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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 57
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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54.

Mannheim. Weimar.

 

An Liszt

Nach meiner Rückkehr von Hechingen blieb ich noch einige Tage in Stuttgart, neuen Verlegenheiten preisgegeben. Auf alle Fragen über meine Pläne und die künftige Richtung meiner kaum begonnenen Reise, hätte ich, ohne zu lügen, mit jener Figur von Molière antworten können:

Nein, nicht komm' ich zurück, denn ich war gar nicht dort,
auch geh' ich nicht von hier, denn man läßt mich nicht fort,
und dennoch bleib' ich nicht, denn auf der Stelle jetzt
behaupt' ich fortzugehn ... (Übersetzt von E. Ellès.)

Mich fortbegeben ... Wohin? Ich wußte es nicht recht. Zwar hatte ich nach Weimar geschrieben, aber es kam keine Antwort, und ich mußte eine solche durchaus abwarten, ehe ich etwas beschließen konnte.

Du, mein lieber Liszt, kennst diese Ungewißheit nicht. Es kümmert Dich wenig, ob die Kapelle der Stadt, durch die Dich die Reise führt, gut ist, ob das Theater Spielzeit hat und ob der Intendant es Dir zur Verfügung stellen will usw. Und wahrlich, was nützten Dir auch so viele Erkundigungen! Du kannst, frei nach Ludwig XV., voll Selbstbewußtsein sagen:

Das Orchester bin ich! Der Chor bin ich! Der Dirigent bin wiederum ich! Mein Flügel singt, träumt, rauscht, dröhnt; er läßt im Fluge die geschicktesten Bögen hinter sich; er hat, wie das Orchester, seine ehernen Harmonien; wie dieses, und ohne den geringsten Aufwand, kann er das Gewölke seiner feenhaften Akkorde, seiner schwebenden Melodien, dem Abendwinde anvertrauen; ich brauche kein Theater, keine geschlossene Dekoration, kein umfangreiches Gerüst; ich muß mich keineswegs durch lange Proben ermüden, ich brauche nicht hundert, nicht fünfzig, nicht zwanzig Musiker; ich brauche überhaupt nichts, nicht einmal Musik. Ein großer Saal, ein großer Flügel, und ich bin Herr einer großen Zuhörerschaar. Ich zeige mich, man empfängt mich; mein Gedächtnis erwacht, blendende Phantasien strömen unter meinen Fingern hervor, begeisterte Zurufe antworten ihnen; ich singe Schuberts Ave Maria oder Beethovens Adelaide, und aller Herzen neigen sich mir, alles hält den Atem an ... es ist ein bewegtes Schweigen, ein Versunkensein tiefer Bewunderung ... Dann kommen die Raketen, das Bukett des großen Feuerwerkes, das Publikum schreit, es regnet Blumen und Kränze rings um den Priester der Harmonie, der auf seinem Dreifuß schaudert; die jungen Schönen küssen in heiliger Verzücktheit und in Tränen den Saum seines Gewandes; aufrichtig huldigen ihm die ernsten Geister, fieberhaften Beifall entreißt er dem Neid, hohe Stirnen neigen sich, enge Herzen weiten sich voll Erstaunen ... Und andern Tages, wenn der junge Gottbegnadete alles gegeben hat, was er an unerschöpflicher Leidenschaft hat hergeben wollen, reist er ab, verschwindet, läßt ein leuchtendes Abendrot des Ruhmes und der Begeisterung hinter sich ... Ein Traum! ... Einer jener goldenen Träume, wie sie einem Liszt oder Paganini beschieden sind.

Aber auf wie große Strapazen, auf welch undankbare, stets sich erneuende Arbeit muß der Komponist sich gefaßt machen, der es, gleich mir, mit einer Konzertreise zur Aufführung seiner Werke versuchen möchte! ... Weiß man, was für ihn die Marter der Proben bedeuten? ... Zuerst begegnet er dem kalten Blick der Musiker, die wenig davon erbaut sind, sich seinetwegen einer unerwarteten Störung ausgesetzt zu sehen und sich ungewohnten Studien zu unterziehen. – »Was will der Franzose? Warum bleibt er nicht zu Hause?« Dennoch setzt sich jeder an sein Pult; aber auf den ersten Blick, den er über das Orchester wirft, bemerkt der Komponist sogleich beunruhigende Lücken. Er fragt den Kapellmeister nach der Ursache: »die erste Klarinette ist krank, die Frau der Oboe liegt im Wochenbett, das Kind des Konzertmeisters hat Keuchhusten, die Posaunen sind zur Parade; sie haben vergessen, sich für diesen Tag vom Militärdienst beurlauben zu lassen; der Paukenschläger hat sich das Handgelenk verstaucht, die Harfe kommt nicht zur Probe, weil sie keine Zeit hatte, ihre Stimme zu üben usw. usw.« Indes, man beginnt. Die Noten werden gelesen, schlecht und gerecht, in einem Tempo, das doppelt so langsam ist, als das vom Komponisten vorgeschriebene. Nichts fürchterlicheres für ihn, als dieses rhythmische Ausrenken! Allmählich gewinnt sein Instinkt die Oberhand, sein erhitztes Blut reißt ihn fort, er überhastet seine Taktschläge und gerät wider seinen Willen ins Tempo des Stücks; dabei geht alles in die Brüche, ein scheußliches Durcheinander zerreißt ihm Ohren und Herz. Er muß abklopfen, und, eine nach der anderen, die langen Strecken üben, die er früher, mit andern Orchestern, so oft im freien, flotten Zeitmaß genommen. Noch nicht genug; trotz dem langsamen Tempo lassen sich in gewissen Bläserstimmen seltsame Mißklänge hören; er möchte die Ursache wissen: »Die Trompeten allein! ... Was machen Sie da? Ich möchte eine Terz hören, und Sie bringen einen Sekundakkord. Die zweite Trompete in C hat ein D, blasen Sie mir Ihr D! ... Sehr gut! Die erste hat ein C, das wie F klingt, blasen Sie mir Ihr C! Pfui! ... Gräßlich! Sie blasen ja Es

– »Nein, Herr Kapellmeister, ich blase, was dasteht!«

– »Aber ich sage Ihnen: nein! Sie irren sich um einen Ton!«

– »Dennoch blase ich C; ganz gewiß!«

– »In welcher Stimmung steht Ihre Trompete?«

– »In Es

– »Aha! Sehen Sie wohl, da steckt ja der Fehler: Sie müssen die Trompete in F nehmen.«

– »Ach so! Ich habe die Aufschrift nicht genau gelesen; es ist wahr, entschuldigen Sie!«

– »Was ist denn da hinten los? Was für einen Höllenlärm machen die Pauken!«

– »Herr Kapellmeister, ich habe fortissimo

– »Durchaus nicht; es ist ein mezzoforte; nicht zwei f stehen da, sondern ein m und ein f. Übrigens wenden Sie Holzklöppel an und es sollen hier solche mit Schwamm benutzt werden. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.«

– »Wir kennen das nicht,« sagt der Kapellmeister; »was nennen Sie Schwammklöppel? Wir haben immer nur eine einzige Art Klöppel gesehen.«

– »Ich dachte es mir; ich habe einige aus Paris mitgebracht. Nehmen Sie ein Paar davon; ich habe sie dort auf den Tisch gelegt. Jetzt – wo halten wir? ... Mein Gott! Das ist zwanzigmal zu stark! Und dann haben Sie keine Dämpfer aufgesetzt! ...«

– »Wir haben keine, der Orchesterdiener hat vergessen, sie aufzulegen; wir werden morgen welche haben« usw. usw.

Nach drei oder vier Stunden voll des unharmonischsten Hin und Her haben wir es nicht fertig gebracht, ein einziges Stück erkennbar wiederzugeben. Alles ist lahm, abgehackt, falsch, kalt, platt, geräuschvoll, mißtönend, scheußlich! Und einen solchen Eindruck muß man bei sechzig oder achtzig Musikern hinterlassen, die, müde und unzufrieden, weggehen und überall erzählen, sie wüßten nicht, was das heißen solle, diese Musik sei ein Höllenlärm, ein Chaos, wie sie kein zweites je erlebt. Am nächsten Tage zeigt sich kaum ein Fortschritt; frühestens am dritten Tage macht er sich unverkennbar bemerklich. Erst jetzt beginnt der arme Komponist aufzuatmen; der harmonische Satz wird klar, die Rhythmen springen, die Melodien weinen und lächeln; die Masse dringt, geschlossen und einig, kühnen Mutes vor; nach so viel Tappen, so viel Stottern, wird das Orchester mündig, geht, spricht, wird Mann! Das Verständnis gibt den verblüfften Musikern den Mut zurück, der Komponist verlangt eine vierte Probe; seine Interpreten, die, alles in allem, die besten Leute der Welt sind, stimmen ihm eifrig bei. Diesmal fiat lux! – »Achtung auf die dynamischen Schattierungen! Haben Sie keine Angst mehr?« – »Nein! Wollen Sie uns das richtige Tempo geben?« – » Via!« Und Tag wird es, die Kunst offenbart sich, der Geist leuchtet, das Werk ist verstanden! Und das Orchester steht auf, sein Beifall grüßt den Komponisten; der Kapellmeister beglückwünscht ihn; die Neugierigen, die sich in den dunkeln Saalecken versteckt hielten, kommen näher, steigen aufs Podium, wechseln laute Worte der Freude und des Staunens mit den Musikern und betrachten dabei überraschten Blicks den fremden Meister, den sie zuerst für einen Narren oder Barbaren gehalten hatten. Jetzt hätte er Ruhe nötig. Er hüte sich wohl, der Unglückliche! Um diese Stunde muß er Sorgfalt und Aufmerksamkeit verdoppeln. Er muß vor dem Konzert wiederkommen, die Aufstellung der Pulte überwachen, die Orchesterstimmen nachsehen und sich vergewissern, daß sie ja nicht durcheinander geraten sind. Er muß, einen Rotstift in der Hand, durch die Reihen gehen und überall die in Deutschland allgemein üblichen Bezeichnungen, an Stelle der französischen, auf die Stimmhefte der Blasinstrumente schreiben: in C, in D, in Des, in Fis, anstatt en ut, en ré, en ré bémol, en ré dièse. Er hat ein Solo des Englischen Horns für die Oboe zu transponieren, weil jenes Instrument im Orchester, das er dirigieren will, nicht vorhanden ist, und der Ausführende oft Anstoß daran nimmt, selbst zu transponieren. Er muß die Chöre und Sänger getrennt vornehmen, wenn sie nicht sicher waren. Aber das Publikum kommt, die Stunde schlägt; abgespannt, erschöpft von den körperlichen und geistigen Strapazen, zeigt sich der Komponist am Dirigentenpult, kaum sich aufrecht haltend, unsicher, wie erstorben, angeekelt, – bis zum Augenblick, da ihn der Beifall des Auditoriums, die Begeisterung der Mitwirkenden, die Liebe zu seinem Werke, plötzlich in eine elektrische Maschine verwandeln, von der zuckend unsichtbare, aber wirksame Ströme ausgehen. Und die Entschädigung beginnt. Ach! dann – das gebe ich zu – lebt der Komponist-Dirigent ein Leben, das den Virtuosen nicht bekannt ist. Mit welch wütender Freude gibt er sich dem Glück hin, »Orchester zu spielen«! Wie er das ungeheure, wilde Instrument hält, es umfängt, es bändigt! Die Aufmerksamkeit kehrt ihm vervielfacht zurück; auf alles hat er ein Auge; mit dem Blick gibt er Singstimmen und Instrumenten ihre Einsätze, oben, unten, rechts, links; mit seinem rechten Arm schleudert er furchtbare Akkorde, die gleichsam ferne platzen, wie harmonische Bomben; dann wieder, an den Schlüssen, hält er die ganze Bewegung, die er mitgeteilt, an, entlastet jede Aufmerksamkeit, gibt jedem Arme, jedem Atem die Ruhe zurück, lauscht einen Augenblick dem Schweigen ... und läßt dem Wirbelwind, den er gezähmt, wilderen Lauf.

Luctantes ventos tempestatesque sonoras
Imperio premit, ac vinclis et cacere frenat.

Und wie ist er in den großen Adagios glücklich, sich wohlig auf dem schönen See seiner Harmonien zu wiegen! Sein Ohr zu leihen den hundert verschlungenen Stimmen, die seine Liebeshymnen singen, oder seine Klagen über die Gegenwart, seine Sehnsucht nach der Vergangenheit gleichsam der Einsamkeit und der Nacht anvertrauen. Dann, aber auch nur dann, vergißt der Komponist-Dirigent das Publikum oft völlig; er hört sich selbst, beurteilt sich selbst, und wenn die Ergriffenheit ihn packt und von den ihn umgebenden Künstlern geteilt wird, fragt er nicht länger nach den Eindrücken der ihm allzu fernen Zuhörer. Wenn sein Herz unter der Berührung der melodischen Poesie erschauert, wenn er jene innige Wärme fühlt, die die Weißglut der Seele ankündigt, dann ist das Ziel erreicht, der Himmel der Kunst steht ihm offen, was liegt an der Erde! ...

Dann, am Ende des Abends, wenn der große Erfolg errungen ist, wächst seine Freude ums hundertfache, weil sie geteilt wird von seiner Armee, in der der Eitelkeit jedes einzelnen Genüge geschah. Ihr also, große Virtuosen, seid Fürsten und Könige von Gottes Gnaden, ihr werdet auf den Stufen des Thrones geboren; die Komponisten müssen kämpfen, siegen und erobern, um zu herrschen. Aber selbst die Strapazen und die Gefahren des Kampfes tragen zum Glanze und zum Taumel des Sieges bei, und sie wären vielleicht glücklicher als ihr ... wenn sie immer Soldaten hätten.

Das war eine lange Abschweifung, mein lieber Liszt, und ich habe im Geplauder mit Dir die Fortführung meines Reiseberichts vergessen. Ich nehme ihn wieder auf.

In den Tagen, die ich in Stuttgart zubrachte, um die Briefe aus Weimar abzuwarten, gab die »Redoute« unter Lindpaintner ein glänzendes Konzert, wo ich Gelegenheit hatte, ein zweites Mal die Kälte zu beobachten, mit der das große deutsche Publikum im allgemeinen die riesenhaftesten Eingebungen des gewaltigen Beethoven aufnimmt. Die Ouvertüre »Leonore«, ein wahrhaft monumentales Stück, das mit seltener Pünktlichkeit und Verve gespielt wurde, rief kaum Beifall hervor, und abends an der Wirtstafel hörte ich, wie ein Herr sich beklagte, daß man nicht die Sinfonien Haydns spielte, statt dieser »gewaltsamen Musik ohne alle Melodie«!!! ... Offen gesagt: in Paris haben wir Spießbürger dieser Sorte nicht mehr! ...

Als ich endlich eine günstige Antwort aus Weimar erhalten hatte, reiste ich nach Karlsruhe. Ich wollte dort auf der Durchreise ein Konzert geben; der Kapellmeister Strauß Schon wieder ein Strauß! Aber der schreibt keine Walzer. belehrte mich, ich müsse hierzu acht oder zehn Tage warten, denn das Theater habe einen piemontesischen Flötisten engagiert. Daher beeilte ich mich, Mannheim zu gewinnen, voller Respekt vor der großen Flöte. Es ist eine sehr ruhige, sehr kalte, sehr flache, sehr viereckige Stadt. Ich glaube nicht, daß die Leidenschaft zur Musik die Einwohner im Schlafe stört. Indes gibt es dort einen wohlbesetzten Gesangverein, ein ziemlich gutes Theater und ein kleines, sehr intelligentes Orchester. Die Leitung des Gesangvereins und des Orchesters liegt in Händen des jungen Lachner, der ein Bruder des berühmten Komponisten ist. Er ist ein zarter, schüchterner Künstler, voll Bescheidenheit und Talent. Er hatte mir sehr schnell ein Konzert organisiert. Ich erinnere mich der Zusammenstellung des Programms nicht mehr; nur das weiß ich noch, daß ich meine zweite Sinfonie (Harold) ganz darin aufnehmen wollte, und, seit der ersten Probe, den Schlußsatz (die Orgie) weglassen mußte wegen der Posaunen, die offenbar unfähig waren, die ihnen in diesem Stücke anvertraute Rolle zu übernehmen. Lachner zeigte sich hierüber ganz bekümmert, da er, wie er sagte, begierig war, das ganze Bild kennen zu lernen. Ich mußte aber auf meinem Entschluß bestehen und versicherte ihn, es sei, auch abgesehen von den unzulänglichen Posaunen, unsinnig, sich mit diesem an Geigen so armen Orchester eine Wirkung des Schlußsatzes zu versprechen. Die drei ersten Sätze der Sinfonie wurden gut wiedergegeben und machten lebhaften Eindruck auf das Publikum. Die Großherzogin Amélie, die dem Konzert beiwohnte, hob, wie man mir sagte, das Kolorit des »Pilgermarsches« und namentlich das des »Ständchens in den Abruzzen« hervor, wo sie die glückliche Ruhe heiterer italienischer Nächte herauszuhören glaubte. Das Bratschensolo, das ja an die Virtuosität keine Anforderungen stellt, war von einem Bratschisten des Orchesters mit Glück gespielt worden.

Ich fand in Mannheim eine ziemlich gute Harfe, einen vorzüglichen Oboisten, der das Englische Horn mittelmäßig bläst, einen geschickten Violoncellisten (Heinefetter), den Vetter der Sängerinnen dieser Namens, und tüchtige Trompeten. Eine Ophikleïde gibt es nicht; Lachner hatte, als Ersatz für dieses Instrument, das in allen großen modernen Partituren vorkommt, eine Ventilposaune anfertigen lassen müssen, die bis zum tiefen c und h hinabreicht. Meiner Ansicht nach wäre es einfacher gewesen, eine Ophikleïde kommen zu lassen, und – musikalisch gesprochen – wäre das viel besser gewesen, denn die beiden Instrumente haben fast keine Ähnlichkeit miteinander. Ich habe nur eine Probe des Gesangvereins hören können; die Dilettanten, aus denen er sich zusammensetzt, haben durchschnittlich ziemlich gute Stimmen, aber sie sind keineswegs alle musikalisch und fähig, vom Blatte zu lesen.

Fräulein Sabine Heinefetter hat, während meines Aufenthalts in Mannheim, die Norma gesungen. Ich hatte sie, seit ihrem Abschied vom italienischen Theater in Paris, nicht gehört; ihre Stimme hat immer noch Kraft und Beweglichkeit; doch strengt sie sie manchmal an, und ihre hohen Töne sind oft schwer zu ertragen; dennoch hat, alles in allem, Fräulein Heinefetter wenige Rivalinnen unter den deutschen Sängerinnen; sie kann singen.

Ich habe mich in Mannheim sehr gelangweilt, trotz der Bemühungen und Aufmerksamkeiten eines Franzosen, Herrn Désiré Lemire, mit dem ich, vor acht oder zehn Jahren, in Paris manchmal zusammenkam. Das kommt daher, weil man am Gebaren der Einwohner, ja selbst am Anblick der Stadt leicht sehen kann, daß man dort für Kunstgenüsse gänzlich unzugänglich ist, und daß die Musik nur als eine ganz angenehme Erholung betrachtet wird, der man sich in den Mußestunden – so viel davon die Geschäfte frei lassen – gern hingibt. Außerdem regnete es beständig; in meiner Nähe befand sich eine Uhr, deren Glocke die kleine Terz als Oberton hatte, Ich hatte in Deutschland sehr oft Gelegenheit, Beobachtungen über die verschiedenen Obertöne der Glocken zu machen, und habe unzweifelhaft gefunden, daß die Natur sich in diesem Punkte wieder einmal über unsere Schulweisheit ins Fäustchen lacht. Gewisse Professoren haben behauptet, die Schallkörper ließen sämtlich nur die große Terz hören; in der letzten Zeit ist ein Akustiker mit dem Satze hervorgetreten, alle Glocken ließen im Gegenteil die kleine Terz hören; in Wirklichkeit fand sich's aber, daß sie alle Arten von Intervallen als Obertöne haben. Einige gaben die kleine Terz an, andere die Quarte; eine der Glocken Weimars schlägt nacheinander die kleine Sept und die Oktav an (Grundton: f; Obertöne: das f der höhern Oktav, die Septime es); noch andere geben die übermäßige Quart von sich. Offenbar hängen die Obertöne der Glocken von der Form ab, die ihnen der Gießer gegeben hat, von der Verschiedenheit der Stärke des Metalls an gewissen Punkten ihrer Wölbung und von geheimen Zufällen beim Gusse und beim Schmelzen. und ein Turm, auf dem ein niederträchtiger Sperber hauste, dessen schrilles, mißtönendes Geschrei sich mir von morgens bis abends ins Ohr bohrte. Auch war ich ungeduldig, die Dichterstadt zu sehen, wohin ich brieflich dringend berufen wurde, von meinem Landsmann, Kapellmeister Chélard, und von Lobe, diesem Typus des echten deutschen Musikers, dessen Tüchtigkeit und Herzenswärme Du, wie ich weiß, hast schätzen lernen.

Da bin ich wieder auf dem Rhein! – Ich treffe Guhr. – Er fängt wieder zu fluchen an. – Ich verabschiede mich. – Ich sehe in Frankfurt unsern Freund Hiller einen Augenblick wieder. – Er teilt mir mit, daß er gerade sein Oratorium »Die Zerstörung Jerusalems« aufführen lassen will ... Ich reise mit prächtigem Halsweh ab. – Unterwegs schlafe ich ein. – Ein furchtbarer Traum ..., den ich Dir aber nicht erzähle. – Wir sind in Weimar. – Ich bin sehr krank. – Lobe und Chélard versuchen vergebens, mich wieder auf den Damm zu bringen. – Vorbereitungen zum Konzert. – Ankündigung der ersten Probe. – Ich bekomme wieder Lust. – Ich bin hergestellt.

So laß ich mir's gefallen; hier atme ich auf! Ich wittere etwas in der Luft, das auf eine Literatur- und Kunststadt hinweist! Ihr Anblick entspricht vollkommen der Vorstellung, die ich mir davon gemacht hatte, sie ist ruhig, reich an Licht und Luft, voll Träumerei und Frieden; reizende Umgebungen, klares Gewässer, schattige Hügel, lachende Täler. Wie das Herz mir klopft beim Durchwandeln der Stadt! Sieh da, das Wohnhaus Goethes! Die Stätte, da der verstorbene Großherzog so gerne an den gelehrten Gesprächen von Schiller, Herder, Wieland teilnahm! Diese lateinische Inschrift wurde vom Dichter des Faust in den Fels gegraben! Ist's möglich? In dieser ärmlichen Dachstube, die von zwei kleinen Fenstern Licht und Luft empfängt, hat Schiller gehaust! In diesem niedrigen Kämmerchen schrieb der große Sänger aller edeln Begeisterung Don Carlos, Maria Stuart, die Räuber, den Wallenstein! Hier lebte er wie ein armer Student! Ach! Ich verzeihe es Goethe nicht, daß er dies gelitten! Er, der reiche Minister ... Hätte er nicht das Los seines Freundes, des Dichters, verbessern können? ... Oder war nichts Echtes an dieser berühmten Freundschaft? ... Ich fürchte, sie ist nur von Schillers Seite wahrhaft gewesen! Goethe war zu eigenliebend; ihm war ja auch sein Höllensohn Mephisto teuer; er lebte zu lange, fürchtete den Tod zu sehr.

Schiller! Schiller! Du hättest einen weniger menschlichen Freund verdient! Ich kann den Blick nicht von diesen engen Fenstern wenden, von diesem dunkeln Haus, diesem elenden schwarzen Dach; es ist ein Uhr morgens, der Mond glänzt, die Kälte ist schneidend. Alles schweigt, alle sind sie tot ... Nach und nach hebt sich meine Brust; ich zittere; überwältigt von Ehrfurcht, Leid und den unermeßlichen Gefühlen, die der Genius manchmal über das Grab hinaus unbedeutenden Überlebenden einflößt, sinke ich an der niedern Schwelle in die Knie, und leidend, preisend, liebend, anbetend wiederhole ich: Schiller! ... Schiller! ... Schiller! ...

Was soll ich Dir, Lieber, jetzt über den eigentlichen Gegenstand meines Briefes sagen? Ich bin so weit davon entfernt. Warte, ich will, um den Weg zur Prosa zurückzufinden und mich ein wenig zu beruhigen, eines Mannes von großer Begabung gedenken, der Messen, schöne Septette schrieb und ernstlich Klavier spielte – an Hummel! ... So, nun bin ich wieder vernünftig!

Chélard hat, zunächst in seiner Eigenschaft als Künstler, dann als Franzose und alter Freund, alles getan, um mir bei der Erreichung meines Zieles behilflich zu sein. Der Intendant, Baron von Spiegel, der auf seine wohlwollenden Absichten einging, stellte Theater und Orchester zu meiner Verfügung; ich sage nicht: den Chor, denn er hätte wahrscheinlich nicht gewagt, mir davon zu sprechen. Ich hatte ihn bei meiner Ankunft in Marschners »Vampyr« gehört; man macht sich keine Vorstellung von dieser unglücklichen Gesellschaft, die außer Ton- und Taktart plärrt. Und die Sängerinnen! O die armen Frauen! Um der Galanterie willen – sprechen wir nicht davon! Aber es gibt dort einen Baß, der die Rolle des Vampyr inne hatte; Du ahnst, daß ich Genast meine! Ist das nicht ein Künstler in des Wortes bester Bedeutung? ... Er ist vor allem Tragöde, und ich habe sehr bedauert, nicht länger in Weimar bleiben zu können, um ihn den Lear spielen zu sehen, in Shakespeares Trauerspiel, mit dessen Studium er im Augenblick meiner Abreise begann.

Die Kapelle besteht aus guten Kräften; doch, um mich zu ehren, machten sich Chélard und Lobe auf die Suche nach Saiteninstrumenten zur Verstärkung und boten mir so einen Streichkörper von zweiundzwanzig Geigen, sieben Bratschen, sieben Violoncellen und sieben Kontrabässen. Die Blasinstrumente waren im großen Ganzen vollzählig; eine ausgezeichnete erste Klarinette und eine Ventiltrompete (Sachs) von außerordentlicher Kraft fielen mir auf. Ein englisches Horn war nicht vorhanden; ich mußte seine Stimme für Klarinette transponieren; eine Harfe gab es auch nicht; Herr Montag, ein talentvoller Klavierspieler und ausgezeichneter Musiker, dabei ein sehr liebenswürdiger junger Mann, war so gütig, die beiden Harfenstimmen für ein einziges Klavier einzurichten und sie selbst zu spielen; ferner gab es keine Ophikleïde; sie wurde durch ein ziemlich kräftiges Bombardon ersetzt. Sonst fehlte weiter nichts und wir begannen mit den Proben.

Ich muß Dir sagen, daß ich in Weimar bei den Musikern eine sehr weitgehende Leidenschaft für meine Ouvertüre zu den »Vehmrichtern« fand, die schon einige Male gespielt worden war. Sie waren also in denkbar bester Stimmung; auch ich war, im Gegensatz zu sonst, wahrhaft glücklich bei den Proben zur phantastischen Sinfonie, die ich, gemäß ihrem Wunsche, gleichfalls gewählt hatte. Ich erinnere mich des Eindrucks, den der erste Satz (Träumereien, Leidenschaften) und der dritte (Ländliche Szene) auf das Orchester und einige der Probe beiwohnende Liebhaber machten. Namentlich der Schluß des letztgenannten Satzes schien alle Herzen niedergedrückt zu haben, und als nach dem letzten Donnerrollen, da, wo das Solo des verlassenen Hirten sich verliert, das Orchester wieder einsetzte, gleichsam einen tiefen Seufzer ausstieß und erstarb, hörte ich auch meine Nachbarn mitfühlend seufzen, aufstöhnen usw. usw. Chélard seinerseits entschied sich vor allem für den »Gang zum Hochgericht«. Die Ouvertüre zu den Vehmrichtern wurde als alte Bekannte begrüßt, die man sich freut wiederzusehen. Gut! Da bin ich wieder auf dem Punkte, wo mir die Bescheidenheit ausgeht; und wenn ich Dir sage, wie voll der Saal war, wie lange andauernd der Applaus, wenn ich Dir von den Hervorrufen erzähle, von den Kammerherren, die dem Komponisten die Komplimente Ihrer Hoheiten überbrachten, von den neuen Freunden, die ihn am Ausgange des Theaters erwarteten und umarmten und ihn, wohl oder übel, bis drei Uhr morgens festhielten, kurz: wenn ich Dir einen Erfolg beschreibe, so wird man das sehr unpassend finden, sehr lächerlich, sehr ... Sieh, das erschreckt mich, trotz meiner Philosophie, und ich breche hier ab. Leb' wohl!

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