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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 71
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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68.

Der preußische Kurier. Herr Nernst. Die Schlitten. Der Schnee. Dummheit der Raben. Die Grafen Wielhorski. Der General Lwoff. Mein erstes Konzert. Die Kaiserin. Guter pekuniärer Erfolg. Reise nach Moskau. Groteskes Hindernis. Der Großmarschall. Die jungen Melomanen. Die Kanonen des Kreml.

 

Um in Petersburg Konzerte, wie die meinen, ohne Hindernis geben zu können, muß man die große Fastenzeit wählen, während welcher die Theater geschlossen sind und die sich über den ganzen Monat März erstreckt. Ich reiste also am 14. Februar 1847 von Paris ab. Der Boden war dort mit sechs Zoll Schnee bedeckt, und bis St. Petersburg, wo ich vierzehn Tage später ankam, verlor ich ihn nicht einen einzigen Augenblick aus dem Gesicht. In Belgien war sogar eine solche Überfülle davon gefallen, daß mein Zug gezwungen war mehrere Stunden in Tirlemont zu halten, während Arbeiter die Bahn frei machten. Man stelle sich vor, was ich in der nächsten Woche unter der Kälte zu leiden hatte, nachdem die andere Seite des Niemen erreicht war.

Ich hielt mich nur einige Stunden in Berlin auf, wo ich den König von Preußen um einen Empfehlungsbrief für seine Schwester, die Kaiserin von Rußland, bat, den mir der König in seiner gewohnten Güte sogleich schickte.

Als ich mit der Post von Berlin nach Tilsit fuhr, traf es sich leider, daß ich einen melomanen Kurier hatte, der mich die ganze Zeit, die ich im Wagen an seiner Seite zubrachte, auf die Folter spannte. Dieser Mensch hatte nicht sobald meinen Namen in seinem Verzeichnis gelesen, als er auch schon den Plan faßte, mich unterwegs folgendermaßen auszuschlachten: Er hatte den Fimmel, Polkas und Walzer für Klavier zu schreiben. Infolgedessen verweilte er, und manchmal sehr lange, auf den Poststationen, wo er, während man ihn mit dem Abschluß seiner Rechnungen beim Direktor beschäftigt glaubte, seine Zeit darauf verwandte, Notenpapier zu liniieren, auf das er die Tanzmelodie schrieb, die er während der drei letzten Stunden durch die Zähne gepfiffen hatte. Hiernach wieder einsteigend, geruhte er Befehl zum Abfahren zu geben und überreichte mir alsbald seine Polka oder seinen Walzer mit einem Bleistift, damit ich den Baß und die Harmonie darunter schriebe. Nachdem dieser Baß geschrieben war, folgten Erklärungen ohne Ende, Fragen: warum und wieso, Erstaunen und Entzücken – was mich das erstemal sehr belustigt hatte, das zweite- und drittemal aber die wenigen Begriffe meines guten Kuriers von Musik und Französisch aus Herzensgrund verfluchen ließ. In Frankreich wäre mir so etwas nicht zugestoßen! In Tilsit angekommen, fragte ich nach dem Postmeister Herrn Nernst; ich berichte sogleich, durch welchen Zufall ich seinen Namen kannte und auf seine Gefälligkeit zählte. Man zeigt mir sein Zimmer, ich trete ein und sehe einen dicken Mann mit einer Tuchmütze, dessen strenges Gesicht gleichwohl Geist und Güte verriet. Er saß auf einem hohen Stuhl, von dem er bei meinem Eintritt keineswegs aufstand.

»Herr Nernst?« fragte ich grüßend.

»Der bin ich, mein Herr; mit wem habe ich die Ehre?«

– »Mit Hector Berlioz.«

– »Ach! Sonst nichts!« rief er und sprang von seinem Stuhl herunter vor mich hin, die Mütze in der Hand.

Und alsbald überhäufte mich der gute Mann mit Höflichkeiten und Zuvorkommenheiten aller Art, die sich verdoppelten, als ich ihm mitteilte, auf wessen Empfehlung hin ich mich vorstellte. »Wenn Sie durch Tilsit kommen, versäumen Sie nicht nach dem Postdirektor Herrn Nernst zu fragen«, hatte mir in Paris einer meiner Freunde gesagt; »das ist ein trefflicher Mann, übrigens wohl unterrichtet und belesen; er kann Ihnen sehr nützlich werden.« Der Freund, der mir tags vor meiner Abreise, an einer Straßenecke, wo ich ihn um elf Uhr nachts traf, diese Empfehlung gegeben hatte, war H. de Balzac, der, kurz vorher, selbst die Reise nach Rußland gemacht hatte. Als er hörte, daß ich nach St. Petersburg ginge, um dort Konzerte zu geben, sagte er ganz ernsthaft zu mir: »Sie werden mit hundertfünfzigtausend Franken zurückkommen; ich kenne das Land; Sie können nicht weniger mitbringen.« Der große Geist hatte die Schwäche, daß er überall die Möglichkeit sah, Vermögen zu erwerben, Vermögen, die er sich gerne von einem Bankier hätte diskontieren lassen, so sicher glaubte er ihrer zu sein. Er träumte nur von Millionen, und die unzähligen Enttäuschungen dieser Art, die er sein ganzes Leben lang erfahren, hatten ihm den Glauben an dieses ewige Wunder nicht nehmen können. Ich belächelte eine solche Schätzung der künftigen Ergebnisse meiner Reise, gab mir jedoch den Anschein, als zweifle ich nicht an ihrer Richtigkeit. Bald wird man sehen, das, wenn auch meine Konzerte zu Petersburg und Moskau mehr eintrugen, als ich gehofft, ich dennoch aus Rußland viel weniger mitbringen konnte, als die von Balzac prophezeiten hundertfünfzigtausend Franken.

Dieser geniale Schriftsteller, der unvergleichliche Anatom des Herzens unserer modernen französischen Gesellschaft, war begreiflicherweise für Herrn Nernst und mich ein ergiebiger Gesprächsstoff. Herr Nernst gab mir von Balzac und von dessen Heirats- und Herzensangelegenheiten in Galizien Schilderungen, die mich lebhaft interessierten. Übrigens gehört er der kleinen Anzahl Ausländer an, denen es erlaubt ist, Balzac leidenschaftlich zu bewundern, denn er kann französisch genug, seine Prosa zu verstehen. Ich erinnere mich eines Lachanfalls, den mein Vater bekam, als ich bei meiner Rückkehr nach Frankreich diese Reiseepisode in meiner Familie erzählte, wie Herrn Nernst der Ausruf »sonst nichts!« entfahren sei, als er meinen Namen nennen hörte. Zwar war er damals schon recht schwach, recht leidend und recht traurig; aber der naive Stolz, den er trotz all seiner Philosophie, über diesen originellen Beweis der Berühmtheit seines Sohnes empfand, offenbarte sich so, fast gegen seinen Willen.

– »Sonst nichts!« wiederholte er und verdoppelte sein Gelächter. »Das war in Tilsit, sagst Du?«

– »Ja, am Ufer des Niemen, an Preußens äußerster Grenze.«

– »Sonst nichts!«

Und wieder brach er in Lachen aus.

Nach einigen so verbrachten Ruhestunden in Tilsit trat ich, ausgerüstet mit den Weisungen des Herrn Nernst und erwärmt durch einige Gläser ausgezeichneten Curaçao, den er sich nicht nehmen ließ, mir anzubieten, den beschwerlichsten Teil meiner Reise an. Ein Postwagen brachte mich bis zur russischen Grenze nach Tauroggen. Dort mußte ich mich in einen eisernen Schlitten einsperren, den ich bis St. Petersburg nicht verlassen durfte, und wo ich vier schwere Tage und ebensoviele entsetzliche Nächte Qualen ausstehen sollte, deren Existenz ich nicht ahnte.

Tatsächlich wird man in dieser hermetisch verschlossenen Metallbüchse, in die trotzdem der Schnee eindringt und einem das Gesicht bepudert, fast fortwährend mit Gewalt geschüttelt, wie Bleikörner in einer Flasche, die gereinigt werden soll. Daher erhält man durch die beständigen Stöße der Schlittenwände eine Menge Quetschungen des Kopfes und der Gliedmaßen. Außerdem bekommt man davon Brechreiz und ein Übelkeitsgefühl, das ich, wegen seiner Ähnlichkeit mit der Seekrankheit, »Schneekrankheit« nennen möchte.

Man glaubt in unserem temperierten Klima allgemein, die russischen Schlitten, von raschen Pferden gezogen, glitten über den Schnee, wie über das Eis eines Sees; infolgedessen denkt man sich diese Art des Reisens bezaubernd. Nun, die Wahrheit ist die: wenn man das Glück hat, einheitliches Gelände mit unberührtem oder überall gleichmäßig geebnetem Schnee anzutreffen, so läuft der Schlitten wirklich reißend schnell und vollkommen wagerecht. Aber es kommen auf hundert Meilen Weges nicht zwei derartige. Alles übrige ist durch die Bauernschlitten, die in dieser sogenannten »Schleißzeit« große Holzmassen schleißen, zerpflügt, von kleinen Quertälern durchschnitten, und gleicht einem Meer im Sturm, dessen Wellen gefroren sind. Die Zwischenräume zwischen diesen Schneewogen werden von wirklichen tiefen Gräben gebildet, durch die der Schlitten, nachdem er zuerst gewaltsam bis zum Gipfel der Woge aufgehißt worden, plötzlich herabfällt, so hart und krachend, daß einem der Schädel springen möchte; besonders bei Nacht, wenn man, einen Augenblick vom Schlaf bezwungen, nicht mehr auf den Empfang der schrecklichen Stöße gefaßt ist. Wenn die Wellen gleichmäßig und weniger hoch sind, kann ihnen der Schlitten in geregeltem Laufe folgen, steigend und sinkend, wie ein Kahn auf Meeresfluten. Davon kommen die Herzbeklemmungen, ja sogar Brechanfälle, von denen ich schon sprach: vom Frost zu geschweigen, der gegen Mitternacht, trotz den Pelzsäcken, Mänteln, Fellen, die einen bedecken, und dem Heu, das den Schlitten erfüllt, allmählich unerträglich wird. Man fühlt sich dann am ganzen Körper wie von einer Million Nadeln gestochen und, was man auch sage, man zittert vor Todesangst, zu erfrieren, fast ebenso, als vor Frost.

Wenn die glänzende Sonne gewisser Tage mir erlaubte, mit einem Blick diese trübselige blendende Wüste zu umfassen, konnte ich nicht umhin, an den nur zu berühmten Rückzug unserer armen, zersprengten, bluttriefenden Armee zu denken. Ich glaubte zu sehen, wie sich unsere unglücklichen Soldaten ohne Kleider, ohne Schuhwerk, ohne Brot, ohne Branntwein, ohne Seelen- und Körperkräfte, zumeist verwundet, wie Gespenster am Tage dahinschleppen, wie sie sich nachts ohne Obdach, gleich Leichnamen, auf diesem unbarmherzigen Schnee ausstrecken, bei einem schrecklicheren Frost noch, als dem, der mich peinigte. Und ich fragte mich, wie nur ein einziger unter ihnen habe solchen Leiden widerstehen und lebend dieser gefrorenen Hölle entrinnen können ... Der Mensch muß mit wunderbarer Lebensfähigkeit begabt sein.

Dann mußte ich über die Dummheit der ausgehungerten Raben lachen, die meinem Schlitten mit erstarrtem Flügel folgten, sich von Zeit zu Zeit auf den Weg setzten, um sich mit Pferdemist vollzustopfen, sich dann auf dem Bauche duckten, um auf diese Weise, so gut es gehen wollte, ihre halberfrorenen Klauen wieder zu erwärmen – während sie, gen Süden fliegend, mühelos in einigen Stunden mildes Klima, fruchtbare Gefilde und Futter in Fülle gefunden hätten. So ist also dem wahren Rabenherzen das Vaterland teuer? Wenn man schon, wie unsere Soldaten zu sagen pflegten, so etwas »Vaterland« nennen kann.

Endlich eines Sonntagabends, vierzehn Tage nach meiner Abreise von Paris, kam ich, ganz verschrumpft vor Kälte, in der stolzen nordischen Hauptstadt, St. Petersburg genannt, an. Nach dem, was man mir in Frankreich von der Strenge der kaiserlichen Polizei gesagt, hatte ich mich auf die Konfiszierung meiner Notenballen für wenigstens eine Woche gefaßt gemacht; sie waren an der Grenze kaum geöffnet worden. Davon zu geschweigen, fragte man mich auf dem Polizeibureau nicht einmal nach dem Inhalt, und ich konnte sie ohne weiteres mit mir ins Hotel nehmen. Ich gestehe: das war eine angenehme Überraschung.

Kaum hatte ich mir's eine Stunde lang in einem warmen Zimmer bequem gemacht, als ein sehr liebenswürdiger, gebildeter Musikfreund, Herr von Leng (siehe meine Untersuchung seines Buches über Beethoven in den »Orchesterabenden«), der mir vor einigen Jahren in Paris begegnet war, mich willkommen hieß.

– »Ich komme vom Hause des Grafen Michel Wielhorsky,« sagte er zu mir, »wo wir soeben Ihre Ankunft erfahren haben. Es ist große Soiree bei ihm, alle musikalischen Autoritäten Petersburgs sind dort versammelt, und der Graf schickt mich, Ihnen zu sagen, daß er sich sehr freuen würde, Sie zu empfangen.«

– »Aber wie kann man denn schon wissen, daß ich hier bin?«

– »Genug ... man weiß es ... kommen Sie, kommen Sie.«

Ich ließ mir nur Zeit, das Gesicht aufzutauen, mich zu rasieren und umzukleiden, und folgte meinem freundlichen Führer zum Grafen Wielhorsky.

Ich sollte sagen »zu den Grafen«, denn es sind zwei Brüder, die zusammen wohnen, beide gleich warme Verehrer der Musik. Ihr Haus in St. Petersburg ist ein kleines Ministerium der schönen Künste, dank der Autorität, die ihr mit Recht gerühmter Geschmack den Grafen Wielhorsky verleiht, dank dem Einfluß, den sie durch ihr großes Vermögen und ihre zahlreichen Beziehungen üben, dank endlich ihrer offiziellen Stellung, die sie am Hofe beim Kaiser und der Kaiserin einnehmen.

Die Art und Weise, wie sie mich empfingen, war von bezaubernder Herzlichkeit; in einigen Stunden war ich von ihnen den Hauptpersonen: Virtuosen, Literaten, die sich in ihrem Salon befanden, vorgestellt. Ich machte sogleich die Bekanntschaft des trefflichen Heinrich Romberg, damals Kapellmeister am Italienischen Theater, der, mit unvergleichlicher Gefälligkeit, von Stund an mein musikalischer Führer durch St. Petersburg und Regisseur meines mitwirkenden Personals wurde.

Der Tag meines ersten Konzertes ward am selben Abend vom General Guédéonoff, dem Intendanten der kaiserlichen Theater, festgesetzt, der Versammlungssaal des Adels dazu ausgewählt, der Preis der Plätze besprochen, und auf drei Silberrubel (zwölf Franken) festgesetzt, und so gelangte ich also, kaum vier Stunden nach meiner Ankunft, in medias res. Romberg holte mich am andern Tage ab, und ich begann mit ihm die Stadt abzulaufen um die Hauptkünstler, deren Mitwirkung ich brauchte, zu besuchen und zu engagieren. Mein Orchester war bald gebildet. Mit Hilfe des General Lwoff, des kaiserlichen Generaladjutanten und Dirigenten der kaiserlichen Kapelle, eines Komponisten und Virtuosen von seltensten Fähigkeiten, der mir von allem Anfang an Beweise der freiesten musikalischen Mitbrüderschaft gegeben, kamen wir ebenso schnell mit der Zusammenstellung eines beträchtlichen, gut gewählten Chores zurecht. Nur zwei Solisten fehlten mir noch, ein Baß und ein Tenor, für die beiden ersten Teile des Faust, die ich aufs Programm gesetzt hatte. Versing, der Baß vom Deutschen Theater, übernahm die Partie des Mephisto, und Ricciardi, ein italienischer Tenor, den ich einst in Paris kennen gelernt, die des Faust: nur mußte er französisch singen, während Mephistopheles auf deutsch sang. Aber das russische Publikum, dem die beiden Sprachen gleich vertraut sind, nahm diese Seltsamkeit sehr gut auf. Für die Choristen, die auf deutsch sangen, mußten alle Worte in russische Buchstaben umgeschrieben werden, da ihnen nur diese bekannt waren. Außerdem erklärte mir Romberg von der ersten Probe an, die deutsche Übersetzung meines Faust, die ich in Paris unter großen Kosten hatte machen lassen, sei erbärmlich und auf unsangbare Weise deklamiert. Er beeilte sich, um mein Konzert nicht aufzuhalten, die gröbsten Schnitzer dieses Unglückstextes zu verbessern; aber ich mußte mich einige Wochen später entschließen, einen neuen Übersetzer zu suchen und hatte das Glück, Herrn Minzlaff zu finden, der als musikalischer Mensch seiner Aufgabe vollkommen gewachsen war und mir aus der Verlegenheit half. Das Orchester und der Chor waren zahlreich und wohlgeübt, außerdem hatte ich eine Militärkapelle, die mir der General Lwoff durch eine Auswahl von Musikern der kaiserlichen Garde verschafft hatte. Romberg und Maurer, das heißt: die beiden Kapellmeister von St. Petersburg, hatten sogar die kleinen antiken Cymbeln im Scherzo der Fee Mab übernommen. Es herrschte unter all meinen Künstlern ein freudiger Zug, eine Beseelung, ein Eifer, die mir für die Aufführung Gutes verhießen, und zudem hatte ich unter ihnen einen Landsmann gefunden, den geschickten Violoncellisten Tajan-Rogé, einen echten, warmherzigen Künstler, der mir mit ganzer Seele beistand. Mein Programm, das aus der Ouvertüre »Römischer Karneval«, den beiden ersten Teilen des Faust, des Scherzos »Fee Mab« und der Apotheose meiner »Trauer- und Triumphsinfonie« bestand, wurde in der Tat sehr gut ausgeführt. Die Begeisterung des zahlreichen, glänzenden Publikums, das den ungeheuern Saal erfüllte, übertraf, namentlich bei »Faust«, alles, was ich mir in dieser Art hatte träumen lassen. Beifallssalven, Hervorrufe, da capo-Geschrei betäubten mich fast. Nach dem ersten Teile des Faust ließ mich die Kaiserin, die dem Konzert beiwohnte, vom Grafen Wielhorsky zu sich rufen, und ich mußte in dem wenig schicklichen Zustand, in dem ich mich befand, rot, schwitzend, keuchend, mit zerzauster Kravatte, kurz: im Aufzug eines der Musikschlacht Entronnenen, vor Ihrer Majestät erscheinen.

Die Kaiserin empfing mich aufs schmeichelhafteste, stellte mich den Prinzen, ihren Söhnen, vor, sprach von ihrem Bruder, dem König von Preußen, von dem Interesse, das er für mich habe und von dem seine Briefe Zeugnis gäben, machte mir große Komplimente über meine Musik, wobei sie sich über die von mir erzielte vorzügliche Aufführung wunderte. Nach einer viertelstündigen Unterhaltung sagte sie:

– »Ich gebe Sie Ihrem Auditorium zurück; es ist dermaßen hingerissen, daß Sie es nicht zu lange auf den zweiten Teil des Konzertes warten lassen dürfen.«

Und ich verließ das Empfangszimmer voller Erkenntlichkeit für so viel kaiserliche Huld.

Nach dem Sylphenchor stieg die Erregung des Publikums tatsächlich aufs äußerste; man hatte sich auf diese feine, ätherische Art von Musik nicht gefaßt gemacht, die so zart ist, daß man das Ohr spitzen muß, sie zu hören. Ich gestehe: das war ein berauschender Moment für mich. Ich war ein wenig unruhig wegen meiner Militärkapelle, da ich sie zur Apotheose am Schlusse des Konzerts nicht kommen sah.

Ich fürchtete, sie möchte, wenn sie mitten in einem Orchesterstück einträte, einigen Lärm machen und womöglich den Effekt verderben. Ich hatte nicht mit der Disziplin gerechnet ...: als ich mich nach dem Scherzo »Fee Mab« umdrehte, das doch gewiß große Stille verlangt, bemerkte ich meine sechzig Musiker, ordentlich aufgestellt, ihr Instrument in der Hand. Sie waren eingetreten und hatten Posto gefaßt, ohne daß sie jemand bemerkt hätte. Das läßt man sich gefallen! ...

Endlich war das Konzert zu Ende, die Umarmungen überstanden, eine Flasche Bier getrunken, und mir fiel ein, nach dem finanziellen Ergebnis des Experiments zu fragen: achtzehntausend Franken. Sechstausend davon kostete das Konzert, es blieben mir also noch netto zwölftausend Franken.

Ich war gerettet!

Daraufhin wandte ich mich mechanisch nach Südwesten und konnte mich, im Hinblick auf die Küste Frankreichs, nicht enthalten zu murmeln: »O, meine lieben Pariser!«

Zehn Tage später gab ich ein zweites Konzert mit dem gleichen Resultat; ich war reich. Dann reiste ich nach Moskau ab, wo mich ziemlich befremdliche materielle Schwierigkeiten erwarteten: Musiker dritten Ranges, fabelhafte Choristen, aber ein Publikum von einem Feuer und einer Empfänglichkeit, die mindestens der Wärme des Petersburger Publikums gleichkamen, und im ganzen eine Einnahme von achttausend Franken. Nach diesem Konzert drehte ich mich abermals nach Südwesten, gedachte abermals meiner blasierten, gleichgültigen Landsleute und sagte wiederum: »O, meine lieben Pariser!«

Glücklicherweise geschah das nicht zum letzten Male. Auch in London hatte ich seitdem oft Gelegenheit mich nach Südosten zu drehen ...

In den Augen vieler Leute ist ein Musiker ein Mensch, der irgendein Instrument spielt. Es kommt ihnen nie in den Sinn, daß es auch Komponisten gibt, besonders solche, die Konzerte geben, um ihre Werke bekannt zu machen. Diese Leute denken ohne Zweifel, die Musik befinde sich bei den Verlegern, wie die Pasteten beim Bäcker, und man habe nur die Mühe, sie zubereiten zu lassen von Arbeitern, deren Geschäft das ist. Ich gebe zu, daß diese Meinung, sie sei so exzentrisch wie sie wolle, in vielen Fällen begründet ist; dennoch ermangelt sie mitunter der Richtigkeit und Gerechtigkeit. Aber nichts ist so spaßig, wie das Erstaunen gewisser Personen, wenn man ihnen von einem Komponisten spricht.

In Breslau wäre ich eines Tages beinahe von einem guten Familienvater verhöhnt worden, der mich durchaus zwingen wollte, seinem Sohne Violinstunden zu geben. Ich hatte gut dagegen protestieren: es sei der größte Zufall, wenn ich dieses Instrument spielen könne, da ich nie im Leben einen Bogen angerührt hätte; er nahm all meine Worte für falsche Münze und wollte nur eine Art plumper Verstellung darin sehen:

– »Sie glauben ohne Zweifel mit dem berühmten Geiger de Bériot zu sprechen, dessen Name wirklich große Ähnlichkeit mit dem meinen hat.«

– Mein Herr, ich habe gerade Ihren Anschlag gelesen; Sie geben übermorgen ein Konzert im Saale der Universität, also ...

– »Ja, ich gebe ein Konzert, aber ich spiele nicht Geige.«

– Was machen Sie denn?

– »Ich lasse Geige spielen, ich leite das Orchester; gehen Sie nur hin, Sie werden schon sehen.«

Mein Mann verharrte in seinem Zorn bis zum nächsten Tag, und erst beim Verlassen des Konzerts vermochte er sich, mit Hilfe angestellter Betrachtungen Rechenschaft zu geben über die Art und Weise, wie ein Musiker öffentlich auftreten könne, ohne selbst Ausübender zu sein.

In Moskau hätte ein Mißverständnis gleicher Art fast schwere Folgen für mich gehabt. Der Versammlungssaal des Adels war allein für mein Konzert geeignet. Um die Verfügung darüber zu erlangen, lasse ich mich zum Erzmarschall des Versammlungspalastes führen, einem würdigen Greis von achtzig Jahren, und erkläre ihm den Zweck meines Besuches.

– »Was für ein Instrument spielen Sie?« fragte er mich gleich anfangs.

– Ich spiele überhaupt kein Instrument.

– »Wie fangen Sie es dann an, ein Konzert zu geben?«

– Ich lasse meine Kompositionen aufführen und leite das Orchester.

– »Ach, das ist wirklich originell! Ich habe nie von ähnlichen Konzerten reden hören. Ich will Ihnen gerne unsern großen Saal geben; aber, wie Sie zweifellos wissen, muß sich dagegen jeder Künstler, dem wir das Verfügungsrecht darüber einräumen, nach seinem Konzert in einer der Privatgesellschaften des Adels hören lassen.«

– Die Versammlung hat also ein Orchester, das sie mir für meine Musik zur Verfügung stellt?

– »Ganz und gar nicht.«

– Und gleichwohl soll ich sie zu Gehör bringen? Man verlangt doch wohl nicht, daß ich dreitausend Franken ausgeben soll, um die Musiker zu bezahlen, die zur Aufführung einer meiner Sinfonien im Privatkonzert der Versammlung notwendig sind?

– »Dann tut es mir leid, mein Herr, Ihnen nicht dienen zu können; ich kann nicht anders handeln.«

So war ich denn genötigt, mit dieser seltsamen Antwort umzukehren, zugleich mit der Einsicht, eine lange Reise gemacht zu haben, die ein höchst wunderliches, in keiner Weise vorauszusehendes Hindernis vergeblich zu machen drohte. Ein französischer Künstler, Herr Marcou, der seit langem in Moskau wohnte, mußte lachen, als ich ihm von meinem Unstern erzählte; da er aber den Erzmarschall kannte, erbot er sich, selbst mit mir hinzugehen und andern Tags einen neuen Anlauf zu versuchen. Zweiter Besuch, zweite Weigerung; unnütze Erklärungen meines Landsmanns; der Erzmarschall schüttelt sein weißes Haupt und bleibt unerbittlich. Da er indessen fürchtet, nicht gut genug französisch zu sprechen, und für den Fall, daß er einige Ausdrücke meines Vorschlags nicht recht verstanden, ruft er seine Frau. Die Frau Marschallin, deren Alter fast ebenso ehrwürdig ist als das ihres Gatten, deren Züge aber weniger Wohlwollen ausdrücken, kommt, betrachtet mich, hört mich an und schließt dann kurzerhand die Debatte, indem sie auf französisch sehr rasch, sehr klar und sehr deutlich zu mir sagt:

– »Wir können und wollen nicht den Bestimmungen der Versammlung zuwiderhandeln. Wenn wir Ihnen den Saal leihen, müssen Sie bei unserer nächsten Gesellschaft ein Solo-Instrument spielen. Wenn Sie es nicht spielen wollen, bekommen Sie ihn nicht.«

– Mein Gott, Frau Marschallin, ich hatte einst ein ganz hübsches Talent, Flageolet, Flöte und Gitarre zu spielen; möchten Sie, bitte, wählen, auf welchem der drei Instrumente ich mich hören lassen soll. Aber, da ich seit etwa fünfundzwanzig Jahren keines von ihnen angerührt habe, so muß ich Ihnen gleich sagen, daß ich sehr schlecht spielen werde. Aber – warten Sie – wenn Sie sich mit einem Solo auf der kleinen Trommel begnügen wollen, so werde ich's höchst wahrscheinlich besser machen.

Glücklicherweise befand sich bei dieser Szene ein höherer Offizier im Saale; er war bald über die Art der Schwierigkeit aufgeklärt, nahm mich beiseite und sagte:

– »Bestehen Sie nicht weiter darauf, Herr Berlioz, die Diskussion würde ein wenig unangenehm für unsern guten Marschall werden. Wollen Sie mir morgen Ihr Gesuch schriftlich schicken; es wird sich alles machen, ich werde mir's angelegen sein lassen.«

Ich folgte diesem Rat, und dank der Gefälligkeit des Obersten wurde für dieses eine Mal eine Übertretung des Reglements gestattet; mein Konzert durfte stattfinden, und ich brauchte bei der Gesellschaft des Adels weder Flöte, noch kleine Trommel zu spielen. Sie sind wahrhaftig noch gut davongekommen, denn ehe ich über die Wolga zurückgegangen wäre, ohne mein Konzert zu geben, hätte ich mich, wäre es nötig gewesen, entschlossen, Piccolo zu spielen. Nichtsdestoweniger entstand für mich aus dieser seltsamem Bestimmung des adeligen Klubs von Moskau, von der ich unglücklicherweise in Petersburg nicht hatte sprechen hören, ein ziemlich beträchtlicher Verlust an Geld; denn nach diesem Konzert, das ich als mein einziges angekündigt hatte, sprang eine große Zahl Kunstfreunde auf das Podium und schrie: »Noch eins! Noch eins! Sie können nicht so abreisen!« Nun, wenn ich ein zweites gegeben hätte, hätte es mir vielleicht mehr als das vorige eingebracht. Aber ich hatte keinen Saal; als man mir den der Versammlung zur Verfügung stellte – so lautete ausdrücklich die Verfügung –, hatte man nur für dies eine Mal das Herkommen außer acht gelassen, in Anbetracht meiner Unkenntnis der Bestimmungen und unter der Bedingung, daß ich nicht wiederkommen wolle. Noch dazu ein Komponist! ... Ein Mensch, der kein Instrument spielen kann! ... Ein Nichtsnutz! ... Und doch gibt es in andern Gesellschaftsschichten, namentlich beim Mittelstand, mehr oder weniger schlecht begabte Individuen, denen diese fast unüberwindlich steile Bahn der liebste Traum ist!

Wenn sich die Beharrlichkeit der musikalischen Neigung in gewissen Künstlerfamilien ganz natürlich aus dem Einfluß der Erziehung und des Beispiels erklärt, durch die günstigen Bedingungen, welche die Kinder beim Betreten einer Laufbahn finden, die ihnen schon von den Eltern vorgeschrieben ist, auch durch die Naturanlage, die sich ebenfalls manchmal, wie die Züge des Gesichts, von Geschlecht zu Geschlecht forterbt, so weiß man dagegen nicht, wie man die wunderlichen Phantasien erklären soll, die vom Monde herab in eine Menge junger Köpfe fallen.

Zu geschweigen von den Dilettanten, die sich darauf versteifen, zu unerhörten Preisen unnütze Stunden zu nehmen, um einer barbarischen Anlage Herr zu werden, gegen die Geduld und Talent der gelehrtesten Meister nichts ausrichten; zu geschweigen ferner von jenen Träumern, die überzeugt sind, man könne Musik lernen allein mit dem Verstande, wie man Mathematik lernt, nicht zu gedenken jener würdigen Väter, die mit der Idee umgehen, ihren Sohn Oberst oder einen großen Komponisten werden zu lassen – von diesen allen abgesehen, begegnet man recht traurigen Beispielen von Melomanie bei Geschöpfen, deren ganzes Wesen die Anzeichen dieser Geisteskrankheit zu verbürgen scheint.

Ich will nur zwei davon anführen, die ich Gelegenheit hatte zu beobachten; es waren, fürchte ich, Fälle von unheilbarer Melomanie. Der eine Kranke ist Franzose, der andere Russe.

Eines Tages in Paris war ich allein und sehr beschäftigt, als der erste an meine Stubentür pochte. Ich ließ ihn eintreten. Ein junger Mann von achtzehn Jahren erschien, ganz außer Atem, doppelt erregt von dem Gedanken, über dem er brütete, und vom raschen Laufen.

– »Mein Herr,« sagte ich zu ihm, »machen Sie sich die Mühe, Platz zu nehmen.«

– »Es ist nichts ... ich bin ein bißchen ... ich komme ... (dann, wie aus der Pistole geschossen): ich habe eine Erbschaft gemacht.«

– »Eine Erbschaft? Ich gratuliere.«

– »Ja, ich habe geerbt und komme, Sie zu fragen, ob ich gut täte, sie zum Studium der Komposition zu verwenden?«

– (Ich reiße die Augen auf.) »Machen Sie sich doch die Mühe, Platz zu nehmen. Mein Gott, Herr, Sie setzen einen außerordentlichen Scharfsinn bei mir voraus; selbst die Vorhersagungen, die sich auf recht bedeutende Werke stützen, sind oft sehr trügerisch. Indes, wenn Sie mir irgendeine Partitur bringen ...«

– »Nein, ich habe keine Partitur mitgebracht; aber Sie werden sehen, ich arbeite gut; ich habe so viel Lust zur Musik!«

– »Sie haben zweifellos schon etwas geschrieben, ein sinfonisches Fragment, eine Ouvertüre, eine Kantate? ...«

– » Eine Ouvertüre ... n ... n ... nein; eine Kantate auch nicht.«

– »Aha! Haben Sie versucht, ein Quartett zu schreiben?«

– »Ach – ein Quartett! ...«

– »Teufel auch! Rümpfen Sie nicht die Nase über das Quartettschreiben; vielleicht ist von allen musikalischen Formen diese am schwersten zu behandeln, und die Zahl der erfolgreichen Meister auf diesem Gebiete ist merkwürdig beschränkt. Aber, ohne so hoch zu greifen, haben Sie mir eine einfache Romanze, einen Walzer zu zeigen? ...«

– (Mit einer fast beleidigten Miene): »Oh, eine Romanze! ... nein, nein, solche Sachen mach ich nicht.«

– »Also, Sie haben nichts geschrieben?«

– »Nein; aber ich will so sehr arbeiten ...«

– »Sie haben wenigstens Ihre harmonischen und kontrapunktischen Studien beendet, Sie kennen den Umfang der Stimmen und Instrumente? ...«

– »Was das betrifft ... was das betrifft ... nein, Harmonie, Kontrapunkt, Instrumentation kann ich alles nicht, aber Sie sollen sehen ...«

– »Verzeihung, mein Herr, Sie sind achtzehn oder neunzehn Jahre alt, und es ist reichlich spät, mit Erfolg dergleichen Studien anzufangen. Nun, ich setze voraus, daß Sie vom Blatt lesen, daß Sie nach dem Diktat schreiben können?«

– »Ob ich solfeggieren kann? Oh – zum Beispiel ... nun also ... nein, ich kenne nicht einmal die Noten, weiß von alledem nichts; aber ich habe so viel Lust zur Musik, ich möchte so sehr gerne Komponist werden! Wenn Sie mir Stunden geben wollten, käme ich täglich zweimal zu Ihnen; ich würde nachts arbeiten.«

Nach ziemlich langem Schweigen zur Bekämpfung meiner Lachlust, entwarf ich meinem jungen Komponisten ein genaues, sehr wenig ermutigendes Bild der Schwierigkeiten, die zu überwinden wären, um zum mittelmäßigsten Resultat zu gelangen, das heißt: niederträchtige Musik zu schreiben; ich vergaß keineswegs die Aufzählung der zu erwartenden Hindernisse, selbst im Falle er ein sehr bedeutender Komponist werden sollte. Nichts half; er hörte mir mit unzufriedenem, ungeduldigem Gesicht zu, und zog sich mit der offenkundigen Absicht zurück, einen andern Lehrer aufzusuchen, um ihm seine Musikliebe und seine ... Erbschaft darzubringen. Wollte Gott, er habe ihn nicht gefunden!

Das andere Beispiel von Melomanie, das ich erzählen will, ist gar nicht lächerlich, im Gegenteil. Ich hatte in Moskau gerade das soeben erwähnte Konzert gegeben, als man mir einen Brief zustellte, der in ausgezeichnetem Französisch geschrieben war, und in dem ein Unbekannter mich um eine Unterredung bat. Ich beeilte mich, Tag und Stunde festzusetzen. Diesmal hatte mein Unbekannter nicht geerbt, weit entfernt. Es war ein großer junger Russe von mindestens zweiundzwanzig Jahren, merkwürdigen Zügen, ein wenig seltsam; er drückte sich gewählt und mit jenem überheißen, fiebrischen Feuer aus, das den Enthusiasten kennzeichnet. Schon von seinen ersten Worten fühlte ich mich lebhaft angezogen.

– »Mein Herr,« sagte er, »ich habe eine ungeheure Leidenschaft zur Musik. Ich habe ganz allein studiert, aber, wie Sie sich denken können, sehr mangelhaft. Moskau gewährt mir nicht genug Mittel für meine Ausbildung und ich bin nicht so reich, reisen zu können. Meine Eltern haben vergeblich versucht, mich von dieser Bahn abzubringen. Jetzt will mir einer unserer großen Moskauer Herrn zu Hilfe kommen. Er hat meinem Vater erklärt, wenn ein vertrauenswürdiger Musiker wirkliche musikalische Begabung bei mir erkenne, wolle er alle Kosten meiner Erziehung übernehmen und zu deren Vollendung mich nach Deutschland und Frankreich zu den besten Lehrern schicken. Ich komme also, Sie zu bitten, meine Versuche zu prüfen und mir alsdann freimütig die Ansicht zu schreiben, die Sie von meinen Fähigkeiten gewonnen haben. Auf jeden Fall bin ich Ihnen ewig dankbar. Aber wenn diese Ansicht günstig ist, geben Sie mir das Leben zurück; denn ich sterbe; der Zwang, den man mir auferlegt, tötet mich. Ich fühle Flügel und kann sie nicht entfalten. Das ist eine Qual, die Ihnen begreiflich sein muß.«

– »O, ganz gewiß! Ich ahne, was Sie leiden, und all meine Sympathien sind auf Ihrer Seite. Verfügen Sie über mich.«

– »Tausend Dank. Morgen werde ich Ihnen die Werke bringen, die ich Ihnen vorlegen möchte.«

Dann entfernte er sich mit leuchtenden Augen, die in ekstatischer Freude brannten.

Andern Tages kam er ganz verändert wieder. Sein Aussehen war traurig, wie erloschen, und die Zeichen der Entmutigung standen auf seinem bleichen Gesicht.

– »Ich bringe nichts,« sagte er zu mir; »ich habe die Nacht mit der Durchsichtung meiner Manuskripte verbracht; keines scheint mir wert, daß ich es Ihnen zeige und, offen gestanden, keines gibt einen Begriff, wessen ich fähig bin. Ich will mich ans Werk machen, um Ihnen etwas Besseres zu bringen!«

– »Leider«, entgegnete ich, »muß ich übermorgen nach St. Petersburg zurück.«

– »Macht nichts, ich werde Ihnen meine neue Arbeit zuschicken. Ach, wenn Sie wüßten, welches Feuer mir die Seele versengt! ... Wie laut mich manchmal die Stimme der Eingebung ruft! ... Dann kann ich es in der Stadt nicht mehr aushalten; wie kalt es auch sei, ich gehe aus, weit fort in den Wald, und da, allein mit der Natur, höre ich eine ganze Welt wundersamer Harmonien wogen und tönen; die Tränen kommen mir, ich muß schreien, falle in Verzückungen, die mir ein Vorgeschmack des Himmels sind ... Man hält mich für verrückt ... aber ich bin es nicht, glauben Sie mir nur, ich werde es Ihnen beweisen.«

Ich wiederholte dem jungen Enthusiasten die Versicherung meines Interesses für ihn und meinen Wunsch, ihm behilflich zu sein. Mein Gott, sagte ich mir, als er gegangen war, sind hier nicht Anzeichen einer außerordentlichen Veranlagung? ... Vielleicht ist er ein Genie! ... Es wäre Verbrechen, ihm nicht zu helfen; gewiß, ich würde mich ihm, wenn's not täte, mit Leib und Seele widmen; wenn er mir nur den kleinsten Anhaltspunkt gäbe.

Ach, ich wartete in St. Petersburg vergeblich mehrere Wochen, und endlich kam nichts, als ein Brief, in dem der junge Russe sich neuerdings entschuldigte, daß er mir keine Musik schicke. Aber, wie er schrieb, hatte ihn, zu seiner großen Verzweiflung und trotz all seiner Anstrengungen, die Inspiration vollständig im Stich gelassen.

Was soll diese kalte Geringschätzung der eigenen Werke? ... Dieses Eingeständnis der Ohnmacht eines Menschen, der sich doch andrerseits für inspiriert und fähig hält? Welches Ideal sucht er zu erreichen? Was hat er schon getan, ihm näher zu kommen? Kurz: was geht in dieser wirren Seele vor? ... Gott weiß es. Aber wiederum: was ist Gemeinsames zwischen diesem brennenden Verlangen, Musik auszuüben, das sich mit der Zeit mehr oder weniger rechtfertigt und erklärt, und der nüchternen Berechnung, jenem prosaischen Ehrgeiz, der so viele junge Leute in die Klassen der Konservatorien treibt, um dort den Musikerberuf zu ergreifen, wie man das Schuster- oder Schneiderhandwerk lernt? ... Wenigstens schaden die Melomanen niemand, so nahe sie auch der Verrücktheit sind, und ihr Wahnsinn ist, woferne nicht lächerlich, rührend und poetisch; hingegen tun die Musikhandwerker der Kunst und den Künstlern recht eigentlich Abbruch, geben zu langen, ärgerlichen Irrtümern Anlaß und können, durch ihre Zahl sowohl, wie durch ihre geringe Begeisterungsfähigkeit, den Geschmack einer ganzen Nation verderben. Das musikalischste Volk ist nicht dasjenige, bei dem man die meisten mittelmäßigen Musiker findet, wohl aber dasjenige, bei dem die meisten großen Künstler geboren werden und bei dem das Gefühl für die Schönheit der Musik am meisten entwickelt ist.

Trotzdem das halb asiatische Moskau in architektonischer Beziehung viel Seltsames und Interessantes bietet, habe ich in den drei dort verbrachten Wochen wenig davon besichtigt. Die Vorbereitungen zu meinem Konzert nahmen mich gänzlich in Anspruch. Übrigens war die Stadt, dank des in voller Lieblichkeit waltenden Tauwetters, damals wenig einladend. Die Straßen waren nichts als Kloaken voll Wasser und flüssigem Schnee, durch den sich die Schlitten mühsam wanden. Sogar den Kreml sah ich nur von außen. Ich begnügte mich damit, die Perlen seines Kanonenhalsbandes zu zählen ... traurige, auf der Spur unserer sterbenden Armee aufgelesene Trophäen ... Solche gibt es von allen Arten, von jeder Größe, und bei allen Nationen. Französische Inschriften (grausame Ironie!) bezeichnen sogar Batterien unserer oder verbündeter Regimenter als Besitzer der einzelnen Stücke dieser traurigen Sammlung. Eines dieser Stücke zeigt eine sonderbare Beschädigung; es trägt am Rande den Eindruck einer russischen Kanonenkugel, die, nachdem sie an der Mündung aufgetroffen, in den Lauf eindrang und das Innere zerwühlte. Wenn das Stück in diesem Augenblick schußfertig war, läßt sich die Verwunderung der Ladung denken, als sie einen so derben Stoß mit dem Setzkolben bekam ... sie dachte wohl mit Stolz, der Kaiser Napoleon habe seinen alten Artilleristenberuf wieder ergriffen und lüde in Person.

Ich hörte in Moskau eine Vorstellung der Oper von Glinka: »Das Leben für den Zar«.

Das ungeheure Theater war leer (ist es jemals voll? ... ich bezweifle es) und die Bühne zeigte fast beständig beschneite Kiefernwälder, schneebedeckte Steppen, Menschen, weiß von Schnee. Ich schnattere noch, wenn ich dran denke. Es ist sehr feine, originelle Melodik in diesem Werk, aber ich mußte sie beinahe erraten, so ungenügend war die Ausführung. Auch scheint es, als würde, trotz des Eifers und der musikalischen Bildung des Direktors, Herrn Verstowski, an diesem Theater in befremdlicher Weise studiert. Ich merkte es, als für die Chöre der beiden ersten Teile des Faust, die auf meinem Programm standen, Proben stattfinden sollten.

Als ich den Saal betreten hatte, in dem gewöhnlich die Chorproben abgehalten werden, fand ich dort etwa sechzig Männer und Frauen stehen, die sich ruhig verhielten, aber ohne Chordirektor, ohne Begleiter, ja selbst ohne Klavier waren.

– »Nun, wo ist das Klavier?« frage ich, »wo ist der Begleiter?«

– »Man braucht hier keines für die Chöre,« antwortet man mir. »Man studiert nach Belieben ohne Begleitung.«

– »Teufel auch, wie musikalisch! Ihre Choristen sind also im Vomblattlesen die geübtesten der Welt?«

– »O nein, sicherlich nicht! Aber das ist Brauch so; man macht es, so gut man kann.«

– »Ach was! Sie scherzen! ... Wollen Sie ein Klavier bringen lassen; ich bestehe darauf; man wird mir, da ich fremd bin, diese Forderung zugestehen. Wir finden wohl auch einen Begleiter; im Notfall könnte ich selbst einige Akkorde zur Führung und Unterstützung der Stimmen anschlagen; das wäre immer noch besser, als gar nichts.« Zum großen Erstaunen der Choristen kam das Klavier an. Herr Genista, ein ausgezeichneter deutscher Lehrer, der zufällig anwesend war, unterzog sich bereitwillig der Arbeit des Begleitens; so entzifferten wir denn die Chöre aus Faust, die nach Verlauf einiger ähnlicher Sitzungen gelernt wurden, so gut es gehen wollte. Meiner Treu! wenn's wahr ist, daß es den Choristen auf diese Weise gelingt, allein, unter Tappen und Stottern, mit Hilfe von Zeit und Resignation, ganze Opern zu lernen, muß man annehmen, daß die Russen mit besondern Fähigkeiten begabt sind, deren Existenz die andern Völker nicht ahnen. Sie sangen wiederum deutsch, wie ihre Petersburger Brüder. Aber die Partien des Faust und des Mephisto, die von den Herren Léonoff und Slavik, zwei russischen Sängern, gütigst übernommen worden waren, wurden beide französisch gesungen ... im Französisch des Nordens. Das war ein Fortschritt; die beiden Helden des Dramas führten ihre Gespräche wenigstens im selben Idiom. Herr Grassi, ein sardinischer Geiger, der in Rußland lebte, war mir, zusammen mit dem schon erwähnten Herrn Marcou, eine große Hilfe beim Konzert, und der berühmte Violoncellist Max Bohrer, der gleichzeitig mit mir in Moskau eingetroffen war, erbot sich dankenswerterweise in meinem Orchester mitzuspielen: angesichts der geringen Anzahl Violoncellisten, über die ich verfügte, und der Tüchtigkeit eines solchen Mitwirkenden eine schätzbare Gefälligkeit und künstlerische Schlichtheit, deren sich die Virtuosen im gleichen Falle im allgemeinen gewiß nicht schuldig machen würden.

Mit der Zensur hatte es seinen Haken wegen meines Konzertprogramms und wegen folgender Strophe des lateinischen Studentenliedes im Faust:

» Nobis subridente luna per urbem, quaerentes puellas eamus, ut cras fortunati Caesares dicamus: Veni, vidi, vici.«

(Während der Mond uns lacht, laßt uns durch die Stadt auf die Mädchensuche gehen, damit wir morgen, beglückte Cäsaren, sagen können: veni, vidi, vici.) Im Jahre 1854 verwahrte sich ein Dresdener Kritiker feierlich gegen dieses Lied, mit der Versicherung, die deutschen Studenten seien junge Leute von guten Sitten und unfähig, beim Mondschein Grisetten nachzulaufen. Derselbe naive Mann warf mir im selben Artikel vor, ich verleumde Mephisto, da ich ihn den Faust täuschen lasse. »Der deutsche Mephisto,« sagte er, »ist ehrenhaft und erfüllt die Bedingungen seines Vertrages mit Faust; während er im Werke von Berlioz Faust glauben macht, er bringe ihn zu Gretchens Gefängnis und ihn statt dessen in einen Abgrund führt. Das ist abscheulich! ...« Gewiß, das ist abscheulich – von mir? So bin ich denn überzeugt, daß ich den Geist des Bösen und der Lüge verleumdet habe, also schlimmer bin als ein Dämon und weniger tauge als ein Teufel.
Diese allerliebste Kritik war lange Zeit die Freude von Dresden, und ich glaube, man lacht heute noch darüber.

Der Zensor erklärte, er könne die Drucklegung eines so skandalösen Liedes nicht zugeben. Ich hatte gut sagen, das ganze Faustlibretto habe in Petersburg die Zensur passiert, und vergebens zeigte ich ihm ein Exemplar mit der offiziellen Genehmigung – er antwortete mit Laune: »Der Zensor von Petersburg kann tun, was ihm beliebt; ich brauche ihn deshalb nicht nachzuahmen. Die fragliche Stelle ist unsittlich und muß gestrichen werden.« Und so geschah es ... im Textbuch. Ich ließ mich, wie sich denken läßt, nicht dazu herbei, ein Glied meiner Partitur zu amputieren um der Prüderie willen; das wäre wahrhaft unmoralisch gewesen. Die verbotene Strophe wurde also darum nicht weniger im Konzert gesungen, aber so, daß niemand sie verstand.

Und deshalb ist die Einwohnerschaft von Moskau die moralischste des Erdenrundes geblieben, und darum laufen, trotz dem lieblichsten Mondenscheine, die Studenten nicht nach Mädchen auf der Straße herum ... im Winter nämlich.

Es gibt in Moskau mehrere ausgezeichnete Musikfreunde und bemerkenswert tüchtige Lehrer, unter denen ich, neben den schon erwähnten, Herrn Graziani nennen möchte, den älteren Sohn eines unserer Besten von der alten italienischen Oper in Paris.

In einem großartigen Institut für junge Damen, die unter dem unmittelbaren Schutze der Kaiserin stehen, erhalten die Schülerinnen zur Vervollständigung ihrer Erziehung einen soliden, sogar ein wenig zu strengen Musikunterricht. Drei der besten Pianistinnen spielten mir dort ein altes Tripelkonzert für Klavier in D-Moll von *** vor; wie man zugeben muß: ein sehr würdevolles Stück. Und trotzdem ist ihr Lehrer, Herr Reinhart, ein liebenswürdiger, geistreicher und gut musikalischer Mensch. Ich bin sogar überzeugt, daß er, als er dieses Stück von seinen Schülerinnen spielen ließ, nicht die Absicht hatte, mir lästig zu fallen.

Es gab auch zu dieser Zeit in Moskau ein reizendes Wunderkind, den zehnjährigen Sohn der Prinzessin Olga Dolgorouki, der mich durch den verständnisvoll leidenschaftlichen Vortrag, mit dem er dramatische Szenen der großen Meister und Romanzen eigener Komposition sang, in großes Erstaunen setzte.

Überhäuft mit den Liebenswürdigkeiten mehrerer Moskauer Familien und einer in Moskau wohnenden französischen Familie, mußte ich, gleich nach dem Konzert, nach der Hauptstadt des Kaiserreichs abreisen. Ich wurde dort zur Leitung der Proben meiner Sinfonie Romeo und Julie erwartet, die, wie Herr Guédéonoff mir versprochen hatte, im großen Theater glänzend aufgeführt werden sollte.

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