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Lebensrückblick

Lou Andreas-Salomé: Lebensrückblick - Kapitel 7
Quellenangabe
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typeautobiography
authorLou Andreas-Salomé
titleLebensrückblick
publisherInsel Verlag
volumeinsel taschenbuch 54
printrun1. Auflage
editorErnst Pfeiffer
year1974
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090221
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Unter Menschen

Um zusammengefaßt zu halten, was Rußland mir früher und später gewesen ist, überschlug ich zunächst die Jahre dazwischen, die mich in Verkehr mit anderer Länder Menschen brachten. Teilweise hat es aber auch den Grund, daß die Vielfältigkeit persönlichen Verkehrs und individueller Eindrücke von den Einzelnen die Erzähllust behindert. Man fühlt sich jeden Augenblick vor die Wahl gestellt: so tief und weit auszugreifen, daß Wesentlicheres mitzuberühren ist, als am Platz wäre – oder aber im Flüchtigern der Gefahr zu verfallen, welche aus übereilten Betonungen, zufälligen Prägungen in jenes »Geschwätz über Menschen« geraten läßt, aus dem unsere weitaus meiste Urteilerei besteht. Sofern es sich um jemanden handelt, dem man wahrhaft näher trat, beschränkt sich Berichterstattung ohnehin von selbst. Denn was bedeutet Menschennähe überhaupt? Eine Zusammenkunft, die anderswohin reicht, als wir gewußt haben: eines der kostbaren Stelldicheine, die nicht mehr ganz innerhalb des exakt Feststellbaren gelegen sind. Was wirklich davon berichtbar bleibt, wird dies schon teilweise nur mittels jener indirekten Äußerungsweise, in der poetische Elemente mittätig werden: es wäre im Grunde des Wesens bereits, weil erlebt, auch schon gedichtet.

Darum bleibt hier das etwa erste Dutzend Jahre nach meinen Mädchentagen ohne viel Redseligkeit, obschon es mich besonders lebhaft an Menschen vorüberführte. Viele waren es, die an mir vorüberkamen, weil die damalige Zeit es so wollte; so eröffnete sich mir der Blick für manche ihrer Geschehnisse und Gestalten, während meine Vorliebe für Zurückgezogenheit sich sonst nur vom Einzelnen zum Einzelnen, wie von Zwiegespräch zu Zwiegespräch, bewegte. Nachdem wir zunächst die Junggesellenwohnung meines Mannes in Tempelhof-Berlin beibehalten, bezogen wir später dann dort ein mitten im Garten unter Ulmen gelegenes Haus, das, im Innenbau wunderschön intendiert, in Krach geraten und mit sich nicht zu Strich gekommen war, weshalb es mietweise ganz billig abgegeben wurde. Wir bewohnten fast nur das Hochparterre, so große Räume, daß sie mich an Zuhause und meine, Tanzschule erinnerten; riesige Bibliothek; zwei Zimmer wandgetäfelt nach einer breiten Terrasse hinaus, überdies mit tief eingebauten Wandschränken, so daß wir unser geringes Mobiliar nur um ganz wenige Stücke vervollständigen mußten. So hausten wir am Rande der Südstadt, mit der nur ein Kremser – winters Kremser-Schlitten – die Tempelhofer für einen Groschen mit Berlin verband; aber an solchen »Rändern« hausten in jenen Jahren auch die meisten von denen, die wir zunächst kennenlernten: unter den ersten Gerhart Hauptmann in Erkner, mit seiner Frau Marie und drei Söhnlein, Ivo, Ecke und Klaus; ebenda Arne Garborg und die reizende weizenblonde Hulda Garborg. In Friedrichshagen saßen Bruno Wille, Wilhelm Bölsche und die beiden Brüder Hart, bald einen ganzen Menschenschweif hinter sich dorthin nachziehend – die Ola Hansson-Marholm, August Strindberg und andere, mit denen man sich dann auch gelegentlich im Berliner »Schwarzen Ferkel« traf. Ich besinne mich noch auf das erste Zusammensein bei uns, auf der umblühten Terrasse und im Eßzimmer dahinter, sehe Max Halbe, noch sehr jugendlich schlank neben seiner kleinen Braut, die wie eine Psyche ausschaute, Arno Holz, Walter Leistikow, John Henry Mackay, Richard Dehmel, der sich am eigenen Namen noch ärgerte, und sonstige. »Vor Sonnenaufgang« hatte alle gesinnungsmäßig zusammengetan; im unaufhaltsam durchbrechenden Naturalismus hatte Gerhart Hauptmanns Erstling, mitten in der entfesselten Empörung, auch schon etwas von dem gebracht, womit die neue Richtung siegen sollte: den sparsamen lyrischen Einschlag, trotz des noch lehrhaften Charakters des Dramas und der den braven Bürger provozierenden Kraßheiten.

Während in meinen Mädchentagen gerade die bohèmegewohntern literarischen Zirkel von Paul Rée nicht ohne Absicht gemieden worden waren und wir nahezu völlig unter Wissenschaftlern verkehrten, wandte sich's jetzt um. Mich hatte Literatur als solche noch nicht sonderlich interessiert (– die Russen in anderm als literarischem Sinn –), ich war »ungebildet« in ihr, auch in der vorangegangenen Periode der Schönfärberei, gegen die nun dieser frische Krieg losbrach. Aber was hier am stärksten berührte, war das Menschliche: es war der frohe Auftrieb, die bewegte Jugend und Zuversicht, der es nichts verschlug, daß die trübseligsten und düstersten Themen sich herausnahmen, den neuen Geist zu predigen. Auch die Alten riß es hin, wie man es von Fontane weiß; auch Fritz Mauthner kapitulierte, mit dem ich oft sprach, seit wir von Tempelhof nach Schmargendorf gezogen waren, von wo ein nicht langer Waldweg zu seinem Grunewaldhaus lief. Henrik Ibsens Ruhm in Deutschland half nicht wenig mit; mich hatte mein Mann seine noch unübersetzten Werke schon aus dem Norwegischen – im Vorlesen verdeutschend – kennen gelehrt. Die beiden »Freien Bühnen« kamen auf, die eine setzte sich durch, Brahm setzte sich mit Ibsen und Hauptmann an die Spitze des immer erfolgreichern Kampfes. Maximilian Hardens – des Mitbegründers der »Freien Bühne« – langjährige Befreundung mit mir (sie währte bis in den Weltkrieg) stammte noch von dorther. Neben Gerhart wurde Dr. Carl Hauptmann, bis dahin philosophischer Anwärter, warm fürs Dramatisieren; Otto Hartleben mit seinem herzensguten Moppchen tat tüchtig mit; junge Kräfte wandten sich von ihren wissenschaftlichen Ehrgeizen ins Literarische, Politische; vieler Stunden gemeinsamer Übereinkünfte oder Debatten erinnere ich mich aus Abenden mit Eugen Kühnemann, der damals noch nicht willig schien, in die Hochschullaufbahn zu münden. Unter den mir Nahestehenden gewann für mich die stärkste menschliche Bedeutsamkeit Georg Ledebour: diese Zeilen grüßen ihn.

Zu der Zeit hatten wir in Schmargendorf, hart am Waldrand, schon die zweite Wohnung inne, dann eine so drollig kleine, daß sie sich lange ohne Aufwartung bewältigen ließ; dann ging ich – 1894 – nach Paris, wo gleichzeitig mit dem deutschen der nämliche literarische Umschwung sich vollzog. Es war um die Zeit von Carnots Ermordung, man nahm allerseits am Politischen teil, und ich durfte in der Kammer Millerand und Jaurès persönlich hören. Der »Freien Bühne« entsprechend kam Antoines »Théâtre libre« hoch und Lugné-Poes »Œuvre«; für Hauptmanns »Hannele«, in Berlin durch Schlenthers spätere Gattin Paula Conrad kreiert, gewann Antoine ein armes, blasses kleines Mädchen von der Straße zu stürmischem Erfolg (dennoch störte die Sprache die Hauptmann-Poesie, wenn Hannele etwa für deutschen Fliederduft zu sagen hat: »je sens le parfum de lilas«). Die ergreifendste Hannele-Gestalt sah ich später in Rußland: ergreifend, weil gehalten durch naiv-byzantinische Stilisierung von Himmel und Heiland.

In Paris: dieselbe lebhafte Gemeinschaftlichkeit des literarischen Verkehrs, der Interessen, denen nur die ältere Generation noch abwartend entgegenstand. In der neuen Verlagsgründung, die Albert Langen mit dem Dänen Willy Grétor unternahm, lernte ich Knut Hamsun kennen, der damals aussah wie ein griechischer Gott; die skandinavische Kolonie war stark vertreten, noch ehe Albert Langen durch Einheiratung in die Björnsonfamilie selbst dazu gehörte. Anfangs wohnte ich mit einer mir befreundeten Dänin, Therese Krüger, zusammen. Mit besonders lebhafter Erinnerung gedenke ich Herman Bangs, der in Saint-Germain wohnte und, obwohl dauernd kränklich, von innen sprühen konnte; noch lebt mir fast im Wortlaut ein Gespräch mit ihm, bei dem er erschauernd schilderte, wie beängstigend ihm dichterischer Arbeitsanfang zusetze: wie er noch zwischendurch ans Fenster stürze, ob nicht draußen, hilfreich, irgendeine Abhaltung zu finden sei. Förmlich in die Augen sprang dabei die Unabweislichkeit, mit der am künstlerischen Prozeß sich Tiefstgelegenes, schon in Unbewußtheit Gedrängtes, wieder löst zu einer Verwandlung, auf der die Angst des Übergangs lastet. Wiewohl ich von Herman Bangs chronischer Rückenerkrankung wußte, konnte ich ihn hinterher nie sehen ohne die unwillkürliche Einbildung, er sei auch physisch solche Übergangsgestalt aus Geängstetem in produktive Erlösung. Wer es spürt, wie erinnerungsnah Bücher von ihm (wie »Das weiße Haus« und »Das graue Haus«) aufgebaut sind, der ahnt auch die ihre Entstehung begleitenden Schrecken. –

Ein ganz winziger Genosse begleitete mich überall hin: ein pechschwarzes Pudelchen – ein noch kindlicher »Toutou«, mir ist entfallen, von woher es mir kam. Wenn ich in später Nacht in mein Zimmer heimkehrte, erhob es sich kerzengerade aus seinem Körbchen, drin es schlief, und schaute mich mit durchdringendem Mißtrauen daraufhin an, wo ich mich derweile ohne es umgetrieben. Tags bereitete es mir Ungelegenheiten durch seine Liebhaberei für »die Äpfel, die nicht weit vom Pferde fallen« (diese prächtige Zitat-Variante stammt von einer leider »ungedruckten« Schriftstellerin). Mein Pudelchen »Toutou« rückte dann auf die Straße aus, auf der es noch, statt endloser Autos, wahrhaft blendende Equipagen gab, und rannte mir – seinen viel zu großen Apfel im gewaltig aufgerissenen viel zu kleinen Mäulchen – wie ein schwarzer Floh über die Riesenplätze und Avenuen, um ihn, in irgendeiner Ecke geschützt, zu verzehren; ich ihm nach!, aber nicht nur ich, sondern etwelche Passanten nicht selten auch, die sich mit dem ungehemmten Ausruf: »O lalà, le joli Toutou« auf ihn und, wie er zweifellos befürchtete, auf seine Beute stürzten. –

Fast am meisten bin ich in Paris mit Frank Wedekind zusammen gewesen. Späterhin. Denn zunächst, nachdem wir uns bei der ungarischen Gräfin Nemethy kennengelernt und erst mit den andern vor Morgengrauen im Zwiebelsuppen-Restaurant gegenüber »Les Halles« unsere eifrigen Gespräche geendet, kam es hinterher zwischen uns zu einem Wedekindschen Mißverständnis, das er mit rührender Offenheit, ohne geringste Selbstbeschönigung, andern weitererzählte (und das ich gelegentlich als Novellenfüllung literarisch ebenfalls verarbeitet habe). Am sichersten übrigens traf man ihn in den Cafés des Quartier Latin, wo er nachts auf die klebrigen Marmortischchen vor der Tür Verse kritzelte – Vorboten der spätern »Galgenlieder« –, wie etwa das Klagelied »Ich hab meine Tante geschlachtet, meine Tante war alt und schwach – ihr aber, blutrünstige Richter, stellt meiner Jugend nach.« Wedekind hatte tatsächlich wahre Schlächterhände, aber noch mehr ebenso tatsächlich zarte, ja überzarte Eigenschaften. Damals so ziemlich ohne Unterhalt und Unterschlupf, saß er zwischen den (damals nicht mehr so genannten) Grisettchen, nicht ohne Hoffnung, daß eine von ihnen – bei Schluß des Cafés und nachdem sie ihr Beutelchen genügend gefüllt – ihn gutmütig mit nach Hause nähme, zu Obdach, Morgenfrühstück und einem bißchen Fürsorge. Doch auch anderswo war Frank Wedekind zu treffen, z.B. da, wohin er mich nicht ohne Stolz und zu meiner großen Freude mitnahm und wo er ganze Abende verbrachte: in dem ärmlichen Stübchen im ärmsten Paris, bei einer Sechzigerin, Georg Herweghs Witwe, die an Wassersucht litt und der er das sorgfältig gewählte Nachtmahl mitbrachte.

Wenn man in Paris darauf verfiel, die Quartier-Latin- oder Montmartre-Nachtlokale aufzusuchen, gewöhnlich mit einem oder zweien Bekannten von der Presse, so erklärt sich das namentlich daraus, daß die Dirnchen durch Zweierlei interessant geblieben waren: einmal durch ihre Unbefangenheit und Freimütigkeit, die ihren Beruf für sie nicht nur ins Gestattete rückte, sondern allem Menschlichen verband, so daß selbstverachtende Scham, lichtscheue Heimlichkeit draus ausschied; sodann aber zeichnete die Mehrzahl von ihnen jene dem ganzen Volk eigene, bis auf den Boden durchgesickerte alte Kulturnähe aus – in Takt und Benehmen –, wie das auch die Gespräche mit zufällig begegnenden Leuten »niederster Schichten« in diesem Lande erlebenswert macht. Dasselbe ist es auch in den »obern« Schichten: nirgends kann die Frau gewisser sein, auf zarte Höflichkeit zu stoßen, befände sie sich auch nachts unterwegs in Ungelegenheit und dem fremdesten Mannsbild gegenüber; denn der Pariser würde sich wie ein Pudel schämen, einer Situation nicht kavaliermäßig gewachsen zu sein oder sie gar mißzuverstehn. Neben diesem Eindruck behauptete sich aber nicht minder der, daß man es dabei bewenden lassen solle; daß zu einer wesentlichern Kenntnisnahme weniges verlocke; daß hier alt und sicher gewordene Kulturgebärde gleichsam schon zu viel des Innern nach außen gestülpt habe, um dessen unausgegebenen Fond noch zu wahren. Genau der entgegengesetzte Eindruck für mich wie in Rußland. Paris war nach Berlin die erste Weltstadt im Ausland, die ich auf langehin bewohnte, und jede Erfahrung dort hob sich mir sehr präzise vom Bisherigen ab: im unaussprechlichen Zauber seiner Altersreife erschien es mir wie eine immer von neuem geschmückte Geliebte, nach allem Jugendglanz noch umstanden von den Kostbarkeiten, die weder Rost noch Motten fressen. –

Bei meinen Aufenthalten im Louvre machte ich unterwegs eine kleine belanglose Straßenbekanntschaft, von der mich's zu erzählen antreibt. Es war eine betagte Elsässerin namens Madame Zwilling, die ihren tabeskranken Sohn als Blumenhändlerin ernährte. Eines Abends, beim Besuch im Stübchen der beiden, fand ich sie ohnmächtig heimgebracht von der Straße, inmitten der großen Körbe frisch aus den »halles« geholter Frühlingsblumen, und beschloß, diese schnell für sie zu verkaufen. Mit mir war Sophie Freiin von Bülow, die dem lebhaft zustimmte: wir kostümierten uns geschwind in die elsässische Tracht der Frau Zwilling und hatten bis halb drei Uhr nachts vor den mir so bekanntgewordenen Quartier-Latin-Cafés die letzte Blume mit gutem Überschuß an den Mann gebracht. Auch hierbei machte ich die Erfahrung, wie tadellos die Mannsleute sich mit den ihnen überraschend neuen Zweien befaßten, die durch ihren großen Wuchs (Sophie überragte mich noch) von den kleinen, zierlichen Französinnen abstachen und zu teilnahmsvoller Ausfrage angerufen wurden. Erst Tags darauf erfuhren wir durch Herren von der Presse, wie rein zufällig wir nicht im Untersuchungsgefängnis hatten schlafen müssen, mangels jeglichen Gewerbescheines. –

In der russischen Kolonie befreundete ich mich mit einem jungen Arzt, Emigranten, der, bei der Ermordung Alexanders II. mitverdächtigt, nach Sibirien verbracht worden war, vier Jahre Zwangsarbeit erduldet hatte, schließlich dann doch nach Paris entkommen war. Ssawélij, von baumstarker Gesundheit (mit seinem blitzenden Gebiß vermochte er den Wänden die festesten Nägel zu entreißen), brachte mich mit dem gesamten Russenkreis zusammen. Als nach einem Halbjahr die Hochsommersonne uns arg zuzusetzen begann, retteten Ssawélij und ich uns in billigem Extraferienzug, in drangvoller Enge, in die Schweiz; erstiegen hinter Zürich ein Stücklein Gebirge und ließen uns in einer Almhütte nieder, wo wir von Milch, Käse, Brot und Beeren lebten. Nur wenigemale dazwischen wiederholten wir Auf- und Abstieg nach Zürich, um, jeder mit sorglich vorbezahlten Doppel-Portionen, irgendwo an einer Hoteltafel unsern Luxushunger zu stillen (wobei ich aus der Heimat auf Wilhelm Bölsche stieß, wie in Paris auf Hartleben und Moppchen). In meiner Erinnerung spielt in dem Almidyll aber eine winzige Episode die Hauptrolle: nämlich, wie wir barfuß – denn so gingen wir oben stets über die sanften Matten – an einem Abhang unvermutet in Wiesen mit Kriechbrombeeren gerieten. Es war nicht mehr sehr hell; wir waren ahnungslos, nach welcher Richtung der kürzeste Ausweg läge, und jeder Schritt wie jedes Stehenbleiben entrissen uns heulende Schreie. Mit stürzenden Tränen kamen wir auf den Paradiesesgrund unserer sanften Matten zurück.

In den Minuten mitten im Brombeergestrüpp kroch etwas in mir hoch wie eine uralte Vorstellung – oder Erinnerung? –: als hätte ich dies doch bereits erfahren, daß man, dem Leben grausig preisgegeben, aus Urwonnen stürze. Ein plötzlich wieder gewußter Augenblick –. Während wir uns lachend das Nasse aus dem Gesicht wischten und auch das Blut von den Füßen, entschwand dies wieder unter Ssawélijs muntern Worten: »Auch an uns wär's, die Brombeeren um Entschuldigung anzugehn – nicht nur umgekehrt: dafür daß wir sie mit Füßen traten, statt sie mit den Lippen zu küssen.« Etwas in mir setzte getrost fort: »Ja. Ist nicht alles Ärgste der Welt eben dieses Mißverständnis?« – Lachen und Wüten vertrieben sich gegenseitig zu neuem Wagemut, zu allen Brombeerschicksalen.

Nach wenigen Wochen waren wir wieder im Strudel der einzigschönen Stadt und ließen unsere Bräune bestaunen, die damals noch nicht Modesache war. Von da bis in den Spätherbst kam ich noch an vielen neuen Menschen und Eindrücken vorbei und mochte auch keinen davon missen; aber dann kam die Stunde, da etwas oder jemand mir, in irgendeiner Nacht, zuzuwinken scheint – und ich fort muß. Nie hab ich verständlich ergründet, warum und wann das jedesmal geschieht – ob ich auch mit noch so offenen Sinnen und bereiter Seele mich der Umgebung freute. Es rückt etwas uneingeladen an deren Stelle und tut ungeduldig. Auf die Nacht meiner Heimkehr damals nach Deutschland würde ich mich kaum mehr deutlich genug zur Wiedergabe besinnen, wenn nicht, vor kurzer Zeit erst, ein an sich belangloser Brief darüber (geschrieben in Schmargendorf am 22. Oktober 1894) von einer damaligen, mir befreundeten Schriftstellerin aufgehoben und mir zu Händen gekommen wäre:

»Es sind schon drei Wochen her und mehr, daß ich von Paris ausgerückt bin – mir selbst und allen unerwartet, heimlich und ohne Lebewohl. Und so ungemeldet bin ich auch angekommen, ebenso tief in der Nacht. Ich ließ mein Gepäck am Bahnhof, fuhr hinaus und ging den stillen Weg über die dunkeln Felder ins Dorf. Dieser Gang war schön und sonderbar; ich spürte den Herbst im Blättersinken und im stürmischen Wind, ohne was zu sehen, und es gefiel mir; in Paris war noch »Sommer« gewesen. Im Dorf schlief alles, nur bei meinem Mann brannte die scharfe Lampe, die er zur Benutzung der Bücher auf den hochreichenden Regalen braucht. Ich konnte von der Straße aus seinen Kopf deutlich erkennen. In der Tür steckte, wie immer, der Drücker, ich trat sehr leise ein. Da schrie der Lotte-Hund im Zimmer gell auf – sie erkannte mich am Schritt –; übrigens ist sie inzwischen ein wahres Monstrum geworden von Fett und Quadratur, und nur wir finden sie so berückend wie je. – In dieser Nacht zu Hause gingen wir nicht schlafen; als es hell wurde, da machte ich Herdfeuer in der Küche, putzte die blakende Lampe und schlich mich in den Wald. Da hingen noch dicke Morgennebel in den Bäumen, und ein geflecktes Reh glitt lautlos durch die Föhren weiter. Ich zog Schuh und Strümpfe aus (was man in Paris nicht kann) und wurde sehr froh.« –

Die einzige Frau, die mir in jenen Jahren ganz vertraut nahestand, war Frieda Freiin von Bülow, die ich schon in Tempelhof kennengelernt hatte. 1908 ist sie mir durch ihren zu frühen Tod, noch als angehende Fünfzigerin, entrissen worden. Während meiner Pariser Zeit kam sie gerade von ihrem zweiten Aufenthalt in Deutsch-Ostafrika heim und machte Station bei mir, wo auch ihre Schwester sie erwartete, jene Sophie Bülow, mit der ich Madame Zwillings Blumen verkauft hatte. Andern Jahres kam sie mir auch nach Rußland nach, zum Besuch meiner Mutter und meiner Geschwister, von denen mein Bruder Eugène sich ihr ganz tief befreundete. Von ihren eigenen Geschwistern waren drei gewaltsam umgekommen: zwei jüngere Brüder und die schon als Schriftstellerin bekanntgewordene Margarethe von Bülow, die beim Retten eines ertrinkenden Knaben unters Eis geriet. Frieda neigte von Natur her zu Schwermut, trotz einem männlich starken Willen und Lebenstrieb, der sie in ihrer Jugend zur Zeit der Carl Petersschen Erfolge nach Ost-Afrika geführt hatte. Sie nannte selbst diese Mischung von Tatkraft und Mattigkeit gern ihren Anteil an altem, ermüdetem Geschlecht, das schließlich in der Sehnsucht nach Unterwerfung, Selbstaufgabe enden mag.

Auch in Wien – 1895 – verweilten wir gemeinsam mehrere Monate, als ich von Petersburg aus zum ersten Male wieder hinfuhr. Durch den Berliner Literatenkreis war uns der entsprechende Wiener bereits bekannt; mit Arthur Schnitzler hatte ich schon von Paris aus mehrfach gebriefwechselt; er stand mir auch jetzt vor den übrigen; später wurde ich von ihm nach anderswohin verstärkt abgelenkt. Um ihn, der damals seine entscheidenden »Liebelei«-Erfolge erlebte, standen Richard Beer-Hofmann, Hugo von Hofmannsthal – noch blutjung, in der Husarenuniform seiner Dienstzeit –, Felix Salten u. a., mit denen man sich – außer dem direkten Verkehr – fast allabendlich in den Cafés, etwa dem Grien-Steidl, traf und das geistige Wiener Leben in seinen charakteristischesten Äußerungsweisen kennenlernte. Ich bewohnte am Stephansdom, in einem sehr guten großen Hotel, zwei um so winzigere Stübchen im Nebenbau oben, die allerliebst hergerichtet waren; durch die darin verbrachten Plauderstunden sind diese Stübchen nebst mir selbst in Peter Altenbergs Erstlingsbuch »Wie ich es sehe« hineingeraten. Wenn ich die Wiener Atmosphäre im Vergleich zu der anderer Großstädte schildern sollte, so erschien sie mir damals am meisten gekennzeichnet durch ein Zusammengehen von geistigem und erotischem Leben: was anderwärts etwa als Lebemannstypus sich vom Berufs- und Geistesmenschen scheidet, das fand hier eine Anmut, die das »süße Mädel«, sogar das bloß süße Mädel, in erhöhte Erotik hineinhob und wiederum sogar die ernsteste Drangabe an Geistesberuf und Berufung noch in ein Verhalten löste, das dem nur zweckbezogenen Ehrgeiz etwas von seiner Schärfe nahm. Neben der Konkurrenz von Liebe und Ehrgeiz blieb dadurch Spielraum für deren Austragung in Männerbefreundung untereinander, die dadurch eine besondere und, wie mir auffiel, ganz erlesene Form gewann. Da hinein gehörte auch Arthur Schnitzler in hohem Grade: vielleicht gehörte dies zum Hellsten in seiner von einer leichten Schwermut beschatteten Existenzweise. Vielleicht auch würde aber gerade er sich seelisch zwiespaltfreier vollendet haben, hätte die geistige Anmut ihn – sei es nach Liebe oder Ehrgeiz hin – dämonisch-einseitiger gebannt. Peter Altenberg stand ein wenig abseits – wenn auch nicht in der Befreundung. Wenn man mit ihm war, dachte man dabei weder an Mann noch Weib, sondern an eines dritten Reiches Wesen. Das über ihn bekannte Wort: »mon verre est petit, mais je bois dans mon verre«, urteilt präzise richtig, wenn man das ganze Schwergewicht nicht auf »petit«, sondern auf »mon« legt: denn das Neue und Reizvolle in Peter Altenbergs kleinen Gestaltungen beruht auf dem Rätselhaften, wie er gleichsam beide Geschlechter am innern Erwachsensein verhindert, indem er ihr Infantilbleiben dichterisch zu einer Spezialität verarbeitet, die sich auch in seiner personellsten Besonderheit voll ausdrückte.

Auch später, sobald ich mich in Wien aufhielt, durfte ich jedesmal, zuerst von Fritz Mauthner hingebracht, bei Marie von Ebner-Eschenbach verweilen; das letztemal nach 1913, wenige Jahre vor ihrem Tode, den mir ihre Nichte, Gräfin Kinsky, dann nach Hause berichtete. Unvergeßlich bleiben mir die Stunden bei ihr – die Stille und, wie soll ich Bezeichnung dafür finden: die Wesenhaftigkeit, die von ihr ausging. Beinahe wirkte infolgedessen ihre äußere Erscheinung, als kauere sie sich absichtsvoll so klein in sich zusammen, als schauten ihre grauen Augen, die unendlich wissenden Augen, so tief von unten herauf, um niemandem auffällig zu machen, was da alles vor ihm saß: als bliebe das besser unverraten. Das, was sich doch so innig-unablässig in Ton, Wort, Blick und Gebärde verriet –. Man nahm von ihr gleichsam Geheimnis und Offenbarung mit – und es bewahrte sich in dieser zusammengehaltenen Wärme heimlicher Gegenwart. –

Wien zwingt durch die Herrlichkeit seiner Umgebungen ins ländlich Freie, und dorthin verlegt sich deshalb auch fortgesetzt der gesellige und freundschaftliche Verkehr. Noch im Sommer des gleichen Jahres 1895 traf ich mich mit den Freunden im Salzkammergut und in Innsbruck. Für mich wurde stets alles Erlebte erst wahrhaft zurande gebracht, wenn Wälder, Weiten, Sonne Begleiter dabei gewesen – oder gar Berge, zwischen denen ich bislang noch so wenig gewesen war, abgerechnet ein paar Kindheitsreisen mit meinen Eltern durch die Schweiz. Im Winter darauf war ich nochmals in Wien und im Sommer des andern Jahres zum erstenmal selbst auf Kraxeleien im österreichischen Gebirge. Besonders lebhaft entsinne ich mich einer langen Tour von Wien aus, die mich und einen Freund zu Fuß durch Kärnten über die Hohen Tauern nach Venedig hinabführte; bei diesen langsamen, im Schönsten ruhig verweilenden Fußreisen grub sich mir noch ein kurzer gewaltiger Eindruck in die Erinnerung: Wir hatten vor Dunkelheit am Rotgüldengletscher anzulangen, verzögerten uns aber sehr, weil uns unterhalb davon ein brünstiger Bulle gemeldet wurde, zu dessen Bezwingung schließlich eine ganze Anzahl von aufgeregten Almbewohnern, aufs wundersamste bewaffnet, mit uns zogen. Ein paar Minuten lang sah man ihn denn auch: auf einem gegenüberliegenden Bergstück, durch tiefe Schlucht von uns getrennt, hoch aufgerichtet, im Profil: ein Bild der Macht und Besessenheit, »gottgleich« im alten Sinn, und durch die ungefährdete Lage, die so beschauliche Betrachtung ermöglichte, von ungeheuer einprägsamer Wirkung. Mir wenigstens ging sie noch nach, als wir, nun schon im vollen Dunkel und allein, auf dem Rotgüldengletscher alles Gestein suchend abklopften und anriefen, ob es nicht irgendwo die darunter geduckte Almhütte berge wie im Märchen. –

Von landschaftlichen Eindrücken erschien mir am berückendsten, was ich in rascher Aufeinanderfolge von drei Frühlingen sah, als ich mal von Italien durch Deutschland in den Norden fuhr. Nie war mir der Süden triumphierender in die Sinne gedrungen, als es ihm da, trotz des Winters, der wie ein Mai gewesen, noch gelang, Frühling zu werden, ohne sich einfach mit dem Sommer zu verwechseln: was den Anschein gab eines über alle Sichtbarkeit hinaus schlechthin Unerschöpflichen, das jede Jahreszeit nach Belieben noch hinter sich hätte, wenn sie bloß wolle, und daß, wenn menschliche Aufnahmefähigkeit nur nuancefähiger und tiefreichender wäre, das Unermeßliche im Irdischesten unserer warte. – So gesättigt wurde ich nun auch dem mitteleuropäischen Klima besser gerecht, an dessen Phlegma man bisweilen Ärgernis nimmt, wenn es immer wieder mal von neuem anheben muß, um sich Regen und Graupeln aus den Augen zu wischen und die knospenden Kätzchen an den Baumzweigen zur Fortsetzung zu ermuntern; mit Wonne wurde ich der Veilchen froh und des im besten Sinn ausführlich »Sentimentalen«: das herrlich gestillte Herz war dafür geduldig geworden und um so tiefer entzückt. – Vom dritten damals erlebten Sommerwerden, dem nordischen von Kindheit an geliebten, kann ich am wenigsten sagen. So spät erwartet und dann so vollkommen in seiner Kürze entfaltet, bekundet es sich am unwiderlegbarsten an seiner Helle und Unaufhörlichkeit. Wenn man tief nachts des Kuckucks Ruf vernimmt oder die Lieder heimkehrender Feldarbeiter, dann fällt einem nicht ein: »Alles eile, um im kurzen Sommerlichen was fertig zu bringen«, sondern man verspürt ein Aufgehobensein von Zeit und Wandel hinter dem Zwist von Nacht oder Mittag, von Früh oder Spät. –

Zu Hause gewann mich das Einsamkeitsverlangen bald wieder ganz, zu jeder Jahreszeit, auch galt es, fleißig zu sein für Tages-Aufsätze, wie vormals auch für Theaterkritik. Höchstens führte mein Wandern mich gelegentlich weit quer über die Felder, wo, verschneit oder im lichten Laubgrün Lichterfeldes, Frieda Bülow im Hause ihrer Verwandten, der Freifrau Anna Münchhausen-Keudell, wohnte, in zwei Stuben voll des ehrwürdig-schönsten Erbhausrates und auch voller ostafrikanischer Exotik der Gegenwart. Im Jahresanfang von 1896 nahmen wir uns vor, München einige Zeit zu widmen: und dort begegnete mir die zweite Frau, der ich ganz nahe treten sollte und für immer nahe geblieben bin (wir sind uns auch dem Alter nach ziemlich nahe) von 1896 bis zu unserm beiderseitigen Tode.

Helene von Klot-Heydenfeldt war Baltin aus Riga und hielt sich mit Mutter und Schwester vorübergehend in München auf; sie hatte, nach Lesen von Tolstojs »Kreutzersonate«, ein gutes Buch, »Eine Frau«, geschrieben, besaß viele deutsche Beziehungen, und ein Jahr darauf vermählte sie sich mit dem Architekten Otto Klingenberg; als ich später, viel später, von Göttingen aus, etwelche Wintermonate in Berlin zubrachte, wurde Helene Klingenbergs Haus mein Heim. Helene und Frieda unterschieden sich voneinander wie ein brauner Junge von einer blonden Jungfrau. (Noch mehr sind der friesische Mann und die Kinder Helenens ins Blondeste geraten.) Und wenn Friedas Tatendurst sie ins Fernste trieb, so war Helenens Schicksal – sie wünschte sich zur Grabschrift die biblischen Worte: »Das Los ist mir gefallen aufs Liebliche« – wie innerlichst vorbestimmt in der Allgewalt der Liebe zu Frau- und Mutter-sein. Mit Frieda lebte ich in fruchtbaren Debatten infolge unserer Verschiedenheit, die ich jedoch dankbarer vertrug als sie, die uns unabdingbar gleich haben wollte. Mit Helene verband mich sicherlich irgendeine verborgen-tiefe Verwandtschaft, was zwar nicht hinderte, daß ich ebenfalls ganz andern Weges schritt als sie: es machte uns nichts, weil diese liebesstarke Natur mich restlos tolerierte, wie ich war, auch wo ich ein Unhold war. –

In München stand man nicht in so breiter Allgemeinsamkeit wie in Paris oder Wien etwa, – wie die Breite und Schönheit seiner Straßen auch leerer dalag, als riefen sie, man möge sich auf ihnen sammeln. Hier fand man sich ja eben nicht im »Münchnerischen« der Eingeborenen, sondern im Gemeinsamen aller Nationalitäten Deutschlands ringsum; zu Geselligkeit kam es in einzelnen literarischen Familien und Schwabinger Winkeln. Unter den zugezogenen Bekannten – auch Max Halbe, Frank Wedekind, der Langen-Verlag, später Björnsons – sagte mir ein Landsmann von Helene, den sie aber nicht kannte, am meisten: der damals schon erblindende Graf Eduard Keyserling; und bei erneutem Besuch von München, Jahre hinterher, betrübte es mich sehr, ihn nicht mehr am Leben zu finden. Andere, wie Ernst von Wolzogen, Michael Georg Conrad, hab ich nur ganz flüchtig gesprochen – von den Jungen am öftesten Jakob Wassermann, dessen vortreffliches Werk »Die Juden von Zirndorf« ihn bereits in allgemeine Beachtung stellte. Befreundet hab ich mich insbesondere mit August Endell, der, Kunstgewerbe und Architekt, nachmaliger Direktor der Breslauer Kunstakademie, mir bis zuletzt tief verbunden blieb. Daß diesem jungen, kränklichen, damals einsam und bitter Ringenden dieses Gedenken schon ein Nachruf sein muß! Es ist eine Erinnerung an unvergeßliche Nähe und unvergeßliche Werte.

Anläßlich irgendeiner gemeinsamen Theaterverabredung brachte Jakob Wassermann an unsere Plätze einen Freund, den er wünschte vorzustellen: es war René Maria Rilke.

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