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Lebenserinnerungen und Denkschriften

Heinrich Freiherr vom Stein: Lebenserinnerungen und Denkschriften - Kapitel 1
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authorFreiherrn vom Stein
titleLebenserinnerungen und Denkschriften
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Lebenserinnerungen

Verfaßt in den Jahren 1821 – 1823

Ich wurde den 26. Oktober 1757 von sehr achtungswerten Eltern geboren, unter dem Einflusse ihres religiösen, echt deutsch ritterlichen Beispiels auf dem Lande erzogen; die Ideen von Frömmigkeit, Vaterlandsliebe, Standes- und Familienehre, Pflicht, das Leben zu gemeinnützigen Zwecken zu verwenden und die hierzu erforderliche Tüchtigkeit durch Fleiß und Anstrengung zu erwerben, wurden durch ihr Beispiel und ihre Lehre tief meinem jungen Gemüte eingeprägt. Die Ansicht der Welt und der menschlichen Verhältnisse schöpfte der Knabe und Jüngling in der Einsamkeit des Landlebens aus der alten und neuen Geschichte, besonders sprachen ihn die Ereignisse der vielbewegten englischen an. War diese Ansicht freilich einseitig, unpraktisch und verführend zu einer gewissen Unbilligkeit in Beurteilung der nahen Wirklichkeit, so entfernte sie mich jedoch auch vom gemeinen und kleinlicher Zeitversplitterung und bestimmte mich zur Beobachtung einer großen Strenge in der Auswahl meiner Freunde, sie nur unter den bessern, edlern, tüchtigen Jünglingen aufzusuchen, die flachen, leeren, eitlen zu vermeiden. – Meine Eltern bestimmten mich zu einer Stelle bei dem Reichsgerichte, auf Erlangung der hierzu nötigen Kenntnisse war meine Erziehung und der Gang meines akademischen Lebens gerichtet.

Im Herbst 1773 besuchte ich mit einem Hofmeister Göttingen, wo ich aus Gehorsam gegen den Willen meiner Eltern sehr ernsthaft Jurisprudenz studierte, zugleich aber auch mit der englischen Geschichte, ihren statistischen, ökonomischen und politischen Werken mich bekannt machte und überhaupt durch den vertrauten Umgang mit mehreren jungen, gleichgesinnten Männern als Rehberg, Brandes meine Vorliebe für dieses Volk sich befestigte. Auf Ostern 1777 verließ ich Göttingen, besuchte Wetzlar drei Monate, um den Kammergerichtsprozeß kennenzulernen, blieb den Winter 1778 in Mainz, machte eine Reise mit einem Freunde, dem jetzigen hannoverschen Gesandten in Rom, Herrn von Reden, an die deutschen Höfe zu Mannheim, Darmstadt, Stuttgart, München, hielt mich zwei Monate in Regensburg wegen der Reichstagsgeschäfte auf und ging im Winter 1779 über Salzburg, Passau nach Wien wegen des Reichshofrats, wo ich aber sehr zerstreut und dem geselligen Leben allein ergeben, neun Monate verlebte, Reisen nach Steiermark, Ungarn machte und über Dresden nach Berlin im Februar 1780 ging.

Meine Abneigung gegen eine Anstellung bei den Reichsgerichten hatte sich unterdessen ausgesprochen und meine Eltern ihr nachgegeben, meine hohe Verehrung aber für Friedrich den Einzigen, der durch die Erhaltung von Bayern damals die Dankbarkeit dieses Landes und des ganzen Vaterlandes sich erworben hatte, den Wunsch in mir erregt, ihm zu dienen, unter ihm mich zu bilden.– Nach der gewöhnlichen Ordnung der Dinge mußte ich als Referendarius bei einer Kriegs- und Domänenkammer anfangen, vielleicht wäre ich in Förmlichkeiten untergegangen, und die Abhängigkeit von einem mittelmäßigen, steifen, in Förmlichkeiten befangenen Vorgesetzten hätte verderblich und niederschlagend auf mich gewirkt – dank aber einer gütigen Vorsehung fand ich in dem Staatsminister von Heinitz einen väterlichen, mein Schicksal mit Liebe, Ernst und Weisheit bis zu seinem Tode 1802 leitenden Vorgesetzten. Er war ein Freund meiner Eltern, sowie auch seine vortreffliche Gattin, beide nahmen mich mit teilnehmender, nachsichtsvoller Güte auf. – Der Staatsminister von Heinitz war einer der vortrefflichsten Männer seines Zeitalters: tiefer, religiöser Sinn, ernstes, anhaltendes Streben, sein Inneres zu veredeln, Entfernung von aller Selbstsucht, Empfänglichkeit für alles Edle, Schöne, unerschöpfliches Wohlwollen und Milde, fortdauerndes Bemühen, verdienstvolle, tüchtige Männer anzustellen, ihren Verdiensten zu huldigen und junge Leute auszubilden – waren die Hauptzüge dieses vortrefflichen Charakters und brachten die segensreichsten Früchte in dem seiner Verwaltung anvertrauten Geschäftskreise. Damals war es das Bergwerks- und Hüttendepartement, das er aus seinem Nichts in dem Preußischen zu erheben bemüht war, und in welchem er mir vorschlug, mich anzustellen. Verließ ich es gleich im Jahre 1793, so hatte doch das Leben in einem auf die Natur und den Menschen sich beziehenden, die körperlichen Kräfte zugleich entwickelnden Geschäfte den Nutzen, den Körper zu stärken, den praktischen Geschäftssinn zu beleben und das Nichtige des toten Buchstabens und der Papiertätigkeit kennen zu lehren.

Ich betrat also im Februar 1780 eine ganz neue Laufbahn, zu der mir alle Vorkenntnisse fehlten; sie zu erlangen war mein ernster Vorsatz, und ich begann also ganz neue Studien durch Besuche der Kollegien in Berlin, durch Begleitung des Ministers von Heinitz auf seinen Dienstreisen 1780 durch Ostfriesland, Holland, Westfalen, das Mansfeldische; 1781 durch West- und Ostpreußen, wo ich meinen Rückweg mit dem nachherigen Staatsminister Grafen von Reden über Warschau, Wilitzka, Krakau durch Schlesien nach Berlin nahm, und durch meinen einjährigen Aufenthalt 1782 in Freiberg und einen dreimonatigen 1783 in Klaustal.

Nach meiner Zurückkunft nach Berlin 1784 wurde mir die Direktion des Bergwesens und der Fabriken in Westfalen übertragen, der ich mich mit Eifer, aber etwas einseitig durchgreifend unterzog, daher ich Mißvergnügen und Beschwerden veranlaßte, die ich durch mehr Milde hätte vermeiden können und in der Folge vermied.

Ganz unerwartet wurde mir im Juni 1785 der Auftrag, als preußischer Gesandter nach Mainz, Zweibrücken und Darmstadt zu gehen, um den Beitritt dieser Höfe zum deutschen Fürstenbunde zu bewirken, den Friedrich der Große den ehrgeizigen Absichten Josephs II. auf Bayern entgegensetzte.

Es gelang mir, den Kurfürsten von Mainz, Carl Friedrich, zum Beitritt zu bewegen; es war eine ungewöhnliche Erscheinung, den Reichserzkanzler und ersten geistlichen Kurfürsten sich vom Kaiser und Hause Österreich trennen und mit einem diesem entgegengesetzten Vereine verbinden zu sehen. Der Kurfürst besaß einen kräftigen Charakter, er glaubte sich als Reichserzkanzler vorzüglich zum Schutz der Verfassung und Aufrechterhaltung der Gesetze berufen; Josephs II. Anmaßungen beunruhigten ihn, dieser hatte ihn persönlich beleidigt, und es schmeichelte ihm, daß der königliche, mit Ruhm bedeckte Greis sich um seine Freundschaft bewarb.

Ich bat um meine Zurückberufung, da ich der Diplomatie immer abgeneigt war, wegen der Wandelbarkeit der Politik der Höfe, des Wechsels von Müßiggang und einer schlau berechnenden Geschäftstätigkeit, des Treibens, um Neuigkeiten und Geheimnisse zu erforschen, der Notwendigkeit, in der großen Welt zu leben, mit ihren Genüssen und Beschränkungen, Kleinlichkeiten und Langeweile mich zu befassen, und wegen meines Hanges zur Unabhängigkeit und meiner Offenheit und Reizbarkeit – und kehrte auf meinen Posten im Winter 1785 zurück, führte verschiedene Pläne aus und machte im November 1786 eine mineralogische und technologische Reise nach England, von wo ich im August 1787 wieder zurückkehrte. Man bot mir eine Gesandtschaft nach dem Haag, dann nach Rußland an, die ich ablehnte. Ich wurde aber als Kammerdirektor bei der Kriegs- und Domänenkammer zu Kleve und Hamm angestellt, mit Leitung des Fabrikwesens, Wasserbau und Wegebau besonders beauftragt und bewirkte die Wegsamkeit der Grafschaft Mark durch den Bau von zwanzig Meilen Kunststraßen innerhalb vier Jahren in diesem gebirgigen, fabrik- und produktenreichen Lande, alle Arbeit wurde bezahlt und keine Frohnde geleistet – und eine Verwandlung der Akzise oder Verbrauchssteuer in der Grafschaft Mark in eine für ein offenes, gewerbiges Land passendere Abgabe. Im Jahre 1793 wurde ich Präsident der Kammer in Kleve und Hamm, 1794 von Kleve durch das Einrücken der Franzosen vertrieben, 1795 mit der Verpflegung der nach Westfalen im Mai einrückenden Möllendorfischen Armee beauftragt, sie gelang ungeachtet der schlechten Ernte, des langen Aufenthalts der Clairfaitschen Armee am Niederrhein, der englischen an der Weser und für mäßige Preise durch Verteilung des ganzen Verpflegungsterrains in gewisse Bezirke, in denen für bestimmte Preise von zuverlässigen Kommissarien gekauft wurde, die eine Tantieme an der Ersparung hatten, durch Anlegung von Fuhrlinien aus den Hauptmagazinen in die Ausgabemagazine mit Vorspannfuhren und durch Ausschließung der Generalentrepreneurs.

1796 erhielt ich das Oberpräsidium der westfälischen Kammer zu Wesel, Hamm und Minden; in dieser Provinz bewirkte ich nach einer mit dem Kammerkollegium selbst vorgenommenen Revision die Anlage der Kunststraße von Bielefeld nach Minden, die Verbesserung des Strombandes und der Schiffahrt auf der Weser; manches wurde bei den Leinwandfabriken abzuändern versucht, endlich die Milderung der Eigenbehörigkeit in Betracht genommen, jedoch nicht in dem revolutionären, alte Rechte vernichtenden Sinne.

Als die Säkularisationen durch den Reichsdeputationsschluß 1802 erfolgten, wurde ich mit denen der Stifter Münster und Paderborn beauftragt, sie geschah mit Milde, Schonung und Treue, die inländischen Beamten wurden, wenn sie irgend tauglich, beibehalten und das Gehässige der Sache möglichst gemildert.

Nach dem Tode des Ministers Struensee, eines geistvollen, sehr unterrichteten Staatsmannes, 1804, wurde mir dessen Stelle im Generaldirektorium übertragen, und zwar das Departement der indirekten Abgaben oder Akzise und Zölle, des Salzwesens, der Fabriken und des Handels, des Staatsschuldenwesens oder der sogenannten Seehandlung und der Bank.

Die Operationen, welche ich vom November 1804 bis im September 1806 vornahm, waren:

  1. Trennung der Salzfabrikation von der Erhebung der Salzabgaben; die erste wurde als ein technologisches Geschäft dem Bergwerksdepartement überwiesen, die Erhebung aber mit der Verwaltung der übrigen Konsumtionsabgaben verbunden.
    Hierdurch erhielt man eine beträchtliche Ersparung an den Hebungskosten.
  2. Aufhebung aller Binnen- und Provinzialzölle, der Ausfall wurde durch eine Erhöhung der Salzabgabe gedeckt.
  3. Verminderung der unnützen Schreiberei bei den Oberbehörden, indem ich eine große Masse von unnützem Papierkram ganz einstellte und die Selbständigkeit der Provinzialstellen vermehrte.
  4. Die Akzisetarife der Provinzen Ost- und Westpreußen wurden dem Interesse der großen Handelsstädte angemessen gemacht.
  5. Ein Plan zur Gleichsetzung der indirekten Steuerverfassung in Süd- und Neuostpreußen und zur Ablösung vieler verderblicher Lokalabgaben dieses Landes wurde entworfen nach einer 1805 von mir vorgenommenen Bereisung der Provinzen Süd-, Neuost-, Ost- und Westpreußen und Pommern.
  6. Die englischen Verbesserungen bei der Wollfabrikation, den Maschinenspinnereien, Tuchscherereien einzuführen angefangen, eine große Baumwollenspinnerei in Berlin angelegt.
  7. Die Bank hielt ich für ein verderbliches Institut; sie zog bedeutende Geldsummen an sich, deren Verwendung Beamten anvertraut war; sie sollte zwar nicht auf Grundstücke ausleihen, sondern nur auf Waren, Papiere usw. diskontieren.

Die Beamten ihrer Provinzialkontors zu Elbing liehen leichtsinnig auf Güter in Preußisch-Polen, woraus nachher sehr verderbliche Transaktionen mit Napoleon, später mit Rußland entstanden. Die anderen Kontors begünstigten hauptsächlich jüdische Bankiers, deren List, Beharrlichkeit, Zusammenhang und Mangel an Ehrgefühl, wenn nur Habsucht befriedigt wird, in jedem Staate verderblich ist und besonders nachteilig auf die Beamtenwelt wirkt.

Ich verbot die hypothekarischen Geschäfte in Südpreußen, zog alle 2 Monate die zum Teil seit Jahren ausstehenden Fonds ein, bei welcher Gelegenheit sich ein grober Betrug eines jüdischen Bankiers entdeckte, der ihn zur Flucht nach Wien zwang, wo er Schutz durch seine Schwägerin Frau von Arnstein und durch Veränderung der Religion fand und einen Offizianten zum Selbstmord brachte. Zugleich entwarf ich einen Plan zur Beschränkung des Zuflusses des baren Geldes zu der Bank, um den unmittelbaren Verkehr zwischen der Geld besitzenden und der das Geld zum Gewerbebetrieb bedürfenden Klasse zu begünstigen, welcher dessen Erhaltung ohnehin erschwert war durch die Vollkommenheit des Hypothekenwesens und die landschaftlichen Kreditsysteme.

Alles dieses wurde aber teils vereitelt, teils erschüttert durch die große Katastrophe, welche die preußische Monarchie traf, Folge einer schwankenden, zaudernden, allein auf momentane Erhaltung äußerer Ruhe berechneten Staatsklugheit und großen Kriegsunglücks.

Gegen Ende des Jahres 1805 brach ein neuer Krieg mit Napoleon aus, an dem Preußen bedingt teilzunehmen beschloß. Mir wurde der Auftrag, Vorschläge abzugeben zur Anschaffung des Kriegsfonds. Diese Vorschläge waren:

  1. Benutzung des damals bedeutenden Schatzes.
  2. Vermehrung seiner Wirksamkeit durch Kreierung von zinslosen Schatzkammerscheinen, welche auf gewissen Kontors realisiert werden konnten und in den Kassen angenommen wurden
  3. Einlieferung der Naturalien gegen bestimmte, den Durchschnittsmarktpreisen entsprechende Preise durch Landfuhren
  4. Anleihen in Kassel und Leipzig.

Diese Vorschläge wurden genehmigt. Der Krieg brach für Preußen erst im Herbst 1806 aus. Mit den von mir angegebenen Mitteln wurde er vorbereitet und geführt.

Im Sommer 1806 hatte ich eine Dienstreise durch Schlesien, das Halberstädtische und Magdeburgische gemacht und kam im August nach Berlin; hier fand ich alles in der größten Bewegung und Gärung; die Prinzen Louis Ferdinand, Wilhelm, Heinrich, der Prinz von Oranien hatten sich verabredet, in einer von Johannes von Müller entworfenen Vorstellung den König sehr ehrerbietig um Entfernung des Ministers Grafen von Haugwitz und der Kabinettssekretäre Beyme und Lombard zu bitten, weil diese sich durch den Mißbrauch ihres Einflusses und ihre Vorliebe für Frankreich der Nation durchaus verhaßt gemacht hatten; sie forderten mich und den General Rüchel, der ein in Hannover stehendes Armeekorps befehligte, auf zur Mitunterzeichnung.

Ich hielt die Art der Verwaltung durch Kabinettsräte, die dem König unmittelbar vortrugen und überwiegenden Einfluß, aber keine Verantwortlichkeit besaßen, für verderblich und hatte mich darüber schon längst in einem Aufsatze, der dem König wahrscheinlich nicht unbekannt geblieben, ausgesprochen. In der gegenwärtigen Krise schien es mir doppelt wichtig, diese Veränderung zu bewirken und den König zu bewegen, unmittelbar mit seinen Ministern zu arbeiten; ich fand also kein Bedenken, die Vorstellung mit zu unterzeichnen, riet, sie durch den General Rüchel selbst überreichen zu lassen, der aber durch den Marsch seines Truppenkorps verhindert wurde und sie durch seinen Adjutanten dem König überreichen ließ. Dieser wurde darüber sehr aufgebracht, sah es als eine höchst strafbare Anmaßung an, gab seinen beiden Brüdern und dem Prinzen von Oranien einen scharfen Verweis, schickte sie schleunigst zu ihren marschierenden Regimentern und ließ mir seine Unzufriedenheit durch den General Phull, jetzt in russischen Diensten, zu erkennen geben.

Wichtigere Ereignisse folgten so schnell, daß dieses bald vergessen wurde; ich bekam infolge vieler Arbeiten im September einen heftigen Anfall von Podagra, der mich nicht bis in den Mai des folgenden Jahres verließ.

Der Krieg brach los, die Ereignisse wurden immer drohender, die Katastrophe näherte sich, in den mir anvertrauten Kassen waren sehr große Geldvorräte, ich ließ sie einpacken und, sobald die Nachricht des unglücklichen 14. Oktober uns erreichte, sie nach Stettin, dann nach Königsberg abgehen; mit ihrer Hilfe wurde der Krieg bis zum Tilsiter Frieden fortgesetzt, ein Tag Verzug hätte ihren Verlust zur Folge gehabt, so wie dadurch große Vorräte an Pulver und Waffen in Berlin verlorengingen, deren Versendung sich sogar der Fürst Hatzfeld, den sein Schwiegervater Graf Schulenburg-Kehnert eigenmächtig zum Kommandanten angestellt hatte, widersetzte, unter dem Vorwande, Berlin nicht dem Zorne Napoleons auszusetzen.

Ich verließ den 20. Oktober 1806 sehr krank Berlin, ging nach Danzig, wurde vom König zu einer Ministerialkonferenz nach Graudenz berufen wegen Annahme von Präliminarien, welche die Herren von Luchesini und Zastrow in Berlin unterzeichnet hatten und erträglich waren, die schnelle Übergabe von Magdeburg, Hameln, Küstrin, Stettin bewog Napoleon, diese Präliminarien zu verwerfen und einen anderen Waffenstillstand vorzuschreiben, wonach Danzig, Glogau, Graudenz übergeben werden, die russischen Armeen Preußen räumen sollten; dieser Waffenstillstand wurde in einer zweiten Ministerialkonferenz zu Osterode geprüft, die Generale Kalkreuth, Geusau, Laurenz rieten die Annahme, der Minister Voß und ich widerrieten sie, er wurde vom Könige verworfen, dieses Duroc bekannt gemacht und nunmehr der Entschluß gefaßt, den Schicksalen des Krieges mutig entgegenzugehen und sich fest an Rußland und England zu schließen. Das Lestocsche Korps bei der Bennigsenschen Armee sollte verstärkt, der Krieg in Schlesien fortgesetzt werden und der König sowohl als die königliche Familie sich zu einem Aufenthalte in Rußland vorbereiten. Graf Haugwitz legte seine Stelle nieder, man fragte mich, was ich zu tun gesonnen sei, wenn der König nach Rußland gehe? Ich erklärte mich bereit, dem Könige zu folgen, wohin ihn sein Schicksal auch führe. Er nahm diese Erklärung gnädig auf, und ich kehrte immer noch sehr krank nach Königsberg zurück.

Das Kabinett des Königs war durch den Abgang des Grafen Haugwitz, die Entfernung des Geheimen Kabinettsrats Lombard, gegen den sich die öffentliche Meinung laut aussprach, aufgelöst, nur der Geheime Kabinettsrat Beyme blieb um die Person Sr. Majestät, die mir das auswärtige Departement übertrugen; ich lehnte es ab, weil ich es für bedenklich hielt, einen mir ganz unbekannten Geschäftszweig von der größten Wichtigkeit in einem Moment der höchsten Krise zu übernehmen, und weil ein Kabinettsminister bereits vorhanden war, der in tiefster Eingezogenheit in Königsberg lebende Herr von Hardenberg, auf den ich den König aufmerksam machte, zugleich den Antrag wegen unmittelbarer Behandlung der Geschäfte mit den sie leitenden Ministern wiederholte. Bald darauf bildete er ein Kabinettsministerium, welches aus dem General Zastrow für die auswärtigen, General Rüchel für die Militär- und aus mir für die inneren Angelegenheiten bestand und welchem der Geheime Rat Beyme als Kabinettsrat beigeordnet war; dieser Mann war allgemein und in hohem Grade verhaßt, ich besorgte, er würde seinen überwiegenden geheimen Einfluß mißbrauchen, und bestand auf seine Entfernung als der Bedingung meiner Annahme der angebotenen Stelle. Krankheit und tiefer Unwille gegen die Urheber des befolgten, so unheilbringenden politischen Systems hatten mich überhaupt sehr verstimmt und erbittert.

Unterdessen näherten sich die Feinde Königsberg Dezember 1806 und Januar 1807. Die königliche Familie ging nach Memel, ich wollte ihr dieselbe Nacht mit Hinterlassung der Meinigen und eines an dem Nervenfieber todkranken Kindes folgen, als ein Feldjäger mir eine Kabinettsorder brachte, die Vorwürfe über meine Widersetzlichkeit enthielt und die Äußerung: meine Departementsverwaltung sei zwar musterhaft gewesen, daß ich aber meinen Leidenschaften das Wohl des Staates aufopfere. Ich antwortete augenblicklich: in diesem Falle könne ich Sr. Majestät Vertrauen nicht besitzen, demnach allerhöchst dero Minister nicht sein und bitte um meinen Abschied, den ich den folgenden Tag erhielt. – Diese Entlassung machte einen üblen Eindruck auf das Publikum, sämtliche Minister bezeugten mir ihre Teilnahme, und ich blieb krank in Königsberg bis nach der Schlacht von Eylau, wo die Verbindung mit Danzig wiederhergestellt wurde, und wohin ich mit meiner Familie im März 1807 abreiste, aber mich wegen der drohenden Belagerung nicht lange aufhielt, sondern unter mancherlei Gefahren von den in Stolpe stehenden Polen und den zwischen dem Schillschen Korps und der Stettiner Garnison zwischen Slawe und Naugarden vorfallenden Gefechten meine Reise fortsetzte und Berlin erreichte. Hier fand ich alles über die Schlacht von Eylau aufgeregt, alles voll Hoffnung, von dem Feinde befreit zu werden, den Gouverneur General Clark aber über meine Ankunft sehr beunruhigt, bis er meine Absicht, auf meine Güter zurückzukehren, erfuhr und mich sehr freundlich behandelte.

Ich erreichte Nassau Ende März und suchte nun meine durch fortdauernde podagrische Anfälle sehr erschütterte Gesundheit wiederherzustellen, soweit als es bei der Teilnahme an dem unglücklichen Schicksal meines Vaterlandes, dem ungewissen Erfolg des Krieges, dem tiefen Unwillen über die mich betreffende Mediatisierung möglich war. Ich beschäftigte mich, die Resultate meiner Erfahrungen über Bildung einer zweckmäßigen Verwaltung zu ordnen und niederzuschreiben.

Unterdessen wurde der Krieg lebhaft fortgeführt, es erfolgte die Schlacht von Friedland, der Friede von Tilsit; als dieser zu meiner Kenntnis kam, wurde ich sehr krank; ein doppeltes, heftiges Tertianfieber hatte mich in hohem Grade geschwächt, als im August 1807 mir zwei Feldjäger, der eine von Memel über Wien, der andere von Hamburg abgefertigt, Briefe des Staatsministers von Hardenberg brachten, die mich benachrichtigten: Napoleon habe fest auf seine Entlassung bestanden und auf die Äußerung des Königs, er könne diesen erfahrenen Geschäftsmann nicht missen, geantwortet, er könne ihn durch den Grafen Schulenburg-Kehnert oder mich ersetzen – ich erfuhr in der Folge, General Clark habe sich in seinen Briefen an Napoleon sehr vorteilhaft über mich geäußert; General Graf von Schulenburg hatte den Antrag abgelehnt und trat als Staatsrat in westfälische Dienste.

Herr von Hardenberg forderte mich namens des König auf, wieder in Dienste zu treten, in demselben Sinn und höchst wohlwollend schrieb Prinzeß Luise; – ich erklärte mich zur Annahme bereit ohne Zusatz einer Bedingung, in einer Antwort, die ich wegen fortdauernder Schwäche meiner Frau diktierte und nur unterschreiben konnte, und reiste anfangs September 1807 nach Memel ab.

Im Preußischen fand ich alles höchst niedergeschlagen und erbittert, drei französische Armeekorps unter drei Marschällen saugten alle Kräfte des Landes zwischen Weichsel und Elbe durch Einquartierung, Requisitionen, Tafelgelder aus, am rohesten war das Betragen der Truppen des Rheinbundes. Eine Kontribution von 100 Millionen Franken sollte als Bedingung der Räumung erlegt werden, jeder Tag brachte Nachrichten von neuen Bedrückungen, Kränkungen; die angrenzenden Regierungen benutzten alle Gelegenheiten zu Neckereien; die französischen Behörden, besonders der Marschall Soult, betrugen sich mit einem unerträglichen Übermut, und jede Stadt wurde durch die Anmaßungen eines französischen Kommandanten gepeinigt, hierzu kam das individuelle Unglück so vieler tausend gehaltlos gewordener Offiziere, die das tiefe Gefühl ihrer Schmach und Demütigung peinigte, das durch den Unwillen ihrer Mitbürger über das pflichtwidrige Benehmen der kapitulierenden Korps und Festungskommandanten und der bitteren, damals erscheinenden Schmähschriften, z. B. die Feuerbrände, täglich gereizt wurde.

In ihnen und der größten Mehrzahl der Bevölkerung glühte ein tiefes Gefühl der Rache, einer Sehnsucht nach einer günstigen Gelegenheit, die Fesseln zu zerbrechen, den alten Waffenruhm, das unschätzbare Glück der Unabhängigkeit wieder zu erringen; nur wenige Feige und Weichlinge fanden den Zustand erträglich und hofierten den französischen Machthabern. – An der Spitze der französischen Administration stand Daru, arbeitsam, gescheit, wissenschaftlich und praktisch durch das Leben in den Revolutionsstürmen gebildet, geschäftskundig, vertraut mit Napoleons Gesinnungen, kalt, unerbittlich und geübt in den Künsten der Bedrückung. Ich besuchte ihn in Berlin bei meiner Durchreise, er fragte mich nach den Mitteln zur Bezahlung der Kontribution, ich bestand auf Verminderung und terminliche Zahlung.

Das rechte Weichselufer war von französischen Truppen befreit; aber hier sah man die Folgen des verheerenden Krieges, dem es 1806 und 1807 zum Schauplatz gedient hatte; alle Kräfte des Landes erschöpft, den Vieh- und Pferdestand zerstört, viele Dörfer, mehrere Städte abgebrannt, viele tausend Familien im Elend, so daß in einem einzigen Amte 500 Kinder armer, verschollener oder am Faulfieber gestorbener Eltern sich fanden, für welche man sammeln und sie auf öffentliche Kosten nähren mußte.

In Memel fand ich den König höchst niedergedrückt, überzeugt, daß ihn ein unerbittliches Verhängnis verfolge, daß alles, was er unternehme, nur mißlingen könne, geneigt, um dieses ihn verfolgende Schicksal zu versöhnen und es von seinem Vaterlande abzuwenden, in den Privatstand zurückzutreten. Die Königin war weich, wehmütig, voll Besorgnisse und voll Hoffnung.

Beide Majestäten geruhten mich sehr gnädig zu empfangen; sämtliche Minister waren bis auf den Minister von Schrötter, den preußischen Provinzialminister, einen gescheiten, sachkundigen, unterrichteten Mann, entlassen, die Geschäfte interimistisch den Geheimen Räten von Schön, Stägemann, Niebuhr übertragen, eine Kommission zur Reorganisation des Militärs ernannt, aus den Obersten Scharnhorst, Gneisenau, den Majoren Grollmann und Brunikowsky, diesem als Repräsentant des alten Herkömmlichen.

Der König übertrug mir die Leitung sämtlicher innern und äußeren Verwaltungsangelegenheiten, denen ich mich im Vertrauen auf die Vorsehung, mit Hilfe der eben genannten, sehr ausgezeichneten, würdigen Männer unterzog.

Man ging von der Hauptidee aus, einen sittlichen, religiösen, vaterländischen Geist in der Nation zu heben, ihr wieder Mut, Selbstvertrauen, Bereitwilligkeit zu jedem Opfer für Unabhängigkeit von Fremden und für Nationalehre einzuflößen und die erste, günstige Gelegenheit zu ergreifen, den blutigen, wagnisvollen Kampf für beides zu beginnen. Man zählte auf den Beistand von England, hoffte auf Rußland und auf mögliche unberechenbare Ereignisse – die dann in der Folge und bald eintraten. Die zur Erreichung jenes allgemeinen Zweckes ergriffenen Maßregeln waren:

  1. Aufhebung der persönlichen Leibeigenschaft in der preußischen Monarchie; durch ein Edikt Oktober 1807 sollte mit dem 8. Oktober 1809 die persönliche Leibeigenschaft mit ihren Folgen, insbesondere dem sehr drückenden Gesindezwangsdienst aufgehoben sein, die aus dem dinglichen Besitz fließenden Verpflichtungen des Bauern blieben unverändert. Es war der Neuerungssucht des Staatskanzlers Hardenberg (beraten von einem Phantasten, Herrn Scharrenweber, der im Irrenhaus zu Eberbach 1820 starb) vorbehalten, die Verhältnisse des Gutsherrn zum Bauernstand und dessen innere Familienverhältnisse auf eine diesem verderbliche Art 1811 umzuwälzen; hieran hatte ich keinen Anteil.
  2. Verwandlung der Domänenbauern in Ost- und Westpreußen in freie Eigentümer.
  3. Bildung städtischer Gemeinden durch die Städteordnung 1808, versehen mit dem Wahlrecht ihrer Magistrate und einer angemessenen inneren Verfassung, um die Liebe zur Gemeinde und Teilnahme an Gemeindeangelegenheiten zu erwecken und zu unterhalten. Der wohltätige Einfluß dieser Städteordnung hat sich bis auf den heutigen Tag bewährt.
  4. Der König war damals schon geneigt zur Bildung von Reichsständen und zog in vielen Fällen die vorhandenen Landstände zu Rate.

Die Finanzmittel zur Bestreitung der Verwaltungskosten und Anschaffung der Fonds zur Kontributionszahlung waren:

  1. Ersparung; die Gehälter wurden, mit Ausnahme der ganz geringen unter 100 Talern, nach einer gewissen Stufenleiter vermindert bis zu der Hälfte – die Hofhaltung sehr eingeschränkt, der König entsagte den ihm zukommenden Schatullegeldern.
  2. Die noch vorhandenen Kassenbestände wurden benutzt.
  3. Ein in Holland eröffnetes Anlehen, welches der König Ludwig mit Teilnahme und Wohlwollen begünstigte.
  4. Rußland verschuldete an den König und an das Land aus dem Kriege 1806/1807 bedeutend für Vorschüsse, Lieferungen – eine russische, aus hundert Personen bestehende Liquidationskommission wurde eingesetzt, die auch gar nichts ausrichtete. Man schloß in Petersburg eine Konvention ab über Zahlung einer Aversionalsumme in Banknoten nach dem Kurs, und ihr Betrag wurde zu den Staatsbedürfnissen verwendet, in der Folge aber den Eigentümern wieder vergütet.
  5. Auf einer Versammlung der ostpreußischen Landstände wurde das Kriegsschuldenwesen der Provinz reguliert, mit der Zahlung begonnen.
  6. Unterhandlungen mit dem Kurfürsten von Hessen um eine Anleihe aus seinen in England habenden Kapitalien gegen Verpfändung oder Verkauf von Domänen, die Fürst Wittgenstein, um sich geltend und wichtig zu machen, vorschlug.

Dieser Mann ist das Ideal eines Höflings, sans humeur et sans honneur und besitzt alle erforderlichen Eigenschaften, um ohne inneren Gehalt, ohne Tüchtigkeit, ohne Kenntnisse sich eine vorteilhafte Stellung im Leben zu erschleichen, kalt, berechnend, beharrlich, feige, biegsam bis zur Kriecherei, nach Geld und nach einem Garderobeneinfluß strebend, den er besitzt und durch den er höchst nachteilig auf große Geschäfte im preußischen Staat wirkt. Er begann seine Laufbahn am Hofe Karl Theodors, erst bei den Spieltischen der Antichambre, dann eine Verbindung mit dessen natürlicher Tochter, der Äbtissin von Lindau suchend, 1792 nach einem Beschluß der zur Wahl Kaiser Franz' II. versammelten kurfürstlichen Gesandten wegen verdächtiger Verbindungen mit dem französischen Gesandten in Mainz nach Ehrenbreitstein gefänglich gebracht, entlassen, Gesellschafter der Madame Rietz, ihr Begleiter nach Italien, Obersthofmeister der verstorbenen Königin, Gesandter nach Kassel, Chef eines Bankierhauses, mit Fonds, die er vom Kurfürsten lieh, Vertrauter des Grafen Haugwitz und Herrn von Hardenberg, dem er Geld vorschoß, Entrepreneur des Plettenbergschen Konkurses, den er noch mehr verwirrte. Nach der Schlacht von Auerstädt hielt er sich bald in Hamburg auf, wo er eine Verbindung mit Bernadotte anzuknüpfen suchte, bald in Königsberg auf, wo er sich mir zu nähern suchte durch das erwähnte Anleiheprojekt, das der Kurfürst aber nie einzugehen und seine in England sicherstehenden Fonds auf dem festen Land im Preußischen anzulegen gesonnen war, wie ich in der Folge in Prag von seinen Geschäftsleuten erfuhr. Ich sandte den Präsidenten von Vincke mit den Domänenanschlägen an den Kurfürsten nach Kiel, Wittgenstein bewog ihn aber bei der Durchreise durch Hamburg, ihm alle Papiere abzugeben, um die Erdichtung zu verbergen.

Die Militärkommission legte im Jahre 1808 den Grund zu den Einrichtungen, deren Nutzen sich in den Jahren 1813, 1814 und 1815 so trefflich bewährte und die noch beibehalten sind.

  1. Aufhebung der Stockprügel, eines entehrenden, nach Willkür und Laune angewandten Strafmittels (2. August 1808).
  2. Allgemeine Militärdienstpflicht, die bisher nur auf den unteren Klassen ruhte; hierdurch entstand die Möglichkeit, die Dienstjahre abzukürzen, die Armee durch Inländer mit Aufhebung der fremden Werbung vollständig zu erhalten.
  3. Wissenschaftliche Ausbildung der Offiziere und Zulassung des verdienten Kriegers zu diesem Stande, ohne Rücksicht auf adlige Geburt.

Die Geschäftsbehandlung erlitt eine wesentliche Veränderung, indem die Zwischeninstanz der Kabinettsräte hinwegfiel und der König sich unmittelbar von mir, von dem Minister der auswärtigen Geschäfte und dem Generaladjutanten Obersten Scharnhorst, als die Stelle des Kriegsministers versehend, wöchentlich viermal vortragen ließ.

Indem diese inneren Veränderungen vorgingen, dauerte immerfort der Druck der Besetzung des größten Teiles der Monarchie durch drei französische Armeekorps. Napoleon begehrte durch den Generalarmeeintendanten Daru die Abtragung der Kontributionen bar oder durch Überlassung von Domänen für den Kapitalwert von 100 Millionen Franken oder Besetzung der Festungen Glogau, Küstrin, Stettin und Unterhaltung der Garnisonen bis zu der allmählichen Abtragung der Kontobution.

Man versuchte eine Verminderung der Summe zu erhalten durch Absendung des Prinzen Wilhelm, Bruders des Königs, an Napoleon, bei dem sich zu derselben Zeit der Großherzog von Würzburg, Erzherzog Ferdinand, aufhielt. – Er reiste im Januar 1808 nach Paris; in der ersten Unterredung mit dem Kaiser stellte er ihm mit der größten Lebhaftigkeit das Unglück seines Vaterlandes und der königlichen Familie vor, suchte ihn zu überzeugen, man werde nach erfolgter Räumung mit größter Gewissenhaftigkeit die Zahlungsverpflichtungen einhalten; zuletzt, als er glaubte, Napoleon in einer milderen Stimmung zu finden, da dieser ihn aufzurichten sich bemühte, erklärte er mit vieler Lebhaftigkeit: er selbst erbiete sich mit seiner Gemahlin zur persönlichen Verhaftung bis zur erfolgten Zahlung. Napoleon trat vor ihn, umfaßte ihn und sagte: C'est bien noble, mais c'est impossible; – er behandelte den Prinzen mit Auszeichnung, der sich mit Würde und Ernst während seines Aufenthaltes benahm. Der Prinz hatte vor seiner Abreise von Memel dieses Anerbieten zur persönlichen Verhaftung insgeheim mit seiner edlen, vortrefflichen Gattin verabredet und von Paris aus erst mir den getanen Schritt bekannt gemacht. – Um nun kein Mittel zur Milderung der Lage der preußischen Monarchie unversucht zu lassen, ging ich nach Berlin, um persönlich mit Daru zu unterhandeln. – Dieser schlug vor, die Kontribution durch Überlassung von Domänen für einen Wert von 100 Millionen Franken zu bezahlen. Man fand die Überweisung eines so bedeutenden Grundeigentums an Napoleon durchaus verwerflich, das Land wäre mit französischen Beamten überschwemmt worden, die alle geheimen Maßregeln zur beabsichtigten Befreiung erforschen und verraten konnten, – ich bot also Daru Pfandbriefe an und von den ansehnlichsten Bankiers des Staates unterzeichnete Promessen, die terminlich eingelöst werden sollten. Während dieser Unterhandlungen brach der spanische Krieg aus (Sommer 1808), die Räumung des Landes war notwendige Folge davon (September und Oktober), nur die Festungen Glogau, Küstrin und Stettin blieben mit 10 000 Mann besetzt. Napoleon antwortete auf die geschehenen Vorschläge nicht, sondern ging nach Spanien, Prinz Wilhelm kehrte zurück, und ich verließ Berlin unverrichteter Sache.

Der in Spanien ausgebrochene und mit glücklichem Erfolg begleitete Volkskrieg hatte den Unwillen über die erlittene Herabwürdigung unter den Einwohnern des preußischen Staates erhöht, alles dürstete nach Rache, Pläne zu Aufständen, um die im Lande zerstreut stehenden Franzosen zu vernichten, waren verabredet, unter anderen sollte ein solcher in Berlin ausgeführt werden, und ich hatte alle Mühe, die Anführer, die mir ihre Absichten anvertrauten, von einem unzeitigen Ausbruch abzuhalten.

Alles harrte auf den Fortgang des spanischen Krieges, auf den Ausbruch des österreichischen, da die Rüstungen dieser Macht nicht unbekannt blieben; die Erwartungen waren auf das höchste gespannt, man mußte bedacht sein, den erregten Geist des Widerstandes zu mäßigen, um ihn unter günstigeren Umständen zu benutzen.

In diesem Gesichtspunkt fuhren die Mitglieder der Militärkommission, Oberst Scharnhorst, Gneisenau, Major Grollmann mit den vorbereitenden militärischen Einrichtungen fort, man verstärkte Kolberg, um die Seeverbindung mit England zu erhalten, wählte tüchtige Offiziere zu Korpskommandanten, entfernte alle träge, lau und übelgesinnte, mit dem Zustand der Knechtschaft zufriedene, an deren Spitze Feldmarschall Kalkreuth, der Stifter des unglücklichen Baseler Friedens, stand, ein gescheiter, erfahrener Soldat, aber schlau, ehrgeizig, neidisch und durch den Schlendrian des Alters und die Herrschaft einer bösen, geizigen Frau abgestumpft.

An diese Partei schlossen sich alle genußliebenden Weltleute, z. B. Fürst Hatzfeld, alle Juden, einzelne engherzige Landjunker, alle egoistischen und im Schlendrian verknöcherte Beamte, mehrere sophistische Gelehrte, und sie betrieben, soviel sie es vermochten, eine Verbindung mit Frankreich. –

Der großen Masse der Nation war dieser Gedanke unerträglich, der fortdauernde Druck der französischen Garnisonen, der Durchmärsche, unsägliche Neckereien unterhielten bei ihr den Haß gegen die Franzosen, und man konnte auf eine kräftige Unterstützung rechnen. Fichtes Reden an die Deutschen, während der französischen Besetzung von Berlin und unter der Zensur des Intendanten Herrn Bignon gedruckt, wirkten sehr auf die Gemüter der gebildeten Klasse. – Eine Wirkung dieses heftigen Nationalunwillens über den Despotismus Napoleons und nicht seine Quelle war der Tugendbund, von dem ich so wenig Stifter als Mitglied war, wie ich bei meiner Ehre versichern kann, und wie es seinen Urhebern wohl bekannt ist. Ungefähr im Juli 1808 bildete sich in Königsberg ein Verein mehrerer Offiziere, z. B. Oberst Gneisenau, Grollmann usw., Gelehrter, z. B. Professor Krug, um die Selbstsucht zu bekämpfen, die edleren sittlichen Gefühle zu beleben, und reichten nach Vorschrift der bestehenden Gesetze ihre Statuten und das Verzeichnis der Mitglieder bei des Königs Majestät ein, der die ersteren ohne mein Zutun genehmigte, weil ich überhaupt glaubte, es bedürfe keiner anderen Anstalt, als nur der Belebung des christlichen, vaterländischen Geistes, wozu der Keim in den bestehenden Einrichtungen des Staates und der Kirche bereits liege.

Die neue Gesellschaft hielt ihre Versammlungen, von deren Beschäftigungen mir nichts bekannt war, und als sie sich später erbot, auf Erziehungs- und Militäranstalten einen mittelbaren Einfluß auszuüben, so wies ich den Antrag, als in den den Staats- und kirchlichen Behörden zustehenden Wirkungskreis eingreifend, ab. Da ich bald darauf aus dem Staatsdienste verdrängt wurde, so ist mir das fernere Wirken dieser Gesellschaft unbekannt.

Während im Innern der Groll über den Druck der Fremden immer zunahm, verwickelten sich die äußeren Angelegenheiten immer mehr; der Kampf der Spanier wurde kräftiger, die geheimen Kriegsrüstungen der Österreicher schritten fort, die angekündigte Zusammenkunft Napoleons und des Kaisers Alexander in Erfurt erregte bei vielen die Besorgnis der nahen Entwicklung großer, Deutschland und die preußische Monarchie bedrohender Pläne. Die Militärkommission legte dem König Pläne zur Nationalbewaffnung und Verteidigung gewisser, durch die Natur zu festen Versammlungsorten bestimmter Punkte vor, er prüfte sie mit großer Aufmerksamkeit und erklärte gegen die Obersten Scharnhorst, Gneisenau und mich, wie diese Pläne nur insofern ausführbar seien, als Rußland an dem Kriege gegen Frankreich teilnehmen werde; bei der Ankunft des Kaisers, dessen Durchreise nach Erfurt angekündigt war, werde man dessen Absichten erfahren.

Der Kaiser empfahl während seines dreitägigen Aufenthalts in Königsberg Geduld, Erwarten günstiger Umstände, versprach dringend, sich bei Napoleon um Verminderung der Kontribution, Räumung des Landes zu verwenden, und ich sollte ihm sogleich nach Erfurt folgen, um diese Unterhandlung fortzusetzen. Am Morgen des zu meiner Abreise festgesetzten Tages kam der Moniteur in Königsberg an, der einen von mir an Fürst Wittgenstein geschriebenen, mit sehr heftigen Noten begleiteten Brief enthielt, in dem ich mich unter anderen Dingen äußerte, man müsse den Geist der Unzufriedenheit in dem Königreich Westfalen unterhalten. – Dieser Brief war nebst anderen Geschäftspapieren einem als Kurier abgefertigten Beamten, Herrn Koppe, anvertraut, der sich in Berlin bei der Durchreise aufhielt, ungeachtet er mit französischen Pässen versehen, auf Befehl des Marschalls Soult bei Spandau verhaftet, die Papiere ihm abgenommen und nach dem Chateau Joux geschickt wurde. Später wies man ihm auf die Verwendung seines Schwiegervaters, des als Chemiker bekannten Professors Crell, Dijon zum Ort seines Aufenthaltes an.

Ich ging sogleich zum König und bat ihn, mich zu entlassen, weil meine Beibehaltung ihm nur nachteilig sein könne, er wollte aber den Erfolg der Zusammenkunft in Erfurt und die Zurückkunft des russischen Kaisers abwarten und sandte den Minister Graf Golz nach Erfurt, einen gutmütigen, weichen, mit dem Mechanismus diplomatischer Formen nicht unbekannten Mann.

Er nahm seinen Weg über Berlin, hier bestürmte ihn die ganze Partei der französisch Gesinnten; sie und Daru äußerten, meine Entfernung sei nötig; Napoleon werde meine Auslieferung fordern. Graf Golz schrieb es mir und drang in mich, für meine Sicherheit besorgt zu sein und abzugehen.

Es kam aber darauf an, zu verhindern, daß die französisch Gesinnten sich nicht in das Ministerium drängten und in der Folge die Benutzung der gehofften günstigen Ereignisse verhinderten, und ferner noch einige zweckmäßige Abänderungen in der Verwaltung einzuführen. – Das Ministerium erhielt auf meinen Vorschlag eine andere Verfassung, die Geschäfte wurden nicht wie ehemals nach Materien und Provinzen, sondern allein nach Sachen verteilt und ein Vereinigungspunkt durch die Umformung des bisherigen, fast untätig gewordenen Staatsrats gebildet.

Der Kaiser kam von Erfurt, ohne etwas für Preußen bewirkt zu haben, vielmehr war Graf Golz genötigt gewesen, eine äußerst drückende, von Napoleon vorgeschriebene Konvention zu schließen, und Kaiser Alexander suchte dieses durch Ausdruck von Teilnahme und eine Einladung des Königs und der Königin, Petersburg zu besuchen, zu mildern – ich riet die Reise ab wegen der unglücklichen Lage des Königlichen Hauses, der bedeutenden Reisekosten; die Königin wünschte die Reise und erlangte sie in der Folge.–

Das neue Ministerium wurde gebildet, Graf Dohna von Schlobitten erhielt das innere, Herr von Beyme das der Justiz, der König wählte selbst Herrn von Altenstein zum Minister der Finanzen, das Kriegswesen behielt Oberst Scharnhorst als Generaladjutant und die auswärtigen Angelegenheiten Graf Golz, der bei seiner Zurückkunft von Berlin die Wünsche der französischen Behörden und ihrer inländischen Anhänger wegen meiner Entlassung dem König dringend vorlegte. Ich nahm sie, der König bezeigte mir seine Teilnahme, und ich reiste nach Berlin, wo mich meine Familie seit einem Monat erwartete.

Das Land hatten die Franzosen geräumt, um nach Spanien zu ziehen, der Unwille über ihren Druck konnte sich lauter und freier aussprechen; Schills Einrücken in die Hauptstadt war ein Triumphzug; von allen Seiten erhielt ich Beweise von Teilnahme, mit Ausnahme der französischen Partei.

Meine Absicht war, mit den Meinigen in Breslau die Ereignisse, denen man für das Jahr 1809 entgegensah, abzuwarten und dann nach Maßgabe der Umstände zu handeln. Im Januar 1809 kam der neue französische Gesandte, Herr von St. Marsan, nach Berlin, er schickte mir den holländischen Herrn von Goldberg, den ich im Frühjahr 1808 als einen verständigen, wohlwollenden Mann hatte kennen lernen, ließ mir das Proskriptionsdekret Napoleons zustellen und sagen, er habe Befehl, alle politischen Verhältnisse mit Preußen abzubrechen, wenn er mich noch in Berlin antreffe; er würde aber, wenn ich sogleich abreise, annehmen, ich sei bereits abwesend.

Ich verließ also Berlin, ohne zu wissen, wo ich einen Zufluchtsort finden sollte, ging nach Buchwald zu meinem Freunde Graf Reden. Da aber Verhaftungsbefehle nicht allein in allen Rheinbundslanden, sondern auch in Preußen erfolgten, so ging ich nach Böhmen und schrieb nach Wien an Graf Stadion und den Finanzminister Graf Odonnel, einen alten, bewährten Freund, um durch sie die Erlaubnis zu erlangen, in der österreichischen Monarchie zu bleiben. Man wies mir Brünn zum Ort des Aufenthalts an. Es zeigte sich in Böhmen und Mähren ein herrlicher Geist der Vaterlandsliebe, ein glühender Eifer, so viele Kränkungen an einem übermütigen Feinde zu rächen. Diese Gesinnungen beseelten alle Stände, jedes Alter; in der Landwehr fand man Männer und Jünglinge aus den oberen Ständen, alle Entbehrungen ertragend, allen Gefahren freudig entgegensehend; die Verwundeten und Kranken wurden überall mit Freudigkeit aufgenommen. Der Krieg war eine Nationalsache, nicht eine Kabinettsmaßregel. (Hier lernte ich auch den vortrefflichen Grafen Berthold kennen, der ein Opfer seiner Menschenliebe wurde.)

Nach der Schlacht von Aspern kam der Prinz von Oranien durch Brünn, er sprach mir von seinem dem Könige gemachten Anerbieten aller Diamanten seiner Familie zu den Kriegskosten, von dessen fortdauernder Unentschlossenheit und Besorgnis eines unglücklichen Ausganges; er hatte Hoffnungen, die ich nicht teilte, da Rußland sich für Napoleon erklärt hatte. Der Verlust der Schlacht von Wagram vertrieb mich mit den Meinigen von Brünn nach Troppau (Juli 1809), wo ich bis zum Wiener Frieden blieb, nach Brünn zurückkehrte und im Juni 1810 meinen Aufenthalt in Prag nahm. (Von 1809 bis 1810 hatte ich von einem Geldbestande und dem Verkaufe meines Silbers gelebt. Im Jahre 1810 erhielt ich vom Könige eine Pension von 5000 Talern.)

Durch den Einfluß der Königin und des Fürsten Wittgenstein war eine gänzliche Veränderung im Ministerium vorgegangen, das bisherige entlassen und der Herr von Hardenberg, nachdem er sich vor Napoleon durch ein demütiges Schreiben gebeugt hatte, zum Staatskanzler oder einzigen Minister ernannt. Er hatte die Hoffnung erregt, Mittel zur Kontributionszahlung aufzufinden und die Räumung der Festungen zu bewirken.

Herr von Hardenberg hatte die Gutmütigkeit und Freundlichkeit sanguinischer, genußliebender Menschen, einen Verstand, der leicht faßte, Tätigkeit, ein vorteilhaftes Äußeres. Es fehlte aber seinem Charakter sowohl an einer moralischen, religiösen Basis als an Größe, intensiver Kraft und Festigkeit, seinem Verstand an Tiefe, seinen Kenntnissen an Gründlichkeit, daher seine Schwäche, sein Übermut im Glück, seine weinerliche Weichheit in Widerwärtigkeiten, seine Oberflächlichkeit, die, durch seine Sinnlichkeit, Stolz und Falschheit geleitet, so vieles Übel verursachten. Er entfernte alle tüchtigen Menschen, umgab sich nur mit mittelmäßigen, oft schlechten, die ihn mißbrauchten und unanständig behandelten, seine Lieblingsunterhaltung waren unzüchtige Reden; der vertraute Umgang mit nichtswürdigen Weibern, die mit seinen grauen Haaren, seinem Stolz, seiner Würde kontrastierten, machte ihn noch verächtlicher; er untergrub den alten preußischen Geist der Sparsamkeit und des Gehorsams, und als er starb, hinterließ er die Finanzen zerrüttet und die Staatsgeschäfte in den Händen einer Überzahl schlecht ausgewählter Beamten. Nicht nach dem Großen und Guten strebte er um des Großen und Guten willen, sondern als Mittel zu eigenem Ruhm, daher begriff er es nicht, erreichte es nicht und ging dahin, nicht geachtet, nicht betrauert.

Sein Geschäftsleben begann er mit der Entfernung der bisherigen Minister, deren Geschäfte er alle an sich zog – mit Ausnahme des Justizdepartements, das Herr von Kircheisen erhielt –, auch zweier sehr verdienter Männer, der Geheimen Staatsräte von Schön und Niebuhr, weil sie die Nichtigkeit seiner luftigen Finanzpläne sehr nachdrücklich bewiesen; er stand nun ganz allein und gab sein Vertrauen bald diesem, bald jenem untergeordneten Werkzeug, z. B. Jourdan, Scharrenweber, Beguelin.

Glücklicherweise blieb die Leitung der Militärangelegenheiten in den Händen des Generals Scharnhorst, eines durch Wissenschaft und Erfahrung gebildeten Soldaten von reinem, edlem Charakter, bescheiden und durchaus frei von Selbstsucht. Graf Golz schützte seine Nullität, und er behielt nominal das auswärtige Departement.

Napoleons Vorbereitungen gegen Rußland (1811) erregten bei allen seinen Gegnern neue Hoffnungen zu einem glückliche Ereignisse herbeiführenden Kriege; die Ideen von Volkskrieg, Bildung von Landwehr, Landsturm entwickelten sich im Preußischen immer mehr. Viele Gutsbesitzer waren zur Teilnahme bereit, und man rechnete auf den Beistand Rußlands, der auch die Zustimmung des Königs zur Folge haben würde.

Graf Arnim von Boitzenburg, ein angesehener Gutsbesitzer und sehr energischer Vaterlandsfreund, besuchte mich in Prag, sprach mit mir sehr ausführlich über die Erwartungen der Gutgesinnten von meiner Teilnahme. – Die Sache schien mir noch nicht reif, ich erklärte mich aber zu allem bereit. Die französischen Heere zogen sich zusammen zwischen Elbe, Oder und Weichsel, die russischen zwischen der Düna und dem Niemen; Preußen verband sich mit Frankreich. Napoleons Zusammenkunft in Dresden mit Kaiser Franz und dem König war verabredet und der Krieg war entschieden.

Man glaubte, Napoleon werde durch große Überlegenheit an Feldherrntalent und Streitkräften die russischen Heere bis an den Dnjepr zurückdrängen, sie bei Smolensk schlagen, dann einen glänzenden, für Rußland verderblichen Frieden erzwingen, und man belegte diese Ansicht mit Austerlitz, Friedland.

In diesen Momenten überbrachte mir der Prinz Ernst von Philippsthal nach Prag ein eigenhändiges Schreiben des Kaisers Alexander, wodurch er mich zu sich berief, um an den bevorstehenden Ereignissen teilzunehmen (Mai 1812) und mich an die Sache der Freiheit, des Rechts und der Ehre anzuschließen.

Waren die Bedenklichkeiten gegen den Erfolg dieses Krieges und das Wagnis groß, einen Zustand der Ruhe und Sicherheit, den ich mit den Meinigen im Österreichischen genoß, mit einem schwankenden, unberechenbaren, eine düstere Zukunft anbietenden zu vertauschen, so war doch die Sache, die es galt, zu heilig; ich war durch mein vorhergegangenes Leben, durch meine Gesinnungen zu fest daran gekettet, um einen Augenblick zu wanken, und ich sprach in der Antwort an den Kaiser meinen Entschluß, nach dem russischen Hauptquartier abzugehen, aus. Der aus preußischen Diensten in russische getretene Staatsrat Gruner kam gleichfalls im Mai nach Prag in der Absicht, von hier aus Verbindungen in Deutschland zu unterhalten und sie für die gute Sache zu benutzen. In der Folge, und zwar im Juli wurde er aber auf Requisition des Staatskanzlers von Hardenberg von österreichischer Seite verhaftet und nach Peterwardein gesetzt. Ich verließ Prag Mitte Mai 1812 mit österreichischen Pässen und reiste über Lemberg, Brody nach Rußland. Von Radziwilow aus begleitete mich ein russischer Major Siniawin, ein verständiger, freundlicher Mann, in Dubno fand ich das Hauptquartier des Generals Tormassow, der mit einem Korps von 20 000 Mann hier stand. In Slonim fand ich den Fürsten Bagrazion mit einem Heere von 30-36 000 Mann und bei Wilna die sogenannte große Armee von 80 000 Mann unter General Barclay de Tolly. Diese 136-140 000 Mann waren die Heeresmacht, die man gegen Napoleon und ein Heer von 400 000 Mann aufstellte; aus dem Innern waren noch Reserven im Anmarsch, und es wurden noch mehrere gebildet.

Ich kam krank nach Wilna den 28. Mai. Der Kaiser ließ mich durch Graf Nesselrode fragen, was ich nun wünsche? Ich erklärte, meine Absicht sei keineswegs, in russische Dienste zu treten, sondern nur an den deutschen Angelegenheiten, die im Laufe der kriegerischen Ereignisse sich entwickeln würden, auf eine meinem Vaterlande nützliche Art teilzunehmen. Durch diese Erklärung behielt ich die Freiheit, nach meiner Überzeugung zu handeln, und entfernte bei den Russen jeden Verdacht, als trachte ich nach Stellen, Einfluß – und jede Mißgunst. Dieser Stellung und der Gnade des Kaisers hatte ich es zu verdanken, daß ich in Rußland von den Inländern, besonders Graf Kotschubey, freundlich und wohlwollend während meines dortigen Aufenthalts behandelt wurde.

Der Kaiser empfing mich sehr gnädig, entwickelte mir in einer langen Unterredung die Gründe, die ihn zum Tilsiter Frieden gezwungen, sprach mir seinen unerschütterlichen Entschluß aus, den Krieg mit der größten Beharrlichkeit und mit Nachdruck zu führen und alle seine Gefahren und Verhängnisse lieber zu tragen als einen unrühmlichen Frieden zu machen. In dieser Gesinnung bestärkte ihn seine vortreffliche Schwester, die Herzogin Katharina von Oldenburg, und sein Schwager, der Prinz von Oldenburg, ein braver, trefflich gesinnter junger Fürst. Den Kanzler Romanzow hatte der Schlag gerührt, man wollte ihn durch Graf Kotschubey ersetzen, er erholte sich aber wieder, hoffte auf Frieden und suchte die Unterhandlungen wieder anzuknüpfen. Napoleons Größe, die Aufmerksamkeit und Auszeichnung, die ihm während seines Aufenthaltes in Paris 1809 zuteil wurden, hatten ihn verblendet, er war unerschöpflich in Erzählungen von Anekdoten Seiner Majestät des Kaisers, Ihrer Kaiserlichen Hoheit der Frau Mutter usw.

General Barclay hatte zwar den Oberbefehl über das russische Heer, aber die Beschlüsse des Kaisers vernehmend, der sich wieder mit seinem Adjutanten General Phull beriet, einem Württemberger, zuerst Quartiermeisterleutnant unter Friedrich dem Großen, dann beim Generalstab angestellt im französischen Kriege 1792, 1793, 1794 – er trat 1807 in den russischen Dienst, gab dem Kaiser Unterricht in der Strategie 1810-811, entwarf auch einen Plan zu dem damals schon erwarteten Kriege mit Frankreich; hiernach wurde die Bildung der Reserve begonnen, Borissow, Dünaburg, Riga befestigt und ein verschanztes Lager bei Drissa an der Düna angelegt. Alle großen Schlachten sollten vermieden oder nur in dem sehr starken Lager bei Drissa angenommen, die feindliche Armee durch die ihr hier bereiteten Hindernisse, selbst im Falle ihres Sieges durch schwierige Märsche, Mangel an Verpflegung allmählich aufgerieben werden, während sich die russische Armee durch Heranziehung ihrer Reserven usw. verstärke und zu großen offensiven Unternehmungen immer geschickter mache.

Dieser Plan wurde in Wilna zwar von mehreren, die hier eine Schlacht liefern wollten, bestritten, jedoch von allen einsichtsvollen Soldaten und von dem Prinzen Georg unterstützt und festgehalten.

Auf den Befehl des Kaisers übergab ich ihm Vorschläge über die jetzt in Ansehung der deutschen Angelegenheiten zu ergreifenden Maßregeln:

  1. Viele preußische Offiziere, Clausewitz, Chazot, Dohna usw., zum Teil ausgezeichnete Männer, auch österreichische: Tettenborn usw., waren nach Rußland gekommen oder beabsichtigten es, um gegen Napoleon zu fechten. Mit ihrer Hilfe riet ich, eine deutsche Legion zu bilden aus allen Freiwilligen, welche die französische Sache verlassen und sie zu bekämpfen sich entschließen wollten. Sollten die unglücklichen Ereignisse dieses Krieges ihnen ihr Vaterland verschließen, so würde man ihnen eine Ansiedelung im südlichen Rußland versichern. Diese deutsche Legion konnte mit großem Nutzen gebraucht werden, wenn man in Deutschland eine Landung versuchte oder vorgerückt war.

    In diesem Sinne erließ General Barclay einen Aufruf an die Deutschen, den man verbreitete;
  2. Anknüpfen der Verbindung mit England durch den aus eigener Bewegung angekommenen Lord Bentinck und durch meinen Briefwechsel mit Graf Münster;
  3. müsse man Verbindungen in Deutschland unterhalten, um dort den Unwillen gegen die fremde Herrschaft zu nähren;
  4. alles vermeiden, um Österreich nicht zu kränken oder zur Anwendung größerer Kräfte zu reizen;
  5. die Leitung dieser Angelegenheiten einem Komitee anzuvertrauen, wozu ich den Prinzen Georg, den Grafen Kotschubey wegen der Finanzpartie und mich vorschlug.

Der Kaiser genehmigte diese Vorschläge, deren Ausführung aber für den gegenwärtigen Augenblick durch den wirklichen Ausbruch des Krieges verhindert wurde.

Er begann den 22. und 23. Juni 1812 mit dem Übergange Napoleons über den Niemen bei Kauen usw. Man erfuhr ihn plötzlich, unerwartet, zufällig, und am 28. Juni verließ ich in der Gesellschaft des Grafen Kotschubey Wilna morgens um 9 Uhr. Denselben Tag insurgierten bereits die polnischen Studenten dieser Universität und zog sich Barclay fechtend mit den Franzosen aus der Stadt. Graf Kotschubey und ich begleiteten den Kaiser, trennten uns bald von ihm und gingen über Druja nach Janinow bei Drissa, wo die große Armee unter Barclay in das verschanzte Lager allmählich einrückte. Nach Janinow brachte Herr von Anstett das von ihm mit großer Beredsamkeit entworfene Manifest gegen Napoleon, es wurde aber zurückgehalten. Hier vereinigten sich mehrere Generale, als Jermolow, Pauluzzi usw., auch Barclay, um den Kaiser zu bitten, entweder das Armeekommando unmittelbar zu übernehmen, oder sich von der Armee zu entfernen, um die zu ihrer Unterstützung nötigen Streitkräfte und Hilfsquellen zu entwickeln. Zugleich stellte man ihm die Notwendigkeit vor, daß die Armee das Lager bei Drissa verlasse, weil der Feind bei Polozk übergehe und sich auf ihre Rückzugslinie stellen könne. Bagrazion hatte sich verspätet, war außer Verbindung mit Barclay gekommen und eilte nun nach dem Dnjepr zu, um hinter demselben seine Verbindung wiederherzustellen.

Der Kaiser entschloß sich, die Armee zu verlassen und nach Moskau zu gehen, von dort aus die Nation zur Anstrengung aller Kräfte aufzufordern.

Ich folgte ihm nach dieser unermeßlichen reichen Hauptstadt, wo sich bei dem zahllosen, von allen Seiten herbeiströmenden Volk ein hoher Grad von religiösem und nationalem Enthusiasmus aussprach und alle Klassen sich beeiferten, durch Geld und Milizstellung diesen Enthusiasmus zu betätigen und ihre tiefe Verehrung für ihren Kaiser zu äußern. Der Anblick der ihn umgebenden und fast anbetenden Menge, ihre Frömmigkeit, womit sie den Kirchen zuströmte und mit glühender Andacht betete, war herzerhebend, begeisternd. –

Der Kaiser hatte in Abo eine Zusammenkunft und sicherte sich durch den dortigen Frieden (4. August) die Ruhe in Finnland und den Gebrauch des dort stehenden Armeekorps; er kehrte nach Petersburg zurück, wohin ich ihm (August 1812) über Twer folgte. Hier machte ich der Großfürstin Katharina, Gemahlin des Prinzen Georg, meine Aufwartung, die nach Jaroslaw in das Innere von Rußland ging; wenige Monate darauf verlor sie ihren Gemahl.

In Petersburg wurde das deutsche Komitee in Tätigkeit gesetzt; die Stelle des Prinzen Georg nahm sein Herr Vater ein, der Herzog von Oldenburg, ein sehr sittlicher, unterrichteter, aber höchst förmlicher, in sich selbst abgeschlossener, starrsinniger Fürst, einseitig, kleinlich, enge in seinen Ansichten, mit dem ich mich nicht vertrug. Unter ihm leitete das Geschäft der Bildung der russisch-deutschen Legion Major von Stülpnagel, ein preußischer Offizier, durch dessen Beharrlichkeit, Geduld und Einsicht die Sache so weit zustande kam, daß man im Frühjahr 1813 mit zwei Regimentern Infanterie, zwei Regimentern Kavallerie und einer Batterie an die Elbe rücken konnte. Die Errichtung selbst begann in Reval, nachher wurde der Sammelplatz nach Wiborg verlegt, wo der Herzog beabsichtigte, mit den wenigen hundert Mann, aus denen die Legion damals bestand, Finnland gegen den Angriff der Schweden, den er besorgte, zu verteidigen.

Zu dieser Zeit kamen Oberst Tettenborn und Professor Arndt nach Petersburg, jener als ein tüchtiger Kavallerieoffizier, dieser als geistreicher, freimütiger, politischer Schriftsteller bekannt, er erhielt für die Redaktion mehrerer zur Verbreitung in Deutschland dereinst bestimmter Schriften eine Pension vom deutschen Komitee.

Auf Vorschlag des Fürsten Soltikoff, Erziehers des Kaisers, und des Ministerialkomitees ernannte der Kaiser Kutusow zum Oberfeldherrn.

Die Fortschritte der Franzosen erregten eine dumpfe Unruhe in Petersburg; man suchte zwar die Gemüter zu heben durch eine pomphafte Bekanntmachung des Sieges bei Borodino in der Kirche von Kasan, es war aber eine mit beiderseitiger Tapferkeit und großem Verlust gefochtene und für die Russen verlorene Schlacht.

Als man während zehn Tagen nichts von dem Heere erfuhr und die Räumung von Moskau bekannt wurde, so nahmen die Besorgnisse zu, mit ihnen Haß gegen die Fremden, Drohungen gegen sie, Verdacht der Verräterei. Viele der Umgebungen des Kaisers, z. B. Graf Arackzeyef, drangen auf Frieden. Alles war zur Reise der kaiserlichen Familie nach Olonez bereit – als man endlich Nachrichten vom Dasein des Heeres und seinem Rückzug gegen Kaluga erhielt, so wurde man ermutigt, die Bildung der Milizen ging vorwärts, die Nachrichten von den Plünderungen der Franzosen, der Brand Moskaus, das Stillstehen der feindlichen Armee, die freiwillige Waffenergreifung des Landvolkes: alles erbitterte und erhöhte den Wunsch nach Rache und die Kriegslust bei allen Ständen, man rühmte sich jedes Verlustes, den man durch Plünderung und Brand erlitten hatte.

Der Kaiser berief in dieser Zeit den bekannten Sir Francis Divernois, um einen Plan zur Verbesserung der Kurse der Banknoten oder des Papiergeldes zu entwerfen; ihr Kurswert war der vierte Teil des Nominalwertes. Er schlug vor, sie zu devalvieren oder ihren Nominalwert auf einen aliquoten Teil herunterzusetzen, z. B. 100 auf 30, und für die devalvierten 70 den Inhabern eine zinstragende Obligation zu geben.

General Armfeld machte mir bekannt, der Kaiser wolle mir den Plan des Herrn von Divernois zur Prüfung und Beurteilung mitteilen; ich erklärte ihm, ich könne wohl die allgemeinen Prinzipien, worauf der Plan beruhen werde, nicht aber als ein Fremder seine Anwendbarkeit auf Rußland beurteilen, ich müsse also vor allen Dingen auf Ernennung einer aus inländischen Geschäftsleuten und besonders dem Finanzminister Gourief bestehenden Kommission antragen; sie wurde ernannt und ich ihr beigeordnet. – In meinen zu übergebenden Memoiren führte ich aus:

1. daß der Wert des Papiergeldes sich nicht genau nach dem numerischen Verhältnis der Zirkulationsmittel richte, daß dessen Verminderung keine verhältnismäßige Minderung der Preise zur Folge haben werde, wie man neuerlich im Österreichischen 1811 erfahren;

2. daß die gegenwärtigen Inhaber der Banknoten, die sie nach dem Kurs angenommen, durch die ihnen zugestellten Obligationen auf einmal wegen eines Verlustes bereichert würden, den sie nicht erlitten, da er langsam sich gebildet und allmählich auf die früheren Inhaber sich verteilte. 3. Die Kommission bemerkte noch, daß bei der Unkunde der Volksmasse mit Papierverkehr diese Obligationen nicht ihr, sondern einer Anzahl listiger Wucherer werden zustatten kommen. Der Plan wurde verworfen.

Der Rückzug der französischen Armee und ihre Auflösung und Untergang, die Flucht Napoleons und die gänzliche Befreiung des Reiches von dem Feinde eröffneten die Aussicht, durch kräftige Fortsetzung des Krieges, zur Befreiung Deutschlands vom französischen Joch und zur Möglichkeit des Unterganges Napoleons. Rußland war begeistert von seinen Siegen, der Kaiser zu neuen Unternehmungen bereit. Auf der anderen Seite war die Wunde, welche der feindliche Einfall der Nation geschlagen, die Anstrengungen, die sie gemacht, sehr groß, die Streitkräfte sehr gemindert, der Wunsch nach Frieden bei Kutusow und den Einfluß habenden Personen, auch bei Romanzow, ausgesprochen.

Diesen zu entfernen, den Krieg fortzusetzen, war die Aufgabe des Moments. Ich stellte in einem Memoire dem Kaiser vor, wie wichtig es sei, Napoleon die Streitkräfte Deutschlands durch dessen Befreiung zu entreißen und sie mit sich zu verbinden, den Unwillen, der dort das Volk (nicht die Fürsten) gegen das fremde Joch ergriffen, zu stärken und zu benutzen, Preußen insbesondere zu befreien, das Verderben, welches der Tilsiter Frieden diesem Lande und dem König zugezogen, zu entfernen. – Die Vorsehung, die ihm, dem Kaiser, so sichtbar beigestanden, werde seine auf so edle Zwecke gerichteten Waffen segnen und ihn mit der Glorie, der Retter von Europa zu sein, umstrahlen. – Fasse er aber diesen Entschluß, so müsse er sich mit den ausgezeichnetsten, tüchtigsten Männern seines Reiches umgeben, um mit ihrem Rat die Freiheit Europas zu begründen, und müsse Menschen mit verworrenen Ideen, befangen von blinder Bewunderung Napoleons, entfernen. – Er hatte eine Unterredung mit mir über den Inhalt dieser Denkschrift (Ende November 1812), fragte mich, wen ich glaube, daß er wählen sollte; ich antwortete: er kenne seine Geschäftsleute, nicht ich, und er werde nach seiner Weisheit wählen – er erklärte sich zur Fortsetzung des Krieges entschlossen und reiste im Dezember zur Armee ab, ihn begleitete Graf Nesselrode.

Die Finanzmittel zur Fortsetzung des Krieges waren schon früher erwogen und ein Plan von dem nach Petersburg berufenen Sir Francis Divernois entworfen, aber, wie gesagt, von einer Kommission, deren Mitglied ich war, verworfen worden; ich schlug daher vor:

  1. einen Subsidientraktat mit England, dessen Gesandter Lord Cathcart anwesend war, ein kleinlicher, engherziger Mann;
  2. das russische Papiergeld oder Banknoten, worin das öffentliche Einkommen allein vereinnahmt wird, in den Ländern, wohin das Kriegstheater verlegt werde, nach seinem Kurswerte in gezwungenen Umlauf zu setzen und die Zurücksendung der auf diese Art in das Ausland gegangenen Banknoten nach Rußland zu erlauben, um sie zum Ankauf russischer Produkte verwendbar zu machen; hierdurch würden die Bankassignationen Abnehmer in den deutschen Handelsstädten finden.

    Dieser Vorschlag kam zur Ausführung, und Rußland hat auf diese Art bis Mai 1814 ppter. 40 Millionen Rubel Nominalwert ausgegeben, welche in den deutschen Handelsstädten zu dem festgesetzten Kurs von 100 zu 25 einen leichten Absatz fanden;
  3. schlug ich vor, ein föderatives, von allen Bundesgenossen in gewissen Proportionen zu garantierendes Papiergeld, welches nach dem Krieg einlösbar, zu verfertigen.

    Dieser Vorschlag wurde in Peterswalde 15. Juni 1813, London 30. September dahin modifiziert, daß England allein an Rußland und Preußen 5 Millionen zinsbare, nach einem Jahre einlösbare Föderativpapiere gebe. (Konvention d. d. Reichenbach 15. Juni 1813. Art. IV.)
  4. Requisition von Naturalien und Kriegsmitteln in den okkupiert werdenden feindlichen Ländern.

Ich wurde anfangs Januar 1813 vom Kaiser zu seinem Hauptquartier berufen, wohin ich über Pleskow, Wilna reiste und ihn den 10. Januar 1813 in einem kleinen, schlechten polnischen Dorfe erreichte. – Vor Wilna und in der Stadt sah man die ungeheuren Ergebnisse des Krieges: an den Straßen die toten, von Wölfen zerfleischten Körper, Haufen von Gefangenen, die erschöpft und krank, von russischen Milizen getrieben und leichenartig aussahen. In Wilna lagen 15 000 Kranke in den Lazaretten, in der Stadt herrschte das Nervenfieber.

Der rechte Flügel der russischen Armee war unter General Graf Wittgenstein in Preußen eingerückt, dessen Verbindung mit Berlin und Breslau war wegen indes mit Preußen fortdauernden Scheinkrieges suspendiert, es entstand eine Lähmung im Geschäftsgang, die geendigt werden mußte; ich bewog den Kaiser, mich zu beauftragen, mit dem General York über die Entwicklung der Streitkräfte dieser Provinz einen Beschluß zu fassen, und reiste von Raczky über Gumbinnen nach Königsberg; – ich fand den General York zwar durch eine Kabinettsorder wegen der von ihm abgeschlossenen Konvention des Kommandos entsetzt und dieses dem General, jetzigen Feldmarschall Kleist übertragen, der es nicht annahm, sondern seinen Einfluß anwandte, um das Ansehen des Generals York aufrechtzuerhalten. Ich veranlaßte ihn als Generalgouverneur, eine Versammlung der Stände zu berufen, die, beseelt von dem edelsten Geist, unter dem Einfluß des vortrefflichen Präsidenten von Schoen (Herr von Auerswald, die Rückkehr der Franzosen fürchtend, legte sich zu Bett) eine Rekrutenaushebung zur Komplettierung des Yorkschen Korps, die Errichtung eines aus Freiwilligen bestehenden Dragonerregiments ungeachtet der gänzlichen Erschöpfung des Landes beschloß. Die Kaufmannschaft in Königsberg, Memel, Elbing schoß 500 000 Taler vor für die Bedürfnisse des Yorkschen Korps, die ihr aus den Seezöllen zurückzuzahlen seien, und die Häfen wurden geöffnet, das Kontinentalsystem aufgehoben. Die Stände schickten den Grafen Louis Dohna nach Breslau an den König, um ihm die getroffenen Maßregeln anzuzeigen, der ihn kalt aufnahm, und seine Umgebungen, z. B. General Knesebeck, hatten den Verdacht, Rußland wolle Ost- und Westpreußen behalten und mich zum Werkzeug seiner Vergrößerung brauchen. In Königsberg kamen mehrere Personen aus Berlin an, Herr von Marrwitz, Herr von Kehnert, vom Geheimen Rat Stägemann abgesandt, um mich von dem Zustand der Dinge in der Hauptstadt zu benachrichtigen und mir dringend die Beschleunigung des Vorrückens zu empfehlen. Ich kehrte nach dem Hauptquartier nach Plozk zurück (der Kaiser nahm mich sehr gnädig auf und äußerte von neuem den Wunsch, ich möchte in seine Dienste treten, welches ich abermals ablehnte), und der Marsch wurde gegen Kalisch fortgesetzt.

In dem zweiten Marschquartier von Kalisch erschien (Februar 1813) ein preußischer, zum Abschluß eines Bündnisses bevollmächtigter Abgeordneter, General Knesebeck. Dieser brave, unterrichtete Mann hat eine alle Geschäfte lähmende und verwirrende Zweifelsucht, Neigung zum Finassieren, die in Unklarheit ausartet; die Unterhandlungen verwickelten sich, besonders über Polen. Jeder Zeitverlust war für den großen Zweck des Krieges, die Befreiung Deutschlands, verderblich, alles kam auf schleunige Entwicklung der Streitkräfte an, da Napoleon mit der Bildung neuer Heere unablässig beschäftigt war.

Auf meinen Rat schickte also der Kaiser Herrn von Anstett als seinen Bevollmächtigten und mich nach Breslau, um hier unmittelbar, mit Beseitigung des bedenklichen Generals Knesebeck, zu unterhandeln. Und hier kam der Allianztraktat ohne Schwierigkeit zustande den 27. Februar 1813, der die Wiederherstellung Preußens festsetzte und sich in dem Artikel I und II secret nur in allgemeinen Ausdrücken wegen dessen östlicher Grenze aussprach, weil der Kaiser immer die Idee eines Königreichs Polen in Gedanken hatte.

Der Beitritt Preußens zu dem von Rußland begonnenen Kampf war gewagt, denn seine eigenen Kräfte waren beschränkt und nicht entwickelt, und die russischen noch schwach, da zwischen Oder und Elbe nicht 40 000 Mann standen; ihnen gegenüber stand Napoleon mit allen Kräften Frankreichs, Italiens und des Rheinbundes. Der Entschluß des Königs und seines Volkes bleibt immer edel, es war an jenem vortrefflich, sich den Wünschen seines Volkes anzuschließen, heldenmütig an diesem, mit Strömen von Blut seine Ehre und seine Selbständigkeit wieder zu erkämpfen. Diese Gesinnungen, diese Begeisterung äußerte sich überall im Preußischen und unter meinen Augen in Breslau auf die herrlichste Art. – Wohl teilten diese Gefühle alle übrigen Teile von Deutschland, nicht aber deren Fürsten und Kabinette und nicht deren Offiziere; denn diese schlugen sich mit großer Bitterkeit unter den Fahnen des fremden Herrschers, stolz auf Knechtschaft. –

Ein Nervenfieber brachte mich in Breslau dem Tode nahe; während desselben erhielt ich von meinen Freunden, z. B. Prinz Wilhelm, General Blücher, Scharnhorst usw., und von der Masse der Einwohner die rührendsten Beweise von Freude über meine Rückkehr, von Teilnahme an meiner Wiederherstellung; der König blieb ganz verschlossen (er ließ selbst nicht nach meinem Befinden fragen). Der Staatskanzler war mißtrauisch, besorgt für sein Ansehen, ich möchte Ansprüche auf den Rücktritt in den Dienst machen. – Dem König war die plötzliche, von ihm nicht veranlaßte Erscheinung zweier Personen aus dem Hauptquartier und die dadurch herbeigeführte schnelle Entwicklung der Sache unangenehm. Unterdessen wurde ich wiederhergestellt, der angekündigte Besuch des Kaisers verschaffte mir wieder Beweise von Aufmerksamkeit von Seiten der Hofleute, man wies mir ein gutes Quartier an, und als gar der Kaiser mich persönlich besuchte, so verdoppelte alles seine Freundlichkeit und seine zuvorkommende Sorgfalt. –

Auf meinem Krankenbett erhielt ich von meinen Gläubigern, denen die auf Birnbaum stehenden Zinsen nicht waren ausbezahlt worden, Mahnungsschreiben; dieses veranlaßte mich, den Kaiser zu bitten, 80 000 fl. auf die in Polen liegende Dotation, als den Betrag der Kriegsbrandschäden, anzuweisen. – Dieses geschah durch einen Befehl an den obersten Rat in Warschau, dessen polnische Mitglieder, besonders Fürst Lubieczky, die Sache bis nach dem Einmarsch in Paris zu verzögern wußten, wo Herr von Colomb, der auf meinen Vorschlag bei dem obersten Rat war angestellt worden, es bewirkte.

Ich kehrte nach Kalisch zurück, wo der König bald darauf hinkam, über die geringe Zahl der ihm vorgezeigten russischen Truppen nicht wenig mißvergnügt war; unterdessen, der Wurf war geschehen.

Im Vertrauen auf glückliche Erfolge verabredete man die Bildung einer Behörde zur Verwaltung der besetzt werdenden Länder, zunächst Sachsens d. d. Breslau 19. März und Kalisch 4. April 1813.

Der König wünschte den König von Sachsen zum Beitritt zum Bündnis gegen Frankreich zu bewegen und fertigte von Kalisch den General Heister an ihn nach Regensburg mit einer Einladung ab; dieser versuchte aber zu seinem Verderben (auf den Rat seines finassierenden Ministers Graf Senft) im Moment einer ungeheuren Krise einen Mittelweg einzuschlagen und ein Neutralitätsbündnis mit Österreich und Bayern zu unterhandeln: als wenn es vom Gutdünken des einen kriegführenden Teils abhänge, aus dem Verhältnisse der Teilnahme am Krieg, den er bisher geführt, zu treten und der anderen kriegführenden Macht zu erklären, er sei neutral, und als wenn Österreich, das eine nachdrückliche Kraftäußerung hauptsächlich von Rußland und Preußen zu erwarten und diesen sich bereits genähert hatte, um des schwächeren Sachsens willen die ihm wichtigere Verbindung aufgeben und jene beiden Mächte beleidigen würde. Österreich ließ sich zwar in Unterhandlungen ein, machte auch deshalb Eröffnungen an Rußland, das aber seine Mißbilligung äußerte. Die Folge von diesem schwankenden Betragen des Königs von Sachsen war, daß er den Antrag des Generals Heister ablehnte und sich nach der Schlacht von Görschen in die Arme Napoleons, erschreckt durch seine Drohungen, warf, und sein Land das Theater des Krieges, ein Preis des Eroberers wurde. –

Ich ging im April nach Dresden, bildete dort den Verwaltungsrat nach den genommenen Verabredungen. Der Kaiser wurde überall als ein Retter empfangen. Die große Masse der Sachsen war mit Ausnahme der Hofleute und der Feigen für die gute Sache vortrefflich gesinnt, durch die laue Unentschlossenheit des Regenten gelähmt, mit ihr auch eine Besatzung in Torgau von 10 000 Mann unter General Thielmann, gegen die man vorläufig die Feindseligkeiten eingestellt hatte, und mit dem man eine Unterhandlung angeknüpft hatte, um sich für die Verbündeten zu erklären, der aber ohne Zustimmung seines in Prag sich befindenden Königs keinen Entschluß fassen wollte.

Unterdessen ging die Schlacht von Görschen verloren (Mai 1813), weil das verbündete Heer zu schwach war. General Thielmann verschloß zwar den Franzosen Torgau, wurde aber von Napoleon geächtet und von seinen eigenen ihm untergeordneten Generalen vertrieben, so daß er allein mit dem Oberst Aster im Hauptquartier der Verbündeten bei Bautzen ankam und vom Kaiser als Generalleutnant angestellt wurde.

Während des Aufenthaltes des Hauptquartiers in Dresden erschien Herr von Lebzeltern, ehemals Gesandter in Petersburg, ein schlauer, gewandter Mann, unedel in seinen Sitten und Gewohnheiten. Er genoß gleich das ganze Vertrauen des Grafen Nesselrode und seiner ihn leitenden und durch ihre Eltern, den Finanzminister Graf Gourief und dessen Frau, unterstützten Frau; zu der Partei der Familie Gourief gehörte der gleichfalls den Kaiser begleitende Obermarschall Tolstoy, der bei dem Kaiser seit dessen 15. Jahre war und ein bedeutendes Gewicht bei ihm hatte, von dem er jedoch nur mit der ganzen russischen Schlauheit, durch einen Firnis von biederer Derbheit verdeckt, Gebrauch machte.

Auch kam Lord Stuart, Bruder des Lord Castlereagh, als englischer Gesandter nach Dresden. Hier begannen mit meiner Zuziehung die Unterhandlungen über das zwischen Preußen und England abzuschließende Bündnis, wo der englische Gesandte in diesem Augenblicke der höchsten Krise mit Ansprüchen von Hannover auf eine bei dem zukünftigen Frieden zuzusichernde Vergrößerung auftrat.

Der wirkliche Abschluß erfolgte erst zu Reichenbach den 14. Juni 1813. Eine Folge der bei Großgörschen verlorenen Schlacht, unerachtet der Tapferkeit der Preußen, von denen allein 8000 Mann tot und verwundet blieben, war der Rückzug der Verbündeten über die Elbe und nach Schlesien nach der bei Bautzen gleichfalls verlorenen Schlacht; in beiden focht man mit großer Tapferkeit, aus beiden zog man sich mit großer Ordnung zurück, und der Krieg nahm einen Charakter von langer Dauer an.

Beide Heere bedurften Verstärkung und Reorganisation, und so kam der Waffenstillstand zu Pleiswitz zustande den 5. Juni 1813, der bis zum 10. August verlängert wurde, um die Friedensunterhandlungen zu Prag zwischen den kriegführenden Mächten unter Österreichs Vermittlung vorzunehmen. Unterdessen dauerten die Rüstungen fort, besonders erhielten in Preußen die Landwehr und der Landsturm ihre volle Entwicklung. In Görlitz war der österreichische Bevollmächtigte Graf Stadion angekommen und nach Reichenbach gefolgt, sein edler, fester Charakter flößte Vertrauen in die Gesinnungen seines Hofes ein. In der österreichischen Monarchie waren alle Militäranstalten geboten, sie entquollen nicht dem Nationalgefühl, denn man hatte nicht wie 1809 das Gemüt in Anspruch genommen, sondern nur den Gehorsam, welches mir meine dortigen Freunde antworteten, als ich ihnen ihre Kälte, ihre Bedenklichkeiten vorhielt und die Verschiedenheit ihres gegenwärtigen Benehmens gegen das frühere. Statt wie damals die großen Gutsbesitzer an die Spitze der Landwehrbataillone zu stellen, wollte man aus ihnen ein paar Eskadronen Ordonnanzen des Kaisers bilden, eine zwecklose und unrühmliche Posse. In der Armee war wenig Vertrauen, wenig Zufriedenheit mit dem Krieg, daher fiel auch der erste Versuch bei Dresden schlecht aus, er war schlecht entworfen, verspätet und unrühmlich ausgeführt, da 15 000 Österreicher sich gefangen gaben unter General Menzaros.

Die Siege bei Kulm, Katzbach, Dennewitz gaben wieder Mut und Vertrauen. Das Hauptquartier war in Teplitz und die nahen Eingänge nach Böhmen mit den kombinierten Heeren besetzt, und hier wurden im September die Bündnisse zwischen Österreich, Rußland, Preußen, Großbritannien befestigt.

Der Kaiser erteilte mir hier den St.-Andreas-Orden.

Während die beiden Armeen vom Ende August bis Anfang Oktober einander gegenüberstanden, rückten die Verhandlungen vor unter den Diplomaten, unter denen die gemeinsame Gefahr Einigkeit erhielt, und so kamen die förmlichen Allianztraktate zwischen Österreich, Rußland, England und Preußen zustande 9. September, 30. September und 3. Oktober 1813.

Ich drang darauf, daß man in diesem Augenblicke des Stillstandes der Operationen sich mit deutschen Angelegenheiten beschäftigen und etwas über seine Verfassung vorläufig verabreden möge; ich wünschte (da eine Teilung von Deutschland in zwei große Massen nicht möglich war), daß man die Kaiserwürde, den Reichstag und die Reichsgerichte in verbesserter Form wiederherstellen und in den einzelnen Fürstentümern repräsentative Konstitutionen einführen möge. Mit dem letzten waren die Herren von Hardenberg und Humboldt einverstanden, sie widersprachen der Idee eines Kaisers und Reichs und schlugen vor, die einzelnen Staaten Deutschlands in einen Bundesstaat zu vereinigen, wozu von mir und Herrn von Humboldt Entwürfe ausgearbeitet, aber erst auf dem Kongresse in Wien vorgenommen wurden.

Zugleich waren Herr von Humboldt und ich mit Entwerfung eines Planes zur künftigen Organisierung des Verwaltungsrates beschäftigt, der in Leipzig den 21. Oktober 1813 erst vollzogen wurde.

Österreich hatte schon längst mit Bayern in Ried unterhandelt, hier waren der General Graf Wrede, Fürst Reuß-Greiz und Geheimer Rat von Floret versammelt, der erstere durch Willenskraft den beiden letzteren gutmütigen, schwachen Leuten überlegen, es gelang ihm, einen sehr günstigen Traktat den 8. Oktober 1813 zu unterzeichnen (der Bayern den Besitz aller seiner damaligen Besitzungen versicherte und für die zur zweckmäßigen Grenzeinrichtung nötig werdende Territorialveränderung die vollständigste, in unmittelbarer Berührung mit Bayern stehende Entschädigung). Der Friede war für Bayern zu günstig, ohne daß den Verbündeten ein verhältnismäßiger Vorteil daraus entstand, denn ihr Heer war durch den kühnen Elbübergang Blüchers bei Wartenburg 3. Oktober bestimmt im Vorrücken, in wenigen Tagen mußten die großen, entscheidenden Schläge geschehen; waren die Resultate günstig, so konnte man Bayern weniger günstige Bedingungen vorschreiben, deren Erfüllung ohnehin Österreich in der Folge unmöglich wurde. In dem Traktat war das Interesse des Landes ganz übergangen, und die unbedingte Souveränität wurde Art. IV dem König von Bayern versichert und die Unterdrückung der ständischen Mediatisierten und der reichsstädtischen Rechte, welche sich von 1806 her schrieb, bestätigt. Ich konnte mich nicht enthalten, meinen Unwillen über dieses diplomatische Produkt in Komotau, wo ich es erfuhr (12. Oktober) und wo die Kabinette versammelt waren, auszudrücken.

Unterdessen gingen die Kriegsoperationen ihren raschen Gang, und die große entscheidende Völkerschlacht erfolgte den 16., 18. und 19. Oktober bei Leipzig – ich ging sogleich hin den 20. und fand hier alles in dem höchsten Jubel. Der Kaiser umarmte mich mit der innigsten Freude. Hier wurde nun über das Schicksal des gefangenen Königs von Sachsen entschieden.

Kaiser Franz hätte gewünscht, ihn nach Prag zu schicken, Kaiser Alexander bestand darauf, daß er nach Berlin gebracht würde, wohin ihn Herr von Anstett mit einer militärischen Bedeckung abführte. Der Beschluß über die Organisation der Zentralverwaltung der eroberten deutschen Länder wurde nun gefaßt und mir von allen Verbündeten übertragen. Die Geschichte meiner Geschäftsführung übergehe ich, da sie der Geheime Legationsrat Eichhorn in einem eigenen Aufsatz: »Die Zentralverwaltung der verbündeten Mächte« dargestellt; nur bemerke ich folgende Hauptresultate: 1. Sicherstellung der eroberten Länder gegen einseitige, sich einander durchkreuzende Maßregeln der einzelnen Militär- und Intendanturbehörden und ihre Verwaltung durch die Landesbehörden unter Aufsicht von Gouverneuren und gut gewählten Gouvernementsräten und letzter Instanz von mir.

2. Benutzung der Kräfte der diesseits des Rheins gelegenen Länder zur Bildung eines bedeutenden Truppenkorps, und zwar von 40 000 Sachsen, 11 000 Bergischen und 6000 aus dem Großherzogtum Frankfurt.

Ich bildete in Leipzig, da Dresden belagert war, das sächsische Gouvernement; es bestand aus dem Fürsten Repnin, einem gescheiten, gutmütigen, von dem besten Willen beseelten Mann, dem als Gouvernementsräte die Herren von Miltiz, Carlowitz, Oppeln, Körner, alles Sachsen, Herr von Merian und ein preußischer Beamter, Herr Krüger, beigeordnet waren. Die dringendste Angelegenheit war die Räumung der Lazarette, in denen 34 000 Kranke und Verwundete von allen Nationen angehäuft waren, die solchen Mangel litten, daß einige hundert von ihnen an Entbehrungen aller Art starben. Geheimrat Reil war von Berlin gekommen, um sich unentgeltlich und aus Menschenliebe der Sache anzunehmen, er betrieb sie mit Einsicht und Eifer, fiel aber bald selbst, ein Opfer seines edlen, vortrefflichen Eifers.

Eine andere wichtige Sache war die Aufrechterhaltung der sächsischen Kassenbillette, um nicht das Leiden des durch den Krieg erschöpften Landes durch Vernichtung einer Zirkulationsmasse von einigen Millionen Talern zu vermehren. Hierüber wurde eine Vereinbarung mit den Leipziger Bankiers getroffen und sie zugleich aus den Kassen soviel wie möglich mit barem Gelde unterstützt.

Ich erreichte Frankfurt gegen den 10. November und fand hier alles mit den Verhandlungen über die Auflösung des Rheinbundes und den Beitritt seiner Mitglieder zu dem Bunde gegen Napoleon beschäftigt. Den jetzt Beitretenden wurden aber härtere Bedingungen aufgelegt, und zwar:

1. Einwilligung in die bei dem allgemeinen Frieden nötig erachtet werdende Zession von Land;

2. Einwilligung in die Ordnung der Dinge, welche zur Erhaltung der Unabhängigkeit Deutschlands einzuführen für nötig würde erachtet werden.– Eine sehr unbestimmte und schwankende Klausel. –

Ich wurde der Kommission beigeordnet, welche zur Festsetzung der Beiträge an Naturalien der deutschen Fürsten, an Kriegssteuern unter dem Präsidium des Fürsten Metternich und einer anderen, welche zur Organisation des Verteidigungssystems von Deutschland unter dem Präsidium des Fürsten Schwarzenberg war gebildet worden.

Die allgemeine Leitung des hiernach verabredeten Kreditwesens, der allgemeinen Lazaretteinrichtung und in der Folge, nach Befreiung der beiden Rheinufer, des Rheinoktrois übertrug ich dem Grafen Solms-Laubach unter meiner Aufsicht, der sich diesem Geschäfte mit großer Einsicht und Tätigkeit unterzog (die mir untergeordneten Räte der Zentralverwaltung waren von preußischer Seite die Geheimen Räte Friese und Eichhorn, von österreichischer der Hofrat Graf von Spiegel, von russischer der Kollegienassessor Turgenief, alles sehr brave und würdige Männer).

Nach einem heftigen, blutigen Kampfe war nun Deutschland bis an den Rhein befreit, das französische Heer bis auf 40 000 Mann, die krank und erschöpft zurückkamen, aufgerieben, und die große Frage blieb zu entscheiden, ob und wie der Krieg in Frankreich selbst fortzusetzen. Österreich war zu der Schließung eines billigen Friedens geneigt, in diesem Sinne waren seine Eröffnungen an Herrn von St. Aignan, seinen Bundesgenossen hielt es die Wahrscheinlichkeit und die Gefahr eines Volkskrieges in Frankreich vor und die Anwendung derselben Mittel des Widerstandes durch Landwehr und Landsturm, die man in Deutschland angewandt hatte. Der Kaiser hielt aber die Dauer des Friedens für unmöglich, solange als Napoleon auf dem Throne sitze, und da er diesen festen Entschluß äußerte, so war nur die Rede von der Art der Fortsetzung.

Fürst Schwarzenberg und sein Generalquartiermeister, General Langenau, bestanden auf der Operation durch die Schweiz, um dadurch die Bewegungen der österreichischen Armee in Italien zu unterstützen, Feldmarschall Blücher und Graf Gneisenau schlugen vor, gerade vom Mittel- und Niederrhein aus durch Lothringen und die Niederlande sogleich auf Paris loszugehen, keine Zeit durch die Seitenbewegung nach der Schweiz zu verlieren, sondern Napoleon in der Sammlung neuer Streitkräfte zuvorzukommen, indem man auf diese Art im Dezember bereits bis gegen Paris würde vorgedrungen sein. – Dieser Plan war gewiß der bessere und würde vieles Blut erspart haben; die Bewegung der österreichisch-russischen Hauptarmee nach der Schweiz fand statt, und sie gelangte erst Ende Dezember dahin, und Ende Januar nach Langres, so daß Napoleon Zeit zur Bildung neuer Heere gewann. Bis nach der Schlacht von Leipzig herrschte eine große Einigkeit unter den Verbündeten, aber während des Aufenthaltes des Hauptquartiers in Frankfurt und Freiburg begannen die Uneinigkeiten, die sich in der Folge zu verschiedenen Epochen sehr bitter äußerten; die nächste Veranlassung waren die sächsischen und schweizer Angelegenheiten und die Art der Fortsetzung des Krieges.

Kaiser Franz wünschte Sachsen seinem König zu erhalten, Rußland und Preußen sahen es als eine durch neun blutige Schlachten errungene Eroberung an, die bei der in Deutschland beabsichtigten und in den Akzessionstraktaten förmlich ausgesprochenen Territorialverteilung zu benutzen sei.

Mehrere in österreichischen Diensten stehende Offiziere, namentlich von General Langenau veranlaßt, reisten nach Sachsen und suchten dort den Einrichtungen, welche das Gouvernement traf, Hindernisse in den Weg zu legen, ich drang sogleich bei dem Kaiser auf Erklärung an den Fürsten Metternich, man werde die Werkzeuge dieser Umtriebe verhaften lassen – er versicherte, er mißbillige sie, und befahl General Langenau, sich aller ähnlichen zu enthalten. –

Da Österreich sich zur Operation durch die Schweiz bestimmt hatte, so wurde Graf Capo d'Istria und Lebzeltern an die Tagsatzung nach Zürich, der in österreichischen Dienst getretene Graf Senft nach Bern gesandt, um die Einwilligung in den Durchmarsch zu bewirken, zugleich auch das Nötige wegen der inneren Angelegenheiten der Schweiz einzuleiten. Der Kaiser hatte den an ihn gesandten waadtländischen Deputierten die Versicherung gegeben der Erhaltung ihrer Unabhängigkeit, da er wegen des Einflusses seines ehemaligen Erziehers Laharpe und mehrerer bei der kaiserlichen Familie angestellt gewesener Personen dieses Landes einen lebhaften Anteil an dessen Schicksal nahm. Fürst Metternich hatte dem Kaiser ähnliche Versicherungen gegeben, seine Aufträge an Graf Senft waren aber: die alte Ordnung der Dinge in Bern wiederherzustellen, den Durchzug durch die Schweiz mit Nachdruck durchzusetzen, und er versicherte ihn, der Kaiser werde mit dem Resultate zuletzt zufrieden sein, wenn er auch die Sache jetzt noch mißbillige; Fürst Schwarzenberg habe auch auf eine sehr geschickte Art die russischen Korps so echeloniert mit den österreichischen, daß die Bewegung der einen die andern zu entsprechenden nötige.

Graf Senft drang mit Heftigkeit in den Magistrat zu Bern, seine Hoheit über die Kantone Aarau und Waadtland wieder auszusprechen, es geschah, und nun erfolgten die heftigsten Beschwerden von den nach dem kaiserlichen Hauptquartier geeilten Waadtländern.

Capo d'Istria und Lebzeltern berichteten von Zürich aus: die Mediationsakte der Schweiz und mit ihr die Unabhängigkeit der dadurch neugebildeten Kantone müsse aufrecht gehalten werden, wenn man nicht in einem großen Teil der Schweiz einen hohen Grad von Mißvergnügen erregen wolle, das nur durch militärische Besetzung des Landes könne verhindert werden. Dieser Bericht und die Vorstellungen der Waadtländer reizten den Kaiser zum heftigsten Unwillen über Metternichs Unwahrheit, und von nun an faßte er das größte Mißtrauen gegen ihn.

Mehrere sächsische Gutsbesitzer, besorgt, Sachsen möchte preußisch werden, wandten sich an die Großfürstin Marie, um die Ansprüche der Ernestinischen Linie im Falle des Abgangs der Albertinischen zu sichern; diese begann eine Unterhandlung mit ihnen, welcher ihre Anträge beim Kaiser folgen sollten. Als mich Fürst Repnin hiervon benachrichtigte, so bewog ich den Kaiser, seiner Schwester seine Mißbilligung des Geschehenen zu eröffnen und ihr zu empfehlen, sich alles ferneren Handelns zu enthalten.

Das Hauptquartier rückte nach Freiburg. Hier bemühte sich Fürst Metternich, den Kaiser zu bewegen, für seine Person nicht nach Frankreich zu gehen, sondern abzuwarten, ob der Krieg einen Nationalwiderstand veranlassen und dieser nicht zu unterdrücken sein werde: der den Vorschlag mit Unwillen verwarf und wiederholt erklärte, er werde selbst den Operationen beiwohnen, sogleich über Schaffhausen nach Basel abging und von da den Truppenmarsch über Vesoul nach Langres beschleunigte.

Durch den Übergang über den Rhein und das schnelle ungehinderte Vorrücken der Verbündeten wurde nun ein großer Teil der deutschen, belgischen und altfranzösischen Provinzen erobert; über ihre Verwaltung durch das Zentraldepartement gab ich in Basel meine Vorschläge ab, die genehmigt, den 12. Januar 1814, und ausgeführt wurden. Ihre Ausführung auf dem linken Rheinufer und Belgien war ohne Schwierigkeit wegen der Abneigung der Einwohner gegen die Franzosen; diese Länder wurden zum Vorteil der Verbündeten benutzt. Anders war es in Frankreich; hier zeigten die Einwohner die größte Widersetzlichkeit gegen die Einrichtungen, die getroffen werden mußten, weil Napoleon alle Verwaltungsbehörden aufgelöst hatte; die Abgaben stockten größtenteils; die in mehreren besetzten Departements, z. B. Lothringen, ausgebrochenen Aufstände der Landleute und die kurze Dauer der Verwaltung, die durch eine mit Frankreich geschlossene Konvention d. d. 23. April 1814 wieder aufgehoben und diesem zurückgegeben wurde, ließen nichts zu einer gewissen Festigkeit gelangen.

In dem Hauptquartier zu Langres (Januar 1814) traf Lord Castlereagh, der englische Prinzipalminister, ein. – Kaiser Alexander war fortdauernd gegen Metternich erbittert; dieser beherrschte aber Nesselrode und Hardenberg. Um nun zu verhindern, daß Castlereagh nicht in eine gleiche Stellung komme, so empfahl ich seinem Bruder, Sir Charles Stuart, mit dem ich in einem freundschaftlichen Verhältnisse seit Dresden stand, ihn zu warnen, daß er sich dem Einflusse Metternichs nicht ganz überlasse und sich das Vertrauen des Kaisers nicht entziehe; es sei wichtig, daß er es erlange, um eine von diesem gefaßte Idee, Bernadotte eine überwiegende Stellung in Frankreich zu verschaffen, zu verhindern. Stuart teilte diese vertrauliche Eröffnung Metternich mit, der darüber mit dem Kaiser sprach und, um mir zu schaden, mich nannte. – Der letztere äußerte mir beim Mittagessen: ich habe etwas gesagt, das ihm schade, und kam darauf in der Folge in Paris wieder zurück.

Castlereagh vereinigte sich mit Metternich, um den Kaiser abzuhalten, weiter in Frankreich vorzudringen, auch Hardenberg trat ihm bei und Nesselrode. Der Kaiser erklärte, er werde allein und ohne fremde Hilfe den Krieg fortsetzen, fragte den König, wozu er entschlossen? der zwar seine Bedenklichkeiten äußerte, aber zugleich: er werde ihn nicht verlassen. Beide Monarchen gingen nach Chaumont, und hier kam ihnen bald die Meldung zu vom Vorrücken Napoleons gegen Brienne, sie eilten hin, und die Schlacht bei La Rothière 2. Februar 1814 wurde geliefert, ihre Folge war das Vorrücken bis gegen Troyes, Nangis. –

Österreich wünschte den Frieden, und die Unterhandlungen zu Chatillon begannen; diejenigen, welche an die Unmöglichkeit eines dauerhaften Friedens mit Napoleon glaubten und die kräftige Fortsetzung des Krieges für nötig hielten, zu denen ich gehörte, wurden von den Österreichern als überspannt und leidenschaftlich getadelt, so äußerte sich der Kaiserliche Geheime Rat Baldacy gegen mich und bewies mir die Notwendigkeit des Friedens wegen der Erschöpfung der Armeen.

Die Konferenzen in Chatillon begannen den 6. Februar; Fürst Schwarzenberg ließ in den militärischen Bewegungen nach (Kaiser Franz verbot ihm, dem Feldherrn eines verbündeten Heeres, auf das rechte Seineufer zu gehen); dies benutzte Napoleon, um auf die an der Marne sehr vereinzelt stehenden Korps der Blücherschen Armee zu fallen und sie zu schlagen. Nun vermehrte sich der Wunsch nach Frieden, die wenigen, welche für den Krieg stimmten, insbesondere Pozzo di Borgo und ich, wurden zurückstoßend behandelt, der Kaiser selbst wurde bedenklich, er wünschte einen Waffenstillstand. Der Übermut Napoleons ließ abermals die Gelegenheit zu einem ihm rühmlichen, aber Europa und zunächst Österreich gefährlichen Frieden unbenutzt und die Unterhandlungen in Chatillon ins Stocken geraten. Das verbündete Heer hatte unterdessen Troyes verlassen, zog sich bis gegen Vandoeuvre zurück. In einer dortigen Konferenz wurde beschlossen, das Blüchersche Heer, welches das Bülowsche Armeekorps an sich gezogen, mit dem Winzingerodeschen bis zu 100 000 Mann zu verstärken und es zur Offensive in den Stand zu setzen. Die Entschlossenheit Blüchers, Gneisenaus und Grolmanns ergriffen sie mit Lebhaftigkeit, achteten nicht den nachgekommenen Gegenbefehl, sich mit Schwarzenberg zu vereinigen, und der glorreiche Erfolg ist bekannt.

Ende Januar erschien Graf von Artois in Vesoul, er wurde von den Einwohnern und den Verbündeten sehr kalt aufgenommen, letztere sahen ihn als ein Hindernis des Friedens an, Kaiser Alexander war den Bourbonen abgeneigt. Man wollte ihm die Ergreifung entscheidender Maßregeln nicht erlauben, er lebte also sehr eingezogen, schickte Graf François d'Escars nach dem Hauptquartier in Troyes Anfang Februar. Ich unterstützte bei allen Gelegenheiten seine Sache, hielt die Wiedereinsetzung der Bourbonen als eine Wirkung des ihnen angestammten und auf keine gültige Art verlorengegangenen Rechts auf den französischen Thron, das unter allen Verhältnissen zu beobachten sei, alle anderen Auswege einer ganz neuen Dynastie, da kein eminenter, hoch emporragender Mann vorhanden war, um sie zu gründen, oder eine Regentschaft Marie Luisens mit Beiordnung von Bernadotte als Vormund, wegen der Gefahr einer langen Minorennität und des Mangels von Achtung und Vertrauen, das Bernadotte hatte, wegen seines zweideutigen Betragens 1813 und 1814, für durchaus verwerflich. Graf Artois ging nach Nancy, ich empfahl ihn dem von mir ernannten dortigen Gouverneur Herrn von Alopeus und autorisierte ihn zur Erteilung einer Geldunterstützung. Der Krieg wurde im Februar und März mit großer Lebhaftigkeit, zuletzt mit überwiegendem Vorteil der Verbündeten fortgesetzt, die Siege bei Laon (10. März), bei Arcis sur Aube (20. und 21.) erfochten. Das Vorrücken Napoleons gegen St. Dizier, der Aufstand der durch den Druck des Krieges aufgereizten Landleute in Lothringen, einem Teil von Champagne zwang das große Hauptquartier, wo der Kaiser Franz und sämtliche Diplomaten waren, von Bar sur Aube über Chatillon nach Dijon zu eilen.

Hier erschienen die Herren Mathieu de Montmorency und de Montagnac, sie hatten Paris insgeheim verlassen, von ihren Freunden beauftragt, sich von dem sorgfältig verheimlichten Stand der Armeen zu unterrichten, glaubten, Bernadotte bedrohe mit seinem Heer die Hauptstadt, und waren nicht wenig erstaunt, auf die Blüchersche Armee an der Marne zu stoßen und hier von General Gneisenau den Stand der Armeen zu erfahren und daß Bernadotte sich in der Gegend von Lüttich befände. – Sie kamen nach Dijon, machten die dort befindlichen Minister und mich mit den Gesinnungen und Absichten der Parteien in Paris bekannt und eilten mit den erlangten Nachrichten zurück zu denen, die sie abgesandt hatten.

Sobald die Nachricht von der Eroberung der Hauptstadt durch den Grafen Szezeny dem Kaiser Franz überbracht worden war, eilte ich hin, ich fand den Kaiser Alexander nicht ganz zufrieden mit der den Bourbonen günstigen Wendung, welche die Sache genommen. Durch seinen Einfluß und nach seinem Wunsch, nur Edelmut zu beweisen, den Schein von Rache zu vermeiden, erhielt Frankreich einen sehr vorteilhaften Frieden, es behielt das für Deutschlands Sicherheit so wichtige Straßburg, selbst eine Vergrößerung und blieb von allen Kriegssteuern frei, ungeachtet es so große Summen in Deutschland, Österreich und Preußen erhoben und die Einwohner dieser Länder eine Erleichterung der Kriegslasten zu erwarten berechtigt waren. Traité de Paris, 30. Mai 1814. Auch wurde die föderative Verfassung Deutschlands ausgesprochen; Österreich und England erlangten noch in Paris eine günstige Festsetzung ihrer Verhältnisse in Deutschland, Italien und Belgien. Dieses wurde mit Holland verbunden (Juni) und den 21. Juli 1814 an den Prinzen von Oranien übertragen. Österreich ordnete seine Angelegenheiten in Deutschland mit Bayern und in Italien mit seinen übrigen Verbündeten.–

Nur Preußens Angelegenheiten und Abrundung blieben in Paris unentschieden und wurden nach Wien verwiesen. Der Staatskanzler von Hardenberg war verblendet genug, nichts zu tun, um in Paris zu einer festen Bestimmung zu gelangen. Er machte zwar einen Plan zur Verteilung von den Eroberungen in Deutschland, den aber Österreich unbeantwortet ließ. – In Paris mußten die preußischen Angelegenheiten entschieden werden. Hier war das Andenken an das, was sein Heer und das preußische Volk geleistet hatten, lebhaft und ungeschwächt. Österreich war daher damals geneigt zur Überlassung Sachsens. Das von Fremden besetzte Frankreich kam noch in keinen Betracht in den Unterhandlungen zwischen den Verbündeten, noch weniger so viele andere kleine deutsche Fürsten, deren Abgeordnete man damals kaum anhörte. Wollte England und Österreich die Zustimmung Preußens zu den über Belgien und Italien geschlossenen Traktaten, so konnte dieses sie an die Unterzeichnung eines seinem Interesse gemäßen binden.

Diese Betrachtung machte ich dem Staatskanzler, auch der König äußerte ihm seine Absicht, er unterzeichnete blindlings, ohne Vorbehalt, und verließ Paris, ohne daß irgend etwas wegen der Abrundung des preußischen Staates festgesetzt war.

Nach der Beendigung des Krieges bat ich den Kaiser, mir die Erlaubnis zu erteilen, mich zurückzuziehen; er fragte mich, ob er nichts für mich tun könne ? Ich dankte ihm und bat mir die Erhaltung seiner Gnade aus; er erlaubte mir, nach Deutschland zu gehen, jedoch unter der Bedingung, nach Wien zu dem bevorstehenden Kongreß zu kommen.

Dankbarkeit und Gerechtigkeit machen es mir zur Pflicht, indem ich die Ereignisse meines Lebens erwähne, dem Andenken einer edlen, treuen Gattin zu huldigen; ich beziehe mich deshalb auf meine Darstellung ihres Lebens.

September 1815. Nach der Zurückkunft von Paris nach Frankfurt wurde mir die Präsidentenstelle bei dem Bunde von Fürst Metternich und die preußische Gesandtenstelle durch Fürst Hardenberg angeboten; ich lehnte beide ab, die erste wiederholt, weil der Übergang aus dem Dienst eines Staates in den eines anderen, der wegen seiner eigenen Ansprüche auf Suprematie mit dem ersteren in einem fortdauernden, sich mehr oder weniger schroff aussprechenden Gegensatz stand, mir unzart erschien; ich konnte meine seit 40 Jahren mir angeeignete Ansicht und politischen Meinungen nicht plötzlich umwandeln, und so würde mich der Vorwurf der Veränderlichkeit und Undankbarkeit von Seiten der alten, von Lauigkeit und Hinneigen zum Gewohnten von seiten der neuen Freunde getroffen haben.

Die preußische Gesandtschaftsstelle lehnte ich ab wegen meiner Abneigung, mich in das Verhältnis der Abhängigkeit zu setzen von einem Manne, den ich so wenig achtete wie den Staatskanzler, von dem ich vorhersah, daß er mich bei irgendeiner Gelegenheit oder aus irgendeiner Veranlassung aufopfern würde, und der soeben eine ihm von mir übertragene Angelegenheit, die er mit den größten Versicherungen von Bereitwilligkeit übernommen hatte, in Wien und Paris aus Eifersucht oder Leichtsinn, auf jeden Fall mit großer Falschheit gänzlich hintansetzte.

Ich trat also in den neuen Abschnitt des Lebens mit der Lösung zweier Aufgaben, der der Geschäftslosigkeit und der des Alters. Die Leere, welche aus der ersteren entstand, suchte ich auszufüllen durch Wissenschaft; ich wählte deutsche Geschichte, zum Teil veranlaßt durch den Unterricht, den ich darin meiner jüngsten Tochter gab, und durch das wiedererweckte Nationalinteresse.

Das Studium der deutschen Geschichtsquellen machte mir die Unvollkommenheit ihrer bisherigen Sammlungen bemerklich und veranlaßte mich, die Idee eines Vereins zur Bearbeitung der Quellenschriftsteller in das Leben zu bringen.

Meine wissenschaftliche Tätigkeit wurde durch die Schwäche meines Gesichts, den Verlust des rechten Auges durch einen grauen Star (1807) gelähmt, ich konnte bei Licht nicht ohne Nachteil lesen. Es wurde mir aber ein anderes Geschäft durch die Vorsehung zugewiesen, der Tausch von Kappenberg gegen das entfernte Birnbaum, und dieser brachte mich zurück nach Westfalen, an das mich so viele Erinnerungen banden, in Berührung mit alten, erprobten Freunden und gab mir Gelegenheit, die Teilung der großen Gemeinheiten oder Marken ppter 5000 Morgen, in denen ich Markenrichter und Berechtigter war, zur Zufriedenheit vieler hundert Menschen in kurzer Zeit (1817-1819), ohne Kosten und mit großem Segen zustande zu bringen, auch gegen ein verderbliches, die bäuerlichen Verhältnisse betreffendes Gesetz mit Erfolg zu kämpfen.

Das andere mir gewordene Problem zu lösen oder die wahre Stellung im Alter zu ergreifen, das wurde mir durch die betrogenen Hoffnungen von einem nahen besseren Zustand Deutschlands und durch mancherlei Mißverhältnisse in dem Innern meiner Familie erleichtert; sie, die in einzelnen Fällen höchst peinlich und tief mich erschütterten, im Täglichen aber häufig unerfreulich wirkten, lenkten meinen Sinn vom Irdischen; von hier erwarte ich nichts mehr als fortschreitende Übung in Resignation, in Demut, in Hoffnung, im Glauben.

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