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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 64
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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61.

Hannover. Darmstadt.

 

An G. Osborne

Ach, ach, mein lieber Osborne! Meine Reise neigt sich ihrem Ende zu! Ich scheide von Preußen, voller Erkenntlichkeit für den dort genossenen Empfang, für die warme Zuneigung, die mir von den Künstlern erzeigt worden, für die Nachsicht der Kritik und des Publikums; aber matt, zerschlagen, aufgerieben vor Müdigkeit durch dieses übertätige Leben, die beständigen Proben mit immer neuen Orchestern. So sehr, daß ich diesmal auf den Besuch von Breslau, Wien und München verzichte. Ich kehre nach Frankreich zurück; und schon fühle ich an einer gewissen unbestimmten Erregung, an einer Art Fieber, die mir das Blut in Wallung bringt, an der grundlosen Unruhe, die mir Kopf und Herz erfüllt, daß ich wieder mit dem elektrischen Strom von Paris verbunden bin. Paris! Paris! Wie hat es doch unser großer A. Barbier allzugetreu geschildert:

Du Hexenkessel! Riesenschacht aus Stein,
den gelbe Schlammflut fast im Ring umschließt;
Vulkan in Glut, aus dem tagaus, tagein
die heiße Menschenlava sich ergießt!
– – – – – – – – – – – – –
– – – – – – – – – – – – –
Hier starb der Schlaf, das kranke Hirn ruht nicht,
spannt seine starre Sehne, bis sie bricht.

Dort dämmert unsere Kunst bald träge dahin und bald schäumt sie auf; dort ist sie erhaben und mittelmäßig zumal, stolz und kriechend, Bettler und König; dort hebt man sie in den Himmel und verachtet sie, betet sie an und beschimpft sie; dort in Paris hat sie treue, begeisterte, verständige und ergebene Anhänger, dort in Paris spricht sie oft zu Tauben, Idioten, Wilden. Dort schreitet und bewegt sie sich frei; dort werden ihre nervigen Glieder in die klebrigen Bande der zahnlosen Vettel Routine eingesponnen und gestatten ihr kaum noch einen langsamen, anmutlosen Gang. In Paris krönt man sie und erhebt sie zum Gott – vorausgesetzt, daß man auf ihren Altären nur magere Opfer zu spenden braucht. Auch überschwemmt man in Paris ihre Tempel mit prächtigen Geschenken – unter der Bedingung, daß der Gott Mensch werde und manchmal Possenreißer. In Paris entfaltet der scrophulöse Halbbruder der »Kunst«, das »Handwerk«, bedeckt mit Flittergold, vor aller Augen seine kleinbürgerliche Unverschämtheit, während die »Kunst« selbst, der pythische Apollo in seiner göttlichen Nacktheit, sich freilich kaum dazu herbeiläßt, seinen hohen Gedankenflug einen Augenblick zu unterbrechen und auf das »Handwerk« verächtlich lächelnd herabzublicken. Mitunter aber – o Schande! – drängt der Bastard seinen Bruder solange, bis der ihm unerhörte Gunst gewährt; dann sieht man jenen sich in den Sonnenwagen einschleichen, die Zügel ergreifen, um das göttliche Gespann zu wenden – bis, überrascht von soviel blöder Keckheit, der wahre Lenker ihn von seinem Sitze reißt, ihn stürzt und vergißt ...

Es ist das Geld, das dies vergängliche schreckliche Bündnis herbeiführt; die Sucht nach raschem, unmittelbarem Gewinn, die so mitunter hohe Seelen vergiftet.

Geld, schnödes Geld, der Menschen höchster Gott,
schleift an den Haaren sie mit beiden Fäusten
tief ins Verderben; um gemeinen Lohn
zerträten sie des eignen Vaters Leib.

Und diese edeln Seelen fallen gewöhnlich nur, weil sie diese traurigen, aber unbestreitbaren Wahrheiten verkannt haben: daß, bei unsern herrschenden Gebräuchen und unsrer Regierungsform, der Künstler um so mehr leiden muß, je mehr er Künstler ist, daß er die Folgen seiner Arbeit um so härter büßen muß, je neuer und größer diese ist, und daß er um so weiter aus dem Gesichtsfeld der blöden Menge rückt, je höher und stürmischer seine Gedanken fliegen.

Die Medici sind tot. Unsere Abgeordneten sind kein Ersatz für sie. Sie kennen das tiefe Wort jenes Provinzlykurgen, der, als er Verse von einem unserer größten Dichter vorlesen hörte – von dem, der den »Fall eines Engels« geschrieben –, seine Tabaksdose öffnete und mit väterlicher Miene sagte: »Ja, ich habe einen Neffen, der schreibt auch solche Sächelchen«. Im Italienischen: coglionorie. Bei diesem Kollegen des Dichters müssen Sie sich also Ermutigungen für die Künstler holen.

Ihr Virtuosen, die ihr keine musikalischen Massen in Bewegung setzt, die ihr nur für das Orchester eurer beiden Hände schreibt, die ihr auf weite Säle und zahlreiche Chöre verzichtet, ihr habt die Berührung mit bürgerlichen Gewohnheiten minder zu fürchten; und dennoch merkt auch ihr die Wirkungen davon. Schmiert irgendeine glänzende Albernheit hin, und die Verleger werden euch mit Gold überschütten und sich darum reißen; habt ihr aber das Unglück, einen ernsten Gedanken in großer Form zu entwickeln, so könnt ihr sicher sein: ihr behaltet das Werk, oder mindestens: es wird nach der Veröffentlichung nicht gekauft.

Zur Rechtfertigung von Paris und des Konstitutionalismus muß man allerdings sagen, daß es fast überall so ist. In Wien, wie hier, zahlt man tausend Franken für eine Romanze oder einen Walzer der Modekomponisten, während Beethoven gezwungen war, die C-Moll-Sinfonie für weniger als hundert Taler herzugeben.

Sie haben in London Trios und verschiedene Kompositionen für Klavier allein herausgegeben, die sehr breit angelegt und im pathetischen Stil geschrieben sind; und, abgesehen von Ihrem großen Repertoire, sind auch Ihre Lieder für eine Singstimme reizende Sachen, z. B.: The beating of my own heart, – My lonely home, – oder auch Such things were; Frau Hampton, Ihre Schwester, singt sie so poetisch. Ich gestehe: nichts erregt meine Phantasie lebhafter, wenn ich sie nach Irlands grünen Hügeln schweifen lasse, als diese keuschen Melodien von naivem, originellem Gepräge, die, scheint es, der Abendwind über den sanft bewegten Wellen der Kellarney-Seen hergeweht hat; diese Lieder entsagender Liebe, die man, ohne zu wissen warum, mit Rührung anhört und dabei an Einsamkeit denkt, an große Natur, an geliebte Wesen, die nicht mehr sind, an Heroen vergangener Zeiten, an das leidende Vaterland, selbst an den Tod »träumend und still, wie die Nacht«, wie Ihr Nationaldichter Th. Moore singt. Nun denn!: wägen Sie all diese Eingebungen, all diese schwermütig lächelnde Poesie, gegen irgendein wirbelndes Capriccio ohne Geist und Herz ab, ein Capriccio über mehr oder minder populäre Melodien aus neuen Opern, eines von denen, wie sie oft von Musikalienhändlern bei euch bestellt werden, wo die Noten aufgeregt sich verfolgen, übereinander rollen, wie eine Handvoll Schellen, im Sack geschüttelt, und Sie werden sehen, auf welcher Seite der Gelderfolg ist.

Nein, man muß die Lehre ziehen: abgesehen von manchen zufälligen Umständen, von gewissen Verbindungen mit niederen Künsten, die sie stets mehr oder minder herabwürdigen, ist unsere Kunst nicht einträglich im kommerziellen Sinne des Worts; sie richtet sich zu ausschließlich an die Ausnahmen der intelligenten Gesellschaft, sie erfordert zuviel Vorbereitungen, zuviel Mittel, um sich nach außen hin zu offenbaren. Es muß hier also notwendig eine Art ehrenhaften Ostrazismus geben für die Geister, die sie pflegen, ohne irgendeine Nebenabsicht auf Interessen, die ihr fremd sind. Selbst die größten Völker sind, im Hinblick auf die echten Künstler, wie der Deputierte, von dem ich sprach; sie haben immer, neben den Geistesriesen, »Neffen, die auch schreiben« usw.

Im Archiv eines Londoner Theaters findet sich ein Brief, der von einer Schauspielertruppe an die Königin Elisabeth gerichtet ist und unterzeichnet von zwanzig unbekannten Namen, worauf sich auch der von William Shakespeare befindet; die gemeinsame Unterschrift lautet: Your poor Players. Shakespeare war einer von diesen »armen Schauspielern« ... Dabei war zu Shakespeares Zeit die dramatische Kunst beliebter bei der Menge, als es in unsern Tagen die Musik bei Nationen ist, die Verständnis dafür haben wollen. Die Musik ist wesentlich aristokratisch; sie ist ein vornehmes Mädchen, das heutzutage allein von Fürsten ausgestattet werden kann, und das es verstehen muß, eher arm und jungfräulich zu leben, als eine Mißehe einzugehen. Alle diese Betrachtungen haben Sie zweifellos tausendmal selbst angestellt und werden es mir, denk ich, zu Dank wissen, wenn ich damit aufhöre, um auf die Erzählung der beiden letzten Konzerte zu kommen, die ich nach meiner Abreise von Berlin in Deutschland gab.

Diese Erzählung wird Ihnen aber, fürchte ich, was mich betrifft, nichts Rechtes von Interesse bieten; ich müßte noch einmal Werke anführen, von denen ich in meinen vorhergehenden Briefen vielleicht schon zuviel geredet habe; immer der ewige »Fünfte Mai«, »Harold«, die Fragmente aus »Romeo und Julie« usw. Immer dieselben Schwierigkeiten, gewisse Instrumentalisten zu finden, die gleiche Vortrefflichkeit der andern Teile des Orchesters, die sozusagen das alte, das mozartische Orchester bilden; und stets auch dieselben Fehler, die sich unverändert einstellen: in der ersten Probe, an denselben Stellen, in denselben Stücken, und schließlich nach einigem aufmerksamen Studium verschwinden.

Ich hielt mich in Magdeburg nicht auf, wo mich indes ein recht origineller Erfolg erwartete. Ich wäre dort beinahe gescholten worden, weil ich so frech war, meinen Namen zu führen; und das von einem Postbeamten, der mich, während er mein Gepäck registrierte und dessen Aufschriften las, mit mißtrauischer Miene fragte:

– »Berlioz? Komponist?«

– »Ja!«

Darüber großer Zorn des braven Mannes, weil ich die Unverschämtheit hatte, mich für den Komponisten Berlioz auszugeben. Er hatte sich offenbar eingebildet, dieser exzentrische Musiker könne nur auf einem Flügelroß inmitten wirbelnder Flammen reisen, allerwenigstens umgeben von reichem Gefolge und einer respektablen Dienerschaft. Da er nun einen Mann ankommen sah, anzusehen wie alle Leute, die in einem Eisenbahnwagen gleichzeitig eingefroren und geräuchert worden sind, auch gerade so abgespannt wie diese; einen Mann, der seinen Koffer selbst wägen ließ, der selbst ging, selbst französisch sprach und auf deutsch nur »ja« sagen konnte – so schloß er sogleich daraus, ich sei ein Betrüger. Sie können sich wohl denken, wie mich sein Gebrumm und sein Achselzucken entzückten; je verächtlicher seine Geberde und sein Ausdruck wurden, desto höher stieg mein Stolz: wenn er mich gehauen hätte – ich wäre ihm zweifellos um den Hals gefallen. Ein anderer Angestellter, der meine Sprache sehr gut beherrschte, zeigte sich geneigter, mir das Recht der Identität mit mir selbst einzuräumen; aber die Höflichkeiten, die er mir sagte, schmeichelten mir unendlich viel weniger, als die Ungläubigkeit seines naiven Kollegen und dessen köstliche schlechte Laune. Nun, Sie sehen: eine halbe Million hätte mich um diesen Erfolg gebracht! Künftig werde ich mich wohl in acht nehmen, dergleichen bei mir zu führen, und immer auf dieselbe Art reisen. Obwohl das nicht die Ansicht unseres jovialen, geistvollen dramatischen Zensors Perpignan ist. Als der von einem Duell hörte, in dem ein Mann durch ein in seiner Westentasche befindliches Hundertsousstück die Kugel seines Gegners aufgehalten hatte, rief er aus: »Nichts Glücklicheres, als die reichen Leute! Ich wäre auf der Stelle mausetot gewesen!«

Ich komme in Hannover an; A. Bohrer erwartete mich dort. Der Intendant, Herr von Meding, hatte die Güte, Kapelle und Theater mir zur Verfügung zu stellen, und ich schickte mich gerade an, mit meinen Proben zu beginnen, als der Tod des Herzogs von Sussex, eines Verwandten des Königs, Hoftrauer veranlaßte, und das Konzert um eine Woche verschoben werden mußte. Ich hatte also ein wenig Zeit mehr, mit den ersten Künstlern bekannt zu werden, die bald unter der Bösartigkeit meiner Kompositionen zu leiden haben sollten.

Zu dem Kapellmeister Marschner konnte ich in keine sehr nahen Beziehungen kommen; seine Schwierigkeit, sich französisch auszudrücken, gestaltete unsere Unterhaltungen ziemlich peinlich; übrigens ist er äußerst beschäftigt. Gegenwärtig ist er einer der ersten Komponisten Deutschlands, und Sie erkennen, wie wir alle, den eminenten Wert seiner Partituren des »Vampyr« und des »Templers« an. Was A. Bohrer betrifft, so kannte ich ihn schon: die Trios und Quartette Beethovens hatten uns in Paris zusammengeführt, und die Begeisterung, die uns damals, den einen wie den andern, entzündet, war seitdem nicht schwächer geworden. Ich sehe ihn noch bei den Quartettproben, wo sein Bruder Max (der berühmte Violoncellist, heute in Amerika), Claudel, der zweite Geiger, und Urhan, der Bratschist, ihm so gut zur Seite standen. Wenn Max diese transzendente Musik hörte, sie studierte, so lachte er vor Stolz und Freude; er schien in seiner natürlichen Luft zu leben und sie mit Lust einzuatmen. Urhan betete schweigend an und senkte die Augen, wie vor der Sonne; er schien zu sagen: »Gott hat gewollt, daß ein Mensch sei, groß wie Beethoven, und daß es uns gegönnt sei, seiner inne zu werden; Gott hat es gewollt.« Claudel bewunderte hauptsächlich diese tiefe Bewunderung. Was Anton Bohrer, den ersten Geiger, betrifft, so war er die Leidenschaft zu seinem Abgott, die exstatische Liebe selbst. Eines Abends, in einem jener überirdischen Adagios, wo der Genius Beethovens unermeßliche, einsame Kreise zieht, wie der Riesenvogel der Schneegebirge des Chimborasso, schien Bohrers Violine beim Singen der erlauchten Melodie von poetischem Hauche beseelt; ihr Ton, die Kraft ihres Ausdrucks verdoppelte sich, brach hervor in Akzenten, die jenem selber unbekannt waren; die Eingebung leuchtete auf dem Antlitz des Virtuosen; wir hielten den Atem an, unsere Herzen schwollen, – als plötzlich A. Bohrer abbrach, seinen inbrünstigen Bogen hinlegte und ins Nebenzimmer flüchtete. Frau Bohrer folgte ihm beunruhigt, aber Max, immer noch lächelnd, sagte zu uns:

– »Es ist nichts, er hat sich nicht beherrschen können; wir wollen ihn sich ein wenig beruhigen lassen und dann wieder anfangen. Man muß nachsichtig mit ihm sein.«

Nachsichtig mit ihm ... teurer Künstler!

Anton Bohrer hat in Hannover das Amt des Konzertmeisters inne; er komponiert jetzt wenig; am liebsten beschäftigt er sich damit, die musikalische Ausbildung seiner Tochter zu leiten, eines reizenden Kindes von zwölf Jahren, deren wunderbare Begabung ihrer ganzen Umgebung leicht verständliche Sorgen macht. Einmal ist ihr pianistisches Talent höchst ungewöhnlich, und dann ist ihr Gedächtnis derart, daß in den Konzerten, die sie im vorigen Jahr in Wien gab, ihr Vater statt des Programms dem Publikum eine Liste von zweiundsiebzig Stücken überreichte: Sonaten, Konzerte, Phantasien, Fugen, Variationen, Etüden, von Beethoven, Weber, Cramer, Bach, Händel, Liszt, Thalberg, Chopin, Dohler ec.; die kleine Sofie wußte sie auswendig und konnte sie, je nach dem Wunsche des Publikums, ohne Zögern vortragen. Es genügt ihr, ein Stück jedes Umfangs und jeder Schwierigkeit drei- oder viermal zu spielen, um es zu behalten und nicht zu vergessen. So viele verschiedenartige Kombinationen dem jungen Gehirn einzuprägen! Liegt darin nicht etwas Ungeheuerliches, dazu angetan, so viel Schrecken, als Bewunderung einzuflößen?

Es ist zu hoffen, daß die kleine Sofie als Fräulein Bohrer uns in einigen Jahren wieder besuchen wird, damit das Pariser Publikum Gelegenheit habe, dieses phänomenale Talent kennen zu lernen, von dem es nur eine sehr schwache Vorstellung hat.

Das Orchester in Hannover ist gut, aber zu arm an Saiteninstrumenten. Es besitzt im ganzen nur sieben erste Violinen, sieben zweite, drei Bratschen, vier Violoncelli und drei Kontrabässe. Einige Geigen sind unsicher, die Violoncelli geschickt, Bratschen und Kontrabässe gut. Die Blasinstrumente verdienen alles Lob, vor allem die erste Flöte, die erste Oboe (Eduard Rose), die im pianissimo unübertrefflich bläst, und die erste Klarinette, deren Ton ausgesucht schön ist. Die beiden Fagotte (es sind nur zwei) blasen rein: ein schrecklich selten Ding. Die Hörner sind nicht ersten Ranges, aber sie gehen an; die Posaunen sind tüchtig, die Naturtrompeten ziemlich gut; eine vorzügliche Ventiltrompete ist vertreten; der Künstler, der dies Instrument bläst, heißt, wie der in Weimar, sein Rivale, Sachs; ich weiß nicht, welchem von beiden ich die Palme reichen soll. Der erste Oboist bläst das Englische Horn, aber sein Instrument ist sehr falsch. Eine Ophikleïde gibt es nicht; man kann bei den Baßtuben der Militärkapelle guten Ersatz dafür finden. Der Pauker ist mittelmäßig; der Musiker, den man mit der großen Trommel betraut hat, nicht musikalisch; der Beckenschläger ist nicht sicher, und die Becken selbst bis zu einem Grade zerbrochen, daß von jedem nur noch ein Drittel übrig ist.

Eine Harfe ist vorhanden und wird von einer Choristin ganz gut gespielt. Sie ist keine Virtuosin, aber sie beherrscht ihr Instrument und bildet, zusammen mit den Harfenisten von Stuttgart, Berlin und Hamburg, die einzige Ausnahme, der ich in Deutschland begegnet bin, wo im allgemeinen die Harfenisten Harfe nicht spielen können. Leider ist sie sehr ängstlich und ziemlich schwach musikalisch; aber wenn man ihr auf ein paar Tage ihre Stimme zum Üben gibt, kann man sich auf sie verlassen. Sie bringt die Flageolettöne vortrefflich; ihre Harfe hat Doppelpedale und ist sehr gut.

Der Chor ist wenig zahlreich: ein kleines, aber doch stimmkräftiges Häuflein, etwa vierzig; alle singen rein; übrigens sind die Tenöre schätzbar durch ihr Timbre. Das Ensemble ist unter dem Mittelmaß; mit Ausnahme des Bassisten, Steinmüller, der trefflich musikalisch ist und eine schöne Stimme hat, die er geschickt, wiewohl ein wenig gezwungen, gebraucht, habe ich nichts gehört, das mir der Rede wert erschienen wäre.

Wir konnten nur zwei Proben halten; auch das fand man noch außerordentlich, und einige Mitglieder der Kapelle murrten laut darüber. Das ist das einzige Mal, daß mir diese Unannehmlichkeit in Deutschland zustieß, wo die Künstler mich stets als Bruder aufgenommen haben, ohne jemals Zeit oder Mühe zu beklagen, die meine Konzerte von ihnen forderten. A. Bohrer war außer sich; er hätte viermal, oder zum mindesten dreimal probieren mögen, konnte es aber nicht durchsetzen. Dennoch war die Aufführung passabel, aber kalt und kraftlos. Stellen Sie sich doch vor: drei Kontrabässe! und auf jeder Seite sechs und eine halbe Geige!!! Das Publikum benahm sich höflich, das war aber auch alles; ich glaube, es zerbricht sich immer noch den Kopf darüber, was Teufel dieses Konzert eigentlich hat heißen sollen. Der Doktor Griepenkerl war eigens von Braunschweig gekommen, ihm beizuwohnen: er mußte zwischen dem künstlerischen Geist der beiden Städte einen bemerkenswerten Unterschied feststellen. Wir – er, einige Musiker aus Braunschweig und ich – vergnügten uns damit, den armen Bohrer zu quälen durch die Erzählung des musikalischen Festes, das man mir vor drei Monaten in Braunschweig gegeben; diese Berichte schnitten ihm ins Herz. Herr Griepenkerl machte mir hierauf sein Werk, das er über mich geschrieben hatte, zum Geschenk und bat dafür um den Stock, mit dem ich den »Fünften Mai« dirigiert hatte.

Hoffen wir, daß die so in Frankreich und Deutschland gepflanzten Stöcke Wurzel schlagen und Bäume werden mögen, auf daß sie mir eines Tages Schatten spenden ...

Der Kronprinz von Hannover wohnte diesem Konzerte bei; ich hatte die Ehre, mich einige Augenblicke vor meiner Abreise mit ihm zu unterhalten und schätze mich glücklich, die liebenswürdige Leutseligkeit seines Wesens und die Feinheit seines Geistes kennen gelernt zu haben, dem ein furchtbares Unglück (der Verlust des Augenlichtes) die Heiterkeit keineswegs stören konnte.

Reisen wir jetzt nach Darmstadt. Ich passiere Kassel um sieben Uhr früh.

Spohr schläft noch; Spohr war Kapellmeister in Kassel. man darf ihn nicht wecken. Weiter. Ich betrete Frankfurt zum vierten Male. Dort treffe ich Parish-Alvars, der mich durch das Vorspielen seiner Phantasie in Flageolettönen – über den Gesang der Meermädchen aus Oberon – magnetisiert. Der Mann ist entschieden ein Zauberer: seine Harfe ist eine Sirene mit schön geschwungenem Halse und aufgelösten Haaren, die, kraftvoll und begeistert von ihm umarmt, faszinierende Klänge aus einer andern Welt aushaucht. Da ist Guhr, der sich durch die Handwerker, die sein Theater reparieren, stark behindert fühlt. Ach, nichts für ungut, Osborne, gestatten Sie mir, Sie zu verlassen, um dem gefürchteten Kapellmeister einige Worte zu sagen, dessen Name sich nochmals unter meiner Feder zeigt; ich komme gleich wieder.

»Mein lieber Guhr,

Sie müssen wissen, daß einige Personen mir die Befürchtung nahe gelegt haben, Sie möchten die auf Sie bezüglichen Späße, die ich mir bei der Erzählung unserer ersten Begegnung erlaubte, übel aufgenommen haben! Ich zweifelte stark daran; denn ich kenne Ihren Verstand, und dennoch beunruhigte mich dieser Zweifel. Bravo! Ich erfahre, daß Sie, weit davon entfernt, über die Dissonanzen, die ich der Harmonie Ihrer Unterhaltung lieh, ärgerlich zu sein, zu allererst darüber gelacht haben, und daß Sie in einer der Frankfurter Zeitungen die deutsche Übersetzung des Briefes, der sie enthielt, haben abdrucken lassen. Das lob ich mir! Sie verstehen Spaß, und überdies ist man noch nicht verloren, wenn man ein bißchen flucht. Vivat! terque, quaterque vivat! Kreuzschockschwerenot! Halten Sie mich wirklich und wahrhaftig für einen Ihrer besten Freunde und nehmen Sie tausend neue Komplimente über Ihre Frankfurter Kapelle entgegen; sie ist würdig, von einem Künstler Ihresgleichen geleitet zu werden.

Ade, ade, Kreuzschockschwerenot!«

Da bin ich wieder! Ach ja! wo doch gleich? Es handelte sich ja wohl um Darmstadt. Wir suchten dort einige Freunde auf, unter anderen L. Schlosser, den Konzertmeister, der einst, während seines Pariser Aufenthalts, mein Mitschüler bei Lesueur gewesen. Ich brachte übrigens Briefe von Rothschild aus Frankfurt an den Prinzen Emil mit, der mir die liebenswürdigste Aufnahme bereitete, und erhielt vom Großherzog mehr für mein Konzert, als ich zu hoffen gewagt hatte. In der Mehrzahl der deutschen Städte, in denen ich mich bis dahin hatte hören lassen, war der Vertrag mit den Theaterintendanten ungefähr immer der gleiche gewesen; die Verwaltung trug fast alle Kosten, und ich erhielt die Hälfte der Brutto-Einnahme. (Das Weimarer Theater allein war so höflich, mir die ganze Einnahme zu lassen. Wie gesagt: Weimar ist Kunststadt und die herzogliche Familie weiß die Künste zu ehren.)

Nun also! in Darmstadt erwies mir der Großherzog nicht allein die gleiche Gunst, sondern wollte mich sogar von jeder Art Kosten befreien. Sicherlich hat dieser freigebige Fürst keine »Neffen, die auch schreiben« usw. usw. Das Konzert wurde pünktlich ins Werk gesetzt, und das Orchester – weit entfernt, sich um Proben bitten zu lassen – hätte gewünscht, es wäre mir möglich gewesen, den Übungen eine Woche mehr zu widmen. Wir hatten fünf Proben. Alles ging gut – mit Ausnahme jedoch des Doppelchors der jungen Capulets, die vom Feste heimkehren, zu Beginn der Liebesszene in Romeo und Julie. Die Wiedergabe dieses Stückes war eine wahre vokale Entgleisung. Die Tenöre des zweiten Chors sanken beinahe um einen halben Ton und die des ersten verfehlten bei der Wiederholung des Themas ihren Einsatz. Der Chordirektor war in einer um so leichter begreiflichen Wut, als er sich acht Tage lang mit der Instruktion der Choristen unendliche Mühe gegeben hatte.

Das Orchester von Darmstadt ist etwas zahlreicher, als das Hannoversche: es besitzt ausnahmsweise eine vortreffliche Ophikleïde. Die Harfenpartie ist in Händen eines Malers, dem es, trotz aller Anstrengung und gutem Willen, niemals gelingen will, seiner Leistung einige Farbe zu geben. Der Rest der Kapelle ist gut besetzt und vom besten Geiste beseelt. Ein bemerkenswerter Virtuose befindet sich darunter. Er heißt Müller, hat aber trotzdem gar nichts mit der berühmten Familie Müller in Braunschweig zu tun. Sein fast kolossaler Wuchs gestattet ihm, den wahren viersaitigen Kontrabaß mit außerordentlicher Leichtigkeit zu spielen. Ohne seinen Ehrgeiz, wie er könnte, in die Bewältigung nutzlos schwieriger Läufe und Arpeggien von grotesker Wirkung zu setzen, singt er vornehm und gewichtig auf diesem Rieseninstrument und weiß ihm Töne von großer Wucht zu entlocken, die er mit viel Kunst und Gefühl nuanciert. Ich habe ihn ein sehr schönes Adagio vom jungen Mangold, dem Bruder des Kapellmeisters, singen hören, so daß er ein ernsthaftes Auditorium tief bewegte. Das war in einer Soiree des Doktor Huth, des ersten Musikfreundes von Darmstadt, der, in seiner Sphäre, für die Kunst dasselbe tut, was Herr Alsager zu London in der seinen, und dessen Einfluß auf den musikalischen Geist des Publikums infolgedessen groß ist. Müller ist eine Eroberung, die Komponisten und Kapellmeister wohl reizen muß; aber der Großherzog wird sich dem ganz sicherlich mit allen Kräften widersetzen.

Der Kapellmeister Mangold, ein geschickter, vortrefflicher Mann, hat einen großen Teil seiner musikalischen Erziehung in Paris genossen, wo er unter die besten Schüler Reichas zählte. Für mich war er also ein Mitschüler und behandelte mich auch als solcher. Was Schlosser, den schon erwähnten Kapellmeister, betrifft, so erwies er sich mir als ein so guter Kamerad, zeigte so viel Eifer mir zu helfen, daß es mir wahrhaft unmöglich ist, seine Kompositionen, soweit er mir deren Durchsicht gestattet hat, geziemend zu besprechen. Ich würde den Anschein erwecken, seine Gastfreundschaft vergelten zu wollen, wenn ich ihnen auch nur Gerechtigkeit widerfahren ließe. Neuer Beweis der Wahrheit des Gegensprichworts: »Eine Wohltat ist immer vergebens!«

Es gibt in Darmstadt eine Militärkapelle von etwa dreißig Musikern; ich habe den Großherzog sehr darum beneidet. Alle spielen rein, haben Stilgefühl und Rhythmus in einem Maße, das selbst den Trommlern Bedeutung gibt.

Reichel (dessen immense Baßstimme mir in Hamburg so nützlich war) befand sich bei meiner Ankunft seit einiger Zeit in Darmstadt, wo er in der Rolle des Marcel in den Hugenotten einen wahrhaften Triumph gefeiert hatte. Dabei war er so liebenswürdig, den »Fünften Mai« zu singen, aber mit einer Auffassungskraft und Feinfühligkeit, welche die Eigenschaften, die er bei der ersten Wiedergabe dieses Stückes gezeigt hatte, bei weitem übertrafen. Namentlich in der am schwierigsten zu nüancierenden letzten Strophe war er bewundernswert:

Wie? Sterben er? O Ruhm, du wurdest Waise!

Hierauf zeigte die Arie aus Mozarts Figaro » Non più andrai«, die wir in das Programm aufgenommen hatten, und die ihn in neuem Lichte glänzen ließ, die Fülle seiner Begabung. Sie trug ihm ein Da capo des ganzen Saales ein und am nächsten Tage ein sehr vorteilhaftes Engagement am Darmstädter Theater. Ich verzichte darauf, den Rest zu erzählen. Wenn Sie in dieses Land kommen, wird man Ihnen nur sagen, daß ich die naive Eitelkeit hatte, Publikum und Künstler sehr verständig zu finden.

Da sind wir nun, mein lieber Osborne, am Ende dieser Pilgerfahrt angelangt, vielleicht der beschwerlichsten, die jemals ein Musiker unternommen, und deren Erinnerung, ich fühle es, sich über den Rest meines Lebens breiten wird. Ich habe, wie die frommen Männer des alten Griechenlands, das delphische Orakel befragt. Habe ich den Sinn seiner Antwort wohl verstanden? ... Gibt es nicht trügerische Orakel? ... Die Zukunft, allein die Zukunft wird darüber entscheiden. Wie dem auch sei, ich muß nach Frankreich zurückkehren und endlich meinen Abschiedsgruß an Deutschland richten, die edle zweite Mutter aller Söhne der Euterpe. Aber wie den Ausdruck finden für meine Dankbarkeit, meine Bewunderung, mein Bedauern? ... Welche Hymne soll ich singen, die würdig wäre seiner Größe, seines Ruhmes? ... So weiß ich denn nichts anderes, als scheidend mich in Ehrfurcht zu verneigen und mit bewegter Stimme ihm zu sagen:

Vale Germania, alma parens!

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