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Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg

Ulrich Bräker: Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg - Kapitel 9
Quellenangabe
typeautobio
booktitleDer arme Mann im Tockenburg
authorUlrich Bräker
year1993
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-22662-4
titleLebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg
pages37-40
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1789
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XXX.
So geht's.

Des Morgens in aller Frühe flog ich nach Aennchens Haus – ja, das hätt' ich thun sollen, thats' aber eben nicht. Denn ich schämt' mich vor ihr, daß mir's Herz davon weh that – in die Seel' hinein schämt' ich mich, vor den Wänden, vor Sonn' und Mond, vor allen Stauden schämt' ich mich, daß ich gestern so erzalbern that. Meine einzige Entschuldigung vor mir selber war diese, daß ich dachte: Es hätte so seine eigne studirte Art mit den Mädels umzugehn, und ich wüßte diese Art nicht. Niemand sage mir's, und ich hätt' nicht das Herz jemand zu fragen. Aber so (roch's mir dann wieder auf) darfst du Aennchen nie, nie mehr unter Augen treten; fliehen mußt du vielmehr das holde Kind, oder kannst wenigstens nur im Verborgenen mit ihr deine Freud' haben, nur verstohlen nach ihr blicken. – Inzwischen macht' ich eine neue Bekanntschaft mit ein Paar Nachbarsbuben, die auch ihre Schätz' hatten – um etwa heimlich von ihnen zu erfahren, wie man mit diesen schönen Dingen umgehen und es machen müsse, wenn man ihnen gefallen wolle. Einmal nahm ich gar das Herz in beyde Händ' und fragte sie darum; aber sie lachten mich aus, und sagten mir so närrisches und unglaubliches Zeug, daß ich nun gar nicht mehr wußte, wo ich zu Haus war.

Inzwischen ward diese Liebesgeschicht', die ich doch gerne vor mir selber verborgen hätte, bald überall laut. Die ganze Nachbarschaft, und besonders die Weiber, gaften mir, wo ich stuhnd und gieng, ins Gesicht, als ob ich ein Eisländer wäre: «Ha, Ha, Uli»! hieß es dann etwa: «Du hast die Kindsschuh' auch verheyt». Meine Eltern wurdens ebenfalls inne. Die Mutter lächelte dazu, denn Aennchen war ihr lieb: Aber der Vater blickte mich desto trüber an; doch ließ er sich kein Wörtgen verlauten, als ob er wirklich in meinem Busen Unrath lese. Das war nur desto peinigender für mich. Ich gieng indessen überall umher, wie der Schatten an der Wand, und wünschte oft, daß ich Aennchen nie mit einem Aug gesehen hätte. Auch meine Bauersleuthe rochen bald den Braten, und spotteten meiner.

Eines Abends kam mir Aennchen so in den Wurf, daß ich ihr nicht entwischen konnte. Ich stuhnd da wie versteinert. «Uli»! sagte sie, «komm heut z'Nacht ein Bißli zu mir, ich hab' mit dir z'reden. Willst kommen, sag»? – «Ich weiß nicht», stotterte ich. – «Eh, komm! Ich muß nothwendig mit dir reden; sag, versprich mir's»! «Ja, ja gwiß wenn ich kann»! Mir mußten scheiden. Ich rannte eilends nach Haus. Himmel! dacht' ich, was mag das seyn? Kann das liebe Aennchen mir noch so freundlich begegnen? Soll ich, darf ich – ja, ich muß, ich will gehn. – Nun gerieth ich – ob aus Ehrlichkeit oder List weiß ich selbst nicht – auf den guten Einfall, das Ding der Mutter zu sagen. «Ja ja, geh' nur», sprach diese; «ich will dir nach dem Essen schon forthelfen, daß kein Hahn darnach krähen soll». Das war mir recht gekocht. Alles gesagt, gethan. Ich gieng hin, und traf Aennchen, ihre Mutter und ihren Stiefaeti (sie hielten sonst eine Schenke) ganz allein an. Ich ließ ein Glas Brennz holen, um doch etwas zu thun, bis die Alten im Bett' wären, weil ich nichts zu reden wußte. Aus lauter Furcht saß ich weit von Aennchen weg – Aber darum mocht' ich's doch kaum erwarten, bis die Eltern zur Ruh giengen. Endlich gerieth's. Da fieng denn mein Liebchen an, in Einem fort zu schnättern, daß es lieblich und doch betrübt zu hören war – als sie mir jetzt über mein kaltes Bezeigen Vorwürf' über Vorwürf' machte, und alles, was sie die Zeit her über mich schwatzen gehört, mir die Nase rieb. Ich faßte Muth, verantwortete mich so gut ich konnte, und sagt' ihr auch gerad' allen Kram heraus, was die Leuth' von ihr redeten, und wofür man sie hielt – von meinen Gesinnungen hingegen kein Wort: «So»! sagte sie: «Was schiert mich der Leuthe Reden! Ich weiß schon, wer ich bin – und hinter dir hätt' ich doch ein wenig mehr als so viel gesucht. Macht' aber nichts, schadt gar nichts»! Nachdem dieser Wortwechsel noch ein Weilchen fortgedauert hatte, und mir das Brenz ein wenig in den Kopf stieg, wagt' ich's, ihr ein Bißlin näher zu rücken; denn das zwar bös scheinende, aber verzweifelt artige Raisonieren gefiel mir in der Seele wohl. Ich erkühnte mich sogar, ihr einige läppische Lehrstücke von erznärrischen Liebkosungen zu machen. Sie wies mich aber frostig zurück, und sagte: «Kannst mir warten! Wer hat dich das gelehrt»? u.d.gl. Dann schwieg sie eine Weile still, guckte steif ins Licht, und ich ein gut Klafter von ihr entfernt ihr in's Gesicht: O ihre zwey blauen Aeuglin, die gelben Haarlocken, das nette Näschen, das lose Mäulchen die sanft rothen Bäcklin, das feine Ohrläpplin, das geründelte Kinn, das glänzend weisse Hälschen – O in meinem Leben hab' ich so nichts gesehn – Kein Mahler vom Himmel könnt's schöner mahlen.«Dürft' ich doch» (dacht' ich) «auch nur ein eineinziges Mal einen Kuß auf ihr holdes Mündlein thun. Aber nun hab' ich's schon wieder – und Ach! wohl gewiß auf ewig verdorben». Ich nahm also kurz und gut Abschied. Ganz frostig sagte sie: «Adieu»! Ich noch einmal: «Leb wohl, Anne»! – und im Herzen: Leb' ewig wohl, herzallerliebstes Schätzgen! – – Aber vergessen konnt' ich sie nun einmal nicht. In der Kirch' sah' ich sie mehr als den Pfarrer; und wo ich sie erblickte, war mir wohl ums Herz. Eines Sonntag Abends sah ich einen Schneiderbursch, Aennchen heimführen. Wie da urplötzlich mein Blut sich empörte, und alle Säfte mir in allen Gliedern rebellierten! Halb sinnlos sprang ich ihnen auf dem Fuß nach. Ich hätte den Schneider erwürgen können; aber ein gebietender Blick von Aennchen hielt mich zurück. Inzwischen macht' ich ihr nachwerts bitt're Vorwürf' drüber, und eine ganze Litaney von räudigen Schneidern und Schneidereigenschaften. Dacht' halt: Verloren ist verloren! – Aber Anne blieb mir nichts schuldig, wie ihr's leicht denken könnt.

XXXI.
Immer noch Liebesgeschichten.
Doch auch anders mitunter.

Laßt mich meine Kinder, Freunde, Leser! wer Ihr seyn mögt', ich bitt' Euch, laßt mich ein Thor seyn! Es ist Wohllust – süsse, süsse Wohllust, so in diese seligen Tage der Unschuld zurückzugehn – sich all die Standorte wieder zu vergegenwärtigen, und die schönen Augenblick' noch einmal zu fühlen, wo man – gelebt hat. Mir ist, ich werde von neuem jung, wenn ich an diese Dinge denke. Ich weiß alles noch so lebhaft, wie's mir war, wie's mich deuchte; empfinde noch jedes selige Weilchen, das ich mit meinem Aennchen zubrachte – möchte jeden Tritt beschreiben, den ich an ihrer Seite that. Verzeiht mir's, und überschlagt's, wenn's Euch eckelt.

Aennchens Stiefäti war ein leichtsinniger Brenzwirth; ihm galt's gleichviel, wer kam und ihm sein Brenz absoff. Ich war nun im Kurzen bey seinem Töchtergen wieder wohl am Brett, und genoß dann und wann ein herrliches Viertelstündchen bey ihr. Das lag nun meinem Vater gar nicht recht. Er sprach mir ernstlich zu; es half aber alles nichts; Aennchen war mir viel zu lieb. Fürchterlich schimpft' er bisweilen auf dieß verdammte Brenznest, wie er es nannte; und Anne sah er für eine liederliche Dirn' an – und doch, Gott weiß es! das war sie – wenigstens damals nicht; das redlichste brävste Mädchen das ich je untern Händen gehabt, fast meiner Länge, so schlank und hübsch geformt, daß es eine Lust war. Aber ja, schwätzen konnt' sie wie eine Dohle. Ihre Stimme klang wie ein Orgelpfeifchen. Sie war immer munter und allert; um und um lauter Leben; und das macht' es eben, daß mancher Sauertopf so schlimm von ihr dachte. Wenn meine Mutter meinen Vater nicht bisweilen eines Bessern belehrt, er hätt' mit Stock und Stein drein geschlagen.

So verstrich der Sommer. Noch in keinem hatten mir die Vögel, die ich alle Morgen mit Entzücken behorchte, so lieblich gesungen. Gegen den Herbst zogen wir in die Pulverstampfe. Herr Amman H. nahm nämlich um diese Zeit meinen Vater zum Pulvermacher an. Der Meister, C. Gasser, wurde von Bern verschrieben, und lehrt' uns dieß Handwerk aus dem Fundament, so daß wir auch das Schwerste in wenig Wochen begreifen konnten. Unter anderm war mein Aeti froh, mich itzt ein Stück weit von Aennchen weg zu haben. Auch überwand ich mich ziemlich lang' – als das liebe Kind einst unversehns zu uns zu Stubeten kam. Ich erschrack sehr, und dacht' wohl, da würd' ein Wetter losgehn. So lang' sie da war, hiengen des Vater Augbraunen tief herunter; er schnaubte vor Grimm, redte kein Wort – horchte aber, wie man leicht merken mochte, auf alle Scheltwort'. O, wie dauerte mich das herrliche Schätzchen! Würd's doch mein Vater, wie Ich, kennen, wie ganz anders wär's da empfangen worden. Des Abends geleitete ich sie nach Haus. Noch war ich immer der alte blöde Junge. Sie neckte mich artlicher als sonst noch nie; aber doch mußt's geneckt seyn. Morgens drauf, da erst gieng des Aetis Predigt an: Was er an Aennchen ungereimtes bemerkt – oder vielmehr bemerkt haben wollte – was er gehört – und nicht gehört, sondern nur vermuthet, das alles kam in die Nutzanwendung dieser schönen Sermon. Allerhand Spottnamen – und kurz, alles was Aennchen in meinen Augen verächtlich machen sollte, blieb per se nicht aus. Und wirklich, so lieb mir das Mädchen war, nahm ich mir itzund doch vor, von ihr abzustehn, weil mir der Vater sie schwerlich jemals lassen würde, und inzwischen noch mancher Ehrenpfennig ihretwegen spatziren müßte. Gleichwohl darf ich zu ihrem Preis auch das nicht verschweigen, daß sie mich nie um Geld bringen wollte, ja daß sie sogar, wann ich für sie etwa ein Brenzlin zahlte, nicht selten die Uerte mir heimlich wieder zusteckte. Eines Tags nun sagt ich zum Aeti: «Ich will nicht mehr zur Anne gehn', ich versprich dir's». «Das wird mich freuen», sprach er, «und dich nicht gereuen. Uli Ich meyn's gwiß gut mir dir. – Sey doch nicht so wohlfeil. – Du bist noch jung, und kommst noch alleweil früh gnug zum Schick. – Unterdessen geht's dir sicher mehr auf als ab. – So Eine gibt's noch wann der Markt vorbey ist. – Führ' dich brav auf, bet' und arbeite, und bleib fein bey Haus. Dann giebst ein rechter Kerl, ein Mann in's Feld, und, ich wette, bekommst mit der Zeit ein braves Bauermädle. Indessen will ich immer für dich sorgen», u.s.f. u.f

So gieng der Winter vorbey. Aber mein Wort hielt ich wenig, und sah Aennchen, so oft es immer in geheim geschehen konnte.

Von Gallitag bis in Merz konnten wir kein Pulver machen. Ich verdient' also mein Brodt mit Baumwollkämmen, die andern mit Spinnen. Der Vater machte die Hausgeschäft', las uns etwa an den Abenden aus David Hollatz, Böhm und Meads Beynahe-Christ die erbaulichsten Stellen vor, und erklärte uns, was er für unverständlich hielt; aber eben auch nicht allemal am Verständlichsten. Ich las auch für mich. Aber mein Sinn stuhnd meist nicht im Buch, sondern in der weiten Welt.

XXXII.
Nur noch dießmal.
(1755.)

Im folgenden Frühling hieß es: Wohin nun mit so viel Buben? Jakob und Jörg wurden zum Pulvermachen bestimmt; ich zum Salpetersieden. Bey diesem Geschäft gab mir mein Vater Uli M. einen groben, aber geraden ehrlichen Menschen zum Gehülfen, der ehemals Soldat gewesen, und das Handwerk von seinem Vater her verstuhnd, der in seinem Beruf, aber elend genug verstorben, da er in einen siedenden Salpeterkessel fiel. Wir beyde Ulis fiengen also mit einander im Merz 1755. in der Schamatten unsern Gewerb an. Da gab's immer unter der Arbeit allerley Gespräche, die dann M. durch irgend einen Umweg – und wie ich nachwerts erfuhr, geflissen, vielleicht gar auf Anstiften meines Vaters – meist auf Heurathsmaterien zu lenken wußte, und mir endlich eine gewisse schon ziemlich ältliche Tochter zur Frau empfahl, die bald auch meinen Eltern, dem Aeti besonders, eben ihres bestandenen Alters und stillen Wandels wegen, sehr wohl gefiel. Ihnen zu gefallen, führt' ich diese Ursel (so hieß sie) ein Paarmal zum Wein. Mein Uli machte gar viel Rühmens von diesem Esaugesicht, das er nach seiner eignen Sag', schon vor zehn Jahren careßirt hätte. Daß ich eben wenig Reitzendes an ihr entdeckte, versteht sich schon. Eine Stunde bey ihr dünkte mich eine halbe Nacht, so gut' sie mir immer begegnete – ja, je besser, desto schlimmer für mich. Uebrigens trug sie eine ordentliche Bauerntracht. Aber mit Aennchen vergliechen, war's halt wie Tag und Nacht. Als mich daher letztre eines Tags an der Straß auffieng, sprach sie mit bitterm Spott: «Pfui, Uli! So ein Haargesicht, so eine Iltishaut, so ein Tanzbär! Mir sollt' keiner mehr auf einen Büchsenschuß nahe kommen, der sich an einer solchen Dreckpatsche beschmiert hätte! – Uhi! wie stinkst»! Das gieng mir durch Mark und Bein. Ich fühlte, daß Aennchen Recht hatte; aber dennoch verdroß es mich. Ich verbiß indessen meinen Unmuth, schlug ein erzwungenes Gelächter auf, und sagte: «Gut, gut, Aennchen! Aber nächstens will ich dir alles erklären»! und damit giengen wir von einander. – Es währte kaum 24. Stunden, so gab ich meiner grauen Ursel förmlichen Abschied: Sie sah mir wehmütig nach und rief immer hinten drein: «Ist denn nichts mehr zu machen? – Bin ich dir zu alt, oder nicht hübsch genug? – Nur auch noch Einmal», u. dgl. Aber ein Wort, ein Mann.

Am nächsten Huheijatag, wo Aennchen auch gegenwärtig war, sah sie, daß ich allein trank. Sie kam freundlich gegen mir, und lud mich auf den Abend ein. Voll Entzücken flog ich zu ihr hin, und merkte bald, daß ich wieder recht willkomm war, obschon mir das schlaue Mädle über meine Bekanntschaft mit Urseln aufs neue die bittersten Vorwürfe machte. Ich erzählte ihr haarklein alles, wie das Ding zugegangen. Sie schien sich zu beruhigen. Das machte mich herzhafter; ich wagte zum erstenmal, es zu versuchen, sie an meine Brust zu drücken, und einen Kuß anzubringen. Aber Potz Welt! da hieß es: «So! Wer hat dich das gelehrt? G'wiß die alte Hudlerin. Geh, geh, scheer' dich, und sitz erst ins Bad, dir den Unrath abzuwaschen.» – Ich. «Ha! Ich bitt' dich, Schätzle! sey mir nicht curios. Hab' dich ja alleweil geliebt, und lieb dich je länger je stärker. Laß mich doch – nur auch eins»! Sie. «Abslut nicht! Um alles Geld und Gut nicht! Fort, fort, nimm deine Trallwatsch, die dir das Ding gewiesen»! – Ich. «Ach! Aennchen! Schätzchen! Laß mich doch! Hätt' dich schon lang schon, für mein Leben gern – Ach mein Gott»! – Sie. «Laß mich doch gehn – ich bitt' dich! – Gwiß nicht. – Einmal itzt nicht», – Endlich sagte sie freundlich lächelnd: «Wenn du wiederkommst»! Aber dreymal, wenn ich wiederkam, fieng das verschmitzte Mädchen das nämliche Spiel an. Und so können diese schlauen Dinger die dummen Buben lehren. Endlich schlug die erwünschte Stunde: «Aennchen, Aennchen! liebstes Aennchen! Kannst's auch über's Herz bringen? Bist mir doch so herzinniglich lieb! Und ich sollt' kein einzig Mal dein holdes Mündchen küssen? Gelt, du erlaubst's mir? – Ich kann's nicht länger aushalten. Lieber will ich dich ganz und gar meiden». Itzt drückte sie mir freundlich die Hand, sagte aber wieder: «Nun gewiß, das nächstemal, wenn du wiederkommst»! Hier fieng mir an, die Geduld auszugehn. Ich ward wild, und schnippisch. Sie hinwieder befürchtete glaublich Unrath; foppte mich zwar, wie es scheinen sollte, noch immer fort, daß es eine Lust war – aber mit Eins kam ihr ein Thränchen ins Aug', und sie wurde zahm wie ein Täubchen: «Nun ja»! sagte sie: «'s ist wahr, du hast doch die Prob' ausgehalten – Du solltest mir für deine Sünd büssen. Aber die Straf' hat mich mehr gekostet, als dich, liebes, herziges Uechelin »! Dieß sagte sie mit einem so süssen Ton, der mir itzt noch, wie ein fernes Silberglöcklin ins Ohr läutet: Ha! (dacht' ich einen Augenblick) Itzt könnt' ich dich wieder strafen, loses Kind! – Aber ich bedacht' mich bald eines Bessern – riß mein Liebchen in meine Arme, gab ihr wohl tausend Schmätzchen auf ihr zartes Gesichtlin überall herum, von einem Ohr bis zum andern – und Aennchen blieb mir kein einziges schuldig; nur daß ich schwören wollte, daß die ihrigen noch feuriger als die meinigen waren. So giengs ohne Unterlaß fort mit herzen, und schäckern, und plaudern, bis zur Morgendämmerung. Itzt kehrt' ich jauchzend nach Haus, und glaubte der erste und glücklichste Mensch auf Gottes Erdboden zu seyn. Aber bey allem dem fühlt' ichs lebhaft: Noch fehle mir – und dann wußt ich doch nicht was? Meist aber kam's, glaub ich, darauf hinaus: O könnt' ich mein Aennchen – könnt' ich dieß holde Kind doch ganz ganz besitzen – völlig völlig mein heissen – und ich sein – sein Schätzgen, sein Liebchen. Wo ich darum stuhnd und gieng, waren meine Gedanken bey ihr. Alle Wochen durft' ich eine Nacht zu ihr wandeln; die schien mir eine Minute, die Zwischenzeit sechs Jahre zu seyn. O der seligen Stunden! Da setzte es tausend und hunderterley verliebte Gespräche – da eiferten wir in die Wette, einander in Honigwörtgen zu übertreffen, und jeder neue oder alte Ausdruck galt einen neuen Kuß. – Ich mag nicht schwören – und schwöre nicht – aber das waren gewiß nicht nur die seligsten, sondern – auch die schuldlosesten Nächte meines Lebens! – Und doch – ich darf's noch einmal nicht verbergen – aber Aennchens Ruf war nicht der beßte. Dieß hatte sie ohne Zweifel ihrem freyen, geschwätzigen Mäulchen zu verdanken. Ich hingegen habe stets und immer mehr das redlichsten beßte, züchtigste Mädchen an ihr gefunden. Freylich – von jenen mannigfaltigen eigentlichen Verführer-Künsten braucht' ich, und kannt' ich wirklich keine – und doch bin ich vollkommen überzeugt, daß sie auch dergleichen siegreich widerstanden wäre.

So gieng der mir unvergeßliche Sommer des Jahrs 1755. wie eine Woche vorbey; und täglich gewann ich mein Aennchen lieber. Vor alle andern Mädels eckelte mir's, obgleich ich von Zeit zu Zeit Gelegenheit hatte, mit den artlichsten Töchtern des Lands bekannt zu werden. – Inzwischen war ich ein muntrer Salpetersieder, bald allein, bald in Gesellschaft mit jenem andern Uli, der sich noch immerfort grosse Mühe gab, mir die wunderbarsten Dinger anzukuppeln. Aber – Puh! – davon war nun keine Rede mehr, nebendem daß ich jetzt noch überall an kein Heurathen denken durfte.

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