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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 68
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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65.

Pest.

 

An Humbert Ferrand

Wenn man nach Österreich reist, ist es unbedingt nötig, wenigstens drei seiner Hauptstädte zu besuchen: Wien, Pest und Prag. Zwar behaupten grämliche Gemüter, Pest liege in Ungarn und Prag in Böhmen; aber diese beiden Staaten bilden darum nicht weniger integrierende Bestandteile von Österreich, von dem sie abhängig und dem sie mit Gut und Blut ergeben sind, so etwa wie Irland zu England gehört, Polen zu Rußland, Algerien zu Frankreich, so wie alle unterworfenen Völker zu allen Zeiten ihren Besiegern hörig waren. Reisen wir denn nach Pest, einer großen Stadt Österreichs, in Ungarn. Ich bin in meinen Beziehungen zur Donau nicht glücklich. Wie ich Ihnen schon sagte, hatte sie ihr letztes Dampfschiff fortgetragen, als ich mich in Regensburg nach Wien einschiffen wollte; sie bedeckte sich mit Nebel, um mich an der Verfolgung ihres Laufs bis Pest zu hindern, und Sie werden sehen, daß der alte Strom seine Feindseligkeiten gegen mich hiermit noch nicht eingestellt hatte. Es scheint, daß er über meine Ankunft in seinen Reichen durchaus mißvergnügt war und daß er mir nicht allein den Zutritt nicht erleichtern, sondern ganz und gar verbieten wollte. Und wie habe ich ihn trotzdem bewundert, wie habe ich den mächtigen, majestätischen Fluß gepriesen! Er hätte für meine Bewunderung empfänglich sein müssen. Aber weit entfernt!: je mehr ich mich von seiner Pracht begeistern ließ, je feindseliger wurde er, und ich konnte von ihm sagen, wie La Fontaine von seinem Löwen:

daß jener Herr, der Löwe da,
verwandt sei mit Caligula.

Vor meiner Abreise von Wien äußerte ich den Wunsch, dem Fürsten Metternich vorgestellt zu werden; da aber selbst diejenigen meiner Freunde, die mir kraft ihrer Stellung am ersten diese Ehre hätten verschaffen können, durch meine Bitte wahrhaft in Verlegenheit gerieten, war ich schon drauf und dran zu verzichten. Man hätte einen Offizier besuchen müssen, der mit einem Rat befreundet war, der wieder mit einem Angestellten der Hofkanzlei sprechen sollte; dieser würde einflußreich genug sein, mich bei einem Gesandtschaftssekretär einzuführen, der das seine bei einem Minister tun werde, damit dieser mich vorstelle. Ich fand diesen Umweg unendlich viel zu lang, und schließlich kam mir die Idee, den Offizier, den Rat, den Kanzlisten, den Sekretär, Gesandten und Minister ganz allein durch mich zu ersetzen und mich selber vorzustellen. Meine Freunde, die mich entschlossen sahen, das Abenteuer zu versuchen, hielten mich in petto sehr wahrscheinlich für verrückt, zum allerwenigsten für einen Franzosen, und mehr als das. Wie dem auch sei – ich trotzte der österreichischen Etikette oder der Meinung, die man in Wien von ihrer Strenge hat, und machte mich auf den Weg nach dem Palast des Fürsten. Ich steige die Treppe hinauf, finde im Vorsaal einen Gardeoffizier, zeige ihm meine Karte, dem Wunsch, der mich hergeführt, Ausdruck gebend. Er geht zum Fürsten hinein und kommt einen Augenblick später zurück mit der Nachricht, Seine Durchlaucht werde in einigen Minuten frei sein und mich gern empfangen. Ich wurde in der Tat ohne weiteres Vorspiel zugelassen. Der Fürst, der sich vollkommen liebenswürdig zeigte, legte mir viele Fragen über Musik, vornehmlich über meine Musik, vor, wobei es mir schien, als ob Seine Durchlaucht, die damals noch nichts davon gehört, sich eine sehr drollige Vorstellung hierüber gebildet hätte. Ich bemühte mich, ihm eine andere beizubringen. Kurz, ich zog mich zurück, entzückt über den mir gewährten Empfang, wundersam berührt, daß es so leicht sei, mit den Vorschriften deutscher Etikette in dieser Weise umzuspringen, und ganz stolz darauf, die Funktionen eines Offiziers, Rats, Kanzlisten, Gesandtschaftssekretärs und Ministers ohne Verlegenheit in wenigen Augenblicken erfüllt zu haben. Und so habe ich wieder einmal die Wahrheit des evangelischen Spruches erkannt: »Klopfet an, so wird euch aufgetan« und den erlesenen Takt, mit dem gewisse Fürsten zu sagen wissen: Sinite parvulos venire ad me. Wohl verstanden: unter der Bedingung, daß die parvuli Ausländer und ein wenig schlau sind und der unnützen Menschenklasse angehören, die aus der Nähe so seltsam anzusehen ist, und die man heute Dichter, Musiker, Maler, kurz Künstler nennt, während man sie im Mittelalter mit den recht wenig ehrbaren Namen der Minstrels, Troubadoure, Schauspieler und Zigeuner benannte.

Sie wundern sich vielleicht, mein lieber Humbert, daß ich meinen mächtigen Einfluß gar nicht geltend gemacht habe, um zur kaiserlichen Familie Zutritt zu erlangen, und Sie haben recht. Es gab in der Tat einen guten Grund für meine Zurückhaltung, den ich Ihnen ganz im Vertrauen mitteilen will. Es war mir, seit den ersten Tagen meines Wiener Aufenthalts, zu Ohren gekommen, die Kaiserin, dieser Engel an Frömmigkeit, Zartheit und Aufopferung, habe einen noch sonderbareren Begriff von meiner Musik, als der Fürst Metternich. Einige im Stil allzu wilde Stellen meiner »italienischen Reise«, die überdies bei Ihrer Majestät von guten Freunden geschickt kommentiert worden waren (Sie wissen, daß man nirgends vor solchen sicher ist, selbst nicht am österreichischen Hofe), hatten mir so hohen Orts allen Ernstes den Ruf eines echten Banditen eingetragen. Nun, ich fühlte mich nicht geschmeichelt – dieser Ausdruck wäre zu schwach – aber ich war einfach stolz auf dieses exzentrische Renommee, das mir vom Himmel fiel. Ich sagte mir, was Sie sich an meiner Stelle ganz sicherlich auch gesagt hätten: daß eine leicht verbrecherische Aureole, seitdem sie durch Byron in die Mode gebracht wurde, ein zu köstliches Ding ist, als daß man sie nicht wie einen Schatz hegen sollte, wenn man glücklich in ihrem Besitz ist; zierte sie selbst die Stirn eines vollkommen Unwürdigen. Ich schloß also: stelle ich mich bei Hofe vor, so ist es wahrscheinlich, daß die Kaiserin geruhen wird mich anzureden; ich müßte ihr antworten, und zwar notgedrungen aufs beste; und die einmal begonnene Unterhaltung könnte mich, Gott weiß wohin, führen. Ihre Majestät wäre imstande, ihre ursprüngliche Ansicht über meine Individualität auf einen Augenblick fallen zu lassen; sie würde in mir nur noch einen Verehrer ihrer Anmut und Güte sehen, deren Zahl Legion ist; sie würde nichts Blutdürstiges in meinem Blicke finden, nichts Düsteres in meinem Aussehen, nichts Tigerhaftes in meiner Stimme; meine Nase würde zwar immer noch etwas Adlerhaftes haben, aber in Summa dürfte das »Zeichen meines Gewerbes« an mir in keiner Weise auffällig werden und ich würde für einen simplen Ehrenmann gelten, unfähig, »ein Unglück anzurichten« oder auch nur eine Postkutsche anzuhalten; so wäre denn mein Ruf, wie Sie sehen, dahin. Ach! Teufel nein! Lieber will ich Räuber bleiben und schleunigst abreisen; die Entfernung vor allem muß der Entwicklung meiner Aureole günstig sein, sie kann dadurch nur wachsen und gedeihen.

Das ist der Grund, weshalb ich auf die Ehre, mich dem österreichischen Hofe vorzustellen, hartnäckig verzichtete und eines schönen Morgens kurzerhand gen Ungarn hinabfuhr. Hierher gehört nun die Erzählung, wie ich mich mit der Donau auseinandersetzte. Jeden Tag hüllte sie sich in eine Wolke, wie die homerischen Götter, wenn sie eine Niederträchtigkeit begehen wollten; daher Unterbrechung der Schiffahrt und Zwang für die Reisenden, nach Pest die Landstraße zu nehmen. Das ist sehr höflich ausgedrückt. Sie müssen nämlich wissen, lieber Freund, daß auf der ganzen Oberfläche dieser ungeheuern Ebene, die sich von Wien nach Pest erstreckt, die einfachen Kieselsteine so selten sind, wie die Smaragde; daß der Boden dort aus feinem, sozusagen aus Streusand besteht, der, durch den Regen aufgerührt, Gruben bildet, durch die man unter bedeutender Verstärkung des Vorspanns hindurch muß, jeden Augenblick einsinkend auf die Gefahr hin, nicht mehr herauszukommen. Ich hätte also »Dreckstraße« und nicht »Landstraße« sagen sollen. Stellen Sie sich die Reize einer derartigen Reise vor. Aber das ist noch nichts. Dacht' ich mir's doch, daß es der Donau einfallen würde, überzutreten und mit zornigen Wogen den schwarzen Graben zu bedecken, in dem wir seit fünfzehn Stunden herummantschten und den man dortzuland die »große Straße« zu nennen sich versteift! Um Mitternacht ward ich durch Stillestehen des Wagens und das Rauschen der Wogen, die lärmend um uns rollten, aus meiner resignierten Schlafsucht geweckt. Der Kutscher, der aufs Geratewohl fuhr, hatte uns ins Flußbett hineingeführt und wagte sich nicht mehr zu rühren.

Indessen stieg das Wasser. Ein ungarischer Offizier, der im Wagen saß, hatte zwei- oder dreimal durch ein in die Zwischenwand des Unglückswagens eingelassenes Fenster das Wort an mich gerichtet.

– »Kapitän«, sagte ich nun meinerseits.

– »Mein Herr!«

– »Glauben Sie nicht, daß wir drauf und dran sind zu ertrinken?«

– »Ja, ich glaube es, mein Herr! Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten?«

Sein unverschämter Gleichmut reizte mich so, daß ich ihm am liebsten einen Faustschlag versetzt hätte, und aus Wut nahm ich seine Zigarre an und begann sie hastig zu rauchen.

Das Wasser stieg immerfort.

Da wendet kurzerhand der Kutscher mit einer verzweifelten Anstrengung um, auf die Gefahr hin, uns in den Strom zu werfen, es gelingt ihm, das rechte Ufer zu erklimmen, dem wir glücklicherweise noch nahe genug waren; dann fährt er querfeldein und führt uns ... mitten in einen See. Diesmal glaubte ich sicher, es wäre aus und rief wiederum den Militär an:

– »Kapitän, haben Sie noch eine Zigarre?«

– »Ja, mein Herr!«

– »Nun, dann geben Sie mir sie schnell, denn diesmal werden wir ganz ertrinken!«

Glücklicherweise kam ein braver Bauer des Weges (wohin zum Teufel ging er zu solcher Stunde auf solchen Pfaden?), half uns aus dem See und gab unserm unglücklichen Phaethon Anweisungen, mit deren Hilfe dieser seine Route schließlich wiederfand. Endlich, am andern Tage, gelangten wir, gerüttelt und geschüttelt, aus Gräben in Löcher geratend, zwischen Wasser und Schmutz, Schmutz und Wasser wechselnd, nach Pest; das heißt auf die gegenüberliegende Seite, auf dem rechten Ufer der Donau, die so freundlich war, uns, in Ermanglung einer Brücke, die Überfahrt in einem Nachen zu gestatten. Auf diesem rechten Ufer liegt eine ziemlich große Stadt; ich fragte den Kapitän um ihren Namen.

– »Das ist Buda«, sagte er.

– »Wie! Buda? Auf meiner Karte von Deutschland trägt die Stadt gegenüber Pest eine ganz andere Bezeichnung. Sehen Sie, da, sie heißt Ofen.«

– »Ganz recht, das ist Buda; Ofen ist eine sehr freie deutsche Übersetzung des ungarischen Wortes.«

– »Jetzt hab ich's; die deutschen Karten sind augenscheinlich ebenso sinnreich eingerichtet als die französischen. Man müßte nur auf die einen setzen: Ratisbonne, sprich Regensburg, und auf die anderen: Ofen, sprich Buda.

Nach meiner Ankunft tat ich mir ein Bene an, das ich mir am Tage vorher gelobt hatte, wenn ich der Donau und dem Schmutz entkäme: ich nahm ein Bad, trank zwei Gläser Tokaier und schlief zwanzig Stunden, nicht ohne vom Ertrinken und von Kotlachen zu träumen. Hierauf war es hohe Zeit, sich mit den Vorbereitungen zu meinem ersten Konzert zu befassen, mit den Direktoren Anordnungen zu treffen, Violinisten aufzutreiben, den Kapellmeister, die Sänger zu besuchen usw. usw. Dank dem günstigen Einfluß des Grafen Radai, des Oberintendanten am National-Theater, das dem deutschen Theater vorgezogen wurde und in dem ich meine Konzerte geben sollte, waren die Hauptschwierigkeiten bald gehoben. Ich war nur einen Augenblick unruhig wegen der Zusammensetzung meines Orchesters; denn das des National-Theaters ist so gering an Zahl, daß allein wegen seiner kleinen Menge Violinen an eine Aufführung meiner Sinfonien nicht zu denken war. Andrerseits war es unmöglich, zu den Künstlern des deutschen Theaters seine Zuflucht zu nehmen, wegen einer Verordnung, die Ihnen eine Vorstellung geben wird von der rührenden Liebe der Ungarn für alles, was zu ihnen aus Deutschland kommt. Es ist verboten, am National-Theater irgendeinen Künstler des deutschen Theaters zuzulassen, sei er nun Sänger, Chorist oder Instrumentalist, und welches das Bedürfnis nach seiner Mithilfe auch sein möge.

Dagegen ist es erlaubt, im ungarischen Theater in allen alten und modernen Sprachen zu singen – mit alleiniger Ausnahme der deutschen Sprache, deren Gebrauch förmlich untersagt ist. Diese seltsame, verwegene Ausschließung, in einem unter der Botmäßigkeit Österreichs stehenden Lande, liegt an einer Nachahmung des napoleonischen Kontinentalsystems durch die ungarische Nation gegenüber Deutschland im allgemeinen und Österreich im besonderen. So werden die Erzeugnisse deutscher Industrie allgemein zurückgewiesen, und in allen Schichten der Bevölkerung betrachtet man es als Pflicht, nur Gegenstände zu gebrauchen, die in Ungarn von Ungarn gefertigt werden.

Daher auf der Mehrzahl der Kaufläden in Pest, sogar auf den Scheiben der Modemagazine, in großen Buchstaben die Aufschrift » hony« steht, die mich am ersten Tage so sehr vexierte und die »national« bedeutet. Ein Musikverleger aus Wien, Heinrich Müller (der diensteifrigste der Menschen, der mich während meines Aufenthaltes in Österreich mit Beweisen seiner Ergebenheit überhäuft hat) hatte mir zum großen Glück ein Schreiben an einen Pester Landsmann, Herrn Treichlinger, mitgegeben, einen der großen Violinspieler, welche die alte deutsche Schule hervorgebracht hat. Herr Treichlinger setzte mich mit den Hauptmitgliedern der Pester philharmonischen Gesellschaft in Verbindung und verschaffte mir prompt eine Verstärkung von einem Dutzend ausgezeichneter Violinisten, an deren Spitze er selbst bat treten zu dürfen. Sie entledigten sich alle der so freundlich übernommenen Arbeit erstaunlich gut, und die Aufführung meines Programmes war, wie ich glaube, eine der besten, die man seit langem in Pest gehört. Unter den Stücken, aus denen es sich zusammensetzte, befand sich der Marsch, der jetzt als Finale des ersten Teiles meiner Faustlegende dient. Geschrieben hatte ich ihn in der Nacht, die meiner Abreise nach Ungarn voranging. Ein Wiener Kunstfreund, der mit den Sitten des Landes, das ich bereisen wollte, wohlbekannt war, hatte mich einige Tage vorher mit einem Band alter Weisen aufgesucht. »Wenn Sie den Ungarn gefallen wollen,« sagte er, »so schreiben Sie ein Stück über eines ihrer Nationalthemen; sie werden entzückt davon sein und bei Ihrer Rückkehr werden Sie mir Nachricht geben von ihren Eljen ( vivat!) und sonstigen Beifallskundgebungen. Hier ist eine Sammlung, in der Sie nur zu wählen brauchen.« Ich befolgte den Rat und wählte das Rakoczy-Thema, über das ich den Ihnen bekannten großen Marsch schrieb.

Kaum hatte man in Pest die Ankündigung des neuen hony-Musikstückes verbreitet, als die nationale Einbildungskraft zu gähren begann. Man fragte sich, wie ich wohl das berühmte, sozusagen heilige Thema behandelt hätte, das seit so vielen Jahren die ungarischen Herzen höher schlagen läßt und sie mit Ruhmes- und Freiheitsgedanken bis zur Trunkenheit begeistert. Es bestand sogar eine Art Unruhe im Hinblick darauf; man fürchtete eine Profanation ... Weit entfernt, durch diesen Zweifel beleidigt zu sein, bewunderte ich ihn sogar. Übrigens war er nur allzu gerechtfertigt durch eine Menge der erbärmlichsten pots-pourris und Arrangements, in denen man Melodien, die alle Achtung verdienen, schreckliche Schmach antat. Vielleicht waren auch einige ungarische Musikfreunde in Paris Zeugen der barbarischen Pietätlosigkeit gewesen, mit der wir an nationalen Festtagen unsere unsterbliche Marseillaise durch die musikalische Gosse ziehen!!

Endlich konnte einer von ihnen, Herr Horwath, der Chefredakteur eines ungarischen Blattes, seine Neugier nicht länger bezähmen. Er geht zum Verleger, mit dem ich in Beziehungen wegen der Einrichtung des Konzertes stand, erkundigt sich nach der Wohnung des Kopisten, der mit dem Ausschreiben der Orchesterstimmen aus meiner Partitur betraut war, läuft zu ihm hin, verlangt mein Manuskript und prüft es aufmerksam. Herr Horwath war von dieser Prüfung wenig befriedigt und konnte mir andern Tages seine Unruhe nicht verbergen.

– »Ich habe Ihre Partitur des Rakoczymarsches gesehen,« sagte er zu mir.

– »Nun und?«

– »Nun und! Ich habe Angst.«

– »Bah!«

– »Sie haben unser Thema piano gesetzt; wir dagegen sind gewohnt, es fortissimo spielen zu hören.«

– »Ja, von Ihren Zigeunern. Ist es übrigens nur das? Seien Sie ruhig, Sie werden ein forte zu hören bekommen, wie noch nie in Ihrem Leben. Sie haben nicht gut gelesen. Bei jeder Sache muß man das Ende bedenken.«

Nichtsdestoweniger schnürte mir am Tage des Konzerts eine gewisse Ängstlichkeit die Kehle, als der Augenblick für das Teufelsstück herankam. Nach einer Trompetenfanfare mit dem Rhythmus der ersten Takte der Melodie erscheint, wie Sie sich erinnern, das Thema piano in den Flöten und Klarinetten, begleitet vom pizzicato der Saiteninstrumente. Das Publikum blieb bei diesem ungewohnten Vortrag kalt und ruhig; aber als in einem langen crescendo Bruchstücke des Themas fugiert erschienen, unterbrochen vom dumpfen Dröhnen der großen Trommel, die ferne Kanonenschüsse nachahmt, begann der Saal mit unbeschreiblichem Geräusch zu gären: und im Augenblick, da das zum wütenden Aufruhr entfesselte Orchester sein so lange zurückgehaltenes fortissimo hervorschleuderte, erschütterte unerhörtes Geschrei und Getrampel den Saal; die einmütige Raserei all dieser Feuerseelen brach aus in Akzenten, daß mir vor Schrecken die Haut schauderte; ich glaubte zu fühlen, wie mein Haar sich sträubte, und von diesem fatalen Takt an mußte ich dem Schluß meines Stückes Valet geben, da der Sturm des Orchesters unfähig war, es mit dem Ausbruch dieses Vulkans aufzunehmen, dessen Gewalten durch nichts aufzuhalten waren. Wie sich denken läßt, mußte das Stück wiederholt werden; und mit Mühe und Not konnte sich das Publikum beim zweiten Male zwei oder drei Sekunden länger, als zuerst, beherrschen, um einige Takte der coda zu hören. Herr Horwath in seiner Loge tat wie ein Besessener; ich konnte mich Lachens nicht enthalten und warf ihm einen Blick zu, der sagen sollte: »Nun, haben Sie noch Furcht? Sind Sie zufrieden mit Ihrem forte?« Es war mein Glück, daß ich den Rácóczy-induló (so heißt das Stück auf ungarisch) ans Ende des Konzertes gesetzt, denn alles, was man nachher hätte hören lassen wollen, wäre verloren gewesen.

Ich war begreiflicherweise heftig erregt nach einem derartigen Orkan und trocknete mir das Gesicht in einem kleinen Salon hinter der Bühne, als ich folgenden merkwürdigen Gegenstoß des Aufruhrs im Saale erhielt: ich sah plötzlich einen ärmlich gekleideten Mann eintreten, das Gesicht auf seltsame Weise bewegt. Er bemerkt mich, stürzt sich auf mich, umarmt mich wütend. Seine Augen füllen sich mit Tränen und kaum kann er die Worte stammeln:

– »Ach, mein Herr, mein Herr! Ich Ungar ... armer Teufel ... nicht sprechen französisch ... un poco l'italiano ... Vergebung ... meine Ekstase ... Oh! habe verstanden Kanone Ihriges ... Ja, ja ... große Schlacht ... Deutsche Hunde!« Er schlug sich mit den Fäusten heftig an die Brust: »In Herzen meiniges ... ich Sie trage ... Ah! Franzose ... Revolutionär ... weiß sich zu machen Revolutionsmusik.«

Ich versuche nicht, die schreckliche Überschwänglichkeit dieses Mannes zu schildern, sein Weinen, sein Zähneknirschen; es war beinahe erschreckend, es war erhaben!

Sie können sich denken, mein lieber Humbert, daß danach der Rácóczy-induló auf allen Programmen stand und immer mit demselben Resultat. Ich mußte sogar bei meiner Abreise mein Manuskript, das man aufzubewahren wünschte, in Pest lassen. Vier Wochen später erhielt ich in Breslau eine Kopie davon. Man führt es jetzt in Ungarn bei großen Anlässen auf. Aber ich muß hier den Kapellmeister, Herrn Erckl, in Kenntnis setzen, daß ich seitdem die Instrumentation des Stückes an mehreren Stellen verändert und der coda etwa dreißig Takte angehängt habe, die, wie mir scheint, die Wirkung steigern. Ich werde mich beeilen, die durchgesehene, verbesserte und vermehrte Partitur an ihn zu senden, sobald es mein Verleger gestattet. 6. März 1861. Ich habe gerade die Partitur nach Ungarn geschickt. Einige junge Ungarn haben mir vor ein paar Wochen gemeinsam einen kostbar gearbeiteten silbernen Kranz gesandt, der auf dem Wappen der Stadt Gior (zu deutsch Raab) die Worte trägt: »Hector Berlioz gewidmet von der Jugend Giors.« Das Geschenk war von einem Briefe begleitet, auf den ich antwortete:
»Meine Herrn!
Ich habe Ihr schönes Geschenk und den schmeichelhaften Brief, der es begleitete, erhalten. Dieser Beweis von Geneigtheit aus einem Lande, an das ich eine so werte Erinnerung bewahre, hat mich lebhaft gerührt. Ich danke die Wirkung meines Werkes zweifellos den Gefühlen, die durch Ihr Nationalthema in Ihnen erweckt werden, welches – nach ihrer poetischen Ausdrucksweise – in Ihnen das ›ins Leben rufen‹ muß, wovon man mit Virgil sagen kann:
– – – – – – – – Furor iraque mentes
Praecipitant, pulchrumque mori succurrit in armis.

Aber wenn Sie in meiner Musik nur einen Funken der Begeisterung gefunden haben, der in edeln Ungarnseelen glüht, darf ich mich überglücklich schätzen und diesen Erfolg als einen der seltensten betrachten, die einem Künstler zuteil werden können.
Nehmen Sie, meine Herren, nebst dem Ausdruck meiner Dankbarkeit, herzliche Grüße entgegen.
Ganz ergebenst
14. Februar 1861.
Hector Berlioz.«

Herr Erckl ist ein vortrefflicher, würdiger Mann von großem Talent: ich habe während meines Aufenthalts in Pest unter seiner geschickten Leitung eine Oper von ihm namens Hunyadi gehört, deren Stoff den heroischen Annalen Ungarns entnommen ist. In diesem Werke sind eine Menge Sachen bemerkenswert durch ihre Eigenart und vor allem durch die Tiefe der Empfindung, der sie ihren Ursprung verdanken. Außerdem ist es technisch gut geschrieben und auf sehr verständige, feine Weise instrumentiert – was durchaus nicht etwa sagen will, es fehle diesem Werk an Energie. Frau Schodel, eine wahrhaft lyrische Tragödin aus der Schule der Frau Branchu – eine verschollene Schule, von der ich einen Sprößling in Ungarn zu finden nicht erwartete – spielte und sang die Hauptrolle mit Geschmack. Ich muß noch einen sehr verdienstvollen Tenor namens Feredy im ungarischen Ensemble erwähnen. Er trägt vor allem die den Ungarn so werten nationalen Romanzen und Gesänge wunderbar vor, indem er ihnen einen in seiner Fremdheit bezaubernden Ausdruck verleiht, so daß sie, bei solcher Interpretation, gewiß allen Völkern gefallen würden. Der Konzertmeister namens Kohne ist ein sehr talentvoller Geiger, der sich lange in Paris aufhielt und sogar, wenn ich nicht irre, aus unserm Konservatorium hervorgegangen ist. Der Chor des Pester Nationaltheaters ist sehr schwach, sowohl im Hinblick auf die Zahl, als auf die Qualität und Geübtheit der Stimmen. Die ungarische Sprache ist der Musik durchaus nicht ungünstig und sogar meines Erachtens viel weniger hart als das Deutsche. Das heiß ich mir eine Sprache! Niemand versteht sie ... es sei denn, er habe sie gelernt. Man braucht zwischen dem Ungarischen und irgendeiner andern bekannten Sprache nicht nach Analogien zu suchen; man würde sie nicht finden. Sogar einige Musikausdrücke aus dem Italienischen, die sich in allen europäischen Idiomen so ziemlich unverändert erhalten haben, sind im Ungarischen ersetzt durch komplizierte oder einfache, aber ganz verschiedene Spezialausdrücke. So z. B. das Wort concert, das man im Italienischen, Spanischen, Französischen, im Deutschen, Englischen, Russischen ungefähr als das gleiche vorfindet. Stellen Sie sich vor, daß auf den ungarischen Anzeigen » hangversny« daraus wird, nicht mehr, nicht weniger. Dies befremdliche Wort bedeutet eigentlich »Zusammenwirken von Tönen«.

Meine musikalischen Beschäftigungen während meines Pester Aufenthalts hinderten mich durchaus nicht, zwei Bälle und ein großes politisches Bankett mitzumachen, die vom ungarischen Adel gegeben wurden. Ich habe nie etwas so glänzend Originelles gesehen, als diese Bälle, sowohl im Hinblick auf außerordentlichen Luxus, den man hier entfaltet, als auf malerische Eigentümlichkeit der Nationalkostüme und Schönheit der stolzen magyarischen Rasse. Die Tänze dort unterscheiden sich im Charakter wesentlich von den im übrigen Europa bekannten. Unsere kalten französischen Contretänze spielen dort nur eine sehr untergeordnete Rolle. Die Mazurken, Trasalgo, Keringo und Csardas gebieten dort als fröhliche Herrscher. Namentlich der Csardas, dieser verfeinerte Import vom Lande, den die ungarischen Bauern mit so überschwänglicher Lustigkeit und hinreißendem Schwung tanzen, schien mir sich der besonderen Gunst der aristokratischen Tänzer zu erfreuen; trotz der blöden Bemerkungen eines unglücklichen Kritikers in einer Zeitung, der es sich hatte einfallen lassen, die Gesten und Bewegungen des Csardas ein wenig frei zu finden, und ihn – sehr mit Unrecht, wie ich finde – den Ausschweifungen des »unaussprechlichen« Tanzes zu vergleichen, der von der Pariser Polizei verboten ist. Gott mag auch wissen, mit welcher Salve von Vorwürfen er aufgenommen wurde, und was für Blicke aus so viel schönen Augen ihn niederschmetterten, als er, nach Veröffentlichung seines Artikels, auf dem Ball zu erscheinen wagte. Der hony-Scribent wurde verhohnigelt. Seit achtundvierzig Stunden brüte ich auf diesem Kalauer. Das politische Bankett, zu dem ich Zutritt hatte, gab mir Gelegenheit, den berühmten Redner Deak zu sehen und zu hören, den O'Connell Ungarns, dessen Name in aller Munde und dessen Bild in allen Häusern ist. Deak will die notwendigen Reformen für sein Land nur schrittweise und durch gesetzmäßige Mittel erlangen und hat große Mühe, die zitternde Ungeduld seiner Partei niederzuhalten. Er sprach an jenem Tage wenig und mit großer Ruhe, und ich begriff den Gegenstand seiner Rede durch einen Ausruf, der einem meiner Nachbarn mit finsterm, unzufriedenem Gesicht – gleichsam beiseite – entschlüpfte: » Fabius-cunctator

Man zeigte mir unter den Gästen einen jungen Mann mit sehr charakteristischen Zügen. »Das ist ein Atlas,« sagte Herr Horwath zu mir. – »Wieso ein Atlas?« – »Er ist Dichter und trägt den Namen Hugo ...«

Während des Diners spielte ein kleines Orchester schwärzlicher Zigeuner auf seine Weise, d. h. in naivster Ungeschultheit, Nationalmelodien, die, mit den Reden und Toasten abwechselnd und wohlunterstützt von feurigen Ungarweinen, das revolutionäre Fieber der Gäste noch überhitzten.

Andern Tages mußte ich von meinen ungarischen Gästen Abschied nehmen. Ich schied also, noch in völliger Erregung von so viel verschiedenen Gemütsbewegungen und voller Sympathie für diese heißblütige, ritterliche, edelmütige Nation. Während meines Aufenthalts in Pest hatte sich die Donau besänftigt; jeder Ausdruck von Grimm war von ihrem ehrwürdigen Antlitz verschwunden, und sie erlaubte mir diesmal, ihren Lauf bis Wien hinauf ohne Hindernis zurückzuverfolgen. Kaum war ich dort angekommen, als ich den Besuch jenes Musikfreundes erhielt, dessen dienstwilliger Rat mich zur Bearbeitung des Rakoczymarsches überredet hatte. Er war eine Beute der komischsten Ängstlichkeit.

– »Die Wirkung Ihres Marsches über das ungarische Thema hat sich bis hierher erstreckt,« sagte er, »und ich beeile mich, Sie zu beschwören, in diesem Zusammenhang kein Wort von mir zu erwähnen. Wenn man in Wien wüßte, daß ich Sie in irgendeiner Weise zu dieser Komposition veranlassen half, ich wäre bloßgestellt und möglicherweise schwer geschädigt.«

Ich versprach ihm zu schweigen. Wenn ich Ihnen jetzt seinen Namen nenne, geschieht es, weil diese schwierige Sache, denke ich, seitdem Zeit gehabt hat, einzuschlafen. Er hieß ... Nein doch! seinen Namen zu nennen, wäre entschieden indiskret; ich habe ihm bloß Angst machen wollen.

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