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Lebenslauf eines Optimisten

Ludwig Ganghofer: Lebenslauf eines Optimisten - Kapitel 6
Quellenangabe
typebiography
authorLudwig Ganghofer
titleLebenslauf eines Optimisten
publisherVerlag Adolf Bonz & Comp.
printrun41. Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070806
projectid25f0998b
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V.

In den Wochen, die nun folgten, war ich rasend fleißig, um den verdrossenen Benefiziaten wieder heiter zu stimmen. Ich weiß nicht, ob mir das gelungen wäre. Doch es kam mir da ein Ereignis zu Hilfe, das für dreitausend Menschen in den sieben Dörfern des Holzwinkels ein unbändiges Gelächter brachte und auch den Benefiziaten lustig herausriß aus seiner stillen Trauer um die mißhandelten Kirchenväter.

Diese Geschichte, die heimlich als zärtlicher Liebestraum in zwei jungen Herzen begann, endete unter Mitleidenschaft von hundert Menschen mit der derben Komik einer schwer zu erzählenden Volksgroteske.

Neben jenem geisterscheuchenden Freunde unserer dicken Stallmagd von einst und neben dem zitherkundigen Harlander hatte mein Vater noch einen dritten Forstgehilfen, einen jungen, schmucken Menschen, welcher Xaver hieß und den Spitznamen ›das stille Wässerle‹ bekam. Der ging nach fröhlichem Einstand immer so wunderlich verträumt herum, war selten zu sehen und redete wenig. Was Geheimnis seiner Schwermut wurde schließlich eine landkundige Sache. Er hatte sich über Hals und Ohren in eine reiche Wirtstochter aus einem zwei Stunden von Welden entfernten Dorfe verliebt; aber nicht um ihres Geldes willen. Seine Erkorene hieß Babettle und war ein schlankes, frisches und bildhübsches Mädel mit rosigem Madonnengesicht und herzlieben, nußbraunen Augen; auch ein bißchen eitel war sie und liebte es, sich zierlich nach städtischer Art zu kleiden; besonders gerne trug sie jene gestärkten, mit Spitzen besetzten Batistkrawatten, die man ›Bärblen‹ nannte. Dieses feine Mädel verdrehte nicht nur dem Xaver, sondern noch vielen anderen den Kopf. Auch mir fiel ein heißes Fünklein in das zehnjährige Knabenherz – und bei einem Ausflug, den ich mit den Eltern nach dem ›Wirtshaus zum zuckrigen Mädele‹ unternahm, machte ich den Versuch, diese niedliche Schönheit zu besingen. Meine erste lyrische Dichtung! Aber sie blieb Fragment. Denn ich fand nur diesen einzigen Reim:

»Babettle, Babettle,
Mit deim nette Krawättle ...«

Der Vers wurde im Holzwinkel populär, und das Babettle hörte ihn so oft zitieren, daß sie die weißgestärkten ›Bärblen‹ nimmer tragen mochte. Jetzt ging sie mit bloßem Halse – und da war sie noch viel hübscher, und der Xaver wurde noch viel schwermütiger, obwohl er beim Babettle alle anderen Bewerber ausstach und freundliche Gegenliebe fand. Das war eine Liebe, bei der um so weniger herausschaute, je tiefer der Xaver dem Babettle in die glänzenden Augen hineinguckte. Die zwei jungen Leutchen hätten einander gerne geheiratet. Aber der neugebackene Forstgehilfe konnte nicht darauf rechnen, daß ihm die Regierung den Konsens zur Heirat erteilen würde; und die Eltern des Mädels, die das Wirtshaus ihrem großgewachsenen Sohn übergeben wollten, wünschten für die Tochter was Besseres zu finden als einen ›hungrigen Forschtner‹. So wurde, was zwischen Xaver und Babettle spielte, ein Glück mit Trauer und Tränen. Man schwatzte viel von der Sache, die Leute nahmen Partei, und Babettle und Xaver wurden als Liebespaar im Holzwinkel so berühmt, wie Romeo und Julia in aller Welt.

Hier aber siegte weder die Liebe noch der Tod. Babettles Eltern setzten ihren Willen durch und verlobten das Mädel, das Wohl auch keinen sonderlich tapferen Widerstand geleistet hatte, mit einem wohlsituierten Bauernsohn, der ein frecher Kerl und ein hochmütiger Lümmel war. Jetzt, nach der Entscheidung, nahm alle Welt im Holzwinkel einstimmig Partei für den verstörten Xaver, der mit dem Gedanken umging, sich aus Liebeskummer totzuschießen. Man mußte ihn bei Tag und Nacht bewachen.

Babettles Bräutigam, der seinen Triumph vor allen Leuten feiern wollte, ließ eine ›große Hochzeit‹ rüsten, lud hundert Mahlgäste ein – und um seinen Sieg recht gründlich auszukosten, schickte er den Hochzeitslader zu allen Forstgehilfen, Praktikanten und Eleven – und auch zum Xaver. Diese offensichtliche Verhöhnung eines in Liebe trauernden Herzens hatte böse Folgen. Die jungen Forstleute betrachteten die Sache als einen Schimpf gegen die grüne Farbe, beschlossen, sich zu rächen, und suchten nach einem Mittel, um diese hochmütige Hochzeit in einen brüllenden Spott zu verwandeln, unter allen Mitteln, die dazu helfen konnten, fanden sie das allerschrecklichste.

Meinem Vater fiel es auf, daß seine Forstgehilfen und Eleven in dieser Zeit die Fuchsjagd mit besonderem Eifer betrieben. Einen Fuchs um den anderen brachten sie heim. Innerhalb zweier Wochen erlegten sie vierunddreißig Füchse. Darüber freute sich mein Vater um seiner Hasen und Rehe willen. Von der Verschwörung, die da mitspielte, hatte er keine Ahnung.

Dann kam der Hochzeitstag, und weil man eine blutige Prügelei befürchtete, war die Gendarmerie sieben Mann hoch aufgeboten. Doch die vierzehn jungen Forstleute in ihren grauen und grünen Uniformen erschienen manierlich und mit dem Anschein aller Friedfertigkeit zum Feste. Auch Xaver kam, ein bißchen blaß, aber sonst ganz ruhig. Daß ihn die schöne Braut in ihrer Verlegenheit gar nicht bemerken wollte, das erleichterte ihm seine Haltung – und was er kommen sah, schien seinen Liebeskummer schon halb geheilt zu haben.

Nach der Trauung wanderte der festliche Zug hinter den dudelnden Trompeten und Klarinetten, unter Böllergekrach und Flintenschüssen nach dem geschmückten Wirtshaus und über die steile Treppe hinauf in den Tafelsaal, an dessen reichgedeckten Tischen die hundertzwanzig Gäste so enge sitzen mußten, wie die gepöckelten Heringe zu liegen pflegen. Die bedienenden Mägde mußten sich beim Umtragen der Schüsseln mühsam zwischen den Stuhllehnen hindurchzwängen; war eine für diese Schlangenarbeit zu dick, dann gab's allerlei Scherze und viel Gelächter.

Das erste Gericht war die festübliche schwäbische Spätzlessuppe. Dazu trank man süßen Wein. Und der Bräutigam sprach in seiner triumphierenden Freude dem Glase fleißig zu, prostete die Forstleute und den Xaver an, jauchzte und jodelte und war der stolze Held dieser schmatzenden Stunde seines Glückes. Nach dem zweiten Gange, der, wie gebräuchlich, das ›saure Voressen‹ brachte, hielt der Pfarrer seinen Tafelspruch und ließ das Brautpaar leben. Im Tanzsaal ein Trompetentusch, der die Ohren sausen machte. Und drunten im Wirtsgarten krachten die Böller.

Einer von den Verschworenen soll bei diesem Pulverdonner gesagt haben: »Da herinne weard's au bald krache!« Diesen Scherz begriffen die Mahlgäste nicht; aber die Forstleute verstanden ihn. Sie lachten. Und alle stießen sie freundlich und unter wohlwollenden Segenswünschen mit dem Brautpaar an. Nur der Xaver hielt sich ferne, war blaß und schweigsam.

Nun kam als drittes Gericht, das ›Eahreschüssele‹, das bei keiner schwäbischen Hochzeit jener Zeit zu fehlen pflegte. Auf einer solchen Hochzeit gab es immer zweierlei Gäste: die Tanzleute, die erst nach Schluß der Tafel erschienen und ihr hüpfendes Vergnügen gratis hatten – und die feierlich geladenen Mahlgäste, die ihren Anteil an der Tafel mit schweren Kronentalern bezahlen mußten. Doch jeder Gast konnte da seinen Besitz nach Belieben dokumentieren und seine ›Eahr‹ und Würde nach Gutdünken einschätzen. Auf einer großen Zinnplatte wurde eine schöngeschnitzte Holzschüssel mit süßem Milchreis herumgereicht; dieser Brei war fingerdick mit Zimt bestreut – und die braune Zimtkruste war dicht gespickt mit großen Himbeeren aus rotem Zuckerguß. Für jede Himbeere, die ein Gast herausfischte, mußte er einen Kronentaler auf die Zinnplatte werfen. Dabei protzten die Leute gerne. Was ein großer Bauer war, der fischte seine zehn Himbeeren und einen festen Löffel voll Zimt. Und dieses ›Eahreschüssele‹ wurde nach strenger Etikette herumgereicht. Zuerst nahm der Pfarrer – gewöhnlich nur eine Himbeere, aber viel Zimt und Reis – dann nahmen die Eltern des Brautpaares, dann Bräutigam und Braut, die nächsten Anverwandten, der Bürgermeister, die großen Steuerzahler, die kleinen Bauern, dann die Beamten, die Gendarmen und zuletzt der Lehrer und der Hochzeitslader, der die Kasse revidieren und em gereimtes Sprüchlein aufsagen mußte. So war's auch auf der Hochzeit des schönen Babettle – und bei dem mancherlei Hin und Her, das die Ehrenschüssel machen mußte, fiel es nicht auf, daß die Forstleute wohl ihren Kronentaler auf die Zinnplatte warfen, aber den spärlich genommenen Zimtreis mit der Himbeere auf ihrem Teller liegen ließen. Auch gab's gerade am Tisch der Hochzeitsleute einen Zwischenfall, der viel Aufsehen erregte und Spott und Gelächter weckte. Denn als die Braut das Löffelchen mit der ersten Himbeere zum Mäulchen heben wollte, stand plötzlich aufgeregt und blaß der Xaver mit seinem Glas an ihrer Seite, um auf ihr Wohl zu trinken. Dabei benahm er sich so wunderlich und täppisch ungeschickt, daß er Babettles Teller mit dem Zimtreis vom Tisch hinunter auf den Boden warf. Lustiges Gejohle und allerlei Stichelreden über den abgedankten Liebhaber. Der wütende Hochzeiter fischte, damit seine Braut beim Ehrengerichte nicht zu kurz käme, flink ein paar Löffel voll Zimtreis und Zuckerbeeren für sein Babettle auf einen frischen Teller heraus und wurde grob gegen Xaver. Auch ein paar von den Forstleuten schienen sich über Xavers Benehmen zu ärgern, warfen ihm heftige Worte zu und verließen ihre Mahlplätze. Und Xaver sah das schmausende Babettle traurig an – und weil er doch den Teller mit dem Zimtreis nicht ein zweitesmal vom Tisch hinunterwerfen, auch seine Kameraden nicht verklatschen konnte, ging er mit schwülem Seufzer stumm davon.

Nun muß ich das schon halb verratene Geheimnis der Verschworenen völlig entschleiern. Beim Lohnkutscher, der alles für die Hochzeit Nötige aus der Stadt zu liefern hatte, war der Zimt in der großen Blechbüchse heimlich gegen was anderes vertauscht worden. Und Fuchsleber, die man in der Sonne dörrt und dann zerpulvert, sieht genau so aus wie Zimt – und ist ein rapid und grauenvoll wirkendes Erleichterungsmittel. Vielleicht hatten die Verschworenen der Fuchsnatur auch noch ein bißchen nachgeholfen.

Denn kaum war das »Jahreschüssele« um den letzten Tisch herumgegangen – kaum hatte der Hochzeitslader die Mahlkasse revidiert und seinen Spruch begonnen:

Ȁlle sein mer guete Zahler!
's feahlt mer bloß e wunzigs Bissele,
Und druihundert Kroanetaler
Liege drin im Kochzetsschüssele – «

da wurde plötzlich der Herr Pfarrer kreidebleich, sprang vom Sessel auf, zog die schwarzen Rockschöße nervös auseinander und steuerte dem Tanzboden zu, so flink, als er zwischen den enggereihten Stühlen nur durchzukommen vermochte. Die Musikanten im Tanzsaal, die just die Reste der Ehrenschüssel verspeisten, fingen fidel zu lachen an, als sie den geistlichen Herrn so angstvoll laufen und im Korridor verschwinden sahen. Inzwischen brach an der Hochzeitstafel die Katastrophe wie der Anfang einer Lawine los. Zuerst bekam der Vater des Bräutigams die weiße Mauerfarbe und mußte springen. Dann fiel das bleichmachende Unglück die beiden Mütter des Brautpaares an. Die anderen lachten und wußten noch immer nicht recht, wie sie daran waren – und brüllten vor Vergnügen, als der Bräutigam, der den langen Umweg durch die engen Sesselreihen nicht mehr wagte, gleich einem Irrsinnigen über den Hochzeitstisch hinübersprang. Er war leichenblaß, fand so himmelschreiende Flüche, wie sie sonst nur der Förster Regenbogen von Emmersacker zu finden wußte, machte Sprünge wie ein aus der Falle befreiter Löwe und erreichte trotz aller Geschwindigkeit die Türe viel zu spät. Während er mit allen Anzeichen hochgradiger Übligkeit gegen die Mauer taumelte, hörte er draußen im Korridor die Stimme seiner verzweifelten Mutter kreischen: »Jöises! Herr Pfarr! O jöises Maaarja! So tean S' doch 's Tüerle aufriegle!«

Der Bräutigam in seinem Elend schien jetzt den Zusammenhang der Dinge zu erraten. Trotz seiner schlotterigen Verfassung machte er wütend den Versuch, den Xaver oder sonst einen von den jungen Forstleuten beim Kragen zu erwischen – und dann hätte es wohl Blut und Mord gegeben, da auch die Gendarmen bereits in ihrer Amtswürde irritiert erschienen. Doch die vierzehn Verschworenen waren vom Hochzeitsfeste verschwunden.

Und das arme, halbschuldige Babettle! Das sich vom barmherzigen Xaver nicht hatte warnen lassen! Zitternd stand es mit Rosmarin und Myrtenschmuck in einer Fensternische, wagte sich aus irgendwelchen Gründen nicht mehr vom Fleck zu rühren und schrie dem sakramentierenden Bräutigam unter Tränen zu: »Jetz hascht es! Gell, jetz hascht es!«

Die katastrophale Lawine rollte streng nach der Etikette weiter. Nach dem Brautpaar erfaßte sie die großen Steuerzahler; dann kamen die kleineren Bauern an die Reihe, die Gendarmen wurden bleich, zuletzt erblaßten der Lehrer und der Hochzeitslader und zu allerletzt die Musikanten, die das »Eahreschüssele« sauber ausgelöffelt hatten. Auf dem Tanzboden und draußen im dunklen Korridor staute sich die hilfesuchende Menge – der bedrängte Pfarrer hatte noch immer nicht »aufgeriegelt« – ein ohrenbetäubendes Geschrei erhob sich im ungeduldigen Belagerungsheere, alle Gesetze der guten Erziehung begannen sich zu lösen, es gab ein fürchterliches Gedränge und auch sonst noch mancherlei Dinge, die schrecklich waren. Die Weibsleute bekamen Ursache, ihre Kleider wie beim Menuett zu schürzen und auf den Fußspitzen zu gehen – wenn ein Bauer seinen Hut verlor, dann hob er ihn nicht mehr auf – und die steile Treppe, auf der sich die Flüchtenden und Festgewurzelten stießen, verwandelte sich in eine Kaskade der menschlichen Verzweiflung.

Draußen vor dem Wirtshaus standen die Ungeladenen mit schadenfrohem Halloh und endlosem Gelächter und guckten zu, wie Hof und Garten sich in allen Winkeln mit den Flüchtlingen des gestörten Mahles bevölkerten, und wie die Dienstleute des Wirtes immer wieder mit großen Schäffern zum Brunnen liefen, um rettendes Wasser zu holen. Doch keine Wasserflut war groß genug, um dieses Unheil fortzuschwemmen. Alles, was Hochzeitsfreude hieß, war zunichte gemacht, den ganzen Nachmittag wurden die blassen Ehrengäste auf dem Laufenden erhalten, und als es Abend wurde, konnten die Musikanten dem Hochzeitspärchen nach ländlicher Sitte nicht zum Heimweg blasen. Denn der Bräutigam mußte flink vorausspringen, und von den Trompetern und Klarinettisten mußte einer nach dem anderen in den Stauden des Wegrandes zurückbleiben. Auch die Nacht bescherte den bewegten Seelen keinen Frieden. In allen Bauerngehöften sah man unter den ruhigen Sternen der Finsternis die trüben Laternen des irdischen Lebens ruhelos hin- und hergaukeln zwischen den Haustüren und jenen kleinen Nebengebäuden, die nach dörflicher Sitte hinter dem Stall zu stehen pflegen.

Durch viele Wochen hatten die dreitausend Menschen in den sieben Dörfern des Holzwinkels was Ausgiebiges zu lachen. Kein Wunder, daß auch der gekränkte Benefiziat seiner ausgezackten Kirchenväter vergaß und wieder lustig wurde. Aber die jungen Forstleute – die den Spitznamen ›die vierzehn Nothelfer‹ bekamen – mußten die Augen fleißig offen halten und hatten gefährliche Zeiten. Der Xaver war von seinem Liebesleid kuriert. Aber das Babettle und ihr Angetrauter konnten sich dieses tausendstimmigen Gelächters nimmer erwehren, verkauften ihr Bauerngut und verzogen sich in eine entfernte Gegend. Hinter den beiden blieb – wie nach dem ›Hornberger Schießen‹ – ein Sprichwort im Holzwinkel zurück. Wenn es irgendwo eine recht üble und unsaubere Wirtschaft gab, dann pflegte man zu sagen: »Da geaht's ja zue wie auf'm nette Krawättle seiner Hochzet!«

In die Zeit dieses großen Lachens fiel für mich zehnjährigen Jungen ein wunderlicher Todesschreck. Eine schwerkranke Schwester meines Vaters, mit der die Ärzte in der Stadt nichts mehr anzufangen wußten, war zu uns aufs Land herausgekommen und wohnte im Oberstock des Benefiziatenhauses. Damals suchte man sterbende Menschen noch mit Schröpfköpfen und Blutegeln im Leben festzuhalten. Bei solch einem unsinnigen Aderlaß wurde die Kranke vom Starrkrampf befallen. So lag sie viele Tage, stumm und starr und weiß, mit geschlossenen Augen und weit offenem Munde. Ich begriff das nicht: wie man so ruhig liegen konnte und leben, ohne was zu essen und zu trinken. Während die Kranke im Starrkrampf unmerklich atmete, wurden ihr immer die Lippen trocken; und da mußte man alle paar Stunden mit einem Ölpinselchen ihren Mund befeuchten. Ich hatte mir's erbeten, der armen Tante am Tage diesen Samariterdienst erweisen zu dürfen. Und als ich wieder einmal pinselte, tat die Tante plötzlich einen merkwürdigen Schluckser, öffnete die weißen Augen und schloß den grauen Mund. Mir fuhr ein jäher Schreck bis ins innerste Blut. Ich rannte aus der Stube, sprang die Treppe hinunter und schrie in meiner wirbelnden Verstörtheit: »Herr Ben'ziat, Herr Ben'ziat, mir scheint, die Tant will ebbes z'esse hawe!« Das war eine falsche Vermutung. Die Tante hatte keinen Hunger mehr. Weil sie tot war.

Da fällt mir nun gleich eine andere gruselige Sache ein. Der Waldaufseher Mayerfels – der Erfinder des Gleichnisses vom ausgerissenen Schenkel – erschien eines Abends in meines Vaters Kanzlei, mauerbleich und an allen Gliedern zitternd: er hätte im Mühlgehau den leibhaftigen Teufel gesehen, am hellen Tage, kohlrabenschwarz, mit glühenden Augen und großen schwarzen Hörnern. Papa sagte: »Mayerfels! Sie Kamel! Oder sind Sie besoffen?« Aber der zitternde Mensch war völlig nüchtern und beschwor die Wahrheit seiner ›dienstlichen Meldung‹ mit allen Eiden. Am andern Morgen klärte sich die Sache auf. Der Teufel, den der Mayerfels gesehen hatte, war ein von der Drehkrankheit befallener Gemsbock, der sich vom fernen Hochgebirge hundertfünfzig Kilometer weit bis in den schwäbischen Holzwinkel heruntergedreht hatte. Wäre er dem Mayerfels nicht erschienen und hätte ihn mein Vater nicht erschossen, so wäre der Gemsbock mit seiner Drehkrankheit vielleicht bis nach Berlin gekommen. Und auf dem Kreuzberg hätten die Berliner eine Gemsjagd halten können.

In das letzte Jahr meiner Schulzeit im Dorfe fallen meine ersten politischen Erinnerungen. Da wurde an den Konsumvereinsabenden viel über Krieg und Frieden debattiert, und mit Begeisterung sang man:

»Schleswig-Holstein, meerumschlungen ...«

Auch erinnere ich mich, daß der Vater die Stunde nie erwarten konnte, in der ihm der Postbote die Augsburger Abendzeitung brachte. Manchmal mußte ich dem Postboten halbwegs bis Zusmarshausen entgegenlaufen, damit der Vater die Zeitung schneller bekam. Und wenn der Vater diese Zeitung las, schlug er zuweilen mit der Faust auf den Tisch und sagte: »Es ist doch unglaublich ...« Im übrigen bekamen wir Schulkinder vom deutsch-dänischen Kriege nur einen alten, auf einem hölzernen Beine wackelnden Invaliden zu sehen, gegen den wir den Verdacht hegten, daß er den Krieg gar nicht mitgemacht hätte. Jedes Kind mußte einen Kreuzer mit in die Schule bringen; dann spielte der Invalide auf einer Drehorgel und zeigte ›illuminierte Bilder‹ vom Kriegsschauplatze. Eines dieser Bilder hielt er gegen die Sonne, und da sahen wir die rotglühenden Bogenlinien der Bomben und das mit gelbem Papier unterlegte Spritzfeuer der platzenden Granaten. Das war ›die Erstürmung der Düppler Schanzen‹. Diese kriegerische Sache war sehr langweilig. Die Kriege, die wir Buben im Dorfe führten, waren viel interessanter und wichtiger.

Einen tiefen Eindruck verursachte mir die Nachricht von der Erkrankung unseres Königs. Man erzählte: König Max wäre vom Rotlauf befallen, und nun würden im ganzen Lande Bayern alle Turteltauben gesammelt und nach München in das Krankenzimmer des Königs gebracht, weil die Turteltauben den Rotlauf ›anziehen‹ – die Tauben müßten davon sterben, aber der König würde gesund. Ich hatte damals neben einer zahmen Elster und einem hinkenden Nußhäher auch ein Turteltaubenpärchen. Und da wartete ich Tag für Tag in wachsender Ungeduld, ob die Abgesandten des Königs nicht kommen würden, um meine Tauben zu holen. Doch niemand kam, und ich faßte den Entschluß, dem kranken König meine Tauben durch die Post zu schicken. Begann auch gleich den Reisekäfig zu zimmern. Aber bevor ich ihn fertigbringen konnte, kam die Nachricht, daß der König gestorben wäre. Ich machte mir bittere Vorwürfe, weil ich die Turteltauben nicht gleich geschickt hatte. Denn meine Tauben hätten den guten König doch sicher gerettet!

Ich erinnere mich noch der schwarzen Fahne, die vom Kirchturm lang herunterhing – und sehe noch, wie Mama dem Vater einen schwarzen Flor über die Goldstickereien der Uniform nähte und um den Griff des Hirschfängers wand – und höre noch, wie die großen Glocken durch viele Stunden geläutet wurden. Auf der Gasse standen die Bauern in Gruppen beisammen, hatten ernste Gesichter und sprachen leis.

Dann eines Tages zeigte die Mutter mir und meinem Brüderchen das Bild eines schönen Jünglings mit dunklen träumerischen Augen – und sagte: »Schauet, Kinderle, das ischt unser neuer König! Ach Gottele, was muß doch der für ein liebes Mannsbild sein!«

Bald besaßen alle Frauen und Mädchen im Dorfe das schöne Bild. Und alle schwärmten sie für den jungen König. Im Album meiner Mutter hatte dieses Bild den ersten Platz. Ich glaubte was Besseres zu sein als die anderen Jungen, weil ich Ludwig hieß wie der neue König. Und in den letzten Tagen vor meiner Reise zur Lateinschule war unter meinen Trostwünschen auch dieser eine: daß ich neben den Bildern von Vater und Mutter ein Bild des schönen jungen Königs in die Fremde mitbekäme. Die Mutter erfüllte mir diesen Wunsch, und das wurde späterhin die Ursache meiner ersten schweren Rauferei im Seminar.

Ungefähr anderthalb Jahre vor meiner Reise war meine Schwester Ida zur Welt gekommen. Nun wußte ich schon, daß ein Kind unter dem Herzen seiner Mutter wächst. Und dennoch fiel mir auch jetzt wieder, wie vor der Geburt meines Bruders, an Mamas verändertem Aussehen nicht das geringste auf. Das Kind war plötzlich da, wie am Morgen ein Ei im Hühnernest liegt. Und von diesem Familienereignis blieb mir nur das eine in Erinnerung, daß Papa immer lachte, daß ich beim Taufgang dabei war, daß ich beim Schmaus einen kleinen Schwips bekam, und daß ich mich riesig über das neue Schwesterlein freute. Es war ein winziges, feines, zartes Dingelchen, dessen Köpflein wie ein kleiner rosiger Apfel im Wickelkissen lag. Und das Kind wog so wenig, daß ich auf meinen zehnjährigen Armen kaum ein Gewicht verspürte, wenn ich mein Schwesterchen stundenlang in der Sonne herumschleppte.

Bevor ich das Elternhaus verlassen mußte, wollte die Mutter ›uns alle noch schön beisammen‹ haben. Man schrieb nach Ottobeuern, daß meine Schwester Berta für ein paar Wochen in die Ferien heimkommen sollte. Aber der Großvater antwortete: »'s Bertele kann ich nicht hergeben. Die brauch' ich notwendig. Die muß meiner Frau die Gall' aufriegeln. Wenn meine Frau nicht allweil ein bissele geärgert wird, so ist sie nicht recht gesund.«

Und dann kamen schwere Tage und schwüle, unruhige Nächte. Der stete Gedanke an den nahen Abschied setzte mir so übel zu, daß ich elend aussah, obwohl mich die Mutter in dieser ›Henkerszeit‹ mit all meinen Lieblingsspeisen fütterte. Papa war gleichmäßig ruhig, und Mama, die sich beherrschen wollte, war lustiger und scherzhafter als sonst. Aber wie es ihr ums Herz war, das merkte ich, wenn sie mich schweigend ansah. Eines Abends, als sie beim Spinnrad saß, umklammerte ich ihren Hals. Sie preßte mich fest an sich und sagte wie mit ersticktem Schrei: »Ach, Kindle, wie wird man dich aus der Fremd wieder heimschicken zu mir!« Und dann mußte ich ihr ›bei Gottes Lieb und Barmherzigkeit‹ versprechen: brav zu bleiben und kein schlechter Mensch zu werden. Ich habe diesen Schwur nur halb gehalten. Denn ich blieb nicht, was man ›brav‹ zu nennen pflegt. Aber ich glaube doch, daß ich kein schlechter Mensch wurde. Einen ganz neuen Koffer bekam ich, mit meinen Namensbuchstaben auf dem Teckel und mit meiner Seminaristenziffer: Elf! Die Mutter nannte das, wenn sie lachen konnte, meine ›Sträflingszahl‹. Doch während sie diesen Koffer packte und die schöne neue Wäsche, die im halben Dutzend mit blauweißen Litzen zusammengebunden war, so Päcklein um Päcklein mit Sorgfalt hineinlegte, fiel eine glitzernde Perle um die andere in die tiefe Kiste hinunter. Innen am Kofferdeckel befestigte die Mutter einen Weißen Karton, auf welchem Papa mit seiner festen Handschrift Stück um Stück die ganze Habe verzeichnet hatte, die ich mitbekam. Und die Mutter sagte: »Schau, Bubele, da hast du jetzt alles schön und sauber in Ordnung! Jetzt tu mir halt auch ein bissele drauf Obacht geben, auf das teure Sach! Und denk halt allweil: da hat dein Mutterle viel Tag und Nacht dran nähe müsse! Gell?« Ich sagte: »Ja!« Aber ach, du lieber Gott! Wie sahen die ›teuren Sachen‹ nach einem Vierteljahr schon aus!

Während der letzten Tage gab mir die Mutter Nähstunden, damit ich mir selber richtig helfen könnte, wenn ein Knopf abgesprungen, ein Knopfloch ausgefranst oder ein Strumpf zerrissen wäre. In den Koffer kam eine Nähschachtel, die alle zur Kur einer leidenden Wäsche nötigen Dinge nett und zierlich enthielt. Was ich in Mutters Nähstunde profitierte, das nützte ich später, um einem Professor die Ärmel seines Winterrockes so drahtfest zu vernähen, daß man die Naht mit dem Messer kaum aufzuschneiden vermochte.

Am Abend nach dem Essen gab's immer eine lange Lehrstunde für mein Verhalten in der Fremde. Was der Vater predigte, läßt sich in zwanzig Worte zusammenfassen: was Tüchtiges lernen, fleißig sein, aufrichtig und ehrlich, sich ordentlich waschen, nie eine Lüge sagen und lieber eins hinter die Ohren kriegen, als sich von einer Strafe losschwindeln durch ein erlogenes Wort! Auch mußte ich immer hören, welch eine kostbare und rare Sache das Geld wäre. Der Vater legte mir ein ›Ausgabenheftle‹ an, mit einem sauber geschriebenen Lehrbeispiel, wie man das bescheidene Taschengeld als Einnahme zu registrieren und dann alle Ausgaben bis auf den Kreuzer zu buchen hätte. Während des ersten Monats in der Fremde machte ich die Sache auch ganz genau so, wie mir's der Vater gewiesen hatte, im zweiten Monat rundete ich ab, und im dritten Monat hatte das ›Ausgabenheftle‹ seine ungestörte Ruhe. In meinem späteren Leben Hab' ich noch mehrmals den Versuch gemacht, mich an regelrechte Buchführung zu gewöhnen. Es ist mir nie gelungen.

Unter den guten Lehren meiner Mutter lautete das Grundgebot: »Denk allweil heim! Schreib, so oft du Zeit hast! Und vergiß das Beten nie! Bei Gott ischt Hilf für jeden Kummer. Man muß nur mit dem Herzen reden, net bloß mit dem Mäule plappere! Und sei beim Essen allweil mäßig! Daß du gesund bleibst! Und wird im Seminar der Tisch ein bissele knapp, so denk dir halt: es ischt schon oft ein Säckle zubunden worden und ischt net voll gewesen!« Nach jedem Ratschlag machte mir die Mutter auch immer wieder Mut. Wie schön das wäre, die Welt zu sehen! Und was für ein lustiges Leben das werden würde, hundert fidele Studentlein unter einem einzigen Dach! »Sei nur immer gut und freundlich mit allen!« Diesem Rat der Mutter gab Papa den Nachsatz: »Aber laß dir auch kein Unrecht gefallen!«

Es dauerte eine ganze Woche, bis ich überall Abschied genommen hatte – Abschied von den Honoratioren und Kameraden, Abschied von allen Türen des Torfes, vom Malerhause und vom Vatikan des Heiligen Vaters, Abschied von all meinen Lieblingsplätzen, von der Muckelsbruck und vom Theklaberge, von den Bachkätzelesstauden an der Laugna und von meinem Wald, in dem die Buchenblätter wie tausend goldfarbene Kerzen zu leuchten begannen. Und Abend für Abend stand ich stundenlang an meinem Mansardenfenster und guckte mit umflorten Augen zu den Sternen hinauf – im bangen Herzen den verstörten Gedanken: ob die Sterne in der Fremde wohl auch so goldschön leuchten würden, wie über Haus und Garten meiner Mutter?

Am letzten Tage waren die drei Getreuen – Alfons, Muckl und Domini – meiner Mutter Gäste vom Morgen bis zum Abend. Wir tobten durch Hof und Garten und schrien dazu, daß wir das Echo unserer Stimmen herüberklingen hörten vom Theklaberge und vom hohen Schwarzbrunner Wald. Unsere zwei zahmen Rehe, die gackernde Elster, mein Nußhäher ›Hinkefüeßle‹, die beiden Teckel, der Hühnerhund und wir vier vor Schmerz und Freude trunkenen Jungen – das sprang und flatterte, rannte und kollerte in ruhelosem Wirbel durch die Wiese hin und her. Der Tag war so schön, daß wir trotz der späten Jahreszeit im Garten Mittag halten konnten. Da wurde neben dem lodernden Wachtfeuer ein richtiges Indianerlager aufgeschlagen. Aber die Mutter zog den stolzen Apachen die Kappen über die Köpfe und band ihnen warme Schlipse um die verschwitzten Hälse. Nach dem Schmause, bei dem wir ›Ränzlein wie die Kürbisse‹ bekamen, ging das Tollen wieder los. Zuerst ein ›Jagdzug‹ in den Wald, wobei wir freilich nur Brombeeren zur Strecke brachten und tintenschwarze Mäuler bekamen. Dann wurden, wieder daheim im Garten, noch ein letztesmal alle Herrlichkeiten unserer Knabenjahre durchgerast. Der Drache stieg nicht, weil kein Wind wehte. Aber die Flitschpfeile flogen, die Ballesterbolzen knallten am Scheunentor, die flachen Kieselsteine flogen übers Hausdach – ein Fenster ging in Scherben, und die Mutter lachte dazu – wir rangen nach Athletenart mit nackten Oberkörpern, hielten Wettlauf, zankten um den Sieg, walkten und prügelten uns im Grase, alles in schönster Freundschaft, und zum ›Veschberbrötle‹ schüttelten wir die letzten ›beinah reifen‹ Äpfel und Birnen von den Spalierbäumen. Der Knalleffekt des Tages kam bei Anbruch der Dämmerung. Papa, der sonst seinen Gewehrkasten fest verschlossen hielt, gab uns, ein ganzes Pfund' Pulver und überwachte selber die Anfertigung des ›Speiteufels‹. Das mit Wasser angefeuchtete Pulver wurde im Mörser zu dickem Brei zerrieben, Kohlenstaub und Eisenfeilspäne wurden beigemischt, und in den Fuß des kegelförmig aufgebauten ›Speituifele‹ wurde ein ›Kanonenschlag‹ eingebettet. Wir konnten vor Ungeduld nicht warten, bis es völlig dunkel wurde. Der Himmel war noch rot, als wir Feuer an den Zunder legten. Mit grillendem Geschrei begrüßten wir das Aufbrennen des zischenden Funkensprudels. Aber plötzlich wurden wir still und guckten schweigend in die aufsprühende Feuergarbe, neben deren Glanz der blaue Abend wie schwarze Nacht erschien. Immer kleiner wurde der schwarze Kegel, von dem die strahlende Funkenfontäne hinaufsprang in die Nacht. Dann riß der explodierende Kanonenschlag die letzten Feuerflocken auseinander – und finster war's – nur auf dem Boden glühten die ausgestreuten Funken noch. Und droben am Himmel begannen die Sterne zu flimmern.

Die Mutter legte den Arm um meinen Hals. »So, Kinderle! Jetzt isch es gnueg! Jetzt tuet einander Adjeh sage!«

Wir waren nicht traurig und nicht gerührt, nur ein bißchen wortarm. Jeder von den Dreien sagte das Gleiche: »Gell, tue fein bald wieder hoimkomme!« Ich antwortete: »Freili, jaa! Weischt, an Oschtere!«

Der Vater trat durch den ganzen Hof hin die glimmenden Funken aus.

Und als die Drei schon lange davongegangen waren, mußte ich plötzlich hinüberspringen zur Gartenhöhe und mit aller Kraft der zehnjährigen Lunge unseren Bundesruf hinausbrüllen in die kühle Nacht: »Hoihulladuuuuh!«

Drei Stimmen antworteten, eine von der Kirche her, eine von den schwarzen Wiesen herüber, eine vom Bach herauf.

Dann kam's noch wie eine feine, zarte Stimme vom Theklaberg herunter und vom hohen Schwarzbrunner Walde: »Duuu!« Es klang, als hätten auch Wald und Berg mir noch ein zärtliches Wort zum Abschied sagen wollen.

Als ich das Echo aus dem Walde hörte, mußte ich an den verloren gegangenen Schatz denken. – Ob ihn wohl einer noch einmal heben wird? –

Eine stille Mahlzeit in der kleinen lieben Stube, in der die Nelken und Geranien auf den Fenstergesimsen blühten, das Spinnrad in der dunklen Fensternische stand und die Schwarzblättchen und Grasmücken beim Sprunge leis in ihren Käfigen klippten.

Dann kamen der lustige Benefiziat, der Lehrer Gsell, Herr Pfarrer Hartmann und das Fräule Luis. Alle brachten mir was mit – die gute dicke Pfarrersköchin hatte mir ein kleines ›Geldbeutele‹ gehäkelt, in dem ein Kronentaler als Viatikum lag. Es wurde heiter um den Tisch. Mein Ben'ziat hielt eine lateinische Rede, die gewiß sehr lustig war, weil Papa und der Pfarrer immer lachten – ich selber verstand nur die beiden letzten Worte: » Prosit, Ludowitschele« Nun erzählte der Pfarrer aus seinen ersten Studentenjahren allerlei lustige Schnurren. Doch als der Lehrer mit seinem ›Dudelschächtele‹ wieder einmal das Liedchen vom schwanzlosen Kätzle sang, fielen mir vor Müdigkeit die Augen zu.

Ich weiß nimmer, wie ich ins Bett kam. Und ich hatte schon fest geschlafen, als ich plötzlich wach wurde und in der Finsternis zwei heiße Hände an meinen Wangen fühlte.

»Mutterle?«

»Ja, Kind! Und komm, heut bete mer nochmal miteinander!«

Nach dem Amen küßte sie mich in der Dunkelheit auf beide Augen, deckte mich sorglich zu und ging aus der Stube. Ich weinte, bis ich einschlief.

Vom anderen Morgen ist mir ein wirres Bild geblieben. Ich weiß nur noch, daß wir in der milden Septembersonne auf der Altane frühstückten; daß ich bei meinen zwei Geschwisterchen im Kleinkindleszimmerle war; daß die Köchin Ottil und die magere Stallmagd ein komisches Geschrei erhoben, als die Kutsche kam und der Koffer mit der Ziffer Elf verladen werden mußte; und daß ich, als ich mit Papa schon im Wagen saß, verstört die Mutter suchte, die nimmer zu sehen war. Sie hatte sich den Abschied schwer gemacht, um ihn mir zu erleichtern.

Die Kutsche rollte über die sonnige Straße hinaus. Obwohl mir das Bild des Hauses und des Gartens wie unter Wasser flimmerte, sah ich doch die Mutter auf der Altane stehen. Ich wollte aus dem Wagen springen. Aber der Vater hielt mich fest. Und als ich vernünftig wurde, sprach er ruhig und ernst mit mir während der ganzen dreistündigen Fahrt bis Augsburg. Nun stellte ich auch zum erstenmal die Frage: warum ich denn nicht in Augsburg studieren dürfte? Da wär's doch so nahe bis heim! Ich merkte, daß es dem Vater schwer wurde, mir das zu sagen: es wäre für ihn bei seinem mageren Beamtengehalte kein leichtes Stück, vier Kinder gut erziehen zu lassen; drum käme ich nach Neuburg in das reiche Seminar: dort könnte ich einen Freiplatz bekommen, wenn ich fleißig wäre. Ich klammerte mich an Vaters Arm und fragte nicht weiter.

In Augsburg kaufte der Vater noch mancherlei für mich, und am Abend nahm er mich mit ins Theater. Aber davon weiß ich nichts Rechtes mehr – weiß nur noch, daß wir im Gasthaus zum Weißen Lamm übernachteten. Am Morgen, als ich mich fertig machte, fand ich auf meinem Hut fünf rote Nelken. Die Mutter hatte sie mir hinter den Hut gesteckt – und ich sah sie erst jetzt. Rote Nelken waren die Lieblingsblumen meiner Mutter. Es sind auch die meinigen.

Wir fuhren zum Bahnhof. Der Lärm, die Menschenmenge, dieses Dampfen, Sausen und Pfeifen – das machte mich ganz verdreht. Und ich verstand nicht, was der Vater sagte, als er mich einem großen, langen Studenten übergab, dem Sohn eines Forstmeisters. Papa selber brachte im Coupé mein Ränzlein und meinen Regenschirm unter – nahm mich fest in seine Arme – und dann waren elf Studenten mit mir in dem engen Raum, und der Vater war nimmer da. Der Boden des Wagens fing zu brummen und zu wackeln an. Ich wollte Papa noch einmal sehen, ich schrie, aber die Elfe drängten sich Kopf über Kopf so dick ums Fenster, daß für mich kein Ausguck blieb.

Ich bekam meinen Platz in der Mitte des Wagens. Vor den Fenstern, bei denen die größten Studenten saßen, liefen die Felder und Wälder spazieren. Nach einer Weile wurde mir so übel, daß es immer ums Magenumdrehen herging, Und immer kugelten mir die Tränen um den Mund. Die anderen machten Witze über mich – aus Ärger und Scham vergaß ich die Üblichkeit, verfiel in einen gereizten Übermut und trieb so tolles Zeug, daß die Elfe immer was zu lachen hatten. Auch grob wurde ich. Einer hatte mir die fünf roten Nelken vom Hütlein heruntergerissen. Dem sprang ich zornig an den Hals, und er mußte mir die Blumen wieder geben. Während ich die Nelken in meiner Brusttasche verwahrte, gab mir der andere eine ›Kopfnuß‹ und sagte: »Was sich so ein Homo novus erfrecht!« Es wäre zu einer Rauferei gekommen; aber der lange Forstmeisterssohn stiftete Frieden und setzte mir auseinander, daß ich als Homo novus bescheiden sein und das Vorrecht der älteren Klassen respektieren müßte.

Unter den Jungen im Dorfe war ich immer der erste gewesen. Nun sollte ich plötzlich unter vielen der letzte sein. Diese res nova begann mir sehr zu mißfallen. Und in Donauwörth, wo an die sechzig Studenten mit Geschrei aus den Eisenbahnwagen herauskrabbelten, mußte ich bei der lärmenden Abfütterung, obwohl ich doch sicher den größten Hunger hatte, richtig so lange warten, bis alle die anderen schon in die Knödel bissen. Das Essen schmeckte mir nimmer. Ein Gefühl namenloser Vereinsamung begann mich zu quälen. Ich sah nichts von der Stadt, nichts von diesem neuen Stück Erde – dachte nur immer heim. Und in meinem erschrockenen Herzen schrie unablässig eine Stimme: Mutter, Vater! Mein Welden! Mein Wald!

Eine lange Reihe gelber Omnibusse. Die Postillone mit blauen Fräcken und blinkenden Hörnern. In den ›Marterkästen‹ waren alle guten Plätze schon besetzt. Mich schubbsten sie ganz zu hinterst in einen Winkel. Und als ich klagte, daß mir übel würde und daß ich Luft haben müßte – hieß es: »Der homo novus soll das Maul halte! Und wenn er speit, wird er nausgeschmisse.«

Ich merkte aber bald, daß diese ›höherklassigen Menschen‹ viel gefährlicher redeten, als sie in Wirklichkeit waren. Und mit dem Speien kam es anders.

Bei der Losfahrt bliesen die acht oder zehn Postillone zusammen das gleiche Stücklein. Das war ein schöner lustiger Klang. Und mir wurde gleich wieder ein bißchen wohler ums Herz. Die Sieben, die mit mir zusammen im Omnibus waren, fingen zu singen an. Sie sangen Lieder, die ich nicht kannte. Eins war darunter, bei dem jede Strophe mit den zwei Worten endete: Ergo bibamus! Da wollte ich zeigen, daß ich schon ein bißchen Latein verstünde. Und sagte: » Ergo bibamus, das ischt doch falsch, bibamus ischt Plural, mit dem das Subjekt übereinschtimme mueß, und drum mueß es heiße: Ergines bibamus!« Die Sieben lachten fürchterlich. Und da bekam ich meinen ersten Spitznamen: Ergines! In dem Städtchen Rain, wo die Postpferde gefüttert wurden, begannen viele Studenten zu rauchen und mit schrecklichem Durst zu trinken. Im Omnibus gab's dann üble Folgen. Immer wieder mußte einer aussteigen oder den Kopf zum Fenster hinausstrecken. In der Gegend zwischen Rain und Neuburg roch es nicht gut. Und als es Abend wurde, war ich in unserem Omnibus der einzige, dem nicht übel geworden.

In der Dunkelheit fuhren wir an einer endlos langen Mauer vorüber, über die man viele und große Baumgruppen emporsteigen sah. Das war der Seminargarten. Ein Garten wie ein Wald! Und die Freude schoß mir heiß in die Stirne.

Die Omnibusse holperten über grobes Pflaster, an Laternenpfählen und enggereihten Häusern vorüber. Dann kam ein mächtiger Bau mit großen, schwervergitterten Fenstern. Und ein riesiges Tor. Auf der Schwelle stand ein altes, freundliches Männchen mit einer Laterne: der Seminarpförtner. Gewirr und Geschrei, kräftige Kehlen und bange Stimmchen – und hinter den sechzig Studenten und ihren Koffern fielen die schweren Torflügel zu.

Die Weisheit hatte mich an ihre Brüste genommen. Das war eine kalte Zärtlichkeit – eine Milch, die man nicht gerne sog. Die Eindrücke des ersten Abends sind wie huschende Bilder in mir. Ein langer Präfekt in schwarzem Rock; große, gewölbte Korridore, auf deren Steinfliesen die Schritte hallten; eine breite Treppe; der weite Studiersaal der Lateinschüler, mit den dreizehn Pulten, jedes zu vier Plätzen; hinter dem Studiersaal der Kastenflur mit den zweiundfünfzig Schränken, unter denen ich die Nummer Elf bekam. Der Koffer mußte gleich geleert, Kasten und Pult gleich eingeräumt werden. Die homines novi guckten einander mißtrauisch und sehnsüchtig an. Die älteren Seminaristen lärmten und fuhren Tür aus und ein. Hundertundzwölfe unter dem gleichen Dach! Eine Mahlzeit, bei der ich keinen Bissen hinunterbrachte – ich konnte nicht schlucken, nicht reden. Das gemeinsame Nachtgebet, bei dem die Hundertzwölfe, unter denen ich der Jüngste war, im großen Studiersaal der Gymnasiasten Schulter an Schulter und mit geduckten Köpfen auf den Knien lagen. Dann der »Schlafsaal I« im zweiten Stocke; vierzig Betten; zwischen je zwei Betten ein hölzerner Sessel, um die Kleider draufzulegen; in der Mitte des Raumes der ungeheure Waschtisch, vierzig Krüge und zinnerne Becher im Kreise – und der große, mit Kupfer ausgeschlagene Trichter des Waschtisches funkelte unter der Nachtlampe. Ein paar Minuten, und die vierzig Jungen lagen in ihren Nestern, die hölzernen Bettgestelle knarrten, die Matratzen raschelten. Kichern und Geflüster, hier und dort ein leises Weinen – dann die Stille, ein schweres oder leichtes Atmen.

Ich zitterte an allen Gliedern. Und niemals in meinen Kinderjahren Hab' ich mit solcher Inbrunst gebetet, wie zu Anbruch dieser Nacht. Während ich, schwitzend, mit Kopf und Haaren unter der Decke lag, wurde in der Finsternis vor meinen Augen alles Verlorene lebendig und hell: mein Wald, mein Welden, unser Haus, mein Stübchen unter dem Dach. Zwischen den fließenden Farbenringen sah ich den Vater, wie er am Morgen von der Pirsche heimzukommen pflegte: schlank, in der grauen Joppe, lang ausschreitend, die linke Schulter vom Gewicht der Büchse ein wenig heruntergezogen, das hagere Gesicht mit dem schmalen Knebelbart ein bißchen erhitzt, über der Stirn die schiefe dunkelblonde Haarsträhne, die Augen halb heiter und halb nachdenklich. – Schwarze Nacht. – Und dann kam in kreisenden Farben das Bild der Mutter: wie sie am Fenster in der Sonne spinnt; Sonne liegt auf ihrem Schoß und auf ihren ruhelosen Händen; die verwaschene blaue Latzschürze ist wie eine Glocke um ihre Füße her, und seine, schimmrige Flachsfäden hängen an ihrem Gewand; ihr Fuß geht mit dem Tritt des Rades pochend auf und nieder, und das gescheitelte Blondhaar hüllt sich mit zwei dunkelgoldenen Schalen um das liebe gute Gesicht, in dem die blauen Augen träumen. – Von wem? –

Eine rasselnde Glocke. Und der Morgen ist da. Vierzig junge Kerlchen raufen sich in Hemd und Unterhosen um die Plätze am Waschtisch. Gelächter und Wassergepritschel. Nach dem Morgengebet das gemeinsame Frühstück – eine schreckliche Brennsuppe, die an Sparta erinnerte. Und dann eine Freude, die mich schreien machte: ein Brief von der Mutter! Den hatte sie geschrieben, während ich noch daheim war. Und nun wurde mir alles leichter.

Vormittags verlas man die Seminargesetze. Dann mußten wir alles Geld abliefern – ehrlich gab ich meinen Kronentaler und die elf Gulden her; und drum mußte ich in den Wintermonaten immer ein bißchen entbehren, während die anderen von ihrem verschwiegenen Gelde heimlich knapperten.

Die Pulte wurden revidiert. Innen am Pultdeckel hatte ich mit Reißnägeln den Stundenplan befestigt, darüber das Bild des schönen Königs, links und rechts die Bilder von Vater und Mutter. Das waren zwei schlechte, graue, trüb verschwommene Photographien, wie bei Regenwetter gemacht. Ich weiß das, weil ich die Bilder heute noch besitze. Aber damals vor dreiundvierzig Jahren, wenn ich sie betrachtete in meiner Sehnsucht, hatten sie helles Leben für mich, Farbe, Sonne und Liebe.

An diesem Pulte, das die Nummer Elf hatte, schrieb ich meinen ersten Brief. Dann kam die Mittagsstunde mit dem Geklapper von zweihundert Zinntellern. Beim Geläut der Glocke ein Wettlauf nach dem Speisesaal zu ebener Erde. Das war ein mächtiger weißer Raum, durch zwei Säulen in eine größere und kleinere Hälfte geteilt. Zwischen Tür und Ofen stand der runde Tisch, an dem der Rektor und die drei Präfekten speisten, die ihre eigene Herrenkost bekamen. Hinter dem Ofen war ein großes Schubfenster, durch das man die Küche sah, den langen Herd mit den dampfenden Kupferkesseln, eine ältere Frau, ein schönes junges Mädchen, die Mägde und Küchenjungen. Da draußen ging's immer hin und her. Und durch dieses Fenster bekam der alte Tafeldecker Christoph – oder hieß er Anton? – die rauchenden Schüsseln hereingereicht in den Saal. Sechs lange Tische und zwei runde. Zwölf bis sechzehn Jungen an jedem Tische. Ein Oberkläßler teilte vor, die zwei homines novi, die an den beiden Enden der Tafel saßen, mußten die Teller tragen. Gleich bei der ersten Mahlzeit merkte ich die Nachteile der »Klassenwirtschaft« im Leben. Die Älteren suchten sich die besten Bissen aus, die Jungen mußten nehmen, was übrig blieb. Das war oft wenig. Mit Speisen, die der eine liebte und der andere verschmähte, wurde ein schwunghafter Tauschhandel betrieben. Hoch im Preise stand das »gelbe Voressen« – eine merkwürdige Eierspeise – und alles, was Knödel oder Nudel hieß. Sehr billig waren die Kartoffeln zu haben, die so häufig erschienen, daß man sie schließlich zu hassen begann. (Ein Jahr nach meinem Abgang von der Lateinschule kam es zu einer tumultuarischen »Kartoffelrevolution«; während des Abendgebetes im Gymnasiastensaale wurden die vorbetenden Präfekten plötzlich mit Hunderten von gesottenen Kartoffeln bombardiert; aber ohne Salz und Butter.)

Von den Tischen – wir hatten freien Nachmittag – gab's wieder einen Wettlauf in den Garten. Hier kam für mich eine bittere Enttäuschung. Der Gartenteil mit den schönen Bäumen war Separatgebiet der Gymnasiasten. Wagte sich ein Lateinschüler in diesen »heiligen Hain«, so bekam er abschreckende Prügel – ich, in meiner Waldsehnsucht, bekam sie gleich am ersten Nachmittag, ein Umstand, der mir das Eingewöhnen ein bißchen erschwerte.

Den Lateinschülern gehörte der große baumlose Hof mit dem Turnplatz, dem Holzschuppen und der Kegelbahn hinter dem Backhaus. Auch hier wieder eine scharfe Differenzierung des menschlichen Ranges. Die von der vierten Klasse hatten die Kegelbahn in Besitz; die von der zweiten und dritten Klasse okkupierten die große freie Mitte mit dem Springbock, der Speersäule und dem Klettergerüst. Uns hominibus novissimis verblieb die Ecke mit dem Schwebebaum und der Graswinkel beim Holzschuppen. Und da machte ich gleich eine schöne Erfindung. Dieser Holzschuppen war achtzig Schritte lang, hatte keine Wände, nur ein rotes Ziegeldach, unter dem die schweren Holzscheite zum Trocknen aufgebeugt waren bis unter den Giebel. Droben am First war eine kleine Lücke. Ich kletterte hinauf, schob mich durch die enge Röhre, als wär's ein Fuchsbau meines Weldener Waldes – und als ich mich so zwanzig Schritte vorwärts gewuzelt hatte, begann ich Scheit um Scheit herauszuziehen und seitwärts zu verstauen. Ich arbeitete, daß mir der Schweiß herunterlief. Das ließ mich die Prügel halb vergessen, die ich eine Viertelstunde früher bekommen hatte. Nach einer Stunde war mitten in der dicken Scheiterbeuge ein gemütliches Dämmerkämmerchen ausgehöhlt. Nun wählte ich die Kameraden, die meine »Waldhütte« mit mir teilen sollten. Wer im Walde aufgewachsen, riecht den Wald. Unter den Fünfen, die ich auswählte, waren vier Försterssöhne. Später wurde die Waldhütte zu einer »Burg« ausgebaut, und wir nahmen noch vier Bundesgenossen auf. Kein anderer durfte herein. Die Burg war leicht zu verteidigen. Denn durch die Fuchsröhre konnte immer nur ein einziger kriechen. Wollte ein »Fremdling« eindringen, dann bekam er, sobald sein Haardach erschien, so viele Kopfnüsse, daß er flink wieder retirierte. In dieser Burg wurde nur von der Heimat, vom Wald und von der Jagd geredet. Alljährlich – wie das Holz verbraucht und neues Holz wieder zugeführt wurde – mußten wir die Burg umbauen oder ganz verlegen. Aber diese Stätte ungestörter Zuflucht hielten wir vier Jahre eisern fest – bis das Geheimnis unter fürchterlichem Skandal zutage kam.

Die Freude an dieser Erfindung versüßte mir den ersten Nachmittag. Nun waren wir auch schon unser Sechse, die treu zusammenhielten. Am Abend vor dem Einschlafen, liefen wir uns von Bett zu Bett unsere geheimnisvollen Bundesgrüße zu.

Am anderen Morgen, nach der Messe in der Seminarkirche, begann die Schule, vormittags von acht bis zehn Uhr, nachmittags von zwei bis vier Uhr; dazu im Tage noch drei Stunden »Studierzeit« an den Pulten, unter Aufsicht eines Präfekten. Am Mittwoch und Samstag nach der Mahlzeit wurden die Hundertzwölfe gemeinsam spazierengeführt, in die Stadt hinaus, zur Donau hinunter und über die Felder. Das nannte man den »Heerwurm«. Am Sonntage das Hochamt, zwei Stunden Studierzeit und der Gottesdienst am Nachmittag. Und in der Woche drei Musikstunden; das Seminar hatte eine prachtvolle Kirchenmusik und ein gutes Hausorchester von vierzig »Mann«. Für jeden Seminaristen war ein Instrument obligat. Und als man mich fragte, was ich lernen möchte, fiel mir Mutters Liedchen vom zärtlichen Damon ein, der die Flöte blies. Verzeiht mir also mein unglückseliges Flötenspiel! Der Schuldige ist Goethe.

Nach dem Abendessen war täglich ein halbes Stündchen für musikalische Übungen reserviert. Und nun denkt euch das: ein Saal, und an die fünfzig Jungen; und Geigen, Bratschen, Flöten, Celli, Klarinetten, Waldhörner, C-Trompeten – und jeder Junge geigt und bläst und tutet was anderes! Manchmal war's, um aus der Haut zu fahren. Und der Präfekt steckte sich immer dicke Wattepfropfen in die Ohren.

Dem Geräusche, das da entstand, ist kaum der Lärm zu vergleichen, der vor Beginn der Schulstunde im Klassenzimmer herrschte. Der Weg in die Schule war nicht weit. Das Seminar mit Kirche und Gymnasium – das Ganze ein ehemaliges Jesuitenkloster – bestand aus einem mächtigen Vierecksbau, der einen kühlen, stillen Hof umschloß. So brauchte man, um in die Schule zu kommen, nur durch den Kastenflur zu gehen.

In der ersten Klasse waren wir zweiundvierzig Schüler, zur Hälfte Seminaristen, zur Hälfte »Stadtstudenten«. Eine zügellose Bande! An die dreißig wilde, rassige Dorfjungen drunter. Und dazu dieses feine, schlanke, zierliche Professorchen! Aber da muß ich den kommenden Jahren was vorwegnehmen und gleich voraus eine merkwürdige Sache registrieren. Ich habe in meinen acht Latein- und Gymnasiastenjahren keinen ›bösen Professor‹ kennen gelernt – keinen, dem ich einen Vorwurf hätte machen können, wenn's mir in der Schule nicht gut ging. Sie alle, unter denen ich zu schwitzen hatte, waren tüchtige Lehrer, die sich redlich und freundlich mit uns plagten, und die wir wilden Rangen zum Dank dafür alle paar Tage an den Rand der Verzweiflung brachten.

Unserem Professor in der ersten Lateinklasse machten wir das Leben blutig sauer. Und dennoch schwärmten wir für ihn. Er hatte den wunderlichen Namen Binhack und war ein feines, elegantes Männchen mit großen, klugen Augen und mit schwarzen Haarsträhnen um ein blasses Schmalgesicht, das an Heinrich Heine erinnerte. Er sah nicht nur einem Dichter ähnlich, er war auch einer! Ein Bündchen Gedichte, das er publiziert hatte, kursierte heimlich in der Klasse und machte uns das Blut und die Seele heiß. Wir liebten ihn. Aber das war jene Art von Liebe, die zu quälen versteht. Unsere Streiche versetzten ihn manchmal in zitternden Zorn. Doch nie wurde er heftig. Immer erledigte er so was mit seinem, überlegenem Spott, der das Gewissen und den Ehrgeiz weckte, aber auch manchmal schärfer ins Gesicht schlug, als eine Rute das fertig gebracht hätte. Und wenn der Dichter Binhack nach den Schulsatzungen der damaligen Zeit als Professor mit dem Haselnußstecken arbeiten mußte, so bekam bei ihm eine solche Exekution stets einen heiteren Zug und ein klassisches Zitat als Beigabe. Er übersah es auch immer, wenn wir uns die Hände vor Empfang der »Tatzen« mit Kolophonium salbten, oder die Knie mit wattierten Lederstecken, die Sitzgegend mit wollenen Jacken polsterten.

Bei der ersten lateinischen Skription wurde ich unter zweiundvierzig Schülern der Einundvierzigste. Der deutsche Aufsatz brachte mir den sechsten Platz, aber Geographie und Arithmetik warfen mich gleich wieder in die vorletzte Bank zurück. Darüber erschreck ich ein bißchen. Denn ich dachte an den Vater und an den Freiplatz. Und mit dieser Schulsorge paarte sich das von Woche zu Woche wachsende Heimweh, das in unserer »Holzburg« genährt wurde und mich oft die halben Nächte flennen machte. Von den Eltern, die durch den Rektor über meine zweifelhaften Erfolge im Reiche der Wissenschaften informiert wurden, kamen bei aller Zärtlichkeit sehr ernstlich mahnende Briefe – die kleinen Blättchen der Mutter hatten manchmal große graue Flecken – und der Vater schrieb mir eines Tages: er könne mich, wenn ich keinen Freiplatz bekäme, nicht weiterstudieren lassen. Ich biß die Zähne übereinander, bekam den rechten Willen – und wurde in der lateinischen Freiplatz-Skription der Zweite. Nun hatte ich meinen halben Freiplatz, schrieb einen seligen Brief nach Hause, und von daheim kam eine große Weihnachtsschachtel mit grünen Fichtenzweigen und jenen schlaraffischen Bäckereien, die man in der Sprache des Holzwinkels Leckerle nannte, Pfeffernüßle und Zuckersternle, Huzelbrot und Nonnefürzle. An diesen Köstlichkeiten fraß ich mich so knüppelvoll, daß ich tagelang an verdorbenem Magen laborierte. Aber die Weihnachtswoche brachte auch noch eine andere Katastrophe: meine erste schwere Rauferei im Seminar. Eines Nachmittags, als ich in der Freizeit mein Pult öffnete, war das Bild des schönen Königs verschwunden. Ich suchte, ich fragte – umsonst. Es fiel mir nicht ein, meine Pultkameraden zu verdächtigen. Das Bild konnte herausgefallen, unter das Pult geraten und irgendwie verschwunden sein. Doch am nächsten Tage, wieder in der Freizeit, als ein Zweitkläßler sein Pult öffnete, sah ich bei ihm mein Königsbild. Gleich sprang ich los und griff nach meinem Gut. Der andere drückte erschrocken das Pult zu und zwickte mir den Arm ein.

Und ich in Zorn: »Du Spitzbue! Mein König gibscht her!«

Noch immer tat der andere, als verstünde er nicht, was ich wollte. Doch als ich wieder schrie: »Du Spitzbue!« – gab er mir einen Stoß vor die Brust. Da fing ich wütend zu dreschen an, so grob, daß dem armen Jungen das Blut in zwei dicken Fäden aus der Nase rann.

Das Geschrei, unter dem die anderen abwehren wollten, rief den Präfekten aus seinem Zimmer. Als er den Streitfall untersuchte, erwies sich die Unschuld des geprügelten Jungen. Das Bild war sein Eigentum, war ein Geschenk seines Vaters, der auf die Rückseite des Bildes geschrieben hatte: »Liebe deinen Gott und ehre deinen König!« Ich mußte feierlich Abbitte leisten, wurde mit vielwöchentlicher Karenz aller Mehlspeisen bestraft und bekam dazu noch einen Nachmittag Arrest.

Da mögt ihr nun an jene Sache denken, die – nach eines Dichterwortes verläßlicher Behauptung– fortzeugend Böses muß gebären. Denn als ich eingesperrt wurde, machte ich die nähere Bekanntschaft eines kleinen, dicken Männchens, das eine rote Kartoffelnase und auch sonst noch mancherlei komische Eigenschaften hatte. Das war der Pedell, den wir »Pudel« nannten. Er wirkte befruchtend auf meine Phantasie – und in der Einsamkeit meiner Haft verfaßte ich auf ihn ein vielstrophiges Spottgedicht, in welchem deutsche und lateinische Reime miteinander abwechselten. Und weil nun das Brünnlein meines lyrischen Gemütes einmal erschlossen war, ging das Gesprudel noch am gleiche» Tage weiter, und ich allegorisierte den Raufhandel um das Königsbild in einer Wüstenballade, die den Todeskampf eines Panthers mit einem Leoparden schilderte. Die Einzelheiten dieses blutigen Liedes sind in meiner Erinnerung gänzlich erloschen. Doch ich glaube, es schlug auch meine Wüstenkatze »mit dem Schweif einen furchtbaren Reif«.

Am folgenden Tage las ich meinen Burgbrüdern die beiden Gedichte vor. Der Wüstengesang machte nicht den geringsten Eindruck. Aber die Pedelliade wurde mit Jubel aufgenommen. Abschriften des Gedichtes zirkulierten in der Klasse, wurden von den Stadtstudenten aus dem Seminar hinausgetragen – und eines Morgens wurde ich zum Rektor gerufen, der eine Kopie meines satirischen Erzeugnisses auf dem Tische liegen hatte. Ich bekam zwei feste Ohrfeigen, dazu den Rat, meine »poetischen Gaben« für würdigere Zwecke zu verwenden – und den nächsten freien Nachmittag mußte ich abermals in der beschaulichen Einsamkeit eines Klassenzimmers verbringen und eine lange Strafarbeit über alle grammatikalischen Fehler machen, die der Rektor in den lateinischen Reimen meiner Pedelliade aufgefunden hatte.

Nach dieser abschreckenden Erfahrung ließ ich es für einige Zeit mit dem Dichten gut sein. Aber die Kette der schweren Folgen, die sich aus dem Raufhandel um das Königsbild herausentwickelte, war noch nicht abgehaspelt. Weil ich vier Wochen keine Mehlspeise bekam, hatte ich immer Hunger und beschwor die Mutter in einem Briefe, mir ein bißchen heimliches Geld zu schicken. Aber die Mutter erwähnte die Sache in ihrem Antwortszettelchen mit keiner Silbe, schickte mir auch kein Geld, nur ein Schächtelchen mit vier Garnknäueln zum Strümpfestoppen. Diese symbolische Aufforderung zu häuslichem Wohlverhalten brachte mich in verdrießliche Laune. In dieser gereizten Stimmung schoß ich einem Kameraden mit meinem Flitschpfeil fast ein Auge aus, wurde vom Präfekten über den Stuhl gelegt und bekam gesalzene Hiebe. Nicht nur die Not, auch der Schmerz macht erfinderisch – und für die nächste Gelegenheit ähnlicher Art ersann ich mir einen kunstvollen, im Schutz der Unterhose zu tragenden Lederklobus, zu dem ich zwei Paar Hausschuhe verarbeitete und die Hälfte des von der Mutter gesandten Garnes als Wattierung verbrauchte. Dabei wurden die Garnknäuel sehr klein. Und schließlich, als es schon auf Ostern zuging, merkte ich eines Tages, daß diese kleinen Wollkugeln immer so hart in ihrem Schächtelchen wackelten. Ach, das schlaue Mutterl! Jetzt verstand ich erst den Rat ihres Briefes: »Tu nur recht fleißig nähen, und wenn du Zeitlang hast, so wickle das Garn vom Knäule herunter auf ein anderes Papierböbbele! Wirst sehen, das macht dir Spaß.« Sie hatte die kontrollierenden Argusaugen des Präfekten gefürchtet und in jeden Garnknäuel einen Gulden hineingewickelt.

Vier Gulden! Krösus hatte sicher nicht viel mehr! Das Bewußtsein meines Reichtums war wie ein Rausch in mir. Ich grübelte Tag und Nacht, was ich mir jetzt vergönnen sollte. Endlich verdichteten sich meine fliegenden Pläne zu einem festen Entschluß. Einen Gulden behielt ich als Reserve, für zwei Gulden ließ ich mir durch einen Stadtstudenten ›verbotene‹ Bücher kaufen: Schiller und Goethe – und für den vierten Gulden verschaffte ich mir den höchsten aller irdischen Genüsse: Emmentaler Käse!

Für einen Gulden Käse! Damals vor dreiundvierzig Jahren! Denkt euch, wie viel das war! Ein Klumpen, so schwer, daß man einen Menschen mit diesem »Diskus« hätte totwerfen können. Mich selber hätt' ich damit auch fast ums Leben gebracht. Innerhalb zweier Tage »verschnipfelte« ich den ganzen Käslaib, wurde krank davon, bekam einen langwierigen Gastrizismus und konnte, als die Osterferien begannen, nicht heimreisen. Das wurde im »Spitalzimmer« eine nette Heulerei! Zu meinem Troste und zur Beschwichtigung seiner eigenen Sorge kam Papa für zwei Tage – und als er die Käsegeschichte hörte, hatte er alle Ursache, wieder einmal zu sagen: »Du Kamel!«

Diesem Ferienschmerze folgte bald ein anderer, der mir nicht minder tief in die Seele ging. Wir machten – die erste Lateinklasse mit ihrem Professor-Dichter Binhack – den »Maispaziergang« nach Steppberg zu den Parkwundern und Glashäusern des Grafen Arco. Dabei kamen wir durch ein kleines Dorf, und ich sah auf dem Dach eines Bauernhauses einen alten Mann sitzen, der die Schindeldecke ausbesserte und sich in seinem hurtigen Fleiß durch den Lärm des ›Heerwurmes‹ nicht stören ließ. In der folgenden Woche mußten wir diesen Maispaziergang zu einem deutschen Aufsatz verarbeiten. Ich kam auf die verwegene Idee, dieses Pensum in Hexametern zu erledigen, war riesig stolz auf meine Leistung und hielt vor den Kameraden erwartungsvoll den Schnabel, um der großen Überraschung und meinem Erfolge nichts vorweg zu nehmen. Nach Hangen und Bangen erschien der bedeutungsvolle Tag, an welchem Professor Binhack den korrigierten Aufsatz in die Schule brachte. Mir schlug das Herz und meine Wangen glühten. Note um Note wurde verlesen, gute und schlechte Arbeiten wurden besprochen – und endlich nahm dieser Schreckliche auf dem Katheder das letzte Blatt in die Hand, das meine! »Jetzt kommt das Allerschönste! Ein Dichter ist unter uns! Ein homerischer Sänger! Apollo möge ihm gnädig dieses Fürchterliche verzeihen! Ich kann es nicht!« So was Ähnliches sagte er, unter dem Gelächter der ganzen Klasse. Und während mir die Augen tröpfelten, begann er zu lesen. Immer nach ein paar Versen brach wieder diese niederträchtige Heiterkeit los. Und dann der Knalleffekt! Ich hatte versucht, den hurtigen Fleiß des Schindeldeckers durch mehrfache Wiederholung des Zeitwortes zu veranschaulichen. Dieser Hexameter – von allen der einzige, der in meinem Gedächtnis haften geblieben – lautete:

»Hoch am Dache ein Greis. Der schindelte, schindelte, schindelte ...«

Aus einundvierzig Kehlen ein fideles Gebrüll. Und ich, von Zorn geschüttelt, kreischte in den vergnügten Lärm hinein: »Ihr Oxe! Dees isch doch ein absüchtlücher Iterativ!« Dann mußte ich zwei Stunden nachsitzen, meine Dichtung in schulgemäße Prosa übertragen – und von diesem Tage an hatte ich zwei neue Spitznamen: der »Schindler« und der »Iterativ«.

Der mißhandelte Ehrgeiz brannte in meiner aufgewühlten Seele – um so mehr, da im Seminar das Dichten grassierte. Die Neuburger Jesuitenpatres hatten um das Jahr 1660 in ihrer Schar einen Laureaten, den Jakob Balde von Ensisheim, den berühmten Sänger des »Poema de vanitate mundi« ; sein schwarzgewordenes Ölbild hing in unserem Studiersaal; und bei jeder Jahresschlußfeier bekam das beste, von einem Seminaristen lateinisch oder deutsch verfaßte Gedicht den vielumworbenen Baldepreis. Der Gewinn dieses Preises – so beschloß ich – sollte für meine verwundete Seele das heilende Pflaster werden. Ich wußte wohl, daß der Baldepreis nur an Abiturienten des Gymnasiums verliehen wurde. Aber diese Regel störte meine optimistischen Hoffnungen nicht. Die Ausnahme mußte eben erzwungen werden. Meiner Sache sicher, machte ich mich ans Verseschmieden. Ein »würdiges Thema« war bald gefunden. Und vier Wochen vor Schulschluß reichte ich beim Rektorate – zur Konkurrenz um den Baldepreis – eine große Ballade ein, betitelt: »Die Macht des Gesanges«. Den Stoff hatte mir eine von den frommen Geschichten gegeben, die unser Religionslehrer zu erzählen Pflegte: Räuber brechen um die Zeit der Mitternacht in eine Klosterkirche ein; während sie die Schatzkammer der Sakristei zu plündern beginnen, erschallt auf dem dichtvergitterten Chor der Mettengesang der unsichtbaren Mönche; die erschütterten Diebe fallen auf die Knie, bereuen und bekennen ihre Schuld und treten als dienende Brüder dem heiligen Orden bei. In schlaflosen Nächten stellte ich mir immer vor, welches Gesicht die Mutter und der Vater machen würden, wenn ich heimkäme und das Lederetui mit der silbernen Baldemedaille aus dem Hosensack herauszöge. Aber dann kam eine aufgeregte Zeit, die mich meines Baldepreises beinahe vergessen ließ.

Schon vor Wochen hatten es die Stadtstudenten mit in die Klasse gebracht: »Es wird Krieg geben, zwischen Österreich und Preußen! Und Bayern wird zu Österreich helfen!« Ich erinnere mich noch, daß ich ein wundersames Hochgefühl empfand, als einer von den Jungen in seinem Schlachtendrange schrie: »Die Preußen werden zu Knödel gehackt und auf dem Kraut verschluckt!« Natürlich brannte auch in mir die Begeisterung wie ein heißes Feuerlein. Aber im Seminargarten kam es zu keinem richtigen Gefechte! Alles war ›Freund‹, niemand wollte ›Feind‹ sein, kein bayrischer Bub den ›Breißen‹ spielen. Dieses Glühende in unseren Köpfen wurde zum Brande, als zwei Studenten der Oberklasse die Schule verließen und Soldaten wurden. Doch auf den patriotischen Taumel, der uns erfüllte, wirkte die Nachricht von Königgrätz wie ein Keulenschlag. Wir Jungen saßen mit unserer Vaterlandstrauer im Seminargarten herum, wie die Jerusalemiten in der Verbannung. Und als von den Seminaristen einer den Vorschlag machte, eine Spende für die Verwundeten zu sammeln, rannten wir hundert Patrioten in die Präfektenstube und leerten unsere Taschengeldkassen. Ein schöne Summe kam zusammen. Jeder von uns behielt nur, was er zur Reise in die Heimat brauchte.

Die Nachrichten, die von den Stadtstudenten in die Klasse gebracht wurden, lauteten immer schrecklicher: Niederlage bei Kissingen! Niederlage bei Aschaffenburg! Die Preußen rücken schon auf das südliche Bayern los! Und einen Tag um den andern hieß es: Sie sind schon in Nürnberg! Sie sind schon in München! Sie stehen schon bei Donauwörth! In diesen Zeiten der Kriegsfurie erhielt ich vom Rektorate meine Preisballade zurück. Das Blatt trug in roter Tinte die Zensur: »Thema sehr löblich; aber wer noch nicht orthographisch schreiben kann, sollte das Versemachen unterlassen! – Romeis.« Das war der Name unseres Rektors.

Das Vaterland besiegt! Die Schwingen meiner Muse geknickt! Zwei Schmerzen, die mir in einen zusammenflossen. Und catilinarische Gedanken durchwühlten mein verstörtes Gemüt.

Da lief eines Tages durch die Straßen der schönen Stadt Neuburg eine schreiende Panik: »Die Preußen kommen! Die Preußen kommen!« Viele Seminaristen begannen gleich ihre Koffer zu packen. Aber der blinde Schreck verwandelte sich in Gelächter. Jener Türmer, der den Lärm geschlagen, hatte die auf den fernen Feldern stehenden Getreidemännchen für preußische Vorposten angesehen.

Bei uns in den Klassenzimmern ging es immer zu – ein Sprichwort sagt: wie in der Judenschule. Und drum beschloß der hohe Rat der Lehrerschaft, dem Semester ein vorzeitiges Ende zu bereiten. Diese unerwartete Erlösung wurde von allen Seminaristen mit Jubel aufgenommen. Aber nach den seelischen Kümmernissen, die ich in mir, und nach den mancherlei physischen Leiden, die ich hinter mir hatte, sah ich zum Schulschluß recht miserabel aus. Kein viel besseres Aussehen hatte mein Zeugnis. Mit knapper Not ließen sie mich hinüberschlüpfen in die zweite Klasse. Aber mir schien das ein ausreichender Grund, um mit gutem Gewissen heimzureisen. – Heim! – Man fing zu zittern an bei diesem Gedanken! Der Krieg und die Preußen waren vergessen. Alle persönlichen Gegensätze unter den Schulkameraden, alle Fehden und Feindschaften verschwanden während dieser letzten Tage. In all den hundert Jungen war nur noch ein Einziges: das gleiche brennende Warten auf die Stunde der Freiheit, auf den Tag der Heimfahrt.

Und endlich dieses liebe, süße, herrliche Morgengrau, in dem die Reise beginnt! Sonne, Sonne! Ob sie scheint oder nicht! Immer fühlt man sie. Und bei der langsamen Schneckenfahrt der Omnibusse ist das fliegende Herz immer weit voraus. Um uns den Weg zu kürzen, machen wir aus dem Preußenschreck eine Heiterkeit. So oft die Kolonne der gelben Omnibusse durch ein Dörflein fährt, schreien wir alle aus den Wagenfenstern heraus und von den Bocksitzen herunter: »Die Preußen kommen! Die Preußen kommen!« –

In Augsburg, am Nachmittag, erwartet mich der Stanger mit seinem ›Botescheesle‹. Es dauert endlos, bis der Koffer aufgebunden ist. Und dann will der Gaul nicht vorwärts kommen. Da war der Donauwörther Omnibus noch eine Schwalbe! Zum Verzweifeln ist das! Und der Adelsrieder Forst will kein Ende nehmen.

»Ach, geh doch, Stangerle, tue doch dein Rößle ein bissele besser laufe lasse!«

»Mei(n), Narrle, i däet ja geare, awer 's Rößle kaa(n) it besser!«

Schon will der laue Sommerabend kommen, und zwischen Kruichen und Ehgarten fangen schon die feuchten Wiesen grau zu dampfen an. Mich hält's nicht länger im Wagen. Ich möchte bei Tag noch daheim sein! Und auf meinen eigenen Beinen komm' ich flinker vorwärts als des Stangers Rößlein. Und alle kürzeren Fußwege weiß ich, jedes Steiglein in den Stauden. Alles ist grün um mich herum. Ich sehe noch nichts vom Dorfe. Aber jählings weht mir in dem engen Bachtal ein starker, lauer Hauch entgegen. Und süßer Duft!

»Die Blumen! Mutterles Blumen!« Ich renne wie ein Irrsinniger, durch Waldzungen, durch Stauden und Pfützen, über gemähte Wiesen und durch die Weizenfelder. Da ist der Garten! Und unser Haus! Was anderes sehen meine Augen nicht. Und jetzt, von der Altane her, eine feine, schrillende Stimme: »Kind! Kind! Kind!«

Ich renne, renne, bin atemlos – viele Stimmen, viele Gesichter – drei Hunde bellen, einer springt an mir hinauf und wirft mich beinah zu Boden – aber zwei liebe Arme umklammern schon meinen Hals. Und dann unter Lachen ein Schreck der Mutter: »Jesus, Bub, wie schaust du denn aus! Und wo hascht du denn deine netten Haar?« Aus einer ähnlichen Angst, wie sie der Muckl vor den Kirchgasselbuben empfunden, hatte ich mir im Seminar meine blonden Kreuzerschneckerln kurz abscheren lassen bis auf die Haut.

Daheim! Daheim! Ach, dieser erste Abend! In der kleinen Stube, mit den blühenden Blumen, mit den zwitschernden Vögeln, mit Mutters ruhendem Spinnrad in der Fensternische! Mein Bruder hängt mir am Hals, die lange Berta (das ›Fahrhexle‹) ist wieder daheim, mein kleines Schwesterlein krabbelt mir auf den Schoß, und die Mutter lacht. Nur Papa ist ein bißchen ernst. Mein Zeugnis hat ihm gar nicht gefallen. Doch er will mir »den ersten Abend nicht verderben!«

Und dann mein Stübchen! Droben unter dem Dach! Ein seliges Strecken, ein süßer Schlaf. Durch meinen Traum aber gaukeln die unregelmäßigen Zeitwörter aus Englmanns lateinischer Grammatik, wie Gespensterspinnen mit langen Beinen – die ersten Gespenster, die ich fürchten lernte.

Am hellen Morgen wieder die liebe Stimme! »Rrrraus ins Gärtle, du Murmeltier! Die Sonn ischt da! Und auf mit Gott, beim Teufel ischt kein Troscht!«

Gleich nach dem Frühstück geht das Tollen und Rasen los. »Hoihulladuuuuuh!« Der Muckl, der Alfons, der Domini! Und mein Garten, mein Haus, mein Welden, mein Bach, mein Berg, meine Wiesen, mein Wald! Und alles ist mein! Alles, alles, alles, was Kinderfreude und schönes Leben heißt!

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