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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 74
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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71.

Paris. Ich veranlasse die Wahl der Herrn Roqueplan und Duponchel zu Direktoren der Oper. Ihr Dank. Die blutende Nonne. Abreise nach London. Jullien, der Direktor von Drury-Lane. Scribe. Der Priester muß vom Altar leben.

 

Nach Frankreich zurückgekehrt, beeilte ich mich, einige Tage bei meiner Familie zuzubringen, von der ich so lange entfernt gewesen, und um meinem Vater seinen Enkel vorzustellen, den er noch nicht kannte. Armer Louis! Welches Glück für ihn, von allen so zärtlich aufgenommen zu werden, von seinen Großeltern, von unserer alten Dienerschaft, welches Glück für ihn, mit mir, eine kleine Flinte in der Hand, durch die Felder zu streifen! Vorgestern schrieb er mir in einem Briefe von den Alandinseln darüber und nannte die in Côte-Saint-André verbrachten vierzehn Tage die glücklichsten seines Lebens ... Und nun ist er Seemann auf einem Schiffe der englisch-französischen Flotte, welche die russischen Häfen an der Ostsee blockiert, und stets in Erwartung einer Seeschlacht, dieser Hölle auf dem Wasser. Dieser Gedanke kehrt mir Kopf und Herz um und um ... glücklich die Leute, die nichts lieben ... Er selbst hat diesen Beruf ergriffen. Konnte ich mich ihm widersetzen? ... Bei alledem ist es eine edle, schöne Laufbahn. Auch war damals der Krieg nicht vorauszusehen ... Diese unzähligen, schauderhaften Zerstörungsmittel! Hoffentlich wird er mit heiler Haut davonkommen ... Diese enormen Geschütze, die er bedienen muß! Diese glühenden Kugeln! Diese Brander! Der Kartätschenhagel! Die Feuersbrünste! Die Havarien! Die Kesselexplosionen! ... Ach, ich werde verrückt! – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Ich kann nicht weiter schreiben!

*

Zwei Tage später.

Ich denke immerfort daran. Sprechen wir von etwas anderem. Eine – moderne – Seeschlacht ... und meine Erzählung schreitet so langsam vor. Das ist so langweilig zu schreiben und zweifellos auch zu lesen. Wozu sollte es taugen? ... Geben wir die Tatsachen so kurz wie möglich wieder, ohne Betrachtungen und Erläuterungen. Armes, liebes Kind!

Nach diesem Ausflug ins Dauphiné kehrte ich nach Paris zurück. Man bombardiert Bomarsund ... vielleicht ist jetzt die Beschießung im vollen Gange ...

Léon Pillet hatte gerade die Direktion der Oper niedergelegt. Nestor Roqueplan und der ewige Duponchel hatten sich assoziert und vereinigten ihre Bemühungen um seine Nachfolge. Sie suchten mich auf.

– »Sie wissen,« sprachen sie, »daß Herr Pillet nicht länger an der Oper bleiben kann; wir haben Chancen dorthin zu gelangen (Duponchel konnte sagen: wieder hin zu gelangen); aber der Minister des Innern ist uns nicht günstig, und Sie allein können ihn – wenn sich nämlich der Besitzer des Journal des Débats dafür verwendete – für uns umstimmen. Wollen Sie Herrn Armand Bertin bitten, einen Schritt beim Minister zu tun? Wenn wir infolgedessen ernannt sind, werden wir Ihnen eine schöne Stellung an der Oper verschaffen; wir werden Ihnen die Oberleitung der Musik übertragen und außerdem die Stelle des Kapellmeisters.«

– Verzeihung, diese Stelle ist von Herrn Girard, einem meiner alten Freunde, besetzt, und um keinen Preis möchte ich, daß er sie verlöre.

– »Nun ja, an der Oper sind zwei Kapellmeister nötig; wir wollen aber den zweiten, der zu nichts taugt, verabschieden und werden dann die Funktionen des ersten Kapellmeisters zwischen Herrn Girard und Sie in gleiche Hälften teilen. Lassen Sie uns nur machen, alles soll zu Ihrer Zufriedenheit geordnet werden.«

Verführt von diesen schönen Worten besuchte ich Herrn Bertin. Nach einigem Zögern, weil er den beiden Bittstellern wenig traute, willigte er ein, beim Minister für sie zu sprechen. Sie wurden ernannt.

Mit den ersten Tagen ihrer Anstellung begannen für mich an der Oper grobe Ungehörigkeiten aller Art. Roqueplan verabredete sich mit mir und erschien nicht; Duponchel tat desgleichen. Man ließ mich zwei Stunden lang im Vorzimmer warten; als dann endlich einer der Direktoren erschien, bedauerte er die Abwesenheit seines Kollegen und erklärte, ohne ihn nichts Geschäftliches besprechen zu können. Ich begriff den Hintergedanken dieser Herren sehr schnell. Ein solches Vorgehen erfüllte mich begreiflicherweise mit Entrüstung, aber ich bezwang sie dennoch, entschlossen, zuzusehen, wie weit sie ihre Unverschämtheit treiben würden. Ich hatte mir fest vorgenommen, ihnen sozusagen die Pistole auf die Brust zu setzen, und es gelang mir. Nach Gott weiß wieviel Hin und Her und verfehlten Verabredungen mußte es endlich glücken, daß wir uns alle drei in Präsenz zusammenfanden und dann begann klipp und klar der Widerruf. Man wüßte nicht, was zu tun, um mir eine Stellung an der Oper zu verschaffen; man könnte mir vielleicht die Chorleitung anvertrauen, aber ich spiele ja nicht Klavier und das sei notwendig zu den Proben. Girard wolle bei der Orchesterdirektion durchaus keine gleichberechtigte Kraft an seiner Seite sehen: »einen Thron«, hätte er gesagt, »teilt man nicht.« (König von Yvetot!) usw. usw. Kurz, Hindernisse überall. Aber das Schönste kommt noch!

Ich hatte seit langem die Partitur einer großen fünfaktigen Oper begonnen (»Die blutende Nonne«); Léon Pillet hatte sie bei mir bestellt, Scribe das Textbuch dazu entworfen, und ein darauf lautender Kontrakt war zwischen uns und Herrn Pillet unterzeichnet worden. Stelle man sich vor, daß, mitten in unserem Gespräch, Roqueplan die Dreistigkeit hatte, mir ins Gesicht zu sagen:

– »Sie haben ein Opernlibretto von Scribe?«

– Ja.

– »Nun, was wollen Sie damit anfangen?«

– Sonderbar! Vermutlich, was man mit Opernbüchern zu tun pflegt.

– »Aber, wie Sie wissen, ist es durch eine ministerielle Bestimmung den unserm Theater verpflichteten Künstlern untersagt, ihre Werke dort aufführen zu lassen, und sobald Sie eine Stellung dort haben, könnten Sie keine Opern schreiben.«

– O, ich habe nicht die Absicht, ein Dutzend zu komponieren, beruhigen Sie sich; wenn ich mein Leben lang zwei gute fertig brächte, würde ich mich sehr glücklich schätzen.

– »Macht nichts; auch nur eine einzige zu geben wird unmöglich sein. Ihre ›Nonne‹ wäre verloren; Sie müßten sie uns geben und wir würden sie von einem andern in Musik setzen lassen

Noch hielt ich an mich und antwortete mit erstickter Stimme:

– Nehmen Sie sie!

Von diesem Augenblick an wurde die Unterhaltung mehr und mehr verwickelt und zwecklos. Ich hatte meine Leute erkannt. Mein Verdacht war ersichtlich begründet gewesen. Ihr Ziel war, mich loszuwerden, und nicht nur wollte man keines der gegebenen Versprechen halten, sondern, da man mich als abgeschmackten, gefährlichen Komponisten zu nichts anderm fähig hielt, als ein Theater öffentlich bloßzustellen, hatte man beschlossen, nie mehr etwas von mir an der Oper aufzuführen und ging so weit, ein schon begonnenes und vom vorigen Direktor mir angetragenes Werk zurückzuziehen.

Duponchel, der durch den Zynismus seines Mitdirektors in ziemliche Verlegenheit geraten war, sprach kein Wort. Obwohl er zu meiner musikalischen Befähigung nicht mehr Vertrauen hatte als jener, schien er dennoch zu fühlen, daß Direktoren in meiner Gegenwart die Pflicht hätten, mindestens mit jeder mich beleidigenden Meinung zurückzuhalten, wenn auch nicht die Pflicht, mit Eifer ein Opfer zu bringen durch die Aufführung meines Werkes, dessen Nichterfolg ihnen sicher schien.

Wie sich denken läßt, war es nicht die Meinung dieser Herrn von meinen Kompositionen, was mich entrüstete; ich hatte sie öfter ihre Geringschätzung Beethovens, Mozarts, Glucks und aller wahren Götter der Musik aussprechen hören und hätte mich im Gegenteil geschämt, bei ihnen Anzeichen von Sympathie für mich zu finden. Aber diese ungeheuerliche Undankbarkeit übertraf alles, was ich bis dahin in dieser Art kennen gelernt hatte. Am Tage nach dieser Unterhaltung; bei der nichts herausgekommen war, durch die ich aber erfahren hatte, was ich wissen wollte: die Größe der Dankbarkeit meiner beiden Schuldner – nahm ich infolgedessen den damals zufällig mir gemachten Vorschlag an, das Orchester der großen Oper in London zu dirigieren. Sogleich schrieb ich an die Herren Duponchel und Roqueplan, um ihnen meinen Entschluß mitzuteilen, sie von all ihren Versprechungen zu entbinden und ihnen alles mögliche Glück zu wünschen. Daraufhin schoben diese Herren, um sich reinzuwaschen, bei denen, die wußten, was ich für sie getan, die Abscheulichkeit ihres Betragens auf mich und streuten überall aus, ich hätte die Stelle des ersten Kapellmeisters und die Entlassung Girards verlangt. Das war eine doppelte Verleumdung, da ich ja, im Gegenteil, von Anfang an erklärt hatte, nichts zum Schaden Girards annehmen zu wollen. Daraus folgte, daß dieser der Lüge Glauben schenkte; ich nahm seine Leichtgläubigkeit übel, und seit dieser Zeit sind wir überworfen; für mich, wie ich gestehe, kein allzu großes Unglück. Schließlich – das muß ich zugeben – ging mir's bei dieser Angelegenheit so ziemlich nach Verdienst. Ich kannte die musikalische Moralität meiner Operndirektionsaspiranten vollkommen genau: sie sind, was Musik betrifft, Chinesen und halten sich obendrein mit Urteil und Geschmack begabt. Daher verbinden sie mit der vollständigsten Unwissenheit, mit der tiefsten Barbarei, ein unerschütterliches Vertrauen zu sich. Es wäre also meine Pflicht gewesen, anstatt ihnen die Bahn zu unserer großen Oper zu ebnen, sie mit allen Mitteln davon abzubringen.

Aber ihr Versprechen, mir die musikalische Leitung der Oper anzuvertrauen, verblendete mich; ich dachte allsogleich an die hübschen Dinge, die man mit einem solchen Instrument ausführen könnte, wenn man sich seiner zu bedienen weiß und wenn man sich Gedeihen und Fortschritt der Kunst allein zum Ziel gesetzt hat. Ich dachte mir: sie werden die Finanzen verwalten, sie werden sich ums Ballett, um die Dekorationen kümmern usw. und ich wäre, kurz gesagt, der eigentliche Operndirektor. So ging ich denn in ihre Schlingen, und die freiwillig von diesen Herren gegebenen Versprechen wurden nicht besser gehalten, wie soviele andere, und von diesem Augenblick an war nicht mehr die Rede davon.

Ich war einige Wochen in London, als ich noch einmal gedachte, meinen beiden Direktoren von der »Blutenden Nonne« die Pistole auf die Brust zu setzen.

Wohl hatte ich, als mir Roqueplan mein Stück abforderte, geantwortet: »Nehmen Sie es!« – aber ein wenig im Tone des Leonidas, mit dem er dem Xerxes, der seine Waffen haben wollte, antwortete: »Komm und hole sie!«

Überdies handelte es sich um die berühmte Bestimmung, die es einem der Oper verpflichteten Komponisten verbietet, für dieses Theater zu schreiben; obwohl der Chordirektor, Herr Dietsch, dort seinen »Fliegenden Holländer« hatte aufführen lassen (dessen von Richard Wagner gedichtetes Textbuch diesem um fünfhundert Franken abgekauft und demselben Dietsch gegeben worden war, der zu seiner Vertonung dem Herrn Direktor viel geeigneter schien als Wagner!); obwohl der Korrepetitor Herr Benoist seine »Erscheinung« dort angebracht hatte, und trotz dem Beispiel von Halévy, der zur Zeit seiner Tätigkeit als Gesangleiter an der Oper darum nicht weniger die »Jüdin«, den »Tuchmacher« und »Guido und Ginevra« dort aufführen ließ. Immerhin hatte Roqueplan so den Schein eines Vorwandes, die Möglichkeit der Aufführung meiner »Blutenden Nonne« abzulehnen. Aber da ich jetzt in London festgehalten war, außerhalb des Bereiches einer Bestimmung, die auf mich nicht mehr anwendbar war, schrieb ich an Scribe und bat ihn, das letzte Wort unserer beiden Direktoren einzuholen. »Wenn sie einwilligen,« schrieb ich, »unsern Vertrag mit Herrn Pillet aufrecht zu erhalten, so bitten Sie sie, mir die Zeit zu bewilligen, die ich zur Vollendung meiner Partitur nötig habe. Die Leitung des Drury-Lane-Orchesters läßt mir keine Muße zum Komponieren; Sie selbst sind mit Ihrem Textbuch noch nicht fertig. Ich denke dieses Werk reiflich zu überlegen und lange durchzuarbeiten, selbst wenn es ganz fertig ist, und kann mich nicht verpflichten, es vor Ablauf dreier Jahre zur Aufführung zu übergeben. Wenn die Herren Roqueplan und Duponchel uns diesen Zeitraum nicht zugestehen wollen oder, was wahrscheinlich ist, sich weigern, unsern Vertrag anzuerkennen, dann, mein lieber Scribe, möchte ich Ihre Geduld nicht weiter mißbrauchen und bitte Sie, das Textbuch der »Nonne« zurückzunehmen und darüber nach Gutdünken zu verfügen.«

Worauf mir Scribe, nach einem Besuch bei den Direktoren, antwortete, die Herren, die um unsere Nichtbereitschaft genau wüßten, nähmen die »Nonne« an unter der Bedingung, daß unmittelbar mit dem Studium begonnen werden könne; er schloß folgendermaßen:

»Demnach glaube ich nicht, daß unsere Chancen sehr günstig sind, und da Sie so gütig und großdenkend sind, mir die Verfügung über unser altes Textbuch, das schon so lange wartet, anheimzustellen, so erkläre ich Ihnen frei, daß ich annehme und versuchen werde, es hier, entweder am neueröffneten Nationaltheater, oder anderswo, anzubringen.« Und so geschah es. Scribe zog sein Libretto zurück und bot es später, wie ich höre, Halévy, Verdi, Grisar an, die alle, da sie die Geschichte kannten und Scribes Betragen gegen mich als ziemlich unlauter ansahen, so zartfühlend waren, sein Anerbieten abzulehnen. Endlich nahm es Herr Gounod an, und seine Partitur wird allernächstens zu hören sein. Sie ist zu hören gewesen mit einem Viertelserfolg. Was das Textbuch betrifft, das endlich von Scribe und Germain Delavigne vollendet wurde, so erschien es so einförmig-platt, daß ich mich glücklich schätzen muß, nicht darauf bestanden zu haben.

Ich habe nur zwei Akte komponiert. An die Spitze der Musikstücke, die ich für gut halte, möchte ich das große Duett stellen, das die Legende von der »Blutenden Nonne« enthält, und das folgende Finale. Dieses Duett und zwei Arien sind fertig instrumentiert; das Finale ist es nicht. All das wird sehr wahrscheinlich niemals bekannt werden. Heute ist alles vernichtet mit Ausnahme der beiden Arien.

Als ich später, nach Paris zurückgekehrt, Scribe besuchte, schien er ein wenig verwirrt darüber, daß er meinen Vorschlag angenommen und sein Libretto der »Nonne« zurückgezogen hatte: »Aber«, sagte er, »Sie wissen ja: der Priester muß vom Altar leben.« Armer Mann! Er konnte wirklich nicht warten: er hat zur Not zwei- oder dreimalhunderttausend Franken Einkommen, ein Haus in der Stadt, drei auf dem Lande usw.

Liszt fand ein reizendes Scherzwort, als ich ihm die Äußerung Scribes wiederholte: »Ja,« sagte er, »er muß vom Hotel leben« Wortspiel mit autel = Altar und hôtel. (Anm. d. Übers.) und verglich so Scribe mit einem Gastwirt.

Ich will mich über meinen ersten Aufenthalt in England nicht lange mit Einzelheiten befassen, ich würde sonst nicht fertig. Zudem ist es immer dieselbe Geschichte. Ich war von Jullien, dem berühmten Direktor der Promenadekonzerte, engagiert worden, das Orchester der großen englischen Oper zu dirigieren, die im Drury-Lane-Theater zu gründen er den seltsamen Ehrgeiz gehabt. Jullien hatte, in seiner unbestreitbaren und unbestrittenen Eigenschaft als Narr, ein hübsches Orchesterchen, einen Chor ersten Ranges, eine gehörige Anzahl Sänger verpflichtet und nur das Repertoire vergessen. Es hatte für alle Fälle eine bei Balfe von ihm bestellte Oper » The Maid of ponour« in Aussicht und nahm sich vor, die Saison mit einer englischen Übersetzung von Donizettis »Lucia di Lammermoor« zu eröffnen. Und diese »Novität« Lucia hätte, um nur die Kosten der Inszenierung von Balfes Oper zu decken, bei jeder Vorstellung zehntausend Franken bringen müssen.

Das Resultat war unvermeidlich, die Einnahmen der Lucia erreichten niemals die Höhe von zehntausend Franken; Balfes Oper errang einen halben Erfolg und binnen kürzester Frist war Jullien total ruiniert. Ich hatte von meinen Honoraren nur im ersten Monat etwas zu sehen bekommen; noch heute, trotz der schönen Beteuerungen Julliens, der bei alledem ein braver Mann ist, soweit man das mit einer so kapitalen Unvernunft sein kann, überdenke ich, was er mir auf Nimmerwiedersehen schuldet.

Von ihm und seinem absonderlichen Theater handelt eine Stelle über die englische Oper in meinem Buche »Orchesterabende«. Jullien meinte ich mit diesem vor dem Ruin stehenden Impresario, der mir ganz ernsthaft vorschlug, binnen sechs Tagen »Robert den Teufel« zu geben, von dem er weder Stimmen, noch Übersetzung, noch Kostüme, noch Dekorationen hatte, und von dem das Ensemble seines Theaters nicht eine Note konnte. Es war der reine Wahnsinn.

Eine andere spaßhafte Idee, die vollkommen den Mann bezeichnet, der gewohnt ist, sich stets nach den kindischen Instinkten der Menge zu richten und mit plumpen Mitteln zu gefallen, kann ich mich nicht enthalten, gleichfalls zu erzählen.

Jullien, am Ende seiner Mittel, sah ein, daß die Oper von Balfe kein Geld bringe und erkannte allmählich die Unmöglichkeit, »Robert den Teufel« in sechs Tagen zu geben, selbst wenn er sich am siebenten ausruhen würde; so berief er denn den Verwaltungsausschuß, ihn um Rat zu fragen. Dieser Ausschuß setzte sich zusammen aus Sir Henri Bishop, Sir George Smart, Herrn Planchet (dem Autor von Webers Oberontextbuch), Herrn Gye (dem Regisseur von Drury-Lane), dem Chordirektor Herrn Marezzeck und mir. Er setzte ihnen seine Verlegenheit auseinander und sprach von verschiedenen Opern (wie immer weder übersetzt noch kopiert), die er Lust hätte in Szene zu setzen. Man mußte die Gedanken und Meinungen dieser Herrn über die Meisterwerke hören, die man so aufs Armesünderstühlchen setzte! ... Ich lauschte ihnen mit Bewunderung. Als man endlich bei der »Iphigenie auf Tauris« angelangt war, die dem englischen Publikum laut Julliens Prospekt versprochen war – wie üblich (die Londoner Direktoren kündigen dieses Werk alljährlich an und geben es nie), und die Ausschußmitglieder, die keine Note davon kannten, nicht wußten, was sie sagen sollten, drehte sich Jullien, den meine Stummheit ungeduldig machte, lebhaft nach mir um und sagte zu mir:

– »Zum Teufel, reden Sie doch! Sie – Sie müssen das doch kennen.«

– O ja, ich kenne »das«, aber Sie fragen mich ja nichts. Was wollen Sie wissen? Sagen Sie, ich gebe Ihnen Antwort.

– »Ich will wissen, wieviel Akte »Iphigenie auf Tauris« hat, welche Personen darin sind, ferner ihre Stimmgattungen, und vor allem die Art der Dekorationen und Kostüme.«

– Schön. Nehmen Sie ein Blatt Papier und eine Feder und schreiben Sie; ich will Ihnen diktieren:

Iphigenie in Tauris, Oper von Gluck (wie Sie zweifellos wissen) hat vier Akte. Es gibt darin drei Männerrollen: Orest (Bariton), Pylades (Tenor), Thoas (sehr hoher Baß); eine große Frauenrolle, Iphigenie (Sopran), eine andere, kleine Rolle, Diana (Mezzosopran), und mehrere Koryphäen. Die Kostüme werden Ihnen leider nicht vorteilhaft erscheinen; die Skythen und ihr König Thoas sind zerlumpte Wilde vom Ufer des Schwarzen Meeres. Orest und Pylades erscheinen im einfachen Gewand zweier schiffbrüchiger Griechen. Nur Pylades hat zwei Kostüme; er kommt im vierten Akte wieder, den Helm auf dem Kopfe ...

– »Er hat einen Helm!« unterbricht mich Jullien hingerissen, »wir sind gerettet! Ich will nach Paris schreiben und einen vergoldeten Helm bestellen, mit einer Perlenkette und einem Busch von Straußenfedern darüber, so lang wie mein Arm; das gibt vierzig Vorstellungen.«

Wie diese wunderliche Sitzung schloß, habe ich vergessen, aber ich würde mich noch nach hundert Jahren der flammenden Augen, der seltsamen Geberden, des begeisterten Außersichseins von Jullien erinnern, als er hörte, Pylades habe einen Helm; an seine köstliche Idee, diesen Helm aus Paris kommen zu lassen, als ob – wie er meinte – kein englischer Handwerker imstande sei, einen ebenso prächtigen herzustellen, und an seine Hoffnung auf vierzig glänzende Vorstellungen von Glucks Meisterwerk, dank der Perlenkette, der Vergoldung und der Länge der Federn auf Pylades' Helm.

Prodigious! wie der gute Dominus Samson sagt ... pro-digious! ...

Ich brauche kaum hinzuzufügen, daß nicht einmal mit dem Studium der Iphigenie begonnen wurde. Jullien hatte, einige Tage nach diesem weisen Konzil, London den Rücken gekehrt und ließ sein Theater stromabwärts treiben. Übrigens hatten sich Sänger und Chordirektor, wie billig, gegen die »alte Partitur« ausgesprochen, und der Tenorgott (Reeves) hatte furchtbar gelacht über die Zumutung, den Pylades zu singen.

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