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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 73
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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70.

Meine Rückkehr. Riga. Berlin. Aufführung des Faust. Ein Diner in Sanssouci. Der König von Preußen.

 

Die große Fastenzeit war zu Ende; nichts hielt mich mehr in St. Petersburg, und ich entschloß mich – wie ich sagen muß, mit sehr lebhaftem Bedauern –, die glänzende Hauptstadt zu verlassen, deren bezaubernde Gastfreundlichkeit mir so köstlich gewesen. Als ich durch Riga kam, hatte ich den sonderbaren Einfall, dort ein Konzert zu geben. Die Einnahme deckte kaum die Kosten, aber ich machte dadurch die Bekanntschaft mehrerer ausgezeichneter Künstler und Kunstfreunde, unter anderen die des Kapellmeisters Schrameck, des Herrn Martinson und des Postdirektors. Dieser Letztgenannte war sehr wenig einverstanden mit meinem Konzertprojekt gewesen: »Unsere kleine Stadt«, sagte er, »hat gar keine Ähnlichkeit mit Petersburg; wir sind Kaufleute; alles ist gegenwärtig mit dem Verkauf von Getreide beschäftigt; Sie werden als Zuhörer höchstens etwa hundert Damen haben und nicht einen Mann.« Er täuschte sich: ich hatte einhundertzweiunddreißig Damen und sieben Männer. Ich glaube sogar, daß mir in Summa zwölf Silberrubel (zwölf Franken) netto blieben. Derselbe Postdirektor behauptete, mein Äußeres trage nicht den Stempel meines Berufs: »Sie sehen nicht bösartig aus,« sagte er, »und nach Ihren Feuilletons, die ich eifrig lese, hatte ich mich auf eine ganz andere Physiognomie gefaßt gemacht; denn, hol' mich der Teufel, Sie schreiben nicht mit der Feder, sondern mit dem Dolche.« Jedenfalls ist die Spitze meines Dolches nicht vergiftet, und die precious villain, Mit diesem Ausdruck bezeichnet Othello den Jago. deren Erdrosselung man mir so bereitwillig zutraut, befinden sich vortrefflich. Übrigens ward mir in Riga ein Glück zuteil, das ich weit entfernt war zu erwarten: der treffliche deutsche Schauspieler Baumeister gab dort Vorstellungen und ich sah ihn als ... Hamlet!

Ein Brief des Grafen Roedern hatte mich, fünf Wochen früher, in Moskau erreicht, worin er mir den Wunsch des Königs von Preußen, meine Faustlegende kennen zu lernen, ausdrückte. Der König stellte mir die Oper und alle ihre Mittel zur Verfügung und sicherte mir die Hälfte der Bruttoeinnahme zu. Für diese königliche Huld konnte ich nur sehr dankbar sein. Ich blieb also etwa zehn Tage in Berlin, um die Aufführung des Faust vorzubereiten. Sie war bewundernswert vonseiten des Orchesters und des Chors, aber sehr schwach in anderen Beziehungen. Der Tenor, der die Partie des Faust übernommen hatte, und der Sopran, der der Partie Margaretens nicht gewachsen war, fügten mir den größten Schaden zu. Die Ballade vom König von Thule (seitdem sonst überall beifällig aufgenommen) wurde ausgepfiffen, aber ich konnte nicht erfahren, ob diese Kundgebungen dem Komponisten oder der Sängerin galten, oder allen beiden zugleich. Diese letzte Annahme ist die wahrscheinlichste. Das Parterre war mit mißgünstigen Leuten besetzt, die, wie mir berichtet ward, unwillig darüber waren, daß ein Franzose die Frechheit gehabt, eine musikalische Paraphrase über das deutsche Nationalgedicht zu schreiben; darunter auch Anhänger des Fürsten von Radziwill der, mit Hilfe einer guten Anzahl wirklicher Komponisten, Gesangszenen aus Faust komponiert hatte. Ich habe nie im Leben etwas so Drollig-Wütendes gesehen, als die Unduldsamkeit gewisser Vergötterer der deutschen Nationalität ... Außerdem hatte ich diesmal einen Teil des Opernorchesters gegen mich, dessen gute Gesinnung mir entfremdet worden war, seitdem meine Berliner Briefe in Gathys deutscher Übersetzung zu Hamburg erschienen waren. Dennoch enthalten diese Briefe, die in den vorliegenden Memoiren wiedergegeben sind, nichts Verletzendes gegen die Instrumentalisten von Berlin, wie man sich überzeugen kann. Im Gegenteil: ich lobe sie in jeder Weise, wobei ich lediglich, mit großer Zurückhaltung, einige Kleinigkeiten an ihrem Orchester beanstande. Ich nenne dieses Orchester großartig, ich erkläre, es sei begabt mit den hervorragenden Eigenschaften der Präzision, des guten Zusammenspiels, der Kraft und der Feinheit; aber – und hierin besteht mein Verbrechen – ich stelle einen Vergleich an zwischen gewissen Virtuosen und denen von Paris, und gestehe (schaudert vor Entrüstung!), daß, im Hinblick auf die Flötisten, die unsern jene überträfen. Nun, diese einfachen Worte hatten im Herzen des Berliner ersten Flötisten einen Berg von Wut aufgehäuft, und es war ihm, soviel ich erfahren konnte, geglückt, seinen Zorn vielen seiner Kollegen mitzuteilen, denen er einredete, ich hätte tausend Verleumdungen über das Berliner Orchester veröffentlicht. Das beweist von neuem, wie gefährlich es ist, über Musiker zu schreiben und sich dem Gegenwind ihrer Eitelkeit auszusetzen, wenn man das Unglück hatte, sie im geringsten zu verletzen. Wenn man einen Sänger kritisiert, setzt man sich kaum der Feindschaft seiner Rivalen aus; im Gegenteil: diese finden gewöhnlich, man habe nicht strenge genug mit ihm verfahren; aber der Virtuose eines musikalischen Verbandes von Ruf behauptet immer, man beschimpfe, wenn man ihn tadelt, das ganze Korps, dem er angehört, und manchmal gelingt es ihm, seine Kollegen diese Dummheit glauben zu machen. Während der Proben zu Benvenuto Cellini in Paris geschah es eines Tages, daß ich einen zweiten Hornisten (Herrn Meyfred, einen sonst verständigen Mann,) auf einen Fehler an einer wichtigen Stelle hinwies. Auf diese ruhig und so höflich wie möglich gemachte Bemerkung hin erhebt sich Herr Meyfred aufgebracht und ruft, seine Fassung gänzlich verlierend: »Ich blase, was da steht! Warum mißtrauen Sie dem Orchester? ...« Hierauf entgegnete ich noch ruhiger: »Zunächst, mein lieber Herr Meyfred, handelt es sich gar nicht um das Orchester, sondern um Sie allein; dann habe ich auch kein Mißtrauen, denn das setzt einen Zweifel voraus, und ich bin vollkommen sicher, daß Sie sich geirrt haben.« Um wieder auf das Berliner Orchester zurückzukommen, so brauchte ich nicht lange, um seine Mißstimmung gegen mich in den Faustproben zu erkennen. Der eisige Empfang, den es mir jeden Tag bereitete, sein feindliches Schweigen nach den besten Stücken der Partitur, die wütenden Blicke, welche namentlich die Flöten auf mich schleuderten, und endlich die Aufklärungen, die ich von den mir freundlich gebliebenen Musikern erhielt, konnten mir keinerlei Zweifel lassen. Diese Letztgenannten waren durch die rasende Feindschaft ihrer Kameraden eingeschüchtert und wagten nicht, zu applaudieren; einer von ihnen, der ein wenig französisch sprach, raunte mir nach einer Probe im Vorbeigehen die Worte zu: » Monsieur! la mousik ... elle est souperbe! ...« Wenn ich nun an gewisse Leute denke, die meine Ballade auspfiffen, so darf ich wohl so mißtrauisch sein (hierher gehört der Ausdruck), sie in Zusammenhang zu bringen mit den großen, unbeschreiblichen, unvergleichlichen Flöten des Berliner Orchesters. Wie dem auch sei, ich wiederhole: die Leistung des Orchesters, wie die des Chors, war schön und ohne Tadel.

Boeticher sang die Partie des Mephisto ausgezeichnet musikalisch und wahrhaft künstlerisch; das Publikum schrie nach der Sylphenszene » da capo!«; aber ich hatte schlechte Laune und wollte das Stück durchaus nicht wiederholen. Die preußische Prinzessin, die zweimal um acht Uhr morgens in das kalte, dunkle Opernhaus gekommen war, meine Proben zu hören, sagte mir Liebenswürdigkeiten aller Art; der König schickte mir durch Meyerbeer den Roten Adlerorden und lud mich auf den übernächsten Tag zum Diner nach Sanssouci ein, und der große Kritiker Rellstab, der altböse Feind Meyerbeers und Spontinis, gab mir mündlich Zeichen der Freundschaft und Achtung und verriß mich dann in der Staatszeitung aufs allerbeste. – Das sind gewiß viele Erfolge, deren letzter, nach meinem Empfinden, nicht der schlechteste war. Dieses Diner in Sanssouci war reizend. Herr von Humboldt, der Graf Matthias Wielhorsky und die Prinzessin von Preußen befanden sich unter den Gästen. – Nach dem Dessert ging man zum Café in den Garten. Der König ging, die Tasse in der Hand, spazieren; als er mich auf der Treppe eines Pavillons bemerkte, rief er von weitem:

– »He! Berlioz, kommen Sie doch und berichten Sie mir von meiner Schwester und von Ihrer russischen Reise.«

Ich beeilte mich näher zu treten und erzählte meinem erlauchten Amphitryon, ich weiß nicht, welche Narreteien, die ihn in die beste Laune brachten.

– »Haben Sie russisch gelernt?« fragte er mich.

– Jawohl, Majestät, ich kann sagen: na prava, na leva, (nach rechts, nach links), um einem Schlittenkutscher den Weg zu weisen; dann kann ich noch sagen: dourack, wenn der Kutscher sich irrt.

– »Und was bedeutet das Wort › dourack‹?«

– Dummkopf, Majestät!

– »Hahaha, Dummkopf, Majestät! Dummkopf, Majestät! Das ist allerliebst!«

Und der König lachte schallend, unter so heftigen Zuckungen des Bauches und der Arme, daß er fast den ganzen Inhalt seiner Tasse über den Sand schüttete. Dieser Heiterkeitsausbruch, an dem ich mich ohne weiteres beteiligte, machte mich sofort zur wichtigen Persönlichkeit. Mehrere Höflinge, Offiziere, Edelleute und Kammerherrn hatten ihn vom Pavillon aus bemerkt, in dem sie verblieben waren, und sogleich war man darauf bedacht, sich mit dem Manne gut zu stellen, der den König so herzlich zum Lachen brachte und selbst so familiär mitlachte. Als ich einen Augenblick später zum Pavillon zurückkehrte, sah ich mich von großen Herren umringt, die mir vollkommen unbekannt waren und, bescheiden ihren Namen nennend, tiefe Verbeugungen machten: Mein Herr, ich bin der Fürst X. und schätze mich glücklich, Ihre Bekanntschaft zu machen. – Ich bin der Graf X.; gestatten Sie mir, Ihnen zu dem soeben gehabten schönen Erfolge zu gratulieren. – Ich bin der Baron X.; ich hatte die Ehre, Sie vor sechs Jahren in Braunschweig zu sehen und bin entzückt usw. usw. Ich begriff nicht, wie ich aus dem Stegreif zu einem solchen Kredit am preußischen Hofe kommen konnte, bis mir endlich die Szene des ersten Aktes der Hugenotten einfiel, wo sich Raoul, nach Empfang des Briefes der Königin Margarete, von Leuten umgeben sieht, die ihn kanonisch von allen Tonstufen aus ansingen: »Freund sind wir Euch, wie Ihr wißt, jederzeit!« Man hielt mich für einen mächtigen Günstling des Königs. Nichts Drolligeres auf der Welt, als so ein Hof! ...

Ohne mächtig oder begünstigt zu sein, bin ich wenigstens tief erkenntlich für das Wohlwollen, das mir der König von Preußen so oft bewiesen, und es war nicht der Schatten von Schmeichelei in meinen Worten, als ich ihm an jenem Tage in einem Augenblick ernsthafter Unterhaltung sagte:

– »Sie sind der wahre König der Künstler.«

– Wie das? Was hab ich denn für sie getan?

– »Um nur von den Musikern zu reden, so haben Sie schon viel für sie getan, Majestät. Sie haben Spontini und Meyerbeer mit Ehren überhäuft und königlich belohnt; Sie haben ihre Werke glänzend aufführen lassen, Sie haben die Meisterwerke Glucks, die man, außer in Berlin, nirgend mehr hört, aufs großartigste neu einstudieren lassen; Sie haben die sophokleische Antigone wieder aufführen und zu dieser Auferstehung Mendelssohn die Chöre schreiben lassen; Sie haben ferner diesen Meister mit der Komposition der Musik zu Shakespeares reizender Phantasie ›Ein Sommernachtstraum‹ beauftragt usw. Überdies wird das unmittelbare Interesse, das Sie an allen edeln künstlerischen Versuchen nehmen, zum Sporn für die Tätigkeit ihrer geistigen Urheber, eine unablässige Ermutigung für ihre Arbeiten; und diese Stütze, die Eure Majestät den Künstlern bei ihren Bemühungen bietet, ist, als die einzige dieser Art in Europa, um so wertvoller für sie.«

– Nun, was Sie da sagen, ist vielleicht wahr; aber man muß nicht so viele Worte darüber verlieren.

Gewiß sprach ich die Wahrheit. Heute ist es nicht mehr so; der König von Preußen ist nicht mehr der einzige Souverän Europas, der sich für Musik interessiert. Es gibt noch zwei andere: den jungen König von Hannover und den Großherzog von Weimar. Im ganzen drei.

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