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Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg

Ulrich Bräker: Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg - Kapitel 12
Quellenangabe
typeautobio
booktitleDer arme Mann im Tockenburg
authorUlrich Bräker
year1993
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-22662-4
titleLebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg
pages37-40
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1789
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XLI.
Hin und her, her und hin.

Da wir uns einstweilig in Rothweil im Gasthof zum Armbrust niederliessen, schrieb mein Herr auf Schaffhausen wo er wäre, damit wenn seine Wachtmeisters Rekruten machten, man ihm solche nachschicken könnte. Er bekam bald Antwort. Derselben war auch das Geschenk meiner Mutter, das Schreiben des Herrn Am Bühls, und – ich sprang hoch auf! eines von Aennchen beygebogen: Dieses letztre offen; denn es sollte ein Zürchgulden zum Grüßchen drinn stecken, und der war fort. Was schierte mich das? Die süssen Fuchswörtlin in dem Briefgen entschädigten mich reichlich. Meiner unverschobnen ausführlichen Antworten auf diese Zuschriften will ich nicht gedenken. Die an Aennchen zumal war lang wie ein Nestelwurm. Dießmal blieben wir nur kurze Zeit zu Rothweil, giengen wieder nach dem lieben Schaffhausen zurück, und machten dann von Zeit zu Zeit kleine Tours auf Diessenhofen, Stein am Rhein, Frauenfeld u. s. f. Alle Wochen kamen Säumer aus dem Tockenburg herunter. Schon als Landskraft waren sie mir lieb, und ich freute mich immer, sobald ich nur die Schellen ihrer Thiere hörte. Itzt machte ich noch nähere Bekanntschaft mit ihnen, und gab ihnen ein paarmal Briefe und kleine Geschenke an mein Liebchen und an meine Geschwister mit, erhielt aber keine Antwort. Ich wußte nicht wo es fehlte? Das drittemal bat ich einen solchen Kerl, mir doch alles richtig zu bestellen. Er guckte das Päckgen an, runzelte die Stirn, und wollte weder Ja noch Nein sagen. Ich gab ihm einen Batzen. «So, so», sprach jetzt mein Herr Landsmann: «Das Ding soll richtig bestellt werden». Und wirklich bekam ich nun bald ordentliche Empfangscheine. Meine ältern Brief und schweren Sachen hingegen waren natürlich nach Holland geschwommen.

In Schaffhausen lagen damals fünf preußische Werboffiziers in verschiedenen Wirthshäusern. Alle Tag traktirte einer die andern. So kam's auch je den fünften Tag an uns. Das kostete jedesmal einen Louisd'or; dafür gab's denn freylich Burgunder und Champanier gnug zu trinken. Aber bald hernach wurde ihnen ihr Handwerk niedergelegt; wie die Sag' gieng, weil ein junger Schaffhauser, der in Preussen seine Jahre ausgedient, keinen Abschied kriegen konnte. Und kurz, sie mußten alle fort, und neue Nester suchen. Mein Herr hatte ohnehin hier schlechte Beute gemacht; drey einzige Erzschurken ausgenommen, die sich Verbrechen wegen auf flüchtigen Fuß setzen mußten. Wir begaben uns wieder nach Rothweil. Hier kriegten wir in etlichen Wochen vollends einen einzigen Kerl, einen Deserteur aus Piemont, der aber Markoni viel Freude machte, weil er sein Landsmann war, und mit ihm Pohlnisch parlen konnte. Sonst war's in Rothweil ein lustig Leben. Besonders giengen wir oft mit einem andern Werboffizier, nebst unserm braven Wirth, und etlichen Geistlichen, in die Nachbarschaft aufs jagen. Im Hornung 1756 machten wir eine Reise nach Straßburg. Auf dem Weg nahmen wir zu Haßlach im Kinzinger-Thal unser Schlafquartier. In derselben Nacht war das entsetzliche Erdbeben, welches man durch ganz Europa verspürte. Ich aber empfand nichts davon; denn ich hatte mich Tags vorher auf einem Karrngaul todmüd geritten. Am Morgen aber sah' ich alle Gassen voll Schorsteine; und im nächsten Wald war die Strasse mit umgeworfenen Bäumen in die Kreutz und Queer so verhackt, daß wir mehrmals Umwege nehmen mußten. – In Straßburg mußt' ich Maul und Augen aufsperren; denn da sah' ich: 1.) Die erste grosse Stadt. 2.) Die erste Festung. 3.) Die erste Garnison. 4.) Am dortigen Münster das erste Kirchengebäud', bey dessen Anblick ich nicht lächeln mußte wenn man es einen Tempel nannte. Wir brauchten acht Tag' zu dieser Tour. Mein Herr hielt mich auch diesmal gastfrey, und zahlte mir gleich meinen Sold. Da hätt' ich Geld machen können wie Heu, wär' ich nicht ein liederlicher Tropf gewesen. Er selbst indessen hielt nicht viel besser Haus. Bey unsrer Rückkehr hatten wir zu Rothweil alle Tag Ball, bald in diesem bald in jenem Wirthshause. Fast alle Hochzeiten richtete man, Markoni zu Gefallen, in dem unsrigen an. Der beschenkte alle Bräute, und trillerte dann eins mit ihnen herum. Auch für mich war dieß jetzt ein ganzes Fressen. Zwar hatt' ich mir's fest vorgenommen, meinem Aennchen treu zu bleiben, und hielt wirklich mein Wort; gleichwohl aber macht' ich mir auch kein Gewissen daraus, hie und da mit einem hübschen Kind zu schäckern; wie mich denn auch die Dinger recht wohl leiden mochten. Mein Herr, der war nun vollends gar ein Liebhaber des schönen Geschlechts bis zum Entsetzen, und im Nothfall jede Köchin ihm gut genug. Mich bewahre Gott dafür! dacht' ich oft, so ein armes bisher ehrliches Mädchen zu besudeln, und dann Heut oder Morgens wegzureisen, und es sitzen zu lassen. Eine von den beyden Köchinnen im Wirthshause, Mariane, dauerte mich innig. Sie liebte mich heftig, gab und that mir, was sie mir in den Augen ansah. Ich hingegen bezeugte mich immer schnurrig; sie ließ sich's aber nicht anfechten, und blieb gegen mich stets dieselbe. Schön war sie nicht, aber herzlich gut. Die andere Köchin, Hanne, machte mir schon mehr Anfechtungen. Diese war zierlich hübsch, und ich, vermuthlich darum, eine zeitlang sterblich verliebt in sie. Hätt' sie meine Aufwart williger angenommen, wär' ich wirklich an ihr zum Narren worden. Aber ich sah bald, daß sie gut mit Markoni stuhnd. Ich merkte, daß sie alle Morgen zu ihm aufs Zimmer schliech. Damit that sie mir einen doppelten Dienst: Erstlich verwandelte sich meine Liebe in Haß: Zweytens stand nun mein Herr nicht mehr so frühe als gewöhnlich auf; also konnt' auch ich hinwieder um so viel länger schlafen. Bisweilen kam er schon gestiefelt und gesporrnt auf meine Kammer, und traf mich noch im Bett' an, ohne mir Vorwürf' zu machen; denn er merkte, daß ich wußte, wo die Katz im Stroh lag. Nichts desto weniger warnte er mich, nach solcher Herren Weise, oft vor seinen eignen Sünden mit grossem Ernst. «Ollrich»! hieß es da: «Hörst, mußt dich mit den Mädels nicht zu weit einlassen; du könnt'st die schwere Noth kriegen»! Uebrigens hatt' ich's in allen Dingen bey und mit ihm, wie von Anfang; viel Wohlleben für wenig Geschäfte, und meist einen Patron wie die liebe Stunde, zwey einige Mal ausgenommen; einmal da ich den Schlüssel zum Halsband seines Pudels nicht auf der Stell' finden konnte, das andremal da ich einen Spiegel sollte zerbrochen haben. Beydemal war ich unschuldig. Aber das hätt' mir wenig geholfen; sondern nur durch demüthiges Schweigen entgieng ich der zumal des Schlüssels wegen schon über mir gezogenen Fuchtel. Derley Geschichtgen, kurz alles was mir Süsses oder Sauers wiederfuhr, (meine Liebesmücken ausgenommen) schrieb ich dann fleißig nach Haus, und predigte bey solchen Anlässen meinen Geschwistern ganze Litaneyen voll: Wie sie Vater, Mutter und andern Fürgesetzten ja nie wiederbefzgen, sondern, auch wo sie Unrecht zu leiden vermeynen, sich fein hübsch gewöhnen sollten das Maul zu halten, damit sie's nicht von fremden Leuthen erst zu späth lernen müssen. Alle meine Briefe ließ ich meinen Herrn lesen; nicht selten klopfte er mir während der Lektur auf die Schulter: Bravo, Bravo! sagte er dann, verpittschierte sie mit seinem Siegel, und hielt mich hinwieder in Ansehung aller an mich eingehnden Depeschen portfrey.

XLII.
Noch mehr dergleichen Zeug.

Mir ist so wohl beym Zurückdenken an diese glücklichen Tage – Heute noch schreib' ich mit so viel innigem Vergnügen davon – bin jetzt noch so wohl zufrieden mit meinem damaligen Ich – so geneigt mich über alles zu rechtfertigen, was ich in diesem Zeitraum that und ließ. Freylich vor dir nicht, Allwissender! aber vor Menschen doch darf ich's sagen: Damals war ich ein guter Bursch' ohne Falsch – vielleicht für die arge Welt nur gar zu redlich. Harmlos und unbekümmert bracht' ich meine Tage hin, Heut' wie Gestern, und Morgens wie Heute. Nur kein Gedanke stieg in mir auf, daß es mir jemals anderst als gut gehen könnte. In allen Briefen schrieb ich meinen Eltern, sie sollten zwar für mich beten, aber nicht für mich sorgen; der Himmel und mein guter Herr sorgten schon für mich. Man glaube mir's oder nicht, der einzige Kummer der mich bisweilen anfocht, war dieser: Es dürft' mir noch zu wohl werden, und dann möcht' ich Gottes vergessen. Aber, nein! (beruhigte ich mich bald wieder) das werd' ich nie: War Er's nicht, der mir, durch Mittel die nur seine Weisheit zum Beßten lenken konnte, zu meinem jetzigen erwünschten Loos half? Mein erster Schritt in die Welt gerieth unter seiner leitenden Fürsorge so gut; warum sollten die folgenden nicht noch besser gelingen? Auf irgend einem Fleck der Erde werd' ich vollends mein Glück bau'n. Dann hohl' ich Aennchen, meine Eltern und Geschwister zu mir, und mache sie des gleichen Wohlstands theilhaft. Aber, durch welche Wege? – Dieß fragt' ich mich nie; und hätt' ich daran gedacht, so wär's mir nicht schwer gewesen, drauf zu antworten – denn damals war mir Alles leicht. Zudem kam mein Herr tagtäglich mit allerley Exempeln von Bauern die zu Herren worden, und andern Fortunaskindern angestochen (der Herren die zu Bettlern werden, that er keine Meldung) und versprach selber, an meinem fernern Fortkommen wie ein treuer Vater zu arbeiten u. d. gl. Was hätt' ich weiter befürchten sollen – oder vielmehr, was nicht alles hoffen dürfen? Von einem Herrn, wie Markoni – einem so grossen Herrn, dacht' ich Esel – dem zweyt- oder drittnächsten vielleicht auf den König, der Länder und Städte, geschweige Gelds zu vergeben hat, so viel er will. Aus seiner jetzigen Güte zu schliessen, was wird er erst für mich in der Zukonft thun? Oder warum sollt' er auf mich groben ungeschliffenen Flegel jetzt schon so viel wenden, wenn er nicht grosse Dinge mit mir im Sinn hätte? Konnt' er mich nicht, gleich andern Rekruten, geradezu nach Berlin transportiren lassen, wenn er je im Sinn hätte, mich zum Soldaten zu machen, wie mirs ehemals ein Paar böse Mäuler aufbinden wollten? Nein! Das wird in Ewigkeit nicht geschehn, darauf will ich leben und sterben. So dacht' ich, wenn ich vor lauter Wohlbehagen je Zeit zu denken hatte. Gesund war ich wie ein Fisch. Die Tracktament kennt' ich nach meinem Geschmack wählen, und Mariane ließ mir's per se an guten Bissen nie fehlen. Tanz und Jagd beföderten die Dauung; denn ohne das hätt's mir freylich an Bewegung gefehlt. Markoni besuchte, bald hie bald da, alle Edelleuth' in der Runde. Ich mußte überall mit; und es that mir freylich in der Seele wohl, wenn ich sah, wie er ordentlich Hoffarth mit mir trieb. Sonst waren solche Ausritte zu diesen meist armen Schmalzgrafen seinem Geldbeutel eben wenig nutz. Dann kostete ihn das Tarocspiel mit Pfaffen und Layen auch schöne Batzen. Einst mußt' ich darum die Karten vor seinen Augen in kleine Stück zerreissen, und dem Vulkan zum Opfer bringen – aber Morgens drauf ihm schon wieder neue hohlen. Ein andermal hatt' er auch eine ziemliche Summ' verloren, und kam Abends um neun Uhr, mit einem tüchtigen Räuschgen ganz verdrüßlich nach Haus. «Ollrich»! sagte er, «geh, schaff mir Spielleuth', es koste was es will». «Ja ihr Gnaden»! antwortet' ich, «wenn ich dergleichen wüßte; und dann ist's schon so späth, und stockfinster», «Fort Racker»! fuhr er fort, «oder» – und machte ein fürchterlich wildes Gesicht. Ich mußte mich packen, stolperte nun im Dunkeln durch alle Strassen, und spitzte die Ohren, ob ich nirgends keine Geige höre? Als ich endlich zu oberst im Städtgen an die Mühler- und Beckenherberg kam, merkt' ich, daß es da etwas Herumspringens absetzen wollte; schliech mich hinauf, und ließ einen Spielmann hinausrufen. Die Bursch' in der Stube schmeckten den Braten; ein Paar von ihnen kamen ihm auf dem Fuß nach – und Husch! mit Fäusten über mich her. Dem Wirth hatt' ich's zu danken, daß sie mich nicht fast zutodgeschlagen. Der Apollossohn hatte mir zwar ins Ohr geraunt: Sie wollten bald aufwarten. Jetzt aber zweifelt' ich, ob er mir Wort halten könnte? Dennoch war ich Tropfs genug, sobald ich nach Haus kam, mit den Worten in's Zimmer zu treten: «Ihr Gnaden! innert einer Viertelstund' werden sie da seyn»! – Die Furcht vor neuen Prügeln, eh' noch die alten versaust hätten, verführten mich zu diesem Wagestück. Aber nun stand ich vollends Höllenangst aus, bis ich wußte, ob ich nicht aus Uebel Aerger gemacht? Mittlerweile erzählt' ich Markoni, was ich seinetwegen gelitten – um per Avanzo sein Mitleid rege zu machen, wenn der Guß fehlen sollte. Die tausendslieben Leuthe kamen, eh' wir's uns versahen. Unser Wirth hatte inzwischen etliche lustige Brüder und ein Paar Jungfern rufen lassen. Jetzt kommandirte Markoni Essen und Trinken, was Küche und Keller vermochten, warf den Musikanten zum voraus einen Dukaten hin, und tanzte einen Menuet und einen Pohlnischen. Bald aber fieng er auf seinem Stuhl an zu schnarchen; dann erwacht' er wieder, und rief: «Ollrich! mir ist's so hundsf**»! – Ich mußt' ihn also zu Bett' bringen. Im Augenblick schlief er ein wie ein Stock. Das war uns übrigen recht gekocht. Wir machten uns lustig wie die Vögel im Hanfe – alles so durcheinander, Herren und Dienstboten. Es währte bis Morgens um vier Uhr. Mein Herr erwachte um Fünfe: Seine ersten Worte waren: «Ollrich! Sein Tage trau' er keinem Menschen nicht; 's ist alles falsch wie'n Teufel. Wenn der Cujon von R*** kömmt, so sag' er, ich sey nicht zu Hause».

XLIII.
Noch einmal, und dann: Adieu Rothweil! Adieu auf ewig!

Dieser von R*** war einer von Markonis faulen Debitoren, wie er deren viele hatte. Nun fürchtete er zwar nicht, daß derselbe ihm Geld bringen, aber wohl, daß er noch mehr bey ihm hohlen möchte; denn mein Herr konnte keinem Menschen nichts abschlagen. Indessen wollt' er mich von Zeit zu Zeit dazu brauchen, ihm dergleichen Schulden wieder einzutreiben; dazu aber taugt' ich in Grundsboden nicht: Die Kerls gaben mir gute Wort'; und ich gieng zufrieden nach Haus. Aber länger mocht' eine solche Wirthschaft nicht dauern. Dazu kam, daß Markoni am End das Aergste befürchten mußte, wenn er bedachte, wie wenig Bursche er für so viel Geldverzehrens seinem König geliefert hatte; denn der Grosse Friedrich, wußt' er wohl, war zugleich der genaueste Rechenmeister seiner Zeit. Er strengte darum mich, unsern Wirth, und alle seine Bekannten an, uns doch umzusehn, ob wir ihm nicht noch ein Paar Kerls ins Garn bringen könnten? Aber alles vergebens. Auch die beyden Wachtmeisters Hevel und Krüger, langten um die gleiche Zeit, ebenfalls mit lären Händen wieder zu Rothweil an. Nun mußten wir uns sämtlich reisfertig machen. Vorher aber gab's noch ein Paar lustige Tägel. Hevel war ein Virtuos' auf der Cithar, Krüger eine gute Violine; beyde feine Herren, so lang sie auf der Werbung lagen, beym Regiment aber magere Korporals. Ein dritter endlich, Labrot, ein grosser handvester Kerl, ließ ebenfalls jetzt seinen Schnurrbart wieder wachsen, den er als Werber geschoren trug. Diese drey Bursche belustigten noch zu guter Letze ganz Rothweil mit ihren Sprüngen. Es war eben Faßnacht, wo die sogenannte Narrenzunft (ein ordentliches Institut in dieser Stadt, bey welchem über zweyhundert Personen von allen Ständen eingeschrieben sind) ohnehin ihre Gauckeleyen machte, die meinen Herrn schwer Geld kosteten. Und kurz, es war hohe Zeit, den Fleck zu räumen. Jetzt giengs an ein Abschiednehmen. Mariane flocht mir einen zierlichen Strauß von kostbaren künstlichen Blumen, den sie mir mit Thränen gab, und den ich eben so wenig mit trockenem Aug' abnehmen konnte. – Und nun Ade! Rothweil, liebes friedsames Städtchen! liebe, tolerante katholische Herren und Bürger! Wie war's mir so tausendswohl bey euern vertrauten brüderlichen Zechen! – Ade! ihr wackern Bauern, die ich an den Markttagen in unserm Wirthshaus so gern' von ihren Geschäften plaudern hörte, und so vergnügt auf ihren Eseln heimreisen sah! Wie treflich schmeckten mir oft Milch und Eyer in euern Strohhütten! Wie manche Lust genoß ich auf euern schönen Fluren, wo Markoni so viel Dutzend singende Lerchen aus der Luft schoß, die mich in die Seele dauerten! Wie entzückt war ich, so oft mein Herr mirs vergönnte, in euern topfebnen Wäldern, an des Nekkars reitzenden Ufern, auf und nieder zu schlentern, wo ich ihm Hasen ausspähen sollte – aber lieber die Vögel behorchte, und das Schwirren des Wests in den Wipfeln der Tannen! – Nochmal also Ade! Rothweil, werthes, theures Nestgen! Ach! vielleicht auf ewig! Ich hab' seit derzeit so viel Städte gesehn, zehnmal grösser, und zwanzigmal saubrer und netter als du bist! Aber mit aller deiner Kleinheit, und mit allen deinen Miststöcken, warst du mir zehn und zwanzigmal lieber als sie! Adie, Marianchen! Tausend Dank für deine innige, und doch so unverdiente Liebe zu mir! Adie! Sebastian Zipfel, lieber guter Armbrustwirth! und deine zarte Mühle desgleichen! Lebt alle alle wohl!

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