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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 8
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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5.

Ein medizinisches Studienjahr. Professor Amussat. Eine Vorstellung in der großen Oper. Die Bibliothek des Konservatoriums. Unwiderstehlicher Hang zur Musik. Mein Vater verweigert seine Zustimmung zu diesem Berufe. Familiäre Auseinandersetzungen.

 

Als ich im Jahre 1822 mit meinem Studiengenossen A. Robert in Paris ankam, widmete ich mich mit allen Kräften den Studien, die zu meinem künftigen Berufe nötig waren; ich hielt redlich mein Wort, das ich meinem Vater bei der Abreise gegeben. Gleichwohl hatte ich eine recht schwierige Probe zu bestehen, als mir Robert eines Morgens mitteilte, er habe ein »Subjekt« (einen Kadaver) gekauft, und mich zum ersten Male in den Sektionssaal der Anatomie de la Pitié führte. Der Anblick dieser grauenhaften menschlichen Fleischkammer, der zerstreuten Glieder, fratzenhaften Köpfe, der halboffenen Hirnschalen, der blutige Schlamm, durch den wir schritten, der empörende Gestank, der davon ausging, die Sperlingschwärme, die sich um Lungenteile stritten, die Ratten, die in ihrer Ecke an blutigen Wirbelknochen fisselten – das alles erfüllte mich mit solchem Entsetzen, daß ich durchs Fenster der Anatomie sprang, mit beiden Beinen die Flucht ergriff und keuchend nach Hause lief, wie wenn der Tod mit seinem schrecklichen Gefolge mir auf den Fersen wäre. Ich verbrachte vierundzwanzig Stunden unter der Nachwirkung dieses ersten Eindruckes, mochte nicht mehr von Anatomie, Sektion und Medizin reden hören und dachte tausend Tollheiten aus, mich der drohenden Zukunft zu entziehen.

Robert verschwendete seine Beredsamkeit, meinen Widerstand zu brechen und mir die Ungereimtheit meiner Pläne vorzuhalten. Es gelang ihm schließlich, mich zu einem zweiten Versuche zu bestimmen. Ich willigte ein, ihm abermals zur Anatomie zu folgen, und wir betraten zusammen den Saal des Grauens. Sonderbar! Als ich die Dinge wiedersah, die mir anfangs einen so tiefen Abscheu eingeflößt hatten, blieb ich vollkommen ruhig und empfand gar nichts weiter als Ekel bei kaltem Blute; ich war mit diesem Anblick schon so vertraut, wie ein alter Routinier; das war abgetan. Ja, es machte mir Vergnügen, als ich eintrat, die halboffene Brust eines armen Leichnams zu durchwühlen, um ihre Lungenspitzen den geflügelten Gästen dieses lieblichen Aufenthalts zu dedizieren. »So ist's recht!« lachte Robert, »du vermenschlichst dich!

Du nährst die Vögelein mit liebendem Gemüte.«
– »Und jeglichem Geschöpf gilt meine Güte«

versetzte ich und warf einer dicken Ratte, die mich hungrig ansah, ein Schulterblatt zu.

Ich verfolgte also, wenn nicht mit Interesse, so doch mit stoischer Ergebenheit, die Übungen in der Anatomie. An meinen Lehrer, den Professor Amussat, der für diese Wissenschaft die gleiche Leidenschaft zeigte, wie ich für die Musik, fesselten mich sogar geheime Sympathien. Er war in der Anatomie Künstler. Ganz Europa kennt ihn heute als kühnen Neuerer in der Chirurgie; seine Entdeckungen erregen Bewunderung und Haß der gelehrten Welt. Tag und Nacht reichen kaum hin für seine Arbeiten. Obgleich erschöpft von den Strapazen einer solchen Tätigkeit, setzt er, träumerisch, melancholisch, seine verwegenen Forschungen fort und wandelt weiter auf seiner gefahrvollen Bahn. Er hat das Wesen eines genialen Menschen. Ich sehe ihn oft; ich liebe ihn.

Bald boten mir die Stunden bei Thénard und Gay-Lussac, von denen der eine Vorlesungen über Chemie, der andere über Physik, im Jardin des Plantes, hielt, ferner das literarische Kolleg, in dem Andrieux seine Hörer mit so viel gutmütiger Bosheit zu fesseln wußte, einen mächtigen Ersatz; ich fand einen sehr lebhaften und stets wachsenden Gefallen daran, diese Dinge zu verfolgen. So war ich auf dem Wege, ein Student wie so viele andere zu werden, mit der Bestimmung, die unheilvolle Schar der schlechten Ärzte um eine obskure Einheit zu vermehren, bis ich eines schönen Abends in die Oper ging. Man gab Salieris Danaiden. Der Prunk und der Glanz der Szenerie, die harmonische Fülle des Orchesters und der Chöre, das Pathos und die außerordentliche Stimme der Fran Branchu; die großartige Herbheit von Dérivis; die Arie der Hypermenestra, in der ich alle Züge meiner idealen Vorstellung vom Gluckschen Stile, in Salieris Nachahmung, wiederfand: eine Vorstellung, die ich mir nach Fragmenten aus Orpheus, die ich in der väterlichen Bibliothek fand, gebildet hatte; endlich das zündende Bacchanal und die melancholisch-wollüstigen Tanzweisen, mit denen Spontini die Partitur seines älteren Landsmanns bereichert hat –: all das versetzte mich in einen unbeschreiblichen Zustand der Verwirrung und Verzücktheit. Ich glich einem jungen Menschen mit Seemannsgelüsten, der sich, während er vorher nichts anderes als die Nachen seiner Bergseen gekannt, urplötzlich auf einen Dreidecker mitten im Meere versetzt sieht. Ich schlief die folgende Nacht, wie sich denken läßt, kaum, und brachte am nächsten Tage das Nachgefühl meiner Schlaflosigkeit mit in die Anatomiestunde. Ich sang die Arie des Danaus »Genießt das gnädige Geschick«, während ich die Hirnschale meines »Subjekts« durchsägte, und als Robert ungeduldig wurde, weil ich die Melodie »Steig hinab in Amphitritens Schoß« summte, anstatt Bichats Kapitel über die Ausbreitung der Sehnen zu lesen, und er ausrief: »Bleiben wir doch bei der Sache! Wir arbeiten nicht! In drei Tagen ist unser »Subjekt« hin! ... Es hat achtzehn Franken gekostet! ... Man muß doch vernünftig sein!« – da antwortete ich ihm mit der Hymne an die Nemesis »Blutdürstende Gottheit!« und das Seziermesser entfiel seinen Händen.

In der folgenden Woche besuchte ich wieder die Oper, wo ich diesmal einer Vorstellung der »Stratonice« von Méhul und eines Balletts »Nina« beiwohnte, dessen Musik von Persuis zusammengestellt und eingerichtet war. Ich bewunderte zuerst die Ouvertüre der »Stratonice« sehr, auch die Arie des Seleukus »Begebt euch allen Kummers« und das Beratungsquartett, aber im ganzen erschien mir die Oper etwas kalt. Dagegen gefiel mir das Ballett sehr, und tief ergriff es mich, als ich Vogt, zu einer ungemein rührenden Pantomime des Fräulein Bigottini, auf dem englischen Horn die Melodie jenes Liedes blasen hörte, das, am Tage meiner ersten Kommunion, von den Freundinnen meiner Schwester im Ursulinenkloster gesungen worden war. Es war die Romanze »Wenn der Liebste einst wiederkehrt«. Einer meiner Nachbarn, der den Text mitbrummte, sagte mir den Namen der Oper und ihres Komponisten, dem Persuis dieses Stück entlehnt hatte, und so erfuhr ich, es sei aus Nina von d'Aleyrac. Aber wie groß auch die Begabung der Sängerin Frau Dugazon gewesen sein mag, welche die Rolle der Nina kreierte – ich glaube kaum, daß diese Melodie in ihrem Munde je einen so wahren Vortrag, einen so rührenden Ausdruck gefunden hat, als durch das Spiel Vogts und durch die Darstellung der berühmten Schauspielerin.

Trotz dieser Zerstreuungen und wiewohl ich viele Abendstunden ganz mit Betrachtungen über den unheilvollen Zwiespalt meiner Studien und meiner Neigungen ausfüllte, setzte ich dieses zerrissene Leben noch einige Zeit fort, ohne großen Nutzen für meine medizinische Ausbildung und ohne das so beschränkte Feld meiner musikalischen Kenntnisse erweitern zu können. Ich hatte mein Wort gegeben und ich hielt es. Aber als ich erfuhr, daß die Bibliothek des Konservatoriums mit ihren unzähligen Partituren der allgemeinen Benutzung geöffnet sei, konnte ich dem Verlangen nicht widerstehen, die Werke von Gluck dort zu studieren, für die ich schon eine angeborene Neigung hatte und die zu dieser Zeit in der Oper nicht aufgeführt wurden. Einmal zu diesem Heiligtum zugelassen, verließ ich es nicht mehr. Damit hatte die Medizin ihren Gnadenstoß erhalten und die Anatomie war ein für allemal erledigt.

Die Ablenkung meiner Gedanken durch die Musik war so stark, daß ich, trotz all meiner Bewunderung für Gay-Lussac und meinem starken Interesse an solchen Studien, die Übungen in der Experimentalelektrizität, die ich mit jenem begonnen, vernachlässigte. Ich las wieder und wieder die Partituren von Gluck, schrieb sie ab, lernte sie auswendig; sie raubten mir den Schlaf, ließen mich Speise und Trank vergessen; ich schwelgte darin. Und an dem Tage, da es mir, nach ängstlicher Erwartung, endlich vergönnt war, Iphigenie in Tauris zu hören, schwor ich beim Verlassen des Theaters, daß ich, trotz Vater, Mutter, Onkel, Tanten, Großeltern und Freunden, Musiker werden würde. Ja, ich wagte es, ohne Zaudern an meinen Vater zu schreiben, um ihn zu benachrichtigen, wie mächtig und unwiderstehlich mein innerer Drang sei, und beschwor ihn, sich ihm nicht vergebens zu widersetzen. Er antwortete mit beweglichen Gegenreden, die darauf hinausliefen, ich müsse doch die Torheit meines Entschlusses einsehen und die Verfolgung einer Chimäre aufgeben, um zu einer ehrenhaften, völlig ebenen Laufbahn zurückzukehren. Aber mein Vater betrog sich. Weit entfernt, mich über seinen Standpunkt lustig zu machen, verharrte ich dennoch auf dem meinen, und von diesem Augenblick an entspann sich ein regelmäßiger Briefwechsel zwischen uns, der immer ernster und drohender wurde von der Seite meines Vaters, immer leidenschaftlicher von der meinen, und zuletzt aus der Hitze in Wut überging.

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