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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 7
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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4.

Erster Musikunterricht durch meinen Vater. Meine Kompositionsversuche. Osteologische Studien. Meine Abneigung gegen die Medizin. Abreise nach Paris.

 

Wenn ich vorhin sagte, gleichzeitig mit der Liebe habe sich mir, dem Zwölfjährigen, die Musik erschlossen, so hätte ich eigentlich sagen sollen: die Komposition; denn schon vorher konnte ich vom Blatt singen und zwei Instrumente spielen. Diesen Anfangsunterricht in der Musik hatte mir wieder mein Vater erteilt. Als mich beim Stöbern in einer Schublade der Zufall eine Flageolettflöte hatte finden lassen, wollte ich sogleich Gebrauch davon machen und mühte mich vergebens, das Volkslied vom Marlborough darauf zu blasen.

Mein Vater, den diese Pfeiferei stark belästigte, kam und bat mich, ihn in Ruhe zu lassen, bis er Muße fände, mich den Fingersatz des melodischen Instruments und den »Heldengesang« zu lehren, auf den meine Wahl gefallen war. Wirklich gelang es ihm, sie mir mühelos beizubringen, und nach zwei Tagen war ich imstande, die ganze Familie mit meinem Marlborough-Lied zu beglücken. Man sieht schon meine Begabung, mit Blasinstrumenten Effekt zu machen, nicht wahr? ... (Ein richtiger Biograph sollte sich diese sinnreiche Folgerung nicht entgehen lassen ...) Das machte meinem Vater Lust, mich Noten lesen zu lehren; er setzte mir die Anfangsgründe dieser Kunst auseinander und gab mir einen klaren Begriff von den musikalischen Schriftzeichen und ihren Funktionen. Bald darauf gab er mir, mit der Schule von Devienne, eine Flöte in die Hand und nahm sich, wie beim Flageolett, die Mühe, mir ihren Mechanismus zu zeigen. Ich arbeitete mit Feuereifer, so daß ich mir nach sieben bis acht Monaten eine mehr als leidliche Technik auf der Flöte angeeignet hatte. Da er hierauf Verlangen trug, die Fähigkeiten, die ich zeigte, weiter zu entwickeln, beredete er einige wohlhabende Familien in La Côte, sich mit ihm zusammenzutun und einen Musiklehrer aus Lyon kommen zu lassen. Der Plan gelang. Ein zweiter Geiger vom Théâtre des Célestins, der unter anderm Klarinette blies, willigte ein, sich in unserem Krähwinkel niederzulassen und mit der musikalischen Ausbildung der Einwohner sein Glück zu versuchen vermöge einer garantierten Anzahl von Schülern und fester Gehälter für die Direktion der Militärkapelle unserer Nationalgarde. Er hieß Imbert. Täglich gab er mir zwei Stunden. Ich hatte eine hübsche Sopranstimme; bald las ich unerschrocken vom Blatt, sang ganz annehmbar und spielte auf der Flöte die heikelsten Konzerte von Drouet. Der Sohn meines Lehrers, der ein wenig älter als ich und schon ein tüchtiger Hornist war, hatte mich ins Herz geschlossen. Eines Morgens, als ich nach Meylan gehen wollte, kam er zu mir: »Wie,« sagte er, »du gehst fort, ohne mir adieu zu sagen? Umarmen wir uns, vielleicht sehe ich dich nicht wieder ...« Das sonderbare Wesen meines jungen Kameraden und die feierliche Art, mit der er Abschied genommen hatte, befremdete mich. Aber die unermeßliche Freude, Meylan und die strahlende Stella montis wiederzusehen, ließen mich ihn bald vergessen. Welch eine traurige Botschaft bei meiner Rückkehr! Noch am Tage meiner Abreise hatte der junge Imbert die augenblickliche Abwesenheit seiner Eltern benutzt und sich in seiner Wohnung erhängt. Der Grund seines Selbstmordes ist niemals bekannt geworden.

Ich hatte unter alten Büchern die Rameausche Harmonielehre entdeckt, in der von d'Alembert erläuterten und vereinfachten Ausgabe. Wiewohl ich mit der Lektüre dieser dunkeln Theorien ganze Nächte hinbrachte, konnte ich ihnen dennoch keinen Sinn abgewinnen. Man muß wirklich schon die Akkordlehre beherrschen und in den Fragen der Experimentalphysik, auf der das ganze System ruht, einigermaßen zu Hause sein, um zu verstehen, was der Autor will. Es ist also eine Harmonielehre zum ausschließlichen Gebrauch für solche, die jene Kenntnisse besitzen. Und trotzdem wollte ich komponieren. Ich arrangierte Duos für drei und vier Stimmen, ohne doch vernünftige Akkorde oder Bässe finden zu können. Aber durch große Aufmerksamkeit, die ich bei den sonntäglichen Vorträgen unserer Dilettanten den Pleyelschen Quartetten zuwandte, und dank der Harmonielehre von Catel, die ich mir zu verschaffen gewußt, drang ich endlich und gewissermaßen plötzlich ins Geheimnis der Akkordbildung und -verbindung ein. Sogleich schrieb ich eine Art von sechsstimmigem Potpourri über italienische Melodien, von denen ich eine Sammlung besaß. Die Harmonie schien erträglich. Ermutigt durch diesen ersten Schritt, wagte ich die Komposition eines Quintetts für Flöte, zwei Violinen, Bratsche und Violoncell, das wir, drei Dilettanten, mein Lehrer und ich, zusammen aufführten.

Das war ein Triumph. Mein Vater allein schien die Meinung der Beifallspendenden nicht zu teilen. Zwei Monate später neues Quintett. Mein Vater wollte zuerst die Flötenstimme davon hören, ehe er mich die Aufführung im großen versuchen ließ; nach dem Brauche der Provinzliebhaber, die sich einbilden, ein Quartett nach der ersten Violine beurteilen zu können. Ich blies sie ihm vor, und bei einer gewissen Melodie sagte er zu mir: »So ist's recht, das ist Musik.« Aber dieses Quintett, weit anspruchsvoller als das erste, war auch sehr viel schwieriger; unsere Dilettanten brachten es zu keiner leidlichen Aufführung. Besonders Bratsche und Violoncell patzten um die Wette.

Ich war zu dieser Zeit zwölfundeinhalbes Jahr alt. Die Biographen, die noch letzthin schrieben, ich hätte mit zwanzig Jahren die Noten nicht gekannt, haben sich, wie man sieht, schwer getäuscht.

Beide Quintette habe ich einige Jahre nach ihrer Entstehung verbrannt, aber merkwürdigerweise kam mir die von meinem Vater gebilligte Melodie aus dem zweiten dieser Versuche wieder in den Sinn, als ich sehr viel später in Paris meine erste Komposition für Orchester schrieb, und wurde darin verwendet. Es ist die Kantilene in As-Dur aus der Vehmrichter-Ouvertüre, die, kurz nach dem Eintritt des Allegro, von den ersten Geigen vorgetragen wird.

Nach dem traurigen, unerklärlichen Ende seines Sohnes hatte sich der arme Imbert nach Lyon zurückgezogen, wo er, glaube ich, gestorben ist. Er hatte fast unmittelbar darauf einen sehr viel geschickteren Nachfolger in La Côte namens Dorant. Dieser, ein Elsässer aus Kolmar, spielte fast alle Instrumente und leistete Vortreffliches auf der Klarinette, dem Baß, dem Violoncell und der Guitarre. Er unterwies meine älteste Schwester im Guitarrespiel, die zwar Stimme, aber gar keine musikalische Begabung hatte. Sie liebt gleichwohl die Musik, obschon sie es niemals dahin gebracht hat, auch nur eine Romanze zu lesen und zu entziffern. Ich wohnte ihren Stunden bei und wollte auch selbst solche nehmen. Das ging so lange, bis Dorant, ein biederes Künstleroriginal, rund heraus zu meinem Vater sagte: »Herr Doktor, es ist mir unmöglich, Ihren Sohn noch weiter auf der Guitarre zu unterrichten.« – »Warum denn? Hat er sich irgendwie gegen Sie verfehlt oder ist er so faul, daß Sie an ihm verzweifeln?« – »Nichts von alledem, aber es wäre lächerlich: er kann gerade soviel, als ich.«

So war ich denn ehemals Meister auf den drei majestätischen, unvergleichlichen Instrumenten: dem Flageolett, der Flöte und der Guitarre! Wer wird in dieser weisen Wahl den Trieb der Natur verkennen dürfen, die mich auf die ungeheuersten Orchestereffekte, auf die Musik à la Michelangelo hinwies!! ... Die Flöte, die Guitarre und das Flageolett!!! ... Ich habe ausübend niemals andere Talente entwickelt, aber schon diese erschienen mir sehr ansehnlich. Doch nein, ich tue mir unrecht, ich schlage auch die kleine Trommel.

Mein Vater hatte mich das Klavierspiel nicht lernen lassen wollen. Sonst wäre ich wahrscheinlich ein »furchtbar« guter Pianist geworden, wie vierzigtausend andere. Weit entfernt, einen Künstler aus mir machen zu wollen, fürchtete er ohne Zweifel, das Klavier möchte mich zu sehr begeistern und mehr für die Musik einnehmen, als er für gut hielt. Die Beherrschung dieses Instrumentes hat mir oft gefehlt; sie wäre mir noch jetzt unter manchen Umständen nützlich. Aber wenn ich an die schreckliche Menge seichten Zeugs denke, dessen Verbreitung hierdurch täglich begünstigt wird, an das schändliche Zeug, das doch von der Mehrzahl seiner Urheber nicht geschrieben werden könnte, wenn sie, ihres musikalischen Kaleidoskops beraubt, nur ihre Feder und ihr Papier dazu hätten, so kann ich nicht anders, als dem Zufall danken, der es mir zur Notwendigkeit machte, das Komponieren in Stille und Freiheit zu erlernen, und der mich so vor der Tyrannei klavieristischer Gewohnheiten schützte, die dem Gedanken so gefährlich sind, und vor der Verführung durch den Klang alltäglicher Dinge, welcher der Komponist stets mehr oder weniger ausgesetzt ist. Zwar bedauern die zahllosen Liebhaber solcher Sachen im Hinblick auf mich das Gegenteil; aber das kann mich wenig rühren.

Die Kompositionsversuche aus meiner Jünglingszeit trugen den Stempel tiefer Melancholie. Fast all meine Melodien bewegten sich in Moll. Ich fühlte den Fehler, konnte ihn aber nicht vermeiden. Ein schwarzer Flor lag über meinen Gedanken; meine romantische Liebe von Meylan hatte sie darein gehüllt. Diese seelische Verfassung, in der ich unausgesetzt Florians Estelle las, ließ voraussehen, daß ich schließlich einige der zahlreichen Romanzen dieses Schäferspiels, dessen Süßlichkeit mich damals anmutete, in Musik setzen würde. Und so kam es auch.

Unter andern schrieb ich eine, die außerordentlich traurig war, auf Worte, die meine Verzweiflung ausdrückten darüber, daß ich Wald und Feld verlassen sollte, die »geadelt waren durch ihren Tritt, erhellt von den Augen« und den kleinen rosa Schuhen meiner grausamen Schönen. Dieses matte Gedicht fällt mir heute, mit einem Frühlingssonnenstrahl, wieder ein, in London, wo ich schweren Vorurteilen, tödlicher Unruhe preisgegeben bin und dem heftigen Zorne, auch hier, wie andrerorten, soviel lächerliche Hindernisse zu finden ... Seine erste Strophe lautete:

So soll ich nie dich wiedersehn,
mein trautes Land, mein trautes Lieb,
im Leide, das allein mir blieb,
in Tränen ferne zu vergehn!
Du Bächlein, das die klare Flut
verweilend hieß im Laufe stehn
als Spiegel, drin ihr Bildnis ruht,
so soll ich nie dich wiedersehn! La Fontaine, Die beiden Tauben.

Was die Melodie dieser Romanze betrifft, die ich, wie das Sextett, wie die Quintette, vor meiner Abreise nach Paris verbrannte, so stellte sie sich gehorsam wieder ein, als ich im Jahre 1829 daranging, meine phantastische Sinfonie zu schreiben. Sie schien mir zum Ausdruck jener tiefsten Niedergeschlagenheit eines jungen Herzens zu passen, das von einer hoffnungslosen Liebe gequält zu werden beginnt, und so verwendete ich sie dazu. Es ist die Melodie, die zu Beginn des Largo von den ersten Violinen vorgetragen wird, im ersten Satz des Werkes, der benannt ist: Träume, Leidenschaften; ich habe nichts daran geändert.

Aber während dieser verschiedenen Versuche, mitten in meiner Lektüre, meinen geographischen Studien, meinen religiösen Hoffnungen und inmitten des Wechsels von Ruhe und Sturm, wie ihn meine erste Liebe verursachte, kam die Stunde heran, da ich mich zur Vorbereitung auf einen Beruf entschließen mußte. Mein Vater bestimmte mich für den seinen, der ihn der schönste von allen dünkte, und hatte seit langem seinen Plan gegen mich durchblicken lassen.

Meine Gefühle waren in diesem Punkte seinen Ansichten nichts weniger als günstig, und ich hatte sie auch bei Gelegenheit entschlossen zum Ausdruck gebracht. Ohne mir über meine Empfindungen so recht im klaren zu sein, schwebte mir ein Dasein fern von Krankenbetten, Kliniken und Anatomien vor. Wovon ich eigentlich träumte, wagte ich nicht mir einzugestehen; gleichwohl stand mein Entschluß fest, allen möglichen Versuchen, mich für die Medizin zu gewinnen, zu widerstehen. Die Lebensbeschreibungen Glucks und Haydns, die ich zu jener Zeit in der Biographie universelle las, versetzten mich in die größte Aufregung. »Wie ruhmvoll!« sagte ich mir, wenn ich der beiden großen Männer gedachte; »wie schön die Kunst, und welch ein Glück, sie im großen ausüben zu dürfen!« Außerdem bestärkte mich noch ein scheinbar sehr geringfügiger Zufall in diesem Sinne und erleuchtete meinen Geist mit plötzlicher Klarheit, so daß ich von ferne tausend musikalische Horizonte, seltsam und groß, aufdämmern sah.

Ich hatte noch nie eine große Partitur gesehen. Die einzigen mir bekannten Musikstücke bestanden in Solfeggien mit beziffertem Baß, in Flötensoli oder in Opernfragmenten mit Klavierbegleitung. Da, eines Tages, kam mir ein Blatt mit 24 Notensystemen in die Hand. Als ich die vielen Notenlinien sah, begriff ich alsbald, zu welcher Fülle instrumentaler und vokaler Kombinationen ihre sinnreiche Anwendung führen könnte, und rief: »Welch ein Orchester muß sich damit zustande bringen lassen!« Von diesem Augenblick an wuchs die musikalische Gärung in meinem Kopfe zusehends, und meine Abneigung gegen die Medizin verdoppelte sich. Indessen hatte ich zu viel Angst vor meinen Eltern, als daß ich das geringste von meinen kühnen Ideen gewagt hätte einzugestehen; da verfiel mein Vater, sogar zugunsten der Musik, auf einen Staatsstreich zur Zerstörung meiner knabenhaften Abneigung, wie er es nannte, und zur Ermöglichung medizinischer Studien.

Um mich augenblicklich mit den Objekten vertraut zu machen, die ich bald beständig vor Augen haben sollte, hatte er in seinem Arbeitszimmer die riesige Osteologie von Munro aufgestellt mit ihren Stichen, welche die verschiedenen Teile des menschlichen Knochengerüstes in natürlicher Größe sehr genau darstellen. »Das ist ein Werk,« sagte er, »das du studieren mußt. Ich glaube nicht, daß du bei deiner Abneigung gegen die Medizin bleibst; sie ist weder vernünftig noch irgendwie begründet. Wenn du mir dagegen versprechen willst, ernsthaft deinen osteologischen Kursus durchzumachen, so werde ich dir eine prächtige Flöte mit allen neuen Klappen aus Lyon kommen lassen.« Der Besitz dieses Instrumentes war seit langem das Ziel meines Ehrgeizes. Was sollte ich antworten? ... Die Feierlichkeit des Vorschlags, der mit Furcht gemischte Respekt, den mir mein Vater bei all seiner Güte einflößte, und die Stärke der Versuchung verwirrten mich aufs höchste. Ich ließ ein zaghaftes Ja hören und ging auf mein Zimmer zurück, wo ich mich gebeugt von Kummer auf mein Bett warf.

Arzt werden! Anatomie studieren! Zergliedern! Bei schrecklichen Operationen zugegen sein! Anstatt mich mit Leib und Seele der Musik zu widmen, der edeln Kunst, deren Größe ich schon empfand! Ein Kaiserreich um den traurigsten Aufenthalt der Erde aufzugeben! Aufzugeben die unsterblichen Genien der Poesie und der Liebe und ihre göttlichen Gesänge – um schmutzige Krankenwärter, gräßliche Anatomieschüler, greuliche Leichen, um das Geschrei der Leidenden, um Todesklagen und -röcheln.

O nein, all das erschien mir als vollkommener Umsturz meiner natürlichen Lebensordnung, ungeheuerlich und unmöglich. Und doch war es Wirklichkeit.

Die osteologischen Studien wurden gemeinsam mit einem meiner Vettern begonnen (A. Robert, heute ein angesehener Arzt in Paris), den mein Vater, gleichzeitig mit mir, als Schüler aufgenommen hatte. Unglücklicherweise spielte Robert sehr gut Violine (er wirkte bei meinen Quintetten mit), und so beschäftigten wir uns in unsern Übungsstunden eigentlich mehr mit Musik als mit der Anatomie. Das hinderte ihn aber, dank seinem beharrlichen Privatfleiß, nicht, seine Demonstrationen immer viel besser zu können als ich. Daraus resultierten häufig ernste Ermahnungen und selbst schreckliche Zornesausbrüche meines Vaters.

Schließlich lernte ich doch wohl oder übel, so gut es eben gehen mochte, alles von Anatomie, was mich mein Vater mit bloßer Hilfe trockener Präparate (Skelette) lehren konnte; und ich zählte neunzehn Jahre, als ich mich, ermutigt durch meinen Mitschüler, entschied, mit dem Studium der Medizin im großen zu beginnen, und zu diesem Zwecke mit ihm nach Paris zu reisen.

Hier halte ich einen Augenblick inne, bevor ich mit der Erzählung meines Pariser Lebens und der erbitterten Kämpfe beginne, die ich fast schon bei meiner Ankunft aufnehmen mußte und die ich dort immerdar gegen Ideen, Menschen und Dinge führte. Der Leser erlaube mir, Atem zu schöpfen.

Gerade heute (am 10. April) soll eine Kundgebung von 200 000 englischen Chartisten stattfinden. Vielleicht wird in einigen Stunden England, wie der Rest von Europa, um und um gewandt sein, und dieses Asyl mir nicht mehr bleiben. Ich will sehen, wie sich die Frage entscheidet.

(8 Uhr abends.) Nun, die Chartisten sind aus dem guten Teig der Revolutionäre gemacht. Alles ging wohl vorüber. Die Kanonen erschienen auf der Tribüne, die mächtigen Redner, die großen Logiker, deren unwiderstehliche Beweisgründe so tief in die Menge eindringen. Nicht einmal das Wort brauchten sie zu ergreifen; ihr bloßer Anblick genügte, um alle Herzen von den Annehmlichkeiten einer Revolution zu überzeugen, und die Chartisten zerstreuten sich in größter Ordnung.

Tapfre Leute! Ihr versteht von Aufständen so viel, wie die Italiener vom Sinfonienschreiben. Von den Irländern gilt sehr wahrscheinlich das gleiche, und O'Connel hatte wohl recht, ihnen immer zu sagen: »Agitiert, agitiert, aber rührt euch nicht von der Stelle!«

(12. Juli.) Es war mir seit den drei letzten Monaten unmöglich, die Arbeit an diesen Memoiren wieder aufzunehmen. Ich reise jetzt nach dem unglücklichen Lande, genannt Frankreich, zurück, das dennoch meine Heimat ist. Ich will sehen, auf welche Weise ein Künstler dort leben kann, oder wieviel Zeit er braucht, um dort inmitten der Trümmer zu sterben, unter denen die Blüte der Kunst vernichtet und begraben liegt. Farewell England! ...

(Frankreich, am 16. Juli 1848.) Da bin ich wieder! Paris hat seine Toten begraben. Die Pflastersteine der Barrikaden haben ihre alten Plätze wieder eingenommen, von wo sie vielleicht morgen wieder verschwinden. Kaum angekommen, eile ich zum Faubourg Saint-Antoine: welch ein Anblick, welch grausige Verwüstung! Selbst dem Genius der Freiheit, der auf der Spitze der Bastillensäule schwebt, ist der Körper von einer Kugel durchbohrt worden. Die Bäume gefällt, verstümmelt, die Häuser dem Einsturz nahe. Plätze, Straßen, Quais scheinen vom mörderischen Lärme noch zu zittern! ... Denken wir in dieser Zeit wütender Torheit und blutiger Orgien einmal an die Kunst! ... All unsere Theater sind geschlossen, alle Künstler ruiniert, alle Lehrer unbeschäftigt, alle Schüler auf der Flucht; arme Pianisten spielen auf öffentlichen Plätzen Sonaten, Historienmaler kehren die Straße, Architekten rühren in den Nationalwerkstätten Mörtel an ... Die Versammlung hat soeben ziemlich große Summen zur Wiedereröffnung der Theater bestimmt und unter anderm kleine Unterstützungen für die ärmsten Künstler bewilligt. Unzulängliche Hilfe, vornehmlich für die Musiker! Es gibt erste Geiger an der Oper, deren Gehalt noch nicht die Höhe von neunhundert Franken jährlich erreichte. Sie hatten bisher ihr Leben notdürftig mit Stundengeben gefristet. Man darf nicht denken, daß sie da glänzende Geschäfte gemacht hätten. Was soll nun aus diesen Unglücklichen werden, da ihre Schüler auf Reisen sind? Man wird sie nicht deportieren, wiewohl viele von ihnen keine besseren Aussichten haben, als ihren Unterhalt in Amerika, in Indien oder in Sidney zu verdienen; die Deportation kostet der Regierung zu viel Geld; sie zu erlangen, muß man ihrer würdig sein, und all unsere Künstler haben die Aufständischen bekämpft und gegen die Barrikaden Sturm gelaufen ...

Inmitten dieser schrecklichen Wirrnis von Recht und Unrecht, Gut und Böse, Echt und Unecht, beim Anhören dieser Sprache, deren Wörter meistenteils im uneigentlichen Sinn angewandt werden, braucht es nicht viel, um gänzlich verrückt zu werden!!! ...

Weiter denn in meiner Autobiographie. Ich habe nichts Besseres zu tun. Zudem wird die Prüfung der Vergangenheit dazu dienen, meine Aufmerksamkeit von der Gegenwart abzulenken.

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