Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lou Andreas-Salomé >

Lebensrückblick

Lou Andreas-Salomé: Lebensrückblick - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/salome/lebensru/lebensru.xml
typeautobiography
authorLou Andreas-Salomé
titleLebensrückblick
publisherInsel Verlag
volumeinsel taschenbuch 54
printrun1. Auflage
editorErnst Pfeiffer
year1974
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090221
projectid8380ab8e
Schließen

Navigation:

Vor dem Weltkrieg und seither

Im Spätherbst 1903 waren wir nach Göttingen übergesiedelt, wohin mein Mann als Iranist berufen worden war. Außer andern Wünschen erfüllte sich uns damit der nach vollkommnerer Ländlichkeit des Wohnens, denn das Oberhalb von Göttingen verhieß davon mehr als das Neben-Berlin. Wie durch ein kleines erlösendes Wunder im Märchen gerieten wir, auf schon halb verzweifelter Suche nach Stadtabgelegenem, auf der Rohnshöhe an unser Fachwerkhäuschen in altem Obstgarten. Damals umgab's noch soviel Einsamkeit, daß an des langen Gartens Endwinkel sogar einmal junge Füchslein auftauchten.

Diese Naturnähe wirkte auf mich jedesmal erneut wie eine Lebenserfüllung. Gleichviel, von wo ich im Laufe dreier Jahrzehnte hierher zurückkehrte: immer wieder schien die jeweilige Jahreszeit diesen Fleck Erde am vollsten, gesammeltesten zu umstehen, als ginge sie von ihm aus. Ich gewöhnte mich an ein wunderliches Verhalten: Nach jedem längern Verweilen anderswo pflegte ich bei frühmorgendlichen Wiedersehensgängen – sozusagen landschaftlich abzuschätzen, wie die inzwischen empfangenen Eindrücke sich ausnähmen neben alledem, was Busch und Baum inzwischen widerfahren war, – alledem, was seinen Frühling ausgestreut hatte oder seinen Herbst gefeiert: ewigen Wechsel in ewigem Gleichmaß; pflegte nachzuproben, ob und wieweit das menschenkompliziertere Erleben wohl standhalte vor dem, was so durchaus kein Wesen von sich macht und in seiner Allselbstverständlichkeit so wesenhaft sich begibt.

Im ersten Frühling nach unserer Übersiedlung unternahm ich, veranlaßt durch beeinträchtigte Gesundheit, eine Erholungsreise mit einem ärztlichen Freund. Gerade trat das Obst in Blüte: ein riesiger alter Birnbaum (erst voriges Jahr hat ihn der Sturm geborsten) drängte vor einem der Fenster meiner Arbeitsstube seine weiß überschütteten Zweige tief ins Zimmer hinein: fast Sünde erschien es, davon wegzugehen; ich erwog aber, daß es ja übers Jahr genauso frühlingsschön wiederkehren werde: und siehe da – im nächsten Jahr blieb der Baum grün. Er hatte sich zu reichlich ausgegeben und überschlug einen Mai; diese Erklärung verschlug aber nichts am nachdenklichen Eindruck auf mich.

Viele Fenster gegen das Außen; und dessen Sonne ins Haus hinein. Dabei waren meine beiden Stuben im Oberstock wie eine Laube, von breitästigen Linden umstanden, die gegen alle Blendung zum grünen Vorhang wurden, im Spätherbst aber, wenn erste Sturmstöße die Blätter davonstieben machten, mit der neuen Helle gleichsam tröstend alles überfluten ließen. Meine Wände, von mir tiefblaugrau stoffüberzogen, gerieten ins Verbleichen, ohne daß jedoch dies Schicksal den Grundton ins Unrecht gesetzt hätte; die schließliche Neutralität der Grundfarbe hielt sich nur um so selbstloser dem Buntwilligen russischer Bauernstickereien und ähnlichen historischen Erinnerungsstücken hin. Freilich: umhängen, ja auch nur umrücken, durfte man nichts: dahinter blickte es immer noch tiefblaugrau hervor und hielt treu fest, was gewesen. So blieb deshalb auch an der Hauptwand Heinrich Vogelers Liebesbild, das er mir selbst hingehängt und das eigentlich ein Rainerbild war. Aber auch jetzt noch bin ich nicht für die zu häufigen Änderungen in den Wohnräumen, als Anpassungen an die Stimmung oder an den Lauf der Zeiten. (Bei Rainer gerade ging das oft zu weit infolge unwillkürlicher Verwechslung des äußerlich der Stimmung Angepaßten mit innerlich Vorgenommenem – das sich dadurch irrtümlich einlullen ließ.) Rainer liebte meine Räume sehr, und nicht zum mindesten wegen jener tiefen, starken Farbflecke hinter Möbeln und Bildern, die wie verborgene Rückwege in Vergangenes bereit blieben: kleine Tore in Unvergängliches.

Die beiden großen Bärenfelle, die von Willy Brandts gefährlichen Jagden in Rußland stammten, beherrschten das Arbeitszimmer, umgeben von den simpelsten Bücherregalen aus Tannenholz. Mit dieser Bücherei aber ist es recht übel bestellt, und nicht erst, seitdem ich nach meines Mannes Tode in den Verkauf der seinen manches mithineingeworfen habe. Ich hatte (gut und richtig!) mich von vornherein jeglicher Neuanschaffung enthalten, um der so viel wichtigern Vermehrung von meines Mannes Bibliothek willen, die nicht nur Notwendigkeit, sondern für ihn intensives Glückserleben bedeutete. Den alten Grundstock zu meiner Bücherei aus Mädchentagen aber hatte ich in Rußland zurückgelassen: sowohl unsere großen Dichter, deutsche und russische, als auch Bücher, die ich zu meiner damaligen halb verheimlichten Studiererei gebraucht und teilweise noch mühsam und heimlich für geschenkten Schmuck erworben hatte, den ich dazu veräußerte (z. B. Spinoza). Doch ein Hauptgrund für die elende Verfassung meiner Bücherei ist der folgende arge: daß die Dicke oder Schwere der Bände mir beim Lesen in liegender Lage so hinderlich ist, daß ich sie am liebsten zerteilt las und nicht gern wieder neu binden ließ. Endlich auch habe ich jederzeit immer wieder verliehen und fortgegeben, insbesondere was mir am wertvollsten war, – und das hat einen etwas verrückten Spezialgrund, fürchte ich: eine Nichtachtung vor dem tausendfältig vervielfachten Papierexemplar als unpassendem zu seinem Inhalt; als müsse von Rechts wegen der Inhalt ein selbständig vor den Augen geisternder bleiben, ohne Bezug zum Papier.

In einer Erzählung (»Das Haus«) machte ich schon 1904 unser Häuschen zum Schauplatz von Begebenheiten, für die ich – mit Vertauschung von Lebensaltern, Geschicken und Beziehungen untereinander – lauter mir tief vertraute Menschen verwandte, auch Rainer als Knabengestalt zwischen glücklichem Elternpaar; mit seiner Zustimmung ward auch ein Brief an mich darin verwertet. Vorher aber schon, nahezu beendet noch in Schmargendorf, schrieb ich mir das Heimweh nach Rußland aus der Seele, – daraus ist »Ródinka« geworden, von dem ich gern gehabt hätte, daß es gelesen worden wäre, weil es von Russischem hatte erzählen dürfen; während mir sonst, was ich aufschrieb, nur oder fast nur um des Vorgangs selber, um des Prozesses willen wichtig war und irgendwie lebensnotwendig blieb. In einem Banksafe bewahrte ich meine Manuskript-Bibliothek auf und entnahm ihr lediglich aus dem »unedelsten« Motiv, nämlich aus schmählichen Geldgründen – und oft wie ungern! – ein verkäufliches Stück. Es sei denn, daß es sich um Aufsätze verschiedenster Art handelte, die ich, ohne sie zu sammeln, in alle Welt verstreut habe; ich schrieb sie, teils weil ihr Thema mir aktuell am Herzen gelegen, teils weil sie von vornherein durch wirtschaftliche Schwierigkeiten veranlaßt waren.

Hierbei will ich eine Wunderlichkeit verraten: Bei solchem begrifflichen Arbeiten empfand ich mich verstärkt als bei einem weiblichen Tun, dagegen bei allem, was in Dichterisches einschlägt, als bei einem männlichen; darum sind auch meistens die Frauengestalten von mir mit Augen des Mannes angeschaut. Der Grund für beides reicht noch aus dem Kindlich-jugendlichen herauf: denn in das Begriffliche, zu dem mein Freund mich erzog, ist die Liebe zu ihm weiblich einbezogen gewesen, wohingegen alles, was die Phantasie in Bewegung setzte, seinem Verbot unterlag und nur in männlich gerichteter Trotzeinstellung sich dem Gehorsam entziehen konnte. Es ist – wie nun mal menschliche Triebleistungen tief-unbewußt verwurzelt sind – kaum noch wunderlicher, daß diese Nachwirkungen tatsächlich erst in meinem recht weit vorgeschrittenen Alter – mit etwa 60 Jahren – geschwunden sind. –

In den Wintermonaten erlag ich mehrmals der starken Verlockung, sie in Berlin zu verbringen, veranlaßt durch Max Reinhardt, der mich einlud, seine Gründung der »Kammerspiele« in den Proben mitzuerleben. Mir ist das zu einem so starken Erlebnis geworden, daß sogar, was ich Sonstiges durch ihn empfing, die Beziehungen zum reichen Menschenkreis um ihn, dahinter zurücktrat, – und das will nicht wenig bedeuten.

Ich denke hierbei nicht an das Umstrittensein des Problems Reinhardt in Ruhm oder Tadel, auch nicht einmal an die Uraufführungen selber, sondern an seine Einzigkeit als Arbeitenden, – wie auch von ihm keine Tradition und Lehre ausgehen oder bleiben wird, sondern der Eindruck der Einzigkeit seines Schaffens (die persönlich so freigegeben war dadurch, daß Edmund Reinhardt für alles Geschäftliche allein verantwortete). Und da erschien es mir so: in dem Reinhardt, der träumt und Dichtung so passiv empfängt, wie der große Schauspieler es tut in der Aufnahme eines ihm übertragenen Kunstwerks, ist der eigentliche Geniepunkt eine ungeheure Aktualität, die dann daran durchbricht und sich der darstellenden Menschen bemächtigt. Als Schauspieler mit Schüchternheit kämpfend, im gesellschaftlichen Verkehr ebenfalls sich eher schüchtern verhaltend, hat Reinhardt arbeitend eine Hingerissenheit, die auch erst seine ungeheure Durchhaltekraft und Frische dabei erklärt: Traumwille und fast brutaler Gewaltwille einen sich darin ununterscheidbar zur Verwirklichung. Mir ist unter anderm am stärksten erinnerlich, wie selbst ein äußerster Moment der Brutalität nicht abstieß: Als Agnes Sorma in den »Gespenstern«, schluchzend und Schluchzen unterdrückend, ihres Sohnes Geständnis anhörte, ohne den Ton, den Reinhardt verlangte, ganz zu treffen, endete die Probe mit allgemeiner Ermüdung, und im Fortgehen packte die überanstrengte Frau ein Weinkrampf: wie da Reinhardt aufsprang, den Arm hochgestreckt, und begeistert rief: »der Ton – da ist er, der Ton!«, worauf der Weinkrampf »probend« heranmußte.

Mein Reinhardt-Eindruck blieb folgender: Während Dichtung sonst erst am Laut, den sie findet, vermittelbar wird, war es hier nicht selten, als würde sie dem Haupt eines Dichtenden enthoben, indem ihr der Vorgang der Arbeit an lebendigen Menschen im Machtwillen Ausdruck schuf. Traumelement und Willensmoment stießen darin zu expressiver Wirkung zusammen, ganz persönlich ausbrechend zur Sichtbarmachung des eben zu Schaffenden. Uraufführungen allein, auch die glänzendsten, vermögen keine genügende Ahnung davon aufkommen zu lassen – es sei denn unter den schauspielerisch Mitarbeitenden, die jedoch durch ihre Arbeit beansprucht sind. Jedenfalls will es viel sagen, wenn ich betone: selbst alles, was ich noch indirekt von Max Reinhardt empfing, die Eindrücke und Beziehungen durch den Menschenkreis um ihn (und wie Reiches wurde mir zuteil, gedenke ich allein der Namen Kayßler, Bassermann, Moissi, Gertrud Eysoldt!), tritt noch zurück hinter das Schauspiel, das er selber bot.

Damals erlebte ich auch das ganz Andre beim Durchzug von Stanislawskijs Truppe, die ich von Petersburg her kannte und die niemand feuriger genoß als Reinhardt. In ihr war gewissermaßen der Spielwart ersetzt durch den Gemeinschaftswillen, der alle diese Schauspieler aus gleichem Stande und von gleicher Bildung zueinander gesellt hatte, woran es bis vor kurzem beim Theater am meisten gefehlt. Die russische Wesensart verzehnfachte das noch: aber oft dachte ich, aus solchem Prinzip, solchen Zusammenschlüssen allein müsse eine tatsächliche neue Grundlage allen Theaters möglich werden – aus tiefem allgemein menschlichem Bedürfnis heraus; nicht nur Theater als künstlerische private Lustbarkeit. – Mit dem Künstlerisch-Technischen daran nahm es Stanislawskij) jedoch bitter ernst: »pro Darstellung etwa 100 Proben!« entschied er, und Reinhardt seufzte sehnsuchtsvoll: »wenn das erlaubt wär!« Daß ich unter den Russen manches darüber zu hören bekam, ergab sich mehrmals aus Einladungen, zugleich an Harden, der es meisterlich verstand, das russisch und französisch durcheinanderwirbelnde Gespräch Aller auf ihm besonders wichtige Punkte zu konzentrieren. Unsere Fußmärsche zu zweien, vom Russenhotel Unter-den-Linden bis in seine kleine Grunewaldvilla, waren prachtvolle Fortsetzungen dazu; damals verstanden wir uns jederzeit, erst im Weltkrieg entfremdete ich mich ihm, dem Publizisten, ganz.

Zwischen den Berliner Wintermonaten lagen vielfach Reisen; so nach Norwegen, Schweden und Dänemark – doch ohne ein Zusammentreffen mit Rainer bei seinem Aufenthalt dort im Sommer 1904, und zwar infolge einer unbegreiflichen Unbesonnenheit von mir. Ich wußte ihn in Südschweden bei Bekannten von Ellen Key, und auf der Durchreise in Kopenhagen hatte ich ihm eine Ansichtspostkarte aus meinem Hotel geschickt, die über meinem Zimmerfenster ein kleines Zeichen trug; als Rainer sie erhielt, war er vergeblich hinübergereist, mich dort zu suchen. Mit Ellen Key waren wir ungefähr gleich lange befreundet, und meine dritte Reise nach Paris – 1909 – machte ich gemeinsam mit ihr, zu einer Zeit, wo wir Rainer – damals Sekretär bei Rodin – dort antrafen. Ellen Key war mir menschlich so gut, daß sie sogar meine Abneigung wider ihre Bücher humoristisch ertrug, auch wenn sie mir drohte: »Du Ochs, dann komme ich nächstesmal nicht zu Dich nach Göttingen, sondern gehe gleich weiter per Fuß zu Italien.« Sie war so gern bei uns, wie auch ich bei ihr in Schweden in ihrer Behausung am Wettersee, einmal einen Spätsommer lang.

Ein zweites Mal verfehlten Rainer und ich uns unwissentlich um ein Kleines, nachdem er in Duino gelebt hatte und ich, als Reise-Abschluß vom Süden, in Sistiano ein Weilchen verbracht: wir malten uns später gern aus, wie das gewesen wäre, sich unvermutet auf frühmorgendlichem Gang am Meeresufer zu begegnen –. Weit wichtiger erschien aber der fast seltsame Tatbestand, daß, wie lang wir uns auch mal nicht gesehn, bei der erneuten Zusammenkunft – sei's bei uns oder bei ihm in München oder sonstwo – wir uns vorkamen wie in der Zwischenzeit gleichen Weges gewandert, gleichen Zielen angenähert, oder fast als ob insgeheimer, gar nicht stattgefundener Briefwechsel die Trennung in sich aufgehoben habe. Was sich auch an zufälligen Außengeschehnissen inzwischen ereignet hatte – der Punkt des Sichtreffens war immer ein gemeinsam erreichter, das persönliche Wiedersehn selbst nichts als eine Feier von eben diesem Umstand, der auch noch Sorgenvolles oder Düsteres in eine freie Heiterkeit hob.

Auch Spanien hab ich berührt, doch lange vor Rainer. Aber mich hatte beim Eintritt in San Stefano ein Stierkampf dermaßen vom ganzen Lande zurückgeschreckt, daß ich lieber im französischen Baskenlande (Saint Jean de Luz) verblieb. Mit den Jahren wurde ich nicht nur sehr reisefroh, sondern überhaupt für Eindrücke von außen sehr viel empfänglicher und zugänglicher, nichts blieb vorwiegend mehr Staffage (wie es sogar noch Rom gewesen) für inwendige Extrabegebnisse: ich öffnete mich ganz anders aller sachlichen Freude und Welteinsicht. Paul Rée, mit dem zusammen ich zuerst richtig frohsinnig geworden war, fand das alsbald in solcher Zunahme begriffen, daß er zu sagen pflegte:. in dem Tempo wird noch mal eine Uralte draus, die über alle Stränge schlägt. Wirklich setzte man später voraus, meine Jugend bereits sei derart gewesen, und auch dies ergab nicht nur einmal ein ergötzliches Mißverständnis: Im Kreis von allerlei Menschen und bei launiger Unterhaltung behauptete jemand vorlaut: er habe vor vielen Jahren bestimmt gehört, ich entschwände jeden Frühling und Herbst irgendwohin, von wo ich förmlich regeneriert zurückkehre. Ich antwortete ernst und vorwurfsvoll: solche falsche Beschuldigung solle er nur ja gründlich berichtigen und ihr entgegentreten, denn an die Jahreszeiten hätte ich mich nie gehalten.

Zu Genossen auf Reisen wählte ich nicht immer die nämlichen Freunde; Ländern und Völkern entsprachen auch nicht die gleichen Erlebnisweisen; und Wieder-Einkehr ins Zurückgezogene gehörte mir zum Bedürfnis. Gegenüber heutigen Ausflügen, die ungefähr Übersee noch mitzählen, beschrieb alles einen nur kleinen Europa-Ausschnitt; in dessen ferneren Westen hat es mich nie gezogen. Meine längste Reise südwärts ging durch Bosnien, die Herzegowina, Dalmatien, Bulgarien, Montenegro und Albanien ins Türkische über Skutari; was jetzt Jugoslawien heißt, überfiel mich durch seine Bewohner förmlich mit Erinnerungen – als sei der Russe aus seinen Knechtschaftsverhältnissen in Heiterkeit und Freiheit versetzt; die formale türkische Oberhoheit verschlug nichts dran, man war einander gut. Selten sah ich Holdseligeres als die hochwüchsigen dunkelblonden Frauen, stark unterschieden dadurch von den beleibtern und im Gang unbehilflichen Türkinnen (wenigstens noch den damaligen!); selten anmutsvollere Lumpenkinder: Bewegungen waren wie von uralter Tradition abgestimmt auf Schönheit. Das gesamte Gebärdenspiel hatte was davon: ob Reiter auf ungesattelten Pferden in ihrer Tracht von den Hängen herniedersprengten oder ob Leute still an den Gewässern hockten (sie konnten dabei ebensowohl ihrer Waschung obliegen wie ihren Gebeten: ihr Gebaren hatte noch Gehaltenheit und Form für beides einheitlich). Mehrmals kamen wir an einem hochbetagten Bettler vorbei, der, ins Gras gehockt, trotz der bettelnd ausgestreckten Hand einem leutseligen greisen Fürsten glich, so daß es gar nicht erstaunte, als beim nächsten Mal die andere Hand eine Zigarettendose in blauer Emaillierung hervorzog, uns daraus anzubieten.

Zweifellos gab sich alles noch orientalischer als in Rußland, noch unberührter urtümlich: nach Jahr und Tag durchsprachen Rainer und ich diese Eindrücke so lebhaft, als wären auch sie eine gemeinsame Erinnerung gewesen. Auch was Rainer in Rußlands religiösem Leben so gebannt hatte, schien hier in noch allgemeingültigerer Ausformung alles zu prägen: wenn man so will mechanischer, aber gerade durch das Alter, die »Verknöcherung«, wirksamer; ohne den Anspruch, daß man ähnliche Überzeugungen hege. Schon im russischen Gottesdienst, noch mehr im armenischen, ist dies Erstarrtere das Wirksame, es hält dem Fremden gleichsam wie eine Silberschale ohne Inhalt sich hin, daß er seine eigene Andacht hineinlege. Ähnlich ist es mit dem Islamitischen, wodurch es sich dort mit den griechisch-katholischen Riten in der Stimmung gut zusammentut. Wenn man beim Betreten der Moschee sich nur des Schuhwerks zu entledigen hat, um in das fromme Schweigen der Beter hineinzugehören, die auf den schönen Teppichen des Raumes lautlos dastehn oder hocken, dann wird man unwiderstehlich zur eigenen Einkehr gesammelt.

Ich entsinne mich des ersten Eindrucks einer Nacht dort, der mich von der Art solcher Andacht etwas ahnen ließ. Unsere Fenster standen offen in den Tumult enger Straßengänge, worin der Lärm von Händlern, Fuhrwerken, schreienden Eseln und sonstigem Treiben sich hemmungslos überbot, – da geschah urplötzlich ein Augenblick so jäher Stille wie ein Atem-Anhalten des Weltalls, man erlag der Täuschung, als würde er von der Natur selber geteilt – noch bis in das Verstummen der schreienden Esel: vom Minarett der Moschee, das wie ein hochweisender Finger ins Nachtwerden sich streckte, erscholl der Ruf des Muezzin »Allah Akbar«. So aus dem Herzen aller Kreatur gestiegen, die sich fürchtet, die sich sehnt, hallt dieser Ruf an der Grenzscheide von Licht und Dunkel, daß man sich gar nicht erst bei einem darunter gebreiteten Denk-Inhalt aufhält, während man mit einstimmt in die Andacht Aller; ebenso, wenn nachts, ehe der Morgen graut, der gleiche Aufruf in die schlafenden Sinne fällt wie eine Verkündung des Lebens, das Aufgang ist und Untergang.

Meine letzte Reise – 1911 – galt St. Petersburg und Schweden; von Stockholm fuhr ich auf der Heimreise mit einem dortigen Psychotherapeuten gemeinsam nach Weimar, wo im September der Freud-Kongreß tagte. Ein Jahr darauf war ich bereits in Wien, und seither unternahm ich keine Reisen mehr, die nicht mit Professor Freud oder mit Rainer zusammenhingen oder die beruflicher Natur waren. –

Nachdem der Weltkrieg diese Jahre arglosen Besuches verschiedener Völker und Länder für immer gegen alles Spätere abgegrenzt hat, erscheinen sie dem Rückblick mit ihrer beglückenden und vertrauenden Ineinandergehörigkeit von Fremdem und Eigenem wie ein Lebensabschnitt für sich – nur noch Erinnerung geworden und nur noch betrachtbar aus der Entfernung dessen, worin man in den letzten fünfzehn Jahren, seit 1914, selber zu einem andern Menschen geworden ist.

An Stelle des mannigfachen Austausches mit alten und neuen Bekanntschaften schlossen Gleichgesinnte sich von Jahr zu Jahr enger aneinander. In Wien, im damals ziffernmäßig noch kleinen Kreis um Freud, fand ich mich aufgenommen in eine Gemeinschaft, die mir ihres Zieles wegen vorkam wie Verschwisterung. Für mich lag darin manches, was ähnlich wohltuend wirkte wie unser Kreis um Paul Rée: ja sogar wie Wiederkehr jener Selbstverständlichkeit, womit ich zwischen meinen Brüdern stand – trotz unserer Verschiedenartigkeit doch von gleichen Eltern stammend. Man hatte sich, und sei's aus fernsten Weltteilen, fremdesten Ländern, gleichgesinnt gefunden.

Die meisten von ihnen zogen in den Krieg. Professor Freud, der alle drei Söhne nebst einem Schwiegersohn im Felde hatte, schrieb mir einmal, anspielend auf meine gute Meinung von Mannsleuten überhaupt: »was sagen Sie nun von Brüdern?! Und können selbst Sie, mit Ihrem frohgemuten Vertrauen, hiernach noch jemals wieder ganz fröhlich sein?« Zerrissen zwischen den streitenden Völkern, in ganz tiefer Vereinsamung mit mir selber im Streit, vermochte ich nur zu antworten: Nein.

Krieg als Männersache und Männerart: wie nahe legte das die Erwägung, daß es anders um die Welt stände, würden in dieser Hinsicht Frauen sie befehligen; – wie oft wird das immer wieder, im Sträuben gegen das menschlich Unabänderliche, erträumt und erwogen: denn glaubt man sie nicht mit Augen zu sehen, gleich einem ungeheuren Denkmal an allen Landesgrenzen zwischen den streitenden Völkern sich auftürmend: die Gestalt der Mutter-Dulderin, gebeugt über jeden Gefallenen, über der Mutter Sohn? Und doch bleibt es ja ein Augenfehler, dies Unsichtbare in solche Deutung und Verdeutlichung zu heben. Es ist nicht so, wie es scheinen möchte. Denn das Mütterliche, aus dessen Leiblichkeit das Menschengeschlecht ersteht, – es ist nicht nur ewige Erduldung dessen, was jedem seiner Söhne geschieht, – es ist um nichts minder auch ewige Wiederholung dessen, was jedem von ihnen lebenbedrohend zustieß. Mutter-sein ist notwendig leidenschaftlichste Parteinahme der Liebe wie des Hasses – Unbelehrbarkeit der Intoleranz und der Vernichtungswut, sobald es um das geht, was sie zum Dasein gebar, was sie aus sich nur entließ als dennoch unveräußerlichen Teil ihrer selbst. Muttererbteil bildet jeglichem Geborenen die Kraft seiner Hingabe wie die seiner Brutalität ein, die unerbittliche Eingrenzung in seinesgleichen.

Fühlt doch jeder ganz persönlich, ob noch so ernstliches Friedensverlangen ihm innewohnen mag, daß es volles Leben nicht gibt ohne Kampfbereitschaft, ohne Zorn und Abwehr wider alles Bedrohende. Deshalb trifft prinzipiellen Pazifismus, auch ehrlichsten oder hochgesinntesten, nie ganz zu Unrecht der Verdacht der Kaltsinnigkeit; denn wo ein derart bereinigtes Destillat von Vernunftdenken und Gefühlszucht sich durchsetzen konnte, da fehlt es an der leidenschaftlichen Parteinahme, die sich mit dem angegriffenen Gegenstande identisch nimmt.

Bleibt doch darum auch nur ein scheinbarer Unterschied hierin zwischen den rohern, wildern Zeitaltern und den zivilisiertern, kulturstolzen, die einerseits noch gewitztere Waffen und Mordmittel zu beschaffen verstehen, anderseits aber zugleich moralisch beflissen sind, die dem Feinde beigebrachten Wunden zu pflegen und zu heilen. Führen wir ja doch Kriege, weil wir schon Krieg in uns selber sind: im eigenen Wesen angesiedelt auf zweierlei Ebenen, wie man sie sich entgegengesetzter, sich den Raum streitigmachender kaum vorstellen kann: betätigt Menschentum sich doch in Triebwerk und Denkwerk so zwiefach, wie wenn es nicht derselben Person unabänderlich anhafte. Nur daß, je weiter hinauf-kultiviert, eine dritte Möglichkeit sich einstellt: beides miteinander in gutes Vertragen zu schieben (in einer ähnlichen Gesinnung etwa, wie Feindschaftsbeilegungen nach Völkerkriegen sie zeitigen), wenn es auch immer wieder jeweils überrannt wird. Zu solcher Kulturmethodik greifen wir, um uns nicht vollends in uns selber zu zerkriegen. So wächst freilich daraus eine Art immer unwillkürlicher Maskierung an uns fest, verhehlend und beirrend – und nicht nur nach außen vors Gesicht, sondern auch nach innen gekehrt, hinter dem Antlitz, der eigenen Seele zugekehrt – wie es naiverm Menschentum, unbeholfenerm, triebursprünglicherm Verstand es kaum geschehen kann. Aber in stärkster Gegensätzlichkeit dazu lassen solche Zeiten auch Urtümlicheres zum Erlebnis kommen, reißen den Menschen bis auf eine urvergangene Schicht auf – tiefer als sonstige Schicksale es vermögen. Aus dem, was aus dem Krieg Heimgekehrte nach Jahr und Tag noch davon erzählten, entnahm man es als ergreifende Kunde von nie Gekanntem. Was unter »Kameradschaft«, Genossenschaft zusammengefaßt wurde, in der Gleichheit der Erfahrungen, weit noch hinausreichend über Befreundung oder Familie, ließ ineinanderwachsen zu einer Totalität, einer Daselbigkeit, wie wenn wiedererstehe, worin Menschen vor aller Gliederung zum Einzelbewußtsein geeint und stark sind. So entnahm man ja auch den Schilderungen ungekannten Zusammenhangs mit der Natur aus so Kriegserzähltem etwas, was wie ein Neues dastand neben dem sonst allein maßgebenden Verhalten, das auf Praktisches oder Ästhetisierendes oder Sentiment-gerichtetes hinauslief.

Man sollte nach derlei Berichten geradezu glauben, es müsse sich dieses Neuwerden unter dem schlechterdings Zermalmenden und Umformenden der »Schicksalsmächte über Freund wie Feind« noch ablesen lassen in dem Vergleich mit den kriegsverschont gebliebenen Völkern, die – wie in Friedenszeiten auch wir – dergleichen nur überliefert bekamen wie eine von fern betrachtete Anekdote. Denn zweifellos enthalten abgrundtiefe Erfahrungen dessen, was Wirklichkeit des Grauenvollen ist, einen ungeheuren menschlichen Wert, da Menschen, Menschen, Menschen sie aus ihrer eigenen Wesenheit erfuhren: Durch den Wegfall jeder Erlaubnis, sich was über sich selber zu verhehlen, erlebt ein Mensch erst das wirkliche Leben. –

Das Dutzend Jahre nach dem Weltkrieg setzte den Krieg, trotz aller Bemühungen und Mittel ihn zu enden, unentwegt fort. Für mich war schon vor dem offiziellen Ende die russische Revolution zu einem endgültigen Getrenntbleiben von meiner Familie und Geburtsheimat geworden! Dort konnte, was an Umwälzung geschah, sich auch weiter nur behaupten durch Revolutionsgewalt.

Während Kriegs- und Nachkriegszeit nahm mehr und mehr meine Betätigung innerhalb der Freudschen Tiefenpsychologie die volle Breite meines persönlichen Lebens ein, sowohl als Forschung wie als Heilmethodik.

Nichts gibt es, was kriegsmäßiger vor sich ginge, als das rückhaltlose Aufdecken all des Streitsüchtigen in uns bis an unsere Seelenfundamente. Nichts gibt es, was so bis hinter allen Kriegszustand brächte – auf einen Fußbreit Raum von Mensch zu Mensch am Rande des Friedens, – wie das gemeinsame Betreten von unser aller seelischer Grundbasis.

Was geschah denn da –? Nur dies, daß ein Fremder eintrat in das Zimmer, ohne Liebe noch Haß empfangen, sachlich eingestellt in diese Arbeit – und doch zu Überwältigenderm, als sich außerhalb der lebendigen Mitarbeit sagen ließe.

Die Jahre gingen hin, die Reihen der Zeitgenossen lichteten sich durchs Alter, wie der Krieg die Reihen der jungen gelichtet hatte, – der fremde Mensch blieb.

In den letzten Tagen von 1926 starb Rainer; am 4. Oktober 1930 mein Mann. Bald daraufsuchte ich, karg und schlecht, seinen Wesensumriß nachzuzeichnen – wobei ich nur an die nächsten seiner Schüler und Freunde dachte. Deshalb isolierte ich es später als Anhang zu dem, was im Jahr darauf, und immer drängender, sich mir selber erzählt hat an eigenen unberechenbaren Lebens erinnerungen: an jenen menschlichen Wiederholungen des Vergehenden, die wohl nicht zufällig erst im Alter uns ganz einholen, als bedürften sie langen Weges dazu, um das für uns Unvergängliche an ihnen uns darzutun.

Abgesehen davon, ist das personale Einzelerleben nicht gar so wichtig wie wir es gern nehmen: an welchem Stück Dasein es uns zufiel, das Dasein in Glücken und Schmerzen auszuproben. Kann doch der geringste, scheinbar belangloseste seiner Inhalte Unerschöpfliches weisen, kann doch auch am glanzvollsten, erfolgreichsten das Gesamtbild nicht umhin, unsern menschlichen Augen unerkannt zu bleiben.

Denn ihnen bleibt es ein Vexierbild: hält es doch uns selber mit-eingezeichnet in sein offenes Geheimnis.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.