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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 54
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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51.

Reise nach und Konzerte in Brüssel. Einige Worte über meine häuslichen Stürme. Die Belgier. Zanni de Ferranti. Fétis. Schwerer Irrtum des Letztgenannten. Ein von mir organisiertes und geleitetes Festkonzert in der Pariser Oper. Vereitelte Kabale der Freunde Habenecks. Skandal in der Loge des Herrn de Girardin. Mittel, um zu Vermögen zu gelangen. Meine Abreise nach Deutschland.

 

Gegen Ende dieses Jahres (1840) unternahm ich meine erste musikalische Reise außerhalb Frankreichs, d. h. ich begann Konzerte im Ausland zu geben. Herr Snel in Brüssel hatte mich eingeladen, einige meiner Werke im Saale der »Großen Harmonie« hören zu lassen, wo die Konzerte der Musikgesellschaft dieses Namens stattfinden, deren Direktor er war; so entschloß ich mich denn, das Abenteuer zu versuchen.

Aber dazu war, meiner Häuslichkeit gegenüber, ein wahrer Staatsstreich nötig. Unter diesem oder jenem Vorwand hatte meine Frau sich stets meinen Reiseplänen entgegengestellt, und, wenn es nach ihr gegangen wäre, so hätte ich bis zu dieser Stunde Paris noch nicht mit einem Fuße verlassen. Eine törichte Eifersucht, zu der ich lange nicht den geringsten Anlaß gegeben, war im Grunde das Motiv ihres Widerspruchs. Ich mußte also mein Vorhaben, um es zu verwirklichen, geheim halten, meine Notenpakete und einen Koffer heimlich aus dem Hause schaffen und kurzerhand abreisen. Ich hinterließ einen Brief, der mein Verschwinden erklärte. Ich reiste jedoch nicht allein, sondern mit einer Reisegefährtin, die mich seitdem auf meinen verschiedenen Exkursionen begleitete. Über die tausendfältigen, immer ungerechten Anklagen und Quälereien, die mir zu Hause Frieden und Ruhe raubten, half mir der Zufall hinweg, und schließlich nahm ich die Vorteile einer Stellung wahr, davon ich bisher nur die Lasten getragen. Damit war mein Leben von Grund auf geändert.

Um die Schilderung dieses Lebensbildes rasch abzubrechen und mich nicht in sehr traurige Einzelheiten zu verlieren, will ich schließlich nur noch sagen, daß seit diesem Tage und nach ebenso langen als schmerzlichen Bekümmernissen, zwischen meiner Frau und mir eine Trennung in Güte eintrat. Ich besuche sie oft, meine Neigung für sie hat sich in nichts geändert, und ihr trauriger Gesundheitszustand macht sie mir nur noch lieber.

Das hier Gesagte muß genügen, um meine spätere Lebensführung jenen Personen zu erklären, die mich erst seit damals kennen; ich füge nichts hinzu, denn – nochmals – ich schreibe keine Bekenntnisse.

Ich gab in Brüssel zwei Konzerte; das eine im Saal der »Großen Harmonie«, das andere in der Augustinerkirche (die dem katholischen Gottesdienst seit langem entfremdet ist). Alle beiden Räumlichkeiten werfen den Schall zurück, so daß jedes etwas lebhaftere, stark instrumentierte Musikstück notwendigerweise verwirrt klingen muß. Zarte, langsame Stücke sind, vor allem im Saale der großen Harmonie, die einzigen, deren Linien durch die Resonanz der Örtlichkeit gar nicht beeinträchtigt werden und deren Wirkung ist, wie sie sein soll.

Die Ansichten über meine Musik waren in Brüssel mindestens ebenso geteilt, als in Paris. Eine ganz sonderbare Unterhaltung entspann sich, wie man mir sagte, zwischen Herrn Fétis, der mir immer noch feindselig gesinnt war, und einem andern Kritiker, Herrn Zani de Ferranti, einem achtbaren Künstler und Schriftsteller, der meine Partei verfocht. Als dieser unter den von mir gerade aufgeführten Stücken den »Marsch der Pilger« aus Harold als eines der interessantesten erwähnte, die er je gehört, versetzte Fétis: »Wie können Sie verlangen, daß ich ein Stück billige, in dem man fast beständig zwei Töne hört, die nicht in die Harmonie passen!« (Er meinte die beiden Töne c und h, die am Ende jedes Teiles vorkommen und langsames Glockenläuten nachahmen.)

– »Wahrhaftig!« versetzte Zani de Ferranti, »ich glaube hier nicht an Fehlerhaftigkeit. Aber wenn ein Musiker imstande ist, ein solches Stück zu schreiben und mich, solange es dauert, bis zu einem solchen Grade zu bezaubern mit zwei Tönen, die nicht in die Harmonie passen, so sage ich, daß er kein Mensch, sondern ein Gott ist.«

– »Ach«, hätte ich dem begeisterten Italiener geantwortet, »ich bin nur ein einfacher Mensch und Herr Fétis nur ein armer Musiker, denn die beiden berühmten Noten passen im Gegenteil immer in die Harmonie. Herr Fétis hat nicht bemerkt, daß die Zurückführung der abweichenden Tonarten zur Haupttonart am Schluß der Teile ihrer harmonischen Vermittlung zu danken ist, und daß, vom rein musikalischen Standpunkt aus betrachtet, gerade hierauf die merkwürdige Neuheit des Marsches beruht, worüber sich ein wirklicher Musiker nicht einen Augenblick täuschen kann und darf.« Als man mir von diesem sonderbaren Mißverständnis erzählte, war ich versucht, in irgendeiner Zeitung an Zani de Ferranti zu schreiben, um den Irrtum von Fétis aufzudecken. Dann ward ich anderer Meinung und verschanzte mich hinter meinen Grundsatz, der, wie ich glaube, gut ist: niemals auf Kritiken zu antworten, mögen sie noch so absurd sein.

Da die Partitur des Harold einige Jahre später veröffentlicht wurde, so hat sich Herr Fétis durch den Augenschein überzeugen können, daß die beiden Töne stets in die Harmonie passen.

Diese Reise außerhalb der vaterländischen Grenze war nur ein Versuch; ich hatte im Sinn, Deutschland zu besuchen und auf diese Reise fünf oder sechs Monate zu verwenden. Ich kehrte also nach Paris zurück, um mich dort vorzubereiten und in einem kolossalen Konzert, mit dessen Plan ich mich seit langem trug, von den Parisern zu verabschieden.

Herr Pillet, der damalige Direktor der Oper, hatte meinen Vorschlag, dort einen Festival Dies Wort, das ich auf den Pariser Anschlagzetteln zuerst anwandte, ist die gewöhnliche Bezeichnung der seltsamsten Veranstaltungen geworden: wir haben jetzt in den kleinsten Spelunken »Festivale« mit Tanz oder Musik; die Besetzung besteht dort aus drei Violinen, einer Trommel und zwei cornets à pistons. unter meiner Leitung zu organisieren, wohl aufgenommen, und ich ging ans Werk ohne von unserm Plane etwas nach außen durchsickern zu lassen. Die Schwierigkeit bestand darin, Habeneck keine Zeit zu Feindseligkeiten zu lassen.

Es konnte nicht fehlen, daß er mich eine solche musikalische Festlichkeit, die größte, die man in Paris je erlebt, noch dazu am Theater, wo er Kapellmeister war, nur mit Neid dirigieren sehen würde. So bereitete ich denn alle Musik, die für das von mir festgesetzte Programm nötig war, im geheimen vor, verpflichtete die Musiker, ohne ihnen zu sagen, wo das Konzert stattfinden würde, und als ich meine Batterien nur noch zu enthüllen hatte, bat ich Herrn Pillet, es Habeneck wissen zu lassen, daß ich mit der Leitung des Festes betraut sei. Aber er konnte sich dazu nicht entschließen und überließ es mir, den verdrießlichen Schritt zu tun – so groß war die Furcht, die Habeneck ihm einflößte. Infolgedessen schrieb ich an den fürchterlichen Leiter des Orchesters, machte ihn mit dem Abkommen bekannt, das ich im Einverständnis mit Herrn Pillet getroffen, und fügte hinzu, daß ich die Gewohnheit habe, meine Konzerte selbst zu dirigieren und daher hoffe, ihn nicht im geringsten zu verletzen, wenn ich auch dieses leitete.

Er bekam meinen Brief in der Oper, mitten in einer Probe, las ihn mehrmals, erging sich düstern Blicks lange auf der Bühne, entschloß sich dann kurzerhand und ging ins Verwaltungsbureau hinab, wo er erklärte, diese Anordnung komme ihm gerade recht, da er ja am Tage des Konzerts auf das Land gehen wolle. Aber sein Ärger war ersichtlich, und viele Musiker seines Orchesters teilten ihn bald, mit um so größerem Nachdruck, als sie wußten, daß sie jenem schmeichelten, wenn sie ihn zur Schau trugen. Gemäß meiner Übereinkunft mit Herrn Pillet mußte das ganze Orchester mitsamt den andern Musikern, die ich eingeladen, unter meiner Leitung spielen.

Der Abend fand zum Besten des Direktors der Oper statt, der mir für meine Mühe nur die Summe von fünfhundert Franken bewilligte und mir Vollmacht zur Organisierung gab. Folglich mußten Habenecks Musiker an dieser Aufführung unentgeltlich teilnehmen. Aber ich entsann mich der Schlingel vom Italienischen Theater und des Streichs, den sie mir unter den gleichen Umständen gespielt; meine Lage war, im Hinblick auf die Künstler der Oper, diesmal wohl noch kritischer. Ich sah, während der Zwischenpausen, jeden Abend die Winkelversammlungen im Orchester, die Aufregung aller, Habenecks kalte Gleichgültigkeit inmitten seiner aufgebrachten Schar, sah die kalten Blicke, die man mir zuschleuderte, und auf den Pulten die Verteilung des Charivari, worin mir übel mitgespielt wurde. Als nun die großen Proben beginnen sollten und ich das Unwetter anwachsen sah, als einige von Habenecks Anhänger erklärten, ohne ihren alten General nicht marschieren zu wollen, so wollte ich bei Herrn Pillet durchsetzen, daß die Musiker der Oper gleich den andern bezahlt werden sollten. Und da Herr Pillet sich weigerte, sagte ich zu ihm:

– »Ich verstehe und billige die Gründe ihrer Weigerung, aber Sie gefährden auf diese Weise das Konzert. Infolgedessen werde ich die von Ihnen mir bewilligten fünfhundert Franken zur Bezahlung derjenigen Musiker der Oper verwenden, die ihre Mitwirkung nicht verweigern.«

– »Wie«, sagte Herr Pillet, »Sie wollen für sich selbst nichts haben, nach so aufreibender Arbeit! ...«

– »Daran liegt wenig; es muß vor allem gehen. Meine fünfhundert Franken werden zur Beruhigung der minder Störrischen dienen; was die andern angeht, so machen Sie, bitte, nicht Gebrauch von Ihrer Autorität, um sie zu ihrer Pflicht zu zwingen. Lassen wir sie mit ›ihrem alten General‹ gehen.«

Und so geschah es. Ich hatte ein Personal von sechshundert Mitwirkenden; Choristen und Instrumentisten. Das Programm bestand aus dem ersten Akte von Glucks »Iphigenie in Tauris«, einer Szene aus Händels »Athalie«, dem » Dies irae« und dem »Lacrymosa« aus meinem Requiem, der Apotheose aus meiner »Trauer- und Triumphsinfonie«, dem Adagio, Scherzo und Finale aus »Romeo und Julie« und aus einem a-cappella-Chor von Palestrina. Ich begreife heute noch nicht, wie ich es fertig brachte, in so kurzer Zeit ein so schwieriges Programm einzustudieren mit Musikern, die unter solchen Bedingungen aufgeboten waren. Ich lief aus der Oper ins Italienische Theater, von dem ich nur die Choristen engagiert hatte, vom Italienischen Theater zur Komischen Oper und zum Konservatorium, hier eine Chorprobe, dort einen Teil des Orchesters dirigierend; sah überall selbst nach dem Rechten und verließ mich in dem, was die Überwachung dieser Arbeiten anging, auf niemand. Hierauf nahm ich, im großen Foyer der Oper, meine beiden Instrumentengruppen nacheinander vor; die Streicher übten von acht Uhr morgens bis zum Mittag, die Bläser von Mittag bis vier Uhr. Ich blieb also den ganzen Tag, den Taktstock in der Hand, auf den Beinen; meine Kehle brannte, die Stimme war heiser, der rechte Arm wie gebrochen; es begann mir vor Durst und Müdigkeit schlecht zu werden; aber ein großes Glas mit warmem Weine, das mir ein Chorist humanerweise brachte, gab mir die Kraft, die anstrengende Probe zu Ende zu führen.

Neue Forderungen der Musiker von der Oper machten sie übrigens noch peinlicher. Als diese Herren vernahmen, daß ich einigen Künstlern von außerhalb zwanzig Franks gäbe, glaubten sie sich im Recht, mich alle, einer nach dem andern, zu unterbrechen, um die gleiche Bezahlung zu fordern.

– »Es ist nicht wegen des Geldes,« sagten sie, »aber die Künstler der Oper dürfen nicht schlechter honoriert werden, als die Theater zweiten Ranges.«

– »Schon recht! Sie sollen Ihre zwanzig Franken bekommen,« entgegnete ich; »ich garantiere sie Ihnen; aber tun Sie um Himmels willen Ihre Pflicht und lassen Sie mich in Ruhe.«

Andern Tages fand die Hauptprobe auf der Bühne statt und verlief ziemlich befriedigend. Alles ging leidlich gut, mit Ausnahme des Scherzo der Fee Mab, das ich unvorsichtigerweise aufs Programm gesetzt hatte. Ein Stück, das in so raschem Tempo geht und von so zarter Zeichnung ist, darf und kann von einem so stark besetzten Orchester nicht ausgeführt werden. Es ist in solchen Fällen fast unmöglich, mit so kurzen Taktschlägen die äußersten Enden des Instrumentalkörpers zusammenzuhalten; dieser nimmt zuviel Platz ein, und die vom Kapellmeister am weitesten entfernten Teile bleiben bald zurück, da sie seinem hastigen Takte nicht folgen können. Verwirrt, wie ich war, kam es mir nicht einmal in den Sinn, ein ausgewähltes kleines Orchester zu bilden, das, mitten auf der Bühne um mich gruppiert, mühelos alle meine Absichten hätte verwirklichen können; so mußte ich, nach unglaublichen Anstrengungen, auf das Scherzo verzichten und es vom Programm streichen. Bei dieser Gelegenheit bemerkte ich die Unmöglichkeit, die kleinen Cymbeln in B und F am Schleppen zu verhindern, wenn diese Instrumentalisten zu weit vom Dirigenten entfernt sind. Dummerweise hatte ich an diesem Tage die Cymbelschläger im Hintergrund der Bühne, zur Seite der Pauken, gelassen, und trotz all meiner Anstrengungen blieben sie manchmal um einen ganzen Takt zurück. Seitdem ich darauf achtete, die Cymbelschläger dicht neben mir aufzustellen, war die Schwierigkeit verschwunden.

Ich rechnete darauf, am nächsten Tage wenigstens bis zum Abend Ruhe zu finden, da teilte mir ein Freund Léon Gatayes gewisse Pläne der Anhänger Habenecks mit, die mein Unternehmen ganz oder teilweise vereiteln sollten. Man wollte, schrieb er mir, die Paukenfelle mit Federmessern zerschneiden, die Bogen der Kontrabässe mit Talg einfetten und, mitten im Konzert, die Marseillaise verlangen.

Diese Nachricht störte begreiflicherweise die Ruhe, deren ich so nötig bedurfte. Anstatt den Tag zum Schlafen zu verwenden, war ich geschäftig, die Eingänge der Oper zu bewachen, eine Beute fieberhafter Aufregung. Als ich so, ganz außer Atem, rund um den Boulevard eilte, führte mir mein guter Stern Habeneck in Person zu. Ich lief gerade auf ihn zu und nahm ihn beim Arm:

– »Man benachrichtigt mich, daß Ihre Musiker verschiedene Niederträchtigkeiten im Schilde führen, um mir heute abend zu schaden, aber ich habe ein Auge auf sie.«

– »Oh!« entgegnete der Brave, »Sie haben nichts zu fürchten, sie werden nichts machen, ich habe ihnen Vernunft beigebracht.«

– »Wahrhaftig! Einer Beruhigung Ihrerseits bedurfte es nicht, vielmehr ist es an mir, Sie zu beruhigen. Denn wenn etwas vorkäme, so würde das schwer genug auf Sie zurückfallen. Aber seien Sie ruhig; Sie sagen ja, daß sie nichts anrichten werden.«

Abends, zur Stunde des Konzerts, war ich dennoch nicht ohne Unruhe. Ich hatte tagsüber, zur Bewachung der Pauken und Kontrabässe, meinen Kopisten ins Orchester gesetzt. Die Instrumente waren unversehrt. Aber ich fürchtete folgendes: In den großen Teilen des Requiems enthalten die vier kleinen Orchester mit Blechinstrumenten Trompeten und Kornette in verschiedenen Stimmungen (in B, in F und in Es). Nun muß man wissen, daß der Stimmbogen einer Trompete in F z. B. sich sehr wenig von dem einer Trompete in Es unterscheidet, und daß es sehr leicht ist, sie zu verwechseln. Irgendein schlechter Kerl hätte mir also eine Fanfare in F, statt einer solchen in Es, ins Tuba mirum hineinschmettern und einen grausigen Mißklang erzeugen können mit der Ausrede, er habe sich in der Stimmung geirrt.

Als das Dies irae beginnen sollte, verließ ich mein Pult, ging durchs Orchester und bat alle Trompeter und Kornettbläser, mir ihr Instrument zu zeigen. Ich ging sie der Reihe nach durch und prüfte die Bezeichnung der verschiedenen Stimmbögen: »in F, in Es, in B« aus nächster Nähe. Als ich zur Gruppe kam, in der sich die Brüder Dauverné, Musiker an der Oper, befanden, machte der ältere mich erröten durch die Worte: »Oh, Berlioz! Sie mißtrauen uns, das ist schlecht von Ihnen! Wir sind ehrliche Leute und Ihnen zugetan.« Ich fühlte mich durch diesen Vorwurf, den ich mir dennoch auf eine sehr begreifliche Art zugezogen, betroffen und setzte meine Besichtigung nicht weiter fort.

Wirklich irrten sich meine braven Trompeter nicht, nichts fehlte an der Aufführung, und die Stücke aus dem Requiem taten ihre volle Wirkung.

Unmittelbar nach diesem Teil des Konzertes kam eine Pause. In diesem Moment glaubten die Habeneckisten den Streich spielen zu können, der für sie am gefahrlosesten und am leichtesten ausführbar war. Mehrere Stimmen aus dem Parterre schrien: »Die Marseillaise, die Marseillaise!«; sie hofften, so das Publikum mitzureißen und die Ruhe des ganzen Abends zu stören. Schon hatten sich die Zuhörer teilweise verleiten lassen durch den Gedanken, den berühmten Gesang von einem solchen Chor und Orchester zu hören und vermischten ihr Geschrei mit dem der Rädelsführer – da trat ich an die Rampe und schrie ihnen mit der ganzen Kraft meiner Stimme zu:

– »Wir werden die Marseillaise nicht spielen; dazu sind wir nicht hier!« Und augenblicks trat wieder Ruhe ein.

Sie sollte nicht von langer Dauer sein. Ein anderer Zwischenfall, an dem ich nicht beteiligt war, versetzte fast gleichzeitig den Saal in höchste Aufregung. Rufe, die vom ersten Rang ausgingen: »Greift den Mörder! Abscheulich! Haltet ihn!« machten, daß die ganze Zuhörerschaft sich tumultuarisch erhob. Frau de Girardin, zerzaust und sehr erregt, rief in ihrer Loge um Hilfe. Ihr Mann war gerade an ihrer Seite von Bergeron, einem der Redakteure des Charivari, der für den Hauptmörder von Louis Philippe galt, geohrfeigt worden, von demselben, den damals die öffentliche Meinung anklagte, den Pistolenschuß von Pont Royal auf den König abgegeben zu haben.

Dieser Skandal – das konnte nicht ausbleiben – schädigte den Rest des Konzertes schwer; er verlief zwar ohne Hindernis, aber bei allgemeiner Zerstreutheit.

Wie dem auch sei, ich hatte das Problem gelöst und den Generalstab meiner Feinde im Schach gehalten. Die Einnahme belief sich auf achttausendfünfhundert Franken. Da die Summe, die mir zur Bezahlung der Musiker von der Oper überlassen war, nicht genügte, weil ich ihnen allen zwanzig Franken versprochen hatte, so mußte ich dem Kassierer des Theaters dreihundertundsechzig Franken bringen; er nahm sie an und trug die Einnahme mit roter Tinte folgendermaßen in sein Buch ein: »Überschuß, gestiftet von Herrn Berlioz.«

So war es mir also geglückt, das größte Konzert, welches noch in Paris stattgefunden, zustande zu bringen, allein, trotz Habeneck und seiner Leute, unter Verzicht auf die mir bewilligte mäßige Summe. Es ergab eine Einnahme von achttausendfünfhundert Franken, und meine Mühe kostete mir dreihundertundsechzig Franken.

So wird man reich! Ich habe dieses Verfahren oft im Leben angewandt und bin daher auch zu Vermögen gekommen ... Warum litt dies Herr Pillet als Gentleman? Ich habe mir darüber nie Rechenschaft geben können. Vielleicht hat ihn der Kassierer von dem Sachverhalt nicht unterrichtet.

Wenige Tage später reiste ich nach Deutschland ab. Aus den Briefen, die ich, nach meiner Rückkehr, an mehrere meiner Freunde richtete (sogar an zwei Individuen, die diesen Namen nicht verdienen), Habeneck und Girard. wird man meine Abenteuer auf dieser ersten Reise zusamt den Beobachtungen, die ich machte, erfahren. Es war eine mühsame Entdeckungsreise, aber wenigstens eine musikalische. In pekuniärer Hinsicht war sie ziemlich vorteilhaft, und ich genoß dabei das Glück, in einer sympathischen Umgebung zu leben, geschützt vor den Ränken, den Niederträchtigkeiten und Plattheiten von Paris.

Das Folgende enthält ungefähr die Briefe, die damals unter dem Namen »Musikalische Reise in Deutschland« veröffentlicht worden sind.

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