärmere unter ihnen: nicht mehr fraglos umgriffen von Gottgegenwart, der allumgreifenden, vor der es kein Arm oder Reich an Gaben gibt, sondern nur die Kindschaft des Seins selber. Von dem, was Rainer Schauerlichstes zum Ausdruck brachte – die Schilderung der Armut der Ärmsten bei seinem ersten Pariser Aufenthalt –, ist dies die eigentliche Höllenfärbung, auch wo er rein materielles Elend schildert. Denn obschon ihn in jenem Jahr auch die Furcht vor materieller Armut aufrieb, ward doch auch sie ihm reine Widerspieglung jener seelischen in ihm, die ihn in Verzweiflung stieß. Sie wirkt noch in den Details (Briefe an mich, dann übergeführt in den Malte Laurids Brigge) mit der Größe gewaltiger Dichtung, weil darin der von Armut Gebrandmarkte in hoffnungsloser Angst zu dem Gott aufschrie, der solchen nicht lieben kann. Projiziert in den Andrang von Armut, Krankheit und Unrat, stellte Rainer darin keinen Miterleidenden, sondern sein Selbstleiden dar, das (Brief) angstvoll ins Wort ausbricht: »Ich möchte oft laut sagen, daß ich nicht einer von ihnen bin.« Seine Identifikation mit allem Mißratenen und Verworfenen wird dem Gefühl so absolut, wie es wahrscheinlich nur im Nichtschaffenkönnen des Schaffenden zustande kommt, d. h. also selbst mit der Stärke eines Schaffensaktes. Als ich ihm, überwältigt von diesen Schilderungen, nach Worpswede schrieb, wie sehr sie sein Nichtkönnen widerlegten, schrieb er zurück, wenn's so sei, so habe er eben gelernt, »Dinge zu machen aus Angst«, aus Todesangst.

Von diesem Punkt aus erfaßt man die ganze Erlösung, die Rainer geschah durch seine Begegnung mit Rodin, der ihm als Künstler die Realität geschenkt hat, wie sie ist ohne Gefühlsverfälschung durchs Subjekt, der ihn an seinem eigenen Vorbild lehrte, die Fruchtbarkeit des Schaffens und Lebens in eins zu binden, und dessen einziges Gebot und Gesetz des »toujours travailler« ihn »Dinge machen« ließ nicht aus Angst, um sich darein zu bergen, sondern weit geöffneten Auges vor dem vorliegenden »modelé«. Indem Rainer daran lernte, in sachlicher Drangabe und mit Absehen von seinen jeweiligen Gefühlszuständen tätig zu sein, gelangte am Handwerklichen, technisch Gearbeiteten sozusagen auch der Alltag geduldig beschäftigt unter den einen Oberbefehl der Kunst. Längst war ja seine Sehnsucht ahnungsvoll auf dem Wege zu diesem Ziel: schon im Malerkreise von Worpswede, schon durch Clara Westhoff, die Schülerin Rodins, die, noch ehe sie Rainers Frau wurde und noch ehe Rainer Rodin persönlich kannte, ihn ihm begegnen ließ. Noch allerdings konnte, nach seiner Pariser Übersiedlung, seine Angst sich nochmals bis zum äußersten steigern: bis ihm die Erfüllung zuteil ward: total zu Rodin ziehen zu dürfen, ihm ganz zuzugehören, nur äußerlich betrachtet sein Privatsekretär, in Wirklichkeit ein Freund zu Freund in einem Nehmen und Sichgeben ohne Grenzen: Rodin schenkte ihm im Grunde erst die gesamte Objektwelt.

Und nicht nur die Objektwelt: auch noch die Meisterung von Ausgeburten der Phantastik, von Grauenhaftem, Ekelhaftem, Höllenhaftem aller Verzerrungen. Woran ehedem seine krankmachende Übersensitivität erlegen war in Angst, dazu gewann er selbst noch in dieser Angst künstlerischen Abstand, indem die aufgestaute Zuständlichkeit Raum erhielt zur nämlichen Befreiung wie durchs angstlose Schaffen. Wieso er auch das an Rodins Hand und Zucht erlernen konnte? Weil, wie man ja nicht übersehen darf, für Rainer bereits die grundsätzliche Zurückhaltung dem rein real Betrachteten gegenüber eine ungeheure Anstrengung seelischer Natur bedeutete, die alles nur auf das betreffende Ding, nichts auf ihn beziehen durfte. Das gestaute, gleichsam gefühllos erhaltene Gefühl hätte sich da vielleicht schon hundertmal – sozusagen – rächen mögen durch entwertende Verzerrungen, seinen altgewohnten Überschwang negativ dran loslassend: vom Moment an, wo es künstlerisch so zu tun, vermochte, erschloß es sich damit ein neues Gebiet der Lust. Eines Lustzustandes, der beim ersten Gelingen – bei den in dieser Hinsicht unsagbar interessanten Gestaltungen und Übertreibungen des Pariser Elends – noch halb unbewußt blieb. (Es ist jedoch nicht zu leugnen, daß dieser Zuschuß an Gestaltungsfreiheit ihn auch einem Gefahrpunkt noch mehr näherte: sich in Stunden eigener Entwertung und Enttäuschung in solche »Rache am Objekt« selber einzubegreifen.) In einem späten Brief (1914) nennt Rainer den Künstler den, der nicht drauf angewiesen bleibe, »Unbewältigtes in sich aufzulösen, sondern ganz eigentlich dazu da (sei), es in Erfundenem und Gefühltem aufzubrauchen, in Dingen, Tieren –, warum nicht? – wenn es sein muß in Ungeheuern«. Man füge hinzu: auch an der eigenen »Ungeheuerlichkeit«.

Man empfindet unmittelbar, wie antipodisch Rainers Urveranlagung – denn nur sie schuf sein Gott-Sinnbild – zu Rodin blieb, ungeachtet aller Hingabe.

Fast selbstverständlich, daß auch ihr persönliches Verhältnis nicht dauernd beharren konnte, ob auch nur ein halb zufälliges Mißverständnis die Änderung daran zu verschulden schien. Für Rodin löste seine eminente Gesundheit und Mannheit das Problem, wie an allererster Stelle dem Kunstziel und dennoch auch unbefangener Freude und Entspannung zu leben sei, ja wie diese um so einheitlicher wiederum der Kunst zugute kämen. Für Rainer setzte, sollte er zu Rodins Einstellung gelangen, die schöpferische Aktion eine passive Hingebung, einen so absoluten Aufblick zum führenden Meister voraus, daß die ungeheure Korrektur des Gefühlsüberschwanges in zuchtvolle Kühle ihm gerade durch solchen heilenden Selbstwiderspruch gelang.

Dies ging sogar weit genug, um Einfluß zu gewinnen auf Rainers dichterische Gestaltungen seines Gott-Sinnbildes im »Stundenbuch«: dessen Fortsetzung am südlichen Meer von Viareggio, wohin er aus den Pariser Schrecken geflüchtet war, zeigt die Spur dieser versuchten Wandlung. Die dunkle Bodenkraft des Gottes, die noch den Keimling schützend birgt, erhebt sich sozusagen zu gigantischer Bergeswucht, darin der Mensch, im Erzgeäder erstickend, steckt – – beinahe in Wiederholung von Rainers altem Kindheits-Fiebertraum, da ihn ein steinern Überwältigendes zermalmt. Dennoch der betende Aufruf, Anruf zum Gott:

»Bist du es aber: mach dich schwer, brich ein:
daß deine ganze Hand an mir geschehe
und ich an dir mit meinem ganzen Schrein.«

Gottes Antlitz gewinnt Strenge wie die des Engels, wie die des Meisters, dessen Forderung auf Leistung steht. Und weiter wandelt sich das Bild: die Bergeswucht drängt, an Angst und Leistung des Menschenkindes, Frucht aus sich heraus, wie in Geburtswehen ein Kind. Damit ist Schmerz auch Tod, sofern er dadurch erfolgt – sanktioniert, jedenfalls der zufälligen Banalität entzogen. Rainers schon frühes Verlangen erfüllt sich:

»O Herr, gib jedem seinen eignen Tod.«

Der Tod wird schöpferische Frucht, wird der eigentliche Auftrag. Aber unwillkürlich sammelte sich ihm das in den Sinn des Künstlertums: Aufbrauch des Lebens am Kunstwerk.

Infolge dieser Bindung an die Leistung wurde Rainer von gesteigerten Todesängsten verfolgt – insbesondere in Stunden oder Zeiten zaudernder Produktivität –, von Ängsten vor der banalen Zerstörung durch irgendwelche Todesverursachungen. Der »eigene« Tod, wie er ihn ersehnte, erhielt eine Art von Trostakzent erst durch den Umstand, daß man noch immerhin mit drin steckt als Selbst. Der »Leistung« verhaftet, fand Rainer, trotz aller Bemühung darum, nicht den Blickpunkt, der Tod und Leben ineinandergeschlossen zeigt: während doch eben dies seinem Grundwesen allein entsprach – nämlich jene »totale Armut« zu leisten, die sich ganz anheimgibt, sich restlos aufgibt, weil reich in ihrem Aufgenommensein in alles.

Innerhalb seines Künstlertums kam Rainer dagegen durch Rodin zu unverlierbarer Vollendung seines Könnens. Wer die »Neuen Gedichte« kennt, die auch das »Buch der Bilder« weit hinter sich lassen, gar nicht zu reden von der frühen Lyrik, erfuhr das wohl unmittelbar. Aber nicht nur seine Lyrik kam zur technischen Meisterschaft durch das Abrücken vom Übersensitiven und Zuständlichen: Rainers großes Prosawerk, der »Malte Laurids Brigge«, verdankt indirekt der Rodin-Zeit seine Entstehung. Denn obgleich er immer als eine seiner subjektivsten Auslassungen eingeschätzt wird, geschieht dies doch zu Unrecht: kam Rainer doch am Gegenstand, der er selber war, zu objektiverer Haltung eben gegenüber sich selbst, als ihm je zuvor möglich gewesen wäre. Malte ist nicht ein Porträt, sondern die Verwendung eines Selbstbildnisses gerade zum Zweck einer Selbstunterscheidung davon. Auch wo im Malte Autobiographisches direkt verwendet ist (dies nur nicht in Maltes Kindheit), geschieht es, um sich damit gestaltend zugleich selber von Maltes Untergang zurückzuhalten zu lernen. In einem 1911 aus Schloß Duino darauf rückblickenden Brief (von mir schon im R. M. Rilke-Buch zitiert) lautet eine Stelle:

»Vielleicht mußte dieses Buch geschrieben sein wie man eine Mine anzündet; vielleicht hätt ich ganz weit weg springen müssen davon im Moment, da es fertig war. Aber dazu häng ich wohl noch zu sehr am Eigenthum und kann das maßlose Armsein nicht leisten, so sehr es auch wahrscheinlich meine entscheidende Aufgabe ist. Ich habe den Ehrgeiz gehabt, mein ganzes Kapital in eine verlorene Sache zu stecken, andererseits aber konnten seine Werthe nur in diesem Verlust sichtbar werden und darum, erinner ich, erschien mir die längste Zeit der Malte Laurids nicht sosehr als ein Untergang, vielmehr als eine eigenthümlich dunkle Himmelfahrt in eine vernachlässigte abgelegene Stelle des Himmels.«

Man kann sich nicht ohne Ergriffenheit vergegenwärtigen, mit welchem Mut bekennerischer Sachlichkeit Rainer hieran arbeitete; als riefe er seinen lyrischen Überschwang an, sich zu entflügeln und Boden zu halten: und eben darum schildert er da, wo er es sich zubilligt, mit reiner Freude, mit einer gleichsam neuen Freude (wie er es mir in Paris noch während der Arbeit mit fast kindlicher Genugtuung erzählte). Als enthielte der Verfasser selber ein wenig vom » nichtwiderliebenden Gott« dieses Buch dem Malte gegenüber, aber nur insofern er damit besser um Gott weiß und – fromm-drastisch verbildlicht – um dessen geheime Absichten mit uns. Nicht aufs Geliebtwerden kommt es seitdem an, sondern auf das eigene absolute Hingegebensein; die Heimkehr des verlorenen Sohnes erweist sich als Mißverständnis einer Religiosität, die das Ihre sucht, anstatt durch Absehn von sich, durch Aufblick, aller Fülle unbeabsichtigt teilhaftig zu sein. Hiermit stehen die Ärmsten als die Reichsten, die gering Gewertetsten als Gesegnete und Heiliggesprochene wieder da.

Darum hat, vor dem späten Durchbruch der Elegien und der Orpheusgesänge, Rainer nichts so stark produktiv angeregt als die Schilderung solcher Arm-Reichsten: Schicksal, eminenter als es künstlerische Werke zu sein vermögen: etwa bereits weibliche Liebesschicksale, die, wie tragisch verletzend sie auch gewesen sein mochten, doch damit zur letzten Selbstvergessenheit als zum wahren Selbstbesitz führen; noch in der Ersten Elegie nennt er sie: »Jene, du neidest sie fast, Verlassenen, die du so viel liebender fandst als die Gestillten.« (Hierzu die »Sonette aus dem Portugiesischen«, die »24 Sonette der Louise Labé«, die »Briefe der Nonne« usw.)

In den Jahren des Werdens der Elegien, wo Rainer mir Fragmentstückchen zukommen ließ, formten sich ihm ähnlich Worte, die neben den Liebenden den Tatmenschen begeisterter priesen als den Sänger des Kunstschaffenden. So aus der werdenden Sechsten Elegie der mit »Fragment« überschriebene Vierzeiler:

»Wie hinstürmte der Held durch Aufenthalte der Liebe,
jeder hob ihn hinaus, jeder ihn meinende Herzschlag, –
abgewendet, schon schon, stand er am Ende der Lächeln:
                 anders.«

Aus der Zeit, da Rainer nach Abschluß des Malte-Werkes den Entschluß faßte, nun nichts mehr zu schreiben, gewissermaßen das Werkhafte in die Wirklichkeit einer Lebenshaltung überzuführen, erinnere ich mich, wörtlich fast, eines Gesprächs zwischen uns an einem Sommernachmittag in unserm Garten. Die Rede war darauf gekommen, wie oft der Typus jener Liebenden seine Liebesgewalt Täuschungen entnimmt und die schöpferische Herzenskraft nur um so mächtiger und fruchtbarer erscheinen muß, je weniger legitimiert sie durch ihr Objekt erscheint. Da brach es aus Rainer wie Verzweiflung: ja, schaffen und schaffen dürfen als Ausbruch des Schöpferischen in einem selbst und, wie solche Liebenden es tun, sich damit das höchste Werk des Menschentums beweisen! Was aber der Künstler schaffe, sei doch ein Hinweis auf Seiendes über personale Objekte hinaus, und eben daraus entnehme er doch seinen Schaffenstrieb. In jeder Minute, wo dieser ihn im Stich lasse, wohin entfiele er – er selber – damit! Denn das, was da sei, wisse alsdann nicht von ihm: es brauche ihn ja auch nicht: nur er brauche es, um von sich überhaupt zu wissen.

Auf dem Untergrund solcher Verzweiflung verdeutlichte sich mit einem Schauer der Gewißheit, bis zu welchem Grade das Letzte, Ureigentliche des Menschen Rainer, auch bei vollkommenstem Gelingen, ihn über das Kunstwerk, das Dichterwort noch hinweg nach Erlebnis, nach Lebensoffenbarung greifen ließ und erst dies als Ruhepunkt, als Frieden empfinden. Davon hing alles für ihn ab bis zur nächsten Schaffensstunde. Von daher beim spontanen Durchbruch der Elegien sein Jubel: »sie sind – sie sind!« – nicht als Werk nur, sondern als die unfaßliche Existenz selbst, worin Leistung, die er schuf, und Wesenheit, die ihn darin gnadenvoll umgriff, nunmehr eins waren. Das ungewollt strenge Antlitz des Engels, das auf ihn fordernd niedersah, ward damit wieder zum antlitzlosen Gott, darein das Menschenkind eingeht wie in das Gesicht allen Lebens. Innerhalb des produktiven Augenblickes ist beides das Nämliche noch, gleiche unzertrennbare Wirklichkeit; was zum Engel aufschrie, dem nicht obliegt zu erhören, der nichts kann, als seine Herrlichkeit und Schrecklichkeit, uns überwältigend, darzutun, wird gleichzeitig zum Ausruhen an Gott, dessen Sein in der Unmöglichkeit gegründet ist, nicht zu erhören.

Was es Rainer, schon von Jugend an, ungemein erschwerte, produktive Stunden im Vertrauen auf deren Wiederkehr abzuwarten, war seine körperliche Anfälligkeit: der Umstand, daß sein Leib von solchem Warten nicht etwa nur aufgerieben wurde, sondern es hysterisch beantwortete. D. h. daß anstelle der zögernden künstlerischen Bereitschaft zur Aktion allerhand leibliche Überempfindlichkeiten, Aufgeregtheiten aktiv wurden, Schmerzen, ja Anfälle veranlassend, den gesamten Körper in Mitleidenschaft ziehend. Rainer nannte es, manchmal scherzend, aber meistens in verzweifeltem Gram darüber, seine »Produktivität am falschen Platz«, oder den Leib einen »Affen des Geistes«. Und von dorther schlich es für ihn auch bis hinein in rein seelische Zusammenhänge: so wenn er zu haltunfähigen Weggerissenheiten kam, deren Überlebendigkeiten ihn vergessen machen sollten, daß er glühend seinem wirklichen Leben nachhing, und hinterher oder schon währenddessen ihm als »Nachäffung« spürbar wurden. Am schmerzlichsten aber da, wo es sich um echte Geschenke des Schicksals an ihn handelte, wo Entgegenkommen, Güte, Verehrung, Freundschaft ihn umstanden, wie sie ihm bis zuletzt ja in so reicher Schönheit und Größe zuteil geworden. Da beklagte er am bittersten, daß er, der wahre Rainer, auch dies immer wieder bloß als Betäubung, Ablenkung begehrte und aufnahm, als eine Art von Selbstbetrug zu Genuß und Verbrauch, anstatt zu seliger Teilnehmerschaft seines eigensten produktiven Wesens.

Für meinen Eindruck gehören auch noch Rainers zeitweilige Beschäftigungen mit Dingen des Okkulten und des Mediumistischen hierzu, Übersinnlichkeitsbedeutungen von Träumen, Beeinflussungen durch Gestorbene, die er dann gewissermaßen zu Bildern einer Wesens- und Wissensfülle erhob, mit der seine vergebliche Sehnsucht ihn zu identifizieren strebte. In guten Zeiten dachte er mit schroffer Ablehnung, sogar mit Ingrimm davon.

Am erschütterndsten ist es mir gewesen, daß auch noch da, wo er Jüngern – auch im wörtlichen Sinn »Jüngern« – zum Führer und Freund ward, von diesem ihn folternden Nachahmen seiner selbst eine Spur sich eindrängte. Er erschien dann ja nicht bloß als Führer oder Helfer – er war es, doch zugleich empfand er unerbittlich in diesem Tun eine Projektion dessen, was er umsonst in sich selbst zu sein ersehnte. Aus solcher Sehnsuchtsqual bezog dies erst die Eindringlichkeit; – wie auch seine alte Vorstellung, am liebsten als »Landarzt« unter Kranken und Armen sich zu betätigen, ihre Betonung davon empfing, an Heilandstaten sich seine Heilung zu veranschaulichen, vorwegzunehmen, um sie zu glauben.

Dieses ganze Gestelltsein zwischen die alleinig heilig-erfaßte Gnade des Schaffens und den sie gleichsam nachahmenden, »nachäffenden« Zwang, sie als vorhanden zu projizieren, stellt recht eigentlich Rainers Verhängnis dar. Es ist nicht zu verwechseln mit dem vergleichsweise Harmlosen, womit Menschen großen ethischen Ernstes oder redlicher moralischer Fortschrittsbemühungen sich in schwächern Stunden einer erleichternden Scheinbarkeit überlassen, die sie hinterdrein an sich tadeln; bei ihnen bleibt all das auf derselben Wesenslinie der Verschlechterung oder Verbesserung ihres Seeleninventars. Es enthält bei Rainer etwas so Erbarmungsloses an Ernst, daß es die Ebene des Ethischen noch übersteigt – es sei denn, daß deren Gebote und Verbote sich an einer Prädestinationslehre überstiegen. Denn geradezu das Furchbarste an dem Unvermeidlichen von Rainers Schicksal war, daß es ihm damit nicht einmal die Überredung zur Reue ermöglichte. Was ihn hochriß in Produktion oder was ihn bergend hineinnahm in seine stillsten Tiefen, war nicht minder schicksalhaft zwingend, als was ihn in falsche Aktivität verstreute oder ins Nichts passiver Erschlaffung. Von diesem Umstand her suchte er schon früh eine vergebliche Rettung in der Annahme, er sei, wie er sei, »vorgeburtlich« bestimmt: von immerdar in all den Schäden geprägt, die ihn trotz seines heftigen Mißfallens immer wieder ohne weiteres umwerteten. Am konzentriertesten heftete sich das an seine Mutter. Die krassesten Worte dafür findet er für dies ihn nahezu lebenslang Quälende in einem Brief vom 15. April 1904, nach einem der in immer größern Zwischenräumen erfolgenden Wiedersehen mit ihr. Da schreibt er, inmitten des Briefes an mich:

»Meine Mutter kam nach Rom und ist noch hier. Ich sehe sie nur selten, aber – Du weißt es – jede Begegnung mit ihr ist eine Art Rückfall. Wenn ich diese verlorene, unwirkliche, mit nichts zusammenhängende Frau, die nicht altwerden kann, sehen muß, dann fühle ich wie ich schon als Kind von ihr fortgestrebt habe und fürchte tief in mir, daß ich, nach Jahren Laufens und Gehens, immer noch nicht fern genug von ihr bin, daß ich innerlich irgendwo noch Bewegungen habe, die die andere Hälfte ihrer verkümmerten Gebärden sind, Stücke von Erinnerungen, die sie zerschlagen in sich herumträgt; dann graut mir vor ihrer zerstreuten Frömmigkeit, vor ihrem eigensinnigen Glauben, vor allem diesen Verzerrten und Entstellten, daran sie sich gehängt hat, selber leer wie ein Kleid, gespenstisch und schrecklich. Und daß ich doch ihr Kind bin; daß in dieser zu nichts gehörenden, verwaschenen Wand irgendeine kaum erkennbare Tapetenthür mein Eingang in die Welt war – (wenn anders solcher Eingang überhaupt in die Welt führen kann ...)!«

So unermeßlich persönlich das dasteht, so darf es dennoch nicht absolut persönlich verstanden werden, denn die Gewaltsamkeit der Übertreibung ist gerade das, was den Sinn des Urteils erst hervortreibt, nämlich: ins Überpersonelle, beinahe Mythische zu rücken, was Rainer von sich selber abzuschütteln begehrte. Nachdem wir einmal zu dritt zusammengesessen hatten, mehrere Jahre später in Paris, machte es ihn noch geradezu fassungslos, daß seine Mutter nicht vom ersten Anblick an Abscheu errege, daß sie mir lediglich reichlich sentimental erschienen sei. Sein Abscheu enthielt Verzweiflung durch den Zwang, sich in der Mutter ins höhnisch Verzerrte zu spiegeln: seine Andacht in Aberglauben und Frömmelei, seine produktive Beseeltheit in eiteln Gefühlsdusel; aller Protest der Mutter Wesen gegenüber malt nur ganz schwach, wogegen Rainer mit tödlichem Grauen in sich selber protestiert, wenn sein Wahrstes, Begnadetstes, wie eine gespenstische Gewandhülse, so tut, als sei sie er – urewiger Mutterschoß des Nichts. –

Wenn ich mir Menschen vorstelle mit Rainers Dichtungen vor sich – nicht also Leute, die nur lässig davorstehn wie manche vor Gemälden an Museumswand –, dann durchschauert mich der Gedanke an das, was da zur Wirkung geworden ist: zur Wirkung nachschaffender Mit freude. Der Gedanke, daß auch diese Miterlebendsten kaum umhin können, ein Leben zu preisen, dessen Nöte und Kämpfe doch auf dies Herrliche hinausführen: auf dies für sie herrlich Verlebendigte. Ja, mehr noch läßt sich davon behaupten: der Künstler selber wird daran der Großmütige, alle durchlebte Not dafür Lobpreisende: nichts ist gewisser, als daß Rainer in der Feier der Elegien die feierliche Bejahung seiner Verzweiflungen vollzog. Im Geheimnis der Konzeption gibt es kein »Nein« vor dem Zusammenhang des Furchtbaren mit dem Schönen. Was, undurchdringlich, sich da begibt, geschieht unter dem Zuruf der Stimme, die schon im »Stundenbuch« hörbar ward:

»Laß dir Alles geschehn: Schönheit und Schrecken.«

Wer es geschehen sah, dem bleibt tief im Blut ein Wissen um das Unaufhebbare von Rainers letzter Einsamkeit, die ihm, auch noch auf den Bergesgipfeln, nur einen Augenblick lang schonend die Hand auf die Augen deckte, vor dem Abgrund verdeckte, in den er sprang. Wer es geschehen sah, mußte es geschehen lassen. Machtlos und ehrfürchtig.

(Nachtrag, 1934)

April, unser Monat, Rainer – der Monat vor dem, der uns zusammenführte. Wieviel muß ich da Deiner denken, und das ist gar nicht zufällig. Enthält er doch alle vier Jahreszeiten, der April, mit seinen Stunden einer noch fast ehern winterlichen Schneeluft neben solchen glühender Strahlung und neben den herbstähnlichen Stürmen, die, statt mit entfärbtem Laube, mit zahllosen Knospenhülsen den feuchten Boden bedecken, – und hält in diesem Boden nicht Frühling sich auf zu jeglicher Stunde, den man weiß, noch ehe man ihn schaut? Von alledem her jene Stille und Selbstverständlichkeit, die uns aneinander schloß wie etwas, das immerdar gewesen.

War ich jahrelang Deine Frau, so deshalb, weil Du mir das erstmalig Wirkliche gewesen bist, Leib und Mensch ununterscheidbar eins, unbezweifelbarer Tatbestand des Lebens selbst. Wortwörtlich hätte ich Dir bekennen können, was Du gesagt hast als Dein Liebesbekenntnis: »Du allein bist wirklich.« Darin wurden wir Gatten, noch ehe wir Freunde geworden, und befreundet wurden wir kaum aus Wahl, sondern aus ebenso untergründig vollzogenen Vermählungen. Nicht zwei Hälften suchten sich in uns: die überraschte Ganzheit erkannte sich erschauernd an unfaßlicher Ganzheit. So waren wir denn Geschwister – doch wie aus Vorzeiten, bevor Inzest zum Sakrileg geworden.

Unsere Zusammengehörigkeit, bereit und gewillt – um Deinen Ausdruck zu gebrauchen – für aller Jahreszeiten Hell und Dunkel, hatte sich an unabänderlich obwaltenden Lebensumständen zu erproben, die sogar die dichterische Äußerung davon fast verboten. Aber ob wir das Recht hatten, damals Gedichtetes so zu zerstören, wie wir es getan? Es besaß, gegenüber Späterm, so sehr die Züge, das Antlitz Deiner Reinmenschlichkeit, Nurmenschlichkeit die sich gleichsam noch nicht so endgültig durch dein vollendetes Dichtertum sanktioniert fand, daß es Dir der Erhaltung künstlerisch wert genug erschienen wäre. Aber in viel spätern Monaten, im Schmargendorfer »Waldfrieden«, als Du, in kürzester Zeit berauschten Zustandes, den »Cornet« aufschriebst, fiel Dir darin Ähnlichkeit mit Strophen von damals auf, die wir nicht mehr vergleichen konnten, die jedoch der technischen Meisterung des temperamentvoll Unwillkürlichen noch entbehrt haben mochten.

Mir selbst erging es nun seltsam, insofern ich Deiner frühen Lyrik, trotz ihrer Musikalität, kein Verständnis entgegenbrachte (von daher Dein tröstendes Wort: Du werdest es schon noch einmal so einfach sagen, daß ich es doch noch verstände). Erst eine einzige Ausnahme gab es – auch bei an mich gerichteter Lyrik – als Du das Blatt in mein Zimmer legtest. Da war es wieder der Fall, daß ich, freilich sonder Vers und Rhythmus, wiederum Dir das gleiche hätte sagen können. Und raunte es denn nicht in uns Beiden gemeinsam vom Unfaßbaren, das wir – bis in den Wurzelgrund der Leiblichkeit erlebt – »auf unserm Blute trugen«, – bis in die geringsten, bis in die geweihtesten Augenblicke unseres Daseins?

Auf meine Fürbitte hin hat diese Dichtung deshalb Raum gefunden im Jahre spätern »Stundenbuch«:

Lösch mir die Augen aus: ich kann Dich sehn
Wirf mir die Ohren zu: ich kann Dich hören
Und ohne Fuß noch kann ich zu Dir gehn
Und ohne Mund noch kann ich Dich beschwören.

Brich mir die Arme ab: ich fasse Dich
Mit meinem Herzen wie mit einer Hand
Reiß mir das Herz aus: und mein Hirn wird schlagen
und wirfst Du mir auch in das Hirn den Brand
So will ich Dich auf meinem Blute tragen

Mich bekümmerte es, daß ich den Überschwang Deiner Lyrik in den meisten seiner Äußerungen nicht voll genug mitempfand; ja sogar, als ich für kurz von Wolfratshausen nach Hallein reisen mußte, zur Erledigung früher getroffener Verabredung, mißfiel mir die Uberschwenglichkeit in Deinen tagtäglich mir folgenden Briefen mit den blaßblauen Siegeln. Bis unbeabsichtigter Scherzzufall alles in Heiterkeit der Erinnerung für mich wandelte. Du hattest mahnen wollen an unser kleines Erdgeschoß-Stübchen, wo Du, um dem Einblick Unberufener, von der Straße her, zu wehren, am Fenster den Holzladen zuzuschieben pflegtest, so daß nur der ausgesparte Holzstern darin uns ein bißchen Tageslicht gönnte. Als nun diese lyrische Postkarte zu mir hereingebracht wurde: tief tintengeschwärzt rundum, schriftlos, nur beredt durch das kleine ausgesparte Sternchen obenan – da stürzte man sich begeistert auf den vermeintlichen Abendstern am dunklen Firmament, ehrfürchtig angetan von einem so echten »René Maria«!

Und doch – wenn man die ganze erheiternde Wirklichkeit davon abgezogen haben würde, wäre kein geringeres Mißverstehen dabei herausgekommen. Daran dachten wir, als ich Dir beim Heimkommen davon erzählte. Wir dachten an unsere Sterne, die weder dichterisch noch prosaisch auf uns niederblickten oder vor uns aufstiegen und deren Wirklichkeit – selig heiter wie packend ernst – an keiner Äußerung hätte Genüge finden können.

Mit schwärzesten Tintenstrichen hantierten wir damals nicht wenig; wir entwöhnten uns ihrer nur allmählich in jenem Sommer. Aus dem dadurch halb oder ganz Vernichteten blieb solch ein Halbes, sogar im vergilbenden Wolfratshauser Umschlag, jahrzehntelang noch übrig:

Dann brachte mir Dein Brief den sanften Segen,
ich wußte, daß es keine Ferne gibt:
Aus allem Schönen gehst Du mir entgegen,
mein Frühlingswind Du, Du mein Sommerregen,
Du meine Juninacht mit tausend Wegen,
auf denen kein Geweihter schritt vor mir:
ich bin in Dir!

Die folgenden Jahre nanntest Du mit Recht »unsern Aufenthalt in Rußland« – das wir noch gar nicht betreten hatten. Und im Rückblick darauf erscheint mir eben dieser Umstand als etwas Zauberhaftes daran. Denn er erst ermöglichte uns, in all das, was uns Rußland hieß, uns in jeder Hinsicht zu vertiefen: auch in ganz exakte Studien und geduldige Vorbereitungen, über denen die – zeitlich noch nicht bestimmbare – Erwartung schwebte, alles zu persönlicher Anschauung zu bringen. Bereits war es so, als ob wir jegliches mit Händen faßten, leibhaftig; bereits drang etwas davon übermächtig in Deine Dichtung, aber nur erst als gleichsam noch unverantwortlich: – um die ersehnte Versinnbildlichung – wie ein Geschenk – unter russischem Himmel zu empfangen; körperliches Sinnbild dessen zu werden, was in Dir nach Entlastung innern Überschwanges schrie –; der Schrei nach »Gott« (um es in den kürzesten aller Namen zu fassen) – wie nach dem Ort, dem Bild-Raum, worein das Unermeßliche noch im geringsten der Dinge Anwesenheit hat und wo es der Bedrängnis des Dichters zum Ausdruck wird in Hymne, in Gebet.

Anfangs in Rußland bedurfte das Erleben noch kaum einer Ausdrucksweise: es entlud sich an den Eindrücken selbst, und dies kam auch später immer wieder vor; es ergab sich aus solchen Fällen eine Art erlebter Mythe, oft an gar nicht außerordentlichen Begebnissen. Man hätte das uns Gemeinsame daran niemandem schildern können. Zum Beispiel, was es auf sich hatte mit jener Wiese am Dorf Krestá-Bogoródskoje in Abendbeleuchtung; oder mit dem zu seiner Nachtherde entlassenen Gaul, der einen strafenden Holzklotz am Fuße trug; oder mit dem Raum an der Hinterseite des Kreml, wo wir wie inmitten der Sprache der gewaltigsten der Glocken dasaßen, obschon sie nur stumm redeten, sie, die ja – in Rußland – auch unbeweglich verharren, wenn der Klöppel in ihrem Gehäuse schwingt.

Augenblicke von so zu Zweien Aufgenommenem steigern nicht selten eine Empfindung, wie wenn von außerhalb ein Geschehen auf die Seele zuschreite – gleichsam objektiv geladen mit dem, was man sonst erst von sich aus empfänglich heranbringt. Dies verlieh den betreffenden Eindrücken eine Zuversichtlichkeit und Bestätigung ohnegleichen. Und es erfuhr keinen Abstrich dadurch, daß für mich am Empfangenen etwas anderes dahinterstand als bei Dir: die einfache Wiedersehensfreude, die beglückend vervollständigte, wozu meine frühe Übersiedlung ins Ausland mich nicht mehr in der russischen Heimat hatte kommen lassen. Bei Dir umfing der schöpferische Durchbruch, die Wendung in Dir als Dichter, gewissermaßen ebenfalls ein Frühestes, tief Erwartetes Deines gesamten Wesens, von dem das Spätere Dich nur abgedrängt, Dich Deines Urgegenstandes verlustig gemacht hat.

Viele Jahre später, bei ganz diesem entgegengesetzten Anlässen, wenn Du in zweifelnder Bangnis um aussetzende Produktion Dich befandest, erzähltest Du manchmal von Deinem Bestreben, an irgendwelche Dinge oder Anblicke was »Mythisches« zu hängen, was »Mystisches«, ähnlich einem Betäubungsversuch, um damit Schmerzen oder Befürchtungen zu entrinnen. Und dann dachtest Du jener gemeinsamen Ereignisse wie eingebüßter Wunder, die es doch gäbe! So unbefangen sicher gab es sie für uns, unmystisch, als aller Wirklichkeit Wirklichstes, daß es gar nicht umhin konnte, uns immer wieder dorthin heimzuführen. Diesselbe, Rainer, lag noch in Deinen frohen Worten, als wir während unserer wochenlangen Herauffahrt auf der Wolga einmal beinahe auf zwei verschiedene Dampferchen geraten wären und Du es so getrost aussprachst: »Auch noch auf voneinander getrenntesten Schiffen ginge es für uns desselbigen Weges stromaufwärts – weil unser dieselbe Quelle wartet.«

Denke ich daran, so möchte ich lebenslang Dir und mir davon weitererzählen, als erführe sich daran erst, erstmalig, was Poesie sei – nicht werkhaft, sondern leibhaft, und eben dieses sei des Lebens »Wunder«. Was als »Gebet« fast absichtslos in Dir emporstieg, mußte dem Menschen neben Dir unvergeßliches Offenbarwerden bleiben bis ans Ende seiner Tage. Es umgriff jegliches, womit Du in Berührung kamst; es blieb Körperliches, das bei Deiner Berührung aufschloß, was Göttliches an ihm sich vollzog; und dies kindliche Selbstvergessen, womit Du es so gläubig erfuhrst, gewährleistete ja jedem Tag, jeder Stunde die innigste Vollendung. Unsere Zeit blieb randvoll besetzt: von unablässiger Anstrengung, jedem Eindruck gerecht zu werden, oder, anders ausgedrückt: von unsagbar feierlicher Ferienzeit.

Wie fern lag uns ursprünglich die Unruhe, ob der Drang zu formen in Widerstreit geraten könnte mit dem Drang der hingegebenen Aufnahme des zu Formenden! Konnte es denn einen Betenden beunruhigen, ob seines Gebetes Händefalten noch vollkommener ausfallen müßte? Hält er nicht in beiden Händen, auch in der ungeschicktesten Gebärde, seinen Gott so gewiß wie sich selbst? Als Dir zum erstenmal geschah, daß Dir »draußen« was entging, was zu Deinem Gottgebet mit gehörte und dem Du Dich ganz hattest widmen wollen, um es total zu erleben, – weil »drinnen« ein herrlicher Restbestand von Vorhergegangenem Dich noch zwang, ihn erst zu Ende zu formen, da verflog Deine Unruhe darüber schnell vor der wiedereingekehrten friedlichen Zuversicht. Bei nächsten Gelegenheiten kam Dir sogar ein sehr drolliger Einfall, über den wir noch öfter herzlich lachen mußten. Du erklärtest nämlich: wenn der Liebe Gott Deiner Arbeit hätte zuschauen können, dann würde er's Dir keinesfalls so übelgenommen haben, wie wir's kürzlich von Frau B. gehört, die sich auf ihrer Hochzeitsreise ungenügend von Herrn B. umworben gefunden habe – bis er die Gekränkte mit der Versicherung versöhnte, er ziehe sich nur bisweilen zurück, um seine heißen Liebesverse an sie zu verfassen.

Nun begab sich jedoch allmählich eine Veränderung, an der uns unser unschuldiges Lachen verging. Wir nahmen es erst für eine Störung leiblicher Natur, – aber ein Zusammenhang davon mit jenem Widerstreit zwischen hymnisch Erlebtem und Aussage, Formung des Hymnischen, verdeutlichte sich immer mehr. Ängstlichkeiten schlossen sich dran, fast Angstzustände, an denen die zwei einander nicht ausgleichenden Beanspruchungen sich gespensterhaft verstrickten. Am tiefsten erschrak ich damals während unseres gewohnten Mittagsganges durch den prächtigen Akazienwald, als Du an einer bestimmten Akazie nicht vorbei konntest –. Nach Vermeidung des ganzen Weges und nachdem Du ihn anstandslos wieder aufgenommen, erinnertest Du mich einmal daran, gegen die Bäume hinweisend: »Weißt Du noch –?!« Ich blickte kopfnickend auf die benachbarte Akazie, die sich scheinbar in gar nichts von den danebenstehenden unterschied. Da weiteten sich Dir die Augen in schier ungläubigem Entsetzen: »– Die? nein, nein Die!!«, und man konnte sehen, wie der Baum nun begann, sich Dir zu vergespenstern.

Ähnliche Gefahren traten ein, wo Dir die restlose Formung eines Eindrucks mißlang: nicht Enttäuschungen, Selbstvorwürfe, Niedergeschlagenheit (wie beim Durchschnitt von Normalmenschen) trat ein, sondern ein Explodieren in Gefühle, die sich ins Ungeheure, Ungeheuerliche überschlugen, – wie unter einem Zwang, sich davon überwältigen zu lassen, fast wie beim seligen produktiven Zwang. Du nanntest es die von Angst irregeleitete Produktivität, wie einen verzweifelten Ersatz für den Dir entschlüpften Formungsbefehl.

Vollkommen vergaßen wir dies wieder in den Wochen ungestörten Erlebens, das uns wie mit den Gebeten des »Stundenbuchs« begleitete, in unaussprechlicher Freudigkeit und Andacht. Aber dann folgten doch wieder Angstverfassungen und körperliche Anfälle. Es drängte sich dies Eine mir auf, daß es war, als ob, was sich da Luft zu machen strebte, an der seelischen Gebärde allein sich nicht mehr genugtun konnte, – daß es vom Leib willig aufgenommen wurde, um es zu Rande zu bringen in einer Sprengung jedes Normalmaßes, in reinem Krampf. Du spürtest mit Grauen unberechenbar krankhafte Verursachungen heraus.

Keine Rede war damals davon, wie aus den Gebeten das jetzige »Stundenbuch« zu ermöglichen wäre – ein Werk, eine Sache, die den Dichterruhm in sich barg: uns galt Veröffentlichung sowieso für ausgeschlossen. Was aber hatte zu geschehen, um Dich aus dem persönlichen Widerstreit zu retten, – den Zwiespalt zu schließen von Gott andacht und Gott aussage? Und da schien der erschwerendste Umstand doch der zu sein, daß der dichterische Durchbruch, zu unmittelbar am übergroßen Objekt, zugleich seine technische Meisterung hatte finden müssen, anstatt daß Du ihr – und sei's jahrelang – hättest nachgehen können in der ganzen Breite der Wirklichkeit, wo jedes Ding anspruchsloser dazu Zeit und Ruhe ließ.

Beredet haben wir das schon damals miteinander, inwiefern Welt und Menschen Dich nun in ihre Mitte aufnehmen sollten, anstelle des Sinnbildlichen, worein Du den Traum des Unsäglichsten unmittelbar zu ergreifen und zu feiern gedacht hattest. Doch erst am Schlusse unseres zweiten russischen Aufenthaltes wurde mir die zwingende Notwendigkeit davon vollends klar. Ich war da – für ganz kurz zum Besuch meiner Familie auf deren finnländischen (wechselnden) Sommerlandsitz gefahren, als mich dort Dein Brief erreichte, der Dich als einen fast Verworfenen bezeichnete infolge der Anmaßung Deiner Gebete. Zwar folgte sehr bald ein zweiter nach in anderer Tonart: doch dieser wiederum in jener Überschwenglichkeit, die Du längst lächelnd die »vor-wolfratshausensche« genannt und die wie ein unbegreiflicher Rückfall erschien.

Es besorgte und bekümmerte mich um so tiefer, als mir durch den erneuten Kontakt mit Rußland meine eigenen persönlichen Wünsche erfüllt worden waren und mich bereit und freudig gemacht hatten für unabänderlich obwaltende Lebensverhältnisse, welche Kraft voraussetzten. Mir war das ohne Leistung in den Schoß gefallen, was Dich um Deiner Leistung willen in allen Tiefen aufgerissen. Nie wurde mir bewußter, aus welchen Urtiefen erst Deine Ausreifung würde stattfinden können. Nie standest Du vor mir größer und bewunderter als damals da: die Wucht Deiner innern Problematik riß mich zu Dir hin, und nie hat diese Wirkung nachgelassen. Nun tat Eile not, daß Du in Freiheit und Weite kämst und in alle Entwicklung, die Dir noch bevorstand.

Und doch – und doch: riß es mich nicht zugleich von Dir fort –? Aus jener Wirklichkeit Deiner Anfänge, in der wir wie von Einer Gestalt gewesen waren. Wer ergründet das Dunkel der letzten Nähe und Ferne vor einander! In jenem sorgend inbrünstigen Nahesein bei Dir stand ich dennoch außerhalb dessen, was Mann und Weib ineinanderschließt, und nie mehr wurde das für mich anders. Unberührbar abgeschlossen von dem, was blieb und was lebendig wachsen würde bis in Deine, bis in meine Sterbestunde.

Beschönigen will ich nichts. Den Kopf in die Hände gebückt, rang ich damals oft um Verstehen dafür in mir selber. Und tief betroffen machte es mich, einmal in einem alten zerblätterten Tagebuch, das von Erfahrungen nur erst wenig reden konnte, nackt-ehrlich den Satz zu lesen: »Ich bin Erinnerungen treu für immer; Menschen werde ich es niemals sein.«

 

Bei der Trennung unserer Wohnorte erwies sich unser Gelöbnis als notwendig, der absoluten Gewöhnung des Allesmiteinanderteilens keine schriftliche Fortsetzung zu geben, es sei denn in der Stunde höchster Not. Denn auch innerhalb meiner Lebensverhältnisse war dies totale Ineinanderleben noch weniger zu ermöglichen als sogar das der vorhergehenden Jahre.

Die Stunden höchster Not brachen in Paris über Dich herein, als der heroische Zwang zum »toujours travailler« an der Hand des Erlösers Rodin sich zunächst rächte durch Vergespensterung aller Dinge ins Unermeßliche und Tötende – wie es sich durch Zurückstauen produktiver Absichten schon in Rußland angekündigt hatte. Aber: inmitten der Ängste schufst Du künstlerisch das Beängstigende. Aus Deinem Nachlaß kam mir, unter Sonstigem, ein Brief von mir an Dich zu, aus dem ich meine Beglückung darüber ablesen kann. Aber auch jetzt war es mir immer noch nicht um Werke von Dir zu tun, die dem nachfolgen würden, sondern immer noch in gewaltiger Sorge darum, wie Deine menschlichen Zwiespälte sich schließen würden. Und Dir selbst kostete es noch harten Kampf, ob Du dem berechtigten Verlangen Deines Verlegers nachgeben und das »Stundenbuch« veröffentlichen solltest.

Das Manuskript, das bei mir ruhte, ward zum Anlaß unseres ersten Wiedersehens: im Göttinger »Loufried«, das wir so betitelten nach der Inschrift auf unserer Flagge auf dem Wolfratshausener Bauernhäuschen.

Noch sehe ich Dich hingestreckt auf dem großen Bärenfell vor der offenen Altantür, während das bewegte Laub Licht und Schatten über Dein Gesicht warf.

Rainer, dieses war unser Pfingsten von 1905. Es wurde es in noch anderm Sinn, als Du es in Deiner ungestümen Ergriffenheit ahntest. Denn mir war es zugleich wie eine Himmelfahrt des Dichter werkes über den Dichter menschen. Zum erstenmal wurde das »Werk« – welches es nun durch Dich werden würde und was es von Dir auch würde heischen müssen – mir klar als der berechtigte Herr und Befehl über Dir. Was würde es noch heischen? Stockenden Herzens grüßte etwas in mir die für Jahrzehnte noch ungeborenen Elegien. Von unserm Pfingsten an las ich, was Du schufst, nicht nur mit Dir, ich empfing es und bejahte es wie eine Aussage über Deine Zukunft, die nicht aufzuhalten war. Und hieran wurde ich noch einmal Dein, auf eine zweite Weise – in einem zweiten Magdtum.

 

Wo Du in den paar folgenden Jahrzehnten auch geweilt hast, in welchen Ländern, und ob im Verlangen nach vollsicherm Heim und Fleck, ob in noch heftigerm nach völliger Wanderfreiheit, ja Veränderungszwang: die innere Heimatlosigkeit war nicht mehr aufzuheben. Jetzt, Rainer, wo wir deutschen Menschen auf die Frage unserer Bodenständigkeit politisch so gestoßen werden, frage ich mich manchmal, wie schadenbringend es in Deinem Schicksal gewesen sein mag, daß Du gegen Dein Österreichertum eine so starke Antipathie hegtest. Man könnte sich vorstellen, daß primär geliebte Heimat, Hingehörigkeit des Blutes, Dich eher vor den Verzweiflungen unproduktiver Zeiten geschützt hätten, deren furchtbare Gefahr ja Dein Dich-selber-Verwerfen war. Am Heimatboden mit seinen Steinen, Bäumen, Tieren bleibt etwas sakrosankt bis ins eigene Menschliche hinein. Und als Du dann, von der Schweiz aus, das Dir in Paris schon überdrüssig gewordene Frankreich fast zu neuer Heimat erkorst, in Sprache, Menschenbefreundungen, neuen produktiven Anläufen? Da redete Dein Brief dennoch vom Jammer, trotz alledem verstört und verwirrt daraus heimzukehren in Deinen Muzot-Turm. Über den produktiven Lyrikgehalt Deiner französischen Poesie darf ich nichts bemerken, dazu fehlt mir die Feinheit der Unterscheidung. Aber meine – Ungerechtigkeit (ich gebe es zu) kann manches nicht lesen, ohne Verdacht zu schöpfen: so etwa, wenn Du von der Rose aussagst »fête d'un fruit perdu«. Redet nur Wehmut daraus oder die Wonne eines blasphemischen Masochismus? – Und dann gibt es ein Bild von Dir dorther, das mich wie Schmerz, wie Verwundung ins Gesicht trifft und das ich verborgen halte. Als ich es zuerst erhielt, da schrie es in mir: hast Du nicht, französisch dichtend, des fremden Bodens in Deinen Verlautbarungen bedurft, um Dir auszureden, was Dich lautlos dem Bodenlosen heimlich entgegentrug –?

 

Wie sollte ich gerecht prüfen können! Haderte ich doch, im stillen, bei mir selbst mit Deinem Schicksal und brachte es damit zu keiner Ergebung. Ich konnte nicht aufhören, hinter dem Dichter, dem schicksalsgekrönten, und dem Menschen, der daran zerbrach, noch Einen zu wissen, – – Einen, der Du eingeborenermaßen warst bis zuletzt: Einen, der zu sich selbst Zuversicht hatte, weil, weit über sich hinweg, zu Dem, wovon er sich so zuversichtlich getragen fühlte, daß es ihm Mission wurde, davon dichterisch Zeugnis abzulegen. Jedesmal, wenn wir persönlich uns wiedertrafen, redeten, lebten wir in dieser Immergegenwart, von der Vertrauen auf Dich ausging wie eines kindlichsten Menschen, dessen Schritte nicht fehlgehen können, weil sie auf den eigensten Urgrund gerichtet bleiben. Dann war der Rainer wieder ganz da, mit dem sich's Hand in Hand saß wie in unaussprechlicher Geborgenheit, und was Dichtung dran ward, baute dieses Geborgensein nur nochmals um Dich gleich unvergänglicher Strahlung. Nie kann ich dran denken, ohne daß mich des Stundenbuchs kleinster Vers umtönt, der, im Augenblick seines Entstehens (– o Rainer, dieser Augenblick ist mir Gegenwart immerdar –), mir erschien wie gesprochen von getrostem, frohem Kindermund:

Ich geh doch immer auf Dich zu
          mit meinem ganzen Gehn
denn wer bin ich und wer bist Du
          wenn wir uns nicht verstehn –

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