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Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg

Ulrich Bräker: Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg - Kapitel 15
Quellenangabe
typeautobio
booktitleDer arme Mann im Tockenburg
authorUlrich Bräker
year1993
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-22662-4
titleLebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg
pages37-40
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1789
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XLIX.
Nun geht's bald weiters

In diesen Umständen flogen Schärer und ich zusammen wo wir konnten; klagten, überlegten, beschlossen, verwarfen. Schärer zeigte mehr Standhaftigkeit als ich, hatte aber auch mehr Sold. Ich gab jetzt, wie so viele andre, den letzten Dreyer um Genevre, meinen Kummer zu vertreiben. Ein Mecklenburger, der nahe bey mir im Quartier, und mit mir in gleichen Umständen war, machte es eben so. Aber wenn der seinen Brand im Kopf hatte, setzte er sich in der Abenddämmerung vor's Haus hin, fluchte und haselirte da mutterseels allein; schimpfte auf seine Offiziere, und sogar auf den König, wünschte Berlin und allen Brandenburgern tausend Millionen Schwernoth auf den Hals, und fand (wie der arme Teufel, so oft er wieder nüchtern ward, behauptete) in diesem unvernünftigen Rasen seinen einzigen Trost im Unglück. Wolfram und Meewis warnten ihn oft; denn sonst war er noch vor Kurzem ein recht guter umgänglicher Bursche: «Kerl»! sagten sie dann zu ihm, «gewiß wirst du noch ins Tollhaus wandern». Dieses war nicht weit von uns. Oft sah' ich dort einen Soldat vor dem Gegitter auf einem Bänkgen sitzen, und fragte einst Meevis, wer er wäre? Denn ich hatte ihn nie bey der Compagnie gesehn: «Just so einer, wie der Mecklenburger», antwortete Meewis; «darum hat man ihn hier versorgt, wo er Anfangs brüllte wie ein ungarscher Stier. Aber seit etlichen Wochen soll er so geschlacht wie ein Lamm seyn». Diese Beschreibung machte mich lüstern, den Menschen näher kennen zu lernen. Er war ein Anspacher. Anfangs gieng ich nur so wie verstohlen bey ihm hin und wieder, sah mit wehmüthigem Vergnügen, wie er seinen Blick bald zum Himmel gerichtet, bald auf den Boden geheftet, melancholisch da saß, bisweilen aber ganz vor sich sanft lächelte, und übrigens meiner nicht zu achten schien. Schon aus der Physiognomie war mir ein solcher Erdensohn in seiner Lage recht heilig. Endlich wagt' ich es, mich zu ihm hinzusetzen. Er sah mich starr und ernst an, und schwatzte zuerst lange meist unverständiges Zeug, das ich doch gerne hörte, weil mitunter immer etwas höchst vernünftiges zum Vorschein kam. Was ihm am meisten Mühe zu machen schien, war, so viel ich merken mochte, daß er von gutem Haus, und nur durch Verdruß in diese Umstände gekommen seyn mußte, jetzt aber von Nachreu und Heimweh' erbärmlich litt. Nun entdeckt' ich ihm so durch Umwege auch meine Gemüthsstimmung, hauptsächlich in der Absicht, zu horchen was er allenfalls zu meiner Entweichung sagen würde; denn der Mann schien mir ordentlich einen Geist der Weissagung zu haben: «Brüderchen»! sprach er, aus Veranlassung eines solchen Diskurses, einst zu mir: «Brüderchen, halt du still! Deine Schuld ist's sicher, daß du leidest, und was du leidest also gewiß mehr oder minder wohl verdiente Züchtigung. Durch Zappeln machst du's wahrlich nur ärger. Es wird schon noch anders, und immer anders kommen. Der König allein ist König; seine Generals, Obersten, Majoren sind selber seine Bedienten – und wir, ach! wir – so hingeworfene verkaufte Hunde – zum Abschmieren im Frieden, zum Todstechen und Todschiessen im Krieg bestimmt. Aber all' eins, Brüderchen! Vielleicht kömmst du nahe an eine Thüre; geht sie dir auf – so thu' was du willst. Aber halt still, Brüderchen! – nur nichts erfrettet oder erzwungen – sonst ist's mit einmal aus»! Dergleichen, und noch viel anderes Aehnliches sagte er öfters zu mir. Aller Welt Priester und Leviten hätten mir nicht so gut predigen, und mich zugleich so gut trösten können wie er.

Indessen murmelte es immer stärker vom Kriege. In Berlin kamen von Zeit zu Zeit neue Regimenter an; wir Rekrutten wurden auch unter eins gesteckt. Da gieng's nun alle Tag vor die Thore zum Manövriren; links und rechts avanziren, attaquiren, retiriren, ploutons und divisionsweise schargiren, und was der Gott Mars sonst alles lehrte. Endlich gedieh es zur Generalrevüe; und da gieng's zu und her, daß dieß ganze Büchelgen nicht klecken würde, das Ding zu beschreiben; und wenn ich's wollte, so könnt ich's nicht. Erstlich wegen der schweren Menge aller Arten Kriegsgrümpel, die ich hier grossentheils zum erstenmal sah. Zweytens hatt' ich immer Kopf und Ohren so voll von dem entsetzlichen Lerm der knallenden Büchsen, der Trommeln und Feldmusick, des Rufens der Commandeurs u. s. f. daß ich oft hätte bersten mögen. Drittens war mir das Exercitz seit einiger Zeit so widerlich geworden, daß ich nur nicht mehr bemerken mochte, was all die Corps zu Fuß und zu Pferde für Millionszeug machten. Freylich kam mich hernach manchmal grosser Reuen an, daß ich diese Dinge nicht besser in Obacht genommen: Denn allen meinen Freunden, und allen Leuthen hier zu Lande wünscht' ich, daß sie solches nur einen Tag sehen möchten; es würde ihnen zu hundert und aber hundert vernünftigen Betrachtungen Anlaß geben. Also nur dieß Wenige. Da waren unübersehbare Felder mit Kriegsleuthen bedeckt; viele tausend Zuschauer an allen Ecken und Enden. Hier stehen zwey grosse Armeen in künstlicher Schlachtordnung; schon brüllt von den Flanken das grobe Geschütz auf einander los. Sie avanziren, kommen zum Feuer, und machen ein so entsetzliches Donnern, daß man seinen nächsten Nachbar nicht hören und vor Rauch nicht mehr sehen kann: Dort versuchen etliche Bataillons ein Heckenfeuer; hier fallen's einander in die Flanke, da blokiren sie Batterien, dort formiren sie ein doppeltes Kreutz. Hier marschieren sie über eine Schiffbrücke, dort hauen Kürassiers und Dragoner ein, und sprengten etliche Schwadrons Husaren von allen Farben auf einander los, daß Staubwolken über Roß und Mann emporwallen. Hier überrumpeln's ein Lager; die Avantgarde, unter deren ich zu manövriren die Ehre hatte, bricht Zelten ab, und flieht. – Doch noch einmal: Ich müßte ein Narr seyn, wenn ich glaubte, hier eine Preußische Generalrevüe beschrieben zu haben. Ich hoffe also, man nimmt mit diesem Wenigen vorlieb – oder, vielmehr, verzeiht's mir, um der Freude willen, mein Gewäsch nicht länger anzuhören.

L.
Behüte Gott Berlin! – Wir sehen einander nicht mehr.

Endlich kam der erwünschte Zeitpunkt, wo es hieß: Allons, ins Feld! Schon im Heumonath marschierten etliche Regimenter von Berlin ab, und kamen hinwieder andre aus Preussen und Pommern an. Jetzt mußten sich alle Beurlaubten stellen, und in der grossen Stadt wimmelte alles von Soldaten. Dennoch wußte noch niemand eigentlich, wohin alle diese Bewegungen zielten. Ich horchte wie ein Schwein am Gatter. Einiche sagten, wenn's ins Feld gehe, könnten wir neue Rekrutten doch nicht mit, sondern würden unter ein Garnisonsregiment gesteckt. Das hätte mir himmelangst gemacht; aber ich glaubte es nicht. Indessen bot ich allen meinen Leibs- und Seelenkräften auf, mich bey allen Manövers als einen fertigen dapfern Soldaten zu zeigen (denn einige bey der Compagnie, die älter waren als ich, mußten wirklich zurückbleiben). Und nun den 21. Aug. erst Abends späth, kam die gewünschte Ordre, uns auf Morgen marschfertig zu halten. Potz Wetter! wie gieng es da her mit Putzen und Packen! Einmal wenn's mir auch an Geld nicht gebrochen, hätt' ich nicht mehr Zeit gehabt, einem Becker zwey geborgte Brodte zu bezahlen. Auch hieß es, in diesem Fall dürfte kein Gläubiger mehr ans Mahnen denken: Doch ich ließ mein Wäschkistgen zurück; und wenn es der Becker nicht abgefodert hat, hab ich heutigen Tages noch einen Creditor in Berlin – auch etliche Debitoren für ein Paar Batzen – und geht's ungefehr so wett auf. – Denn 22. Aug. Morgens um 3. Uhr ward Allarm geschlagen; und mit Anbruch des Tages stuhnd unser Regiment (Isenblitz, ein herrlicher Name! Sonst nannten's die Soldaten im Scherz auch Donner und Blitz, wegen unsers Obristen gewaltiger Schärfe) in der Krausenstrasse schon Parade. Jede seiner zwölf Compagnien war 150. Mann stark. Die in Berlin nächst um uns einquartierte Regimenter, deren ich mich erinnere, waren Vokat, Winterfeld, Meyring, und Kalstein; dann vier Prinzenregimenter: Prinz von Preussen, Prinz Ferdinand, Prinz Carl, und Prinz von Würtenberg, die alle theils vor, theils nach uns abmarschierten, nachwerts aber im Feld meist wieder zu uns gestossen sind. Itzt wurde Marsch geschlagen; Thränen von Bürgern, Soldatenweibern, H... u. d. gl. flossen zu Haufen. Auch die Kriegsleuthe selber, die Landskinder nämlich, welche Weiber und Kinder zurückliessen, waren ganz niedergeschlagen, voll Wehmuth und Kummers; die Fremden hingegen jauchzten heimlich vor Freuden, und riefen: Endlich Gottlob ist unsre Erlösung da! Jeder war bebündelt wie ein Esel, erst mit einem Degengurt umschnallt; dann die Patrontasche über die Schulter mit einem fünf Zoll langen Riemen; über die andre Achsel den Dornister, mit Wäsche u. s. f. bepackt; item der Habersack, mit Brodt und andrer Fourage gestopft. Hiernächst mußte jeder noch ein Stück Feldgeräth tragen; Flasche, Kessel, Hacken, oder so was; alles an Riemen; dann erst noch eine Flinte, auch an einem solchen. So waren wir alle fünfmal übereinander kreutzweis über die Brust geschlossen, daß anfangs jeder glaubte, unter solcher Last ersticken zu müssen. Dazu kam die enge gepreßte Montur, und eine solche Hundstagshitze, daß mir's manchmal däuchte, ich geh' auf glühenden Kohlen, und wenn ich meiner Brust ein wenig Luft machte, ein Dampf herauskam wie von einem siedenden Kessel. Oft hatt' ich keinen trockenen Faden mehr am Leib, und verschmachtete bald vor Durst.

LI.
Marschroute bis Pirna.

So marschierten wir den ersten Tag (22. Aug.) zum Köppeniker Thor aus, und machten noch 4. Stunden bis zum Städchen Köppenik, wo wir zu 30-50. zu Bürgern eingequartirt waren, die uns vor einen Groschen traktiren mußten. Potz Plunder, wie giengs da her! Ha! da wurde gefressen. Aber denk' man sich nur so viele grosse hungrige Kerls! Immer hieß es da: Schaff her, Canaille! was d' im hintersten Winkel hast. Des Nachts wurde die Stube mit Stroh gefüllt; da lagen wir alle in Reihen, den Wänden nach. Wahrlich eine curiose Wirthschaft! In jedem Haus befand sich ein Offizier, welcher auf guter Mannszucht halten sollte; sie waren aber oft die Fäulsten. – Den zweyten Tag (23.) giengs 10. St. bis auf Fürstenwald; da gab's schon Marode, die sich auf Wagen mußten packen lassen; das auch kein Wunder war, da wir diesen ganzen Tag nur ein einzig Mal haltmachen, und stehnden Fusses etwas Erfrischung zu uns nehmen durften. An letztgedachtem Orte gieng es wie an dem erstern; nur daß hier die meisten lieber soffen als frassen, und viele sich gar halb todt hinlegten. Den dritten Tag (24.) giengs 6. St. bis Jacobsdorf, wo wir nun (25. 26. u. 27.) drey Rasttage hielten, aber desto schlimmer handthiert, und die armen Bauern bis aufs Blut ausgesogen wurden. Den siebenten Tag (28.) marschierten wir bis Mühlrosen 4. St. Den achten (29.) bis Guben, 14. St. Den neunten (30.) hielten wir dort Rasttag. Den zehnten (31.) bis Forste 6. St. Den eilften (1. Sept.) bis Spremberg 6. St. Den zwölften (2.) bis Hayerswerde 6. St. und da wieder Rasttag. Den vierzehnten (4.) bis Camenz, dem letzten Oertchen, wo wir einquartirt wurden. Denn von da an campirten wir im Felde, und machten Märsche und Contremärsche, daß ich selbst nicht weiß, wo wir all durchkamen, da es oft bey dunkeler Nacht geschah. Nur so viel erinnr' ich mich noch, daß wir am fünfzehnten (5.) 4. St. marschiert und bey Bilzem ein Lager aufgeschlagen, worinn wir zwey Tage (6. u. 7.) Rasttag hielten; dann den achtzehnten (8.) wieder 6. St. machten, uns bey Stolp lagerten, und dort einen Tag (9.) blieben; endlich am zwanzigsten Tag (10.) noch 4. St. bis Pirna zurücklegten, wo noch etliche Regimenter zu uns stiessen, und nun ein weites fast unübersehbares Lager aufgeschlagen, und das über Pirna gelegene Schloß Königstein dieß- und Lilienstein jenseits der Elbe besetzt wurden. Denn in der Nähe dieses letztern befand sich die Sächsische Armee. Wir konnten gerade übers Thal in ihr Lager hinübersehn; und unter uns im Thal an der Elbe lag Pirna, das jetzt ebenfalls von unserm Volke besetzt ward.

LII.
Muth und Unmuth.

Bis hieher hat der Herr geholfen! Diese Worte waren der erste Text unsers Feldpredigers bey Pirna. O ja! dacht' ich: Das hat er, und wird ferner helfen – und zwar hoffentlich mir in mein Vaterland – denn was gehen mich eure Kriege an?

Mittlerweile gieng's – wie's bey einer marschierenden Armee zu gehen pflegt – bunt übereck und kraus, daß ich alles zu beschreiben nicht im Stand, auch solches, wie ich denke, zu wenig Dingen nütz wäre. Unser Major Lüderiz (denn die Offiziere gaben auf jeden Kerl besonders Achtung) mag mir oft meinen Unmuth aus dem Gesicht gelesen haben. Dann drohete er mir mit dem Finger: «Nimm dich in Acht, Kerl»! Schärern hingegen klopfte er bey den nämlichen Anlässen auf die Schulter, und nannte ihn mit lächelnder Mine einen braven Bursch; denn der war immer lustig und wohlgemuths, und sang bald seine Mäurerlieder, bald den Kühreih'n, obschon er im Herzen dachte wie ich, aber es besser verbergen konnte. Ein andermal freylich faßt' ich dann wieder Muth, und dachte: Gott wird alles wohl machen! Wenn ich vollends Markoni – der doch keine geringe Schuld an meinem Unglück war – auf dem Marsch oder im Lager erblickte, war's mir immer, ich sehe meinen Vater oder meinen beßten Freund; wenn er mir zumal vom Pferd herunter seine Hand bot, die meinige traulich schüttelte – mir mit liebreicher Wehmuth gleichsam in die Seele 'nein guckte: «Wie geht's, Ollrich! wie geht's? 's wird schon besser kommen»! zu mir sagte, und, ohne meine Antwort zu erwarten, dieselbe aus meinem thränenschimmernden Aug' lesen wollte. O! ich wünsche dem Mann, wo er immer todt oder lebendig seyn mag, noch auf den heutigen Tag alles Gute; denn von Pirna weg ist er mir nie mehr zu Gesicht gekommen. – Mittlerweile hatten wir alle Morgen die gemessene Ordre erhalten, scharf zu laden; dieses veranlaßte unter den ältern Soldaten immer ein Gerede: «Heute giebt's was! Heut setzt's gewiß was ab»! Dann schwitzten wir Jungen freylich an allen Fingern, wenn wir irgend bey einem Gebüsch oder Gehölz' vorbeymarschierten, und uns verfaßt halten mußten. Da spitzte jeder stillschweigend die Ohren, erwartete einen feurigen Hagel und seinen Tod, und sah, so bald man wieder ins Freye kam, sich rechts und links um, wie er am schicklichsten entwischen konnte; denn wir hatten immer feindliche Küraßiers, Dragoner und Soldaten zu beyden Seiten. Als wir einst die halbe Nacht durch marschierten, versuchte Bachmann den Reißaus zu nehmen, und irrte etliche Stunden im Wald herum; aber am Morgen war er wieder hart bey uns, und kam noch eben recht mit der Ausflucht weg: Er habe beym Hosenkehren in der Dunkelheit sich von uns verloren. Von da an sahen wir andern die Schwierigkeit, wegzukommen, alle Tag' deutlicher ein – und doch hatten wir fest im Sinn, keine Bataille abzuwarten, es koste auch was es wolle.

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