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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 78
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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Nachtrag

Ich bin am Ende. Das Institut. Konzert im Industriepalast. Jullien. Das Kammer- A der Ewigkeit. Die Trojaner. Aufführungen dieses Werkes in Paris. Béatrice und Benedikt. Aufführungen dieses Werkes in Baden und Weimar. Ausflug nach Löwenberg. Die Konzerte des Konservatoriums. Festkonzert in Straßburg. Tod meiner zweiten Frau. Letzte Kirchhofsszene. Alles zum Teufel!.

 

Es ist jetzt nahezu zehn Jahre her, daß ich diese Memoiren abgeschlossen. Während dieser Zeit sind mir fast ebenso schwer zu tragende Dinge widerfahren, als die sind, von denen ich berichtet habe. Ich glaube also, einige davon hier niederlegen zu sollen, in wenigen Worten, um dann nicht mehr, unter welchem Vorwande es auch sei, auf diese langwierige Arbeit zurückzukommen.

Meine Laufbahn ist zu Ende, Othello's occupation's gone. Ich komponiere nicht mehr, ich dirigiere keine Konzerte mehr, schreibe nichts mehr, weder Verse noch Prosa; ich habe meine kritische Tätigkeit aufgegeben; alle musikalischen Arbeiten, die ich unternommen, sind fertig; ich will nichts mehr tun, und tue auch nichts, als lesen, nachdenken, gegen sterbliche Langeweile ankämpfen und gegen unheilbare Neuralgie, die mich Tag und Nacht quält.

Zu meiner großen Überraschung bin ich zum Mitglied der Akademie der schönen Künste des Instituts ernannt worden, und wenn auch zu Zeiten, wo ich das Wort ergreife, mein Tadel unserer akademischen Gepflogenheiten ziemlich zwecklos ist und ohne Erfolg bleibt, so stehe ich dennoch mit meinen Kollegen in lauter freundschaftlichen und in jeder Hinsicht höchst angenehmen Beziehungen.

Ich hätte noch vieles über die beiden Gluckschen Opern Orpheus und Alceste zu erzählen, die ich in Szene zu setzen hatte, die eine am Lyrischen Theater, die andere an der Oper; aber ich habe in meinem Buch A travers chants darüber schon viel gesprochen, und was ich hinzufügen könnte ... darüber möchte ich nicht reden.

Der Prinz Napoleon ließ mir vorschlagen, im Saal der Industrieausstellung ein großes Konzert zu veranstalten, am Tage der dort stattfindenden feierlichen Preisverteilung durch den Kaiser. Ich unterzog mich dieser schweren Arbeit, lehnte aber jede pekuniäre Verantwortlichkeit ab. Ein intelligenter, kühner Unternehmer, Herr Ber, stellte sich mir vor. Er zeigte sich freigebig, und diesmal brachten mir die Konzerte (deren es nach der offiziellen Feier mehrere gab) bei achttausend Franken ein. Ich hatte, auf einer erhöhten Galerie hinter dem Throne, tausendzweihundert Musiker untergebracht, von denen man sehr wenig hörte. Aber am Tage der Feierlichkeit war die musikalische Wirkung so dünn, das ich mitten im ersten Stück (der Kantate l'Impériale, die ich zu dieser Gelegenheit geschrieben) unterbrochen wurde und im interessantesten Augenblick abklopfen mußte, weil der Prinz seine Rede zu halten hatte und die Musik zu lange dauerte ... Nächsten Tag hatte das zahlende Publikum Zutritt. Es ergaben sich fünfundsiebzigtausend Franken Einnahme. Wir hatten das Orchester heruntergeholt und es im untern Teile des Saales günstig aufgestellt, wo es von vorzüglicher Wirkung war. An diesem Tage wurde die Kantate nicht mehr unterbrochen und ich konnte das Bukett meines musikalischen Feuerwerks abbrennen. Ich hatte einen mir bekannten Mechaniker aus Brüssel kommen lassen, der mir ein fünfteiliges elektrisches Metronom einrichtete. Durch den einfachen Druck eines Fingers meiner linken Hand, während ich mit der Rechten den Taktstock frei bewegte, konnte ich so den Takt nach fünf verschiedenen und sehr weit voneinander entfernten Punkten des weiten Raumes leiten, den die Mitwirkenden einnahmen. Fünf Unterdirigenten empfingen mein Tempo durch die elektrischen Drähte und teilten es alsbald den Gruppen mit, deren Leitung in ihren Händen lag. Seitdem haben die meisten Opernbühnen die Anwendung des elektrischen Metronoms übernommen, wenn es sich um Chöre hinter der Szene handelt, wo die Chordirektoren weder den Takt sehen, noch das Orchester hören können. Die Oper allein verhielt sich ablehnend; aber als ich die Proben zu Alceste leitete, setzte ich die Einführung des schätzbaren Instrumentes durch. In diesen Konzerten im Industriepalast waren hauptsächlich die Stücke mit breiten Harmonien und etwas langsamem Tempo sehr wirksam; soviel ich mich erinnere, namentlich die folgenden: der Chor aus Armida »Nimmer in diesen schönen Gefilden«, das Tibi omnes aus meinem Te Deum und die Apotheose aus meiner Trauer- und Triumphsinfonie.

Vier oder fünf Jahre nach dieser Art von musikalischem Kongreß kam Jullien, den ich schon bei Gelegenheit seiner Direktion der englischen Oper in Drury-Lane erwähnt, nach Paris, um dort eine Reihe großer Konzerte im Zirkus der Champs-Élysées zu geben. Sein Bankerott hinderte ihn an der Ausfertigung gewisser Verträge; glücklicherweise gelang es mir, ihm die Erlaubnis und somit die Freiheit des Kontraktierens zu erwirken. Als der arme Mann sah, wie bereitwillig ich auf das verzichtete, was mir zukam, bekam er auf dem Handelsgericht eine Anwandlung von Zärtlichkeit und umarmte mich unter Tränenströmen. Aber von diesem Augenblick an wurde es mit seiner Geisteskrankheit nur noch schlimmer, deren Schwere niemand zugeben wollte, weder in London, noch in Paris. So behauptete er, vor Jahren eine außerordentliche akustische Entdeckung gemacht zu haben, die er jedem erzählte, der sie hören wollte. Indem er beide Ohren mit dem Finger schloß, horchte er auf das dumpfe Geräusch, das durch die Zirkulation des Blutes in den Hauptschlagadern entsteht, und glaubte fest, ein ungeheures A zu hören, das durch die Drehung des Erdballs im Weltenraume entstünde. Dann pfiff er irgendeinen hohen Ton, ein D oder Es oder F, und rief voller Begeisterung: »Es ist A, das Ur- A, das A der Sphären! Wir haben hier den Kammerton der Ewigkeit!«

Eines Tags kam er zu mir gelaufen: sein Wesen war seltsam. Er sagte, er habe Gott in einer blauen Wolke gesehen, und Gott habe ihm befohlen, mich vermögend zu machen. Infolgedessen wollte er mir zuerst meine gerade beendete Partitur der Trojaner abkaufen: er bot mir fünfunddreißigtausend Franken dafür. Dann wollte er, trotz meines Sträubens, seine Schuld von Drury-Lane bezahlen. »Ich habe Geld, ich habe Geld,« fügte er hinzu und zog aus seiner Tasche Hände voll Gold und Banknoten, »da! da! da ist welches! Machen Sie sich bezahlt!« Ich hatte große Mühe, bis ich ihn dazu brachte, sein Gold und seine Scheine wieder einzustecken, durch die Versicherung: »ein andermal, mein lieber Jullien, wollen wir uns mit dieser Sache und mit Ihrer göttlichen Sendung beschäftigen. Dazu muß man ruhiger sein, als Sie es heute sind.« Tatsache ist, daß er bereits beträchtliche Summen für seine Konzerte in den Champs Élysées erhalten hatte, von einem Unternehmer, dem er großes Zutrauen eingeflößt hatte. In der folgenden Woche starb Jullien an einem Gehirnschlag, nachdem er öffentliches Ärgernis erregt hatte, indem er auf dem Boulevard des Italiens in seinem Kabriolet Piccoloflöte blies und die Vorübergehenden zu seinen Konzerten einlud. Wieviele Musiker in Europa gibt es zu dieser Stunde, die man ernst nimmt und die geradeso verrückt sind, wie er! ...

Ich hatte zu dieser Zeit das dramatische Werk, von dem ich jetzt sprechen will und das ich in einer Anmerkung eines der vorhergehenden Kapitel erwähnte, ganz vollendet. Als ich mich vier Jahre vorher in Weimar bei der Fürstin Wittgenstein befand (der aufopfernden Freundin Liszts, einer Frau von Herz und Geist, die mich oft genug in meinen trübsten Stunden aufgerichtet hat), ließ ich mich verleiten, von meiner Bewunderung für Virgil zu reden und von der Idee einer großen Oper im shakespearischen Stil, zu der das zweite und vierte Buch der Aeneide den Stoff abgeben würde. Ich fügte hinzu, daß ich zu gut wisse, welchen Kummer eine solche Unternehmung mir notwendig bringen werde, als daß ich je in diese Versuchung kommen könnte. »In der Tat,« versetzte die Fürstin, »aus Ihrer Leidenschaft für Shakespeare, zusammen mit dieser Liebe für die Antike, muß etwas Großes, Neues entspringen. Nun denn, diese Oper, diese lyrische Dichtung muß geschaffen werden; nennen und gestalten Sie sie, wie Sie wollen. Sie muß begonnen und vollendet werden.« Als ich fortfuhr, mich dagegen zu verwahren, sagte die Fürstin: »Hören Sie! Wenn Sie vor der Mühe zurückschrecken, die dieses Werk Ihnen verursachen wird und muß, wenn Sie so schwach sind, sich davor zu fürchten und für Kassandra und Dido nicht alles zu wagen, dann kommen Sie mir nicht mehr unter die Augen, dann will ich Sie nicht mehr sehen.« Es hätte dieser Worte nicht bedurft, um mich zu bestimmen. Nach Paris zurückgekehrt, begann ich die Verse der lyrischen Dichtung »Die Trojaner« zu schreiben. Dann machte ich mich an die Partitur, und im Verlauf von dreiundeinhalb Jahren, in denen ich verbesserte, umstellte, hinzukomponierte usw., war alles fertig. Während ich das Werk polierte und wieder polierte, nachdem ich die Dichtung mancherorten vorgelesen, die Ausstellungen dieser und jener angehört und Nutzen daraus gezogen hatte, kam ich auf den Gedanken, folgenden Brief an den Kaiser zu schreiben:

»Majestät!

Ich habe soeben eine große Oper vollendet, zu der ich den Text und die Musik geschrieben. Trotz der Kühnheit und Mannigfaltigkeit des hier Gebotenen würden die Mittel, über die man in Paris verfügt, zur Aufführung hinreichen. Die Trojaner waren damals noch nicht in zwei Opern zerteilt; sie bildeten eine einzige, die fünf Stunden dauerte. Ew. Majestät wollen wir erlauben, Ihnen das Gedicht vorzulesen und dann für das Werk Ihre hohe Protektion zu erbitten, falls es diese verdienen sollte. Die Oper steht augenblicklich unter der Direktion eines meiner alten Freunde, Alphonse Royer. der über meinen Musikstil, der ihm von jeher unbekannt war und den er nicht beurteilen kann, die seltsamsten Meinungen hat; seine beiden Kapellmeister sind meine Feinde. Schützen Sie mich vor meinem Freunde, und was meine Feinde betrifft, so werde ich mich, wie das italienische Sprichwort sagt, selbst vor ihnen in acht nehmen. Wenn Eure Majestät meine Dichtung gehört haben und sie der Aufführung nicht für wert halten, werde ich Ihre Entscheidung mit aufrichtiger, vollkommener Hochachtung hinnehmen; aber ich kann mein Werk nicht der Schätzung von Leuten unterwerfen, deren Urteil von lauter Vorurteilen verdunkelt ist und deren Meinung infolgedessen gar keinen Wert für mich hat. Sie würden die Unzulänglichkeit des Gedichtes zum Vorwand nehmen, die Musik abzulehnen. Ich bin einen Augenblick versucht gewesen, mir die Gunst zu erbitten, mein Textbuch der Trojaner Eurer Majestät während der Mußestunden Ihres letzten Aufenthalts in Plombières vorlesen zu dürfen; aber damals war die Partitur noch nicht fertig, und ich fürchtete, wenn das Ergebnis der Vorlesung kein günstiges gewesen wäre, eine Entmutigung, die mich an ihrer Vollendung gehindert haben würde; und ich wünschte doch die große Partitur zu schreiben, fertig zu schreiben, mit Feuereifer und Ausdauer, mit emsigster Sorgfalt und Liebe. Jetzt, mögen auch Entmutigung und Verdruß kommen, kann nichts mehr ihr Dasein gefährden. Sie ist groß und stark und, trotz der scheinbaren Kompliziertheit der aufgewandten Mittel, sehr einfach. Leider ist sie nicht vulgär, aber das ist ein Fehler, den Eure Majestät vergeben wird, und dann beginnt auch das Publikum von Paris zu verstehen, daß die Produktion von klingenden Spielereien nicht das höchste Ziel der Kunst ist. Gestatten mir Eure Majestät, mit einer der Personen des alten Heldengedichtes, dem ich meinen Stoff entnahm, zu sprechen: Arma citi properate viro! – dann glaube ich, Latium erobern zu können.

In tiefster Ehrfurcht und Ergebenheit bin ich Eurer Majestät gehorsamster Untertan

Hector Berlioz,
Mitglied des Instituts.«

Paris, 28. März 1858.

Nun denn – nein! ich habe Latium nicht erobert. Tatsache ist, daß die Leute von der Oper sich wohl gehütet haben properare arma viro; und der Kaiser hat diesen Brief niemals gelesen. Herr de Morny widerriet mir, ihn abzuschicken, weil ihn der Kaiser, wie er sagte, wenig schicklich gefunden haben würde; und als endlich die Trojaner mit Hängen und Würgen herausgebracht waren, geruhte Seine Majestät nicht einmal, sie sich anzusehen.

Eines Abends in den Tuilerien konnte ich auf einen Augenblick mit dem Kaiser reden, und er erlaubte mir, ihm die Dichtung der Trojaner zu bringen, mit der Versicherung, er werde sie lesen, wenn er eine Mußestunde erübrigen könnte. Aber hat man Zeit und Muße, wenn man Kaiser der Franzosen ist? Ich stellte Seiner Majestät mein Manuskript zu, die es nicht las, sondern an die Direktionsbureaus der Theater schickte. Dort verunglimpfte man meine Arbeit, schalt sie absurd und unsinnig; man setzte das Gerücht in Umlauf, sie dauere acht Stunden, zu ihrer Aufführung sei das doppelte Personal der Oper nötig, ich verlange dreihundert Hilfschoristen usw. usw. Ein Jahr später schien es, als wolle man sich ein wenig mit meinem Werke abgeben. Eines Tages nahm mich Alphonse Royer beiseite und sagte zu mir: »Der Staatsminister hat mich beauftragt, Ihnen anzuzeigen, daß mit dem Studium Ihrer Partitur der Trojaner an der Oper begonnen werden wird, und daß er Ihnen volle Genugtuung verschaffen will.«

Dieses von Seiner Exzellenz freiwillig mir gegebene Versprechen wurde nicht besser gehalten, wie so viele andere, und von diesem Augenblick an war nicht mehr usw. usw. Und so kam es, daß ich, nach langem, zwecklosen Warten, so großer Geringschätzung müde, dem Betreiben des Herrn Carvalho nachgab und darein willigte, ihn die Inszenierung der »Trojaner in Karthago« Zweiter Teil der Trojaner, dem ich eine Instrumentaleinleitung (das Lamento) und einen Prolog vorausschickte. im Lyrischen Theater versuchen zu lassen, trotz seines offensichtlichen Unvermögens, sie gut zustande zu bringen. Er hatte gerade von der Regierung eine jährliche Unterstützung von hunderttausend Franken bekommen. Trotzdem ging das Unternehmen über seine Kräfte; sein Theater war nicht groß genug, seine Sänger nicht fest genug, sein Chor, sein Orchester nicht ausreichend. Er brachte beträchtliche Opfer, ich meinerseits gleichfalls. Ich bezahlte einige Musiker, die in seinem Orchester fehlten, aus eigener Tasche; ich tat sogar mancherorten meiner Instrumentation Gewalt an, um sie den Mitteln anzupassen, über die er verfügte. Frau Charton-Demeur, die einzige, welche die Rolle der Dido singen konnte, bezeigte ihre Freundschaft zu mir in großmütiger Weise, indem sie von Carvalho ein viel niedrigeres Honorar annahm, als das war, welches ihr der Theaterdirektor von Madrid anbot. Trotz alledem war die Aufführung unzulänglich und konnte nicht anders sein. Frau Charton hatte wunderbare Momente, Monjauze, der den Aeneas gab, zeigte an gewissen Tagen Schwung und Wärme; aber die Inszenierung, die Carvalho durchaus selbst hatte besorgen wollen, war ganz anders, als die ich vorgeschrieben hatte, ja sie war sogar stellenweise abgeschmackt und an andern Stellen lächerlich. Der Maschinist hätte bei der ersten Vorstellung beinahe alles unmöglich gemacht und das Stück durch seine Ungeschicklichkeit in der Jagdszene beim Gewitter zu Fall gebracht. Dieses Bild, das an der Oper von ergreifender Schönheit wäre, kam ärmlich heraus, und zum darauffolgenden Dekorationswechsel brauchte es einen Zwischenakt von fünfundfünfzig Minuten. Deshalb wurden am nächsten Tage Gewitter, Jagd und die ganze Szene gestrichen.

Ich sagte schon: um ein derartiges Werk anständig herauszubringen, muß ich absoluter Herr des Theaters sein, wie ich Herr des Orchesters bin, wenn ich eine Sinfonie probiere. Ich brauche die wohlwollende Mithilfe von allen und den Gehorsam eines jeden ohne den geringsten Widerspruch. Sonst scheitert nach einigen Tagen meine Willenskraft an dem Gegenwillen der andern, an den kindischen Ansichten und an den noch kindischeren Schrecknissen, mit denen man mich unablässig plagt. Schließlich beurlaube ich mich, meine Nerven versagen, und ich lasse alles zum Teufel gehen. Was ich von Carvalho auszuhalten hatte, der immer protestierte, daß er nur nach meinen Intentionen handeln, nur meinen Willen erfüllen wolle, bis er die Striche, die er für nötig hielt, anbringen durfte, ist nicht zu sagen. Wenn er es nicht wagte, mich selbst darum zu bitten, ließ er durch einen gemeinsamen Freund darum ersuchen. Der schrieb mir dann, diese Seite sei gefährlich, jener flehte mich an, eine andere zu streichen. Und Kritiken im einzelnen zum Verrücktwerden!

– »Ihr Rhapsode mit seiner viersaitigen Lyra rechtfertigt die vier Töne der Harfe im Orchester wohl; ich weiß. Sie wollten ein bischen Archäologie bringen.«

– Nun und?

– »Ach, das ist gefährlich, das wird lächerlich wirken.«

– Wirklich, es ist sehr lächerlich. Ha! ha! ha! Ein Tetrachord, eine antike Lyra mit nur vier Tönen! Ha! ha! ha!

– »Sie haben in ihrem Prolog ein Wort, das mich bedenklich macht.«

– Welches?

– »Das Wort triomphaux

– Und warum macht es Sie bedenklich? Ist es nicht der Plural von triomphal, wie chevaux von cheval, originaux von original, municipaux von municipal?

– »Ja, aber es ist eine ungebräuchliche Form.«

– Bei Gott, wenn man in einem Heldengedicht nichts, als Worte gebrauchen dürfte, wie sie in Kneipen und im Tingeltangel üblich sind, hätten wir eine große Zahl verbotener Ausdrücke und der Stil des Werkes wäre auf die äußerste Dürftigkeit beschränkt.

– »Sie sollen sehen, es wird lächerlich wirken.«

– Ha! ha! ha! triomphaux! Wirklich, es ist zu drollig! triomphaux! Es ist beinahe so spaßig, wie Molières tarte à la crême (Rahmtorte). Ha! ha! ha!

– »Aeneas darf nicht mit einem Helm auftreten.«

– Warum?

– »Weil Mangin, der Bleistiftverkäufer unserer öffentlichen Plätze, auch einen Helm trägt; allerdings einen mittelalterlichen Helm, aber doch einen Helm, und die Affen auf der Galerie werden anfangen zu lachen und schreien: hoho! das ist Mangin!«

– Ach ja, ein trojanischer Held darf keinen Helm tragen; das würde lächerlich wirken. Ha! ha! ha! Ein Helm! Haha! Mangin!

– »Wollen Sie mir nicht einen Gefallen tun?«

– Was denn noch?

– »Streichen wir Merkur! Seine Flügel an Kopf und Fersen werden lächerlich wirken. Man hat Flügel immer nur an den Schultern tragen sehen.«

– Ach! man hat Wesen von menschlicher Gestalt mit Flügeln an den Schultern gesehen! Das wußte ich nicht. Aber ich begreife schließlich, daß die Flügel an den Fersen lächerlich wirken werden, ha! ha! ha! Und die am Kopf erst recht, ha! ha! ha! Da man in Paris dem Merkur nicht oft auf der Straße begegnet, so streichen wir also Merkur.

Versteht man, was ich unter diesen idiotischen Befürchtungen litt? Zu geschweigen von Carvalhos musikalischen Ideen; er wollte zugunsten der von ihm ausgedachten Regie, daß ich das Tempo gewisser Stücke langsamer oder schneller nehmen, sechzehn Takte, acht Takte, vier Takte zufügen oder zwei oder drei oder einen weglassen sollte. In seinen Augen ist die Regie einer Oper nicht für die Musik gemacht, sondern die Musik für die Regie. Als ob ich übrigens die Bühnenwirksamkeit meiner Partitur nicht schon lange in Rechnung gezogen hätte, da ich seit vierzig Jahren die Oper studiere. Wenigstens unterließen es die Sänger vollständig, mich zu quälen, und ich schulde ihnen die Erklärung, daß sie alle ihre Rollen so gesungen haben, wie ich sie ihnen gegeben, ohne eine Note daran zu ändern. Das ist vielleicht unglaublich, aber es ist so, und ich danke es ihnen. Die erste Vorstellung der »Trojaner in Karthago« fand nach der Ankündigung Carvalhos am 4. November 1863 statt. Das Werk hätte noch drei oder vier ernsthafte Proben nötig gehabt; nichts saß fest, namentlich nicht auf der Bühne. Aber der Direktor wußte sich keinen Rat, seinem Spielplan aufzuhelfen, sein Theater war jeden Abend leer und er wollte so schnell wie möglich aus dieser traurigen Lage befreit werden. In solchen Fällen, weiß man, sind Direktoren grausam. Meine Freunde und ich hatten uns gedacht, daß der Abend stürmisch werden würde und uns auf alle möglichen Anfeindungen gefaßt gemacht; es geschah nichts dergleichen. Meine Feinde wagten nicht, sich zu zeigen; ein höhnender Pfiff ließ sich am Schluß vernehmen, als man meinen Namen rief, und das war alles. Das Individuum, welches gepfiffen hatte, hatte es sich ohne Zweifel zur Aufgabe gemacht, mich im Laufe mehrerer Wochen in gleicher Weise zu beschimpfen, denn es kam, um, in Begleitung eines Mitarbeiters, an derselben Stelle wieder zu pfeifen, noch zu der dritten, fünften, siebten und zehnten Vorstellung. Andere hielten komisch erregte Reden auf den Gängen, verwünschten mich und sagten, eine solche Musik könne und dürfe man nicht erlauben. Fünf Zeitungen schrieben alberne Beleidigungen über mich, ausgesuchte, die den Künstler in mir aufs empfindlichste kränken sollten. Aber dafür erschienen in vierzehn Tagen mehr als fünfzig bewundernde Kritiken, darunter solche von Gasperini, Fiorentino, d'Ortigue, Léon Kreutzer, Damcke, Johannes Weber und von einer Menge anderer. Sie waren mit wahrer Begeisterung und außergewöhnlichem Scharfsinn geschrieben und machten mir Freude, wie ich sie seit langem nicht empfunden. Außerdem empfing ich Briefe in großer Zahl, die einen beredsam, die andern naiv, aber alle zeugten von Ergriffenheit und verfehlten nicht, mich tief zu rühren. Bei mehreren Aufführungen habe ich Leute weinen sehen. Oft, während der nächsten zwei Monate nach der Uraufführung der Trojaner, wurde ich in Paris auf der Straße von Unbekannten angehalten, die mich um Erlaubnis baten, mir die Hand drücken und ihren Dank für dieses Werk aussprechen zu dürfen. War das nicht Ersatz für den Schimpf meiner Feinde? Feinde, die ich mir weniger noch durch meine Kritiken, als durch meine musikalischen Bestrebungen gemacht habe; deren Haß dem der öffentlichen Mädchen gegen ehrbare Frauen gleicht und durch den man sich geehrt fühlen muß. Die Muse dieser Leute heißt gewöhnlich Laïs, Phryne, sehr selten Aspasia; Sie hatte zuviel Geist. die, welche von edeln Naturen und Freunden der großen Kunst angebetet wird, heißt Julie, Desdemona, Cordelia, Ophelia, Imogen, Birgitta, Miranda, Dido, Cassandra, Alceste: erlauchte Namen, die Vorstellungen von poetischer Liebe, von Keuschheit und Hingebung erwecken, während die ersteren nur an niedrige Sinnlichkeit und Prostitution erinnern.

Ich gestehe, beim Anhören der Trojaner selbst starke Eindrücke von gewissen gut ausgeführten Stücken empfangen zu haben. Die Arie des Aeneas: »Ach, wenn der Augenblick des letzten Abschieds naht« und vor allem Didos Monolog:

Dem Tod geweiht,
Versenkt in unermess'ne Schmerzenfülle

ging mir durch und durch. Frau Charten wußte die Stelle

Aeneas, Aeneas!
Dir, dir folgt meine Seele!

groß und dramatisch vorzutragen, wie ihren wortlosen Verzweiflungsschrei, wenn sie sich an die Brust schlägt und die Haare rauft, wie bei Virgil:

Terque quaterque manu pectus percussa decorum,
Flaventes abscissa comas.

Es ist seltsam, daß es keiner der kritischen Beller gewagt hat, mir diesen Vokaleffekt vorzuwerfen; indessen ist er, glaube ich, ihres Zornes würdig. Was ich auch alles an schmerzlich leidenschaftlicher Musik geschaffen – ich kenne nichts, das sich den Akzenten der Dido in dieser Szene und in der folgenden Arie vergleichen ließe oder denen der Kassandra in einigen Teilen der »Einnahme von Troja«, die man noch nirgends aufgeführt hat ... O meine edle Kassandra, meine Heldenjungfrau, so muß ich denn entsagen, soll nie dich hören! ... und bin doch, wie der junge Choröbus,

...insano Cassandrae incensus amore.

*

Man hat in den »Trojanern in Karthago« im Lyrischen Theater, teils in den Proben, teils nach der ersten Aufführung, folgende Stücke gestrichen:

1. den Aufzug der Bauleute,

2. den der Matrosen,

3. den der Landleute,

4. das instrumentale Intermezzo (Hofjagd und Gewitter),

5. Szene und Duo zwischen Anna und Narbal,

6. die zweite Tanzweise,

7. den Gesang des Jopas,

8. das Duett der Schildwachen,

9. das Lied des Hylas,

10. das große Duett zwischen Aeneas und Dido: »Irrend auf deiner Spur«.

Was die Aufzüge der Bauleute, Matrosen, Bauern betrifft, so fand Carvalho das Ganze kalt; übrigens war die Bühne zur Entfaltung eines solchen Zuges nicht groß genug. Das Jagdintermezzo war erbärmlich inszeniert. Man gab mir einen gemalten Wildbach, anstatt mehrerer wirklicher Wasserfälle; die tanzenden Satyrn wurden von einer Gruppe kleiner zwölfjähriger Mädchen dargestellt; diese Kinder trugen nicht etwa brennende Zweige in der Hand – die Feuerwehr widersetzte sich dem wegen der Brandgefahr; die Nymphen liefen nicht mit zerzausten Haaren durch den Wald mit dem Rufe: Italien!, denn die Choristinnen waren in den Kulissen aufgestellt und ihre Rufe drangen nicht bis ins Publikum; den Donnerschlag hörte man kaum, obwohl das Orchester mager und ohne Energie war. Überdies brauchte der Maschinist wenigstens vierzig Minuten, um nach dieser dürftigen Parodie die Kulissen zu wechseln. Ich verlangte also selbst die Streichung des Intermezzos. Carvalho bestand, trotz meines Sträubens und Zorns, hartnäckig und mit unglaublicher Wut darauf, die ganze Szene zwischen Anna und Narbal, die Tanzweise und das Duett der Schildwachen zu streichen, dessen Gemütlichkeit ihm unvereinbar mit dem heroischen Stil erschien. Das Strophenlied des Jopas fiel mit meiner Einwilligung fort, da der mit dieser Rolle betraute Darsteller unfähig war, es gut zu singen. Dasselbe war beim Duett zwischen Aeneas und Dido der Fall; ich hatte erkannt, daß die Stimme der Frau Charton für diese heftige Szene nicht ausreichte, welche die Künstlerin so ermüdete, daß sie dann im fünften Akt nicht mehr die Kraft hatte, das furchtbare Rezitativ »Allmächtiger Gott! er geht!«, ihre letzte Arie und die Szene auf dem Scheiterhaufen gut vorzutragen. Endlich verschwand das Lied des Hylas, das in den ersten Aufführungen sehr gefallen hatte und das der junge Cabel gut sang, während ich, durch eine Bronchitis entkräftet, ans Bett gefesselt war. Man brauchte Cabel in dem Stück, das am Tage nach den Trojanern gespielt wurde, und da sein Engagement ihn nur verpflichtete, fünfzehnmal im Monat zu singen, so mußte man ihm, für jeden überzähligen Abend, zweihundert Franken geben. Infolgedessen strich Carvalho das Lied aus Sparsamkeit, ohne mich davon zu benachrichtigen. Ich war durch das lange Leiden so stumpf geworden, daß ich, anstatt mich mit allen Kräften, die ich noch hatte, zu wehren, darein willigte, daß der Verleger des Klavierauszuges auf den Gedanken Carvalhos einging, daß dieser Auszug mit der Aufführung nach Möglichkeit übereinstimmen solle, und seinerseits mehrere dieser Stücke in seiner Ausgabe wegließ. Glücklicherweise ist die große Partitur noch nicht veröffentlicht; ich habe einen Monat darauf verwandt, sie wieder in Ordnung zu bringen, und alle ihre Wunden sorgfältig gepflegt; sie wird in ihrer ersten Unberührtheit erscheinen und schlechterdings so, wie ich sie geschrieben habe.

O! Ein Werk dieser Art zum Verkauf hergerichtet zu sehen, mit den Strichen und Notbehelfen des Herausgebers! Gibt es ähnliche Marter! Eine Partitur, im Schaufenster eines Musikalienhändlers, zerhackt, wie der Körper eines Kalbs auf einer Fleischbank, zerstückt und feilgeboten, wie man kleine Fleischhäppchen verkauft als Futter für die Katzen der Pförtnerinnen!!

Trotz der »Vervollkommnungen« und »Verbesserungen« Carvalhos, welche sie über sich hatten ergehen lassen müssen, erlebten die »Trojaner in Karthago« nur einundzwanzig Vorstellungen. Da die Einnahme daraus den Erwartungen Carvalhos nicht entsprach, willigte dieser ein, das Engagement der Frau Charton rückgängig zu machen; sie reiste nach Madrid: und das Werk verschwand zu meiner großen Erleichterung vom Theaterzettel. Da indessen die Tantiemen, die ich von diesen einundzwanzig Vorstellungen erhielt, beträchtlich waren, da sowohl Text als Musik von mir stammten, und da ich den Klavierauszug für Paris und London verkauft hatte, so ward ich mit unaussprechlicher Freude inne, daß der Ertrag der ganzen Summe ungefähr den jährlichen Einkünften aus meiner Mitarbeiterschaft am Journal des Débats gleichkommen werde und nahm alsbald meinen Abschied als Kritiker. Endlich, endlich, endlich, nach dreißig Jahren der Sklaverei, frei zu sein! Ich brauchte keine Feuilletons mehr zu schreiben, keine Plattheiten mehr herauszustreichen, die Mittelmäßigkeit nicht mehr zu loben, keine Entrüstung mehr zu unterdrücken, nicht mehr zu lügen, keine Komödie mehr zu spielen, nicht mehr aus Feigheit gefällig zu sein: ich war frei! Ich brauche den Fuß nicht mehr in die Opernhäuser zu setzen, nicht mehr davon zu sprechen, nicht mehr davon sprechen zu hören, nicht einmal mehr zu lachen über das, was man in diesen musikalischen Garküchen kocht! Gloria in excelsis Deo et in terra pax hominibus bonae voluntatis!!

Wenigstens seine Befreiung dankt der arme Kritiker den Trojanern!

Nach der Vollendung dieser Oper und vor ihrer Aufführung schrieb ich auf Veranlassung des Herrn Benazet Spieldirektor in Baden. die zweiaktige komische Oper Béatrice und Bénédict. Sie wurde unter meiner Leitung im neuen Theater zu Baden mit großem Erfolg gegeben, am 9. August 1862. Einige Monate später wurde sie, in der deutschen Übersetzung von Richard Pohl, auf Wunsch der Großherzogin mit demselben Glück in Weimar aufgeführt. Ihre Hoheiten hatten mich zur Direktion der beiden ersten Vorstellungen eingeladen und überhäuften mich, wie immer, mit Liebenswürdigkeiten aller Art.

Dasselbe geschah durch den Fürsten von Hohenzollern-Hechingen, der mir während dieses Aufenthalts in Weimar seinen Kapellmeister schickte, um mich zur Direktion eines seiner Konzerte nach Löwenberg einzuladen, wo er jetzt residiert. Er machte mich darauf aufmerksam, daß sein Orchester mein ganzes sinfonisches Repertoire kenne, und bat mich, ihm ein instrumentales Programm zusammenzustellen, ausschließlich aus meinen Kompositionen.

Ich antwortete ihm: »Ich stehe Euer Durchlaucht zu Diensten, aber da Ihr Orchester meine Sinfonien und Ouvertüren kennt, wollen Sie bitte das Programm selbst aufsetzen; ich werde dirigieren, was Ihnen beliebt.« So suchte denn der Fürst die Ouvertüre zum König Lear, Fest und Liebesszene aus Romeo und Julie, die Ouvertüre »Römischer Karneval« und die ganze Sinfonie »Harold in Italien« aus. Da der Fürst keine Harfe hatte, so lud er, zusammen mit mir, die Weimaraner Harfenistin, Frau Pohl, ein, die so gefällig war, in Begleitung ihres Mannes diese Reise zu unternehmen. Der Fürst war seit meinem Ausfluge nach Hechingen im Jahre 1842 recht verändert; die Gicht plagte ihn so sehr, daß er sein Bett nicht verlassen und nicht einmal dem Konzert beiwohnen konnte, zu dessen Veranstaltung ich gekommen war. Das bekümmerte ihn und er suchte nicht, es zu verbergen. »Sie sind nicht Dirigent des Orchesters, Sie sind das Orchester selbst,« sagte er, »und es ist ein Verhängnis, daß ich von Ihrem Aufenthalt hier nichts haben soll.«

Er hat sich in seinem Schloß zu Löwenberg einen hübschen Konzertsaal von vorzüglicher Akustik bauen lassen, wo er, zehn- oder zwölfmal jährlich, sechshundert Personen versammelt, eine Auswahl der aufrichtigsten und gebildetsten Musikfreunde. Diese Konzerte finden also umsonst statt und werden von der ganzen Umgebung der fürstlichen Residenz, selbst von Bunzlau und Dresden und einer Menge ziemlich entlegener Schlösser aus besucht. Das Orchester besteht nur aus fünfundvierzig Musikern, die aber geübt, aufmerksam und verständig sind, mehr, als ich sagen kann, und ihr Kapellmeister, Herr Seifritz, leitet und unterweist sie mit seltenster Begabung und Geduld. Diese Künstler geben außerdem überhaupt keine Stunden und sind nicht, wie die unsern, vom Dienst in Kirche oder Theater erschöpft. Sie gehören ausschließlich dem Fürsten. Der Fürst hatte mich bei sich einquartiert, am Tag der ersten Probe kam ein Diener und sagte zu mir: »Mein Herr, das Orchester ist bereit und erwartet Sie.« Ich gehe über einen Gang, betrete den mir noch unbekannten Konzertsaal, finde dort die fünfundvierzig Musiker, ruhig ihr Instrument in der Hand; kein Vorspiel, nicht das leiseste Geräusch; sie hatten schon gestimmt!! Das Dirigentenpult trug die Partitur zum »König Lear«. Ich erhebe meinen Arm, fange an; alles klappt mit Schwung und Präzision; die ärgsten rhythmischen Absonderlichkeiten des Allegros werden ohne Zaudern überwunden und ich sage mir beim Dirigieren dieser Ouvertüre, die ich seit zehn oder zwölf Jahren nicht gehört hatte: »Aber das ist ja niederschmetternd! Wie, das habe ich geschrieben?« ...

Ebenso war es mit allem übrigen, und schließlich sagte ich zu den Musikern: »Das ist ein Spaß, meine Herren, wir probieren zu unserm Vergnügen, ich habe nicht das Geringste auszusetzen.« Der Kapellmeister spielte das Bratschensolo im Harold unübertrefflich, mit schönem Ton und einer rhythmischen Sicherheit, die mich höchlich erfreuten; in den andern Stücken nahm er seine Geige wieder. Richard Pohl schlug die Becken. Ich darf wohl in vollster Aufrichtigkeit sagen, daß ich Harold niemals unwiderstehlicher habe spielen hören. Aber erst das Adagio aus Romeo und Julie ... ach, wie haben sie es gesungen! Wir waren in Verona, nicht in Löwenberg ... Am Schluß dieses Stückes, das wir nicht durch den kleinsten Fehler unterbrochen hatten, erhob sich Herr Seifritz, stand einen Augenblick unbeweglich, versuchte seine Bewegung zu meistern und rief dann auf französisch aus: »Nein, es gibt nichts Schöneres!« Dann brach das ganze Orchester in Zurufe aus, trommelte Beifall auf Geigen, Bässen, Pauken ... Ich biß mir auf die Unterlippe ... Abgesandte gingen von Zeit zu Zeit, dem armen Fürsten, der sich auf seinem Zimmer härmte, Bericht über die Vorfälle auf der Probe zu erstatten. Am Tag des Konzertes füllte ein glänzendes Publikum den Saal; es zeigte sich äußerst warm und man sah deutlich, daß all diese Stücke ihm seit langem vertraut waren. Nach dem Marsch der Pilger stieg ein Offizier des Fürsten aufs Podium und heftete mir, mitten im Halloh, das Kreuz des Hohenzollernordens an meinen Frack. Das Geheimnis dieser Gunstbezeigung hatte er wohl gehütet, ich hatte nicht das Geringste geahnt. Das machte mir denn Freude, und ich ließ mir die Orgie aus Harold vorspielen, wirklich mir allein, ohne ans Publikum zu denken, und auf meine Art; ich knirschte mit den Zähnen dazu.

Am nächsten Tage gaben mir die Musiker ein großes Diner, dem ein Ball folgte. Ich mußte auf mehrere Toaste antworten; Richard Pohl diente mir dabei als Dolmetsch und übertrug, Satz für Satz, meine Worte ins Deutsche.

Ich hätte noch vieles über diesen reizenden Ausflug nach Löwenberg zu berichten; ich beschränke mich darauf, die ausgesuchte Verbindlichkeit zu erwähnen, mit der mich die ganze Umgebung des Fürsten und besonders die Familie des Obersten Broderotti, eines seiner Offiziere, aufgenommen hat. Ich füge noch hinzu, daß die Damen Broderotti und der Oberst selbst das Französische mit einer Gewandtheit sprechen, die für mich unschätzbar ist; denn ich leide, wenn ich schlecht sprechen höre, und verstehe selbst kein Wort deutsch. Ich mußte am übernächsten Tage vom Künstlerball abreisen, und der Fürst, der sein Bett noch nicht hatte verlassen können, sagte, indem er mich umarmte: »Ade, mein lieber Berlioz, Sie gehen nach Paris; Sie werden dort Leute finden, die Sie lieben; nun denn, sagen Sie ihnen, daß auch ich sie liebe.«

*

Ich komme auf die Oper Beatrice zurück.

Ich hatte als Handlung einen Teil des Shakespearischen Lustspiels » Much ado about nothing« benutzt, dem ich nur die Episode mit dem Kapellmeister und die Gesangstücke hinzufügte. Das Duett der beiden jungen Mädchen » Vous soupirez madame!«, das Trio zwischen Hero, Beatrice und Ursula » Je vais d'un coeur aimant« und die große Arie der Beatrice » Dieu! que viens-je d'entendre?«, die von Frau Charton in Baden mit Verve, Empfindung, großem Schwung und seltenem Stilgefühl gesungen wurde, waren von wunderbarer Wirkung. Die Kritiker, die zu dieser Gelegenheit aus Paris gekommen waren, spendeten der Musik, ihrer Feinheit, vor allem dem Duett, warmes Lob. Einige fanden, im übrigen gäbe es viel Unkraut in der Partitur, und dem Dialog mangele der Geist. Dieser Dialog ist fast ganz nach Shakespeare kopiert ...

Die gute Ausführung dieser Partitur, namentlich der Männerrollen, ist schwierig. Für mein Gefühl ist es eine der lebendigsten und ursprünglichsten, die ich geschrieben. Im Gegensatz zu den Trojanern erfordert diese Oper keinerlei Aufwand zu ihrer Inszenierung.

Man wird sich in Paris deshalb nicht weniger hüten, mich darum anzugehen. Und man wird gut daran tun; denn das ist keine pariserische Musik. Herr Benazet bezahlte mir mit seiner gewöhnlichen Freigebigkeit zweitausend Franken für den Akt, für den Text und für die Musik; also im ganzen achttausend Franken. Überdies gab er mir noch tausend Franken für die Leitung der Vorstellung im nächsten Jahre. Ich hatte den Klavierauszug stechen lassen. Die Partitur wird also später erscheinen, als die drei andern: Benvenuto Cellini, Die Einnahme von Troja, und Die Trojaner in Karthago, wenn ich Geld zu ihrer Veröffentlichung habe. Als der Verleger Choudens meine Oper »Die Trojaner« kaufte, verpflichtete er sich wohl schriftlich, die Partitur ein Jahr nach dem Klavierauszug herauszugeben, aber dieses Versprechen wurde nicht besser gehalten als soviele andere, und seit der Unterzeichnung des Vertrages war davon nicht mehr usw. usw. Das Duett der jungen Mädchen aus Béatrice und Bénédict ist jetzt in Deutschland sehr verbreitet und wird häufig gesungen. Über dieses Duett fällt mir ein, daß mich der Großherzog von Weimar bei meinem letzten Besuch einigemale zum Nachtessen in sehr kleinem Kreise einlud und mich zum Vergnügen nach meiner Pariser Existenz und tausend Einzelheiten fragte. Ich habe ihn mit der Enthüllung der Wirklichkeit unserer musikalischen Welt sehr befremdet und betrübt. Aber eines Abends brachte ich ihn zum Lachen. Er fragte mich, unter welchen Umständen ich die Musik des Duetts aus Beatrice geschrieben hätte: » Vous soupirez, madame!«

– »Sie müssen das bei Mondschein in irgendeiner romantischen Gegend geschrieben haben.« ...

– Durchlaucht, das ist einer jener Natureindrücke, die die Künstler auf Vorrat haben und die sich bei Gelegenheit aus ihrer Seele ergießen, gleichgültig wo. Ich habe die Musik zu diesem Duett eines Tages im Institut skizziert, während einer meiner Kollegen eine Rede hielt.

– »Wahrhaftig!« sagte der Großherzog, »das spricht für den Redner! Er muß von seltener Beredsamkeit gewesen sein!«

Dieses Duett wurde auch einmal von der Konzertgesellschaft unseres Konservatoriums aufgeführt und riß zu einer Begeisterung hin, wie man sie selten sieht.

Der ganze Saal schrie da capo unter Beifallsstürmen, die das Haus erschütterten, und meine treuen Auspfeifer wagten nicht sich vernehmen zu lassen. Es muß auch gesagt werden, daß es von den Damen Viardot und Vandenheufel-Duprez aufs lieblichste gesungen wurde. Und das wunderbare Orchester, wie anmutig und zart es war! Es war eine jener Aufführungen, wie man sie mitunter hört ... im Traume. Die Konzertgesellschaft war so freundlich, noch im selben Jahre den zweiten Teil meiner biblischen Trilogie »Die Kindheit Christi« in eines ihrer Programme aufzunehmen; das Fragment wurde bewundernswert wiedergegeben und hatte gleichfalls vielen Erfolg, aber das Publikum – ich weiß nicht, weshalb – bat nicht um die Wiederholung der »Ruhe der heiligen Familie«, wie es sonst stets getan, und meine beiden Zischer geruhten sich zu zeigen und den ganzen Saal zu entrüsten. Die Konservatoriumsgesellschaft, die jetzt von einem meiner Freunde, Georg Hainl, dirigiert wird, ist mir nicht mehr feindlich gesinnt. Sie macht es sich zur Aufgabe, von Zeit zu Zeit Bruchstücke aus meinen Partituren aufzuführen. Ich habe ihr meine ganze musikalische Habe zur freien Verfügung gestellt, Orchester- und Chorstimmen, graviert und kopiert, alles, was zur Aufführung meiner gesamten Werke im Großen nötig ist, ausgenommen die Opern. Diese musikalische Bibliothek, die später von Wert sein wird, könnte nicht in bessern Händen sein.

Ich darf hier nicht das Straßburger Festkonzert vergessen, zu dem ich vor anderthalb Jahren eingeladen war, die »Kindheit Christi« zu dirigieren. Man hatte einen ungeheuern Saal erbaut, der sechstausend Personen faßte. Die Zahl der Mitwirkenden belief sich auf fünfhundert. Das Oratorium, welches fast durchgehend in einem zarten, sanften Stil geschrieben ist, versprach in diesem weiten Raume keine sonderliche Wirkung. Zu meiner großen Überraschung rief es tiefe Bewegung hervor, so groß war die Aufmerksamkeit der Zuhörer, und der mystische a-capella-Chor am Schluß rührte sogar viele bis zu Tränen. O, ich bin glücklich, wenn ich meine Zuhörer weinen sehe! ... Dieser Chor macht in Paris, wo er übrigens immer schlecht gesungen wird, lange nicht diese Wirkung.

Wie ich höre, sind seit einem Jahr mehrere meiner Werke in Amerika, Rußland und Deutschland aufgeführt worden; umso besser! Entschieden wird meine musikalische Laufbahn schließlich noch eine allerliebste Wendung nehmen, wenn ich nur hundertvierzig Jahr alt werden wollte.

Ich habe mich wieder verheiratet ... ich mußte ... und nach acht Jahren dieser zweiten Ehe starb plötzlich meine Frau am Herzschlag. Einige Zeit nach ihrer Beerdigung im großen Friedhof von Montmartre fand mein trefflicher Freund Edouard Alexandre, der berühmte Orgelbauer, der sich gegen mich stets unermüdlich gütig erwiesen, ihr Grab sei zu bescheiden, und wollte für mich und die meinen durchaus ein Stück Erde auf immer kaufen und mir zum Geschenk machen. Es wurde dort eine Gruft angelegt, und ich mußte bei der Ausgrabung meiner Frau und ihrer Beisetzung in der neuen Gruft zugegen sein. Eine nagende Schwermut befiel mich, ich litt sehr. Aber was wollte das heißen im Vergleich zu dem, was mir das Schicksal vorbehalten hatte? Es scheint, ich sollte alles Schauderhafte kennen lernen, das mit einer solchen Zeremonie verbunden ist.

Nicht lange nach dieser Zeit wurde ich offiziell benachrichtigt, daß der kleine Friedhof von Montmartre, wo meine erste Frau, Henriette Smithson, ruhte, abgetragen werden sollte, und daß ich infolgedessen die mir teuern Reste anderswohin bringen lassen müsse. Ich gab in beiden Friedhöfen die nötigen Anweisungen, und eines Morgens, bei trüber Witterung, machte ich mich allein auf den Weg nach der Trauerstätte. Ein Munizipalbeamter, der die Aufsicht über die Ausgrabung hatte, erwartete mich dort. Ein Totengräber hatte das Grab schon geöffnet. Als ich ankam, sprang er hinein. Der seit zehn Jahren eingegrabene Sarg war noch ganz, nur der Deckel war durch die Feuchtigkeit beschädigt. Hierauf riß der Arbeiter, anstatt jenen aus der Erde zu ziehen, die morschen Planken auseinander, die mit einem gräßlichen Geräusch nachgaben und den Inhalt der Lade sehen ließen. Der Totengräber bückte sich, nahm den Kopf, der sich schon vom Rumpf gelöst hatte, in beide Hände, den kranz- und haarlosen und ach! entfleischten Schädel der poor Ophelia, und legte ihn in einen neuen, ad hoc angefertigten Sarg am Rande des Grabes. Dann bückte er sich ein zweites Mal, hob und nahm mit großer Anstrengung den kopflosen Rumpf samt den Gliedern in seine Arme, der eine schwärzliche Masse bildete, über die das Leichentuch gebreitet blieb, und einem Pechblock in feuchtem Sacke glich ... Er gab einen dumpfen Klang ... und einen Geruch ... Der Munizipalbeamte betrachtete das traurige Bild aus einiger Entfernung ... Als er sah, daß ich mich am Stamme einer Zypresse festhielt, rief er: »Bleiben Sie nicht dort, Herr Berlioz, kommen Sie her, kommen Sie her.« Und, gleich als ob das Groteske auch seinen Teil an der schrecklichen Szene haben müsse, fügte er, sich versprechend hinzu: Ah, pauvre inhumanité! (»Ach, arme Unmenschlichkeit!«, statt inhumée – Begrabene.) Einige Augenblicke später folgten wir dem Wagen, der die traurigen Reste trug, bergab, und gelangten zum großen Friedhof Montmartre und an die neue, schon klaffende Gruft. Dort wurden Henriettens Reste bestattet. So ruhen nun hier die beiden Toten in Frieden und warten, daß auch ich mein verwesliches Teil zu dieser Beinkammer trage.

 

Ich stehe in meinem einundsechzigsten Lebensjahre; ich habe weder Hoffnungen, noch Illusionen, noch weittragende Gedanken mehr; mein Sohn ist immer fern von mir; ich bin allein; meine Verachtung der Dummheit und Unredlichkeit der Menschen, mein Haß gegen ihre abscheuliche Roheit ist auf ihrem Gipfel; und jede Stunde sage ich zum Tod: »Wann du willst!« Was wartet er doch?

Reise nach dem Dauphiné. Zweite Pilgerfahrt nach Meylan. Vierundzwanzig Stunden in Lyon. Wiedersehen mit Frau F*****. Herzensnöte

Ich habe selten so unter der Langenweile gelitten, als in den ersten Tagen des letztverflossenen Septembers 1864. Fast alle meine Freunde hatten, wie es zu dieser Jahreszeit Brauch ist, Paris verlassen. Allein zurückgeblieben war der liebenswürdige Humorist und gelehrte Musiker Stephen Heller, der eine so große Zahl bewundernswerter Werke für Klavier geschrieben. Ihr elegischer Ton und die sich hier kundgebende religiöse Verehrung für die wahren Götter der Musik ziehen mich immer mächtig an. Zum Glück kam mein Sohn bald aus Mexiko zurück und konnte mir einige Tage schenken. Auch er war nicht mehr fröhlich, und Heller, Louis und ich ließen oft gemeinsam die Köpfe hängen. Eines Tages gingen wir, das Mittagsmahl in Asnières einzunehmen. Gegen Abend spazierten wir am Ufer der Seine, sprachen von Shakespeare und Beethoven und gerieten, wie ich mich entsinne, in die höchste Exaltation; mein Sohn beteiligte sich nur, wenn von Shakespeare die Rede war, da er Beethoven noch nicht kannte. Aber im ganzen kamen wir alle drei überein, daß es gut sei, zu leben, um das Schöne zu verehren, und daß, wenn wir das Gegenteil des Schönen nicht ausrotten und vernichten könnten, wir uns begnügen müßten, es zu verachten und so wenig als möglich kennen zu lernen. Die Sonne ging unter; wir marschierten noch einige Zeit und setzten uns dann am Ufer ins Gras, gegenüber der Insel Neuilly. Indem wir uns daran vergnügten, mit dem Blicke den launischen Schwenkungen der Schwalben zu folgen, die über den Wellen der Seine ihr Spiel trieben, besann ich mich auf einmal und erkannte den Ort, an dem wir uns befanden. Ich betrachtete meinen Sohn ... ich dachte an seine Mutter ... Ich hatte mich vor sechsunddreißig Jahren, während eines meiner verzweifelten Streifzüge um Paris, an derselben Stelle in den Schnee gesetzt und war fast eingeschlafen. Nun fiel mir der kalte Ausruf Hamlets ein, als er vernimmt, die Tote, deren Leichenzug den Friedhof betritt, sei die schöne Ophelia, die er nicht mehr liebt: » What! the fair Ophelia!« »Es ist recht lange her,« sagte ich zu meinen beiden Freunden, »daß ich eines Tags im Winter gerade hier fast ertrunken wäre, als ich das Eis der Seine überschreiten wollte. Ich irrte ziellos durch die Felder bis zum Morgen ...« Louis seufzte ...

In der folgenden Woche mußte mich mein Sohn verlassen; sein Urlaub war abgelaufen. – Nun fühlte ich mich von lebhafter Sehnsucht ergriffen, Bienne, Grenoble und besonders Meylan wiederzusehen, meine Nichten und ... noch jemand, wenn ich seine Adresse ausfindig machen könnte. Ich reiste ab. Mein Schwager Suat und seine beiden Töchter, die ich am Abend vorher benachrichtigt hatte, holten mich in Vienne am Bahnhof ab und brachten mich bald darauf nach Estressin, einem Landgut, nicht weit von der Stadt, wo sie jeden Sommer drei oder vier Monate zubringen. Das war eine große Freude für die lieben Kinder, von denen die eine neunzehn, die andere einundzwanzig Jahre zählte; eine Freude, die etwas getrübt wurde im Augenblick, da ich den Salon des Hauses in Vienne betrat und das Bild ihrer Mutter, meiner Schwester Adele, erblickte, die vor vier Jahren gestorben war. Meine Ergriffenheit war tief und schmerzlich. Die beiden Mädchen und ihr Vater waren mit peinlicher Verwunderung Zeugen davon. Sie hatten dieses Zimmer, diese Möbel, dieses Porträt seit langem jeden Tag vor Augen gehabt; die Gewohnheit hatte, ach!, das Bild der Erinnerung schon geschwächt, die Zeit hatte gesprochen ... Arme Adele! Welch ein Herz! Sie hatte gegen die Schroffheiten meines Charakters eine so vollendet zarte Nachsicht geübt, selbst gegen meine kindischsten Launen! ... Bei meiner Rückkehr aus Italien befanden wir uns eines Morgens im Familienkreis zu la Côte-Saint-André; es goß in Strömen, und ich sagte zu meiner Schwester:

– »Adele, willst du mit mir spazieren gehen?«

– Gerne, Lieber; warte, ich will nur Gummischuhe anziehen.

– »Aber seht doch die beiden Narren,« sagte meine ältere Schwester, »sie sind imstande spazieren zu gehen, wie sie's nennen. Im Felde herumzupatschen bei solchem Wetter!«

Wirklich, ich nahm einen großen Regenschirm, und ohne uns um die Witze der andern zu kümmern, stiegen Adele und ich zur Ebene hinab, wo wir an die zwei Meilen machten, unter dem Regenschirm aneinandergeschmiegt, ohne ein Wort zu sprechen. Wir liebten uns.

Ich brachte vierzehn Tage mit meinen Nichten und ihrem Vater in der Einsamkeit von Estressin recht ruhig zu. Aber ich hatte meinen Schwager gebeten, in Vienne Erkundigungen über Frau F***** einzuziehen und ihre Adresse in Lyon ausfindig zu machen; es war ihm geglückt. Alsbald hielt es mich nicht länger und ich reiste nach Grenoble, von wo ich mich auf den Weg nach Meylan machte, wie schon einmal vor sechzehn Jahren.

... Eine gewisse heimliche Angst beschleunigte meinen Schritt. Da ist schon der alte Saint-Eynard, der am Horizont über andern Bergen sein halbkahles Haupt erhebt. Ich werde das kleine weiße Haus wiedersehen und die Landschaft, in der es liegt; und morgen ... morgen ... bin ich in Lyon und werde Estelle selbst sehen! Ist das wohl möglich? ...

In Meylan angekommen, verfehle ich, beim Bergansteigen, den Weg diesmal nicht: sehr rasch finde ich die Quelle wieder, den Baumgang und endlich das Haus. Alles war mir gegenwärtig, wie wenn ich tags vorher zum erstenmal gekommen wäre. Es lagen nur sechzehn Jahre dazwischen. Ich gehe an der Allee vorüber und steige, ohne mich umzudrehen, bis zum Turm empor. Eine üppige Vegetation bedeckte die benachbarten Hänge, die Weinreben prunkten mit reifen Trauben. Ich gelange mit großer Anstrengung zum Fuß des Turmes, wende mich um, wie ehemals, und überschaue wieder das schöne Tal mit einem Blick. Bis dahin hatte ich mich ziemlich gut zusammengenommen und nur mit leiser Stimme gemurmelt: Estelle! Estelle! Estelle!, aber nun warf mich eine niederdrückende Beklemmung zu Boden, wo ich lange Zeit ausgestreckt lag, in Todesangst den grausamen Worten lauschend, die jeder Herzschlag in meinem Hirne widerklingen ließ: Vorbei! Vorbei! die Zeit! ... Auf ewig! Ewig! ... Ewig!

Ich stehe auf und breche aus der Turmmauer einen Stein, der sie einst geschaut, den sie vielleicht berührte; ich schneide einen Zweig von einer benachbarten Eiche. Beim Abstieg erkenne ich in einer Feldecke, die ich im Jahre 1848 nicht durchschritten, den Felsen wieder, den ich damals so sehr gesucht und auf den ich sie hatte steigen sehen. O Überraschung! Ja, wohl ist er das, ein Granitblock; der konnte nicht verschwunden sein.

Ich erklimme ihn, meine Füße stehen an derselben Stelle, auf der die ihren standen; diesmal bin ich ganz sicher: ich nehme in der Luft den Raum ein, den ihre reizende Gestalt erfüllte! Ich nehme ein kleines Bruchstück meines granitenen Altars mit fort. Aber die rosa Wicken? ... Ohne Zweifel ist jetzt nicht ihre Zeit oder man hat sie ausgerodet; ich habe gut suchen, sie sind nicht mehr vorhanden. Ach! Der Kirschbaum! Wie groß er geworden ist! Ich trenne ein Stück seiner Rinde ab, umarme seinen Stamm, drücke ihn krampfhaft ans Herz. Gewiß, du erinnerst dich ihrer, schöner Baum! Und du verstehst mich! ...

Ohne jemand zu begegnen, bin ich wieder hinabgelangt, zum Eingang der Allee, und entschließe mich nun einzutreten, Garten und Haus zu besichtigen. Die neuen Eigentümer werden mich vielleicht nicht als Übeltäter behandeln. Übrigens was liegt daran! – Ich betrete den Garten. Eine alte Dame macht eine hastige Bewegung des Schreckens, als sie mich unvermutet an der Krümmung eines Baumganges bemerkt.

– »Entschuldigen Sie, gnädige Frau,« rede ich sie mit kaum vernehmlicher Stimme an, »möchten Sie mir gestatten ... ihren Garten zu besehen; er ... erweckt mir ... Erinnerungen ...«

– Treten Sie nur ein, mein Herr, ergehen Sie sich darin.

– »O, ich will nur einen Gang durch ihn machen!«

Nach einigen Schritten treffe ich auf eine junge Person, die auf einer Leiter steht und Birnen vom Baume pflückt. Ich grüße sie im Vorbeigehen. Ich schreite durch Gestrüpp, das meinen Rundgang fast aufhält, so schlecht wird das Gärtchen jetzt gepflegt. Ich breche einen Zweig Jasmin ab, verberge ihn an meiner Brust und gehe. Als ich an der weit offenen Haustür vorbeikomme, bleibe ich auf der Schwelle stehen, um hineinzuschauen. Das junge Mädchen war von seinem Baum herabgestiegen und offenbar durch die Mutter auf den seltsamen Besuch aufmerksam gemacht worden; sie war mir nachgegangen. Sie redete mich freundlich an:

– »Bitte, mein Herr, wollen Sie nicht eintreten?«

– Danke, mein Fräulein, ich bin so frei.

Und da stehe ich in dem kleinen Gemach, dessen Fenster auf die tief unten liegende Ebene geht, von wo aus sie mir, dem Zwölfjährigen, mit stolz-freudiger Gebärde das poetische Tal zeigte. Alles ist hier noch im selben Zustand; im anstoßenden Zimmer stehen dieselben Möbel ... Ich beiße krampfhaft in mein Taschentuch. Die junge Person betrachtet mich beinahe erschrocken.

– »Seien Sie nicht überrascht, mein Fräulein, alle die Dinge, die ich wiedersehe ... das kommt, weil ich ... nicht mehr hierhergekommen bin ... seit neunundvierzig Jahren!«

Und schluchzend entfloh ich. Was mußten die Frauen von einer so befremdlichen Szene denken, deren Sinn sie nie erfahren werden!

»Er wiederholt sich,« wird der Leser sagen. Das ist nur zu wahr. Immer Erinnerungen, die stete Klage einer Seele, die sich beständig ans Vergangene klammert, eine mitleidenswerte Sucht, die flüchtige Gegenwart zu halten, stets ein zweckloser Kampf gegen die Zeit, stets die Manie, das Unmögliche verwirklichen zu wollen, stets ein wütender Hunger nach ungeheuern Gemütsbewegungen! Warum soll ich mich nicht wiederholen? Wiederholt sich doch das Meer, und gleichen all seine Wogen einander.

*

Am selben Abend war ich in Lyon. Eine seltsame Nacht war es, die ich in Gedanken an den bevorstehenden Besuch am andern Tag schlaflos verbrachte. Ich wollte Frau F***** wiedersehen. Ich entschloß mich, um Mittag zu ihr zu gehen. Während ich auf die Stunde wartete, die so langsam heranschlich, und mir überlegte, daß sie mich, wie es sehr wohl sein könnte, zuerst nicht werde empfangen wollen, schrieb ich folgenden Brief, den sie lesen sollte, bevor sie den Namen ihres Besuches erführe:

»Gnädige Frau,

Ich komme nochmals von Meylan zurück. Diese zweite Pilgerfahrt nach dem Lande, wo die Träume meiner Kindheit wandeln, ist schmerzlicher gewesen, als die erste, vor sechzehn Jahren ausgeführte, von der ich Ihnen nach Vif, Ihrem damaligen Wohnsitz, zu schreiben wagte. Ich wage heute mehr; ich bitte Sie, mich zu empfangen. Ich werde mich zu beherrschen wissen; fürchten Sie nichts von den Regungen meines Herzens, das sich unter dem Druck einer unerbittlichen Wirklichkeit empört. Gönnen Sie mir einige Augenblicke, lassen Sie mich Sie wiedersehen, ich bitte Sie inständig darum.

Hector Berlioz.

23. September 1864.«

Ich konnte den Mittag nicht erwarten. Um halb Zwölf schellte ich an ihrer Tür und gab ihrem Dienstmädchen den Brief mit meiner Karte. Sie war zu Hause. Ich hätte nur den Brief abgeben sollen, aber ich wußte nicht, was ich tat. Als Frau F***** meinen Namen sah, gab sie darum nicht weniger schleunigen Befehl, mich hineinzuführen, und trat auf mich zu. Ich erkannte sie am Gang und an ihrer göttlichen Haltung ... Gott! Wie verändert erschien mir ihr Gesicht! Ihre Hautfarbe ist etwas gebräunt, das Haar ergraut. Dennoch, als ich sie sah, zauderte mein Herz nicht einen Augenblick, und all mein Fühlen flog seinem Idol entgegen, wie wenn sie noch im Glanze ihrer Schönheit gestrahlt hätte. Sie führte mich in ihren Salon, meinen Brief in der Hand. Mein Atem stockt, ich kann nicht sprechen. Darauf sie mit sanfter Würde:

– »Wir sind recht alte Bekannte, Herr Berlioz! ... (Pause.) Wir waren Kinder zusammen! ...« (Pause.)

Der Sterbende findet ein wenig Stimme:

– Wollen Sie meinen Brief lesen, gnädige Frau, er wird Ihnen ... meinen Besuch erklären.

Sie öffnet ihn, liest und legt ihn dann auf den Kamin:

– »Sie kommen wieder von Meylan! Aber Sie sind ohne Zweifel zufällig dort gewesen? Sie haben die Reise nicht vorsätzlich unternommen?«

– O, gnädige Frau, das können Sie glauben? Muß ich auf eine Gelegenheit zum Wiedersehen warten? ... Nein, nein, seit langem sehne ich mich hierher zurück. (Pause.)

– »Sie haben ein sehr bewegtes Leben hinter sich, Herr Berlioz.«

– Woher wissen Sie es?

– »Ich habe Ihre Biographie gelesen.«

– Welche?

– »Ein Buch von Méry, glaube ich. Ich habe es vor einigen Jahren gekauft.«

– O! Trauen Sie Méry, der mein Freund, ein Künstler und Mann von Geist ist, dieses Sammelsurium, dieses Gemisch von Fabel und Abgeschmacktheit nicht zu; ich ahne jetzt den Autor. Ich werde eine wirkliche Biographie geben, die nämlich, welche ich selbst verfaßt.

– »O, zweifellos, Sie schreiben so schön.«

– Nicht auf die Güte meines Stils habe ich angespielt, sondern aus die Genauigkeit und Aufrichtigkeit meiner Erzählung. Was meine Gefühle für Sie betrifft, so habe ich in diesem Buche alles ohne Umschweife gesagt, aber ohne Sie zu nennen. (Pause.)

– »Ich habe auch,« beginnt Frau F***** wieder, »viel über Sie durch einen Ihrer Freunde erfahren, der eine Nichte meines Mannes geheiratet hat.«

– Ich hatte ihn, als ich so frei war, vor sechzehn Jahren an Sie zu schreiben, wirklich gebeten, sich nach dem Schicksal meines Briefes zu erkundigen. Ich wollte wenigstens wissen, ob Sie ihn erhalten hätten. Aber ich habe ihn nicht wiedergesehen, jetzt ist er tot und ich habe nichts erfahren. (Pause.)

Frau F*****: – »Was mein Leben betrifft, so war es sehr einfach und traurig; ich habe meine Kinder einesteils verloren, die andern erzogen; mein Mann starb, als sie noch klein waren ... Ich habe meine Aufgabe als Familienmutter nach Kräften erfüllt. (Pause.) Ich bin gerührt über die Empfindungen, die Sie mir bewahrt haben, Herr Berlioz, und danke Ihnen dafür.«

Bei diesen wohlwollenden Worten begann mein Herz heftiger zu klopfen. Ich betrachtete sie mit gierigen Blicken, im Geiste ihre verschwundene Schönheit und Jugend wiederherstellend; schließlich sagte ich:

– Geben Sie mir Ihre Hand.

Sie gab sie mir sogleich; ich führte sie an meine Lippen, fühlte mein Herz vergehen und alle meine Fibern erzittern ...

Darf ich hoffen, fügte ich nach neuem Schweigen hinzu, daß Sie mir erlauben werden, Ihnen manchmal zu schreiben und von Zeit zu Zeit einen Besuch zu machen?

– »O, zweifellos; aber ich werde nur kurze Zeit in Lyon bleiben. Einer meiner Söhne heiratet, und ich muß bald nach seiner Hochzeit zu ihm nach Genf ziehen.«

Ich wagte nicht, meinen Besuch länger auszudehnen und erhob mich. Sie begleitete mich bis zur Tür, wo sie mir nochmals sagte:

– »Ade, Herr Berlioz, ade! Ich bin Ihnen für die Gefühle, die Sie mir bewahrt haben, tief erkenntlich.«

Ich neigte mich vor ihr, nahm noch einmal ihre Hand, legte sie einige Zeit auf meine Stirn und fand die Kraft, mich zu entfernen.

Ich irrte in der Umgebung ihres Hauses umher, bald gegen die Bäume des Quai des Brotteaux anrennend, bald stehen bleibend, um vom Pont Morand den rauschenden Lauf der Rhône zu betrachten, dann wieder meinen fieberhaften Marsch aufnehmend, ohne zu wissen, warum ich eine bestimmte Richtung bevorzuge, – als ich Herrn Strakosch begegnete, dem Schwager der berühmten Sängerin Adelina Patti.

– »Sie sind's! Welcher Zufall! Adelina wird sehr erfreut sein, Sie zu sehen; sie tritt hier auf; morgen ist der ›Barbier von Sevilla‹ im Grand Théâtre; wollen Sie eine Loge, ihn anzuhören?«

– Danke, ich werde wahrscheinlich heut abend abreisen.

– »Nun, dann kommen Sie wenigstens heute mit uns essen; Sie wissen, ein wie großes Vergnügen uns das immer macht.«

– Ich kann es Ihnen nicht versprechen, es kommt darauf an ... ich bin nicht ganz wohl ... Wo wohnen Sie?

– »Im Grand Hôtel.«

– Ich auch. Nun gut, wenn ich heute abend nicht zu ungesellig bin, esse ich mit Ihnen; aber warten Sie nicht auf mich.

Ein Gedanke war mir gekommen, ein Vorwand, zu Frau F***** zurückzukehren, um sie noch einmal zu sehen. Ich eilte zu ihrer Wohnung, wo ich vernahm, sie sei gerade ausgegangen. Dann beauftragte ich das Dienstmädchen, ihr zu sagen, ich hätte für den nächsten Tag eine Loge im Grand Théâtre; wenn Frau F***** annehmen und die Patti hören wolle, würde ich in Lyon bleiben in der Hoffnung, die Ehre ihrer Begleitung zu dieser Vorstellung zu haben; andernfalls werde ich heute abend abreisen. Ich bäte sie infolgedessen, mich ihre Antwort vor sechs Uhr wissen zu lassen.

Ich gehe nach Hause; zwanzig Minuten verstreichen. Ich versuche zu lesen in einem Band Reisebeschreibungen, den ich in Grenoble gekauft hatte. Ich verstehe nicht ein Wort meines Buches. Ich gehe auf mein Zimmer. Ich werfe mich aufs Bett. Ich öffne das Fenster. Ich gehe hinunter, aus dem Hause. Bald befinde ich mich wieder vor Numero 50 der Avenue de Noailles, wo sie wohnte. Meine Füße hatten mich mechanisch hingeführt. Es hält mich nicht länger, ich steige zu ihr hinauf. Ich läute. Man öffnet nicht. Ein trauriger Gedanke macht mir sogleich das Herz hämmern: hatte sie geargwöhnt, daß ich zurückkehren werde, und Befehl gegeben, mich nicht zu empfangen? Eine absurde Idee, die dennoch an mir nagt. Ich komme eine Stunde später zurück und schicke diesmal den kleinen Jungen der Pförtnerin, bei Frau F***** läuten. Man öffnet auch dem Kind nicht. Was tun? Mich vor ihrem Hause auf die Lauer legen? Das wäre unschicklich, lächerlich. Fatal! Weggehen? Wohin? Nach Hause? In die Rhône? ... Vielleicht will sie mir gar nicht aus dem Wege gehen, ist wirklich ausgegangen! ... Eine Stunde später erneutes Betreten ihrer Treppe. Ich höre über meinem Kopf ihre Tür gehen und Frauenstimmen deutsch reden. Ich setze meinen Weg fort und begegne einer unbekannten Dame, die herabkommt, dann einer zweiten, endlich einer dritten ... Sie war es, einen Brief in der Hand.

– »Mein Gott, Herr Berlioz, Sie kommen Ihre Antwort holen?«

– »Ja, gnädige Frau.«

– »Ich hatte Ihnen geschrieben und wollte Ihnen, in Begleitung dieser Damen, das Billet ins Grand Hôtel bringen. Ich werde leider Ihre liebenswürdige Einladung auf morgen nicht annehmen können. Man erwartet mich auf dem Lande, ziemlich weit von hier, und ich werde um Mittag reisen. Ich bitte tausendmal um Verzeihung, daß ich Sie so spät benachrichtige, aber ich bin nicht eher nach Hause gekommen und habe Ihr Anerbieten eben erst gehört.«

Als sie Miene machte, den Brief in ihre Tasche zu stecken, rief ich aus:

– »Geben Sie ihn mir.«

– »O, nicht der Mühe wert ...«

– »Ich bitte Sie, gönnen Sie ihn mir.«

– »Nun gut, da ist er.«

Sie gab mir den Brief und ich sah ihre Schrift zum ersten Male.

– »So sehe ich Sie also nicht wieder?« frage ich auf der Straße.

– »Sie reisen heute abend?«

– »Ja, gnädige Frau, leben Sie wohl.«

– »Ade, ich wünsche gute Reise.« Ich drücke ihre Hand und sehe, wie sie sich mit den beiden deutschen Damen entfernt. Mir war beinahe freudig zumute, wie sich denken läßt; ich hatte sie ein zweites Mal gesehen, sie von neuem gesprochen, ihr nochmals die Hand gedrückt; ich hatte einen Brief von ihr, der mit der Versicherung einer »freundlichen Gesinnung« gegen mich schloß. Das war ein unverhoffter Schatz; und ich machte mich auf den Weg zum Grand Hôtel in der Hoffnung, in leidlich ruhiger Stimmung bei Fräulein Patti speisen zu können. Als die Virtuosin mich eintreten sah, stieß sie einen Freudenschrei aus, klatschte in die Hände, wie die Kinder tun: »Ach, wie schön! Da ist er! Da ist er!«, und die reizende Diva läuft, nach ihrer Gewohnheit, herbei, um ihre keusche Stirn meinen Lippen darzubieten. Ich setze mich zu Tisch mit ihr, ihrem Schwager und einigen Freunden. Während des Essens überschüttet sie mich mit tausend entzückenden Schmeicheleien und bemerkt von Zeit zu Zeit: »Er hat etwas! Woran denken Sie? Ich will nicht, daß Sie bekümmert sind.« Die Abschiedsstunde schlägt, man entschließt sich, mich zur Bahn zu begleiten: das reizende Kind, eine seiner Freundinnen und sein Schwager steigen mit mir in den Wagen. Man gestattet uns allen vieren den Zugang zum Bahnsteig. Adelina will mich nicht loslassen: erst im letzten Moment, wenn der Zug sich in Bewegung setzt. Das Zeichen ist gegeben. Es muß geschieden sein. Da fällt mir die Übermütige um den Hals, umarmt mich: »Ade, ade, auf nächste Woche! Wir kommen Dienstag wieder nach Paris, Donnerstag sind Sie bei uns. Das ist abgemacht, gelt? Sie werden nicht fehlen?« Und fort geht es ...

Was hätte ich nicht darum gegeben, wenn ich solche Beweise der Zuneigung von Frau F***** empfangen, und von Fräulein Patti nur mit kühler Höflichkeit aufgenommen worden wäre! ... Bei allen Schmeicheleien der melodienreichen Hebe schien es mir, als flattere ein wunderbarer Vogel mit Diamantaugen um meinen Kopf, setze sich mir auf die Schulter, picke nach meinen Haaren und sänge mir mit Flügelschlagen seine lustigsten Lieder. Das macht: ich liebe die junge, schöne, blendende, berühmte Virtuosin, die mit zweiundzwanzig Jahren schon das musikalische Europa und Amerika zu ihren Füßen sah, nicht mit wirklicher Liebe; und die bejahrte, freudlose, unbekannte Frau besitzt mein Herz, wie sie es ehedem besaß und bis ans Ende meiner Tage besitzen wird.

Balzac und selbst Shakespeare, der große Schilderer der Leidenschaften, hatten sich nie träumen lassen, daß so etwas existieren könne. Ein einziger, ein englischer Dichter, Thomas Moore, glaubte an diese Möglichkeit und hat das seltene Gefühl in wunderbare Verse gegossen, die mir in diesem Augenblick einfallen:

» Believe me, if all endearing young charms.«

(Irish melodies.)

Sie lauten, übersetzt:

»Glaube mir, wenn all dein bezaubernder Reiz, den ich heute mit leidenschaftlichem Entzücken betrachte, morgen verginge und unter meinen Händen zerränne, wie ein Feengeschenk, – ich betete dich dennoch an, wie jetzt. Wenn deine Anmut auch verbliche, so würde jede Sehnsucht meines Herzens die teuere Ruine noch umranken, immerdar grünend.

Nicht, da du jung und schön warst, als noch keine Träne die Wangen dir genetzt, konnte die Inbrunst und Treue einer Seele erkannt werden, der die Zeit dich nur noch lieber machen wird. Nein, das wahrhaft liebende Herz vergibt nicht, es liebt wahrhaft bis ans Ende. So wie die Sonnenblume ihrem Gott denselben Blick, mit dem sie sein Erwachen grüßte, zuwendet, wenn er scheidet.«

Wieviele Male während dieser traurigen Nacht in der Eisenbahn habe ich mir nicht wiederholt: Dummkopf! Warum bist du abgereist? Du hättest bleiben sollen. Wäre ich geblieben, so würde ich sie morgen früh noch einmal wiedersehen. Was zwang mich, nach Paris zurückzukehren? Wohl wahr, – aber die Furcht, aufdringlich, langweilig, unbequem zu sein ... Was tun in Lyon während der langen Stunden, die ich zugebracht hätte, wenige Schritte entfernt von ihr, ohne sie zu sehen? Das wäre Qual gewesen ...

In Paris schrieb ich ihr, nach einigen bangen Tagen, den nachstehenden Brief. Man wird aus diesen und den folgenden Seiten, wie aus den Antworten, den elenden Zustand meines Geistes und die Ruhe des ihren erkennen. Noch leichter wird man sich vorstellen können, was ich heute erdulden muß, da ich nicht einmal mehr den Trost habe, ihr zu schreiben. Es wäre zu süß gewesen, bis ans Ende meines Lebens diese zwecklose Liebe als romantische Freundschaft zu pflegen. Nein, ich sollte zermalmt und zerrissen werden bis zuletzt.

Erster Brief

»Paris, 27. September 1864.

Gnädige Frau,

Sie haben mich mit schlichter Würde und mit Wohlwollen empfangen; sehr wenige Frauen wären im gleichen Falle dazu fähig gewesen. Seien Sie tausendmal gesegnet! Seit ich Sie verlassen, leide ich darum nicht weniger grausam. Wenn ich mir auch noch so oft vorrede, daß Sie mich nicht besser hätten aufnehmen können, daß jeder andere Empfang entweder nicht recht schicklich oder unmenschlich gewesen wäre, – mein armes Herz blutet, wie wenn es verwundet worden wäre. Ich frage mich, warum, und finde folgende Gründe: es ist die Entfernung, es ist, daß ich Sie zu wenig sah, daß ich Ihnen nicht den vierten Teil von dem sagte, was ich Ihnen zu sagen hatte, daß ich abreiste, fast, als ob es sich um eine Trennung auf ewig gehandelt hätte. Und doch haben Sie mir Ihre Hand gegeben, ich habe sie an meine Stirn, an meine Lippen gepreßt, und habe meine Tränen zurückgedrängt, wie ich es Ihnen versprochen. Aber ich habe ein gebieterisches, unabweisbares Bedürfnis nach einigen Worten noch; Sie werden es hoffentlich nicht von sich weisen. Bedenken Sie doch, daß ich Sie seit neunundvierzig Jahren liebe, daß ich Sie seit meiner Kindheit immer geliebt, trotz der Stürme, die mein Leben verheert haben. Der Beweis dafür ist das tiefe Gefühl, das ich heute empfinde; wenn es auch nur einen Tag wirklich aufgehört hätte, es wäre unter den herrschenden Umständen nicht wieder zum Leben erwacht. Wieviele Frauen gibt es, die jemals eine solche Erklärung gehört hätten? Halten Sie mich nicht für einen Grillenfänger, der ein Spiel seiner Phantasie ist. Nein, ich bin nur mit einer sehr lebhaften Empfindsamkeit begabt, der sich, glauben Sie mir, ein sehr klarblickender Geist gesellt, deren wahre Regungen aber von unvergleichlicher Gewalt sind und deren Beständigkeit jeder Prüfung standhält. Ich habe Sie geliebt, liebe Sie und werde Sie immer lieben, und ich bin einundsechzig Jahre alt und kenne die Welt und habe keine Illusionen mehr. Gewähren Sie mir also – nicht wie eine barmherzige Schwester ihre Sorgfalt einem Kranken zuwendet, sondern wie eine Frau mit edlem Herzen die Wunden heilt, die sie ohne Absicht geschlagen –, gewähren Sie mir die drei Dinge, die mir allein die Ruhe wiedergeben können: die Erlaubnis, Ihnen manchmal zu schreiben, die Versicherung, daß sie mir antworten werden, und das Versprechen, daß Sie mich wenigstens einmal im Jahr zu einem Besuche einladen wollen. Meine Besuche könnten ungelegen und daher lästig sein, wenn ich sie ohne Ihre Genehmigung machte; ich will Sie also nicht eher aufsuchen, in Genf oder anderswo, bis Sie mir geschrieben: kommen Sie. Wem könnte das seltsam oder unanständig erscheinen? Was gibt es reineres, als eine solche Verbindung? Sind wir nicht frei, alle beide? Wer wäre so arm an Seele und Gemüt, um das beschämend zu finden? Niemand, nicht einmal Ihre Söhne, die, wie ich weiß, junge Leute von feinem Takt sind. Nur, muß ich gestehen, wäre es mir schrecklich, das Glück, Sie zu sehen, nur vor Zeugen genießen zu dürfen. Wenn Sie mich auffordern, zu kommen, muß ich mit Ihnen plaudern können wie bei unserer ersten Zusammenkunft am letzten Freitag, eine Zusammenkunft, die ich nicht weiter auszudehnen wagte, und deren schmerzlichen Zauber ich nicht auskosten konnte wegen der furchtbaren Anstrengungen, die ich machte, um meine Bewegung zurückzudämmen.

Oh! Madame, Madame, ich habe nur das eine Ziel noch auf der Welt: Ihre Neigung zu gewinnen. Lassen Sie mich versuchen, es zu erreichen. Ich will gehorsam und zurückhaltend sein; unsere Korrespondenz soll so spärlich sein, als Sie es wünschen, nie soll sie Ihnen zur langweiligen Arbeit werden, einige Zeilen von Ihrer Hand genügen mir. Meine Reisen zu Ihnen werden nur sehr selten stattfinden können; aber ich weiß dann, daß meine Gedanken und die ihren nicht mehr getrennt sind, und daß ich, nach so vielen traurigen Jahren, in denen ich Ihnen nichts war, endlich die Hoffnung habe, Ihr Freund zu werden. Und ein ergebener Freund, wie ich es sein werde, ist selten. Mit inniger, sanfter Zärtlichkeit will ich Sie umgeben, mit wirklicher Zuneigung, in der die Gefühle des Mannes mit den naiven Ergüssen des Kinderherzens zusammenfließen. Vielleicht finden Sie hieran einigen Gefallen, vielleicht sagen Sie mir endlich eines Tages: ›ich bin Ihre Freundin‹ und müssen zugeben, daß ich Ihre Freundschaft wohl verdient habe.

Ade, gnädige Frau, wieder lese ich Ihr Billet vom 23. und sehe am Schluß die Versicherung einer ›freundlichen Gesinnung‹. Das ist nicht nur eine banale Redensart, nicht wahr, nicht wahr?

Stets der Ihre
Hector Berlioz.

P. S. – Ich sende Ihnen die Bücher; vielleicht halten Sie sie des Durchlesens in müßigen Augenblicken für wert. Sie verstehen: das ist ein Vorwand des Autors, damit Sie sich ein bißchen mit ihm beschäftigen.«

Erste Antwort von Frau F*****

»Lyon, den 29. September 1864.

Sehr geehrter Herr,

Ich würde mich Ihnen und mir gegenüber schuldig fühlen, wenn ich nicht gleich auf Ihren letzten Brief antwortete und auf das Traumgebilde von den Beziehungen, die Sie zwischen uns verwirklicht sehen möchten. Aufrichtigen Herzens will ich nun zu Ihnen reden.

Ich bin nichts mehr, als eine alte, und zwar sehr alte Frau (denn ich bin sechs Jahre älter, als Sie), welk im Herzen durch die Tage, die ich in Ängsten, in physischen und moralischen Schmerzen jeder Art zugebracht, und die mir keinerlei Illusionen über die Freuden und Gefühle dieser Welt gelassen. Seit ich vor zwanzig Jahren meinen besten Freund verloren, habe ich nach keinem andern gesucht; ich habe die durch alte Beziehungen gewonnenen bewahrt, wie die, mit welchen mich natürliche Bande der Familie verknüpfen. Seit dem verhängnisvollen Tag, an dem ich Witwe geworden, habe ich alle meine Beziehungen abgebrochen, den Vergnügungen und Zerstreuungen Valet gesagt, um mich ganz allein meinem Hause, meinen Kindern zu widmen. So ist mein Leben seit zwanzig Jahren; so ist es mir zur Gewohnheit geworden, deren Bann jetzt nichts mehr brechen kann; denn nur in dieser herzlichen Vertraulichkeit kann ich Ruhe finden für den Rest meiner Tage, die ich noch auf dieser Welt zubringen soll; alles, was diese Gleichförmigkeit stören könnte, wäre mir peinlich und eine Last.

In Ihrem Brief vom 27. des laufenden Monats sagen Sie mir, Sie hätten nur eine Sehnsucht: die, daß ich, mit Hilfe eines Briefwechsels, Ihre Freundin würde. Glauben Sie im Ernst, das sei möglich? Ich kenne Sie kaum, seit neunundvierzig Jahren habe ich Sie – am vergangenen Freitag – einige Augenblicke gesehen; ich kann also weder Ihre Neigungen, noch Ihren Charakter, noch Ihre Eigenschaften beurteilen, Dinge, auf die allein sich Freundschaft gründet. Wenn zwei Individuen auf dieselbe Weise anschauen und fühlen, dann kann Sympathie entstehen und hinzutreten; aber, wenn man getrennt ist, kann ein Briefwechsel nicht genügen, das hervorzurufen, was Sie von mir erwarten; ich für mein Teil halte es für unmöglich. Schließlich muß ich Ihnen gestehen, daß ich äußerst schreibfaul bin; mein Geist ist ebenso ungelenk geworden, als meine Finger, und ich habe nach dieser Richtung hin die größte Mühe, meine unerläßlichsten Pflichten zu erfüllen. Ich könnte also nicht versprechen, in fortlaufende Korrespondenz mit Ihnen zu treten; ich bräche mein Wort zu oft und muß Sie im voraus darauf aufmerksam machen. Wenn es Ihnen angenehm ist, mir manchmal zu schreiben, werde ich Ihre Briefe annehmen, aber erwarten Sie keine genauen oder pünktlichen Antworten von mir.

Sie wünschen auch, ich möchte Ihnen sagen »besuchen Sie mich«; das ist ebensowenig möglich, als Ihnen zu sagen: »Sie finden mich allein.« Der Zufall hat es am Freitag gewollt, daß ich bei Ihrem Empfang allein war; wenn ich mit meinem Sohn und seiner Frau in Genf bin, und allein bin, wenn Sie dort Ihre Aufwartung machen, will ich Sie empfangen, aber wenn jene im Augenblick Ihres Besuches bei mir sind, müssen Sie ihre Gegenwart ertragen, denn ich fände es sehr unschicklich, wenn es anders wäre.

Ich habe Ihnen mit allem Freimut und aller Aufrichtigkeit, die meinen Charakter kennzeichnen, ein Bild meines Denkens und Fühlens entworfen. Ich glaube Ihnen noch sagen zu müssen, daß es Illusionen und Träume gibt, denen man lernen muß zu entsagen, wenn die weißen Haare gekommen sind und mit ihnen die Heilung von allen neuen Gefühlen, selbst von denen der Freundschaft, die keinen Reiz haben können, wenn sie nicht alten Beziehungen entspringen, die in den glücklichen Tagen der Jugend angeknüpft wurden. Meiner Ansicht nach ist die Zeit, da sich das Gewicht der Jahre fühlbar macht, da ihre Zahl uns mit Erfahrung aus allen möglichen Enttäuschungen bereichert hat, nicht die rechte, Beziehungen anzuknüpfen. Ich gestehe, daß ich soweit bin. Meine Zukunft wird alle Tage kürzer; wozu sollen Beziehungen taugen, die das Heute entstehen sieht und das Morgen vernichten kann? Das heißt nur Reue säen. Möchten Sie, geehrter Herr, in dem, was ich Ihnen soeben gesagt, nirgend die Absicht von meiner Seite erblicken, Ihre Erinnerungen an mich zu trüben; ich achte sie, und ihre Beständigkeit rührt mich. Sie sind noch sehr jung im Herzen; ich bin es nicht, ich bin alt in jedem Sinne und zu weiter nichts nütze, als Ihnen ein gut Teil meiner Erinnerung einzuräumen, glauben Sie mir das. Ich werde stets mit Vergnügen von den Triumphen hören, zu denen Sie berufen sind.

Leben Sie wohl! Ich sage nochmals: seien Sie meiner freundlichen Gesinnung versichert.

Est. F*****.

Gestern früh habe ich die Bücher empfangen, die Sie so gütig waren mir zu schicken; tausend Dank dafür.«

Zweiter Brief

»Paris, 2. Oktober 1864.

Gnädige Frau!

Ihr Brief ist ein Meisterwerk trüber Resignation. Ich habe mit seiner Beantwortung bis heute gewartet, in der Hoffnung, es werde mir glücken, der stürmischen Erregung Herr zu werden, in die er mich versetzt hat. Ja, Sie sprechen wahr: Sie dürfen nicht neue Freundschaften anknüpfen, Sie müssen alles vermeiden, was Ihr Dasein stören könnte usw. Aber ich hätte es nicht gestört, seien Sie dessen versichert, und die Freundschaft, um die ich für eine mehr oder weniger ferne Zeit demütig bitte, wäre Ihnen nie zur »Last« geworden. (Gestehen Sie selbst: dieses Wort Ihres Briefes mußte mir grausam vorkommen!) Ich begnüge mich mit dem, was Sie mir zugestehen wollen: einer freundlichen Gesinnung, einem Platz in Ihren Erinnerungen, mit ein wenig Teilnahme an den Ereignissen meiner Laufbahn. Ich danke Ihnen, gnädige Frau. Ich liege zu Ihren Füßen, küsse voll Verehrung Ihre Hände. Sie sagen mir, daß ich manchmal, unregelmäßig, selten, eine Antwort auf meine Briefe erhalten könne; Dank auch für dieses Versprechen. Das, worum ich inständig, unter Tränen, bitte, ist die Möglichkeit, Nachrichten von Ihnen zu bekommen. Sie sprechen so mutig vom Alter und den Jahren, daß ich wage, es Ihnen gleichzutun. Ich hoffe zuerst zu sterben; daß ich Ihnen mit Gewißheit ein letztes Lebewohl senden könnte! Wenn aber das Gegenteil eintritt, müßte ich erfahren können, daß Sie diese öde Welt verlassen haben ... Ihr Sohn soll mich benachrichtigen ... Vergebung ...: meine Briefe dürfen nicht ins Blaue gerichtet werden. Bewilligen Sie mir, was Sie jedem Gleichgültigen bewilligen würden: die Angabe Ihrer Genfer Adresse.

Ich komme diesen Monat nicht nach Lyon; dieser Besuch würde Ihnen unbedingt aufdringlich erscheinen. Ebensowenig werde ich vor Ablauf wenigstens eines Jahres nach Genf gehen; die Furcht, Ihnen beschwerlich zu fallen, hält mich zurück. Aber Ihre Adresse, Ihre Adresse! Sobald Sie Ihnen bekannt ist, schicken Sie sie mir, ich bitte darum. Wenn Ihr Schweigen mir eine unerbittliche Weigerung kündete und die ausgesprochene Absicht, mir die schüchternste Annäherung an Sie zu untersagen, wenn Sie mich so hart beiseite würfen, wie man es mit gefährlichen oder unwürdigen Subjekten tut, so würden Sie ein Unglück auf seinen Gipfel treiben, das Sie so leicht hätten lindern können. Dann – mögen Gott und Ihr Gewissen Ihnen verzeihen! – werde ich in der kalten Nacht bleiben, darein Sie mich versenkt haben, in Leiden und Verzweiflung, aber Ihnen ergeben bis in den Tod.

Hector Berlioz.«

(Welche Unordnung und Widersprüche in diesem Briefe!)

Zweite Antwort von Frau F*****

»Lyon, 14. Oktober 1864.

Sehr geehrter Herr,

Da ich nicht weiß, wann es mir möglich ist, Ihnen zu schreiben, will ich in Eile einige Zeilen hinwerfen, damit Sie nicht denken, ich hätte die Absicht, Sie als »gefährliches oder unwürdiges Subjekt« zu behandeln. Mein Sohn kommt morgen Abend zu mir, um sich am 19. des laufenden Monats zu verehelichen. Ich werde mehrere Tage lang mein Haus voll Menschen und, als Mutter und Frau des Hauses, tausend Dinge zu tun haben; es wird mir also unmöglich sein, Freiheit und Muße selbst nur auf Augenblicke zu finden. Gleich nach der Hochzeit meines Sohnes muß ich an die Vorbereitungen meiner Abreise nach Genf denken, was keine Kleinigkeit für mich ist, denn meine Gesundheit erlaubt mir nicht immer zu tun, was ich möchte. Ich werde etwa Anfang November abreisen; wenn ich mich in meinem neuen Wohnsitz eingerichtet habe, will ich Ihnen meine Adresse geben, was ich heute nicht kann, denn ich weiß sie nicht. Ich hätte auf die Ankunft meines Sohnes gewartet, sie zu erfahren, wenn ich nicht gefürchtet hätte, Sie möchten sich mein langes Schweigen falsch deuten.

Nehmen Sie, geehrter Herr, die Versicherung, daß ich gerne an Sie zurückdenke.

Est. F*****.«

Dritter Brief

»Paris, 15. Oktober 1864.

Gnädige Frau!

O Dank, Dank! Ich kann warten. Alles Gute für das Wohlergehen des jungen Ehepaars! Tausend Glückwünsche für Sie. Möge die holdeste Freude Ihre Seele bei dieser feierlichen Handlung erfüllen, verehrte Frau. Ach, Sie sind gut!

Meine Anbetung wird verschwiegen sein, zweifeln Sie nicht.

Ihr ergebener
Hector Berlioz.«

Nach zwölf fast unerträglichen Tagen bekam ich einen Brief, der mir die Verehelichung des Herrn Charles F***** anzeigte. Die Adresse war von der Hand seiner Mutter geschrieben, und das erfüllte mich mit einer Freude, die von wenigen verstanden werden wird. Ich war im siebenten Himmel. Ich schrieb sogleich.

Vierter Brief

»Paris, 28. Oktober 1864.

Schön ist das Leben, wenn gewisse Empfindungen es erhellen! ... Ich erhielt die Anzeige; die Adresse war von Ihrer, von Ihrer Hand, teure Frau, ich erkannte sie wieder! ... So dachten Sie also an den Verbannten ... Welcher Engel wird Ihnen diese Wohltat an mir vergelten?

Ja, schön ist das Leben, aber schöner wäre der Tod; zu Ihren Füßen zu liegen, den Kopf auf Ihren Knien, Ihre beiden Hände in den meinen, und so zu sterben! ...

Hector Berlioz.«

Aber ein Tag folgte dem andern und ich hörte nichts neues. Ich hatte in Lyon Erkundigungen einziehen lassen und erfahren; daß Frau F***** seit drei Wochen nach Genf gereist sei. Hatte sie die Absicht, mir ihre Adresse zu verheimlichen, die sie mir in aller Form versprochen hatte und die ich gegen ihren Willen nicht wissen wollte? ... Sollte ich den Schmerz erleben, sie wortbrüchig zu finden? ...

In diesen Tagen der Angst begann ich, wie oben mitgeteilt, zu glauben, daß ich selbst des Trostes, ihr zu schreiben, entbehren werde, und verzagte gänzlich. Aber eines Morgens, als ich in der Ecke am Feuer saß und trübe nachsann, wurde mir eine Karte gebracht, auf der ich die Worte las: Herr und Frau Charles F*****. Es waren ihr Sohn und ihre Schwiegertochter auf einer Reise nach Paris, denen sie aufgetragen, mich zu besuchen. Welche Überraschung! Welches Glück! Sie hatte sie geschickt! Ich war bis zur Fassungslosigkeit erschüttert, als ich in dem jungen Manne das leibhaftige Bild der achtzehnjährigen Estelle wiederfand ... Die junge Frau schien über meine Erregung verblüfft zu sein; ihr Mann weniger. Offenbar wußten sie alles und Frau F***** hatte ihnen meine Briefe gezeigt.

– »Sie war also sehr schön?« rief mit einem Male die junge Frau.

– »Oh! ...«

Darauf nahm Herr F***** das Wort:

– »Ja. Eines Tages, als ich fünf Jahre alt war, sah ich meine Mutter, die sich zum Ball geschmückt hatte. Ich war wie geblendet, und die Erinnerung daran dauert noch fort.«

Indessen gelang es mir, mich zu beherrschen und mit meinem liebenswürdigen Besuch einigermaßen vernünftig zu reden. Frau Charles F***** holländische Kreolin von der Insel Java: sie hat auf Sumatra und Borneo gelebt und kann malaisch; sie hat Brook, den Rajah von Sarawak, gesehen. Wie hätte ich sie ausgefragt, wenn ich in meinem gewöhnlichen Geisteszustand gewesen wäre!

Ich hatte das Vergnügen, die beiden jungen Leute während ihres Aufenthalts in Paris oft zu sehen und ihnen einige angenehme Zerstreuungen zu verschaffen. Wir sprachen immer von ihr, und als wir ein wenig vertrauter geworden waren, begann die junge Frau mich zu schelten, daß ich solcherweise an ihre Schwiegermutter geschrieben:

– »Sie erschrecken sie; so muß man nicht zu ihr sprechen. Erinnern Sie sich doch, daß Sie ihr kaum bekannt sind und daß Sie alle beide alte Leute sind ... Ich verstehe ganz gut, daß sie, Ihre Briefe vorzeigend, manchmal traurig zu mir sagte: ›Was soll ich nur auf so etwas antworten?‹ Sie müssen sich mehr Ruhe angewöhnen, dann werden Ihre Besuche in Genf reizend sein und wir werden Sie mit dem größten Vergnügen in unserer Stadt empfangen; denn Sie müssen kommen, wir zählen auf Sie.«

– »O sicherlich! Können Sie daran zweifeln? Frau F***** hat es mir ja erlaubt.«

Ich übte mich also in Zurückhaltung und wollte den Neuvermählten, als sie abreisten, nicht einmal einen Brief an ihre Mutter mitgeben. Ich schickte ihr nur ein Exemplar meiner Trojanerdichtung, da gerade die Rede davon war, den zweiten Akt in einem der Konservatoriumskonzerte aufzuführen, und bat sie, es zu lesen von der Seite an, die durch gepreßtes Laub bezeichnet wäre, und zwar am 18. Dezember um halb drei, zur Zeit, da das Bruchstück in Paris aufgeführt würde. Frau Charles F*****, die nach Paris zurückkehren mußte, um eine Angelegenheit ihres Mannes zu verfolgen, der Genf nicht verlassen konnte, freute sich im voraus königlich auf dieses Konzert, dessen Ankündigung in der musikalischen Welt ein gewisses Aufsehen erregte. Vierzehn Tage verstrichen noch, ohne daß sie zurückkam, ohne daß ich einen Brief erhielt, und ich versteifte mich darauf, nicht zu schreiben. Schon hielt ich es nicht mehr aus – da kam endlich, am 17., Frau Charles F***** zurück und brachte mir folgenden Brief:

»Genf, 16. Dezember 1864.

Sehr geehrter Herr!

Ich hätte mich eher für die liebenswürdige Aufnahme bedankt, die Sie meinem Sohn und seiner Frau bereitet, wenn ich nicht für gewöhnlich leidend und aus diesem Grunde sehr schreibfaul wäre. Indessen wollte ich meine Schwiegertochter nicht reisen lassen, ohne ihr den Ausdruck meiner Dankbarkeit mitzugeben für all die Vergnügungen, die Sie ihnen verschafft, und die ihnen die Abende so angenehm gestaltet haben. Suzanne wird es sich angelegen sein lassen, Sie über unser Leben in Genf zu orientieren, wo ich für mein Teil mich ebenso wohl befinden würde, als in Lyon, wenn ich nicht im Grunde meines Herzens bedauerte, von zweien meiner Söhne entfernt zu sein und von wahrhaften Freunden, die mich liebten, und die ich zärtlich wieder liebte. Ich danke Ihnen auch noch für das mir übersandte Libretto der Trojaner und für die damit verbundene zarte Aufmerksamkeit, mir Blätter von Meylaner Bäumen zu schicken, die mir die schönen Tage meiner Jugend und ihre Freuden zurückrufen.

Am Sonntag werden wir, mein Sohn und ich, Ihr Werk lesen und dabei innerlich an Ihrem Erfolge teilnehmen und am Vergnügen Suzannes, wenn sie Ihre Musik hört.

Nehmen Sie, geehrter Herr, die Versicherungen meiner freundlichen Gesinnung entgegen, die ich Ihnen sende.

Est. F*****.«

Diesmal antwortete ich:

»Paris, Montag 19. Dezember 1864.

Als ich im verflossenen September durch Grenoble kam, besuchte ich einen meiner Vettern, der in St. Georges wohnt, einem entlegenen Dörfchen in den rauhen Bergen am linken Ufer des Drac, das von der elendesten Bevölkerung bewohnt wird. Die Schwägerin meines Vetters hat sich der Linderung so vieler Leiden gewidmet, sie ist die gnädige Vorsehung des Landes. Am Tage, da ich in St. Georges eintraf, erfuhr sie, daß die Bewohner einer ziemlich abliegenden Strohhütte seit drei Wochen ohne Brot wären. Sie begab sich sogleich hin und sagte zur Familienmutter:

– ›Wie, Jeanne, Sie sind in Not und haben mir nichts sagen lassen! Und Sie wissen doch, daß wir den guten Willen haben, Ihnen so viel wie möglich zu helfen.‹

– ›O, gnädiges Fräulein, wir leiden keine Not. Wir haben noch Kartoffeln und etwas Kohl. Die Kinder wollen nur nicht. Sie weinen, schreien, verlangen Brot. Sie wissen: Kinder, das ist nichts Vernünftiges.‹

Nun also, liebe gnädige Frau! auch Sie haben, als Sie mir schrieben, eine gute Tat getan. Ich hatte mir vollkommene Zurückhaltung auferlegt, um Sie nicht mit meinen Briefen zu ermüden, und wartete immer auf die Rückkunft Ihrer Schwiegertochter, um Neuigkeiten über Sie zu erfahren. Sie kam nicht, und ich war am Ersticken, wie ein Mensch, der den Kopf unterm Wasser hat und ihn nicht herausziehen will ... Sie wissen: ›Leute, wie ich, das ist nichts Vernünftiges.‹

Und dennoch kenne ich die Wahrheit nur zu gut, glauben Sie mir, ich urteile nur zu richtig und habe Lektionen nicht nötig, wie sie mir neulich – durch tiefe Dolchstiche ins Herz – erteilt worden sind ... Nein, vor allem will ich Sie nicht stören, Ihnen nicht die mindeste Langeweile verursachen; ich will Ihnen so selten als möglich schreiben; Sie können mir antworten oder auch nicht. Ich will einmal des Jahres nach Ihnen sehen, nur so, wie man einen angenehmen Besuch macht. Sie werden über meine Gefühle nicht im unklaren sein und es mir zu Dank wissen, was ich alles vor Ihnen verbergen kann.

Es scheint mir, Sie sind traurig, und das verursacht mit doppelte ...

Aber ich fange seit heute an, mir eine gewisse Sprache zu verbieten. Ich will Ihnen von gleichgültigen Dingen erzählen.

Sie wissen vielleicht schon, daß die Aufführung meines Trojaneraktes am Konservatorium gestern nicht stattgefunden hat. Der Vorstand quälte mich auf verschiedene Weise und verlangte die Streichung bald des einen, bald des andern Stückes: er trieb mich zum äußersten, wie auch die Sänger, denen man die Gelegenheit, sich zu zeigen, genommen hatte, – und so habe ich denn alles zurückgezogen.

Ich danke Ihnen für die Güte, daß Sie sich um halb drei in Gedanken nach dem Konzertsaal begeben und den Trojanern die Daumen gehalten haben.

Zur selben Zeit, da man mich in Paris so schikanierte, wurde in Wien mein Geburtstag (der 11. Dezember) gefeiert; man führte einen Teil meines Werkes ›Fausts Verdammung‹ auf; und zwei Stunden später schickte mir der Kapellmeister ein Telegramm folgenden Wortlauts: ›Alles Gute zum Fest. Chor der Soldaten und Studenten, aufgeführt im Konzert des Männergesangvereins. Ungeheurer Beifall. Wurde wiederholt.‹

Die Herzlichkeit der deutschen Künstler hat mich viel mehr gerührt, als mein Erfolg. Und ich bin sicher: Sie verstehen das. Kardinaltugend ist die Güte!

Am übernächsten Tage schrieb mir ein Unbekannter aus Paris einen wunderschönen Brief, die Partitur der Trojaner betreffend, über die er sich ausspricht in einer Weise, die ich Ihnen nicht zu wiederholen wage.

Mein Sohn, der soeben in Saint Nazaire angekommen, ist nach einer beschwerlichen Reise von Mexiko zurückgekehrt, auf der er Gelegenheit hatte sich auszuzeichnen. Er ist jetzt zweiter Kapitän des großen Schiffes la Louisiane. Er teilt mir mit, daß er nächstens abreisen wird und daß es ihm unmöglich ist, nach Paris zu kommen. Ich werde daher, ihn zu begrüßen, nach Saint Nazaire gehen. Er ist ein braver Junge, der das Unglück hat, mir in allem zu gleichen, und nicht gesonnen ist, es mit den Plattheiten und Greueln dieser Welt zu halten. Wir lieben uns, wie Zwillinge sich lieben.

Das wären für den Augenblick alle Neuigkeiten über mein äußeres Leben. Meine alte Schwiegermutter (der ich versprochen habe, sie nie zu verlassen) ist aufs sorgfältigste um mich bemüht und fragt mich nie nach dem Grunde meiner schwermütigen Anwandlungen. Ich lese, oder vielmehr lese wieder Shakespeare, Virgil, Homer, Paul und Virginie, Reisebeschreibungen; ich langweile mich, leide schrecklich an Neuralgie, der ich seit neun Jahren verfallen bin und gegen welche die Weisheit der Ärzte nichts ausrichtet. Am Abend nehme ich, wenn die seelischen, körperlichen und geistigen Schmerzen zu stark werden, drei Tropfen Laudanum und schlafe ein, so gut es gehen will. Wenn ich weniger krank bin und mir nur die Gesellschaft einiger Freunde fehlt, gehe ich zu einer benachbarten Familie, der des Herrn Damcke. Er ist ein deutscher Komponist von seltener Tüchtigkeit und ein erfahrener Lehrer, seine Frau ein Engel an Güte; es sind zwei goldene Herzen. Je nach der Stimmung, in der man mich sieht, wird musiziert oder geplaudert; oder man rollt wohl auch ein großes Sofa zum Feuer, auf dem ich den ganzen Abend ausgestreckt liege ohne zu sprechen, und meine bittern Gedanken nähre ... Das ist alles. Ich schreibe nichts mehr – wie ich Ihnen wohl schon sagte –, ich komponiere nicht mehr. Die musikalische Welt von Paris und vieler anderer Orte, die Art und Weise der Kunstpflege, der Protektion von Künstlern, der Ehrung von Meisterwerken, verursacht mir Ekel oder Wutanfälle. Dies kann zum Beweis dienen, daß ich noch nicht tot bin ...

Ich hoffe, übermorgen die Ehre zu haben, die – trotz der ›Dolchstiche‹ – so reizende Frau Charles F***** und eine ihr befreundete russische Dame ins Italienische Theater zu begleiten. Es handelt sich darum, die zweite Vorstellung von Donizettis ›Poliuto‹ – wenn es geht, bis zum Schluß – zu hören. Frau Charton (Paolina) gibt mir eine Loge.

Ade, verehrte Frau, möchten Ihre Gedanken immer freundlich, Ihre Seele ruhig sein, und möchten Sie das Glück genießen, das für Sie in der Gewißheit liegt, von ihren Söhnen und Freunden geliebt zu werden. Aber denken Sie auch manchmal an die armen unvernünftigen Kinder.

Ihr ergebener
Hector Berlioz.

P.S. – Sie waren so großmütig, mir die Neuvermählten auf Besuch zu schicken. Ich war verblüfft von der Ähnlichkeit des Herrn Charles mit Fräulein Estelle und habe mich soweit vergessen, es ihm zu sagen, obwohl es nicht recht schicklich ist, einem Manne mit dergleichen Schmeicheleien aufzuwarten.«

Einige Zeit nach Empfang dieses Briefes schrieb sie mir einen, der folgende Worte enthielt: »Glauben Sie nur, ich bin nicht ohne Mitgefühl für die ›unvernünftigen Kinder‹. Ich habe immer gefunden, daß es, damit sie wieder artig und vernünftig werden, am besten ist, sie zu zerstreuen, ihnen Bilder zu geben. Ich bin so frei, Ihnen eines zu schicken, das Sie an die Wirklichkeit der Gegenwart erinnern und die Täuschungen der Vergangenheit zerstören wird.«

Sie schickte mir ihr Bildnis! ... Treffliche, anbetungswürdige Frau!

Hier will ich schließen. Ich glaube jetzt ruhiger leben zu können. Ich werde ihr manchmal schreiben und sie wird antworten; ich werde sie besuchen; ich weiß, wo sie ist; man wird mich nie in Unkenntnis lassen über Veränderungen, die in ihrem Leben vorkommen könnten; ihr Sohn hat mir sein Wort darauf gegeben und versprochen, mich davon zu benachrichtigen. Allmählich wird sie, trotz ihrer Furcht vor neuen Anknüpfungen, vielleicht ihre freundlichen Gesinnungen gegen mich langsam wachsen fühlen. Schon spüre ich eine Besserung meines Lebens. Die Vergangenheit ist nicht ganz vergangen. Mein Himmel ist nicht leer. Gerührten Blickes betrachte ich meinen Stern, der mir von weitem sanft zu lächeln scheint. Zwar liebt sie mich nicht – warum sollte sie mich lieben? –, aber wie, wenn sie mich gar nicht kennen gelernt hätte? – und sie weiß, daß ich sie anbete.

Ich muß mich damit trösten, daß ich ihr zu spät begegnet bin, wie ich mich tröste, daß ich Virgil nicht kannte, den ich so sehr geliebt hätte, oder Gluck oder Beethoven nicht ... oder Shakespeare, ... der mich vielleicht geliebt hätte. (Freilich bin ich untröstlich darüber.)

*

Welche Macht kann den Menschen zu erhabeneren Höhen führen, die Liebe oder die Musik? ... Das ist ein großes Rätsel. Indessen, scheint mir, könnte man so sagen: die Liebe kann keinen Begriff von der Musik geben, aber die Musik kann einen Begriff von Liebe geben ... Warum eins vom andern trennen? Sie sind die beiden Flügel der Seele.

*

Wenn ich sehe, wie gewisse Leute die Liebe verstehen, und was sie in den Schöpfungen der Kunst suchen, so muß ich unwillkürlich an die Schweine denken, die mit ihrem ekeln Rüssel die Erde aufwühlen – sei es auch mitten im schönsten Blumenbeet oder am Fuße hoher Eichen –, in der Hoffnung, die Trüffeln zu finden, nach denen sie gieren.

Aber versuchen wir, nicht weiter an die Kunst zu denken ... Stella! Stella! – jetzt kann ich sterben, ohne Bitterkeit und ohne Groll.

1. Januar 1865.

Ende.

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