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Lebensrückblick

Lou Andreas-Salomé: Lebensrückblick - Kapitel 4
Quellenangabe
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typeautobiography
authorLou Andreas-Salomé
titleLebensrückblick
publisherInsel Verlag
volumeinsel taschenbuch 54
printrun1. Auflage
editorErnst Pfeiffer
year1974
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090221
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Erleben an der Familie

Das brüderliche Zusammengehören von Männern war mir im Familienkreise als jüngstem Geschwister und einzigem Schwesterchen auf so überzeugende Weise zuteil geworden, daß es von dort aus dauernd auf alle Männer der Welt ausstrahlte; wie früh oder spät ich ihnen auch noch begegnete: immer schien mir ein Bruder in jedem verborgen. Doch lag es auch am Wesen meiner fünf Brüder selber, von denen insbesondere drei in Betracht dafür kommen, da es zweien, dem erstgeborenen und dem vierten, nicht vergönnt war, alt zu werden. Obschon meine Kindheit voll phantastischer Einsamkeit sich vollzog, obschon alsdann mein ganzes Denken und Streben sich gegen alle Familientradition entfaltete und zum Ärgernis wurde, obschon mich mein Leben dann ans Ausland band und fern den Meinen verlief, blieb das Verhältnis zu meinen Brüdern so, – mit den Jahren und der räumlichen Entfernung lehrte mich mein reifer werdendes Urteil sie erst recht in ihrem Menschenwert erkennen. Ja, später geschah es, wenn ich mir selbst manchmal bedenklich vorkam, daß mich der Gedanke förmlich beruhigte, mit ihnen gleicher Herkunft zu sein; und in der Tat: nie wurden mir Männer bekannt, ohne daß deren Lauterkeit der Gesinnung oder deren Mannhaftigkeit oder deren Herzens wärme das Bild meiner Brüder in mir hätte lebendig werden lassen.

Noch beim Tod unserer neunzigjährigen Mutter wandten sie mir das Doppelte der Hinterlassenschaft zu, obwohl die beiden Vermählten fünfzehn Kinder zu versorgen hatten und ich keins; auf meine energische Nachfrage nach dem Testament erhielt ich zur Antwort, daß mich dies nichts angehe: bliebe ich denn nicht ein für allemal ihre »kleine Schwester von ehemals« ? Der älteste – Alexandre, Sascha –, in seiner Mischung von Energie und Güte, stellte uns von jeher einen zweiten Vater vor, gleich diesem aktiv und hilfreich bis in fernste Kreise; dabei von herrlichem Humor, vom ansteckendsten Lachen, das ich je hörte: sein Humor ergab sich irgendwie aus dem Zusammenwirken einer sehr nüchtern klaren Verstandesstärke mit der Wärme seines Wesens, für welche Hilfeleistung das natürlichste Tun war. Im Moment, wo ich als Fünfzigerin, in Berlin, das unerwartete Telegramm seines Hinscheidens empfing, war mein erstes, jäh egoistisches Aufschrecken: »schutzlos«. – Der zweite – Robert, Roba – (elegantester Mazurkatänzer bei unsern winterlichen Hausbällen) war von allerlei künstlerischer Begabung und von sensitiverer Stimmung; gern wäre er Militär geworden wie sein Vater, wurde indessen von diesem zum Ingenieur bestimmt, als welcher er sich dann hervortat. – Ebenso machte die damalige patriarchalische Familienordnung den dritten Bruder – Eugène, Genja –, zur Diplomatie geradezu geschaffen, wider seine Absichten zum Mediziner, aber mit gleichem Erfolge; denn gründlich verschieden geartet, wie sie waren, hatten sie doch das Gemeinsame außerordentlicher Berufstüchtigkeit, absoluter sachlicher Hingabe. Der dritte bewährte dies als Kinderarzt, hatte sich übrigens schon als Knabe mit kleinen Kindern befaßt; daneben aber blieb er in seinem eigensten Sein auch später ein Verborgener und »diplomatisch«-heimlich. Aus den Kinder Jahren erinnere ich auch, wie er mich wegen zu offener Kampfesweise gegen Verbotenes tadelte und mich dabei einmal dermaßen reizte, daß ich meine Tasse heißer Milch nach ihm warf – wobei sie, statt an ihm, an meinem Hals und Rücken glühend ausfloß; mein Bruder, obschon von derselben jähen Heftigkeit wie wir alle, sagte zufrieden: »Siehst du, genauso meinte ich's, wie es geht, wenn man's falsch macht.« Lange nachdem er, vierzigjährig, an Tuberkulose verstorben war, ging mir mehr von ihm auf, namentlich auch, weshalb er – langaufgeschossen, schmal und durchaus unschön – bei Frauen trotzdem die tollsten Leidenschaften erregte, jedoch niemals eine Frau zur Lebensgefährtin genommen. Über das, was als Charme von ihm ausging, dachte ich manchmal, es sei ein Element von Dämonie darin. Es vertrug sich zuzeiten mit vielem Humor: so, als auf einem unserer Hausbälle dieser Bruder sich entschloß, mich zu ersetzen: auf dem meist rasierten Haupt bildschöne Locken, die allzulang und schmal geratene Figur in zeitgemäßem Korsett – und die Mehrzahl der Kotillonorden erobernd, von jungen fremden Offizieren, die nur ungenau wußten, daß es im Hause eine unerwachsene Tochter gäbe, die sich vollkommen fernhielt. Mir gefielen lediglich die hackenlosen Ballschuhe, die ich seit den Tanzstunden gern trug, um darin über das Parkett des großen Saales wie über Eis zu gleiten – wozu auch die übrigen großen Räume, überhoch wie in Kirchen, verleiteten. Denn die Dienstwohnung in der Morskája lag in einer Abteilung des Generalitätsgebäudes an der Moika, und diese Beschaffenheit der Räume, dies Gleiten in ihnen, hängte sich fest an meine täglichen Freuden: erinnernd sehe ich mich am ehesten in dieser Bewegung: die war, als sei man allein.

Die ältern Brüder hatten früh geheiratet, schon in der Tanzstundenzeit für immer gewählt; leidenschaftlich verliebte Gatten und Väter, waren sie sehr glückliche Menschen geworden, deren Verhalten zu ihren Frauen viel von der Art unseres Vaters der Mutter gegenüber widerspiegelte; so hatte er z.B. die Gewohnheit, bei deren Eintritt ins Zimmer sich zu erheben – was wir Kinder unwillkürlich nachgemacht hatten. Das schloß nicht aus, daß es auch zu Äußerungen der Heftigkeit kommen konnte, veranlaßt von seinem brausenden Temperament, das wir sämtlich erbten. Dabei war er unverfälscht arglos und offen bis zuletzt, worüber eine heitere Anekdote bei uns kursierte. Unsere Muschka, wie wir die Mutter nannten, hatte ihm eindringlich ans Herz gelegt, mit jemandem, der ihn angeblich verleumde, vorsichtig zu sein, und gleichzeitig ihm die Freundesgesinnung eines andern herausgestrichen: worauf der Vater eilends beide miteinander verwechselte. In seiner Jugend ist er aller Weltfreude zugänglich gewesen, im damals glänzenden kaiserlichen Petersburg Nikolaus' I. und des Zweiten Alexander, zugehörig noch der Generation der Puschkin und Lermontoff, mit dem er als Offizier näher bekannt war. In der Ehe erfuhren jedoch er wie seine um 19 Jahre jüngere Frau eine förmliche Wandlung ins Religiöse durch Einfluß eines baltischen Pastors Iken, der in die etwas trockene Moralisterei der Petersburger evangelischen Kirchen einen pietistisch frommen Geist brachte. Die evangelisch- reformierten Kirchen – die französische, die deutsche und die holländische – bildeten, neben den lutherischen, für die nicht eingeborenen, d.h. nicht griechisch-katholischen Familien eine Art von Zusammenhalt des Glaubens, auch wenn man sonst ganz im Russentum aufging; deshalb enthielt mein Austritt aus der Kirche zugleich gewissermaßen eine gesellschaftliche Ächtung, unter der insbesondere meine Mutter arg litt. Von meinem Vater dagegen, der kurz zuvor gestorben war, wußte ich bestimmt, daß er, trotz noch tieferem Gram um den Unglauben seiner Tochter, doch deren Schritt gebilligt haben würde (obgleich gerade er der deutsch-reformierten Kirche insofern noch speziell eng verbunden war, als die Bewilligung zu ihrer Gründung einstmals durch ihn vom Kaiser erlangt worden war). Er pflegte nicht über religiöse Meinungen zu reden, und erst, als ich nach seinem Tode die Bibel, die er vorzugsweise in persönlichem Gebrauch gehabt hatte, geschenkt bekam, ging mir an vielen fein unterstrichenen Stellen sein wahres Glaubensbild auf. So tief bewegte mich darin die Art seiner Andacht, die Stille und Demut und kindhafte Zuversicht an diesem männlich tatfrohen, autoritätsgewohnten Mann, daß mich Sehnsucht ergriff nach dem vielen, was ich mit meinen sechzehn Jahren an ihm noch nicht hatte erkennen können.

In der ganz frühen Kindheit hatte meinen Vater und mich eine kleine geheime Zärtlichkeit verbunden, von der ich mich dunkel entsinne, daß wir von ihr abließen beim Hinzukommen von Muschka, die nicht für Gefühlsäußerungen war; auch hatte mein Vater nach den fünf Buben sich leidenschaftlich ein kleines Mädchen gewünscht, während Muschka lieber das männliche Halbdutzend voll gemacht hätte. In alten Briefen meines Vaters an meine Mutter, während sie mit den jüngsten Kindern sich auf sommerlicher Auslandsreise befand, hatte ich nach seinem Tode eine Nachschrift gelesen: »Küsse mir unser kleines Mädchen« und einmal auch: »Denkt sie wohl ab und zu noch an ihren alten Papa?« Erinnerungen überfielen mich heiß. – Wenige Jahre alt, war ich durch ein vorübergehendes Etwas, das man »Wachstumsschmerz« benannte, zeitweilig im Gehen behindert gewesen, erhielt zum Trost weiche rote Saffianschühchen mit Goldtroddeln und thronte auf meines Vaters Arm so gern, daß die Sache schief ausging: denn ich signalisierte infolgedessen keineswegs rechtzeitig das Aufhören der Schmerzen, und derselbe zärtliche Vater brachte – an derselben Körperstelle, die sich auf seinen Arm geschmiegt hatte, schweren Herzens, doch unbeirrt, eine handfeste kleine Birkenrute in Anwendung. – Ich entsann mich unserer Ausgänge an klaren Wintertagen zu zweien: Da meine Mutter nicht mit eingehängtem Arm gehen mochte, hatte mich mein Vater daran gewöhnt, dies Kunststück schon ganz klein zu bewerkstelligen: mit immensen Schwebeschritten, neben den seinigen langen, ruhigen. Dabei begegnete uns mal einer der zahlreichen russischen Bettler, und ich, die ein Silber-Zehnkopekenstück erhalten hatte, um »Geld einteilen« zu lernen, wollte sie ihm zustecken. Da bedeutete mein Vater mir: das sei keine Einteilung; es genüge die Hälfte von dem, was man besitze: doch die komme unweigerlich dem Nebenmenschen zu – und zwar dürfe sie auf keinen Fall schäbiger ausfallen als die zurückgehaltene, also nicht etwa Kupfergeld sein. Und ernsthaft wechselte er mir den kleinen Zehner in zwei der entzückenden winzigen Silberfünferchen.

Beiden Eltern gegenüber aber – so scheint es mir jetzt – fehlte bei mir, im Vergleich mit den Erfahrungen der weitaus meisten Kinder, von denen ich weiß, das Überhitzte in der Gefühlseinstellung, sei es in Trotz oder Liebe. Das Verbindende wie das Oppositionelle unterstand einer Grenze, hinter der irgendwie noch Freiheit Raum behielt. Während meiner Schulzeit ging die »Freiheit« sogar zu weit: Als ich in den letzten Klassen, wo das Russische für sämtliche Fächer obligatorisch wurde, über meine mangelnde Beherrschung der russischen Sprache jammerte (da wir untereinander nur Deutsch und Französisch zu sprechen gewohnt waren), ließ mein Vater mich plötzlich bloß hospitieren, indem er lachend versicherte: »Schulzwang braucht die nicht.« Von wo er dies zärtliche Vorurteil hernahm, weiß ich nicht. Ich glaube, Freiheit wird es gewesen sein, wodurch auch für meine Brüder, auch noch in deren Erwachsensein, das Verhältnis zu den Eltern von unverminderter vertrauender Herzlichkeit blieb. Für mich bedeutete dieser unwillkürlich-gewordene Grenzstrich z.B. eine Art von Schweigendürfen, Einsambleibendürfen inmitten allen herzlichen Vertrauens.

Mir fällt da als Beleg ein kleines Ereignis ein, zu dem ich leider ein Lebensalter nicht vermerken kann – nur daß ich bereits ein Schulkind war, was bei uns in Rußland hieß: über 8 Jahr. Unser Hund, ein Schnauzer, der Jimka hieß, wurde toll. Infolge der damals zahlreichen herrenlosen, also ungepflegten Hunde auf der Straße (sowohl bei Sommerhitze wie strengster Winterkälte) wurde Tollwut nicht selten durch Bisse auch auf die hausangehörigen Hunde übertragen. Es geschah uns zum erstenmal, wir erkannten es deshalb nicht sofort, und als mich vor Schulgang der geliebte Hund plötzlich ins Handgelenk biß, tat ich nur eilig was drauf und blieb arglos. Beim Heimkommen fand ich unsern Hund nicht mehr: die Tobsucht war ausgebrochen, man hatte Jimka geholt; er wurde in einem dafür vorhandenen Beobachtungsinstitut noch vor Abend erschossen. Inzwischen hatte er aber auch unsere Wäscherin gebissen, und gerade soeben erklärte unser Hausarzt, daß man, da darüber schon Stunden vergangen seien, nichts mehr dagegen machen könne (nach damaliger Auffassung). In all dem Schrecken überwog doch bei mir die Vorstellung, wie grausig es sei, wenn man mich alle Augenblicke für tollgeworden beargwöhnen werde und bei geringster Rauferei meine Brüder befürchten könnten, ich werde sie beißen –. Es folgte eine heimliche arge Angstzeit, ich erfuhr unter anderm von dem Symptom der Wasserscheu, und seitdem ängstigte ich mich ganze Nächte hindurch vor dem Zähneputzen morgens. (Daß das Symptom auch für Tee oder Milch gelte, blieb mir glücklicherweise unbekannt.) Auch dies erfuhr ich jedoch, daß tollwütige Hunde zuallererst den geliebten Herrn anfallen: und ich erinnere mich der entsetzten Überzeugung in mir – als des Schrecklichsten, was bevorstände –: »ich werde Papa beißen –«. Ich meinte, das hieß: den »Geliebtesten«, obwohl ich mir seiner Bevorzugung vor meiner Mutter keineswegs bewußt war. – Wie wenig Bewußtheit aber bei derlei mitspielt, beweist sich mir an einer Erinnerung, die in meine kleinste Kindheit fällt, wo ich sommers meine Mutter öfter (und sehr gern) in unserm Kabriolet zum Bad im Meer begleiten durfte. Durch ein Fensterchen der Kabine im Badehaus sah ich zu, wie sie sich im Wasser des Bassins unter mir tummelte, und da schrie ich sie einmal bittend an: »Ach, liebe Muschka, ertrink doch mal!«; sie schrie herzlich und lachend zurück: »Aber, Kind, dann bin ich ja ganz tot!« worauf ich ihr das typische russische Wort im stärksten Stimmton entgegenbrüllte: »Nitschewó!« (»macht nichts«). Aber ich machte in meinem Herzen keinen Unterschied zwischen den Eltern; wohl schon wegen der Art, wie mein Vater meine Mutter vor uns Kindern durch zarte Ritterlichkeit ehrte, stand sie nie im Respekt »unter ihm«. Und so erlebte ich erst als fast halbwüchsiges Mädchen, in einem unerwarteten Erstaunen, daß das nicht ohne weiteres selbstverständlich sei. Das war so: Der Schlüssel zu irgendeiner verschlossenen Tür war verlorengegangen, und meine Brüder kamen hilfreich angerannt – da gelang's mir bereits, ohne Instrument die Tür zu öffnen; und als ich's bald darauf der Mutter triumphierend erzählte und auf ihre Frage: »womit hast du sie denn geöffnet?« antworte: »mit meinen Fingern«, sehe ich, wie ihr Gesicht sich versteinert; sie sagte nur: » meiner Mutter würd' ich nie gewagt haben, so zu antworten –; daß du nicht mit den Füßen öffnetest, wußte ich wohl.« Ich schaute wie in ein Ungeahntes – selber so erstarrt, daß ich sogar unfähig wurde, sie aufzuklären.

Untereinander verstanden die Eltern sich wortlos, ungeachtet ihrer starken Unterschiedenheit voneinander (ausgenommen die gleiche Stärke ihres Temperaments und ihres Glaubens); in unentwegter Anpassung hielten sie sich die tiefste Liebestreue. Eine Hauptsache dabei war wohl auch, daß beiden ganz unwillkürlich inne blieb, wie sehr es lebenslang gilt, den eigenen Einseitigkeiten zu Hilfe zu kommen: – vielleicht weniger noch im moralischen Sinn, als im Verlangen, nicht in sich selbst steckenzubleiben. (Die Eigenschaft, die beiden am vollständigsten fehlte, war wohl der Hochmut und der dazugehörige Kleinmut.) Für einen Charakter wie den meiner Mutter hieß das wahrscheinlich, ihre selbständige und aktive Natur ohne viel Federlesens im Weib- und Muttertum aufgehen zu lassen, dessen Würde der Frau nun mal von Gott verliehen worden war. Daraus ergab sich dann die Gehaltenheit, die Haltung, die sie sich aufzuerlegen für gut fand und von andern ebenfalls erwartete. Sonst möchte wohl irgendein Revolutionäres ihrem Blute nicht ganz fremd gewesen sein. Als knapp erwachsenes Mädchen hatte sie nach dem Tode ihrer Großmutter die Leitung eines großen Hausstandes auf sich genommen, um nicht unter die Herrschaft einer Schwester ihres Stiefvaters zu kommen. Und wunderlich vor Augen geblieben ist mir ein ganz flüchtiges Bild von unsern Sommerreisen in die Schweiz: da sehe ich sie bei unserer Ankunft auf dem Gang vor unsern Hotelstuben stehenbleiben und fasziniert auf einen Hof hinausblicken, wo ein paar Männer wild streitend mit Messern aufeinander losgingen. Nicht nur war sie stets physisch sehr mutig, sondern es hätte ihr vielleicht, von sich aus, eher gefallen können, Streite gründlich auszutragen als beizulegen. Noch während der Vorrevolution von 1905, als Achtzigerin, ließ sie sich nur schwer abhalten, auf die bewegten, beschossenen Straßen hinauszugehen, vor denen ihre beiden Haushilfen, treue Mädchen, händeringend zurückwichen.

Meiner Mutter, nachdem sie unsern Vater um fast vier Jahrzehnte überlebt, geschah die Gnade, die Oktoberrevolution nicht mehr erfahren zu müssen. Die Familien meiner beiden ältesten Brüder aber machten in vielen Jahren den Umsturz und die Bürgerkriege in bitterster Not und Drangsal durch. Nur mit großen Unterbrechungen ermöglichte sich ein kümmerlicher Postverkehr nach Deutschland hin. Mein zweiter Bruder, Robert, endlich aus der Krim zurückgelangend, wo er seinen kriegskranken Jüngsten beerdigt hatte, fand sich daheim nicht nur seiner Stellung, Wohnung, jedes Vermögens und Besitzes beraubt, sondern auf seinem kleinen Landsitz bei der Hauptstadt, wo er den Sommer zu verbringen pflegte, der Mildtätigkeit seines Hausknechts überwiesen, dem das Häuschen nebst Zubehör und Acker zugesprochen worden war. Der Mann überließ ihm und den Seinen ein wenig Raum im Dachstock und mittags eine Kohlsuppe, wenn er ihm auf dem Acker geholfen hatte; tagsüber sammelte er mit seinen kleinen Enkeln Pilze und Beeren zur bessern Sättigung. Seine Frau kam nicht ganz darüber hinweg, daß sie die Bäuerin ihre Kleider auftragen sehen mußte, und über deren naive Freude daran. Aber bei allen Furchtbarkeiten jener Zeit war es dennoch nicht das, was aus den seltenen Briefstücken von dorther am stärksten, am bewegendsten sprach: es war die innere Tragweite der Umwälzung, die sich bis in den Menschen selber vollzog. Nicht als ob meinem Bruder (er mochte vorher ungefähr der sogenannten Kadetten-Partei angehört haben) seine Ansichten sich politisch umgestülpt hätten, aber wenn er erzählte, wie des Abends vor der Tür der Hausknecht und er gemeinsam auf der Bank säßen – ausruhend und die Umstürze der Welt betrachtend –, dann fühlte man nicht so sehr Herr und Diener ausgewechselt, hinab- und hinaufgeschleudert, sondern in beiden einen dritten Menschen zu Worte kommen, dem die gleiche Neuerung geschah. Wozu vielleicht der Bauer an spezifisch russischem Wesen beitrug, so daß mein Bruder anerkennend schrieb: »Was ist dieser Analphabet klug und freundlich.« Von dem, was hier durchschlug, konnte man nicht als von Ergebung auf der einen Seite sprechen oder auf der andern von jäh aufbrechendem Selbstbewußtsein: was beide Gestalten umzeichnete, war ihr Gestelltsein an den Rand einer Weltenwende als seien sie damit sich selbst entnommen ins Vereinfachte, Vergrößerte, das über beider Umriß dahinging und ihn weitete –.

Am ergreifendsten erschien aber, neben diesem Phänomen, daß auch der intime Zusammenschluß der Familienglieder erst zu seiner wesentlichsten Wirkung kam – jetzt, wo er im Begriff stand, in seinem bürgerlichen Sinn verabschiedet zu werden. Nicht nur, sofern die Drangsal dazu zwang, zusammenzurücken wie auf kleine Inseln inmitten der Brandung – während bis dahin auch wohl mal Streitigkeiten infolge einzelpersönlicher Absichten und Wünsche trennend gewirkt haben mochten wie überall. Nein: die innere Bedeutsamkeit der familiären Bindung, das Glück und die Wärme, die dort noch tröstete und stützte: die alte Poesie der Nicht-nur-Sachlichkeit kam dadurch, sterbend, noch zu einer Blüte, worin sich ihre Lebenskraft verstärkt ausgab. Wie in der entgegengesetzten Richtung zweifellos ebenfalls die ungeheure Aufwühlung plötzlich entfesselter Jugend zu gewaltigem Einfluß gelangte – neben den neuen Möglichkeiten des Sichgehenlassens und jeglicher Brutalität. –

Unserer alten Mutter wurde es erspart, wie den Umsturz so auch den Tod ihres Ältesten, ihres Beraters und Schützers zu erleben, der eine Weile nach Kriegsausbruch inmitten namenlos sorgender und hochpeitschender Vorausahnungen an Herzkrämpfen starb. Allein wohnend, doch von wohlgeratenen Kindern und Kindeskindern umgeben, verblieb sie noch im Glück. Ihr größter Kummer zuletzt war, daß wir Kinder ihr im hohen Alter eine Gesellschafterin aufhalsten, um sie gut behütet zu wissen – eine ihr liebe Verwandte allerdings, jedoch nicht so lieb, wie ihr das unbeeinträchtigte Alleinsein war. Trotz des Kreises ihrer Söhne und Enkel, der sie umgab, genoß sie doch sehr dies Alleinsein und blieb bis zuletzt wunderbar beschäftigt. Auch was sie las, entstammte selten dem Vorschlag anderer; so wurde ganz spät das Werk, das sie am heißesten mitriß, die Ilias.

Bei Bericht ihrer Jahre zwischen Achtzig und Neunzig kann ich nicht umhin, des großen Krieges und Sieges zu gedenken, den sie mir bei einem meiner Besuche zu Hause offenbarte: er galt der Zunichtemachung des Teufels, den sie, die streng Frommgläubige, sich genötigt sah, noch vor ihrem Lebensschluß endgültig abzuschaffen. Auf meinen wirklich bestürzten Einwand, ob sie sich nicht damit auch um den Lieben Gott bringen könnte, da bei ihm doch die Entscheidung läge, antwortete sie beruhigend und fast nachsichtig: »Das verstehst du nicht, Dem kann gar nichts was anhaben, überdies habe ich es jahrelang mit Ihm überlegt – natürlich bleibt Er, aber natürlich entläßt Er den Teufel.« Dabei leugnete sie nicht ganz die Ursache des späten und energischen Gesinnungswechsels: den Umstand, daß sie sich allmählich aller ihrer Kinder Unglauben und Teufelsverfallenheit eingestehen mußte, wenn auch meine Brüder – wie eine ritterliche Gebärde – noch gewisse Zeremonien mitzumachen pflegten um ihrer Frauen und eben um unserer Muschka willen. Bei alledem tat sie nie etwas, was sie in innere Zwiespältigkeit hätte bringen können: sichtlich folgte sie in jeglichem einem unmittelbaren Impuls, den sie danach erst überlegsam und gründlich zwischen sich selbst und den obwaltenden Umständen ins reine brachte. So ist auch dies eine wiederholte Erinnerung aus ihrem innern Frieden: wie sie morgens am Frühstückstisch dasitzen konnte mit einem Lächeln in ihren tiefblau gebliebenen Augen und, wenn wir argwöhnten, sie lache uns am Ende aus, es sich ergab, einem wie überaus freundlichen Traum sie noch nachlächle – bis das Scherzwort sich draus gebildet hatte: nach besonders wenig kurzweiligen Tagen (denn langweilende kannte sie sozusagen nicht) entschädige sich unsere Muschka an amüsanten Nächten. In den letzten Lebensjahren, wo sie zu vertauben anfing, konnte sie sich sogar daran noch vergnügen, wenn ähnlich schwerhörige Damen sie besucht und alle aneinander vorbeigeredet hatten; ganz herzlich lachend erzählte sie davon, wie jede von ihnen – sie mit dabei – die falschen Beantwortungen der andern jeweils vernommen, aber an der eigenen, ebenso falschen, sich nicht im mindesten habe stören lassen.

Neben Lektüre zog sie am stärksten die Beobachtung der Natur an. Die Sommerlichkeit durchlebte sie in heißer Freude, und noch im Spätherbst, von den Stadtfenstern aus, unterhielt sie sich wie mit Wesenheiten mit der Baumreihe einer Querstraße oder beobachtete den Wechsel in deren Beleuchtung. Ihre Wohnzimmer waren mit hohen, von ihr gepflegten Blattpflanzen vollgestellt, während sie Tiere nicht um sich haben mochte. Im hohen Alter aber wurde ihr aller Besitz zu viel – gleichsam eine Schmälerung ihres Mit-sich-allein-seins. Wie aller Dinge nahm sie sich mit großer Pflichttreue und Umsicht auch jedes Besitzstückes an, aber freute sich an jedem Stück auch, das sie an uns oder andere unauffällig loswerden konnte. Allmählich entwickelte sich dann die drollige Notwendigkeit, sie mit entsprechenden Stücken wieder zu beschenken, damit nicht Leere sie umstände. Mir erschien sie manchmal wie jemand, der sich befreit oder entschwingt und der den Zurückbleibenden noch sozusagen aus seiner Siebensachen Resterchen – Nesterchen bereitet; und es schien mir, als ließe sich aus solcher gröbern Hantierung etwas erraten von einer Grundeinstellung zu Leben und Tod überhaupt: als Gegensatz zu einem Gefühl des Beraubtwerdens durch den Tod ein Gefühl von überflüssigem Reichtum, da man schon im Begriff steht, von Notdurft nichts mehr zu fürchten.

Von meiner Mutter kann ich nicht aussagen, ohne dessen zu gedenken, was sie, trotz all ihrer Mißbilligung meines auswärtigen Mädchenlebens und meiner ihr widerstehenden Denkungsart, für mich geleistet hat. Enttäuschte diese Tochter sie dadurch schon, daß sie nicht als Sohn zur Welt gekommen war, so hätte sie doch nun mindestens einem Tochterideal der Mutter zustreben sollen – und tat so sehr das Gegenteil. Aber sogar während der Zeit, wo die Mutter am bittersten darunter litt, weil es am krassesten gegen die damaligen gesellschaftlichen Sitten verstieß, machte Muschka das still mit sich selber ab: unverbrüchlich zu mir haltend der Welt gegenüber; voller Gram, doch auch voll Vertrauen; den Anschein weckend, daß wir uns absolut verständen, denn dies schien ihr das Wichtigste, was zu tun war, um keine feindlichen Mißdeutungen gegen mich aufkommen zu lassen. Während ich meine wunderschönen Jugendjahre im Ausland verlebte, habe ich mir das keineswegs klargemacht: so still geschah all diese Mütterlichkeit, daß mir fast nur bewußt blieb, wie unbeirrbar tadelnd, aus tiefer Überzeugung gegnerisch, meine Mutter zu meiner Denk- und Lebensweise sich mir gegenüber aussprach. Egoistisch, wie ich gesinnt war, blieb ich so von Reue wie von Heimweh total verschont. Auf briefliche Andeutung, sie wünschte mich »unter die Haube« als Schutz, antwortete ich strahlend: mir behage es besser unter Paul Rées Hut. Erst nach meiner Verheiratung, nachdem meine Mutter zu langem Besuch zu uns gekommen war, kam all dies zwischen ihr und mir ganz zur Sprache. Es machte mich selber stutzig, und mit einem Blick auf ihren weißen Kopf dachte ich, ganz rührselig und altmodisch ergriffen: »Ist sie nicht um dich ergraut?« Aber eben »rühr selig«,: in einem großen Freudengefühl der dadurch hoch aufschießenden Liebe und Ehrfurcht, die ja nun, in unserm Beisammensein, den schönsten Anlaß zur Betätigung und zum Glück aneinander gewann. Jemand, der mich gut kannte und sich einmal von mir diesen Hergang erzählen ließ, sagte darauf voller Empörung: »Anstatt einer – wie sich's gehört hätte – heimweh- und reuekrank verpatzen Jugend nun auch noch vermehrte Befriedigung und Beglückung dadurch! Wenn das nicht moral insanity heißen muß – –.«

In der Tat wies es wohl einen der stärksten Gegensätze im Wesen meiner Mutter und mir auf: daß sie jederzeit von Pflichterfüllung und überzeugter Aufopferung ausging, aus einem – in irgendwelchem Sinn – heroischen Zug; vielleicht war es der männliche Einschlag in ihr, der sich dabei genug tat auf eine feine Weise und der damit gerade ihre Weiblichkeit, unwissentlich und unzwiespältig, ermöglichte. Für mich standen Kämpfe, auch wider mich selbst, nie vornean; auch in dem, was ich wünschte oder erwartete, kämpfte ich nicht um die Dinge allerersten Ranges: diese fanden mich eher nachgebend oder indolent – sie fielen dermaßen mit meiner Existenz, Existenzialität, äußerlich und innerlich, zusammen, daß Kämpfe gar nicht in Frage gekommen wären (dann eher noch ein Verhalten nach dem Verschen: »Die Welt, sie wird dich schlecht begaben, glaube mir's! Sofern du willst ein Leben haben: raube dir's!«). Denn mir schien immer: das Allerschönste und Allerwertvollste wird etwas nur, weil es Geschenk ist, nicht Erwerb – und weil es somit das zweite Geschenk gleich mit dazu bringt: sich dankbar fühlen zu dürfen. Und das wird denn wohl der Grund sein, warum ich, trotz allem kämpferischen Anschein, doch eine Tochter und kein Sohn hatte werden müssen.

Ich möchte aber hier hinzufügen den Dank an meine Eltern: indem deren Treue und Liebe – die gesamte Atmosphäre, die um sie war – diese vertrauende Sinnesart in mir großgezogen hat wie einen Geschenk glauben. Wie tief dergleichen in einem Menschen sitzen kann, im ältesten Erwachsenen noch und bei nüchternster Denkungsart, bestätigt eine kleine Anekdote aus meinem späten Erleben: Eines Morgens wanderte ich im Walde und fand unvermutet blauen Enzian, den ich gern einer erkrankten Bekannten mitgebracht hätte; ich war jedoch gleichzeitig so in bestimmten Gedanken, die ich auf diesem Morgengang hatte verarbeiten wollen, daß ich mir die Unterbrechung durch das mühsame Einsammeln ausredete. Als ich mich um eine Weile später heimwärts gewandt, erblickte ich mit Verblüffung den Strauß, reichlich und rund, in meiner Hand. Ich wußte doch gut noch, wie geflissentlich ich meine Blicke vom Boden gehoben hatte, um nicht zu pflücken. Bald hätte das Unerwartete mir wie ein Wunder vorkommen müssen. Das geschah jedoch ebensowenig, wie daß es ein Lachen über meine »Zerstreutheit« ausgelöst hätte. Sondern die erste Reaktion bestand darin, daß ich, in heller Freude, mich laut sagen hörte: »Danke!« –

Meine Mutter besuchte ich vom Ausland aus alle Jahre, oder längstens alle anderthalb Jahre. Ungeheuer lebendig steht vor mir der letzte Abschied von ihr vor ihrem sanften Tode. Ich reiste von Petersburg nach Nordfinnland, um von dort zu Schiff nach Stockholm weiterzufahren. Da der Zug schon bei Tagesgrauen abging, hatten wir uns spät in der Nacht endgültig Lebewohl gesagt. Als ich mich beim Fortgehen in der Frühe so leise wie möglich in den Hausflur schlich, stand meine Mutter plötzlich noch einmal vor mir: barfuß, im langen Nachtgewand, das schneeweiße Haar – das wie Kinderhaar etwas lockig abstand – offen und darunter die tiefblauen Augen groß geöffnet, diese klaren, durchschauenden Augen, von denen jemand einmal richtig sagte: es tat nicht gut, mit einem schlechten Gewissen unter ihren Blick zu geraten.

Sie sah aus, wie aus einem Traum gerufen, und sie selber wirkte wie ein Traum.

Kein Wort sprach sie zu mir. Sie schmiegte sich nur an mich. Von gleicher Größe mit mir, war sie – obschon schlank aufrecht geblieben – im hohen Alter um ein weniges kleiner im ganzen geworden, so daß ihr zarter Körper mit den schmalen Gelenken sich ganz einkuscheln konnte an mir.

Wann jemals aber hätte sie diese Gebärde gehabt? Es war, als höbe sie sie aus Verborgenstem herauf für diesen Augenblick. Oder als sei sie in spätesten Jahren erst heimlich gereift zu dieser Bewegung, zu einer letzten Süße, wie sie in einer Frucht sich sammelt, die genügend lange in der Sonne hing, ehe sie nun sinkt.

Und vielleicht durchfuhr uns in der Stille dieser freigegebenen zärtlichen Süße derselbe Gedanke, derselbe Schmerz, derselbe Herzstoß: »– O warum, warum – erst jetzt –!« Dies war das letzte Lebensgeschenk meiner Mutter an mich. Liebe Muschka.

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