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Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg

Ulrich Bräker: Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg - Kapitel 27
Quellenangabe
typeautobio
booktitleDer arme Mann im Tockenburg
authorUlrich Bräker
year1993
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-22662-4
titleLebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg
pages37-40
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1789
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LXXX.
Von meiner gegenwärtigen Gemüthslage.
Item von meinen Kindern.

Auch darüber find' ich mich gezwungen, die reine Wahrheit zu sagen; Zeitgenossen und Nachkömmlingen mögen daraus schliessen was sie wollen. Noch such' ich mich nämlich sogar zu bereden, jene fantastischen Hirnbruten seyen am End ganz unsündlich – weil sie unschädlich sind. Sicher ist's, daß ich damit keine menschliche Seele beleidige. Ob dann aber sonst das selbstgefällige Nachhängen sonderbarer Lieblingsideen die schwarzen Farben verdienen, womit ohne Zweifel strenge Orthodoxen sie anstreichen dürften, weiß ich nicht. Ob hinwieder mein guter Vater im Himmel meine Thorheiten so ansehe, wie's die Menschen thun würden, wenn mein ganzes Herz vor ihren Augen offen an der Sonne läge, daran erlaube man mir zu zweifeln. Denn Er kennet mich ja, und weißt was für ein Gemächt ich bin. – Bemüh' ich mich doch wenigstens, immer besser – oder weniger schlimm zu werden. Wenn ich z. B. seit einiger Zeit so meine Strasse ziehe, und noch itzt bisweilen heimlich wünsche, daß ein Kind meiner Fantasie mir begegnen möchte – und ich mich denn dem Plätzchen nähere, wo ich darauf stossen sollte – und es ist nicht da – Wie bin ich so froh! – Und doch hatt' ich's erwartet. Wie reimt sich das? Gott weiß es; Ich weiß es nicht; nur das weiß ich, daß ich's Ihm danke, daß es mich auf sein Geheiß ausweichen mußte. – Einst stuhnd wirklich eine solche Geburth meiner Einbildungskraft – und doch gewiß ohne mein Zuthun da, gerade auf der Stelle, die ich im Geist ihm bestimmt hatte. Himmel, wie erschrack ich! Zwar näherte ich mich demselben; aber ein Fieberfrost rannte mir durch alle Adern. Zum Unglück oder Glück stuhnden zwey böse Buben nahe bey uns, kickerten und lachten sich Haut und Lenden voll; und noch auf den heutigen Tag weiß ich nicht, was ohne diesen Zufall aus mir geworden wäre. Ich schlich mich davon, wie ein gebissener Hund. Die Buben pfiffen mir nach, so weit sie mich sehen konnten. Ich brannte vor Wuth. Ueber wen? Ueber mich selbst – und übergab meine Sinnlichkeit dem T** und seiner Großmutter zum Gutenjahr. In diesem Augenblick hätt' ich mir ein Ohr vom Kopf für den verwünschten Streich abhauen lassen. Bald nachher erfuhr ich, daß, da man mich wegen meinem unschenirten Wesen im Verdacht hatte, diese Falle mir mit Fleiß gelegt worden; und daß jene Bursche ausgesagt, sie hätten mich so und so ertappt. Das Gemürmel war allgemein. Meine Feinde triumphirten. Meine Freunde erzählten's mir. Ich bat sie ganz gelassen, zu sehen, daß sie mir nur die stellten, welche so von mir reden. Aber es getraute sich niemand. Gleichwohl zeigte man mit Fingern auf mich. Diese Wunde hat mich bey Jahren geschmerzt, und ist noch auf den heutigen Tag nicht ganz zugeheilt. Aber, Gott weiß! wie dienstlich sie mir war. In der ersten Wuth meiner gekränkten Ehrliebe hätt' ich die Buben erwürgen mögen; nachwerts dankt' ich noch meinem guten Schutzgeist, der sie hergeführt hatte, sonst wär' ich vielleicht dieser Versuchung nicht widerstanden. Ein Freund (der mich wohl ebenfalls in falschem Verdacht hatte) rieth mir, könftig diese Strasse nicht mehr zu brauchen. Hierinn aber folgt' ich ihm nicht, sondern gieng gleich meiner Wegen fort, und sah denen die mir begegneten herzhaft und scharf in die Augen, als wenn ich ihre Gedanken errathen könnte. Und so hab' ich wirklich nach und nach alle die Leuthe kennen gelehrt, die sich mit jenem Gerücht befasset hatten; und wurde mir vollends einer nach dem andern genannt, von dem ersten Aussager an bis auf den letzten; wie, und mit welcher Vergrösserung man sich's ins Ohr bot, u. s. f.

Uebrigens hat sich seit der Zeit meine Denkart in so weit geändert, daß mich bey ferne nichts mehr so stark angriff wie ehmals, und jene Grillen, die mir einst so unbeschreiblich viel Angst machten, merklich ins Abnehmen geriethen, und ich wenigstens mir nur nicht mehr träumen ließ, daß die Erfüllung meiner oft so fantastischen Wünsche mir irgend woher zufliessen sollte, als aus der Hand der gütigen Vorsehung. Von jeder andern wäre das größte Glück mir fürchterlich vorgekommen. Freylich lagen dann in meiner Einbildungskraft hundert und hundert verschiedene Mittel, wie ich dazu gelangen könnte. – Auch die häufigen Vorwürfe meiner Frau griffen mich itzt nicht mehr so stark an. Ich bin derselben gewöhnt; weiß daß diese ihre Verfahrungsweise nun einmal ganz in ihre Natur verwebt ist; lasse ihre immerwährende Predigten zum einten Ohr ein und zum andern wieder aus, ohne darum minder in der Stille zu prüfen, was allenfalls daran begründet seyn mag, und solches zu meinem Beßten zu benutzen. – Wie gesagt, nicht daß ich mir selbst auf den heutigen Tag meine Schlauraffen-Ländereyen total möchte entreissen lassen; vielmehr gewähren sie mir alten Thoren auch itzt noch vielfaches Vergnügen. Aber ich lache mich dann doch selber wieder aus, trachte wenigstens immermehr diese Narretheyen zu verachten, und suche dafür mich an der Rückerinnerung meiner ersten unschuldigen Jugendjahre zu ergötzen. Aber da steht wieder eine Klippe auszuweichen: Daß mich nämlich diese Rückerinnerung nicht unzufrieden mache mit den allmählig anrückenden Tagen, von denen man sonst spricht: Sie gefallen uns nicht. Und das Mittel dazu ist kurz dieses: Daß ich mich bemühe, so viel es je ohne Verletzung des Wohlstands seyn kann, auch dieselben mir so angenehm wie möglich zu machen, und allen mir etwa widrigen Begegnissen mit kaltem Blut unter die Augen zu treten. Damit mich aber die mancherlei Zufälle des Lebens desto minder aus meiner Fassung bringen, bestreb' ich mich freylich sorgfältiger als noch nie, so zu wandeln, daß mir wenigstens mein Gewissen keine Vorwürfe mache, daß durch meine Schuld etwas versäumt worden – und mich gegen alle meine Nebenmenschen, besonders aber gegen die Meinigen, so zu betragen, daß keine Seele sich mit Recht über mich zu beschweren habe. Also laß ich z. B. Im Handel und Wandel, und überhaupt in Worten und Werken, immer lieber andern den Längern, und ziehe selber den Kürzern, und mache dadurch, daß jeder gern mit mir zu thun hat. Auch genieß' ich das Glück, bey einigen Neidern ausgenommen, überall wohlgelitten zu seyn. Zu meiner Gesundheit, welche ich, dem Höchsten sey's gedankt! in höherm Maaße genieße, als in jüngern Jahren nie, trag' ich ebenfalls mehrere Sorge als ehedem. In meiner Jugend ward ich lange Zeit von Flüssen geplagt. Kopf- und Zahnschmerzen, allerley Geschwüre, und ein scharfes Geblüt, waren mir, so zu sagen, wie angeerbt; durch den Genuß hitziger Speisen und Getränke, die ich ungemein liebte, genährt; und plagen mich noch bis zu dieser Stunde, ob ich itzt gleich eine ziemlich genaue Diät beobachte. Zweymal in meinem Leben war ich gefährlich krank. Itzt ist mir die Gesundheit ein köstlich Gut, und die edelste Gabe des Höchsten, weiche ich mit der eifersüchtigsten Sorgfalt bewahre. Sorgen der Nahrung laß' ich mich wenig anfechten, und meinem Brodtkorbe nachzudenken raubt mir nicht viele Zeit. Was mich am meisten beunruhigt, sind meine Jungen. Diese schweben mir täglich vor Augen, und ich sehe mich in ihnen, von meiner ersten Kindheit an, wie in einem Spiegel. Alle Vergehungen, die ich gegen meine Eltern begangen, muß ich von ihnen an mir gerochen sehn. Auch wie ich mich an meinen Brüdern und Schwestern verfehlt, gewahr' ich mit Betrübniß, daß sie's nunmehr eben so gegen einander üben. Freylich auch meine bessere Seite find' ich wieder an ihnen; und alles zusammengenommen hat die Freude an meinen Kindern mir meinen Ehestand vornämlich erträglich gemacht.

Ohne Kinder, weiß ich nicht, was aus mir geworden wäre; und ich hab' es meiner Frau vorhergesagt, daß, wenn wir das Unglück hätten, keine zu bekommen, ich meiner Noth kein End' wüßte. Aber mein Wunsch ward erfüllt. Ich bin mit sieben Kindern gesegnet worden. Die beyden ältesten, für welche ich die größte Zärtlichkeit hegte, wurden mir durch den Tod entrissen. Dieß setzte mich Anfangs zwar in grosse Betrübniß; aber bey ruhigerm Nachdenken war's noch eher ein Trost für mich, daß der gütige Vater aller Menschen diese meine Lieben gerade in den Tagen zu sich genommen, welche die traurigsten waren, die ich erlebt habe, und in denen ich nicht die geringsten Aussichten hatte, daß ich diese theuern Früchte wohl erziehen und versorgen könnte. Damals hätt' ich sogar auch die andern noch gern heim zu ihrem himmlischen Berather reisen gesehn, so weh' es mir gethan. Jene waren zwey Herzensschäfchen; und wollte Gott! daß sich ihre Gutherzigkeit auf die Zurückgebliebenen fortgeerbt hätte. Meine Frau gebahr von allen sieben keins hart, und kam bey allen glücklich davon. Aber desto strenger waren allemal die Anfänge der Schwangerschaft. Sonst genoß sie überhaupt in der Ehe einer dauerhaftern Gesundheit als im ledigen Stand. Auch brachte sie mir lauter wohlgebildete Nachkommen zur Welt. Einige indessen mögen gewisse Gebrechen von ihr geerbt haben; wie z. B. neben den zwey frühe Verbliechenen, mein Sohn Jakob, der, ob er gleich schön gerade in die Höhe wächst, dennoch nie recht gesund ist. Sie war eine sorgfältige, obgleich nicht eben zärtliche Mutter. Unsagliche Mühe, rastlose Tage und schlaflose Nächte kostete ihr die Plage der Kleinen und die Erziehung der Größern. Ich gieng ihr aber so viel möglich an die Hand, und vertrat mit Kochen und Waschen, Wasser- und Holztragen, ordentlich Kindermagdsstelle; und zwar mit vielem Vergnügen. Manch' hundert Stunden hab' ich meine Jungen auf dem Arm getragen, geherzt, gewiegt u. s. f. und zumal die zwey Verstorbenen auf meinen Knieen mit inniger Wollust lesen und schreiben gelehrt. Da die andern viel stockiger waren, fieng's mir an zu verlaiden, und ich jagte sie in die Schule.

Nun, ihr meine Lieben! die ihr noch lebet, so lang der Herr will, laßt mich euch beschreiben der Reihe nach, so wie ihr mir vorkömmt, und mein, gewiß nicht hartes, Vaterherz von euch urtheilt. Die dunkele Zukunft sogar, wenn's in meiner Macht stühnde, möcht' ich euch prophezeyen! – So will ich euch wenigstens meine Muthmaaßungen von den Folgen euers Verhaltens, so wie es sich aus euern Charackteren schliessen läßt, nicht verhehlen. Wollte Gott! ich könnt' euch mit Wahrheit sagen, ihr hättet die guten Eigenschaften eurer Mutter und die bessere Seite euers Vaters geerbt. Aber ich muß mit Wehmuth sehen, daß ein Gemisch von ihr und mir – und leider vom schlimmern Theil – ein Gemisch von ihrem cholerischen Blute und meinen sinnlichen Säften, in euern Adern rollt. Ich finde mich lebendig in euch, und das Bild eurer Mutter nicht minder. Ich bin euer Vater. Ihr seht mir nach den Augen, wenn eure Mutter euch etwa auf eine allzuungestümme Art zu Erstattung eurer Pflicht anhalten will; und ich muß deswegen viele Vorwürf' anhören, als nähm' ich immer eure Parthey. Nun, ich kann nicht helfen! – Aber Gott weiß – und ihr müßt Zeugen seyn, daß es nicht so ist. Wohl möcht' ich die übertriebenen Foderungen um etwas herabstimmen. Aber da läßt sich nun nichts ändern. Ich kann sagen was ich will, da hilft nichts. Sie ist eure Mutter – hat jedes von euch neun Monath' unterm Herzen getragen – mit Schmerzen gebohren, und mit unbeschreiblicher Arbeit und Sorgfalt erzogen. Bedenkt's, meine Lieben! Und dann meint sie's gewiß am End herzlich gut mit euch – möcht' euch gewiß alle, so gut als ich, recht glücklich machen – obschon euch die Art und Weise wie sie's anstellt, nicht recht gefallen will – und mir auch nicht. Sie irrt in Manchem – und Ich auch – und Ihr seyt gar noch junge unwissende Tröpfe! – Ich, Ich selbst habe nun aus fünf und zwanzig jähriger Erfahrung gefunden, daß mir eine solche Zucht, wie die ihrige, heilsam ist; wie viel mehr noch werdet Ihr bey reiferm Verstand einsehen lernen, wie gut es euch war, diese und keine andre Mutter zu haben! Betet auch dießfalls um frühe Weisheit, und sie wird euch gegeben werden. Beherzigt das fünfte Gebot, und sucht alle alle Sprüch' in der Bibel auf, wo euer Vater im Himmel euch die Pflichten gegen eure irrdischen Eltern so ernsthaft einschärft! – Ich meines Theils könnt' an euch manche Unart, manche Widerspenstigkeit wohl verschmerzen – und glaubte eben nicht, wie eure Mutter, daß euer Wille sich in allen Stücken ganz dem meinigen unterwerfen müßte – wenn ihr dadurch nur glücklicher würdet. – Aber, es ist gerade das Gegentheil, und mir wahrlich allein um euer Wohl zu thun. An Euch selbst handelt ihr sehr übel. Jeder Ungehorsam muß wieder an euch gerochen werden – haarklein, in dieser oder in jener Welt. Glaubt mir's, ich weiß es aus Erfahrung. Also noch einmal, als euer zärtlicher Vater bitt' ich euch – denn befehlen würde wenig helfen – um eurer selbst, um eurer zeitlichen und ewigen Wohlfarth willen: Liebet und ehrt eure Mutter! Sie hat's an euch wohl verdient. Und wenn sie auch je nach eurer Meinung zu viel von euch fodert, denke nur ein jedes immer: «Sie darf es; ich bin ihr grosser Schuldner, und wenn ich schon unmöglich alle ihre Befehle befolgen kann, will ich doch das Mögliche thun; will ihr wenigstens nicht ins Angesicht widersprechen, nicht widerbefzgen, nie mit ihr zanken und das letzte Wort haben wollen. Lieber will ich auf die Seite gehn, mein Herz prüfen, und mich fragen: Ist's nicht itzt itzt gerade die rechte Zeit, daß ich lerne gehorchen, damit ich einst desto vernünftiger befehlen könne». Denn die Ursache, warum so viele Eltern und Herrschaften ihren Kindern und Untergebnen so läppisch befehlen, ist gewiß keine andre, als daß sie sich nicht frühe ans gehorchen gewöhnt. – Also nur kein solch höllisches Gesicht, kein Greinen und kein Grunzen, meine Söhn' und Töchter! wenn schon etwa ein kleiner oder grösseres Wetter über euch geht. Es steht euch durchaus nicht zu, die Uebereilungen euers Vaters und die Schwachheiten eurer Mutter zu necken oder zu rügen. Und wenn's euch zustühnde, was hölf' es euch! Was hat je, auf Schelten, das Widerschelten vor Nutzen gebracht? Wohl erzeugt's tagtäglich so viele tausend elende Lust- oft sogar jämmerliche Trauerspiele auf Erde, daß der Teufel und alle seine Gesellen schon darüber mit Händeklatschen genug zu thun haben.

Und nun wend' ich mich noch an jedes aus euch insbesonders.

Anna Catharina! Dein frecher, wildaufbrausender Charackter macht mich oft sehr besorgt für dich. Hingegen dein theilnehmendes, gefühlvolles Herz freut mich in der Seele, so oft ich eine kleinere oder grössere Probe davon sehe oder erfahre. – Aber, deine Unbiegsamkeit kann dich noch theuer zu stehen kommen. Du wirst das Schicksal deiner Mutter haben, wenn dich das nämliche Loos im Heyrathen tritt; tritt dich aber ein anderes, ein Mann von einer dir ähnlichen Gemüthsart – O Wehe! da wird's happern. Bewahre übrigens nur deine Unschuld wie deine Gebährerin, so wird die Vorsehung schon für dich sorgen, und dir verordnen, was du verdienst – oder vielmehr, was dir gut ist.

Johannes, mein älterer Sohn! O daß du den Charackter deines seligen Brüderchens ererbt hättest, wie einst Elisa des Elias Mantel. Ich kenne mich nur halb in dir, so wie ich hingegen deine Mutter ganz in meiner obigen Tochter finde. Deine unfeste, wankelmüthige Denkungsart – wenn es je eine Denkungsart heissen kann – würd' mir oft angst und bange machen, wenn ich nicht schon längst gewohnt wäre, alles einer höhern Hand anheimzustellen. Also meine Vaterliebe läßt mich ein Besseres hoffen. Aber du hättest gute Anlage, ein Taugenichts und Wildfang zu werden. Bald auffahrend, bald wieder gut und nachgiebig; aber niemals herzfest. Wenn dir eine Gehülfin bescheert ist, die dich zu leiten weiß, so kann's noch leidentlich gehn; wo nicht, so leite dich Gott! – Eins hab' ich mir gemerkt, und das freut mich. Du machst's wie jener, der immer sagte: Nein, ich thu's nicht! und dann hingieng, und's that. Aber keine Unze Geschmack am Lesen und allem was gründliches Erkennen und Wissen heißt – es müßten denn Mord- und Gespenstergeschichten, oder andre Abentheuer seyn. Uebrigens ein nimmer satter Alltagsplauderer. Ich wünsche, daß ich mich irre – Aber, aber!

Jakob, mein zweyter Sohn! in dem ich mich oft wie in einem Spiegel sehe, wenn schon unsre Erziehung sehr ungleich war. Ich wurde rauh und hart, in einer wüsten Einsamkeit gebildet; du hingegen unter den Menschen, in einer mildern Gegend, und, weil du immer kränkeltest und oft dem Tod nahe warest, weich und zärtlich. Hätt' ich Vermögen, das Nöthige auf dich zu verwenden, glaubt' ich, daß etwas aus dir werden könnte, wenn ich anders auf eine dauerhaftere Gesundheit bey dir zählen dürfte. Dein Bruder würde sich übrigens eher zu roher Arbeit, du dich zu allerley Tändeleyen schicken, wo man mehr den Kopf als die Hände gebrauchen muß. Aber ich muß eben alle meine Kinder bey meinem Gewerb anstellen, und kann nicht jedes thun lassen, was es will. Sonst hoff' ich, du werdest dereinst noch Geschmack am Denken, Lesen und Schreiben finden, ungefähr wie dein Vater; obschon du noch zur Zeit den mir verhaßten Hang nährest, von einem Haus zum andern zu laufen, um allerhand unnützes Zeug zu erfragen oder zu erzählen. Aber deines Broderwerbs halber bin ich sehr verlegen. Doch wenn du deinen Kopf brauchst, und dem Herrn, der dich schon mehrmals dem Rachen des Todes entriß, weiter deine Wege befiehlst, wird er's schon machen.

Susanna Barbara, meine zweyte Tochter. Du flüchtiges, in allen Lüften schwebendes Ding! Wärst du das Kind eines Fürsten, und gerieth'st darnach unter Hände, so könnte ein weibliches Genie aus dir werden. Dein Falkenaug macht dich verhaßt unter deinen Geschwistern, wenn du's schon nicht böse meinst. Dein empfindsames Herz leidet Schaden unter so viel spitzigen Zungen; und das donnernde Gelärm deines rohen Hofmeisters macht dich erwilden. Ach! ich fürchte, allzufrüh erwachende Leidenschaften, und dein zarter Nervenbau, werden dir noch Schmerzen genug verursachen!

Anna Maria, meine jüngste Tochter, meine letzte Kraft, mein Kind – noch das einzige das mich herzt, und an das ich hinwieder meine letzte Liebe verschwende! Still und verschlagen, das gesetzteste unter allen bist du – kleine Anfälle von boshaften Neckereyen und Stettköpfigkeit ausgenommen. Du, mein Täubchen, schwätz'st immer minder als du denkst. Ich trau dir's zu, eine gute Hausmutter zu werden, wenn anders die Vorsehung dich dazu bestimmen will.

Nun, meine Kinder! Dieß sind itzt übrigens nur so kleine hingeworfene Züge von euch. Keines zürne es, keines werde eifersüchtig auf's andre. Meine Vaterliebe erstreckt sich gewiß auf euch alle; von allen läßt sie mich noch immer das Beßte hoffen. Wahr ist's, bey allen seh' ich Unarten genug, die meine Liebe geneigt ist, zuzudecken; aber auch an jedem bemerk' ich löbliche Eigenschaften, und bemühe mich mehrere auszuspähen und anzufachen, wo nur ein gutes Fünkgen verborgen ist.

Beßter, gütigster Vater im Himmel! Vater der Kleinen und der Grossen! Dir, Guter über alle Guten! befehl' ich meine Kinder und Nachkommen in Zeit und Ewigkeit!

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