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Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg

Ulrich Bräker: Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg - Kapitel 14
Quellenangabe
typeautobio
booktitleDer arme Mann im Tockenburg
authorUlrich Bräker
year1993
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-22662-4
titleLebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg
pages37-40
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1789
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XLVII.
Nun geht der Tanz an.

Die zweyte Woche mußt' ich mich schon alle Tage auf dem Paradeplatz stellen, wo ich unvermuthet drey meiner Landleuthe, Schärer, Bachmann und Gästli fand, die sich zumal alle mit mir unter gleichem Regimente (Itzenblitz) die beyden erstern vollends unter der nämlichen Compagnie (Lüderitz) befanden. Da sollt' ich vor allen Dingen, unter einem mürrischen Korporal mit einer schiefen Nase (Mengke mit Namen) marschieren lernen. Den Kerl nun mocht' ich vor den Tod nicht vertragen; wenn er mich gar auf die Füsse klopfte, schoß mir das Blut in den Gipfel. Unter seinen Händen hätt' ich mein Tage nichts begreifen können. Dieß bemerkte einst Hevel, der mit seinen Leuthen auf dem gleichen Platze manövrirte, tauschte mich gegen einen andern aus, und nahm mich unter sein Plouton. Das war mir eine Herzensfreude. Itz capiert' ich in einer Stund' mehr als sonst in zehn Tagen. Von diesem guten Manne vernahm ich auch bald, wo Markoni wohne, aber, bat er um Gottswillen, ich soll ihn nicht verrathen. Des folgenden Tags, sobald das Exercitium vorbey war, flog ich nach dem Quartier, das mir Hevel verdeutet hatte, und murmelte immer vor mir her: Ja, ja, Markoni! wart' nur, ich will dir deinen an mir verübten Lumpenstreich, deine verfluchte Verrätherey so unter die Nase reiben, daß es dich gereuen soll! Nun weiß ich schon, daß du hier nur Lieutenant, und nirgends ihr Gnaden bist! – Bey geringer Nachfrage fand ich das mir benannte Haus. Es war eben eins von den geringsten in ganz Berlin. Ich pochte an; ein kleines, magres, fuchsrothes Bürschgen öffnete mir die Thüre, und führte mich eine Treppe hinauf in das Zimmer meines Herrn. So bald er mich erblickte, kam er auf mich zu, drückte mir die Hand, und sprach zu mir mit einem so holden Engelsgesicht, das in einem Nu allen meinen Grimm entwafnete, und mir die Thränen in die Augen trieb: «Ollrich! mein Ollrich! mach mir keine Vorwürf'. Du warst mir lieb, bist's noch, und wirst mir's immer bleiben. Aber ich mußte nach meinen Umständen handeln. Gieb dich zufrieden. Ich und du dienen nun Einem Herrn». – «Ja, Ihr Gnaden» – – «Nichts Gnaden»! sagte er: «Beym Regiment heißt es nur: «Herr Lieutenant»! Itzt klagt' ich ihm, nach aller Ausführlichkeit, meine gegenwärtige grosse Noth. Er bezeugte mir sein ganzes Mittleid. «Aber», fuhr er fort: «Hast ja noch allerley Sachen, die du versilbern kannst; wie z. E. die Flinte von mir, die Reisemütze die dir Lieutenant Hofmann in Offenburg verehrt, u. d. gl. Bring sie nur mir, ich zahl dir dafür, so viel sie je werth sind. Dann könnt'st du dich, wie andre Rekrutten, um Gehaltserhöhung beym Major» – «Potz Wetter»! fiel ich ein: «Nein den sah' ich einmal, und nimmermehr»! Drauf erzählt' ich ihm, wie dieser Sir mir begegnet habe. «Ha»! versetzte er: «Die Lümmels meinen, man könn' auf Werbung von Luft leben, und Kerle im Strick fangen». «Ja»! sagt' ich, «hätt' ich's gewußt, wollt' ich mir wenigstens in Rothweil auch einen Nothpfenning erspart haben». «Alles hat seine Zeit, Ollrich»! erwiederte er: «Halt' dich nur brav! Wenn einmal die Exercitien vorbey sind, kannst du wohl was verdienen. Und wer weiß – vielleicht gehts bald ins Feld, und dann» – – Weiter sagte er nichts; ich merkte aber wohl, was er damit wollte, und gieng vergnügt, als ob ich mit meinem Vater geredet hätte, nach Haus. Nach etlichen Tagen trug ich Flinte, Ballast, und die sammtene Mütze wirklich zu ihm hin; er zahlte mir etwas weniges dafür; aber von Markoni war ich alles zufrieden. Bald darauf verkauft ich auch meinen Tressenhut, den grünen Frack, u. s. f. u. f und ließ mir nichts mangeln, so lang ich was anzugreifen hatte. Schärer war eben so arm als ich: Allein er bekam ein Paar Groschen Zulage, und doppelte Portion Brodt; der Major hielt ein gut Stück mehr auf ihm, als auf mir. Indessen waren wir Herzensbrüder; so lang einer etwas zu brechen hatte, konnte der andere mitbeissen. Bachmann hingegen, der ebenfalls mit uns hauste, war ein filziger Kerl, und harmonierte nie recht mit uns; und doch schien immer die Stunde ein Tag lang, wo wir nicht beysammen seyn konnten. G. mußten wir in den H..häusern suchen wenn wir ihn haben wollten; er kam bald hernach ins Lazareth. Ich und Schärer waren auch darinn völlig gleichgesinnt, daß uns das Berliner-Weibsvolk eckelhaft und abscheulich vorkam; und wollt' ich für ihn so gut wie für mich einen Eid schwören, daß wir keine mit einem Finger berührt. Sondern so bald das Exerziren vorbey war, flogen wir miteinander in Schottmanns Keller, tranken unsern Krug Ruhiner- oder Gottwitzer-Bier, schmauchten ein Pfeifgen, und trillerten ein Schweitzerlied. Immer horchten uns da die Brandenburger und Pommeraner mit Lust zu. Etliche Herren sogar ließen uns oft expreß in eine Garküche rufen, ihnen den Kuhreihen zu singen: Meist bestand der Spielerlohn bloß in einer schmutzigen Suppe; aber in einer solchen Lage nimmt man mit noch weniger vorlieb.

XLVIII.
Nebst anderm meine Beschreibung von Berlin

Berlin ist der größte Ort in der Welt, den ich gesehen; und doch bin ich bey weitem nie ganz darinn herumgekommen. Wir drey Schweitzer machten zwar oft den Anschlag zu einer solchen Reise; aber bald gebrach's uns an Zeit, bald an Geld, oder wir waren von Strapazzen so marode, das wir uns lieber der Länge nach hinlegten.

Die Stadt Berlin – doch viele sagen, sie bestehe aus sieben Städten – Aber unser einem hat man nur drey genennt: Berlin, Neustadt und Friedrichsstadt. Alle drey sind in der Bauart verschieden. In Berlin – oder Cöl, sagt man auch – sind die Häuser hoch, wie in den Reichsstädten, aber die Gassen nicht so breit, wie in Neu- und Friedrichsstadt, wo hingegen die Häuser niedriger aber egaler gebauen sind; denn da sehen auch die kleinsten derselben, oft von sehr armen Leuthen bewohnt, doch wenigstens sauber und nett aus. An vielen Orten giebt es ungeheuer grosse läre Plätze, die theils zum Exerciren und zur Parade, theils zu gar nichts gebraucht werden; ferners Aecker, Gärten, Alleen, alles in die Stadt eingeschlossen. – Vorzüglich oft giengen wir auf die lange Brücke, auf deren Mitte ein alter Markgraf von Brandenburg, zu Pferd in Lebensgrösse, von Erzt gegossen steht, und etliche Enackssöhne mit krausen Haaren zu seinen Füssen gefesselt sitzen – dann der Spree nach, aufs Weidendamm, wo's gar lustig ist – dann ins Lazareth, zu G*. und B*. – um dort das traurigste Specktakel unter der Sonne zu sehn, wo einem, der nicht gar ein Unsinniger ist, die Lust zu Ausschweifungen bald vergehen muß: In diesen Gemächern, so geräumig wie Kirchen, wo Beth an Beht gereihet steht, in deren jedem ein elender Menschensohn auf seine eigene Art den Tod, und nur wenige ihre Genesung erwarten: Hier ein Dutzend, die unter den Händen der Feldscheerer ein erbärmliches Zettergeschrey erheben; dort andre, die sich unter ihren Decken krümmen, wie ein halb zertretener Wurm; viele mit an- und weggefaulten Gliedern, – u.s.f. Meist mochten wir's da nur wenige Minuten aushalten, und giengen dann wieder an Gottes Luft, setzten uns auf einen Rasenplatz; und da führte unsre Einbildungskraft uns fast immer, unwillkührlich, in unser Schweitzerland zurück, und erzählten wir einander unsre Lebensart bey Hause; wie wohl's uns war, wie frey wir gewesen, was es hingegen hier vor ein verwünschtes Leben sey, u.d.gl. Dann machten wir Plane zu unsrer Entledigung. Bald hatten wir Hofnung, daß uns heut oder morgens einer derselben gelingen möchte; bald hingegen sahen wir vor jedem einen unübersteiglichen Berg; und noch am meisten schreckte uns die Vorstellung der Folgen eines allenfalls fehlschlagenden Versuches. Bald alle Wochen hörten wir nämlich neue ängstigende Geschichten von eingebrachten Deserteurs, die, wenn sie noch so viele List gebraucht, sich in Schiffer und andre Handwerksleuthe, oder gar in Weibsbilder verkleidt, in Tonen und Fässer versteckt, u. d. gl. dennoch ertappt wurden. Da mußten wir zusehen, wie man sie durch 200. Mann, achtmal die lange Gasse auf und ab Spißruthen laufen ließ, bis sie athemlos hinsanken – und des folgenden Tags aufs neue dran mußten; die Kleider ihnen vom zerhackten Rücken heruntergerissen, und wieder frisch drauf losgehauen wurde, bis Fetzen geronnenen Bluts ihnen über die Hosen hinabhingen. Dann sahen Schärer und ich einander zitternd und todtblaß an, und flüsterten einander in die Ohren: «Die verdammten Barbaren»! Was hiernächst auch auf dem Exerzierplatz vorgieng, gab uns zu ähnlichen Betrachtungen Anlaß. Auch da war des Fluchens und Karbatschens von prügelsüchtigen Jünkerlins, und hinwieder des Lamentierens der Geprügelten kein Ende. Wir selber zwar waren immer von den ersten auf der Stelle, und tummelten uns wacker. Aber es that uns nicht minder in der Seele weh, andre um jeder Kleinigkeit willen so unbarmherzig behandelt, und uns selber so, Jahr ein Jahr aus, coujoniert zu sehn; oft ganzer fünf Stunden lang in unsrer Montur eingeschnürt wie geschraubt stehn, in die Kreutz und Querre pfahlgerad marschieren, und ununterbrochen blitzschnelle Handgriffe machen zu müssen; und das alles auf Geheiß eines Offiziers, der mit einem furiosen Gesicht und aufgehobnem Stock vor uns stuhnd, und alle Augenblick wie unter Kabisköpfe drein zu hauen drohete. Bey einem solchen Traktament mußte auch der starknervigste Kerl halb lahm, und der geduldigste rasend werden. Und kamen wir dann todmüde ins Quartier, so giengs schon wieder über Hals und Kopf, unsre Wäsche zurecht zu machen, und jedes Fleckgen auszumustern; denn bis auf den blauen Rock war unsre ganze Uniform weiß. Gewehr, Patrontasche, Kuppel, jeder Knopf an der Montur, alles mußte spiegelblank geputzt seyn. Zeigte sich an einem dieser Stücke die geringste Unthat, oder stand ein Haar in der Frisur nicht recht, so war, wenn er auf den Platz kam, die erste Begrüßung eine derbe Tracht Prügel. Das währte so den ganzen May und Juni fort. Selbst den Sonntag hatten wir nicht frey; denn da mußten wir auf das properste Kirchenparade machen. Also blieben uns zu jenen Spaziergängen nur wenige zerstreute Stunden übrig, und wir hatten kurz und gut zu nichts Zeit übrig – als zum Hungerleiden. – Wahr ist's, unsre Offiziere erhielten gerade damals die gemessenste Ordre, uns über Kopf und Hals zu mustern; aber wir Rekruten wußten den Henker davon, und dachten halt, das sey sonst so Kriegsmanier. Alte Soldaten vermutheten wohl so etwas, schwiegen aber mausstill. – Indessen waren Schärer und ich blutarm geworden; und was uns nicht an den Hintern gewachsen war, hatten wir alles verkauft. Nun mußten wir mit Brodt und Wasser (oder Covent, das nicht viel besser als Wasser ist) vorlieb nehmen. Mittlerweile war ich von Zittemann weg, zu Wolfram und Meevis ins Quartier kommen, von denen der erstre ein Zimmermann, der andre ein Schuster war, und beyde einen guten Verdienst hatten. Mit diesen macht' ich Anfangs ebenfalls Menage. Sie hatten so ihren Bauerntisch: Suppen und Fleisch, mit Erdapfeln und Erbsen. Jeder schoß zu einem Mittagsmahl zwey Dreyer: Abends und zum Frühstück lebte jeder für sich. Ich aß besonders gern einen Ochsenpfoten, einen Häring, oder ein Dreyerkäsgen. Nun aber konnt' ich's nicht mehr mit ihnen halten; zu verkaufen hatt' ich nichts mehr, und mein Sold gieng meist für Wäsche, Puder, Schuhwar, Kreide, Schmirgel, Oel und anderes Plunderzeug auf. Jetzt fieng ich erst recht an Trübsal zu blasen, und keinem Menschen konnt' ich so recht von Herzensgrund meine Noth klagen. Des Tags gieng ich umher wie der Schatten an der Wand. Des Nachts legt' ich mich ins Fenster, guckte wainend in den Mond hinauf, und erzählte dem mein bitteres Elend: «Du, der jetzt auch überm Tockenburg schwebt, sag' es meinen Leuthen daheim, wie armselig es um mich stehe – meinen Eltern, meinen Geschwisterten – meinem Aennchen sag's, wie ich schmachte – wie treu ich ihr bin – daß sie alle Gott für mich bitten. Aber du schweigst so stille, wandelst so harmlos deinen Weg fort? Ach! könnt' ich ein Vöglein seyn, und dir nach in meine Heimath fliegen! Ich armer, unbesonnener Mensch! Gott erbarm' sich mein! ich wollte mein Glück bauen, und baute mein Elend! Was nützt mir dieser herrliche Ort, worinn ich verschmachten muß! Ja, wenn ich die Meinigen hier hätte, und so ein schön Häusgen, wie dort grad gegenüber steht – und nicht Soldat seyn müßte, dann wär's hier gut wohnen; dann wollt' ich arbeiten, handeln, wirthschaften, und ewig mein Vaterland meiden! – Doch nein! Denn auch so müßt' ich den Jammer so vieler Elenden täglich vor Augen sehn! Nein, geliebtes, liebes Tockenburg! Du wirst mir immer vorzüglich werth bleiben! – Aber, Ach! Vielleicht seh' ich dich in meinem Leben nicht wieder – verliere so gar den Trost, von Zeit zu Zeit an die Lieben zu schreiben, die in dir wohnen! Denn jedermann erzählt mir von der Unmöglichkeit, wenn's einmal ins Feld gehe, auch nur eine Zeile fortzubringen, worinn ich mein Herz ausschütten könnte. Doch, wer weiß? Noch lebt mein guter Vater im Himmel; dem ist's bekannt, wie ich nicht aus Vorsatz oder Lüderlichkeit dies Sklavenleben gewählt, sondern böse Menschen mich betrogen haben. Ha! Wenn alles fehlen sollte – Doch, nein! desertiren will ich nicht. Lieber sterben, als Spießruthe laufen. Und dann kann sich's ja auch ändern. Sechs Jahre sind noch wohl auszuhalten. Freylich eine lange, lange Zeit; wenn's zumal wahr seyn sollte, daß auch dann kein Abscheid zu hoffen wäre! – Doch, was? Kein Abscheid? Hab' ich doch eine, und zwar mir aufgedrungene Capitulation? – Ha! Dann müßten sie mich eher tödten! Der König müßte mich hören! Ich wollte seiner Kutsche nachrennen, mich anhängen bis er mir sein Ohr verlieht. Da wollt' ich ihm alles sagen, was der Brief ausweist. Und der gerechte Friedrich wird nicht gegen mich allein ungerecht seyn», u. s. f. – Das waren damals so meine Selbstgespräche.

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