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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 56
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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53.

Stuttgart. Hechingen.

 

An Girard

Das erste, was ich zu tun hatte, bevor ich Frankfurt verließ, um mein Glück im Königreich Württemberg zu versuchen, war, mich über die Mittel zu unterrichten, die ich in Stuttgart finden würde, ein Konzertprogramm darnach zusammenzustellen und nichts mitzunehmen, als was zu seiner Ausführung unbedingt notwendig war. Sie müssen wissen, mein lieber Girard, daß eine der größten Schwierigkeiten auf meiner deutschen Reise, und zwar die am wenigsten leicht voraussehbare, in den enormen Kosten bestand, die der Transport meines Notenmaterials verursachte. Sie werden das ohne weiteres verstehen, wenn Sie hören, daß die Menge der einzelnen Stimmen für Orchester und Chor, im Manuskript, lithographiert oder gestochen, ungeheuer schwer war, und ich sie mir fast überallhin unter großen Kosten nachschicken lassen mußte, wobei sie in den Packwagen der Post untergebracht wurden. Es gab damals noch nicht die Menge Eisenbahnen, von denen Deutschland heute durchfurcht ist. Allein, da ich diesmal nicht genau wußte, ob ich, nach meinem Besuch in Stuttgart, München aufsuchen oder nach Frankfurt zurückkehren sollte, um mich dann nach Norden zu wenden, nahm ich nur zwei Sinfonien, eine Ouvertüre und einige Gesangsachen mit und ließ alles übrige bei dem unglücklichen Guhr zurück, der, scheint es, so oder so mit meiner Musik belästigt werden mußte.

Die Strecke von Frankfurt nach Stuttgart bietet nichts Interessantes und ich empfing, sie durchfahrend, keinerlei Eindrücke, die ich Ihnen erzählen könnte: nicht die geringste romantische Gegend ist zu beschreiben, kein düsterer Wald, kein Kloster, keine einsame Kapelle, kein Gießbach, kein nächtliches Getöse, nicht einmal das der Walkmühlen aus dem Don Quixote; nicht Jäger, nicht Milchmaid, noch Mädchen in Tränen, nicht verlorenes Kind, noch verzweifelte Mutter, kein Hirte, kein Gaudieb, nicht Bettler, noch Räuber; kurz – nichts, als Mondschein, als Stampfen der Pferde und das Geschnarche des schlafenden Kutschers. Hier und da einige häßliche Bauern mit breiten Dreimastern in ungeheuern Überröcken von ehedem weißer Leinwand, in deren übermäßig langen Schößen sie sich mit ihren beschmutzten Beinen verwickeln; eine Bekleidung, die ihnen das Ansehen von stark vernachlässigten Dorfgeistlichen gibt. Das ist alles! Die erste Person, die ich nach meiner Ankunft in Stuttgart zu besuchen hatte, ja die einzige, bei der ich eine mir günstige Gesinnung voraussetzen durfte – infolge entfernter Beziehungen, die ein gemeinsamer Freund vermittelt hatte –, war der Doktor Schilling, Autor einer großen Anzahl theoretischer und kritischer Werke über die Tonkunst. Dieser Doktortitel, den in Deutschland fast alle Welt trägt, hatte mir Anlaß zu ziemlich schlimmen Mutmaßungen über ihn gegeben. Ich stellte mir einen alten Pedanten mit Brille, roter Perücke und großer Tabaksdose vor, der immer auf der Fuge und dem Kontrapunkt herumreite, nur über Bach und Marpurg rede, äußerlich vielleicht höflich sei, aber im Grunde voller Haß gegen moderne Musik im allgemeinen und gegen die meine im besonderen; kurz, einen musikalischen Steißler.

Wie man sich doch täuschen kann! Herr Schilling ist nicht alt, trägt keine Brille, hat sehr schöne schwarze Haare, ist voller Lebhaftigkeit, spricht schnell und laut, wie aus der Pistole geschossen; er schnupft nicht, sondern raucht, hat mich sehr gut aufgenommen, mich von Anfang an auf alle nötigen Anstalten für mein Konzert hingewiesen, niemals ein Wort über Fuge oder Kanon mit mir gesprochen, keine Verachtung, weder der Hugenotten, noch des Wilhelm Tell an den Tag gelegt, und durchaus keine Abneigung gegen meine Musik gezeigt, ehe er sie gehört hatte.

Übrigens war die Unterhaltung zwischen uns nichts weniger als leicht, weil kein Dolmetsch vorhanden war und Herr Schilling ungefähr so französisch spricht, wie ich deutsch. Ungeduldig darüber, sich nicht verständlich machen zu können, fragte er mich eines Tages:

– »Sprechen Sie englisch?«

– »Ich weiß einige Wörter, und Sie?«

– »Ich ... nein! Aber italienisch, können Sie italienisch?«

– » Si, un poco. Come si chiama il direttore del teatro?«

– »Zum Teufel! Nicht weiter italienisch! ...«

Gott verzeih' mir, aber ich glaube, daß der hitzige Doktor, wenn ich erklärt hätte, weder englisch, noch italienisch zu verstehen, Lust gehabt hätte, in diesen beiden Sprachen mit mir die Szene aus dem »Arzt wider Willen« zu spielen: Arcithuram, catalamus, nominativo, singulariter; est ne oratio latinas?

Wir einigten uns, es mit dem Lateinischen zu versuchen und uns, so gut es gehen mochte, zu verständigen, nicht ohne einiges arcithuram, catalamus. Aber man versteht, daß die Unterhaltung notwendigerweise etwas mühsam geriet und weder über Herders Ideen, noch über Kants Kritik der reinen Vernunft so recht in Fluß kommen wollte. Schließlich gelang es Herrn Schilling, mir zu sagen, daß ich mein Konzert entweder im Theater, oder in einem für musikalische Veranstaltungen bestimmten Saale, dem sogenannten Redoutensaale, geben könne. Abgesehen von der Anwesenheit des Königs und des Hofes, auf die ich, wie er sicher glaubte, zählen könne – was in einer Stadt, wie Stuttgart, ein ungeheurer Vorteil sei –, werde ich im ersten Falle auch noch die Aufführung frei haben, ohne mich um Eintrittskarten, Ankündigungen, noch um die sonstigen materiellen Einzelheiten für den Abend kümmern zu müssen. Dagegen würde ich im zweiten Falle das Orchester zu bezahlen, mich um alles zu kümmern haben, und der König würde nicht kommen; er besuche nie den Konzertsaal. Ich folgte also dem Rate des Doktors und beeilte mich, mein Anliegen dem Herrn Baron von Topenheim vorzutragen, dem Hofmarschall und Intendanten des Theaters. Er empfing mich mit liebenswürdiger Urbanität, versicherte mich, daß er noch selbigen Abends dem König meine Bitte vortragen wolle, an deren Erfüllung er glaube.

– »Ich muß Sie aber darauf aufmerksam machen,« fügte er hinzu, »daß der Redoutensaal der einzige gute und für Konzerte geeignete ist; das Theater ist so schlecht akustisch, daß man seit langem darauf verzichtet hat, irgendwelche Instrumentalkompositionen von Bedeutung darin aufzuführen!«

Ich wußte nicht, was antworten, noch wozu mich entschließen. Besuchen wir Lindpaintner, sagte ich zu mir selbst; der wird und muß das am besten beurteilen können. Ich kann Ihnen nicht sagen, mein lieber Girard, wie wohl mir die erste Begegnung mit diesem ausgezeichneten Künstler tat. Nach fünf Minuten schien es, als seien wir seit zehn Jahren miteinander bekannt. Lindpaintner hatte mich über meine Lage bald aufgeklärt.

– »Zuerst«, sagte er, »muß ich Ihnen über die musikalische Bedeutung unserer Stadt ein Licht aufstecken; zwar ist sie eine königliche Residenz, aber es gibt hier weder Geld noch Publikum. (Auweh, auweh! Ich dachte an Mainz und Papa Schott.) Aber da Sie nun doch einmal hier sind, so soll es nicht heißen, daß wir Sie hätten ziehen lassen, ohne einige Ihrer Kompositionen aufzuführen, auf die wir so neugierig sind. Dabei ist folgendes zu tun. Das Theater eignet sich ganz und gar nicht zur Musik. Die Frage nach der Anwesenheit des Königs ist völlig überflüssig; da Seine Majestät Konzerte nie besucht, so wird er auch in dem Ihren nicht erscheinen, gleichviel, wo es stattfände. Nehmen Sie also doch den Redoutensaal, dessen Akustik ausgezeichnet ist und wo nichts die Wirkung des Orchesters beeinträchtigt. Was die Musiker betrifft, so haben Sie nur die kleine Summe von achtzig Franken für ihre Pensionskasse daran zu wenden, und alle, ohne Ausnahme, werden sich eine Ehre und ein Vergnügen daraus machen, nicht allein unter Ihrer Leitung zu spielen, sondern auch mehrere Proben Ihrer Werke mitzumachen. Kommen Sie heut abend in den »Freischütz«; während einer Pause will ich Sie der Kapelle vorstellen, und Sie werden sehen, ob ich unrecht hatte, mich für ihren guten Willen zu verbürgen.«

Ich hütete mich, diese Zusammenkunft zu versäumen. Lindpaintner stellte mich den Künstlern vor, und nachdem er eine kleine Ansprache übersetzt hatte, die ich glaubte an sie richten zu müssen, verschwanden meine Zweifel und meine Unruhe: ich hatte ein Orchester.

Ich hatte ein Orchester, das etwa so zusammengesetzt war, wie das Frankfurter, jung war und voll Kraft und Feuer. Ich sah es wohl an der Art, wie der ganze instrumentale Teil des Weberschen Meisterwerkes ausgeführt ward. Die Chöre kamen mir ziemlich gewöhnlich vor, sie waren schwach besetzt und wenig darauf bedacht, die doch so wohlbekannten Hauptschattierungen der wunderbaren Partitur wiederzugeben. Sie sangen stets mezzoforte und schienen ihrer Aufgabe ziemlich überdrüssig zu sein. Was die Einzelsänger betrifft, so waren sie alle von achtbarer Mittelmäßigkeit. Ich erinnere mich keines einzigen Namens. Die Primadonna (Agathe) hat eine volle, aber harte, wenig biegsame Stimme; die zweite Sängerin (Ännchen) koloriert leichter, singt aber oft falsch; der Bariton (Kaspar) ist, glaube ich, die beste Kraft am Stuttgarter Theater. Später habe ich diese Sänger in der »Stummen von Portici« gehört, ohne meine Ansicht über sie zu ändern. Bei der Leitung dieser beiden Opern hat mich Lindpaintner durch die raschen Tempi, die er gewissen Stücken gab, in Erstaunen gesetzt. Ich habe später gesehen, daß viele deutsche Kapellmeister in dieser Hinsicht dieselbe Empfindungsweise haben; so z. B. u. a. Mendelssohn, Krebs und Guhr. Über die Tempi des »Freischütz« kann ich nichts sagen, da man ohne Zweifel weit besser als ich die wahren Überlieferungen inne hat; aber was »Die Stumme«, die »Vestalin« und die »Hugenotten« betrifft, die in Paris unter den Augen ihrer Komponisten aufgeführt worden sind und deren Tempi sich so erhalten haben, wie sie bei den ersten Vorstellungen gewesen, so versichere ich, daß die Überstürzung, in der ich gewisse Partien in Stuttgart, Leipzig, Hamburg und Frankfurt habe ausführen hören, eine ungetreue Wiedergabe ist; eine ohne Zweifel unfreiwillige, aber tatsächlich vorhandene und der Wirkung sehr schädliche Untreue. Dennoch glaubt man in Frankreich, daß die Deutschen alle unsere Tempi zu langsam nähmen.

Das Stuttgarter Orchester hat sechzehn Violinen, vier Bratschen, vier Violoncelli, vier Kontrabässe und die zur Aufführung der meisten modernen Opern nötigen Blas- und Schlaginstrumente. Aber es hat des weiteren noch einen ausgezeichneten Harfenisten, Herrn Krüger, was für Deutschland eine wirkliche Seltenheit ist. Das Studium dieses schönen Instrumentes ist in lächerlicher, ja barbarischer Weise vernachlässigt worden, ohne daß sich ein Grund dafür finden ließe. Ich neige sogar der Ansicht zu, es sei immer so gewesen, wenn ich bedenke, daß keiner der Meister deutscher Schule Gebrauch davon gemacht hat. In Mozarts Werken findet man gar keine Harfe; weder im Don Juan, noch im Figaro, noch in der Zauberflöte, noch in der Entführung, noch im Idomeneo, noch in Cosi fan tutte, noch in seinen Messen, noch in seinen Sinfonien; Weber har sich gleichfalls ihrer gänzlich enthalten; ebenso Haydn und Beethoven; nur Gluck hat im »Orpheus« eine sehr leichte Harfenstimme für eine Hand geschrieben, und überdies wurde diese Oper in Italien komponiert und aufgeführt. Darin liegt etwas, das mich gleichzeitig in Erstaunen setzt und aufbringt! ... Das ist eine Schande für die deutschen Orchester; sie alle sollten wenigstens zwei Harfen haben, vor allem jetzt, da sie Opern aus Frankreich und Italien aufführen, in denen jene so oft angewendet sind.

Die Violinisten sind in Stuttgart ausgezeichnet; man merkt, daß sie der Mehrzahl nach Schüler des Konzertmeisters Molique sind, dessen kraftvolles Spiel, dessen getragene, ernste, wiewohl ein wenig farblose Vortragsart und tüchtig gearbeitete Kompositionen wir vor einigen Jahren in Paris bewundert haben. Molique, der in Theater und Konzert am ersten Pult sitzt, hat also großenteils nur seine Schüler anzuführen, die für ihn eine durchaus begründete Verehrung und Bewunderung hegen. Daher die köstliche Präzision der Ausführung, eine Präzision, die sich aus der Übereinstimmung von Empfindungsweise und Methode herleitet, ebenso wie aus der Aufmerksamkeit der Geiger.

Unter ihnen muß ich den zweiten Konzertmeister, Habenheim, nennen, einen in jeder Hinsicht vortrefflichen Künstler, von dem ich eine Kantate gehört habe, die sich durch ausdrucksvollen, melodischen Stil, reine Harmonik und sehr gute Instrumentation auszeichnete.

Die andern Saiteninstrumente sind, wenn auch den Violinen nicht gleichwertig, doch wenigstens hinreichend, um als gut gelten zu können. Dasselbe gilt von den Blasinstrumenten: Die erste Klarinette und die erste Oboe sind ausgezeichnet. Der Künstler, der die erste Flöte bläst, Krüger senior, benützt leider ein altes Instrument, das sehr viel zu wünschen übrig läßt, was die Reinheit des Tones im allgemeinen und die Leichtigkeit des Ansprechens der hohen Töne betrifft. Herr Krüger sollte auch seine Neigung im Zaume halten, die ihn manchmal hinreißt, Triller und Verzierungen da anzubringen, wo der Komponist sich wohl gehütet hat, solche zu schreiben.

Der erste Fagottist, Herr Neukirchner, ist ein Virtuose ersten Ranges, der nur vielleicht zu sehr dem Hange nachgibt, mir großen Schwierigkeiten zu prahlen; er spielt unter anderm auf einem so schlechten Fagott, daß zweifelhafte Intonationen jeden Augenblick das Ohr verletzen und die Wirkung der Phrasen verhindern, selbst wenn sie vom Spieler noch so gut wiedergegeben werden. Unter den Hörnern ist Herr Schuncke zu nennen; er hat, wie seine Kollegen in Frankfurt einen in der Höhe etwas blechernen Ton. In Stuttgart werden ausschließlich Ventilhörner (oder chromatische Hörner) angewandt. Der geschickte Instrumentenmacher Adolf Sax, der gegenwärtig in Paris lebt, hat die Überlegenheit dieses Systems über das der pistons überreichlich dargetan, von dem man jetzt fast in ganz Deutschland abgekommen ist, während das der Ventile für die Hörner, Trompeten, Bombardons, Baßtuben allgemein in Aufnahme kommt. Die Deutschen nennen die Instrumente mit derartigem Mechanismus Klappeninstrumente (Ventilhorn, Ventiltrompeten). Ich war überrascht, ihn bei den – übrigens recht guten – Trompeten der Stuttgarter Militärmusik nicht in Anwendung zu finden; man bedient sich dort noch der Trompeten mit zwei pistons, sehr unvollkommener Instrumente, die an Wohlklang und Schönheit des Tons den Ventiltrompeten, die man jetzt sonst überall hat, beträchtlich nachstehen. Von Paris will ich nicht reden; wir werden in einigen zehn Jahren dahin gelangen.

Die Posaunen sind schön und kräftig im Ton; der erste Posaunist (Herr Schrade), der vor vier Jahren im Vivienne-Konzert zu Paris mitwirkte, ist wahrhaft talentiert. Er versteht sein Instrument von Grund aus, überwindet spielend die größten Schwierigkeiten und erzielt einen großen Ton auf der Tenorposaune. Ich könnte auch sagen: Töne, weil er mittels eines noch nicht erklärten Verfahrens, drei und vier Töne auf einmal hervorbringen kann, wie der junge Hornist, Vivier, der geistreiche Zauberkünstler; er ist exzentrisch, hat aber wirkliche Verdienste und seltene musikalische Fähigkeiten. mit dem sich die ganze musikalische Presse von Paris neuerdings beschäftigt. Schrade bat am Schlusse einer Phantasie, die er öffentlich in Stuttgart spielte, zum allgemeinen Erstaunen die vier Töne des Dominantseptakkordes von B-Dur Symbol gleichzeitig hören lassen. Sache der Akustiker ist es, den Grund dieses neuen Phänomens der Resonanz tönender Röhren ausfindig zu machen; wir Musiker müssen es gut studieren und, wenn sich die Gelegenheit bietet, Nutzen daraus ziehen.

Ein anderer Vorzug des Stuttgarter Orchesters besteht darin, daß seine Mitglieder unerschrocken vom Blatt lesen, daß sie durch nichts verwirrt werden, durch nichts die Fassung verlieren, daß sie Note und Nüanzierung gleichzeitig lesen, sich auf den ersten Blick weder ein Piano, noch ein Forte, weder ein Mezzoforte, noch ein Smorzando entgehen lassen, ohne es zum Ausdruck zu bringen. Außerdem sind sie auf alle rhythmischen und metrischen Launen eingeschworen, versteifen sich nicht immer nur aufs gute Taktteil, sondern können ohne Zögern die schwachen Taktteile betonen und von einer Synkope zur andern übergehen ohne Stocken und ohne den Anschein zu erwecken, als überwänden sie halsbrechende Schwierigkeiten. Mit einem Worte: ihre musikalische Erziehung ist in jeder Hinsicht vollkommen. Ich hatte von meiner ersten Konzertprobe an Gelegenheit, diese wertvollen Eigenschaften kennen zu lernen. Fürs Konzert hatte ich die Phantastische Sinfonie und die Ouvertüre zu den Vehmrichtern gewählt. Sie wissen, wieviele rhythmische Schwierigkeiten diese beiden Werke enthalten, synkopierte Phrasen, sich kreuzende Synkopen, kombinierte drei- und viertaktige Rhythmen usw. usw.: alles Sachen, die wir heute im Konservatorium dem Publikum mit Wucht an den Kopf werfen, aber für die wir dennoch arbeiten mußten, und zwar viel und lange. Ich gab also der Befürchtung Raum, daß eine Menge Fehler an verschiedenen Stellen der Ouvertüre und im Finale der Sinfonie unterlaufen würden; ich hatte nicht einen einzigen zu berichtigen, alles wurde gleich beim ersten Male gesehen, gelesen und überwunden. Ich war aufs äußerste erstaunt. Ihre Verwunderung wird nicht geringer sein, wenn ich Ihnen sage, daß wir die verdammte Sinfonie und den Rest des Programms in zwei Proben bewältigt haben. Die Wirkung wäre sogar sehr befriedigend gewesen, wenn mir nicht am Tage des Konzertes wirkliche oder geheuchelte Krankheiten die Hälfte der Geigen entführt hätten. Aber sehen Sie: kann man mit vier ersten und vier zweiten Violinen den Kampf gegen alle die Blas- und Schlaginstrumente aufnehmen? Denn die Epidemie hatte den Rest des Orchesters verschont und nichts fehlte, nichts, als die Hälfte der Violinen! Oh! In solchen Fällen könnte ich es machen, wie Max im Freischütz, und mit allen Teufeln der Hölle paktieren, um Violinen zu bekommen. Das war um so empfindlicher und aufregender, als trotz der Prophezeiungen Lindpaintners der König mitsamt dem Hofe gekommen war. Trotzdem so einige Pulte in Wegfall kamen, war die Aufführung, wenn auch nicht vollendet – was unmöglich war –, so doch wenigstens verständlich, präzis und voll Wärme. Die Sätze der Phantastischen Sinfonie, die den größten Effekt machten, waren das Adagio (Ländliche Szene) und das Finale (der Sabbat). Die Ouvertüre fand warme Aufnahme. Was den Marsch der Pilger aus Harold betrifft, der auch auf dem Programm stand, so ging er fast unbemerkt vorüber. Ein andermal, als ich so unklug war, ihn für sich allein spielen zu lassen, ging es mir ebenso; während überall, wo ich Harold im Zusammenhange aufführte, – oder wenigstens die drei ersten Sätze der Sinfonie –, der Marsch aufgenommen wurde, wie in Paris, und oft wiederholt werden mußte. Ein Beweis mehr, daß man gewisse Kompositionen nicht zerstückeln und sie nicht anders aufführen darf, als in der ihnen eigenen Beleuchtung und unter den ihnen zukommenden Gesichtspunkten.

Soll ich Ihnen auch noch sagen, daß ich nach dem Konzert vom König, dem Grafen Neiperg und dem Prinzen Jérôme Bonaparte auf alle Arten beglückwünscht worden bin? Warum nicht? Weiß man doch, daß Fürsten im allgemeinen äußerst wohlwollend gegen fremde Künstler sind, und es würde mir nur dann wirklich an Bescheidenheit fehlen, wenn ich Ihnen wiederholen wollte, was mir einige Musiker am Abend und an den folgenden Tagen gesagt haben. Übrigens, warum nicht gegen die Bescheidenheit verstoßen? Damit ein paar böse Kettenhunde verhindert werden zu knurren, die jeden beißen möchten, der frei an ihrer Hütte vorübergeht? Das lohnte wohl die Mühe, alte Phrasen herzubeten und eine Komödie zu spielen, an die niemand glaubt! Die wahre Bescheidenheit sollte darin bestehen, nicht allein nicht von sich zu reden, sondern auch nicht von sich reden zu machen, die Aufmerksamkeit des Publikums nicht auf sich zu ziehen, nichts zu sagen, nichts zu schreiben, nichts zu tun, sich zu verstecken und nicht zu leben. Ist das nicht verrückt? ... Und darum hab ich mir vorgenommen, alles einzugestehen. Glück und Unglück; ich habe in meinem vorigen Briefe schon damit begonnen und bin bereit in diesem fortzufahren. Also, ich fürchte wirklich, daß Lindpaintner, der ein Meister ist und auf dessen Urteil ich sehr viel gebe, von alledem nur die Ouvertüre gebilligt und die Sinfonie tief verabscheut hat. Was den Doktor Schilling betrifft, so bin ich sicher, daß er alles abscheulich gefunden hat und recht beschämt gewesen ist, die ersten Schritte getan zu haben, einen Banditen meinesgleichen in Stuttgart einzuführen, der in dem schweren Verdacht steht, die Musik geschändet zu haben und der, wenn es ihm gelänge, seine Leidenschaft für Ungebundenheit und Landstreichertum auf sie zu übertragen, aus der keuschen Muse eine Art Zigeunerin machen würde, weniger Esmeralda, als Héléna Mac Grégor, ein Mannweib in Waffen, deren Haar im Winde flattert, deren dunkles Gewand von glänzendem Flitter blitzt, die barfuß auf wilden Felsen hüpft, bei Wind und Wetter träumt, und deren düsterer Blick die Frauen erschreckt und die Männer verwirrt, ohne ihnen Liebe einzuflößen.

So verfehlte denn Schilling, in seiner Eigenschaft als Rat des Fürsten von Hohenzollern-Hechingen, nicht, an seine Hoheit zu schreiben und ihr zum Zeitvertreib den seltsamen Wildling vorzuschlagen, der eher in den Schwarzwald, als in eine zivilisierte Stadt paßte. Und der Wilde, der neugierig war, das alles kennen zu lernen, machte sich, nach Empfang einer in ebenso verbindlichen, als gewählten Worten abgefaßten Einladung des Baron Billing, eines andern intimen Beraters des Fürsten, durch Schnee und große Fichtenwälder auf den Weg nach dem Städtchen Hechingen, ohne sich allzusehr um seine dortigen Erfolge zu kümmern. Dieser Ausflug in den Schwarzwald hat mir eine verworrene Mischung freudiger, trauriger, süßer und peinlicher Erinnerungen hinterlassen, die ich nicht heraufbeschwören kann, ohne ein kaum zu beschreibendes Herzeleid zu empfinden. Der Frost, die Traurigkeit, die zwiefach, schwarz und weiß, auf den Bergen lag, der Wind, der in den schauernden Tannen rauschte, das Herzweh, das in der Einsamkeit heimlich nagte, eine traurige Stelle aus einem schmerzenreichen Roman, den ich auf der Reise gelesen ... Dann die Ankunft in Hechingen, die frohen Gesichter, die Liebenswürdigkeit des Fürsten, die Neujahrsfestlichkeiten, der Ball, das Konzert, das tolle Gelächter, die Pläne eines Wiedersehens in Paris, und dann ... der Abschied ... und die Abreise ... Oh! Ich leide! Welcher Teufel trieb mich an, Sie mit dieser Erzählung zu behelligen, die doch, wie Sie sehen werden, kein rührendes, noch romantisches Ereignis bringt ... Aber so bin ich nun, daß ich manchmal ohne ersichtlichen Grund leide, so wie, bei gewissen elektrischen Zuständen der Luft, die Blätter der Bäume rauschen, ohne daß es windet.

... Glücklicherweise, mein lieber Girard, kennen Sie mich seit langem und werden die Exposition ohne Entwicklung, diese Einleitung ohne Allegro, dieses Thema ohne Fuge nicht gar zu lächerlich finden. Ach, meiner Treu! Ein Thema ohne Fuge ist ein sehr seltenes Glück! Und wir haben alle beide mehr als tausend Fugen ohne Thema gelesen, die nicht mitgezählt, welche nur schlechte Themen ( mauvais sujets) haben. Aha! – da verfliegt meine Melancholie mit Hilfe der Fuge (dieser alten Schwätzerin, die so oft die Langeweile hervorruft), ich bekomme wieder gute Laune und ... erzähle Ihnen von Hechingen.

Wenn ich vorhin sagte, es sei ein Städtchen, so habe ich seine geographische Bedeutung übertrieben. Hechingen ist nur ein großes Dorf, höchstens ein Marktflecken, der auf einer ziemlich steilen Anhöhe erbaut ist, ungefähr so wie der Teil von Montmartre, der den Hügel krönt, oder, besser noch, wie das Dorf Subiaco in den römischen Staaten. Oberhalb des Fleckens liegt die vom Fürsten bewohnte Villa Eugenia, so zwar, daß sie ihn ganz beherrscht. Zur Rechten des kleinen Schlosses ist ein tiefes Tal und, ein wenig entfernter, ein rauher, nackter Gipfel; er wird vom alten Schloß Hohenzollern überhöht, das heute nur noch zum Rendez-vous für die Jagd dient, nachdem es lange Zeit die feudale Wohnung der fürstlichen Ahnen gewesen.

Der gegenwärtige Beherrscher dieser romantischen Landschaft ist ein junger, geistreicher Mann, lebhaft und gütig, der auf der Welt nichts, als zwei dauernde Beschäftigungen zu haben scheint: das Verlangen, die Bewohner seiner kleinen Staaten so glücklich wie möglich zu machen, und die Liebe zur Musik. Können Sie sich ein schöneres Dasein, als das seine, denken? Er sieht alles um sich zufrieden: seine Untertanen beten ihn an; die Musik liebt ihn; er versteht sie als Poet und als Musiker; er komponiert hübsche Lieder, deren zwei: »Der Fischerknabe« und »Schiffers Abendlied« mich durch ihren melodischen Ausdruck wirklich gerührt haben. Er singt sie mit einer Komponistenstimme, aber mit einnehmender Wärme und mit Akzenten der Seele und des Herzens; er hat, wenn auch kein Theater, so doch eine Musikkapelle, die von einem hervorragenden Meister, Täglichsbeck, dirigiert wird, dessen Sinfonien am Pariser Konservatorium oft erfolgreich aufgeführt worden sind; dieses Orchester gibt ihm Gelegenheit, die einfachsten Meisterwerke der Instrumentalmusik ohne Aufwand, aber gut einstudiert, zu hören. So ist der liebenswürdige Fürst, dessen Einladung mir so gelegen kam und bei dem ich die herzlichste Aufnahme fand.

In Hechingen angekommen, erneuerte ich meine Bekanntschaft mit Täglichsbeck. Ich hatte ihn vor fünf Jahren in Paris kennen gelernt; er überhäufte mich in seinem Hause mit jener Zuvorkommenheit und den Zeugnissen wahrer Güte, die man nie vergißt. Er unterrichtete mich in aller Eile über die Stärke der musikalischen Kräfte, die uns zur Verfügung standen.

Es waren im ganzen acht Violinen, drei davon sehr schwach, drei Bratschen, zwei Violoncelli, zwei Kontrabässe. Der Konzertmeister namens Stern ist ein begabter Virtuose. Der erste Violoncellist (Oswald) verdient dieselbe Auszeichnung. Der Pastor und Archivar von Hechingen spielt den ersten Kontrabaß zur Zufriedenheit der anspruchsvollsten Komponisten. Die erste Flöte, erste Hoboe und erste Klarinette sind vorzüglich; nur hat die erste Flöte manchmal jene Gelüste, Ornamente anzubringen, die ich auch an der in Stuttgart tadle. Die zweiten Blasinstrumente genügen, die beiden Fagotte und Hörner lassen ein wenig zu wünschen. Was die Trompeten, die Posaune (es gibt nur eine) und die Pauken betrifft, so möchte man jedesmal, wenn sie einsetzen, wünschen, man hätte sie lieber gebeten, zu schweigen. Sie können nichts.

Ich sehe, Sie lachen, mein lieber Girard, und wollen mich fragen, was ich mit einem so kleinen Orchester habe anfangen können? Nun, mit Geduld und gutem Willen, durch Einrichten und Abänderung gewisser Stimmen, mit fünf Proben in drei Tagen, haben wir die Ouvertüre zum »König Lear«, den »Marsch der Pilger«, den »Ball« aus der Phantastischen und verschiedene andere Bruchstücke bewältigt, deren Länge in den für sie bestimmten Rahmen paßte. Und alles ging sehr gut, mit Präzision, sogar mit Schwung.

Ich hatte die vom dritten und vierten Horn ausgelassenen Hauptnoten mit Bleistift in die Bratschenstimmen geschrieben; Täglichsbeck spielte im »Ball« die erste Harfe auf dem Klavier; er hatte auch die Güte, das Bratschensolo im »Marsch« aus Harold zu übernehmen. Der Fürst von Hechingen hielt sich zur Seite des Paukenschlägers auf, um seine Pausen für ihn zu zählen und ihn zum rechtzeitigen Einsetzen zu veranlassen; ich hatte in den Trompetenstimmen die Stellen gestrichen, die wir für die beiden Mitwirkenden als unausführbar erkannt hatten. Nur die Posaune war sich selbst überlassen; aber, da sie klugerweise nur die Töne angab, die ihr sehr geläufig waren, wie b, d, f, und alle andern sorgfältig vermied, glänzte sie fast überall durch Schweigen. Man muß es gesehen haben, wie in diesem hübschen Konzertsaal, wo Seine Hoheit eine zahlreiche Zuhörerschaft versammelt hatte, die musikalischen Eindrücke schnell und lebhaft die Runde machten! Dennoch – Sie ahnen es ohne Zweifel – empfand ich bei all diesen Kundgebungen nur eine mit Ungeduld vermischte Freude; und als der Fürst kam, mir die Hand zu drücken, konnte ich nicht umhin, ihm zu sagen:

– »Ach, Durchlaucht! Ich schwöre Ihnen: zwei Jahre meines Lebens gäbe ich darum, wenn ich jetzt mein Orchester vom Konservatorium hier hätte und es vor Ihnen ins Gefecht führen könnte mit den Partituren, die Sie so nachsichtig beurteilen!«

– »Jaja, ich weiß,« antwortete er, »Sie haben ein kaiserliches Orchester, das ›Sire‹ zu Ihnen sagt, und ich bin nur eine Hoheit; aber ich komme nach Paris, es zu hören; ich komme schon, ich komme schon!«

Daß er Wort halten könnte! Sein Beifall, der mir im Herzen geblieben ist, scheint mir ein schlecht verdientes Gut.

Nach dem Konzert fand ein Abendessen in der Villa Eugenia statt. Die liebenswürdige Fröhlichkeit des Fürsten hatte sich allen seinen Gästen mitgeteilt. Er wollte mich mit einer seiner Kompositionen für Tenor, Klavier und Violoncell bekannt machen. Täglichsbeck setzte sich ans Klavier, der Komponist übernahm die Gesangspartie, und ich wurde unter Freudengeschrei der Versammlung bestimmt, die Violoncellstimme zu singen. Man beklatschte das Stück reichlich und lachte beinahe ebensoviel über das eigene Timbre meiner hohen Saite. Besonders die Damen wollten sich über mein A gar nicht beruhigen.

Am übernächsten Tage fand, nach langem Abschied, die Abreise nach Stuttgart statt. Der Schnee schmolz auf den hohen Tannen, die in Tränen zerflossen, der weiße Mantel der Berge war marmoriert mit schwarzen Flecken ... es war tieftraurig ... das Herzeleid konnte wieder nagen.

The rest is silence ...
Farewell.

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