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Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg

Ulrich Bräker: Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg - Kapitel 26
Quellenangabe
typeautobio
booktitleDer arme Mann im Tockenburg
authorUlrich Bräker
year1993
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-22662-4
titleLebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg
pages37-40
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1789
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Daß ich in meiner obigen Geschichte über die allerernsthaftesten Scenen meines Lebens – Wie ich an meine Dulcinea kam – ein eigen Haus baute – einen Gewerb anfieng, u. s. f. so kurz hinweggeschlüpft, kommt wahrscheinlich daher, daß diese Epoche meines Daseyns mir unendlich weniger Vergnügen als meine jüngern Jahre gewährten, und darum auch weit früher aus meinem Gedächtniß entwichen sind. So viel weiß ich noch gar wohl: Daß, als ich auch im Ehestand mich betrogen sah, und statt des Glücks, das ich darinn zu finden mir eingebildet hatte, nur auf einen Haufen ganz neuer unerwarteter Widerwärtigkeiten stieß, ich mich wieder aufs Grillenfängen legte, und meine Berufsgeschäfte nur so maschienenmäßig, lästig und oft ganz verkehrt verrichtete, und mein Geist, wie in einer andern Welt, immer in Lüften schwebte; sich bald die Herrschaft über goldene Berge, bald eine Robinsonsche Insel, oder irgend ein andres Schlauraffenland erträumte, u. s. f. Da ich hiernächst um die nämliche Zeit anfieng, mich aufs Lesen zu legen, und ich zuerst auf lauter mystisches Zeug – dann auf die Geschichte – dann auf die Philosophie – und endlich gar auf die verwünschten Romanen fiel, schickte sich zwar alle dieß vortreflich in meine idealische Welt, machte mir aber den Kopf nur noch verwirrter. Jeden Helden und Ebentheurer alter und neuer Zeit macht' ich mir eigen, lebte vollkommen in ihrer Lage, und bildete mir Umstände dazu und davon wie es mir beliebte. Die Romanen hinwieder machten mich ganz unzufrieden mit meinem eigenen Schicksal und den Geschäften meines Berufes, und weckten mich aus meinen Träumen, aber eben nur zu grösserm Verdruß auf. Bisweilen, wenn ich denn so mürrisch war, sucht' ich mich durch irgend eine lustige Lektur wieder zu ermuntern. Alsdann je lustiger, je lieber; so daß ich darüber bald zum Freygeist geworden, und dergestalt immer von einem Extrem ins andre fiel. In dieser Absicht bedaur' ich die Gefehrtin meines Lebens von Herzen. Denn so wenig Geschmack ich an ihr fand, so hatte sie doch noch viel mehr Ursache, keinen an mir zu finden. Dennoch war ihre Neigung zu mir stark, obgleich nichts weniger als zärtlich. Ein Betragen ganz nach ihrem Geschmack, meine Unterwürfigkeit und Liebe zu ihr, das alles wollte sie von dem ersten Tag' an erproben und erpoltern – und macht's heute mit mir und meinen Jungen noch eben so – und wird es so wenig lassen, als ein Mohr seine Haut ändern kann. Und doch ist dieß, wie ich's nun aus Erfahrung weiß, gewiß das ganz unrechte Mittel, einen an das Joch zu gewöhnen. Inzwischen flossen meine Tage so halb vergnügt, halb mißvergnügt dahin. Ich suchte mein Glück in der Ferne und in der Welt – mittlerweile es lange ganz nahe bey mir vergebens auf mich wartete. Und noch itzt, da ich doch überzeugt bin, daß es nirgends als in meinem eigenen Busen wohnt, vergeß ich nur allzuoft, dahin – in mich selbst zurückzukehren – flattre in einer idealischen Welt herum, oder wähle in dieser gegenwärtigen falsche, Eckel und Unlust erweckende, Scheingüter ausser mir. Was Wunder also, daß ich, nach meinem vorbeschriebenen Verhalten, mich immer selber ins Gedränge brachte, und mich zumal in eine Schuldenlast vertiefte, in der ich beynahe verzweifeln mußte. Freylich seh' ich itzt wohl ein, daß auch mein dießfälliges Elend mehr in meiner Einbildung als in der Wirklichkeit bestuhnd, und mein Falliment, da ich am tiefsten stack, doch nie beträchtlich gewesen, und nicht über 700. höchstens 800. fl. an mir wären eingebüßt worden. Und doch hab' ich vor- und nachher Banqueroute von so viel Tausenden mit kaltem Blut spielen gesehn. Zudem waren meine Gläubiger gewiß nicht von den strengsten, sondern noch vielmehr von den allerbesten und nachsichtigsten, wenn mich gleich der eint- und andre ein Paarmal ziemlich roh anfuhr. Eben so sicher ist's freylich, daß, wenn ich meiner Frauen Grundsätze befolgt, ich nie in dieß Labyrinth gerathen wäre. Ob aber unter andern Umständen, und wenn ich eine anders organisirte Haushälfte gehabt, oder dieselbe mich anders geleitet – mir entweder freye Hände gelassen, oder doch meinen Willen und Zuneigung auf eine zärtlichere Art zu fesseln gewußt, es je so weit mit mir gekommen wäre, ist dann wieder eine andre – Frage? Einmal ganz und gar in ihre Maximen einzutreten, war mir unmöglich. Bey mehrerer Freyheit hingegen (denn mit Gewalt mocht' auch Ich meine Authorität lange nicht zeigen) hätt' ich wenigstens meiner Geschäfte mich mehr angenommen, mehr Eifer und Fleiß, und kurz alle meine Leibs- und Seelenkräfte besser auf meinen Gewerb gewandt. Da mir aber Zanken und Streit in Tod zuwider, und etwas mit dem Meisterstecken durchzusetzen, auch nicht meine Sache war – wenn's zumal den zeitlichen Plunder betraf, der mir so vieler Mühe nie werth schien – so ließ ich's eben bleiben. Schon damals hatten geistige Beschäftigungen weit mehr Reitze für mich. Und da meine Dulcinea ohnehin alles in allem seyn wollte, sie mich in allem tadelte, und ich ihr mein Tage nichts recht machen konnte, so wurd' ich um so viel verdrüßlicher, und dachte: Ey! zum **, so mach's Du! ich kenne noch andre Arbeit, die mir unendlich wichtiger erscheint. Da hatt' ich nun freylich Unrecht über Unrecht; denn ich erwog nicht, daß doch zuletzt alle Last auf den Mann fällt – ihn bey den Haaren ergreift, und nicht das Weib. Hätt' ich nur, dacht' ich denn oft, eine Frau, wie Freund N. Der ist sonst, ohne Ruhm zu melden, ein Lapp wie ich, und hätte schon hundert und aber hundert Narrenstreiche gemacht, wenn nicht sein gescheidtes Dorchen ihn auf eine liebevolle Art zurückgehalten – und das alles so verschmitzt, nur hinten herum, ohne ihn merken zu lassen, daß er nicht überall Herr und Meister sey. O wie meisterlich weißt sich die nach seinen Launen zu richten, die guten und die bösen zu mässigen (Denn in den beßern ist er übertrieben lustig, in den übeln hingegen ächzt er wie eine alte Vettel, oder will alles um sich her zerschmettern) daß ich oft erstaunt bin, wie so ein Ding vor Weibchen eine so unsichtbare Gewalt über einen Mann haben, und, unterm Schein ganz nach seinem Gefallen zu leben, ihn ganz zu Diensten haben kann. Aber ein derley Geschöpf ist eben ein rarer Vogel auf Erde; und selig ist der Mann, dem ein solch Kleinod bescheert ist, wenn er's zumal gehörig zu schätzen weiß. Und Freund N. schätzt das seinige himmelhoch, ohn' es doch recht zu kennen. Sie lobt ihm alles; und wenn ihr etwas auch noch so sehr mißfällt, heißt es nur mit einem holden Lächeln: «Es mag gut seyn; aber ich hätt's doch lieber so und so gesehn. Schatze! Mir zu gefallen mach's auf diese Art». Nie hab' ich ein bitter Wort oder eine böse Miene gegen ihn bemerkt, auch nie von andern vernommen, der diese gesehen oder jenes gehört hätte. Obgleich nun übrigens freylich ein solcher Zeisig bisweilen mich etwas lüstern, und der Contrast zwischen ihr und meiner Bethesgenoßin, nicht selten ein wenig düster gemacht, war ich doch im Grund des Herzens mit meinem Loos nie eigentlich unzufrieden, fest überzeugt, mein guter Vater im Himmel habe auch in dieser Rücksicht – denn warum in dieser allein nicht? – die beßte Wahl getroffen. Ist's ja doch offenbar, daß gerade eine solche Hälfte und keine andre es seyn mußte, die meiner Neigung zu allen Arten von Ausschweifungen Schranken setzte. Solch ein weiblicher Poldrianus sollte mir das Lächerliche und Verhaßte jeder allzuheftigen Gemüthsbewegung – wie die lacedämonischen Sklaven den Buben ihrer Herren das Laster der Trunkenheit – in Natura zeigen, und dergestalt Ein Teufel den andern austreiben. Solch eine karge Sparbüxe müßt' es seyn, die meiner Freygebigkeit und Geldverachtung das Gleichgewicht hielt – mir zu Nutz' und ihr zur Strafe, nach dem herrlichen Sprichwort: Ein Sparer muß einen Geuder haben. Solch ein Sittenrichter und Kritikus mußt' es seyn, der alle meine Schritt' und Tritte beobachtete, und mir täglich Vorwürfe machte. Das hieß mich, auch täglich, auf meine Handlungen Achtung geben, mein Herz erforschen, meine Absichten und Gesinnungen prüfen, was wahr oder falsch, gut oder böse gemeint sey. Solch ein Zuchtmeister mußt' es seyn, der alle meine Schwachheiten mit den schwärzesten Farben schilderte, so wie ich hingegen geneigt war, dieselben, wo nicht für kreidenweiß, doch für grau anzusehn. Solch einen Arzt braucht' ich, der alle meine Schaden nicht nur aufdeckte, – sondern auch vergrösserte, und bisweilen selbst die minder wichtigen für höchst gefährlich ausgab; die mir, freylich stinkende, beissende Pillen, frisch vom Stecken weg, und noch mit einem Grenadierton unter die Nase rieb, daß die Wände zitterten. Dadurch lernt' ich, zu dem einzigen Arzt meine Zuflucht nehmen, der mir dauerhaft helfen konnte, mich im Stillen vor ihm auf die Kniee werfen, und bitten: Herr! Du allein kennest alle meine Gebrechen; vergieb, und heile auch meine verborgenen Fehler! Solch eine Betmutter endlich, die beten, und mitten im Beten auffahren und eins losziehen konnte, mußt' es seyn, die mich – beten lehrte, und mir allen Hang zu frömmelnder Schwärmerey benahm. – Und nun genug, lieber Nachkömmling! Du siehst, daß ich meiner Frau alle Gerechtigkeit wiederfahren lasse, und sie ehre wie man einen geschickten Arzt zu ehren pflegt, über den man wohl bisweilen ein Bischen böse thun, aber ihm doch nie im Herzen recht ungut seyn kann. – Auch ist sie wirklich das ehrlichste, brävste Weib von der Welt, und übertrift mich in vielen Stücken weit; ein sehr nützliches, treues Weib, mit der ein Mann – der nach ihrer Pfeife tanzte, treflich wohl fahren würde. Wie gesagt, recht viele gute Eigenschaften hat sie, die ich nicht habe. So weißt sie z. E. nichts von Sinnlichkeit, da hingegen mich die meinige so viel tausend Thorheiten begehen ließ. Sie ist so fest in ihren Grundsätzen – oder Vorurtheilen wenn man will – daß kein Doktor juris – kein Lavater – kein Zimmermann sie davon eines Nagelsbreit abbringen könnte. Ich hingegen bin so wankend wie Espenlaub. Ihre Begriffe – wenn sie diesen Namen verdienen – von Gott und der Welt, und allen Dingen in der Weit, dünken ihr immer die beßten, und unumstößlich zu seyn. Weder durch Güte noch Strenge – durch keine Folter könnt'st du ihr andre beibringen. Ich hingegen bin immer zweifelhaft, ob die meinigen die richtigen seyn. In ihrer Treu und Liebe zu mir macht sie mich ebenfalls sehr beschämt. Mein zeitliches und ewiges Wohl liegt ihr, vollkommen wie ihr eigenes, am Herzen; sie würde mich in den Himmel bey den Haaren ziehn, oder gar mit Prügeln d'rein jagen; theils und zuerst um meines eigenen Beßten willen – dann auch um das Vergnügen zu haben, daß ich's ihr zu danken hätte – und um mich ewig hofmeistern zu können. Doch im Ernst: Ihre aufrichtige Bitte zu Gott geht gewiß dahin: «Laß doch dereinst mich und meinen Mann einander im Himmel antreffen, um uns nie mehr trennen zu müssen». Ich hingegen – ich will es nur gestehen – mag wohl eher in einer bösen Laune gebetet haben: «Beßter Vater! In deinem Hause sind viele Wohnungen; also hast du gewiß auch mir ein stilles Winkelgen bestimmt. Auch meinem Weibe ordne ein artiges – nur nicht zu nahe bey dem meinigen». Sind das nun nicht alles aufrichtige Geständnisse? Sag' an, lieber Nachkömmling! Ja! ich gesteh' es ja noch einmal, daß meine Frau weit weit besser ist als ich, und sie's vortreflich gut meint, wenn's schon nicht immer jedermann für gut annehmen kann. So ließ sie sich's z. E. nicht ausreden, daß es nicht ihre Pflicht wäre, mir des Nachts laut in die Ohren zu schrey'n – daß sie bete, und daß ich ihr nachbeten könne. Und wenn ich ihr hundertmal sage, das Lautschreyen nütze nichts, da gilt alles gleich viel; sie schreyt. – Da muß ich, denk' ich, freylich abermals nur mein allzueckles Ohr anklagen, und wieder und überall sagen und bekennen: Ja, ja! sie ist weit bräver als ich.

*   *   *

Barmherzigkeit – welch ein beruhigendes Wort! – Barmherzigkeit meines Gottes, dessen Güte über allen Verstand geht, dessen Gnade keine Grenzen kennt! Wenn ich so in angsthaften Stunden alle Trostsprüche deiner Offenbarung zusammenraffe, macht dieß einige Wort einen solchen Eindruck auf mein Herz, daß es der Hauptgrund meiner Beruhigung wird. Indessen bin ich, wie andre Menschen, freylich nicht weniger geneigt, auch etwas Tröstendes in mir selbst aufzusuchen. Und das sagt mir nämlich die Stimme in meinem Busen: Freylich bist du ein grosser, schwerer Sünder, und kannst mit dem allergrößten um den Vorzug streiten; aber deine Vergehen kamen meist auf deinen Kopf heraus, und die Strafen deiner Sinnlichkeit folgten ihr auf dem Fusse nach. – Wenigstens darf ich mir dieß Zeugniß geben: Daß ich von Jugend an nie boshaft war, und mit Wissen und Willen niemand Unrecht gethan. Wohl hab' ich manchmal meine Pflichten zumal gegen meine Eltern versäumt; und meine dießfällige Schulden seh' ich, aber leider zu späthe! erst itzt recht ein, da ich selber Vater bin, und, wahrscheinlich zur Strafe meiner Sünden, auch rohe und unbiegsam Kinder habe. Bey mir war es Unwissenheit; und ich will gerne hoffen, es ist's itzt auch bey ihnen. – Einem Mann gab ich vor dreyßig Jahren ein Paar tüchtige Ohrfeigen; und sonst noch einer oder zwoo Balgereyen bin ich mir auch bewußt. Aber ich habe mir deßwegen nie starke Vorwürfe gemacht. Zum Theil ward ich angegriffen, oder ich hatte sonst ziemlich gerechte Ursachen böse zu werden. Erwähnter Mann hatte meinen Vater wegen einem vom Wind umgeworfenen Tännchen im Gemeinwald vor dem Richter verklagt; der gute Aeti wurde unschuldiger Weise gebüßt. Nun brannte freylich die Rachbegier in meinem Busen hoch auf. Eines Tages nun ertappt' ich den boshaften Ankläger, daß er selbst – Stauden stahl; da ja versetzt' ich ihm eins, zwey, oder drey, daß ihm Maul und Nase überloffen. Noch blutend rannte er zum Obervogt. Der citirte mich; aber ich gestuhnd nichts, und der andre hatte keine Zeugen. Er mußte also das Empfangene vor sich behalten. – Im Handel und Wandel betrog ich sicher niemand, sondern zog vielmehr meist den Kürzern. – Nie mocht' ich in Gesellschaften seyn, wo gezankt wurde, oder wo sonst jemand unzufrieden war; nie wo schmutzige Zotten aufs Tapet kamen, oder es sonst konterbunt – wohl aber wo es lustig in Ehren hergieng, und alles content war. Mehr als einmal hab' ich mein eigenes Geld angespannt, um andern Vergnügen zu machen. – Viel hundert Gulden hab' ich entlehnt, um andern zu helfen, die mich hernach ausgelacht, oder es mir abgeläugnet, oder die ich mir wenigstens damit, statt zu Freunden zu Feinden gemacht. – Das schöne Geschlecht war freylich von jeher meine Lieblingssache. Doch, ich hab' ja über dieß Kapitel schon gebeichtet. Gott verzeih' mir's wo ich gefehlt! – Dießmal ist's um Entschuldigungen und Trostgründe zu thun. Und da bin ich in meinem Innersten zufrieden mit mir selber, daß gewiß kein Weibsbild unter der Sonne auftreten und sagen kann, ich habe sie verführt; keine Seele auf Gottes Erdboden herumgeht, die mir ihr Daseyn vorzuwerfen hat; daß ich kein Weib ihrem Mann abspenstig gemacht, und eine einzige Jungfer gekostet – und die ist meine Frau. Diese meine Blödigkeit freute mich immer, und würde mir noch itzt anhangen. Auch das ist mir ein wahrer Trost, daß ich sogar nur nie keine Gelegenheit gesucht – höchstens bisweilen in meiner Fantasie die Narrheit hatte, einen guten Anlaß zu wünschen; aber, wenn sich denn derselbe – glücklicher oder unglücklicher Weise eräugnete – ich schon zum Voraus an allen Gliedern zitterte. – Meinem Weib hab' ich nie Unrecht gethan – es müßte denn das Unrecht heissen, daß ich mich nie ihr unterthan machen wollte. Nie hab' ich mich an ihr vergriffen; und wenn sie mich auch auf's Aeusserste brachte, so nahm ich lieber den Weiten. Herzlich gern hätt' ich ihr alles ersinnliche Vergnügen gemacht, und ihr, was sie nur immer gelüstete, zukommen lassen. Aber von meiner Hand war ihr niemals nichts recht; es fehlte immer an einem Zipfel. Ich ließ darum zuletzt das Kramen und Laufen bleiben. Da war's wieder nicht recht. – Auch meinen Kindern that ich nicht Unrecht; es müßte denn das Unrecht seyn, daß ich ihnen nicht Schätze sammelte, oder wenigstens meinem Geld nicht besser geschont habe. In den ersten Jahren meines Ehestands nahm ich mit ihnen eine scharfe Zucht vor die Hand. Als aber itzt meine zwey Erstgebohrnen starben, macht' ich mir Vorwürfe, ich sey nur zu streng mit ihnen umgegangen, obschon sie mir in der Seele lieb waren. Nun verfuhr ich mit den übriggebliebenen nur zu gelinde, schonte ihnen mit Arbeit und Schlägen, verschaffete ihnen allerhand Freuden, und ließ ihnen zukommen was nur immer in meinem Vermögen stand – bis ich anfieng einzusehn, daß meines Weibs dießfällige Vorwürfe wirklich nicht unbegründet waren. Denn schon waren mir meine Jungen ziemlich über die Hand gewachsen, und ich mußte eine ganz andre Miene annehmen, wenn ich nur noch in etwas meine Authorität behaupten wollte. Aber die Leyer meiner Frau konnt' ich darum auch itzt noch unmöglich leyern; unmöglich stundenlang donnern und lamentiren; unmöglich viele hundert Waidsprüche und Lebensregeln, haltbare und unhaltbare, in die Kreutz' und Queer' ihnen vorschreiben; und wenn ich's je gekonnt hätte, sah' ich die Folgen einer solchen Art Kinderzucht nur allzudeutlich ein: Daß nämlich am End' gar nichts gethan und geachtet, aus Uebel immer Aerger wird und das junge Füllen zuletzt anfängt wild und taub hintenauszuschlagen. Ich begnügte mich also ihnen meine Meinung immer mit wenig Worten, aber im ernsten Tone zu sagen; und besonders nie früher als es vonnöthen war, und niemals blosse Kleinigkeiten zu ahnden. Mehrmals hatt' ich schon eine lange Predigt studirt; aber immer war ich glücklich genug, sie noch zu rechter Zeit zu verschlucken, wenn ich die Sachen bey näherer Untersuchung so schlimm nicht fand, als ich es im ersten Ingrimm vermuthet hatte. Ueberhaupt aber fand ich, daß Gelindigkeit und sanfte Güte, zwar nicht immer, aber doch die meisten Male mehr wirkt, als Strenge und Lautthun. – Doch, ich merke wohl, ich fange an meine Tugenden zu mahlen – und sollte meine Fehler erzählen. Aber noch einmal, in diesen letzten Zeilen möcht' ich mich, so gut es seyn kann, ein wenig beruhigen. Meine aufrichtigen Geständnisse findet der Liebhaber ja oben, und wird daraus meinen Charackter ziemlich genau zu bestimmen wissen. Schon seit Langem hab' ich mir viele Mühe gegeben, mich selbst zu studiren, und glaube wirklich zum Theil mich zu kennen – meine Frau war ein trefliches Hülfsmittel dazu – zum Theil aber bin ich mir freylich noch immer ein seltsames Räthsel:

So viele richtige Empfindungen; ein so wohl wollendes, zur Gerechtigkeit und Güte geneigtes Herz; so viel Freude und Theilnahm' an allem physisch und moralisch Schönen in der Welt; solch betrübende Gefühle beym Anblick oder Anhören jedes Unrechts, Jammers und Elends; so viele redliche Wünsche endlich, hauptsächlich für andrer Wohlergehn. Dessen alles bin ich mir, wie ich meyne, untrüglich bewußt. Aber dann daneben: Noch so viele Herzenstücke; solch einen Wust von Spanischen Schlössern, Türkischen Paradiesen, kurz Hirngespinsten – die ich sogar noch in meinem alten Narrnkopf mit geheimem Wohlgefallen nähre – wie sie vielleicht sonst noch in keines Menschengehirn aufgestiegen sind. – Doch itzt noch etwas

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