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Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg

Ulrich Bräker: Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg - Kapitel 28
Quellenangabe
typeautobio
booktitleDer arme Mann im Tockenburg
authorUlrich Bräker
year1993
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-22662-4
titleLebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg
pages37-40
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1789
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LXXXI.
Glücksumstände und Wohnort.

Nur Weniges bleibt mir noch übrig, und dann wird's genug seyn. Ein Häuschen und ein Gärtchen ist mein ganzes Vermögen. Eine Frau und vier Kinder, also sechs Mäuler und ein Dutzend Hände machen meinen Haushalt aus. Aber das gesunde Speisen der erstern (Kleider und anderes miteingezählt) zerrt das Produkt einer noch so muntern Arbeit der letztern beynahe völlig auf. Meinen Baumwollengewerb hab' ich schon beschrieben. Dieser ist wie ein Vogel auf dem Zweig, und wie das Wetter im Aprill. Wer sein ganzes Studium darauf wendet, und zumal die rechte Zeit abzupassen weiß, kann noch sein Glück damit machen. Aber dieß Talent in gehörigem Maasse hatt' ich nie, war immer ein Stümper, und werd' es ewig bleiben. Und doch hab' ich diese Art Handel und Wandel (die von vielen sonst einsichtsvollen Männern, welchen aber nur seine schlimme Seite auffällt, wie's mir scheint, so unschuldig verlästert wird) gleichsam von Jahr zu Jahr lieber gewonnen. Warum? Ich denke natürlich: Weil derselbe das Mittel war, durch welches mich die gütige Vorsehung, ohne mein sonderliches Zuthun, aus meiner drückenden Lage wenigstens in eine sehr leidliche emporhub. Freylich wär' ich, ohne die Rolle eines Handelsmanns zu spielen, vielleicht auch niemals so tief in jene hineingerathen? – Doch, wer weiß? Es wäre wohl gleich viel gewesen, mit welchem Berufe ich mich – läßig, unvorsichtig und ungeschickt beschäftigt hätte. Und heißt's, denk' ich, auch hier: Der Hund, der ihn biß, leckt' ihn wieder, bis er heil war. Genug, itzt liegen mir meine kleinen Geschäfte wirklich am Herzen, ich nehme mich ihrer mit allem mir möglichen Fleiß an, und denke auch meinen Sohn darinn fortfahren zu lassen, wenn er anders Lust dazu hat, und meinen Unterricht, so weit dieser reichet, annehmen will – der alles leitende Himmel ordne denn etwas anders und besseres für ihn, oder dieser Gewerb komme ganz in Verfall. Derselbe hat mich fünfzigjährigen Mann, itzt dreyssig Jahre beschäftigt. In der ersten göldenen Zeit hätt' er mir die besten Dienste gethan, wenn ich ihn verstanden, oder vielmehr ihn zu verstehen nur den rechten Willen gehabt. Auch Dato würd' ich ihn an keine andre Profession vertauschen, obwohl manche ihren Mann, wo nicht reicher doch sicherer nährt. Meine Ausgaben bemüh' ich mich einzuschränken. Meine Kinder haben's so, daß sie's besser und schlimmer auch annehmen könnten. In den Kleidern muß ich's freylich andern gleich halten; doch laß' ich sie keinen übermäßigen Aufwand machen. Sonst aber gestatt' ich ihnen, vielleicht nur gar zu gern, alles erlaubte Vergnügen, versage ihnen keine öffentliche Lustbarkeiten, gewöhnliche Trinktage, u. s. f. und habe wohl gar schon selber mit ihnen kleine, nicht wenig kostbare Reischen gemacht. Aber dann säh' ich auch herzlich gern, daß sie wacker die Hände brauchten, und auch einmal so viel Verstand bekämen, daß sie lernten, meinen und ihren Nutzen zu födern. Sonst ist, wie gesagt, ihr Vergnügen auch mein Vergnügen; und nichts kränkt mich mehr als ihre Unzufriedenheit. Auch ausser meinem Hause, und bey andern Menschen, geht es mir eben so: Ich kann keine traurige Miene sehn, und erkaufe die frohen oft aus meinem eigenen Beutel. Wenn ich schon tausend Vorsätze fasse, eigentlich ökonomisch zu handeln, geht's doch immer den alten Schlendrian – und wird weiter so gehn. Ihr seht also, meine Lieben! daß Schätze sammeln meiner ganzen Natur zuwider ist; und glaube auch nicht, daß es euch viel Nutzen brächte. Aber das ist euch nutz und gut, wenn ihr schon frühe lernt, euer bescheidenes Brodt in der Ehre der Unabhängigkeit zu erwerben. Wenn mir Gott Leben und Gesundheit fristet, werd' ich dann schon trachten, jedes so zu versorgen, wie es nach meinen Umständen möglich ist. Einem von euch wird mein artiges Häuschen zu Theil werden, dessen Lage mir itzt noch zu beschreiben übrig bleibt.

Mein Vaterland ist zwar kein Schlauraffenland, kein glückliches Arabien, und kein reitzendes Pays de Vaud. Es ist das Tockenburg, dessen Einwohner von jeher als unruhige und ungeschliffene Leuthe verschrieen waren. Wer ihnen hierinn Unrecht thut, mag's verantworten; ich müßte bey der Behauptung des Gegentheils immer partheyisch scheinen. So viel aber darf ich doch sagen: Aller Orten, so weit ich gekommen bin, hab' ich eben so grobe, wo nicht viel gröbere – eben so dumme, wo nicht viel dümmere Leuth' angetroffen. Doch wie gesagt, es gehört nicht in meinen Plan, und schickt sich nicht für mich, meine Landleuthe zu schildern. Genug, sie sind mir lieb, und mein Vaterland nicht minder – so gut als irgend einem in der Welt das seinige, und wenn er in einem Paradiese lebte. – Unser Tockenburg ist ein anmuthiges, 12. Stunden langes Thal, mit vielen Nebenthälchen und fruchtbaren Bergen umschlossen. Das Hauptthal zieht sich in einer Krümmung von Südost nach Nordost hinab. Gerade in der Mitte desselben, auf einer Anhöhe, steht – mein Edelsitz, am Fuß eines Berges, von dessen Spitze man eine trefliche Aussicht beynahe über das ganze Land genießt, die mir schon so manchmal das entzückendste Vergnügen gewährte: Bald in das mit Dörfern reich besetzte Thal hinab; bald auf die mit den fettesten Waiden und Gehölze bekleideten, und abermals mit zahllosen Häusern übersäete Anhöhen zu beyden Seiten, über welche sich noch die Gipfel der Alpen hoch in die Wolken erheben; dann wieder hinunter auf die durch viele Krümmungen sich mitten durch unser Hauptthal schlängelnde Thur, deren Dämme und mit Erlen und Weiden bepflanzten Ufer die angenehmsten Spatziergänge bilden. Mein hölzernes Häuschen liegt gerade da, wo das Gelände am allerlieblichsten ist; und besteht aus 1. Stube, 3. Kammern, Küche und Keller – Potz Tausend die Nebenstube hätt' ich bald vergessen! – einem Geißställchen, Holzschopf, und dann rings um's Häuschen ein Gärtchen, mit etlichen kleinen Bäumen besetzt, und mit einem Dornhag dapfer umzäunt. Aus meinem Fenster hör' ich von drey bis vier Orten her läuten und schlagen. Kaum etliche Schritte vor meiner Thüre liegt ein meinem Nachbar zudienender artiger beschatteter Rasenplatz. Von da seh' ich senkrecht in die Thur hinab – auf die Bleicken hinüber – auf das schöne Dorf Wattweil – auf das Städtgen Lichtensteig – und hinwieder durch's Thal hinauf. Hinter meinem Haus rinnt ein Bach herab, der Thur zu, der aus einem romantischen Tobel kömmt, wo er über Steinschrofen daherrauscht. Sein jenseitiges Ufer ist ein sonnenreiches Wäldchen, mit einer hohen Felswand begränzt. In dieser nisten alle Jahr' etliche Sperber und Habichte in einer unzugänglichen Höhle. Diese, und dann noch ein gewisser Berg, der mir um die Tag und Nacht Gleiche die liebe Sonne des Morgens eine Stunde zu lang aufhält, sind mir unter allem, was zu dieser meiner Lage gehört, allein widerlich. Beyde würd' ich gern verkaufen, oder gar verschenken. Die vertrackten Sperber zumal plagen nicht nur von Mitte Aprill bis späth in den Herbst mit ihrem Zettergeschrey meine Ohren, sondern – was noch weit ärger ist – verjagen mir die lieben Singvögelchen, daß bald kein einziges mehr in der Gegend sich einzunisten wagt. Meine Nachbarn sind recht gute ehrliche Leuthe, die ich aufrichtig schätze und liebe. Freylich läuft bisweilen auch ein andrer mitunter, wie überall. Innige Freunde, mit denen man Gedanken wechseln und Herzen tauschen kann, hab' ich in der Nähe keine. Dieß ersetzen mir meine platonischen Geliebten in meinem Stübchen. Im Frühlinge liegt mir der Schnee auch ein Bißchen zu lang in meinem Gärtchen. Aber ich fange einen Krieg mit ihm an, zerfetze ihn zu kleinen Stücken, und werfe ihm Asche und Koth auf die Nase; dann verkriecht er sich in die Erde, so daß ich noch mit den Frühesten gärtnen kann. Und überhaupt macht mir dieß kleine Grundstück viel Vergnügen. Zwar ist die Erde ziemlich grob und ungeschlacht, obgleich ich sie schon an die fünf und zwanzig Jahre bearbeitet habe: Dem ungeachtet giebt das Ding Kraut, Kohl, Erbsen, und was ich immer auf meinen Tisch brauche, zur Genüge; mitunter auch Bluhmwerk, und Rosen die Fülle. Kurz, es freut mich so wohl als manchen Fürsten alle seine Babylonische Gärten. – Sag' also, Bube! ist unser Wohnort nicht so angenehm, als je einer in der Welt? Einsam, und doch so nahe bey den Leuthen; mitten im Thal, und doch ein wenig erhöht. Oder geh' mir einmal im Maymond auf jenen Rasenhügel vor unserer Hütte. Schau durch's buntgeschmückte Thal hinauf; sieh', wie die Thur sich mitten durch die schönsten Auen schlängelt; wie sie ihre noch trüben Schneewasser gerade unter deinen Füssen fortwälzt. Sieh', wie an ihren beyden Ufern unzählige Kühe mit geschwollnen Eutern im Gras waden. Höre das Jubelgetön von den grossen und kleinen Buschsängern. Ein Weg geht zwar an unsern Fenstern vorbey; aber der ist noch nichts. Sieh' erst jenseits der Thur jene Landstrasse mitten durch's Thal, die nie lär ist. Sieh' jene Reihe Häuser, welche Lichtensteig und Wattweil wie zusammenketten. Da hast du einigermaassen, was man in Städten und auf dem Lande nur haben kann. Ha! (sagst du vielleicht) Aber diese Matten und Kühe sind nicht unser! – Närrchen! freylich sind sie – und die ganze Welt ist unser. Oder wer wehrt dir, sie anzusehn, und Lust und Freud' an ihnen zu haben? Butter und Milch bekomm' ich ja von dem Vieh, das darauf weidet, so viel mir gelüstet; also haben ihre Eigenthümer nur die Mühe zum Vortheil. Was braucht' es, jene Alpen mein zu heissen? Oder jene zierlich prangenden Obstbäume? Bringt man uns ja ihre schönsten Früchte in's Haus! Oder jenen grossen Garten? Riechen wir ja seine Blumen von weitem! Und selbst unser eigener kleiner; wächst nicht alles darinn, was wir hinein setzen, pflegen und warten? – Also, lieber Junge! wünsch' ich dir, daß du bey all' diesen Gegenständen nur das empfinden möchtest, was ich dabey schon empfunden habe, und noch täglich empfinde; daß du mit eben dieser Wonne und Wollust den Höchstgütigen in allem findest und fühlest, wie ich ihn fand und fühlte – so nahe bey mir – rings um mich her, und – in mir; wie er dieß mein Herz aufschloß, das er so weich und so fühlend schuf. Lieber, lieber Knabe! Beschreiben kann ich's nicht. Aber mir war schon oft, ich sey verzückt, wenn ich all' diese Herrlichkeit überschaute, und so, in Gedanken vertieft, den Vollmond über mir, dieser Wiese entlang hin und hergieng; oder an einem schönen Sommerabend dort jenen Hügel bestieg – die Sonne sinken – die Schatten steigen sah – mein Häusgen schon in blauer Dämmerung stand, die schwirrenden Weste mich umsäuselten – die Vögel ihr sanftes Abendlied anhuben. Wenn ich dann vollends bedachte: «Und dieß alles vor dich, armer, schuldiger Mann»? – Und eine göttliche Stimme mir zu antworten schien: «Sohn! dir sind deine Sünden vergeben». O! wie da mein Herz in süsser Wehmuth zerschmolz – wie ich dem Strohm meiner Freudenthränen freyen Lauf ließ, und alles rings um mich her – Himmel und Erde hätte umarmen mögen – und noch selige Träume der folgenden Nacht mein gestriges Glück wiederholten.

Seht, meine Lieben! Das ist meine Geschichte bis auf den heutigen Tag. Könftig, so der Herr will und ich lebe, ein Mehrers. Es ist ein Wirrwarr – aber eben meine Geschichte.

Gott verzieh' mir's, wo ich, selbst ohne mein Wissen, irgend ein unwahres Wort schrieb! –

Jesu Blut tilge meine Schulden, die ich verhehlte, und die ich gestuhnd!

Beßter Vater im Himmel! Dir, und dir allein, sey der Rest meiner Tage geweiht!

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