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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 60
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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57.

Braunschweig. Hamburg.

 

An Heinrich Heine

Ich habe in der trefflichen Stadt Braunschweig in jeder Weise Glück gehabt; auch hatte ich zuerst die Absicht, mit dieser Erzählung einem meiner persönlichen Feinde aufzuwarten, das hätte ihm Freude gemacht! ... Ihnen, mein lieber Heine, wird die Beschreibung dieses Musikfestes vielleicht Pein bereiten. Die Immoralisten behaupten, in jedem Glück, das uns begegne, liege etwas Unangenehmes für unsere besten Freunde; aber ich glaube das ganz und gar nicht! Das ist eine elende Verleumdung, und ich kann beschwören, daß mir unerwartetes Glück, wie es einigen meiner Freunde zuteil wurde, in keiner Weise unangenehm war, so glänzend es auch sein mochte!

Genug! Begeben wir uns nicht auf die dornigen Gefilde der Ironie, wo Wermut und Euphorbien im Schatten von Nesselsträuchern blühen, wo Schlangen und Kröten zischen und quaken, wo das Wasser der Seen brandet, wo die Erde bebt, der Abendwind sengt, die Wolken im Westen wetterleuchten! Denn wozu sich auf die Lippe beißen, unter halb geschlossenen Augenlidern giftgrüne Blicke verbergen, ganz leise mit den Zähnen knirschen, seinem Gesprächspartner einen Stuhl mit tückischem Stachel oder mit klebrigem Überzug anbieten, wenn in der Seele durchaus keine Bitternis vorhanden ist, sondern lächelnde Erinnerungen dem Gedanken wehren, wenn man sein Herz voller Dankbarkeit und kindlicher Freude fühlt, wenn man sich am liebsten einhundert Ruhmesgöttinnen mit Riesentrompeten wünschte, damit man allem, was uns lieb ist, sagen könnte: ich bin einen Tag glücklich gewesen. Eine kleine Regung kindlicher Eitelkeit veranlaßte mich zu diesem Anfang; ich suchte, gegen meinen Willen, Sie nachzuahmen, Sie, den unnachahmlichen Ironisten. Das soll mir nicht wieder passieren. Ich habe in unsern Gesprächen zu oft bedauert, Sie nicht zu einem ernsthaften Tone bewegen, noch den krampfhaften Griff Ihrer Krallen aufhalten zu können, selbst in den Augenblicken, da Sie die schönsten Sammetpfoten zu machen glauben, Tigerkatze, die Sie sind, leo quaerens quem devoret. Und doch: wieviel Empfindsamkeit, wieviel Phantasie ohne Galle ist in Ihren Worten! Wie singen Sie in Dur, wenn Sie wollen! Wie braust Ihr Enthusiasmus in vollem Strome dahin, wenn die Bewunderung Sie unversehens ergreift und Sie sich vergessen! Welch unendliche Zartheit lebt in einer verborgenen Falte Ihres Herzens für das Land, daß Sie so sehr verspottet haben, für diese fruchtbare Erde der Dichter, für dieses Vaterland der träumenden Genien, für dieses Deutschland, daß Sie Ihre alte Großmutter genannt haben und das Sie trotz allem so sehr liebt!

Ich habe wohl den traurig-zärtlichen Ton bemerkt, in welchem es mir von Ihnen erzählte, als ich es bereiste; ja, es liebt Sie! Es hat seine ganze Neigung auf Sie konzentriert. Seine älteren Söhne sind tot, seine großen Söhne, seine großen Männer; es zählt nur noch auf Sie, den es lächelnd sein böses Kind nennt. Deutschland und seine ernst-romantischen Lieder, mit denen es Ihre ersten Jahre einwiegte, haben in Ihnen ein reines, hohes Gefühl für Musik geweckt, und erst, als Sie es im Strome der Welt verlassen hatten, nach mancherlei Leiden, sind Sie der unbarmherzige Spötter geworden.

Ich weiß, es läge Ihnen nahe, eine ungeheure Karikatur aus der Erzählung meiner Reise nach Braunschweig zu machen, und doch: Sie sehen, welches Zutrauen ich zu Ihrer Freundschaft habe und wie die Furcht vor der Satire schwindet; gerade an Sie richte ich das Wort.

... Eben, als ich Leipzig verließ, bekam ich einen Brief von Meyerbeer, der mir ankündigte, daß man sich, vor Ablauf eines Monats, nicht mit meinen Konzerten würde befassen können. Der große Meister forderte mich auf, die Verzögerung durch eine Reise nach Braunschweig auszunützen, wo ich, wie er sagte, ein höchst achtbares Orchester finden würde. Ich folgte diesem Rate, ohne mir indes viel davon zu versprechen. Ich kannte niemand in Braunschweig und hatte keine Ahnung vom Geschmack des Publikums und von der Gesinnung der Künstler gegen mich. Aber allein das Bewußtsein, daß die Gebrüder Müller an der Spitze der Kapelle stünden, hätte mir genügt, dieser volles Vertrauen zu schenken, auch unabhängig von Meyerbeers ermutigendem Urteil. Ich hatte sie auf ihrer letzten Reise in Paris gehört und betrachte den Vortrag der Quartette Beethovens durch diese vier Virtuosen als eines der größten Wunder moderner Kunst.

Die Familie Müller stellt in der Tat das Ideal eines Beethovenquartetts dar, wie die Familie Bohrer das eines Trios. Noch nie und an keinem Orte der Welt hat man das Zusammenspiel, die Einheit der Empfindung, die Tiefe des Ausdrucks, Reinheit des Spiels, die Größe, Wucht, den Schwung und die Leidenschaft bis zu diesem Grad der Vollendung gebracht. Eine solche Vorführung seiner erlauchten Werke gibt uns, wie ich glaube, die genaueste Vorstellung dessen, was Beethoven empfand, als er sie schrieb. Es ist das Echo schöpferischer Eingebung, der Rückschlag des Genies!

Die Musikerfamilie der Müller ist übrigens zahlreicher, als ich dachte; ich zählte im Braunschweigischen Orchester sieben Künstler dieses Namens, Brüder, Söhne und Neffen. Georg Müller ist Kapellmeister; sein älterer Bruder Karl ist nur erster Konzertmeister, aber man sieht an der Achtsamkeit, mit der jeder zuhört, wenn er eine Bemerkung macht, daß man in ihm das Haupt des berühmten Quartettes achtet. Der zweite Konzertmeister ist Herr Freudenthal, ein verdienstvoller Geiger und Komponist. Ich hatte Karl Müller von meiner Ankunft benachrichtigt; als ich in Braunschweig vom Wagen stieg, wurde ich von einem sehr liebenswürdigen jungen Manne angeredet, Herrn Zinkeisen, einem ersten Geiger des Orchesters; er erwartete mich auf der Post, um mich, wie ich ging und stand, zum Kapellmeister zu führen. Diese Aufmerksamkeit und der Eifer schienen mir von guter Vorbedeutung. Herr Zinkeisen hatte mich ein paarmal in Paris gesehen und erkannte mich wieder trotz dem mitleidenswerten Zustand, in den mich die Kälte versetzt hatte; denn ich hatte die Nacht in einer Abteilung zugebracht, die so ziemlich jedem Luftzug offenstand, um dem Gestank und Rauch von sechs schrecklichen Pfeifen zu entgehen, die ohne Unterlaß im Innern brannten. Ich bewundere die in Deutschland üblichen Polizeiverordnungen: es ist bei Geldstrafe verboten, auf Straßen und öffentlichen Plätzen zu rauchen, wo diese reizende Beschäftigung niemand belästigen kann; aber, geht man ins Café, wird geraucht; an der Wirtstafel wird geraucht; auf der Post wird geraucht: kurz, überall verfolgt einen die infernalische Pfeife. – Sie sind Deutscher, mein lieber Heine, und rauchen nicht! Das ist nicht das geringste Ihrer Verdienste, glauben Sie mir; die Nachwelt zwar wird es Ihnen nicht anrechnen, aber viele Zeitgenossen und alle Zeitgenossinnen werden Ihnen Dank dafür wissen.

Karl Müller empfing mich mit jener ernsten, ruhigen Miene, die mich in Deutschland manchmal erschreckt hat, da ich sie für ein Zeichen von Gleichgültigkeit und Kälte hielt; dennoch muß man ihr nicht so sehr mißtrauen, als unseren französischen Bekomplimentierungen, die von Lächeln und schönen Worten strotzen, wenn wir einen Fremden willkommen heißen, an den wir fünf Minuten später nicht mehr denken. Ganz im Gegenteil: der Konzertmeister fragte mich, auf welche Art ich mein Orchester besetzt wünsche und setzte sich sofort ins Einvernehmen mit seinem Bruder wegen der Art und Weise, auf die man Streichinstrumente in der von mir nötig erachteten Menge beschaffen könne, und um einen Aufruf an Liebhaber zu erlassen und an Künstler, die nicht zur herzoglichen Kapelle gehörten, aber fähig waren, sich ihr anzuschließen. Tags darauf hatten sie mir ein schönes Orchester gebildet, etwas zahlreicher als das der Pariser Oper, und nicht allein sehr geschickte, sondern auch unvergleichlich eifrige, begeisterte Musiker zusammengebracht.

Die Frage nach der Harfe, Ophikleïde und dem Englischen Horn wurde, wie in Weimar, Leipzig, Dresden, auch hier wieder aufgeworfen. (Ich erzähle Ihnen all diese Einzelheiten, um Ihnen ein Ansehen als Musiker zu geben.) Eines der Mitglieder des Orchesters, Herr Leibrock, ein ausgezeichneter Künstler, der in der musikalischen Literatur sehr bewandert ist, hatte sich erst seit Jahresfrist dem Studium der Harfe gewidmet und fürchtete sich daher heftig vor der Probe, auf die ihn meine zweite Sinfonie stellen sollte. Übrigens besitzt er nur eine altmodische Harfe, deren Pedale mit einfachem Tritt nichts von dem gestatten, was man heute für dieses Instrument schreibt. Glücklicherweise ist die Harfenstimme des Harold äußerst leicht, und Herr Leibrock übte fünf oder sechs Tage dergestalt, daß er in Ehren bestand – in der Hauptprobe. Aber, als am Abend des Konzerts der große Moment kam, ergriff ihn panischer Schrecken: er unterbrach sein Spiel in der Einleitung und ließ Karl Müller, der die Solobratsche übernommen hatte, im Stich.

Das war der einzige Unfall, den wir zu bedauern hatten, ein Unfall, den übrigens das Publikum gar nicht bemerkte und um derentwillen sich Herr Leibrock noch nach Tagen bittere Vorwürfe machte, trotz meine Bemühungen, ihn hierüber zu trösten. Was die Ophikleïde betrifft, so gibt es nichts dergleichen in Braunschweig; als Ersatz zeigte man mir zuerst eine Baßtuba (großartig wuchtiges Instrument, von dem ich bei Gelegenheit der Militärkapellen Berlins zu sprechen haben werde); aber der junge Mann, der sie blies, schien mir die Technik nicht sehr wohl innezuhaben – er kannte nicht einmal den Umfang recht; dann ein russisches Fagott, das der Spieler ein Kontrafagott nannte. Ich hatte große Mühe, ihn über Beschaffenheit und Namen seines Instrumentes aufzuklären, dessen Ton klingt, wie er geschrieben ist, und das mit einem Mundstück angeblasen wird, wie es die Ophikleïde hat; während das Kontrafagott, ein transponierendes Instrument mit Rohrblatt, nichts anderes ist, als ein großes Fagott, das die Tonleiter des Fagotts fast vollständig in der tieferen Oktav wiedergiebt. Wie dem auch sei: das russische Fagott wurde, so gut es gehen mochte, als Stellvertreter der Ophikleïde angenommen. Ein englisches Horn gab es nicht; seine Soli wurden für Oboe eingerichtet, und wir begannen mit den Orchesterproben, während der Chor in einem andern Saal studierte.

Ich muß an dieser Stelle sagen, daß ich, bis an diesen Tag, noch nie, weder in Frankreich, noch in Belgien, noch sonst in Deutschland, hervorragende Künstler versammelt gesehen habe, die so ergeben, aufmerksam und begeistert von ihrer Aufgabe gewesen wären. Nach der ersten Probe, wo sie sich ein Bild von den Hauptschwierigkeiten meiner Sinfonien hatten machen können, wurde die Parole für die folgenden Proben ausgegeben: man einigte sich, mich über die Stunde, zu der sie angesetzt werden sollten, zu täuschen, und jeden Morgen (das erfuhr ich erst später) tat sich das Orchester zusammen, bevor ich kam, um die gefährlichsten Passagen und Rhythmen durchzunehmen. So fiel ich denn von einer Verwunderung in die andere, als ich täglich die reißenden Fortschritte in der Ausführung sah, die Zuversicht und die Kraft, mit der sich die ganze Schar auf die Schwierigkeiten stürzte, an die mein Pariser Orchester, die junge Garde der großen Armee, lange Zeit nur mit einer gewissen Vorsicht herangegangen war. Ein einziges Stück beunruhigte Karl Müller lebhaft: das Scherzo aus Romeo und Julie (die Fee Mab). Den Bitten des Herrn Zinkeisen nachgebend, der das Scherzo in Paris gehört, hatte ich, zum ersten Male seit meiner Ankunft in Deutschland, gewagt, es aufs Programm zu setzen. »Wir werden so lange arbeiten,« hatte er mir gesagt, »bis wir das Ziel erreicht haben.«

Wirklich hatte er die Leistungsfähigkeit des Orchesters nicht zu hoch angeschlagen, und die Fee Mab in ihrem mikroskopischen Wagen, der, vom summenden Insekt der Sommernächte geführt, im dreifachen Galopp der winzigen Pferdchen dahinfliegt, konnte den Braunschweigern ihre mutwilligen Streiche und tausend launischen Schwenkungen zeigen. Aber Sie werden verstehen, daß ich ihretwegen besorgt war, Sie, der natürliche Bruder dieser anmutigen, boshaften Geschöpfchen; Sie wissen nur zu gut, aus welch zarten Fäden die Gaze ihres Schleiers gewoben ist, und wie heiter der Himmel sein muß, damit ihr bunter Schwarm im bleichen Strahl des Nachtgestirns frei sich tummeln mag. Nun ja! trotz unserer Befürchtungen verschmolz das Orchester völlig mit Shakespeares reizenden Phantasien, machte sich so klein, so beweglich, so fein und zart, daß, glaube ich, die unsichtbare Königin nie glücklicher und unter geheimnisreicheren Klängen gefahren ist.

Im Schlußsatz des Harold dagegen, in dieser wütenden Orgie, wo die Räusche des Weines, des Blutes, der Freude und Wut ineinanderklingen, wo der Rhythmus bald zu straucheln, bald zornig einherzustürmen scheint, wo eherne Schlünde Verwünschungen speien und auf gnadeflehende Stimmen mit Lästerungen antworten, wo man lacht, trinkt, haut, demoliert, mordet und schändet – kurz: wo man sich vergnügt –: in dieser Räuberszene war das Orchester ein wahres Pandämonium geworden; etwas Übernatürliches, Erschreckendes lag in der Zügellosigkeit seines Schwunges; alles sang, sprang, brüllte in teuflischer Ordnung und Einmütigkeit, Geigen, Bässe, Posaunen, Pauken und Becken; währenddem die Solobratsche, der Träumer Harold, entsetzt fliehend, noch von weitem einige zitternde Töne seiner Abendhymne hören läßt. Ach! Welches Herzklopfen! Welch wilde Schauer bei der Anführung dieses wunderbaren Orchesters, wo ich alle meine jungen Pariser Löwen, hitziger als je, wiederzufinden glaubte!!! Ihr kennt nichts dergleichen, ihr Dichter, ihr werdet nimmer von solchen Lebensstürmen gepackt! Ich hätte die ganze Kapelle auf einmal umarmen mögen und konnte nur rufen – auf französisch zwar, aber der Ausdruck mußte mich verständlich machen –: »Erhaben! Ich danke Ihnen, meine Herrn, und bewundere Sie! Sie sind vollendete Banditen!«

Dieselben schwungvollen Eigenschaften traten bei der Ouvertüre zu Benvenuto hervor, und doch wurden die Stücke im entgegengesetzten Stil: die Einleitung zu Harold, der Pilgermarsch und das Ständchen, nie mit ruhigerer Größe und mehr heiterer Frömmigkeit vorgetragen. Was das Stück aus Romeo betrifft, so gehört sein Charakter wieder mehr dem stürmenden Genre an; es wirkte denn auch, wie unser Pariser Ausdruck lautet, »hinreißend«.

Man mußte, in den Ruhepausen der Proben, all diese erhitzten Gesichter sehen ... Einer der Musiker, Schmidt (der wuchtige Kontrabaß), hatte sich, zu Beginn der Pizzicatopassage in der Orgie, die Haut des Zeigefingers der rechten Hand aufgerissen; aber er dachte bei der Geringfügigkeit des Schadens, trotz dem Blute, das er vergoß, nicht daran aufzuhören, sondern spielte weiter und wechselte nur den Finger. Militärisch ausgedrückt heißt das: im Feuer nicht mucksen.

Während wir uns diesen »Erholungen« hingaben, studierte der Chor, gleichfalls mit großer Mühe, aber verschiedenen Ergebnissen, die Fragmente aus meinem Requiem. Das Offertorium und das Quaerens me waren schließlich gegangen; dagegen stieß der Sanctus, dessen Solo von Schmetzer, dem ausgezeichnet musikalischen ersten Tenor des Theaters, gesungen werden sollte, auf ein unüberwindliches Hindernis. Das Andante dieses Stückes, das für drei Frauenstimmen geschrieben ist, weist einige enharmonische Modulationen auf, die von den Dresdener Choristinnen sehr gut begriffen worden waren, aber, wie es schien, das musikalische Begriffsvermögen von denen in Braunschweig überstiegen. Nachdem sie daher drei Tage lang vergebens versucht hatten, Sinn und Intonation davon zu erfassen, schickten mir die armen Verzweifelten eine Deputation, um mich zu beschwören, sie nicht öffentlicher Beschämung preiszugeben und den schrecklichen Sanctus vom Programm zu streichen. Ich mußte hierein willigen, obzwar mit Bedauern, vornehmlich Schmetzers wegen, dessen sehr hoher Tenor sich trefflich für diese seraphische Hymne eignet, und der sich außerdem ein Vergnügen daraus gemacht hätte, sie zu singen.

Jetzt ist alles bereit, und trotz der Furcht Karl Müllers vor dem Scherzo, das er noch üben wollte, begeben wir uns ins Konzert, die Eindrücke dieser Musik auf das Publikum zu studieren. Ich muß Ihnen zuvor sagen, daß ich, nach dem Rate des Kapellmeisters, etwa zwanzig Personen, die Spitze der kunstfreundlichen Kolonne Braunschweigs, zu den Proben geladen hatte. Das war nun täglich eine lebende Reklame, die sich durch die Stadt verbreitete und die Neugierde des Publikums aufs äußerste spannte; daher das besondere Interesse, das selbst Leute aus dem Volk an den Vorbereitungen zum Konzert nahmen, und die Fragen, die sie an die Mitwirkenden und an die bevorrechtigten Hörer richteten: – »Wie war's heute morgen auf der Probe? ... Ist er zufrieden? ... Ist er denn Franzose? ... Aber die Franzosen schreiben doch nur komische Opern? ... Die Choristen finden ihn recht boshaft! Er hat gesagt, die Frauen sängen wie Tänzerinnen! ... Wußte er denn, daß die Chorsoprane aus dem Balletkorps hervorgehen? ... Ist es wahr, daß er mitten in einem Stücke den Posaunen seine Reverenz gemacht hat? ... Der Orchesterdiener versichert, er habe gestern auf der Probe zwei Flaschen Wasser, eine Flasche Weißwein und drei Glas Branntwein getrunken? Warum sagt er denn so oft zum Konzertmeister: Cäsar! Cäsar! ( c'est ça, c'est ça!)« usw.

So viel ist gewiß, daß lange vor der festgesetzten Stunde das Theater bis unters Dach voll war von einer ungeduldigen, schon zu meinen Gunsten voreingenommenen Menge. Jetzt, mein lieber Heine, ziehen Sie Ihre Krallen ganz ein; denn hier könnten Sie der Versuchung erliegen, sie mich fühlen zu lassen. Die Stunde ist da, das Orchester versammelt, ich betrete die Bühne; durch die Reihen der Violinen nähere ich mich dem Dirigentenpult. Denken Sie sich meinen Schrecken, als ich es von oben bis unten mit einer großen Guirlande von Blätterwerk umwunden sah. »Diese Musiker!« sagte ich mir, »sie werden mir den Hals brechen. Wie unklug! So das Fell des Bären zu verkaufen, ehe er zur Strecke gebracht ist! Und wenn das Publikum nicht ihrer Meinung ist, sitze ich schön in der Patsche! Solch eine Kundgebung würde in Paris genügen, einen Künstler unmöglich zu machen.« Indessen wurde die Ouvertüre mit großem Beifall aufgenommen; der Pilgermarsch ward wiederholt; die Orgie machte den ganzen Saal fiebern; das Offertorium mit seinem Chor auf zwei Noten und das Quaerens me schienen mir die frommen Seelen tief zu berühren; Karl Müller erhielt nach seiner Violinromanze starken Applaus; die Fee Mab erregte höchstes Erstaunen; ein Lied mit Orchester wurde da capo verlangt und das Fest bei Capulet beendete den Abend aufs wärmste. Kaum war der letzte Akkord verklungen, als ein furchtbarer Lärm den ganzen Saal erschütterte: wohin man sah, schrie das Publikum, unten, in den Logen, überall; die Trompeten, Hörner und Posaunen im Orchester schmetterten – die in dieser, jene in einer andern Tonart – dissonierende Fanfaren, begleitet von Schlaginstrumenten und von jedem nur erdenklichen Geklapper der Bogen, die gegen das Holz der Geigen und Bässe geschlagen wurden.

Es gibt im Deutschen ein Wort für diese sonderbare Art, den Beifall kundzugeben. Als ich sie unvorbereitet vernahm, war meine erste Empfindung Zorn und Abscheu; man verdarb mir so den eben genossenen musikalischen Eindruck, und fast hätte ich von den Künstlern Genugtuung für den Spektakel gefordert. Aber mußte es mich nicht tief bewegen, als der Kapellmeister Müller, mit Blumen beladen, vortrat und auf französisch zu mir sagte:

– »Erlauben Sie mir, Ihnen diese Kränze im Namen der herzoglichen Kapelle zu überbringen und auf Ihre Partituren zu legen!«

Daraufhin verdoppelte das Publikum sein Geschrei, das Orchester begann seine Fanfaren wieder ... der Taktstock entfiel meinen Händen, ich wußte nicht mehr, wo ich war.

Lachen Sie doch ein bißchen, nur zu! genieren Sie sich nicht. Das wird Ihnen wohl und kann mir nicht wehe tun; übrigens bin ich noch nicht fertig, und es hieße Ihnen zu viel zumuten, meinen Dithyrambus zu Ende zu hören, ohne mich zu kratzen ... Nun, Sie sind heute nicht allzu boshaft; ich fahre also fort.

Kaum hatte ich, schwitzend und dampfend, wie wenn ich eben aus dem Stix (!) käme, betäubt und entzückt das Theater verlassen, und wußte nicht, auf wen hören mitten in all diesen Gratulationen, als man mich von einem Souper von einhundertfünfzig Gedecken benachrichtigte, das eine Gesellschaft von Künstlern und Kunstfreunden mir zu Ehren in einem Gasthof gab. Man mußte wohl schon hingehen. Neuer Empfang, neue Kundgebungen bei meiner Ankunft; die Toaste, die französischen und deutschen Reden folgen sich auf dem Fuße; ich antworte, so gut ich kann, auf die, welche ich verstehe, und auf jede ausgebrachte Gesundheit antworten einhundertfünfzig Stimmen mit Hurra in einem Chore von schönster Wirkung. Zuerst beginnen die Bässe auf D, die Tenöre folgen auf A und die Damen mit dem Fis vervollständigen den D-Dur-Dreiklang, dem alsbald die vier Akkorde der Subdominante, Tonika, Dominante, Tonika folgen und in dieser Verbindung nacheinander Plagal- und Ganzschluß bilden. Diese harmonische Salve entlädt sich im breiten Zeitmaß und mit Pracht und Majestät; das ist sehr schön: wenigstens eines musikalischen Volkes wahrhaft würdig.

Was sage ich Ihnen, mein lieber Heine? Sollten Sie mich auch kindisch und primitiv im höchsten Grade finden, ich muß Ihnen dennoch gestehen, daß mich diese wohlwollenden Ehrungen, dieser sympathische Rumor aufs höchste beglückt haben. Zweifellos reicht dieses Glück nicht an dasjenige hinan, welches der Komponist bei der Leitung eines großartigen Orchesters empfindet, das mit Begeisterung eines seiner Lieblingswerke spielt; aber beides geht Hand in Hand, und nach einem Konzert verdirbt so eine Gesellschaft nichts. Wie Sie sehen, bin ich den Künstlern und Kunstfreunden Braunschweigs sehr verpflichtet; viel schulde ich auch dem ersten Musikkritiker, Herrn Robert Griepenkerl, der sich in einer verständigen Broschüre über mich mit einer Leipziger Zeitung in heftige Fehde eingelassen hat, und, wie ich glaube, einen richtigen Begriff gegeben hat von der Kraft und Richtung des musikalischen Stromes, mit dem ich schwimme.

Also, geben Sie mir die Hand, und singen wir ein Vivat Hoch auf Braunschweig in seinen Lieblingsakkorden!:

Noten

Die Kunststädte sollen leben!

Tut mir leid, mein lieber Dichter, aber Sie sind jetzt als Musiker gebrandmarkt.

Nun kommt die Fahrt nach Ihrem Geburtsort, nach Hamburg, dieser gleich dem alten Pompeji verwüsteten Stadt, die aber mächtig aus ihrer Asche ersteht und mutig ihre Wunden verbindet! ... Gewiß, auch hieran finde ich nur zu loben. Hamburg hat große musikalische Mittel; Gesangvereine, philharmonische Gesellschaften, Militärkapellen usw. Das Theaterorchester hat freilich aus Sparsamkeitsrücksichten bis auf mehr als dürftige Verhältnisse verringert werden müssen; aber ich hatte zuvor dem Direktor meine Bedingungen gestellt, und man bot mir ein, nach Anzahl und Begabung der Künstler, durchaus befriedigendes Orchester, dank reichlicher Ergänzung von Saiteninstrumenten und Beurlaubung von zwei oder drei fast hundertjährigen Invaliden, an die das Theater viel Anhänglichkeit zeigt. Ein seltsamer Fall, den ich gleich anführen will, ist, daß es in Hamburg einen ausgezeichneten Harfenisten mit einem sehr guten Instrument gibt! Ich begann schon daran zu verzweifeln, den einen oder das andere in Deutschland wiederzusehen. So fand ich auch eine tüchtige Ophikleïde, aber auf das Englische Horn mußte verzichtet werden.

Der erste Flötist (Cantal) und der erste Geiger (Lindenau) sind zwei Virtuosen ersten Ranges. Der Kapellmeister (Krebs) löste seine Aufgabe mit Begabung und jenem Ernst, den ich am Orchesterdirigenten liebe. Er hat mir bei unsern langen Proben sehr freundschaftlich beigestanden. Das Gesangsensemble des Theaters war zur Zeit meines Aufenthalts recht gut; es besaß drei verdienstvolle Künstler: einen Tenor, der, wenn auch nicht mit außerordentlicher Stimme begabt, doch wenigstens Geschmack und Methode hatte; einen beweglichen Sopran, Fräulein ... Fräulein ... wahrhaftig, ich habe ihren Namen vergessen! (Die junge Göttin hätte mir die Ehre erwiesen, in meinem Konzert zu singen, wenn ich bekannter gewesen wäre. – Hosanna in excelsis!); und endlich Reichel, den freislichen Baß, der, zugleich mit gewaltiger Stimmkraft und prächtigem Timbre begabt, einen Umfang von zwei und einer halben Oktav hat! Reichel ist ferner ein ganzer Mann; er verkörpert Personen, wie Sarastro, Moses und Bertram, wunderbar. Frau Cornet, die Frau des Direktors, ist vollendet musikalisch und ihr sehr umfangreicher Sopran muß von einem nicht gewöhnlichen Glanz gewesen sein; aber sie war gar nicht engagiert und wirkte nur in einigen Vorstellungen mit, in denen ihre Gegenwart notwendig war. Als Königin der Nacht in der Zauberflöte hatte sie meinen Beifall; das ist eine schwierige Rolle, geschrieben im höchsten Register, das von sehr wenigen Sängerinnen beherrscht wird.

Der ziemlich schwache und nicht sehr zahlreiche Chor bewältigte dennoch die von mir ihm anvertrauten Stücke gut.

Der Saal des Hamburger Opernhauses ist sehr geräumig; ich fürchtete seine Dimensionen, nachdem ich ihn dreimal – bei den Vorstellungen der Zauberflöte, des Moses, der Linda von Chamounix – leer gesehen hatte. Ebenso angenehm überrascht war ich, ihn vollbesetzt zu finden am Tage, da ich mich vor den Hamburgern zeigte.

Eine treffliche Ausführung, ein zahlreiches, verständiges und sehr warmes Publikum machten das Konzert zu einem der besten, die ich in Deutschland gegeben habe. Harold und die Kantate »Der fünfte Mai«, die von Reichel mit tiefer Empfindung gesungen wurde, bildeten die Glanzpunkte. Nach diesem Stück richteten zwei neben meinem Pult sitzende Musiker leise, auf französisch, die einfachen Worte an mich, die mich tief ergriffen:

» Ah! monsieur! notre respect! notre respect! ...«

Mehr konnten sie nicht sagen. Alles in allem blieb mir das Hamburger Orchester sehr freundlich zugetan, worauf ich nicht wenig stolz bin – das schwöre ich Ihnen. Nur Krebs mischte in sein Urteil einen merkwürdigen Vorbehalt: »Wertester!« sagte er zu mir, »in einigen Jahren wird Ihre Musik den Weg durch Deutschland machen; sie wird hier populär werden und das wird ein großes Unglück geben! Wieviele Nachahmungen wird sie nicht veranlassen! Welch einen Stil! Welche Narreteien! Es wäre besser für die Kunst, Sie hätten nie das Licht erblickt!«

Hoffen wir indes, daß diese armen Sinfonien nicht so ansteckend sind, als er wohl glauben mag, und daß von ihnen weder gelbes Fieber, noch Cholera jemals ausgehen wird.

Jetzt, Heine, Heinrich Heine, berühmter Ideenbankier, Neffe des Herrn Salomon Heine, Autor so vieler Gedichte kostbarer Prägung, habe ich Ihnen nichts mehr zu sagen und ... grüße Sie.

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