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Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg

Ulrich Bräker: Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg - Kapitel 11
Quellenangabe
typeautobio
booktitleDer arme Mann im Tockenburg
authorUlrich Bräker
year1993
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-22662-4
titleLebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg
pages37-40
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1789
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XXXVII.
Ein nagelneues Quartier.

Wir kamen noch bey guter Zeit in Schaffhausen an, und kehrten beym Schiff ein. Als ich vom Pferd eher fiel als stieg, war ich halb lahm, und stuhnd da wie ein Hosendämpfer. Da gieng's von Seite meiner Führer an ein Mustern, das mich bald wild machte, da ich nicht begreifen konnte, was endlich draus werden sollte. Als wir die Stiege hinaufkamen, hiessen sie mich ein wenig auf der Laube warten, traten in die Stube, und riefen mich dann nach wenigen Minuten auch hinein. Da sah ich einen grossen hübschen Mann der mich freundlich anlächelte. Sofort hieß man mich die Schuh' ausziehn, stellte mich an eine Saul unter ein Maaß, und betrachtete mich vom Kopf bis zun Füssen. Dann redten sie etwas Heimliches mit einander; und hier stieg mir armen Bürschgen der erste Verdacht auf, die zwey Kerls möchtens nicht am Beßten mit mir meynen; und dieser Argwohn verstärkte sich, als ich deutlich die Worte vernahm: «Hier wird nichts draus, wir müssen also weiter gehn». «Heut setz' ich keinen Fuß mehr aus diesem Haus», sagt' ich zu mir selber; «ich hab' noch Geld»! Meine Führer giengen hinaus. Ich saß am Tische. Der Herr spatzierte das Zimmer auf und ab, und guckte mich unterweilen an. Neben mir schnarchte ein grosser Bengel auf der Bank, der wahrscheinlich im Rausch in die Hosen geschwitzt, daß es kaum zu erleiden war. Als der Herr während der Zeit einmal aus der Stube gieng, nahm ich die Gelegenheit wahr, die Wirthsjungfer zu fragen: Wer denn wohl dieser Bursche seyn möchte: «Ein Lumpenkerl», sagte sie: «Erst Heute hat ihn der Herr zum Bedienten angenommen, und schon sauft sich der H . blindstern voll, und macht e'n Gestank, Puh»! – «Ha»! sagt' ich, eben als der Herr wieder hereintrat, «so ein Bedienter könnt' ich auch werden». Dieß hört' er, wandte sich gegen mir, und sprach: «Hätt'st du zu so was Lust»? «Nachdem es ist», antwortet' ich. «Alle Tag 9. Batzen», fuhr er fort, «und Kleider, so viel du nöthig hast». «Und was dafür thun»? versetzt' ich. Er. Mich bedienen. Ich. Ja! wenn ich's könnte. Er. Will dich's schon lehren. Pursch du gefällst mir. Wir wollen's vierzehn Tag probiren. Ich. Es bleibt dabey. – Damit war der Markt richtig. Ich mußt' ihm meinen Namen sagen. Er ließ mir Essen und Trinken vorsetzen, und that allerley gutmüthige Fragen an mich. Unterdessen waren meine Gefärthen (wie ich nachwerts erfuhr) zu ein Paar andern preussischen Werboffizieren gegangen (es befanden sich damals 5. dergleichen auf einmal in Schaffhausen) und machten bey ihrer Zurückkonft grosse Augen, als sie mich so drauf loszechen sahen. «Was ist das»? sagte Laurenz: «Geschwind, komm! Itzt haben wir dir einen Herrn gefunden». – «Ich hab' schon einen», antwortet ich. Und Er: «Wie, was? Ohne Umständ» – – und wollten schon Gewalt brauchen. «Das geht nicht an, ihr Leute»! sagte mein Herr: «Der Bursch' soll bey mir bleiben»! «Das soll er nicht», versetzte Laurenz: «Er ist uns von seinen Eltern anvertraut». «Lyrum! Larum»! erwiederte der Herr: «Er hat nun einmal zu mir gedungen, und damit auf und Holla»! Nach einem ziemlich heftigen Wortwechsel giengen sie mit einander in ein Nebencabinet, wo Laurenz und der Herisauer, wie ich im Verfolg hörte, sich mit 3. Dukaten abspeisen liessen, von denen eine meinem Vater werden sollte – – der er aber nie ansichtig ward. Damit brachen sie ganz zornig auf, ohne nur mit einem Wort von mir Abschied zu nehmen. Anfangs sollen sie bis auf zwanzig Louisd'or für mich gefordert haben.

Den folgenden Tag ließ mein Herr einen Schneider kommen, und mir das Maaß von einer Montirung nehmen. Alle andern Beythaten folgten in Kurzem. Da stand ich nun gestiefelt und gespornt, nagelfunkelneu vom Scheitel bis an die Sohlen: Ein hübscher bordirter Hut, samtene Halsbinde, ein grüner Frack, weiß tücherne Weste und Hosen, neue Stiefel, nebst zwey Paar Schuhen; alles so nett angepaßt – – Sackerlot! Da bildet' ich mir kein kaltes Kraut ein. Und mein Herr reitzte mich noch dazu, nur ein wenig stolz zu thun: «Ollrich»! sagte er: «Wenn du die Stadt auf und ab gehst, mußt du hübsch gravitätisch marschieren – – den Kopf recht in die Höhe, den Hut ein wenig aufs eine Ohr». Mit eigner Hand gürtete er mir einen Ballast an die Seite. Als ich so das erstemal über die Strasse gieng, war's mir, als ob ganz Schaffhausen mein wäre. Auch rückte alles den Hut vor mir. Die Leuth' im Haus begegneten mir wie einem Herrn. Wir hatten in unserm Gasthof hübsch meublirte Zimmer, und ich selber ein ganz artiges. Ich sah aus meinem Fenster alle Stunden des Tags das frohe Gewimmel der durch's Schiffthor aus- und eingehnden Menschen, Pferdten, Wagen, Kutschen und Chaisen; und, was mir nicht wenig schmeichelte – man sah und bemerkte auch mich. Mein Herr, der mir bald so gut war als ob ich sein eigener Sohn wäre, lehrte mich frisiren; frisierte mich Anfangs selbst, und flocht mir einen tüchtigen Haarzopf. Ich hatte nichts zu thun, als ihn bey Tisch zu serviren, seine Kleider auszuklopfen, mit ihm spatzieren zu fahren, auf die Vögeljagd zu gehn, u.d.gl. Ha! Das war ein Leben für mich. Die meiste Zeit durft' ich vollends allein wandeln, wohin es mir beliebte. Alle Tag gieng ich bald durch alle Gassen in dem hübschen Schaffhausen; denn aussert Lichtensteig hatt ich bisher noch keine Stadt gesehn, und kein grösser Wasser als die Thur. Ich spatzierte also bald alle Abend am den Rhein hinaus, und konnte mich an diesem mächtigen Fluß kaum satt sehn. Als ich den Sturz bey Laufen das erstemal sah und hörte, ward mir's braun und blau vor den Augen. Ich hatte mir's, wie so viele, ganz anders, aber so furchtbar majestätisch nie eingebildet. Was ich mir da für ein klein winziges Ding schien! Nach einem stundenlangen Anstaunen kehrt' ich ordentlich wie beschämt nach Haus. Bisweilen gieng's auf den Bonenberg, der schönen Aussicht wegen. An der Lände half ich den Schiffleuthen, und fuhr bald selbst mit Plaisir hin und her.

XXXVIII.
Ein unerwarteter Besuch.

So stuhnd's, und mir war himmelwohl, als, ohne Zweifel durch meine wackern Begleiter, das Gerücht in mein Heimath kam, man hätte mich aufs Meer verkauft; und namentlich sollte dieß ein Mann ausgesagt haben, der mich mit eignen Augen anschmieden, und den Rhein hinunterführen gesehn. Schon stellte man mich allen Kindern zum Exempel vor, daß sie fein bey Haus bleiben, und sich nicht in die böse Welt wagen sollten. Zwar glaubte mein Vater kein Wort hievon; weil aber die Mutter so grämlich that, ihm Vorwürf' über Vorwürfe machte, und Tag und Nacht keine Ruhe ließ, entschloß er sich endlich, auf Schaffhausen zu kehren, und sich selbst nach dem Grund oder Ungrund dieser Mähre zu erkundigen. Also, an einem Abend, welche Freude für uns beyde, als mein innigstgeliebter Vater so ganz unerwartet, daß ich meinen Augen kaum trauen durfte, im meine Kammer trat; Er mir erzählte, was ihn hergeführt, und Ich ihm, wie glücklich ich sey; ihm meinen Kasten zeigte, die scharmanten Kleider darin, alles Stück vor Stück bis auf die Hemderknöpflin; dann ihn meinem guten Herrn vorstellte, der ihn freundlich bewillkommte, und bestens zu traktiren befahl, u. s. f. u. f. Nun aber traf's sich, daß man gerade den Abend nach dem Nachtessen in unserm Gasthof tanzte, und mein Herr, als ein Liebhaber von allen Lustbarkeiten, sich solches auch schmecken ließ – so wie mein Vater und ich, am Tischgen in einem Winkel der grossen Gaststube, unsern Braten. Ganz unversehns kam er auf mich zu: «Ollrich! komm, mußt auch Eins mit den jungen Leuthen da tanzen». Vergebens entschuldigt' ich mich, und bezeugte auch mein Vater, daß ich mein Lebtag nie getanzt hätte. Da half alles nichts. Er riß mich hinterm Tisch hervor, und gab mir die Köchin im Haus, ein artiges Schwabenmeitlin, an die Hand. Der Schweiß tropfte mir von der Stirn, vor Schaam, daß ich in Gegenwart meines Vaters tanzen sollte. Das Mädchen inzwischen riß mich so vertummelt herum, daß ich in Kurzem sinnlos von einer Wand zu der andern platschte, und damit allen Zuschauern zum Spektakel ward. Mein lieber Aeti redte zwar bey dieser ganzen Scene kein Wort; aber von Zeit zu Zeit warf er auf mich einen wehmütigen Blick, der mir durch die Seele gieng. Wir legten uns doch noch zeitig genug zu Bette. Ich ward nicht müde, ihm nochmals eine ganze Predigt zu machen, wie wohl ich mich befinde: was ich vor einen gütigen Herrn habe, wie freundlich und väterlich er mir begegne, u. s. f. Er gab mir nur mit abgebrochenen Worten Bescheid: Ja – So – es ist gut – und schlief ein – ziemlich unruhig, und ich nicht minder. Des Morgens nahm er Abschied, so bald mein Herr erwacht war. Derselbe zahlte ihm die Reiskosten, gab ihm noch einen Thaler auf den Weg, und versicherte ihn hoch und theuer, ich sollt' es gewiß gut bey ihm haben und wohl versorgt seyn, wenn ich mich nur weiter treu und redlich betragen würde. Mein redlicher Vater, der nun schon wieder Muth und Zutrauen faßte, dankte höflich, und empfahl mich auf's Beßte. Ich gab ihm das Geleit bis zum Kloster Paradies. Auf der Strasse sprachen wir so herzlich mit einander, als seit jener Krankheit in meiner Jugend sonst nie geschehn. Er gab mir vortreffliche Erinnerungen: «Vergiß deine Pflichten, deine Eltern und deine Heimath nicht, so wird dich Gottes Vaterhand gewiß auf gute Wege leiten, welche freylich weder ich noch du jetzt voraussehn». Beym Abschied zerdrückten wir uns fast. ich konnte vor Schluchzen kaum ein: Behüte, behüte Gott! herstammeln, und dachte nur immer: Ach! könnt' ich doch mein gegenwärtiges Glück, ungetrennt von meinem guten Aeti gemessen, jeden Bissen mit ihm theilen, u. d. gl.

XXXIX.
Was weiters.

Meines Diensts war ich bald gewohnt. Mein Herr hatte, ohne mein Wissen, etlichemal meine Treu auf die Probe gestellt, und hie und da im Zimmer Geld liegen lassen. Als bald nachher einem andern von den Preußischen Werboffizieren sein Bedienter mit dem Schelmen davon gieng, und ihm über 80. fl. enttrug, sagte mein Herr zu mir: «Willst du mir's auch e'nmal so machen, Ollrich»? Ich versetzte lachend: Wenn er mir so was zutraue, soll er mich lieber fortjagen. Ich hatte aber wirklich sein Vertrauen so sehr gewonnen, daß er mir den ganzen Winter durch die Schlüssel zu seiner Stube und Kammer ließ, wenn er etwa ohne Bedienten kleine Tours machte. Hinwieder ehrte und liebte ich ihn wie einen Vater. Aber er war auch freundlich und gütig darnach. Nur zu viel konnt' ich spatziren und müßig gehn; und fuhr ich, besonders im Herbst, oft über Rhein auf Feurthalen (denn die alte Brücke war kurz vorher eingefallen, und die neue mit H. Grubenmann in unserm Gasthof accordirt worden) in die Weinlese. Dort half ich dem jungen Volk Trauben – essen, bis ans Halszäpflin. Einmal bey einer solchen Ueberfahrt, sagte mir jemand: «Nun, wie geht's Ulrich? Weißt du auch, daß dein Herr ein Preußischer Offizier ist»? Ich. «Ja! meinetwegen, er ist ein herzguter Herr». «Ja, ja»! sagte jener: «Wart' nur, bis d'enmal in Preussen bist; da mußt Soldat seyn, und dir den Buckel braun und blau gerben lassen. Um tausend Thaler möcht' ich nicht in deiner Haut stecken». Ich sah dem Burschen starr ins Gesicht, und dachte bloß, der Kerl rede so aus Bosheit oder Neid; gieng dann geschwind nach Hause, und erzählte meinem Herrn alles harklein, worauf derselbe versetzte: «Ollrich, Ollrich! Du mußt nicht so einem jeden Narrn und Flegel dein Ohr geben. Ja! es ist wahr, ein Preußischer Offizier bin ich – und was ist's denn? – von Geburth ein Pohlnischer Edelmann; und, damit ich dir alles auf die Nase binde, heiß ich' Johann Markoni. Bisher nanntest du mich Herr Lieutenant! Aber eben dieser Grobiane wegen, sollst du mich könftig ihr Gnaden! schelten, Uebrigens sey nur getrost und guten Muths, dir soll's, bey Edelmanns Parole! nie fehlen, wenn du anderst ein wackrer Bursche bleibst. Soldat solltest werden? Nein! bey meiner Seel' nicht! Ich konnt' dich ja haben; um ein Paar schlichtige Louisd'or wollten deine beyden saubern Landsleuth' dich verkaufen. Aber du warst mir dazu etwas zu kurz; von deiner Länge nimmt man noch keinen an, und ich behielt dir was besseres vor». Nun, dacht' ich, bin ich Leibs und Guts sicher – Ha! der gute Herr! – Er hätt mich können haben – Die Schurken! – Ja wohl, mich verkaufen? – Der Henker lohn's ihnen! – Aber komm' mir mehr so einer, ich will ihm das Maul mit Erde stopfen. Ja wohl! – Was für ein vornehmer Herr muß nicht Markoni seyn, und dabey so gut! Kurz, ich glaubte von nun an ihm alles, wie ein Evangelium.

XL.
O die Mütter, die Mütter.

Markoni machte bald hernach eine Reise auf Rothweil am Neckar, zwölf Stunden von Schaffhausen entlegen. Ich mußte mit, und zwar in der Chaise. In meinem Leben war ich in keinem solchen Ding gesessen. Der Kutscher sprengte die Stadt hinauf bis ans Schwaben-Thor, daß es donnerte. Ich meinte alle Augenblick', es müsse umschlagen, und wollt' mich an allen Wänden halten. Markoni lachte sich die Haut voll: «Du fällst nicht, Ollrich! Nur hübsch gerade»! Ich war's bald gewohnt, und das Fuhrwerk, sowie überhaupt diese ganze Tour, machte mir viel Vergnügen. Indessen begegnete mir während der Zeit ein fataler Streich. Meine Mutter war wenige Tage nach unsrer Abreise gen Schaffhausen gekommen, und mußte, da ihr der Wirth nicht sagen konnte, wenn wir zurückkämen, noch welchen Weg wir genommen, wieder nach Haus kehren, ohne ihr liebes Kind gesehen zu haben. Sie hatte mir mein N. Testament und etliche Hembder gebracht, und dem Wirth befohlen mir's nachzuschicken, falls ich nicht wieder auf Schaffhausen käme. O die gute Mutter! Es war eine kleine Busse für ihren Unglauben; sie wollte dem Vater nicht trauen, daß er mich angetroffen, sondern mit eignen Augen sehen, und erst dann glauben. Ganz trostlos, und unter tausend Thränen soll sie wieder von Schaffhausen heimgegangen seyn. Dieß schrieb mir, auf ihr Ansuchen, bald darauf, Herr Schulmeister Am Bühl zu Wattweil, mit dem Beyfügen: Sie lasse mir, da sie keine Hoffnung habe mich jemals wieder zu sehen, hiemit ihr letztes Lebewohl sagen, und gebe mir den Segen. Es war ein sehr schöner Brief, er rührte mich innig. Unter anderm stand auch darinn: Als das Gerücht in meine Heimath gekommen, ich müsse über Meer, hätten meine jungen Schwesterchen all' ihr armes Gewändlin dahingeben wollen, mich loszukaufen, die Mutter desgleichen. Damals waren ihrer neun Geschwisterte bey Hause. Man sollte denken, das wären ihrer doch noch genug. Aber eine rechte Mutter will keins verlieren, denn keins ist das andre. Wirklich war sie drey Wochen vorher noch im Kindbeth gelegen, und kaum aufgestanden, als sie meinetwegen auf Schaffhausen kam. O die Mütter, die Mütter!

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