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Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg

Ulrich Bräker: Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg - Kapitel 24
Quellenangabe
typeautobio
booktitleDer arme Mann im Tockenburg
authorUlrich Bräker
year1993
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-22662-4
titleLebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg
pages37-40
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1789
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LXXVI.
Wieder vier Jahre.
1782. – 1785.

Allgemeine Uebersicht.

Wollt' ich wie ich's ehedem etwa in meinen Tagebüchern gethan alle Begegnisse meines Lebens, die im Ganzen alle Erdenbürger mit einander gemein haben, auch nur diese vier Jahre über erzählen, ich könnte ganze Bände damit füllen: Bald in einer heitern Laune meinen Wohlstand schildern, und mich und andre in einen solchen Enthusiasmus setzen, daß man glauben sollte, ich wäre der glücklichste Mensch auf Gottes Erdboden; dann aber hinwieder in einer trüben Stunde, wo ein halbduzend widrige Begegnisse auf meinem Pfad zusammentreffen, lamentiren wie eine Eule, und mein Schicksal so jämmerlich vorstellen, daß ich mich bald selbst könnte glauben machen, ich sey das elendeste Geschöpf unter der Sonne. Aber meine Umstände haben sich nun seit ein paar Jahren merklich geändert; und damit auch meine Denkart, über diesen Punkt nämlich; sonst bin ich freylich noch der alte Wilibald. Aber der närrische Schreibhang hat sich um ein gut Theil bey mir verloren. Ursache. Erstlich geben mir meine Geschäft, je länger je mehr zu denken und zu thun. Die Haushaltung verwirrt mir oft beynahe den Kopf, und zertrümmert das ganze schöne Spinngeweb meiner Authorsconcepte. Denn sind mir meine Jungens ohnehin schon beynahe über die Hand gewachsen, und es braucht nicht wenig Zeit und Kopfbrechens, dieselben auch nur noch in einem etwelchen Gleise zu behalten. Drittens macht mir die Gefährtin meines Lebens, ihrer alten Art gemäß, noch immerfort die Herrschaft streitig, und dies bisweilen mit einer solchen Kraft, daß ich zum Retiriren meine Zuflucht nehmen muß, und oft in meinem kleinen Häuschen kein einziges Winkelgen finde, wo mich auch nur auf etliche Minute die Muse ungestört besuchen könnte. Gelingt es mir aber jede Woche etwa einmal, daß ich mich auf ein paar Stunden entfernen kann, so – ich will es nur gestehen – geh' ich dann lieber sonst irgend einem unschuldigen Vergnügen nach, das mir den Kopf aufräumt, anstatt ihn, mitten unter allem Hausgelerm, an meinem Pulte noch mehr zu erhitzen. Einzig wird es mir von Zeit zu Zeit, etwa an einem Sonntag oder Feyerabend, noch zu gut, ein schönes Büchelgen zu überschnappen, das ich aber, eh' ich's recht ausgelesen, weiter bestellen muß. Inzwischen giebt's denn wieder so ein herziges Ding, dem ich ebenfalls nicht widerstehen kann. Und so bleibt mir vollends oft wochenlang zum Schreiben nicht ein Augenblick übrig, so sehr ich auch den Lust und Willen hätte, diese und jene zufälligen Gedanken und Empfindungen aufs Papier zu werfen; bis etwa nach der Hand sich eine schickliche Viertelstunde darbietet, wo aber dann das Beßte gutentheils wieder verraucht, und auf immer verloren ist. Dann denk' ich (freylich vielleicht wie der Fuchs in der Fabel): «Und wozu am End alle dieß Dinten verderben? Wirst doch dein Lebtag kein eigentlicher Autor werden»! Und wirklich daran kam mir oft Jahre lang nur der Sinn nie – Wenn ich zumal in irgend einem guten Schriftsteller las, mocht' ich mein Geschmier vollends nicht mehr anseh'n, und bin zugleich überzeugt, daß ich in meinen alten Tagen, es besser zu machen kaum mehr lernen, sondern halt so fortfahren werde, ohne Kopf und Schwanz, bisweilen auch ohne Punkt und Comma, Schwarz auf Weiß zu klecksen, so lang meine Augen noch einen Stich sehen können. Aus allen diesen Gründen will ich so kurz seyn wie möglich; und bemerke zu allererste: Daß sich in jenem Zeitraum meine Umstände überhaupt von Jahr zu Jahr gebessert haben, und ich, wenn ich schon damals Waaren und Schulden zu Geld gemacht – alle meine Gläubiger vollkommen hätte befriedigen können, und mir meine kleine Residenz, Haus und Garten, ganz frey, ledig und eigen geblieben wäre. Nur im Sommer des letzten der genannten Jahre (1785.) erlitt' ich freylich mit so vielen andern grössern und kleinern Leuthen einen ziemlich harten Stoß. Nach dem bekannten Königlich Französischen Edikt nämlich gab es einen so plötzlich und starken Abschlag der Waare, daß ich bey meinem kleinen und einfältigen Händelchen gewiß über 200. fl. einbüssen mußte. Und seither ist kein Anschein vorhanden, daß der Baumwollentücher-Verkehr in unserm Land jemals wieder zu seinem ehevorigen Flor gelangen werde. Einige Grosse mögen wol noch ihren schönen Schnitt machen; aber so ein armer Zumpel, wie unser einer, dem alle Waaren abgedruckt werden, gewiß nicht. Indessen gieng's auch mir immer noch ziemlich passabel; und so, daß wenn ich mich, selbst damals noch, zur Kargheit, selbst nur zu einer ängstlichen Sparsamkeit hätte bekehren wollen, ich vielleicht auf den heutigen Tag ein so genannter bemittelter Mann heissen und seyn könnte. Aber dieser Talent (mit dem ich wahrscheinlich auch nicht in jene Schuldenlast gerathen wäre, unter welcher ich zehn bis zwölf Jahre so bitter seufzen mußte, und die ich endlich, unter Gottes Beystand, mit so vieler Mühe und Arbeit ab meinen Schultern gewälzt) dieser Talent, sag' ich, ward mir eben nie zu Theil, und wird es wohl nimmer werden, so lang ich in dieser Zeitlichkeit walle. Nicht daß es nicht von Zeit zu Zeit Augenblicke gebe, wo ich mich über eine unnöthige Ausgabe, oder einen meist durch Nachgiebigkeit versäumten Gewinnst quälen und grämen, wo mich, sonderlich bey Hause, ein Kreutzer – ein Pfenning reuen kann. Aber, sobald ich in Gesellschaft komme, wo man mir gute Worte giebt, einen Dienst erweist – oder wo mein Vergnügen in Anschlag kömmt – da spiel' ich meist die Rolle eines Mannes der nicht auf den Schilling oder Gulden zu sehen hat, und nicht bey Hunderten sondern bey Tausenden besitzt. Dieß geschah besonders während dem ersten Entzücken über meine Befreyung von jedem nachjagenden Herrn. Da war mir wie einem der aus einer vermeinten ewigen Gefangenschaft, oder gar schon auf dem Schaffot, mit Eins auf ledigen Fuß gestellt wird, und nun über Stauden und Stöcke rennt. Da würd' ich bald hundert und hundertmal gestrauchelt, und vielleicht in Schwelgerey und andre Laster – kurz vor lauter Freuden bald in neue noch ärgere Abgründe versunken seyn, wäre mir nicht mein guter Engel mit dem blossen Schwerdt, wie einst dem Esel Bileams, in den Weg gestanden.

LXXVII.
Und nun, was weiters?

Das weiß ich wahrlich selber nicht. Je mehr ich das Gickel Gackel meiner bisher erzählten Geschichte überlese und überdenke, desto mehr eckelt mir's davor. Ich war daher schon entschlossen, sie wieder von neuem anzufangen; ganz anders einzukleiden; vieles wegzulassen das mir itzt recht pudelnärrisch vorkommt; anderes wichtigeres hingegen, worüber ich weggestolpert, oder das mir bey dem ersten Concepte nicht zu Sinn gekommen, einzuschalten, u.s.f. Da sich aber, wie schon oben gesagt, mein Schreibehang, gut um drey Quart vermindert – da ich hiernächst die Zeit dazu extra auskaufen müßte, und besonders – am End es nicht viel besser machen würde, will ich's lieber grad bleiben lassen wie es ist – als ein zwar unschädliches, aber, ich denke, auch unnützes Ding, wenigstens für andre. Damit ich aber mein bisheriges Wirrwar einigermaassen verbeßre, will ich wenigstens das eint- und andre nachholen; mich noch, ehe es fremde Richter thun, selbst critisiren, und dann mit Beschreibung meiner gegenwärtigen Lage beschliessen.

LXXVIII
Also?

Was anders, als ich, nicht Ich? Denn ich hab' erst seit einiger Zeit wahrgenommen, daß man sich selbst – mit einem kleinen i schreibt. Doch, was ist das gegen andre Fehler? Freylich muß ich zu meiner etwelchen Entschuldigung sagen, daß ich mein Bißchen Schreiben ganz aus mir selbst, ohne andern Unterricht gelernt, dafür aber auch erst in meinem dreyßigsten Jahr etwas Leserliches, doch nie nichts recht orthographisches, auch unlinirt bis auf den heutigen Tag nie eine ganz gerade Zeile herausbringen konnte. Hingegen hatte für mich die sogenannte Frakturschrift, und zierlich geschweißte Buchstaben aller Art sehr viele Reitze, obschon ich's auch hierinn nie weit gebracht. Nun denn, so geh' es auch hierinn eben weiter im Alten fort.

Als ich dieß Büchel zu schrieben anfieng, dacht' ich Wunder, welch eine herrliche Geschicht' voll der seltsamsten Abentheuer es absetzen würde. Ich Thor! Und doch – bey besserem Nachdenken – was soll ich mich selbst tadeln? Wäre das nicht Narrheit auf Narrheit gehäuft? Mir ist's als wenn mir jemand die Hand zurückzöge. Das Selbsttadeln muß also etwas unnatürliches, das Entschuldigen und sich selbst alles zum Beßten deuten etwas ganz natürliches seyn. Ich will mich also herzlich gern' entschuldigen, daß ich Anfangs so verliebt in meine Geschichte war, wie es jeder Fürst und – jeder Betelmann in die seinige ist. Oder, wer hörte nicht schon manches alte, eisgraue Bäurlein von seinen Schicksalen, Jugendstreichen u. s. f. ganze Stunden lang mit selbstzufriedenem Lächeln so geläufig und beredt daherschwatzen, wie ein Procurator, und wenn er sonst der größte Stockfisch war. Freylich kömmt's denn meist ein Bißel langweilig für andre heraus. Aber was jeder thut, muß auch jeder leiden. Freylich hätt' ich, wie gesagt, mein Geschreibe ganz anders gewünscht; und kaum war ich damit zur Hälfte fertig, sah' ich das kuderwelsche Ding schon schief an; alles schien mir unschicklich, am unrechten Orte zu stehn, ohne daß ich mir denn doch getraut hätte, zu bestimmen, wie es eigentlich seyn sollte; sonst hätt' ich's flugs auf diesen Fuß, z. B. nach dem Modell eines Heinrich Stillings umgegossen. «Aber, Himmel! welch ein Contrast! Stilling und: ich»! dacht' ich. «Nein, daran ist nicht zu gedenken. Ich dürfte nicht in Stillings Schatten stehn». Freylich hätt' ich mich oft gerne so gut und fromm schildern mögen, wie dieser edle Mann es war. Aber konnt' ich es, ohne zu lügen? Und das wollt' ich nicht, und hätte mir auch wenig geholfen. Nein! Das kann ich vor Gott bezeugen, daß ich die pur lautere Wahrheit schrieb; entweder Sachen die ich selbst gesehen und erfahren, oder von andern glaubwürdigen Menschen als Wahrheit erzählen gehört. Freylich Geständnisse, wie Roußeau's seine, enthält meine Geschichte auch nicht, und sollte auch keine solchen enthalten. Mag es seyn, daß einige mich so für besser halten, als ich nach meinem eigenen Bewußtseyn nicht bin. Aber aller meiner Beichte ungeachtet, hätten denn doch hinwieder andre mich noch für schlimmer geachtet, als ich, unter dem Beystand des Höchsten mein Lebtag nicht seyn werde. Und mein einzig unpartheyischer Richter kennt mich ja durch und durch, ohne meine Beschreibung.

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