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Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg

Ulrich Bräker: Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg - Kapitel 7
Quellenangabe
typeautobio
booktitleDer arme Mann im Tockenburg
authorUlrich Bräker
year1993
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-22662-4
titleLebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg
pages37-40
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1789
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XXII.
O der unseligen Wißbegierde.

Ich bin in meinen Kinderjahren nur wenige Wochen in die Schule gegangen; bey Haus hingegen mangelte es mir gar nicht an Lust, mich in mancherley unterweisen zu lassen. Das Auswendiglernen gab mir wenig Müh: Besonders übt' ich mich fleißig in der Bibel; konnte viele darinn enthaltene Geschichten aus dem Stegreif erzählen, und gab sonst überhaupt auf alles Achtung, was mein Wissen vermehren konnte. Mein Vater las' auch gern etwas Historisches oder Mystisches. Gerad um diese Zeit gieng ein Buch aus, der flüchtige Pater genannt. Er und unser Nachbar Hans vertrieben sich manche liebe Stunde damit, und glaubten an den darinn prophezeyten Fall des Antichrists, und die dem End der Welt vorgehnden nahen Strafgerichte, wie an's Evangelium. Auch Ich las viel darinn; predigte etlichen unsrer Nachbarn mit einer ängstlich andächtigen Miene, die Hand vor die Stirn gestemmt, halbe Abende aus dem Pater vor, und gab ihnen alles vor baare Münz aus; und dieß nach meiner eignen völligsten Ueberzeugung. Mir stieg nur kein Gedanke auf, daß ein Mensch ein Buch schreiben könnte, worinn nicht alles pur lautere Wahrheit wäre; und da mein Vater und der Hans nicht daran zweifelten, schien mir alles vollends Ja und Amen zu seyn. Aber das brachte mich dann eben auf allerley jammerhafte Vorstellungen. Ich wollte mich gern auf den bevorstehnden jüngsten Tag recht zubereiten; allein da fand ich entsetzliche Schwierigkeiten, nicht so fast in einem bösen Thun und Lassen, als in meinem oft argen Sinn und Denken. Dann wollt ich mir wieder Alles aus dem Kopf schlagen; aber vergebens, wenn ich zumal unterweilen auch in der Offenbarung Johannis oder im Propheten Daniel las, so schien mir alles das, was der Pater schrieb, vollends gewiß und unfehlbar. Und was das Schlimmste war, so verlor ich ob dieser Ueberzeugung gar alle Freud' und Muth. Wenn ich dann im Gegentheil den Aeti und den Nachbar fast noch fröhlicher sah als zuvor, machte mich solches gar confus; und kann ich mir's noch itzund nicht erklären, wie das zugieng. So viel weiß ich wohl, sie steckten damals beyde in schweren Schulden, und hoften vielleicht durch das End der Welt davon befreyt zu werden: Wenigstens hört' ich sie oft vom Neufunden Land, Carolina, Pensylvani und Virgini sprechen; ein andermal überhaupt von einer Flucht, vom Auszug aus Babel, von den Reisekosten u. dgl. Da spitzt ich dann die Ohren wie ein Haas. Einmal, erinnr' ich mich, fiel mir wirklich ein gedrucktes Blatt in die Hände, das einer von ihnen auf dem Tisch liegen ließ, und welches Nachrichten von jenen Gegenden enthielt. Das las' ich wohl hundertmal; mein Herz hüpfte mir im Leib bey dem Gedanken an dieß herrliche Canaan, wie ich mir's vorstellte. Ach! wenn wir nur alle schon da wären, dacht' ich dann. Aber die guten Männer, denk' ich, wußten eben so wenig als ich, weder Steg noch Weg; und wahrscheinlich noch minder, wo das Geld herzunehmen. Also blieb das schöne Abentheur stecken, und entschlief nach und nach von selbst. Indessen las ich immer fleißig in der Bibel; doch noch mehr in meinem Pater, und andern Büchern; unter anderm in dem sogenannten Pantli Karrer, und dann in dem weltlichen Liederbuch, dessen Titel mir entfallen ist. Sonst vergaß ich, was ich gelesen, nicht so bald. Allein mein unruhiges Wesen nahm dabey sichtbarlich zu, so sehr ich mich auf mancherley Weise zu zerstreuen suchte; und, was das Schlimmste war, so hat ich das Herz nie, dem Pfarrer, oder auch nur dem Vater hievon das Mindeste zu offenbaren.

XXIII.
Unterweisung.
(1752.)

Indessen wundert' es mich doch bisweilen sehr, wie mein Vater und der Pfarrer von diesem und jenem Spruch in der Bibel, von diesem und jenem Büchlin denke. Letztrer kam oft zu uns, selbst zu Winterszeit, wenn er schier im Schnee stecken blieb. Da war ich sehr aufmerksam auf alle Discurse, und merkte bald, daß sie meist bey Weitem nicht einerley Meinung waren. Anfangs kam's mir unbegreiflich vor, wie doch der Aeti so frech seyn, und dem Pfarrer widersprechen dürfe? Dann dacht ich auf der andern Seite wieder: Aber mein Vater und der flüchtige Pater zusammen sind doch auch keine Narren, und schöpfen ihre Gründe ja wie jener aus der gleichen Bibel. Das ging dann in meinem Sinn so hin sind her, bis ich's etwa wieder vergaß, und andern Fantaseyen nachhieng. Inzwischen kam ich in dem nämlichen Jahr zu diesem Pfarrer, Heinrich Näf von Zürich, in die Unterweisung zum H. Abendmal. Er unterrichtete mich sehr gut und gründlich, und war mir in der Seele lieb. Oft erzählt' ich meinem Vater ganze Stunden lang, was er mit mir geredet hatte; und meynte dann, er sollte davon so gerührt werden wie ich. Bisweilen that er, mir zu gefallen, wirklich dergleichen; aber ich merkte wohl, daß es ihm nicht recht zu Herzen gieng. Doch sah ich auch, daß er überhaupt Wohlgefallen an meinen Empfindungen und an meiner Aufmerksamkeit hatte. Nachwerts ward dieser Heinrich Näf Pfarrer gen Humbrechtikon am Zürichsee; und seither, glaub' ich, kam er noch näher an die Stadt. Noch auf den heutigen Tag ist meine Liebe zu ihm nicht erloschen. Viel hundertmal denk' ich mit gerührter Seele an dieses redlichen Manns Treu und Eifer; an seinen liebevollen Unterricht, welchen ich von seinen holdseligen Lippen sog, und den mein damals gewiß auch für das Gute weiche und empfängliche Herz so begierig aufnahm. – O der redlichen Vorsätze und heiligen Entschlüsse, die ich so oft in diesen unvergeßlichen Stunden faßte! Wo seyt ihr geblieben? Welchen Weg seyt ihr gegangen? Ach! wie oft seyt ihr von mir zurückgerufen, und dann leider doch wieder verabscheidet worden! – O Gott! Wie freudig gieng ich stets aus dem Pfarrhause heim, nahm gleich das Buch wieder zur Hand, und erfrischte damit das Angedenken an die empfangenen heilsamen Lehren. Aber dann war eben bald alles wieder verflogen. Doch selbst in spätern Tagen – sogar in Augenblicken, wo Lockungen von allen Seiten mir die süssesten Minen machten, und mich bereden wollten, das Schwarze sey wo nicht Weiß, doch Grau – stiegen mir meines ehemaligen Seelsorgers treugemeinte Warnungen noch oft zu Sinn, und halfen mir in manchem Scharmützel mit meinen Leidenschaften, den Sieg erringen. Was ich mir aber noch zu dieser Stunde am wenigsten vergeben kann, ist mein damaliges öfteres Heucheln, und daß ich, selbst wenn ich mir keines eigentlichen Bösen bewußt war, doch immer noch besser scheinen wollte, als ich zu seyn mich fühlte. Endlich – ich weiß es selbst nicht – war vielleicht auch das ein Tuck des armen Herzens: Daß ich z. E. oft, und zwar wenn ich ganz allein bey der Arbeit war, wirklich mit grösserer Lust etliche geistliche Lieder, die ich von meiner Mutter gelernt, als meine weltlichen Quodlibet sang – dann aber freylich allemal wünschte: Daß mich mein Vater itzt auch hören möchte, wie er mich sonst meist nur über meinem losen Lirum Larum ertappte. O wie gut wär's für Eltern und Kinder, wenn sie mehr, und so viel immer möglich, beysammen wären.

XXIV.
Neue Cameradschaft

Uebrigens hatte der Pfarrer in seinem kleinen Krynau, gedachtes Jahr 1752. neben mir nur einen einzigen Buben in der Unterweisung. Dieser hieß H. B. ein fuchsrother Erzstockfisch. Wenn ihn der Herr was fragte, hielt der Bursch' immer sein Ohr an mich, daß ich's ihm einblasen sollte. Was man ihm hundertmal sagte, vergaß er hundertmal wieder. Am H. Abend, da man uns der Gemeind vorstellte, war er vollends ganz verstummt. Ich mußte darum fast aneinander antworten, von 2. bis 5. Uhr. Im Jahr zuvor hingegen ward ein andrer Knab, J. W. unterwiesen; ein gar geschicktes Bürschlin, der die Bibel und den Catecist vollkommen inne hatte. Mit dem macht' ich um diese Zeit Bekanntschaft. Von Angesicht war er zwar etwas häßlich; die Kinderblattern hatten ihn jämmerlich zugerichtet; aber sonst ein Kind wie die liebe Stunde. Er hatte einen gesprächigen Vater, von dem er viel lernte, der aber daneben nicht der Beßte, und besonders als ein Erzlüger berühmt war. Der konnt' Euch Stunden lang die abentheurlichsten Dinge erzählen, die weder gestoben noch geflogen waren; so daß es zum Sprüchwort wurde, wenn einer etwas Unwahrscheinliches sagt:«Das ist ein W.-Lug!» Wenn er redete, rutschte er auf dem Hintern beständig hin und her. Von seinen Fehlern hatte sein kleiner J. keinen geerbt; das Lügen am allerwenigsten. Jedermann liebte ihn. Mir war er die Kron in Augen. Wir fiengen an über allerley Sachen kleine Brieflin zu wechseln, gaben einander Räthsel auf, oder schrieben uns Verse aus der Bibel zu, ohne Spezification wo sie stühnden; da mußte dann ein jeder selbst nachschlagen. Oft hielt es sehr schwer, oder gar unmöglich; in den Psalmen und Propheten zumal, wo die Verslin meist erstaunlich kurz, und viele fast gleichlautend sind. Bisweilen schrieben wir einander von allen Thieren, welche uns die liebsten seyen; dann von allerhand Speisen, welche uns die beßten dünken; dann wieder von Kleidungsstücken, Zeug und Farben, welche uns die angenehmsten wären, u.s.f. Und da bemühte sich je einer den andern an Anmuth zu übertreffen. Oft mocht' ich's kaum erwarten, bis wieder so ein Brieflin von meinem W. kam. Er war mir darin noch viel lieber als in seinem persönlichen Umgang. So dauerte es lange, bis einst ein unverschämter Nachbar allerley wüste Sachen über ihn aussprengte: Denn, obschon ich's nicht glaubte, verringerte sich nun (es ist doch wunderbar!) meine Zuneigung gegen ihn von dem Augenblick an. Ein Paar Jahre nachher (es war vielleicht ein Glück für uns beyde) fiel er in eine Krankheit, und starb. – Ein andrer unsrer Nachbarn, H. hatte auch Kinder von meinem Alter: Aber mit denen konnt' ich nichts; sie waren mir zu witznasigt, arge Förschler und Frägler. – Um diese Zeit gab mir Nachbar Joggli heimlich um 3. Kr. eine Tabackspfeife zu kaufen, und lehrte mich schmauchen. Lange mußt' ich's im Geheim thun, bis einst ein Zahnweh mir den Vorwand verschaffte, es von dieser Zeit an öffentlich zu treiben. Und, o der Thorheit! darauf bildete ich mir nicht wenig ein.

XXV.
Damalige häusliche Umstände.

Unterdessen war unsre Familie bis auf acht Kinder angewachsen. Mein Vater stack je länger je tiefer in Schulden, so daß er oft nicht wußte wo aus noch an. Mir sagte er nichts; aber mit der Mutter hielt er oft heimlich Rath. Davon hört' ich eines Tags ein Paar Worte, und merkte nun die Sache so halb und halb. Allein, es focht mich eben wenig an: Ich gieng leichtsinnig meinen kindischen Gang, und ließ meine armen Eltern inzwischen über hundert unausführbaren Projekten sich den Kopf zerbrechen. Unter diesen war auch der einer Wanderung ins Gelobte Land, zu meinem größten Verdrusse – zu Wasser worden. Endlich entschloß sich mein Vater, alle seine Habe seinen Gläubigern auf Gnad und Ungnad zu übergeben. Er berief sie also eines Tags zusammen, und entdeckte ihnen mit Wehmuth, aber redlich, seine ganze Lage, und bat sie: In Gottes Namen Haus und Hof, Vieh, Schiff und Geschirr zu ihren Handen zu nehmen, und seinetwegen ihn, nebst Weib und Kindern, bis aufs Hemd auszuziehen; er wolle ihnen noch dafür danken, wenn sie nur einmal ihn der unerträglichen Last entledigen. Die meisten aus ihnen (und selbst diejenigen welche ihm mit Treiben am unerbittlichsten zugesetzt hatten) erstaunten über diesen Vortrag. Sie untersuchten Soll und Haben; und das Facit war, daß sie die Sachen bey weitem nicht so schlimm fanden, als sie sich's vorgestellt; so daß sie ihn alle wie aus Einem Munde baten: Er soll doch nicht so kläglich thun, guten Muths seyn, sich tapfer wehren, und seine Wirthschaft nur so emsig treiben wie bisher; sie wollen gern Geduld mit ihm tragen, und ihm noch aus allen Kräften berathen und beholfen seyn: Er habe eine Stube voll braver Kinder; die werden ja alle Tag' grösser, und können ihm an die Hand gehn; was er mit diesen armen Schaafen draussen in der weiten Welt anfangen wollte? u. s. f. u. f. Allein mein Vater unterbrach sie in diesen liebreichen Aeusserungen ihres Mitleids alle Augenblick': «Nein, um Gottes Willen, Nein! – Nehmt mir doch die entsetzliche Burde ab – Das Leben ist mir so ganz erleidet! – Auf's Besserwerden hoft' ich nun schon dreyzehn Jahr vergebens. – Und kurz, bey unserm Gut hab' ich nun einmal weder Glück noch Stern. – Mit sauerm Schweiß, und so vielen schlaflosen Nächten, grub' ich mich nur immer tiefer in die Schulden hinein. – Geb wie ich's machte, da half Hausen und Sparen, Hunger und Mangel leiden, bis aufs Blut arbeiten, kurz Alles und Alles nichts. – Besonders mit dem Vieh wollt's mir durchaus nie gelingen. Verkauft' ich die Küh' um das Futter versilbern zu können, und daraus meine Zinse zu bestreiten, so hatt' ich dann mit meiner Haushaltung, die ausser dem Güterarbeiten keinen Kreuzer verdienen konnte, nichts zu essen, wenn ich gleich die halbe Losung wieder in andre Speisen steckte. – Schon von Anfang an mußt' ich immer Taglöhner halten, Geld entlehnen, und aus einem Sack in den andern schleuffen, bis ich endlich mich nicht mehr zu kehren wußte. – Noch einmal, um Gottes Willen! Da ist all mein Vermögen. Nehmt, was Ihr findet, und laßt mich nur ruhig meine Strasse ziehn. Mit meinen ältern Kindern wird's mir wohl möglich werden, uns allen ein schmales Stücklein Brod zu erwerben. Und wer weiß, was der l. Gott uns noch für die Zukunft bescheert hat!» Als nun endlich unsere Gläubiger sahen, daß mit meinem Vater anders nichts anzufangen wäre, nahmen sie das Dreyschlatt mit aller Zubehörd gemeinschaftlich zu ihren Handen, setzten einen Gildenvogt, liessen einen neuen Ueberschlag machen, und fanden wieder: Daß einmal da kein grosser Verlust herauskommen könne. Sie schenkten darum dem armen Aeti nicht allein allen Hausrath, Schiff und Geschirr, sondern baten ihn auch, bis sich ein Käufer fände, weiter auf dem Gut zu bleiben, und es im billigen Lohn zu bearbeiten. Dieser bestuhnd, nebst freyer Behausung, und Holzes genug, in der Sömmerung für acht Kühe, und Grund und Boden, zu pflanzen was und wie viel wir konnten und mochten. Itzt war meinem Vater wieder so wohl als wenn er im Himmel wäre; und was ihm noch am meisten Freud' machte, seine alten Schuldherren waren fast noch zufriedner als er, so daß von dem ersten Augenblick an keiner ihm nur nie eine saure Miene gemacht. Wir hatten ein recht gutes Jahr, und konnten, neben unsrer Güterarbeit, noch eine ziemliche Zeit fürs Salpetersieden entübrigen, das ich nun ebenfalls lernte, als mein Vater einst an einem Bein Ungelegenheit hatte, und hernach wirklich bettliegerig ward. Die Schmerzen nahmen täglich so sehr überhand, daß er eines Abends von uns allen Abschied nahm. Endlich gelang es doch dem Herrn Doktor Müller aus der Schomatten ihn wieder zu curiren; derselbe that solches nicht nur ganz unentgeldlich, sondern gab uns noch Geld dazu. Der Himmel wird es ihm reichlich vergelten. – Inzwischen zeigte sich ein Käufer zum Dreyschlatt. Wir waren im Grunde alle froh, dies Einöde zu verlassen; aber niemand wie ich, da ich hofte, das strenge Arbeiten sollt' nun einmal ein End nehmen. Wie ich mich betrog, wird die Folge lehren.

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