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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 76
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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73.

Tod meiner Schwester. Tod meiner Frau. Ihre Beisetzung. Das Odeon. Meine Stellung in der musikalischen Welt. Es ist mir nahezu unmöglich, dem Haß zu trotzen, den ich am Theater entfesselt. Die Kabale am Covent-Garden. Der Ring am Pariser Konservatorium. Die geträumte, vergessene Sinfonie. Freundliche Aufnahme in Deutschland. Der König von Hannover. Der Herzog von Weimar. Der Intendant des Königs von Sachsen. Mein Abschied.

 

Ich beeile mich, mit diesen Memoiren zu Ende zu kommen, ihre Aufzeichnung langweilt und ermüdet mich fast ebenso, wie die eines Feuilletons. Wenn übrigens die paar Seiten, die ich noch

schreiben will, geschrieben sind, so habe ich, wie ich denke, darin genug gesagt, um einen einigermaßen vollständigen Begriff der Hauptereignisse meines Lebens und vom Zirkel der Empfindungen, Mühen und Bekümmernisse zu geben, in dem ich mich, gemäß meiner Bestimmung, bewegen muß ... bis ich mich einst nicht mehr bewege.

Der Weg, den ich noch zu gehen habe, so lang man ihn auch schätze, wird sicherlich sehr der schon durchlaufenen Strecke gleichen; ich werde überall dieselben tiefen Geleise finden, dieselben holprigen Steine, das gleiche zerpflügte Gelände, hier und da von klaren Wässerchen durchschnitten, von einem friedlichen Hain beschattet, überhöht von manch ragendem Fels, den ich mit vieler Mühe erklettern muß, um beim Abendsonnenschein den kalten Regen zu trocknen, dem ich seit dem Morgen im Tiefland ausgesetzt gewesen.

Zwar wechseln unterdessen Dinge und Menschen, aber so langsam, daß in dem kurzen Zeitraum, den ein Menschenleben umspannt, die Veränderung nicht wahrnehmbar ist. Man müßte zweihundert Jahre leben, um diese Wohltat zu empfinden.

Ich habe meine älteste Schwester, Nanci, verloren. Sie ist am Brustkrebs gestorben nach sechs Monaten entsetzlicher Leiden, die ihr Tag und Nacht herzzerreißende Schreie erpreßten. Die andere Schwester, meine liebe Adele, die sich zu ihrer Pflege nach Grenoble begeben hatte und sie bis zu ihrer letzten Stunde nicht verließ, wäre fast den Anstrengungen und schauderhaften Eindrücken dieses langsamen Todeskampfes erlegen.

Und nicht ein Arzt war so menschlich, daß er diesem Martyrium ein Ziel zu setzen gewagt und meiner Schwester ein Fläschchen Chloroform zum Einatmen gegeben hätte. Man tut das, um dem Patienten die Schmerzen einer chirurgischen Operation von einer Viertelminute zu ersparen, und enthält sich dieses Mittels, um ihn von sechsmonatlichen Qualen zu befreien. Wenn es sicher erwiesen ist, daß keine Arzenei, nichts, selbst nicht die Zeit, ein grausames Übel heilen kann, dann ist doch offenbar der Tod das höchste Gut, die Erlösung, die Freude, das Glück! ...

Aber es gibt Gesetze, die das verbieten, und religiöse Ideen, die sich dem nicht weniger ausdrücklich widersetzen.

Und zweifellos hätte meine Schwester in diese Befreiung nicht gewilligt, wenn sie ihr vorgeschlagen worden wäre. »Gottes Wille geschehe.« Als ob nicht alles durch den Willen Gottes geschähe ... und als ob die Erlösung der Leidenden durch einen sanften, raschen Tod nicht ebensogut das Resultat des göttlichen Willens hätte sein können, als ihre abscheuliche, zwecklose Quälerei ...

Welcher Unsinn, diese Fragen über Schicksal, Gott, den freien Willen usw.!! Es ist die unendliche Abgeschmacktheit; das menschliche Verständnis dreht sich darin im Kreise und muß zuschanden werden.

Jedenfalls ist für uns lebendige, fühlende Wesen das unerbittliche Leiden, der Schmerz, wenn er, ohne die Möglichkeit eines Ausgleichs, zu dieser Höhe gediehen ist, das schrecklichste Ding der Welt, und man muß barbarisch oder blödsinnig oder beides sein, wenn man nicht das sichere linde Mittel anwendet, über das man heute verfügt, um diesem Leiden ein Ende zu machen. Die Wilden sind verständiger und menschlicher.

Auch meine Frau ist gestorben, aber wenigstens ohne große Schmerzen. Die arme, seit vier Jahren gelähmte, der Bewegungsfreiheit und der Sprache beraubte Henriette erlosch am 3. März 1854 zu Montmartre vor meinen Augen. Mein Sohn hatte glücklicherweise Urlaub nehmen und von Cherbourg herüberkommen können, um einige Stunden bei ihr zu verbringen. Er war erst seit vier Tagen wieder zurück, als sie den Geist aufgab. Dieses Wiedersehen half ihr die letzten Augenblicke versüßen, und ein glücklicher Zufall wollte, daß ich zu dieser Zeit nicht von Frankreich abwesend war.

Ich hatte sie seit zwei Stunden verlassen ... eine der Wartefrauen läuft, mich zu holen und führt mich zurück ... alles war zu Ende ... ihr letzter Seufzer ausgehaucht. Sie war schon mit dem unseligen Tuch bedeckt; ich mußte es zurückschlagen, um ihre bleiche Stirn ein letztes Mal zu küssen. Ihr Bild, das ich ihr im Vorjahr gegeben, ein Bildnis, das zur Zeit ihres Glanzes gemacht worden war, zeigte mir die von Schönheit und Geist Leuchtende zur Seite des Trauerbettes, wo sie lag, entstellt von Krankheit.

Ich will nicht versuchen, einen Begriff der Schmerzen zu geben, die dieses Herzeleid mir auferlegte. Überdies war ihnen ein Gefühl beigemischt, das, ohne zuvor je diesen Grad der Heftigkeit erreicht zu haben, für mich immer am schwersten zu ertragen war – das Gefühl des Mitleidens. Inmitten des Bedauerns über die erloschene Liebe wollte ich schier zerfließen in unendlichem, furchtbaren, unermeßlichen Mitleid, womit mich die Erinnerung an das Unglück meiner armen Henriette bedrückte: ihr Ruin vor unserer Heirat; ihr Unfall; die Enttäuschung bei ihrem letzten Auftreten in Paris; ihr freiwilliger aber stets bereuter Verzicht auf die von ihr angebetete Kunst; die Verfinsterung ihres Ruhmes; ihre mittelmäßigen Nachahmer und Nachahmerinnen, deren Glück und Bekanntwerden sie mitansah; unsere inneren Bekümmernisse; ihre, später begründete, unauslöschliche Eifersucht; unsere Trennung; der Tod aller ihrer Verwandten; die gewaltsame Entfernung ihres Sohnes; meine häufigen langen Reisen; ihr gekränkter Stolz, die Ursache von Ausgaben zu sein, die für mich, wie ihr nicht unbekannt war, zu allen Zeiten fast unerschwinglich waren; ihre falsche Vorstellung, sie sei durch ihre Vorliebe für Frankreich der Gunst des englischen Publikums entfremdet; ihr gebrochenes Herz; das Schwinden ihrer Schönheit; ihre vernichtete Gesundheit; ihre wachsenden körperlichen Schmerzen; der Verlust der Bewegungsfreiheit und der Sprache; die Unmöglichkeit, sich auf irgendeine Weise verständlich machen zu können; die lange Erwartung des Todes und der Vergessenheit ...

Vernichtung, Blitz und Donner, Blut und Tränen! Das Hirn schrumpft mir im Schädel, wenn ich an diese Schrecken denke! ...

Shakespeare! Shakespeare! Wo ist er? Wo bist du? Mir scheint, als ob unter den vernunftbegabten Wesen er allein mich verstehen könne, uns alle beide verstanden haben müsse; er allein kann Mitleid gefühlt haben mit uns armen, verliebten Künstlern, die an einander verbluteten. Shakespeare! Shakespeare! Du mußt menschlich gewesen sein; du mußt, wenn du noch bist, die Elenden bei dir aufnehmen! Unser Vater, der du bist im Himmel, wenn es einen Himmel gibt.

Gott ist dumm und grausam in seinem unendlichen Gleichmut, du allein bist der liebe Gott für Künstlerseelen; nimm, Vater, uns an deine Brust, umfange uns! De profundis ad te clamo. Der Tod, das Nichts, was heißt das? Unsterblich ist das Genie! ... What? ... O fool! fool! fool!

*

Ich mußte mich allein den traurigen Pflichten widmen ... Der zur Zeremonie notwendige protestantische Pastor, der mit dem Dienst für die Vorstädte von Paris betraut war, wohnte am andern Ende der Stadt in der Prinzenstraße. Ich kam um acht Uhr abends, ihn zu benachrichtigen. Da eine Straße durch die Pflasterer versperrt war, mußte das Kabriolet, in dem ich saß, einen Umweg am Odeontheater vorbei machen. Es war erleuchtet, man spielte ein Modestück. Vor sechsundzwanzig Jahren hatte ich hier zum ersten Male Hamlet gesehen; hier erstrahlte plötzlich eines Abends der Ruhm der armen Toten wie ein glänzendes Meteor; hier sah ich eine vor Rührung zerknirschte Menge beim Anblick der Schmerzen, des poetischen, verzehrenden Wahnsinns der Ophelia weinen; hier war es, wo ich, am Schluß von Hamlet, Henriette Smithson wiederkommen sah, die von einem Elitepublikum, von allen Geisteskönigen, die damals in Frankreich regierten, herausgerufen worden, wie sie, überwältigt von der ungeheuren Größe ihres Erfolges, zitternd ihre Bewunderer grüßte. Hier sah ich Julia zum ersten und letzten Male. Wie oft bin ich unter diesen Arkaden, in Winternächten, voll fiebrischer Beklommenheit auf- und abgegangen. Dort ist die Tür, durch die ich sie zu einer Probe des Othello eintreten sah. Sie wußte damals nichts von meiner Existenz, und wenn man ihr den jungen blassen, abgezehrten Unbekannten gezeigt hätte, der, an einen Pfeiler des Odeon geklammert, sie mit verstörten Blicken verfolgte, und ihr gesagt hätte: »das ist Ihr Zukünftiger« – sie hätte den Unglückspropheten ganz bestimmt als unverschämten Dummkopf behandelt.

Und dennoch ... er ist es, der deine letzte Reise vorbereitet, poor Ophelia!; er ist es, der zum Priester wie Laërtes sagen wird: » What ceremonies else?« ... er, der dich so sehr gequält, der so sehr durch dich gelitten, nachdem er so viel für dich gelitten, er, der trotz seines Unrechts mit Hamlet sagen kann:

Forty thousand brothers

Vierzigtausend Brüder hätten sie nicht geliebt wie ich.

Shakespeare! Shakespeare! Ich fühle die Fluten wiederkommen, ich kentre in Kümmernissen und abermals suche ich dich ...

Father! Father! Where are You?

*

Am nächsten Tage kamen zwei oder drei Literaten, die Herren d'Ortigue, Brizeux, Léon de Wailly, verschiedene Künstler unter Führung des trefflichen Baron Taylor und einige andere gute Seelen, um, aus Freundschaft zu mir, Henriette zu ihrer letzten Wohnung zu geleiten. Wenn sie vor fünfundzwanzig Jahren gestorben wäre, so hätte die ganze Intelligenz von Paris voller Bewunderung, ja Anbetung, »ihrem« Begräbnis beigewohnt; alle Dichter, Maler, Bildhauer, alle Schauspieler, denen sie ein Vorbild edler Darstellung gewesen, alle Musiker, welche die Melodie ihrer Zärtlichkeit, die Wahrhaftigkeit ihrer Schmerzenslaute empfunden, alle Liebenden, alle Träumer und mehr als ein Philosoph wären, mit Tränen, ihrem Sarge gefolgt.

*

Heute, da sie sich, fast allein, dem Friedhof zu bewegt, wimmelt das undankbare, vergeßliche Paris dort unten in seinem Rauch; der sie liebte und der den Mut nicht hat, ihr bis ans Grab zu folgen, weint in der Ecke eines verlassenen Gartens, und sein junger Sohn, ferne gegen den Sturm ankämpfend, schwankt auf der Spitze des großen Mastes eines Kriegsschiffs über dem dunkeln Ozean.

Hic jacet. Auf dem kleinen Friedhof von Montmartre ruht sie am Abhang des Hügels, das Gesicht gegen Norden, gen England, das sie nie wiedersehen wollte. Ihr bescheidenes Grab trägt die Inschrift:

»Henriette Constance Berlioz-Smithson, geboren zu Ennis in Irland, gestorben zu Montmartre am 3. März 1854.«

Die Zeitungen nahmen in kalten, allgemeinen Ausdrücken Notiz von ihrem Tode. Nur J. Janin bezeigte Herz und Gedächtnis und schrieb im Journal des Débats folgende Zeilen:

»Sie schwinden so schnell und grausam dahin, die Götter der Fabel! Sie sind so gebrechlich, die zarten Kinder des alten Shakespeare und des alten Corneille! Ach! Noch nicht gar lange ist es her – wir waren jung und kühn –, da saß eines Sommerabends auf dem Balkon, der auf die Straße nach Verona sieht, Julia zur Seite Romeos, Julia, die Trunkene, Zitternde, und horchte auf die Nachtigall, die Morgenlerche! Sie horchte träumend und so bleich, mit so viel zauberischem Feuer im halb verschleierten Blick! In dieser dunkeln, reinen Stimme erklang, eine goldene, sieghafte, göttliche Stimme, voll seines ewigen Lebens, die Prosa Shakespeares und seine Poesie! Eine ganze Welt lauschte der Grazie, der Stimme, dem Zauber dieser Frau.

Sie zählte kaum zwanzig Jahre, nannte sich Miß Smithson, eroberte, allmächtig, die Sympathie und Bewunderung dieses von der neuen Wahrheit bezauberten Parterres! So war dieses junge Weib, ohne es zu wissen, ein unbekanntes Gedicht, eine neue Leidenschaft und eine völlige Revolution. Sie rief Frau Dorval, Frédérik-Lemaître, Frau Malibran, Victor Hugo, Hector Berlioz auf den Plan! Sie hieß Julie, hieß Ophelia. Sie begeisterte selbst Eugène Delacroix, als er jenes holde Bildnis der Ophelia zeichnete. Sie fällt; ihre Hand faßt, nachgebend, noch den Zweig; mit der andern Hand drückt sie ihren lieblichen, letzten Kranz an ihren schönen Busen; der Saum ihres Kleides nähert sich schon dem steigenden Wasser; die Landschaft ist traurig und düster; von weither sieht man die Welle nahen, die sie verschlingen wird; ihre wasserschweren Kleider ziehen die Arme, Unglückliche und ihre süßen Lieder in Schlamm und Tod!

Sie nannte sich endlich, die wundersam-rührende Miß Smithson, mit einem Namen, den Frau Malibran getragen; sie nannte sich Desdemona, und der Mohr sprach zu ihr, sie umarmend: »O meine holde Kriegerin!« O my fair warrior! Ich sehe sie noch, nach so langer Zeit, ebenso weiß, ebenso bleich wie die Venezianerin des Angelo, Tyrannen von Padua! Sie ist allein und lauscht dem Regen und dem Wind, der draußen heult, das unselige holde Mädchen, dem der Dichter Shakespeare seine Liebe und Verehrung weihte. Sie ist allein, fürchtet sich; sie fühlt tief im Grunde ihrer verwirrten Seele etwas Unsagbares, Schweres; ihre Arme sind nackt, und auch ein kleines Stück ihrer weißen Schulter ist sichtbar! Oh, heilige Nacktheit der todgeweihten Frau! Sie war ein Wunder so, Miß Smithson, und eher vergleichbar einem höheren Wesen, als einem irdischen Weibe! – Und nun ging sie dahin, vor acht Tagen, noch träumend vom Ruhm, der so schnell kommt, so schnell verschwindet! O Träumereien! Klagen! Leiden! ... Man sang einmal in meiner Jugend einen Chor zum Lobe Juliens Capulet! Wie düster wirkte dieser Trauermarsch mit der beständigen Wiederkehr des Rufes: »Streut Blumen! Streut Blumen!« Anspielung von J. Janin auf den Leichenzug in meiner Sinfonie Romeo und Julie, wo diese Worte wirklich beständig psalmodiert werden. Man stieg mit hinab in die dunkle Gruft, wo Julie schlief, und die düstere Melodie tat das ihre und erzählte vom Grauen der Totengewölbe. »Streut Blumen! Streut Blumen!« Julie ist tot – so sagte der Trauergesang wie ein Chor des alten Vater Aeschylos; Julie ist tot (streut Blumen!), der Tod lastet auf ihr, wie der Reif auf dem Rasen im April (streut Blumen!). Nun dienen die Instrumente des Tanzes als Trauerglocken; der Hochzeitsschmaus ward zum Totenmahl; die Blumen des Festes decken ein Grab!«

*

Liszt schrieb mir bald darauf aus Weimar einen seiner herzlichen Briefe: »Sie begeisterte Dich, Du liebtest sie, hast sie besungen – ihre Aufgabe war erfüllt.«

*

Ich habe jetzt nichts mehr über die beiden großen Leidenschaften zu sagen, die einen so mächtigen, nachhaltigen Eindruck auf mein Fühlen und Denken übten. Die eine gehört zu den Kindheitserinnerungen. Sie kam zu mir, strahlend im Glanze ihres Lächelns, geschmückt und gerüstet mit all dem berückenden Zauber einer unvergleichlichen Landschaft, deren Anblick allein schon genügt hätte, mich zu ergreifen. Estelle war damals wirklich die Baumnymphe meines Tempetals, und ich erlebte, zwölfjährig, zum ersten Male und auf einmal die große Liebe und die große Natur.

Die andere Liebe kam mir im Jünglingsalter, mit Shakespeare, im brennenden Busch des Sinai, mitten im Gewölke, Donnerrollen und Wettern einer mir neuen Poesie. Sie schlug mich nieder, ich fiel zu Boden, und mein Herz und ganzes Wesen wurden hingerafft durch eine grausame, blutige Leidenschaft, wo, wechselseitig sich verstärkend, die Liebe zu der großen Künstlerin mit der Liebe zur großen Kunst in eins verschmolzen.

Man versteht die Gewalt einer solchen Antithese, wenn es hierin überhaupt Antithesen gibt. Auch hatte ich aus meinem Meylaner Idyll Henriette gegenüber kein Geheimnis gemacht, so wenig, wie aus der Lebhaftigkeit der Erinnerungen, die ich daran bewahrte. Wer unter uns hat nicht solch ein erstes Idyll erlebt? Trotz ihrer Eifersucht war sie zu verständig, um sich verletzt zu fühlen. Nur, daß sie einigemale diesen Punkt mit zartem Scherz berührte.

Leute, die das nicht begreifen, werden mich noch minder verstehen, wenn ich eine andere Seltsamkeit meiner Natur beichte: ich fühle eine unbestimmte poetische Liebesempfindung beim Duft einer schönen Rose und habe lange Zeit eine ähnliche beim Anblick einer schönen Harfe empfunden. Wenn ich dies Instrument sehe, muß ich an mich halten, um nicht niederzuknien und es zu umarmen!

Estelle war die Rose, die im Verborgenen blühte, Tis the last rose of summer left blooming alone (Thomas Moore). Henriette die Harfe, deren Klang sich in all meine Lieder mischte, in meine Freuden, meine Leiden, und deren Saiten ich, ach!, so viele zerrissen!

Jetzt bin ich, wenn nicht am Ziel meiner Laufbahn, so doch am Abhang, von dem es steiler und steiler zum Ende führt; müde, versengt, aber immer glühend, und voll einer Energie, die mich fast erschreckt, so heftig bäumt sie sich manchmal auf. Ich habe allmählich französisch gelernt, weiß eine Seite Partitur und eine Seite Verse oder Prosa leidlich zu schreiben, auch ein Orchester zu dirigieren und zu beleben, und verehre und achte die Kunst in all ihren Gestalten ... Aber ich gehöre einer Nation an, die sich heutzutage für keine der vornehmen Geistesrichtungen mehr interessiert, deren einziger Gott das goldene Kalb ist. Das Volk von Paris ist ein Volk von Barbaren geworden; auf zehn reiche Häuser kommt, wenn überhaupt, kaum eines, das sich im Besitz einer Bibliothek befindet. Ich rede nicht von einer musikalischen Bibliothek ... Nein, man kauft keine Bücher mehr, man entlehnt, den Band zu zwei Sous, erbärmliche Romane aus den Leihbibliotheken; diese Kost genügt dem literarischen Appetit aller Gesellschaftsschichten. So wie man sich auch bei Musikalienhändlern für etliche Franken monatlich abonniert, um unter der Unzahl der Plattheiten, von denen die Magazine strotzen, irgendein Meisterwerk aussuchen zu können von jener Sorte, die Rabelais mit so viel Verachtung gekennzeichnet hat.

Der Kunstindustrialismus, gefolgt von allen niedern Trieben, die er hegt und hätschelt, schreitet an der Spitze seines lächerlichen Trosses, auf seine besiegten Feinde einen Blick voll läppischen Hochmuts und blöder Verachtung werfend ... Paris ist also eine Stadt, in der ich nichts beginnen kann, und wo man mich für überglücklich hält in der Verrichtung der einzigen mir anvertrauten Arbeit, der des Feuilletonisten, zu der ich, wie viele Leute meinen, geboren bin.

Ich weiß wohl, was ich auf dem Felde dramatischer Musik leisten könnte, aber der Versuch ist ebenso zwecklos als gefährlich. Erstens sind – musikalisch geredet – unsere Opernbühnen ihrer Mehrzahl nach recht minderwertige Einrichtungen; besonders unvornehm ist heute die Große Oper. Dann könnte ich auch auf diesem Gebiete der Komposition nur dann meiner Phantasie die Zügel schießen lassen, wenn ich mich als unumschränkten Herrn eines großen Theaters dächte, wie ich Herr meines Orchesters bin, wenn ich eine meiner Sinfonien dirigiere. Ich müßte über den guten Willen aller verfügen dürfen, über den Gehorsam aller, von der ersten Sängerin und dem ersten Tenor, den Choristen, Musikern, Tänzerinnen und Statisten bis zum Dekorationsmaler, den Maschinisten und dem Regisseur. Eine Opernbühne, wie ich sie verstehe, ist vor allem ein großes Musikinstrument; ich kann darauf spielen, aber, um es gut zu spielen, muß es mir ohne Vorbehalt anvertraut sein. Und das kommt nie vor. Ferner würde dort den Schlichen, Verschwörungen, Kabalen meiner Feinde ein zu bequemes Feld gegeben. In einem Konzertsaal wagen sie mich nicht auszupfeifen, in einem großen Theater, wie die Oper, tun sie es sicher; das wird stets passieren.

Ich hätte in diesem Falle nicht allein die Angriffe des Hasses infolge meiner Kritiken, sondern die nicht minder wütenden, durch meine musikalischen Tendenzen verursachten Zornesausbrüche zu erdulden; während doch dieser Musikstil, an sich, von größter Gemeinverständlichkeit ist. Man sagt sich mit Recht: »An dem Tage, da es dem großen Publikum geglückt sein wird, derartige Kompositionen zu verstehen oder auch nur genießbar zu finden, wird es mit den unsern aus sein.« Den Beweis dieser Wahrheiten erhielt ich in London, wo eine Bande von Italienern die Aufführung des Benvenuto Cellini im Covent-Garden fast unmöglich gemacht hätte. Sie schrien, zischten und pfiffen von Anfang bis zu Ende; sie wollten sogar meine Ouvertüre »Römischer Karneval« unterdrücken, die dem zweiten Akte zur Einleitung dient, und die in verschiedenen Londoner Konzerten gut aufgenommen worden war, so vor vierzehn Tagen in der Philharmonischen Gesellschaft des Hanovresquare. Die öffentliche Meinung, ich sage nicht: meine eigene, machte Herrn Costa, den Kapellmeister des Covent-Garden, zum Anführer dieser komischwütigen Kabale; ich hatte ihn in meinen Kritiken mehrmals angegriffen wegen gewisser Freiheiten, die er sich gegen Partituren großer Meister herausnimmt, indem er sie auf alle Arten kürzt, verlängert, uminstrumentiert und verstümmelt. Wenn Herr Costa, was sehr wohl möglich, der Schuldige ist, so wußte er jedenfalls durch Diensteifer und Hilfsbereitschaft bei den Proben mein Mißtrauen mit seltener Geschicklichkeit einzuschläfern.

Die Londoner Künstlerschaft wollte mir, entrüstet über diese Niederträchtigkeit, ihre Sympathie bekunden und unterzeichnete sich, zweihundertdreißig Mann hoch, für ein »Testimonial-Konzert«, das ich, unter ihrer unentgeltlichen Mitwirkung, in Exeter-Hall geben sollte, das aber dennoch nicht stattfinden konnte. Der Verleger Beale (heute einer meiner besten Freunde) brachte mir überdies ein Geschenk von zweihundert Guineen, das mir von einer Anzahl von Kunstfreunden angeboten wurde, an deren Spitze die bekannten Klavierbauer, die Herren Broadwood, standen. Ich glaubte dieses so weit aus dem Rahmen unserer französischen Sitten fallende Geschenk nicht annehmen zu dürfen, obwohl darum nicht weniger wirkliche Güte und Freigebigkeit den Anlaß dazu gegeben hatten. Alle Welt ist nicht Paganini.

Diese Beweise der Zuneigung haben mich mehr gerührt, als mich die Beleidigungen der Ränkeschmiede verletzt hatten.

In Deutschland freilich hätte ich nichts derart zu befürchten. Aber ich kann kein Deutsch; ich müßte auf einen französischen Text komponieren, der nachher übersetzt würde: ein großer Nachteil. Ich müßte auch, um eine große Oper zu schreiben, mindestens anderthalb Jahre darauf verwenden, ohne mich mit etwas anderem zu beschäftigen; also ohne etwas zu verdienen und ohne die Möglichkeit einer Entschädigung, da ja in Deutschland Opernkomponisten keine Tantiemen erhalten. Ferner weiß man aus meiner Erzählung der ersten Faust-Aufführung in Preußen, welche Feindschaften unter den Berliner Orchestermusikern mir eine harmlose Bemerkung im Journal des Débats zugezogen hat.

Auch in Leipzig, obwohl man dort jetzt meine Musik mit andern Ohren als zu Mendelssohns Zeiten hört (so viel ich sehen konnte und nach den Versicherungen von Ferdinand David), – auch in Leipzig gibt es noch einige kleine Fanatiker, Konservatoriumsschüler, die mich, ohne zu wissen warum, als Zerstörer, als musikalischen Attila ansehen, mich mit tollem Haß beehren, mir Grobheiten schreiben und auf den Gängen des Gewandhauses Gesichter schneiden, wenn ich den Rücken drehe. Dann zetteln gewisse Kapellmeister, denen ich die Ruhe störe, hin und wieder ziemlich durchsichtige Intriguen gegen mich an. Aber dieser unvermeidliche Antagonismus, selbst im Verein mit der ganz natürlichen Opposition eines kleinen Teiles der deutschen Presse, Es gibt bei dieser wie bei der Pariser Presse Leute mit fixen Ideen, die, beim bloßen Anblick meines Namens auf einem Anschlagzettel oder in einer Zeitung, in Wut geraten, wie die Stiere, wenn man ihnen ein rotes Tuch vorhält. Sie hängen mir eine kleine Welt von Abgeschmacktheiten an, die sie in ihrem Hirnchen ausgeheckt haben, glauben aus meinen Werken herauszuhören, was nicht darin ist, und hören nicht, was darin ist; sie kämpfen in edlem Eifer gegen Windmühlen und, wenn sie einer um ihre Meinung über den D-Dur-Dreiklang fragte mit dem Vermerk, er stamme von mir, so würden sie entrüstet ausrufen: »Der Akkord ist erbärmlich!« Diese armen Teufel sind Maniker; es gibt und gab solcher überall und zu allen Zeiten. ist nichts im Vergleich zu den Wutausbrüchen, die in Paris gegen mich losgelassen würden, wenn ich mich dem Theater aussetzte.

Seit drei Jahren quält mich der Gedanke an eine große Oper, zu der ich Worte und Musik schreiben möchte, wie ich sie unlängst zu meiner biblischen Trilogie »Die Kindheit Christi« geschrieben.

Ich widerstehe der Versuchung, diesen Plan zu verwirklichen, und werde ihr hoffentlich bis zuletzt widerstehen. Ach nein! Ich habe ihr nicht widerstanden. Gerade habe ich Dichtung und Musik zu den Trojanern, Oper in fünf Akten, vollendet. Was wird aus dem ungeheuern Werke werden? ... (1858.) Der Stoff schien mir erhaben, großartig und tiefergreifend: das beweist zur Evidenz, daß die Pariser ihn fad und langweilig finden würden. Und sollte ich mich selbst täuschen, wenn ich unserm Publikum »einen Geschmack, so ungleich dem meinen« beimesse (um mit dem großen Corneille zu reden), so würde ich doch keine intelligente, ergebene Frau finden, die fähig wäre, die Hauptrolle darzustellen, eine Rolle, die Schönheit, große Stimme, wirkliches dramatisches Talent, echte musikalische Begabung, Seele und ein Herz voll Feuer verlangt. Noch weniger würde ich wohl die übrigen Mittel aller Art in Händen haben, die mir nach Gutdünken zur Verfügung stehen müßten ohne Aussicht und die Frage wozu. Allein der Gedanke, bei der Aufführung und Inszenierung eines derartigen Werkes auf die plumpen Hindernisse zu stoßen, denen ich bereits ausgesetzt gewesen, und die ich täglich den andern Komponisten, die für unsere große Oper schreiben, im Wege stehen sehe, setzt mir das Blut in Wallung. Der Anprall meines Willens gegen diese Übelgesinnten und Blödlinge wäre heute in solchem Falle äußerst gefährlich, ich fühle mich im Hinblick auf sie durchaus zu allem fähig und würde dieses Volk umbringen wie Hunde. Was die Vermehrung jener guten, nützlichen Werke betrifft, die man komische Opern nennt und die in Paris täglich fuderweise hergestellt werden, wie man Pastetchen bäckt, so habe ich nicht die geringste Lust dazu. In dieser Beziehung habe ich durchaus keine Ähnlichkeit mit jenem Korporal, der den Ehrgeiz hatte, Lakai sein zu wollen. Ich möchte lieber einfacher Soldat bleiben. Dennoch habe ich vor einigen Jahren eingewilligt, eine Oper dieser Art zu schreiben. Der Operndirektor Carvalho, der heute zu meinen besten Freunden zählt, hatte sich schriftlich verpflichtet, mir zu bestimmter Zeit ein Libretto zu liefern, das ich für sein Theater in Musik setzen sollte. Eine Konventionalstrafe von zehntausend Franken war im Vertrag ausgemacht. Als es soweit war, erinnerte sich Carvalho schon nicht mehr des Auftrages, und folglich ward das Versprechen nicht besser gehalten, wie so viele andere und von da ab usw. usw. Der Einfluß Meyerbeers – auch das muß ich erwähnen – und der Druck, den er mit seinem ungeheuern Vermögen mindestens ebenso stark als durch die Tatsache seines eklektischen Talentes auf Direktoren, Künstler, Kritiker und folglich aufs Publikum von Paris übt, machen dort jeden ernsten Erfolg an der Oper fast unmöglich. Dieser verderbliche Einfluß wird sich vielleicht noch zehn Jahre nach seinem Tode fühlbar machen. Heinrich Heine behauptet, er habe im voraus bezahlt. Ich habe, glaub ich, schon anderswo gesagt und wiederhole: Meyerbeer hat nicht nur das Glück, Talent zu haben, sondern in noch viel höherem Grade das Talent, Glück zu haben. ... Was die Konzerte betrifft, die ich in Paris geben könnte, so sagte ich schon, in welcher Lage ich mich befand, und wie groß die Gleichgültigkeit des Publikums geworden war allem gegenüber, was nicht Theater ist. Übrigens hat der Ring am Konservatorium Mittel und Wege gefunden, mir den Zutritt zum Saale zu untersagen, und der Herr Minister des Innern gab eines Tages, bei einer Preisverteilung, vor versammeltem Auditorium die Erklärung ab, dieser Saal (der einzige anständige in Paris) sei ausschließliches Eigentum der Konservatoriumsgesellschaft und dürfe künftig zum Zweck der Aufführung von Konzerten an niemand mehr abgegeben werden. Nun, der niemand war ich; denn, abgesehen vielleicht von zwei oder drei Ausnahmen, hatte seit zwanzig Jahren kein anderer als ich große musikalische Aufführungen veranstaltet.

Die berühmte Gesellschaft, deren ausübende Mitglieder fast alle meine Freunde oder Anhänger sind, wird von einem Dirigenten und einer kleinen Anzahl »Macher« geleitet, die mir aufsässig sind. Sie würden sich also wohl hüten, in ihren Konzerten die kleinste meiner Kompositionen zuzulassen. Ein einziges Mal, vor sechs oder sieben Jahren, fiel es ihnen ein, mich um zwei Bruchstücke aus Faust zu bitten. Der Vorstand, welcher damals nur sehr wenig von der Meinung meiner Anhänger im Orchester beeinflußt war, versuchte mir dafür den Hals zu brechen, indem er mich, auf dem Programm, zwischen das Finale der »Vestalin« von Spontini und die C-Moll-Sinfonie von Beethoven stellte. Das Glück wollte, daß ich den Hals nicht brach, und daß die Herrn in ihren Erwartungen getäuscht wurden. Trotz der gewaltigen Nachbarn, die man mir gegeben, rief die Sylphenszene aus Faust wahre Begeisterung hervor und sollte wiederholt werden. Aber Girard, der sie sehr ungeschickt und langweilig dirigiert hatte, tat so, als könne er die zur Wiederholung geeignete Stelle in der Partitur nicht finden und repetierte nicht. Der Erfolg war darum nicht weniger klar ersichtlich. Auch nahm sich seitdem die Clique vor meinen Werken wie vor der Pest in acht.

Von den Millionären, an denen in Paris Überfluß ist, käme nicht einer auf den Gedanken, etwas für ernste Musik zu tun. Wir besitzen keinen guten Saal für öffentliche Konzerte; keinem von unsern Krösussen käme es in den Sinn, einen erbauen zu lassen. Das Beispiel Paganinis hat nichts gefruchtet, und was dieser edle Künstler für mich getan, wird in der Geschichte einzig dastehen.

Man ist also allein auf sich selbst angewiesen, wenn man Komponist in Paris ist und ernsthafte Werke schreibt, die keine Opern sind. Man muß sich mit ungenügenden, unsicheren und folglich mehr oder weniger entstellenden Aufführungen begnügen, aus Mangel an Proben, die man nicht bezahlen kann; Die lächerlichste Nichtigkeit wird am Theater wenigstens einen Monat lang täglich probiert, und ich mußte meine Sinfonie Romeo und Julie nach vier Proben und so und so viel andere Werke nach nur zwei Proben öffentlich aufführen. begnügen mit unbequemen Sälen, in denen weder die Mitwirkenden noch das Publikum gut untergebracht werden können; sich an Hindernisse aller Art gewöhnen, die, ohne böse Absicht, von den Opernbühnen verursacht werden, deren Personal man in Anspruch zu nehmen gezwungen ist und die notwendig die Interessen ihres eigenen Spielplans im Auge behalten müssen. Dann muß man sich die unverschämten Plünderungen der Herren Spitalsteuereinnehmer gefallen lassen, welche die Kosten eines Konzertes nicht in Rechnung ziehen und den Verlust des Konzertgebers durch die Erhebung des achten Teils der Brutto-Einnahme noch empfindlicher machen; man muß sich ferner hastige, notwendig falsche Beurteilungen umfangreicher, komplizierter Werke gefallen lassen, die unter diesen Umständen und selten mehr, als ein- oder zweimal gehört werden; und, letzten Endes, muß man über viel Zeit und Geld zu verfügen haben. Nicht zu gedenken der Seelen- und Willenskraft, in deren Aufwand solchen Hindernissen gegenüber eine Erniedrigung liegt. Der Künstler, der am stärksten mit diesen Eigenschaften begabt ist, gleicht dann einer Granate, die zwar ihren Weg gradaus nimmt, alles umwirft, was ihr begegnet, eine Spur hinterläßt, aber doch darum nicht minder am Ende ihrer Bahn krepieren muß. Ich werde ja im allgemeinen alle möglichen Opfer bringen. Aber es gibt Umstände, wo diese Opfer aufhören, Zeichen hohen Mutes zu sein und sich aufs schwerste rächen.

Vor zwei Jahren, gerade als mir der Gesundheitszustand meiner Frau, der damals noch einige Hoffnung auf Besserung ließ, die größten Ausgaben machte, hörte ich nachts eine Sinfonie, die ich im Traum komponierte. Als ich am nächsten Morgen erwachte, erinnerte ich mich des ganzen Satzes, der (das ist das einzige, dessen ich mich entsinne) im Zweivierteltakt ging (Allegro) und in A-Moll stand. Ich ging auf meinen Tisch zu, um mit der Niederschrift zu beginnen, als ich plötzlich die Betrachtung anstellte: wenn ich den Satz aufschreibe, lasse ich mich verleiten, den Rest zu komponieren. Die Ausdehnung, die meine Gedanken jetzt immer anstreben, kann der Sinfonie enorme Proportionen geben. Vielleicht wende ich dann drei bis vier Monate ausschließlich an diese Arbeit. (Ich habe gut sieben Monate gebraucht, um Romeo und Julie zu schreiben.) Ich werde nicht oder kaum mehr Kritiken schreiben. Meine Einkünfte werden sich dementsprechend verringern. Dann, wenn die Sinfonie fertig ist, würde ich so schwach sein, dem Ansuchen meines Kopisten nachzugeben; ich würde sie abschreiben lassen und sogleich eine Schuld von tausend oder eintausendzweihundert Franken aufnehmen. Wenn einmal die Stimmen ausgeschrieben wären, würde es mich reizen, das Werk zur Aufführung zu bringen, und ich gäbe ein Konzert, dessen Einnahme zur Not die Hälfte der Kosten decken würde; das ist heutzutage unvermeidlich. Ich würde verlieren, was ich nicht habe, es gebräche am notwendigsten für die arme Kranke, und ich hätte nichts mehr, weder meine persönlichen Ausgaben zu bestreiten, noch die Pension meines Sohnes auf dem Schiff zu bezahlen, das er nächstens besteigen muß. Diese Gedanken machten mich schaudern und ich warf meine Feder weg mit den Worten: »Ach was! Morgen habe ich die Sinfonie vergessen.« Nächste Nacht kommt die Sinfonie hartnäckig wieder und geht mir durch den Kopf; deutlich höre ich das Allegro in A-Moll, ja mehr noch, ich sehe es geschrieben. Ich wachte in fieberhafter Erregung auf, sang mir das Thema vor, dessen Charakter und Form mir ausnehmend gefielen; ich wollte aufstehen ... aber die Erwägungen des vorigen Tages hielten mich wieder zurück, ich sträubte mich gegen die Versuchung, klammerte mich an die Hoffnung des Vergessens. Endlich schlief ich wieder ein, und andern Tages beim Aufwachen war alle Erinnerung in der Tat auf immer geschwunden.

Feigling! wird mancher junge Fanatiker sagen, dem ich sein Unrecht im voraus verzeihe, du hättest es wagen müssen! Aufschreiben müssen! Dich ruinieren müssen! Man hat kein Recht dazu, einen Gedanken so von sich zu weisen, ein Kunstwerk ins Nichts zurückzusenden, das daraus erstehen möchte und um Leben fleht! Ach, junger Mann, der du mich für feige hältst, du hast das Schauspiel noch nicht erlebt, das ich damals vor Augen hatte, sonst wärest du weniger streng. Ich habe nicht gezaudert in jenen Tagen, da man noch über die Folgen meiner Waghalsigkeiten im Zweifel sein konnte. Damals gab es in Paris ein kleines Elitepublikum, es gab die Prinzen des Hauses Orléans und die Königin selbst, die sich dafür interessierten. Übrigens war meine Frau Feuer und Flamme und die erste, die mich ermutigte: »Du mußt das Werk schreiben und es im großen Stil würdig aufführen lassen. Fürchte nichts, wir werden die Entbehrungen, die diese Ausgaben uns auferlegen, ertragen. Es muß! Mach immer zu!« Und es ging. Aber später, als sie dalag, halbtot, und nur noch stöhnen könnte, als sie drei Frauen zu ihrer Wartung brauchte, als der Arzt sie fast täglich besuchen mußte, als ich sicher war, aber so sicher, als die Pariser Barbaren sind, am Ende jeder musikalischen Unternehmung das traurige Resultat zu finden, von dem ich vorhin sprach, – da, junger Mann, war ich nicht feige, daß ich's aufgab, nein, ich bin mir bewußt, nur menschlich gewesen zu sein; und, wenn ich, wie ich schätze, der Kunst geradeso ergeben bin, wie du und viele andere, so glaube ich sie doch zu ehren, wenn ich sie nicht als menschenopferlüsternes Ungetüm ansehe, und beweise, daß sie mir Vernunft genug gelassen, den Mut von der Roheit zu unterscheiden. Wenn ich allmählich dem musikalischen Drang nachgab, letzthin meine biblische Trilogie (Die Kindheit Christi) zu schreiben, geschah es deshalb, weil meine Lage nicht mehr dieselbe ist, so gebieterische Pflichten mir nicht mehr auferlegt sind. Übrigens habe ich die Gewißheit, das Werk bequem und oft in Deutschland aufführen zu lassen, wohin ich von mehreren bedeutenden Städten wieder eingeladen bin. Ich gehe jetzt oft hin, ich habe in den anderthalb Jahren vier Reisen dorthin unternommen. Seit ich diese Zeilen schrieb, hat mich der Spieldirektor von Baden-Baden, Herr Bénazet, wiederholt eingeladen, das alljährlich stattfindende Festkonzert in Baden zu organisieren und zu dirigieren; er stellte mir dabei zur Aufführung meiner Werke alles zur Verfügung, was ich irgend brauchte. Seine Freigebigkeit übertraf in diesem Falle all das weit, was die Fürsten Europas, mit denen ich meistens zufrieden sein konnte, je für mich getan haben. »Ich lasse Ihnen freie Hand,« sagte er mir noch dieses Jahr, »lassen Sie die Künstler, die Sie brauchen, kommen, woher Sie wollen, bieten Sie Ihnen Gehälter, die sie zufriedenstellen müssen; ich bewillige alles im voraus.« Man nimmt mich dort besser und besser auf; die Künstler bezeigen mir von Tag zu Tag lebhaftere Sympathie; die von Leipzig, Dresden, Hannover, Braunschweig, Weimar, Karlsruhe, Frankfurt haben mich mit Beweisen der Freundschaft überschüttet, für die mir Worte des Dankes fehlen. Auch zum Publikum, den Intendanten der königlichen Theater und herzoglichen Kapellen und meistens zu den regierenden Häuptern konnte ich mir gratulieren. Der liebenswürdige junge König von Hannover und die Königin, seine Antigone Der König von Hannover ist blind. interessieren sich so für meine Musik, daß sie um acht Uhr morgens zu meinen Proben kamen und manchmal bis Mittag blieben, um, wie mir neulich der König sagte, besser in die Feinheiten der Werke einzudringen und sich mit der Neuheit ihrer Richtung vertraut zu machen! Mit welcher Freude, welch reger Begeisterung, sprach er sich über meine Ouvertüre zum König Lear aus:

»Das ist großartig, Herr Berlioz, großartig! Ihr Orchester redet, Sie bedürfen keiner Worte. Ich habe alle Szenen verfolgt: den Eintritt des Königs in seinen Rat, den Sturm auf der Heide, die schauderhafte Gefängnisszene, die Klagen der Cordelia! Ich habe Henriette nie in dieser Rolle gesehen, die zu den erhabensten Offenbarungen ihres Talentes gehörte; aber sie hat mir manchmal Szenen daraus vorgesprochen. (!!!!) Auch ohne das hätte sie mir vorgeschwebt. O, diese Cordelia! Wie haben Sie sie gemalt! Wie schüchtern und zärtlich sie ist! Es ist herzbrechend und dabei so schön!«

Die Königin ließ mich, bei meinem letzten Besuch in Hannover, bitten, zwei Sätze aus Romeo und Julie in mein Programm aufzunehmen, deren einer vornehmlich, die Liebesszene (des Adagio), ihr besonders wert ist. Darauf bat mich der König in aller Form, nächsten Winter wiederzukommen, um im Theater die Aufführung des ganzen Werkes vorzubereiten, von dem ich bisher in Hannover nur Bruchstücke aufgeführt hatte. »Wenn Sie die Mittel, über die wir verfügen, nicht zulänglich finden,« fügte er hinzu, »werde ich Künstler aus Braunschweig, Hamburg, ja, wenn nötig, aus Dresden kommen lassen; Sie werden zufrieden sein.« Der neue Großherzog von Weimar sagte beim letzten Besuch, den ich ihm machte, zum Abschied: »Geben Sie mir Ihre Hand, Herr Berlioz, daß ich sie mit aufrichtiger, lebhafter Bewunderung drücke, und vergessen Sie nicht, daß das Weimarer Theater Ihnen stets offen steht.« Herr von Lüttichau, der Intendant des Königs von Sachsen, hat mir die Dresdener Kapellmeisterstelle angetragen, die nächstens frei werden wird. »Wenn Sie wollen« – das waren seine Worte – »welch schöne Dinge könnten wir hier machen! Mit unsern Künstlern, die Sie so trefflich finden, und von denen Sie so verehrt werden, mit Ihrer Direktionskunst, in der Ihnen so wenige gleichkommen, werden Sie Dresden zum musikalischen Mittelpunkt Deutschlands machen!« Ich weiß nicht, ob ich mich zur festen Niederlassung in Sachsen entschließe, wenn der Augenblick gekommen ist ... Es ist wohl zu erwägen. Liszt meint, ich solle annehmen. Meine Pariser Freunde sind der gegenteiligen Ansicht. Mein Entschluß steht noch nicht fest, und übrigens ist die Stelle noch besetzt. Es ist die Rede davon, meine Oper Cellini in Dresden zu geben, die der herrliche Liszt schon zu Weimar wieder ins Leben gerufen hat.

Sicherlich gehe ich dann hin, die ersten Vorstellungen zu dirigieren. Übrigens will ich mich hier nicht mit der Zukunft beschäftigen und habe mich vielleicht schon zuviel mit der Vergangenheit aufgehalten, wiewohl ich viele seltsame Episoden und traurige Einzelheiten im Schatten gelassen. So schließe ich denn ... überschwänglichen Dank im Herzen für das heilige Deutschland, wo die Kunstpflege sich rein erhalten hat; und für Dich, freigebiges England, und für Dich, Rußland, das Du mich gerettet; und für Euch, meine guten Freunde in Frankreich; und für Euch, Ihr Hochherzigen, Hochgesinnten aller Nationen, die ich gekannt. Es war ein Glück für mich, Euch kennen zu lernen; das teuerste Gedächtnis unserer Beziehungen bewahre ich und werde es bewahren in Treuen. Was Euch betrifft, Maniker, Hunde, blöde Stiere, Euch, meine Güldenstern und Rosenkranz, meine Jago und kleinen Osrick, Schlangen und Insekten aller Art, farewell my ... friends; ich verachte Euch und hoffe sehr, nicht zu sterben, ohne Euch vergessen zu haben.

Paris, 18. Oktober 1854.

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