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Lebensrückblick

Lou Andreas-Salomé: Lebensrückblick - Kapitel 5
Quellenangabe
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typeautobiography
authorLou Andreas-Salomé
titleLebensrückblick
publisherInsel Verlag
volumeinsel taschenbuch 54
printrun1. Auflage
editorErnst Pfeiffer
year1974
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090221
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Das Erlebnis Rußland

Unsere Familie entstammt väterlicherseits französischem und deutschem, baltischem Blut; Hugenotten aus Avignon, sind wir anscheinend erst nach der Französischen Revolution und nachdem wir lange in Straßburg verweilt, quer durch Deutschland ziehend ins Baltikum gelangt, wo in Mitau und Windau sich das sogenannte »Klein Versailles« ausgebreitet hatte. In meiner Kindheit hörte ich davon oft in der Familie erzählen.

Mein Vater war bereits als Knabe, unter Alexander I., nach St. Petersburg verbracht worden, um ganz militärisch erzogen zu werden. Als er schon Oberst war, verlieh Nikolaus I. ihm nach dem polnischen Aufstand von 1830, bei dem er sich ausgezeichnet haben mochte, zu dem französischen den russischen erblichen Adel. Das große Wappenbuch mit des Kaisers Worten darin, dem Altwappen – rotgolden und quergestreift – unten, und darüber dem russischen mit zwei rotgoldenen Schrägstreifen unter dem Visierkopf, ist mir noch sehr erinnerlich von unserm kindlichen Beschauen her; nicht minder die auf kaiserliche Anordnung für meine Mutter in Imitation des goldenen Ehrensäbels verfertigte Vorstecknadel, an der meines Vaters sämtliche Orden – in winzigster, aber genauer Wiedergabe – herniederhingen.

Meine Mutter, in St. Petersburg geboren, war hamburgisch-norddeutschen – weiterhin mütterlicherseits dänischen – Ursprungs; sie hieß Wilm, ihre dänischen Voreltern Duve (Taube).

Schwer zu ermitteln, welches (in Rußland) unsere allererste Sprache gewesen: das Russische, damals überwiegend nur im Volk gebräuchlich, wäre ohnehin gleich dem Deutschen und Französischen gewichen. Vorherrschend ward in unserm Falle durchaus die deutsche Sprache; sie blieb das Bindeglied zwischen uns und meiner Mutter Heimat, und nicht nur sofern wir in deutschen Landen Freunde und Anverwandte behielten, sondern als Ausdruck tatsächlicher Hingehörigkeit – wenn sich dies auch bei uns (in gewisser Unterscheidung von unsern Petersburger reichsdeutschen Bekannten) mehr und unmittelbarer aufs Deutschsprachige als aufs Deutschpolitische bezog; denn wir fühlten uns nicht nur in russischem »Dienst«, sondern als Russen. Ich wuchs auf zwischen lauter Offiziersuniformen. Mein Vater war General; hinterher, im Zivildienst, hieß er Staatsrat, Geheimrat, dann Wirklicher Geheimrat, verblieb aber dienstlich im Generalitätsgebäude auch im hohen Alter. Und meine frühe Liebe, im achten Jahr etwa, galt dem (damals wirklich wunderschönen) jungen Baron Frederiks, Adjutanten Alexanders II., nachmaligem Hausminister, der, uralt werdend, noch Kaisersturz und Umsturz voll miterleben mußte. Meine Intimität mit ihm beschränkte sich jedoch auf folgendes geringe Vorkommnis: Als ich einmal bei Glatteis auf den breiten Stufenabstieg unseres Generalitätsgebäudes hinaustrat und den Bewunderten unmittelbar hinter mir spürte, rutschte ich aus und setzte mich aufs Glatteis – worauf der ritterlich Hinzueilende sofort dem gleichen Schicksal verfiel; in allernächster unerwarteter Nähe, zu beiden Seiten des Ausgangs, uns gegenübersitzend, starrten wir uns betroffen an: er hell auflachend und ich stumm beseligt.

Viel spezifischer russisch als solche Erinnerungen an die Welt um uns draußen waren die Eindrücke von Amme und Wärterin her. (Nur ich hatte eine Amme.) Meine Amme, eine sanfte, schöne Person (die später, nachdem sie eine Fußpilgerung nach Jerusalem getan, sogar zur kirchlichen »Kleinen Heiligsprechung« gelangte – worüber meine Brüder wieherten, was mich aber doch stolz auf meine Amme machte), hing sehr an mir. Russische Njankis stehen ohnehin im Ruf grenzenloser Mütterlichkeit (weniger freilich ebensolcher Erziehungskunst), worin sie keine leibliche Mutter übertreffen könnte. Unter ihnen gab es überall noch Abkömmlinge von den eben noch Leibeigenen, und man möchte um ihretwillen das Wort »leibeigen« in einem liebevollern Sinne festhalten. Sonstige russische Dienstboten in den Familien mischten sich stark mit unrussischen Elementen: Tataren, als Kutscher und Diener bevorzugt wegen ihrer Alkoholabstinenz, und Esten; es mischte sich Evangelisch, Griechisch-Katholisch und Mohammedanisch, Gebet nach Osten und Gebet nach Westen, alter und neuer (Kalender-)»Styl« hinsichtlich Fasten und Gehaltsausgabe. Noch bunter ward dies dadurch, daß unser Landhaus in Peterhof von schwäbischen Kolonisten verwaltet wurde, die in Tracht wie Sprache sich noch genau an ihr Vorbild in der langverlassenen Schwabenheimat hielten. Vom eigentlichen russischen Inland lernte ich kaum was kennen; nur auf ein paar Reisen zu meinem zweiten Bruder – Robert –, der als Ingenieur schon früh weit nach Osten (Perm, Ufa) fortkam, machte ich erste Bekanntschaft im Smolenskischen mit rein russischer Gesellschaft. St. Petersburg selbst aber, diese anziehende Vereinigung von Paris und Stockholm, wirkte trotz seiner kaiserlichen Pracht, seinen Rentierschlitten und illuminierten Eishäusern auf der Newa, seinen späten Frühlingen und heißen Sommern rein international.

Auch meine Schulgenossen setzten sich aus Angehörigen von vielerlei Nationen zusammen, schon in der kleinen englischen Privatschule, die ich anfangs besuchte, wie in der folgenden großen, wo ich nichts lernte. Dennoch hätten von dorther bereits Bekanntschaften ausgehen können, die mich dem russischen Lande auf eine neuartige Weise verknüpft hätten, nämlich politisch. Denn schon braute und gärte bis in die Schulanstalten hinein der Geist des Aufstandes, der bei den Naródniki, den »ins Volk Gehenden«, sein erstes Programm gefunden hatte. Es war kaum möglich, jung und lebendig zu sein, ohne davon miterfaßt zu werden, zumal der Geist des elterlichen Hauses, trotz den Beziehungen zum vorigen Kaiser, doch sorgenvoll zum herrschenden politischen System stand, namentlich nach der reaktionären Wandlung des »Zarbefreiers« Alexander II., nachdem er die Leibeigenschaft aufgehoben hatte. Was mich von diesen mächtigen Zeitinteressen isoliert erhielt, war lediglich der durchgreifende Einfluß meines Freundes, dem meine erste große Liebe galt: der Umstand, daß er, der Holländer, sich in Rußland völlig als Ausländer empfand, mußte auch auf mich gewissermaßen entrussend wirken, indem ein rein individuelles Bildungsziel, unter Betonung gefühlsnüchterner Verstandesentwicklung, dasjenige war, was er als wünschenswert für mich (die ein phantastisches Geschöpf war) ansah. So blieb das einzige Zeichen politischer Beteiligung – in meinem Schreibtisch verborgen – ein Bild der Wera Sassúlitsch, der, sozusagen, Einleiterin des russischen Terrorismus, die den Stadthauptmann Trepow anschoß und nach dem Geschworenen-Freispruch (Geschworenen-Gerichte waren erst soeben für zulässig befunden worden) auf den Schultern einer jubelnden Menge hinausgetragen wurde; sie entwich nach Genf und lebt vielleicht noch heute. Während meines Studiums in Zürich, bei dessen Beginn die Ermordung Alexanders II. durch Nihilisten – 1881 – von russischen Studenten mit Fackelumgängen und unter lärmender Exaltation gefeiert wurde, kannte ich von meinen Mitstudentinnen, fast ausschließlich Medizinerinnen, noch keine persönlich. Auch glaubte ich, daß sie ihr Studium ganz vorwiegend als politischen Deckmantel für ihren Auslandsaufenthalt benutzen mochten, weil in Rußland schon längst – weit früher als irgendwo sonst – das weibliche Studium durchgesetzt worden war, ja Frauenhochschulen errichtet wurden mit voller Besetzung, z. B. durch Professoren der medikochirurgischen Akademie. Doch irrte ich mich ganz gründlich: denn diese Frauen und Mädchen, die unter ungeheuren Opfern und Kämpfen sich die heimatlichen Institute gleich denen der Männer erschlossen und, wenn sie zwischendurch gewaltsam geschlossen wurden, sich wieder erschlossen, kannten nichts Ernstlicheres, nichts Wichtigeres, als sich schnellstens ein möglichst großes Wissen und Können anzueignen. Nicht etwa für eine Konkurrenz mit dem Mann und seinen Rechten, auch nicht aus wissenschaftlichem Ehrgeiz, um der eigenen beruflichen Entwicklung willen, sondern nur für das Eine: um hinaus zu können in das russische Volk, das leidende, unterdrückte und unwissende, dem es zu helfen galt. Ein Zug von Ärztinnen, Hebammen, Lehrerinnen, Fürsorgerinnen jeder Art, gleichsam profanen weiblichen Priestern, strömte ununterbrochen aus den Hörsälen und Akademien in die entlegensten, ödesten Landstriche, in die verlassensten Dörfer: Frauen, die sich, politisch lebenslang mit Verhaftung, Verbannung, Tod bedroht, ganz dem hingaben, was einfach ihrer Aller stärkstem Liebestrieb entsprach.

In der Tat handelte es sich hierum – und zwar bei der revolutionären Tendenz beider Geschlechter in Rußland: wie Kinder zu ihren Eltern stehen, standen sie zum Volk. Obschon sie es waren (großenteils den Kreisen der »Intelligenz« entstammend), die ihrerseits Bildung, Aufklärung, Wissen dem Volk zuteil werden ließen: in menschlichstem Sinn blieb ihnen der Bauer Vorbild, ungeachtet seines Aberglaubens, seiner Trunksucht oder Roheit: eine Einstellung, wie man sie an Tolstoj kennengelernt hat, dem die bäuerliche Gemeinschaft erst vermittelte, was es mit Tod und Leben, Arbeit und Andacht auf sich habe. Das merzte aus dieser Liebe alle Pflichtmäßigkeit, Leutseligkeit aus und sammelte in ihr gleichsam alle Grundkraft des eigenen seelischen Lebens überhaupt: in einer Primitivität, aus deren Kindhaftigkeit der zu Ehrgeiz und Reife erwachsende Einzelne sich in seinen tiefsten Triebkräften nie ganz löst. Meinem Eindruck nach beeinflußt das in Rußland auch die Geschlechtsliebe noch, löst ein wenig die Höhe ihrer Spannungen, die in Westeuropa sich in etwa tausend Jahren zu so schwärmenden Übertriebenheiten zuspitzten. (Ich habe bei einem einzigen Autor, in dem bedeutenden Skizzenbuch des Prinzen Karl Rohan, »Moskau«, 1929, diese erotische Sachlage innerhalb des Russischen richtig angedeutet gefunden.) Dicht daneben können erotische Ausschreitungen und Unmäßigkeiten jeder Sorte wie überall sich ereignen, oder noch rohere, aber darüber geht das eigentliche Seelenleben in primitiv unberührterer Infantilität vor sich als bei den »erzogenem«, auf »selbstsüchtigere« Privatliebe gestellten Völkern. Das »Kollektive« bedeutet im Russischen, volklich und wesentlich, insofern gerade die Intimität, die Herzwurzel, nicht die Erzogenheit zu Prinzip oder Einsicht oder Vernunft. Alles Ekstatische schlägt dort hinein, unverkürzt auch durch Betonung des Geschlechtsunterschiedes: weil das passiv Hingegebene und Empfangende darin noch mit dem jäh Aktiven, Revolutionierenden ineinandergreift in der nämlichen seelischen Bereitschaft.

Manches daran klärte sich mir erst spät völlig: bei meinem dritten Pariser Aufenthalt, 1910, als ich, durch die Güte der Schwester einer Terroristin, in deren Kreis Zutritt erlangte. Es war um die Zeit nach Ausbruch der Asjow-Tragödie, wo dieser unerklärlichste und monströseste aller Doppelspitzel, durch Burzew seines Doppelverrats überführt, eine namenlose Verzweiflung hinter sich ließ. Mir wurde damals gefühlsmäßig unmittelbar klar, inwiefern das Häuflein zu jeder Bombe entschlossener Revolutionäre, die ihr privates Erleben total dem Glauben an ihre mörderische Mission opferten, keinen Gegensatz darstelle zur ebenso totalen Passivität der Gläubigkeit des Bauern, der sein Schicksal als von Gott bestimmt hinnimmt. Die Glaubensinbrunst ist die nämliche, die das eine Mal zur Ergebung und das andere Mal zur Aktion aufruft. Über beider Leben, über allem, was sich privat darin äußert, steht ein nicht mehr dem Persönlichen entnommenes Motto, aus dem sie sich erst selber empfangen und aus dem beide Arten, das bäuerliche Martyrium wie das terroristische Märtyrertum, ihrer getrosten Dulderkraft wie ihrer jähen Tatkraft innewerden. Als die Sozialrevolutionäre, nach etwa einem Jahrhundert ihrer Wirksamkeit, mit dem Erfolg des Bolschewismus in ihren tragischen Bemühungen an die Wand gedrückt wurden durch übergewaltige Überholungen des bis dahin gemeinsam Erträumten, da kam es, aus der immer gleichen Glaubensinbrunst im Volk, zur Bildung eines dritten Typus: das war der befreite Proletarier, herangeholt zum Mittun an Arbeit und Erfolg, und deshalb – mitten in der neuen Art des Zwanges, in tausenderlei erneutem Elend – doch hingerissen zu einer Orgie williger Tatkraft. Erfuhr doch seine bisherige passive Glaubensergebung den blendenden Augenschein unerhörter Verwirklichungen im Gesamten des volklichen Lebens und der Landesumgestaltung, die ihm vorkommen mußten wie den Christen vor dem Jahre 1000 das erwartete Hereinbrechen des Jenseits ins irdische Reich. Damit ward er zum natürlichen Gegner seines Bruders, des Bauern, der von alledem vorwiegend nur die Negation erfuhr: Zerstörung seines friedlich primitiven Dorfkommunismus durch politisch-abstrakte Maßregeln, die an seine alte Ergebung und Ergebenheit nicht mehr appellieren konnten, weil sie grundsätzlich gegen Gott und Gottesglauben sich wandten. So sah sich das Bauerntum, geschart um seine Glocken und Kreuze, um sein Gottvertretertum, gegenübergestellt dem Bolschewismus als dem Teuflischen. Man vermerkt gern, daß die fast religiöse Werbekraft, womit der Bolschewismus sich des russischen Proletariers bemächtigte und sozusagen die Leninlegende über die Christussage gestülpt hat, eine listige und zweckhafte Ausnutzung dieses glaubensfrommen Volkes sei; aber wie oft das auch selbstverständlich der Fall sein mag, so wird dadurch doch ebenso weniges erklärt, wie ehemals das Phänomen des Religiösen aus Priesterlist und -herrschsucht hatte erklärt werden können. Hier ist es fraglos eine Wirkung der kolossalischen Experimente, die Rußland mittels terroristischer Unwiderstehlichkeit um und um wälzen ins Maßlose ihrer Wagnisse; ganz abgesehen von der Zukunftsfrage, ob sie scheitern oder siegen, sind sie gebunden an die Glaubensinbrunst russischer Menschheit. Denn eben diese ist es, die dem Materialistischen der politischen Theorien, dem Mechanistischen der angestaunten Technik einen ganz anders empfangenden, einen vorneweg glaubensdurchseelten Boden untergebreitet hält, anders als es in normal-langsamer herangereiften Kulturen möglich wäre, anders als da, wo diese Theorien entworfen wurden.

Man möchte meinen, schon bei der späten Christianisierung Rußlands (ab 900 n. Chr.) lasse etwas von dieser Volksart sich erkennen. Nachdem sie nicht – wie häufig sonst – durch Erobererzwang erfolgt war, sondern vermittelt durch zur Wahl Ausgesandte, denen byzantinisches Christentum russenverwandter erschien als etwa Islam oder Buddhismus, »verrusste« sich das Übernommene unwiderstehlich. Als die abgeschriebenen byzantinischen Dokumente allmählich einer derartigen »Verrussung« anheimfielen, daß die Kirche selber (Patriarch Nikon) sie vergleichen und korrigieren lassen mußte, da war den Russen bereits dies eine zu weitgehende religiöse Aufklärung, religiöse Einmischung ins Ureigene. Lieber verließ ungefähr ein Drittel aller die Kirche und trat in den altgläubigen »Raskol« (Spaltung, 1654), der das Wort erfand: »Wer Gott liebt und fürchtet, geht nicht in die Kirche.« Auf solche Weise entspricht das vom Christentum Aufgenommene besonders wurzelecht russischem Wesen, beharrt aber auch darin allein; wie auch bei den in der Kirche Verbliebenen die eigentliche Ehrfurcht nicht der höhern Geistlichkeit gilt, nicht hierarchisch eingestellt ist – sie heftet sich an Pilger, Einsiedler, Anachoreten, in deren Fußstapfen jeder treten könnte, und die Verehrung davon begreift etwas von dem ein, was sozusagen jeder heimlich auch sich selbst zugesteht. Genauso wie, umgekehrt, es jedem zugestoßen sein könnte, an die Stelle Verurteilter oder Verbrecher zu geraten: wovon noch die volkstümliche Sitte Kunde gibt, Sträflinge auf dem harten Durchzug durchs Land in sibirische Zuchthäuser mit etwas zu beschenken, und sei's ein Ei, ein Brotstück, ein bunter Bandfetzen. Dabei spricht weiches Mitleiden, aber auch zugleich das mit, was im Wort eines Bäuerleins lag, der mich auf solchen Durchzug aufmerksam machte: » Die hat's getroffen.« Das geringere Unterscheiden geltender Wertungen über Menschen, das Nichtachten hergebrachter Maßstäbe der Beurteilung hängt damit zusammen, daß mit allem bis auf »Gott« zurückgegangen wird, der alle und alles nach seinem Gefallen umfaßt. Dies kindhafte Vertrauen liegt auch im traditionellen Trostesausspruch in schicksalsvoll schrecklichen Zeiten des gemarterten Volkes: »Alle haben uns vergessen, außer Gott.«

Es begreift sich leicht, daß diese religiöse Richtung neben der Kirche einem ungeheuren Sektenwesen zugute kam und daß in diesem die verschiedensten, auch einander gegensätzlichsten Formungen zustande kommen konnten: vom brutalen Asketentum der Skopzen und ihren Entmannungsprinzipien bis hinein in die ärgsten, anstößigsten Sinnesräusche, die sich als Sexualmysterien in die Andacht einreihen; oder aber bis in die menschlich-köstliche Freudigkeit und Gefaßtheit der Gesinnung, durch die Tolstoj so tief ergriffen und gewissermaßen zum Jünger des russischen Bauern wurde. Wie das erst aus der Psychopathologie Tolstojs ganz erklärbar wird, dieser Begleitung seines Genies, so ist auch die Zurschaustellung von orgiastischem und von wüstem Heiligengebaren erst kürzlich an Rasputins Gestalt zu persönlich aufgefaßt worden, zu sehr als seine monströse Spezialität, anstatt ihn aus der Eigenart seiner Sekte und ihrer Befehle zu verstehen.

Daß auch Gegensätzliches noch sich ungestört in Menschen zu einen vermag, entspricht dem Primitivern, Undifferenziertern. Doch noch darüber hinaus ist russischem Wesen ein Mangel an Dualismus sichtlich eigen: wodurch Traumerwartung und Realerfahrung weniger in ein Nacheinander zu zerfallen scheinen – wodurch, gleichsam weniger scharf entmischt, »Himmlisches« noch nicht abstrakt, »Irdisches« noch nicht schuldbeladen erlebt wird. Von nicht in Rußland Geborenen, die aber viele Jahre dort verweilten, ist das hie und da eindrucksvoll bestätigt worden und führte zu unwillkürlicher starker Anhänglichkeit ans Russentum. So ging es auch bei uns zu: Insbesondere mein Vater hat den praßtój naród, das »gemeine Volk«, so geliebt, daß in seiner Redeweise davon, wie viel oder wie oft er es auch zu rügen gehabt haben mochte, ein Ton mitschwang der Ehrerbietung, nahezu Ehrfurcht, und sie auch uns nahelegte. Mutterseits blieb allerdings gegenüber griechisch-katholischer Rechtgläubigkeit ein Gefühl wie von Emigrantentum aus evangelischem Glaubensland. Und ich selbst? Ich war blutjung namentlich durch meine erste große Liebeserfahrung entrusst worden, indem mein Freund als Ausländer (und zu seinem Verdruß durch die russischen Verhältnisse zum Brachliegen seiner wertvollsten Kräfte verurteilt) alle seine Interessen und Wünsche nach »jenseits der Grenze« richtete: sagranizu, was die russische Bezeichnung ist für Ausland überhaupt. Aber bei Gelegenheit meiner Heimatbesuche aus der Schweiz oder Deutschland, nach der Übersiedlung, wenn ich an der russischen Grenze in die breiteren, schwereren Eisenbahnwagen umstieg und vom Schaffner als »Mütterchen« oder »Täubchen« zum Schlaf verstaut wurde, wenn der Geruch zottiger Schafspelze oder der Duft russischer Zigaretten mich umfing – dann weckte das dreifache Gebimmel, das altmodische Abfahrtszeichen, ein unvergeßliches Heimatglück. Das galt weder der Rückkehr ins familiäre Zuhause noch auch einem jemals verspürten Heimweh wie nach dem Geburtsland oder den frühesten Kindheitseindrücken dort. Ich könnte es auch jetzt nicht hinreichend genau bestimmen: ich weiß nur, daß es in seiner Substanz unabänderlich blieb inmitten der Jahre meiner wundervollen, von ganz anderm in Anspruch genommenen, mit ganz unrussischer Geistesarbeit erfüllten Mädchenjugend. – Allmählich setzte es sich in Beschäftigungen und Studien um, bei denen mich dann 1897 noch Rainer Maria Rilke antraf. Unsere beiden gemeinschaftlichen Reisen nach Rußland hat in uns Zweien die immer höher steigende Sehnsucht dorthin zustande gebracht. Das wurde für jeden von uns ein Erlebnis außerordentlicher Art: für ihn im Zusammenhang mit einem Durchbruch seines schöpferischen Tuns, für das Rußland ihm schon die entsprechenden Sinnbilder bot, während er noch seine Sprache erlernte und es studierte; für mich einfach der Rausch des Wiedersehens mit der russischen Wirklichkeit in ihrem vollen Umfang: dicht um mich herum stellte sich dieses Volkes Land in seiner Weite, dieser Menschheit Elend, Ergebung und Erwartung; es umfing mich so überwältigend wirklich, daß ich nie wieder – außer in individuellsten Einzelerlebnissen – etwas von ähnlicher Stärke der Eindrücke erfuhr. Das Außerordentlichste der Wirkung an diesem Doppelerlebnis lag aber darin, daß uns in den gleichen Momenten und an den gleichen jeweiligen Gegenständen aufging, wessen jeder von uns bedurfte – schöpferisch daran werdend Rainer, und mein eigenes urältestes Bedürfen und Erinnern daran erlebend – hinlebend – ich.

Aber das hierfür bei uns Beiden am dringendsten Benötigte, sehr Merkwürdige war, daß auf den ungeheuren Strecken dieses Landes – und nicht nur auf den von uns bereisten –, an seinen Strömen entlang, zwischen dem Weißen und dem Schwarzen Meer, zwischen den transuralischen und den europäischen Grenzen, ein-und-derselbe Mensch einem zu begegnen scheint, als entstamme er dem nächstgelegenen Dorf – habe er nun die großrussische oder sogar eine tatarische Nase. Diese Einheitlichkeit in all der Verschiedenartigkeit kommt dabei nicht von jener Uniformität des noch schlecht Unterscheidbaren, wenig Gekannten von Massen; es kommt her von der russischen Offenheit des seelischen Gesichts, als werde diese beredt am in uns allen Gleichen, am zutiefst Menschlichen überhaupt. Als erführe man gewissermaßen neu und bewegt ein Etwas über sich selbst am Begegnenden – und man liebt ihn. Für Rainer mußte das von ausschlaggebender Wirkung sein infolge seiner suchenden Einstellung zu menschlichen Urgründen, aus denen sich ihm Sinnbilder unterschoben, daran er zum Hymniker Gottes wurde.

Mir hat sich manches davon erst später verdeutlicht: sein Drang in diese Richtung wie nach einer Heilung, nach innerm Zusammenschluß geheimer Zwiespälte seiner Struktur. Ähnlich drängte es ihn aus europäischer Überbildung, aus allzu Westlichem dem Osten überhaupt zu: als ob er daran fühlte, wie dort, auch in den asiatischen Kulturen, die Grundbasis menschlicher Ursprünglichkeit, in Vorzügen wie Nachteilen, dauernd die Richtung bestimme. Oft fragten wir uns unterwegs, ob eine weiterreichende Reise ins Asiatische uns erst recht dies »Russische in Reinkultur« erschlossen haben würde. Aber wir spürten auch: damit wäre im Gegenteil etwas Anderes, Fremdes mit dazu geraten, das nicht offener aufschloß, das abwehrend zuschloß. Mit dem wirklichen Orient erhebt sich zugleich, wo immer man ihm auch nahen mag, wie ein Stück der Großen Mauer um China; er wird dadurch ein Gegenstand, der schon am ehesten noch mit Unterstützung von wissenschaftlichem Verständnis, gelehrtem Rüstzeug eine Annäherung erlauben müßte. Umstehen ihn doch seine uralten Kulturen – in sich fertig geworden zu Wunderwerken, zurückhaltend uns gegenüber in der Unzugänglichkeit und märchenhaft anmutenden Weisheit urtiefer Traditionen, in die jeder mit hineingeboren ist, wer immer er auch sei. Das schließt ihm vor uns das Gesicht. Man möchte ihn, von unserer Zergliederung ins Individuellste aus gesehen, als so andersartig empfinden, daß er durch Übernahme des Unsern zugrunde ginge, obschon er uns zugleich voraus ist und uns übersteigt darin, daß er sich seine widerspruchslose Einheit gewahrt hat, seine jedesmalige selbstgewachsene Eigenart von Kultur und Natur, von Bildung und Wesen.

Nicht so liegt russisches Land da, – noch bis in seine sibirischen Fernen gewissermaßen zugleich westwärts gewandt, als könne es nicht haltmachen, endgültig aufhören, gelagert zwischen alle Einbrüche und Einflüsse von je und je, als sei dies eben seine Bestimmung: seine Breite zu beglaubigen durch Aufnahme noch des Fremdesten, sich durch Rechts und Links hindurch zur Synthese anzuschicken. Als sei seine eigene Unergründlichkeit, seine innere Allgemeinsamkeit eben dadurch keine Abwehr geworden, kein Fertiggewordenes, sondern der langsamere, weil vieles überschreitende, mit vielem sich belastende Gang eines »Nomadentums auf weite Sicht«: wandernd und wandernd von Ost nach West und wieder zurück, um ja nicht, zu früh seßhaft, von der kostbaren Bürde was zu verlieren, – um dafür seinen tänzerischen Fuß, seine Sangesfreude noch für die schwermütigsten seiner Lieder bereitzuhalten, die (vielleicht!) einem schon bevorstehenden Untergang vorwegnehmend den Ton leihen.

Der Mensch solcher Art erscheint heutzutage gewaltsam hineingerissen in Fortschritts-Ekstase, vergewaltigt zu westländisch aufgebauten Zwangszielen hin. Was diese im Westen nicht zu voller Auswirkung kommen ließ, weil in ihnen ein Erzeugnis vergangenen Jahrhunderts gespürt wurde, dem man mit Sehnsüchten unseres Jahrhunderts zu begegnen strebte – das verlieh ihnen im rückständigen Rußland die kolossale Macht aufeinanderplatzender Extreme. Handelte es sich da doch nicht um Änderung von Kulturformen, sondern um die Frage erstmaliger Kulturform für die Gesamtheit überhaupt. Deshalb könnte aber gerade dort, sei's zu Fluch oder Segen, ein Neues sich aus einem Gewaltruck ergeben, schon durch die Plötzlichkeit der technischen Ermöglichungen wie auch durch die asiatischen Dimensionen ihrer Anwendung. Dem Bolschewismus Rußlands, dem Erben abendländischen Theoriensystems, fließt infolgedessen hier Blut und Inbrunst zu ins trocken und kalt Begriffliche, bis es gar nicht mehr wie Übernahme vom Abendland her ist, bis es sich als Voraussetzung einer neuen Morgenröte vorkommt, zu der Rußland das Universum ganz unnational und ganz irrational einzuladen scheint.

Uns aber war es notwendig, ja das Allernotwendigste, in Altrußland zu weilen, ehe es noch das entscheidende Risiko seiner Umwälzung erfuhr, in der die Probe aufs Exempel gemacht wird. Notwendig war das, weil nur vom Anblick Altrußlands her das Kommende verstanden werden kann, weil nur so das Mißverstehen der vielen Reisenden abgewehrt werden kann, die heute das Land durchstreifen und sich darob verwundern, wie der russische Mensch, bis dahin noch ein Dummbart, urplötzlich zu einer Sorte von exaltierter Maschine geworden sei, nur weil, statt der alten Nagaika, eine hypermoderne Knute über ihm geschwungen wird.

Als wir an der Wolga standen, in großem Schmerz des Abschiedes, dachten wir uns einen Trost aus, um hinweg zu können. Wir dachten: wann und ob wir auch wiederkämen, bald (!! –) oder spät, oder ob nach uns andere Generationen: selbst im gewaltigsten Wandel der Zeiten würde das hier bleiben, worauf wir mit nassen Augen schauten – Wir wußten nicht, wie bald schon das Bild sich wandeln werde: wie die Wolga mittun würde mit den andern Flüssen, die man einzumünden zwang in die Kolossalität der Aufstauungen, um, von Menschenhand gezwungen, wie eine gigantische Flut russisches Land zu durchbrausen, erst haltmachend vor dem Stillen Ozean.

Aber wir wußten und hatten erfahren: auch das verschlug nichts an dem mehr, was an unserm Erlebnis hier das Größte gewesen und das Weltinnigste zugleich.

Wir hatten in Rußland mehr empfangen als Rußland allein, und durften es verlassen.

Altrußland

Du scheinst in Mutterhut zu ruhn,
Dein Elend kaum noch zu begreifen,
So kindhaft scheint noch all Dein Tun,
Wo andre reifen.

Wie stehn Dir noch die Häuser bunt,
Als spieltest Du sogar im Darben:
Rot, grün, blau, weiß auf goldnem Grund
Sind Deine Farben.

Und doch: wer lang darauf geschaut,
Enthält ehrfürchtig sich des Spottes:
Ein Kind hat Rußland hingebaut
Zu Füßen Gottes.

Wolga

Bist Du auch fern: ich schaue Dich doch an,
Bist Du auch fern: mir bleibst Du doch gegeben –
Wie eine Gegenwart, die nicht verblassen kann.
Wie meine Landschaft liegst Du um mein Leben.

Hätt ich an Deinen Ufern nie geruht:
Mir ist, als wüßt ich doch um Deine Weiten,
Als landete mich jede Traumesflut
An Deinen ungeheuren Einsamkeiten.

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