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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 52
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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49.

Konzert am 16. Dezember 1838. Paganinis Brief und Geschenk. Religiöse Regungen meiner Frau. Wut, Freude und Verleumdung. Mein Besuch bei Paganini. Seine Abreise. Ich schreibe Romeo und Julie. Kritiken aus Anlaß dieses Werkes.

 

Paganini war von seiner Reise nach Sardinien zurückgekehrt, als Benvenuto in der Oper erdrosselt ward. Er wohnte der schrecklichen Vorstellung bei, die er tiefbekümmert verließ und nach der er zu sagen wagte: »Wenn ich Direktor der Oper wäre, würde ich diesen jungen Mann heute selbst verpflichten, mir drei andere Partituren zu schreiben, würde ihm das Honorar im voraus bezahlen und dabei noch ein glänzendes Geschäft machen.«

Das Fiasko, und mehr noch die Wut, die ich auf den nutzlosen Proben empfunden und unterdrückt, hatten mir eine Entzündung der Bronchien zugezogen. Ich war genötigt, das Bett zu hüten und sonst nichts zu tun. Aber ich und die Meinen mußten dennoch leben. Zu einer unumgänglichen Anstrengung entschlossen, gab ich zwei Konzerte im Saal des Konservatoriums. Das erste deckte kaum die Kosten. Um beim zweiten eine gute Einnahme zu erzwingen, setzte ich meine beiden Sinfonien, die Phantastische und Harold, aufs Programm. Trotz der schlechten Verfassung, in die mich meine hartnäckige Bronchitis versetzt hatte, fühlte ich noch Kraft in mir, dieses Konzert, das am 16. Dezember 1838 stattfand, zu dirigieren.

Paganini wohnte ihm bei, und nun folgt das berühmte Abenteuer, über das so viele widersprechende Meinungen in Umlauf gesetzt, so viele boshafte Fabeln erfunden und verbreitet worden sind. Ich habe erzählt, wie Paganini, vor seiner Abreise, den Anlaß zur Komposition des Harold gab. Diese Sinfonie, die in seiner Abwesenheit mehrmals gespielt worden war, hatte seit seiner Rückkehr noch nicht wieder auf dem Programm meiner Konzerte gestanden; er kannte sie also nicht und hörte sie an jenem Tage zum ersten Male.

Das Konzert war eben zu Ende, ich selbst erschöpft, schweißbedeckt und zitterte an allen Gliedern, als, an der Tür zum Orchester, Paganini, gefolgt von seinem Sohne Achilles, sich mir mit lebhaften Gebärden näherte. Infolge der Erkrankung seines Kehlkopfs, an der er starb, hatte er damals schon gänzlich die Stimme verloren, und, wenn er sich nicht an einem von jedem Geräusch freien Orte befand, so konnte nur der Sohn seine Worte hören oder vielmehr ahnen. Er machte dem Kinde ein Zeichen, dieses stieg auf einen Stuhl, näherte sein Ohr dem Munde des Vaters und hörte aufmerksam zu. Darauf stieg Achilles wieder herab und wandte sich gegen mich mit den Worten: »Mein Vater trägt mir auf, Ihnen zu versichern, daß er nie im Leben einen derartigen Eindruck von einem Konzert empfangen; daß Ihre Musik ihn erschüttert hat und daß er sich zurückhalten müsse, um sich Ihnen nicht zu Füßen zu werfen und Ihnen zu danken.« Bei diesen befremdlichen Worten machte ich eine Bewegung der Ungläubigkeit und der Verwirrung; aber Paganini ergriff meinen Arm, raunte mit dem Rest seiner Stimme ein ja! ja!, zog mich aufs Podium, wo sich noch viele meiner Musiker befanden, warf sich auf die Knie und küßte mir die Hand. Ich brauche, denk ich, nicht zu sagen, welche Bestürzung mich ergriff; ich berichte die Tatsache, das ist alles.

Indem ich so, weißglühend, wie ich war, durch eine heftige Kälte ging, traf ich Herrn Armand Bertin auf dem Boulevard und blieb einige Zeit stehen, um ihm die vorgefallene Szene zu erzählen. Der Frost schüttelte mich, ich ging nach Hause und warf mich aufs Bett, kränker als zuvor. Am folgenden Tage war ich allein auf meinem Zimmer, als ich den kleinen Achilles eintreten sah.

»Meinem Vater,« sagte er, »wird es sehr leid sein zu erfahren, daß Sie noch krank sind, und wenn er selbst nicht so leidend wäre, so hätte er Sie besucht. Hier ist ein Brief, den ich in seinem Namen überbringen soll.« Als ich eine Bewegung machte, ihn zu öffnen, hielt mich das Kind zurück: »Antwort ist nicht nötig; mein Vater hat mir gesagt, Sie möchten das lesen, wenn Sie allein wären.« Und damit ging er hinaus.

In der Voraussetzung, es handle sich um einen Brief mit Glückwünschen und Komplimenten, öffnete ich und las:

Mio caro amico,

Beethoven spento non c'era che Berlioz che potesse farlo rivevere; ed io che ho gustato le vostre divine composizioni degne d'un genio qual siete, credo mio dovere di pregarvi a voler accettare, in segno del mio omaggio, venti milia franchi, i quali vi saranno rimessi dal signor baron de Rothschild doppo che gli avrete presentato l'acclusa. Credete mi sempre.

Il vostro affezionatissimo amico,
Vicolo Paganini.

Parigi, 18. dicembre 1838.

Ich kann genug italienisch, um einen Brief, wie diesen, zu verstehen; dennoch überraschte mich sein unerwarteter Inhalt derart, daß meine Gedanken sich verwirrten und mir der Sinn gänzlich entging. Aber ein an Herrn von Rothschild gerichtetes Billett lag dabei; ich öffnete es hastig, ohne an eine Indiskretion zu denken. Es enthielt diese wenigen Worte auf französisch:

»Herr Baron!

Ich bitte Sie, Herrn Berlioz gefälligst die zwanzigtausend Franken zu übergeben, die ich gestern bei Ihnen niedergelegt habe.

Mit vorzüglicher Hochachtung
Paganini.«

Jetzt erst ward es Tag, und es scheint, daß ich sehr bleich wurde; denn als meine Frau in diesem Moment eintrat und mich, einen Brief in der Hand, mit verstörten Zügen antraf, rief sie aus: »Nun! Was gibt's wieder? Welch neues Unglück? Nur Mut! Wir haben anderes ertragen!« – »Nein, nein, im Gegenteil!« – »Was denn?« – »Paganini ...« – »Nun?« – »Schickt mir ... zwanzigtausend Franken! ...« – »Louis! Louis!« ruft Henriette außer sich und läuft, meinen Sohn zu suchen, der im anstoßenden Zimmer spielte, » come here, come with your mother, lass' uns dem lieben Gott danken für das, was er an deinem Vater tut!« Und Frau und Sohn eilen zusammen herbei, werfen sich an meinem Bett auf die Knie, die Mutter betend, das Kind, ihr zur Seite, erstaunt die Händchen faltend ... O Paganini!!! Welche Szene! ... Warum durfte er sie nicht sehen!

Meine erste Regung war, wie sich leicht denken läßt, ihm zu antworten, da es mir ja unmöglich war, auszugehen. Mein Brief ist mir immer so unzulänglich erschienen, so weit unter dem, was ich empfand, daß ich nicht wage, ihn hier wiederzugeben. Es gibt Situationen und Gefühle, die erdrückend wirken ...

Als sich bald darauf das Gerücht der vornehmen Handlungsweise Paganinis in Paris verbreitet hatte, wurde meine Wohnung zum Sammelplatz einer Menge von Künstlern, die sich zwei Tage lang drängten, begierig, den berühmten Brief zu sehen und von mir das Nähere über einen so außerordentlichen Umstand zu erfahren. Alle wünschten mir Glück; einer von ihnen legte einen gewissen eifersüchtigen Ärger an den Tag, nicht über mich, sondern über Paganini. »Ich bin nicht reich,« sagte er, »sonst hätte ich wohl ebenso gehandelt.« Allerdings ist er Geiger. Dies war das einzige Beispiel einer Regung ehrenhaften Neides. Hinterher kamen dann die Erklärungen, das Ableugnen, die Zornesausbrüche meiner Feinde, ihre Lügen; das Frohlocken, der Triumph meiner Freunde, der Brief Janins an mich, sein prächtiger, beredter Artikel im Journal des Débats, die Beschimpfungen, mit denen mich einige Elende beehrten, die hinterlistigen Verleumdungen Paganinis, das Toben und der Anprall von hundert guten und schlechten Eigenschaften.

Inmitten solcher Vorgänge, das Herz geschwellt von so viel drangvollen Gefühlen, seufzte ich vor Ungeduld, mein Bett nicht verlassen zu können. Endlich, am sechsten Tag, als ich mich etwas besser fühlte, hielt es mich nicht länger; ich kleidete mich an und eilte nach den Neothermen, in der Rue de la Victoire, wo Paganini damals wohnte. Man sagte mir, daß er sich allein im Billardsaal ergehe. Ich trete ein, und wir umarmen uns wortlos. Als ich nach einigen Minuten – ich weiß nicht, welche – Ausdrücke der Dankbarkeit stammelte, unterbrach mich Paganini, dessen Stimme mir in der Stille des Saales vernehmbar war, mit den Worten:

»– Reden Sie mir nicht mehr davon! Nein! Fügen Sie nichts hinzu; es ist die tiefste Genugtuung, die ich im Leben empfunden. Sie wissen nimmermehr, wie sehr mich Ihre Musik aufgewühlt hat; seit so vielen Jahren habe ich nichts dergleichen empfunden! ... Ha!« fuhr er fort und schlug heftig mit der Faust aufs Billard, »jetzt wird keiner mehr von denen, die gegen Sie Ränke spinnen, sich noch etwas zu sagen erdreisten; denn sie wissen, daß ich Urteilskraft besitze und nicht so leicht bei der Hand bin!« ( que je ne suis pas aisé!)

Was meinte er mit diesen Worten? Wollte er sagen: »Ich bin nicht leicht durch Musik zu rühren,« oder auch wohl: »Ich gebe nicht leicht mein Geld her,« oder: »Ich bin nicht reich«?

Der sardonische Ton, in dem er diesen Satz hinwarf, läßt, dünkt mich, die letzte Auslegung nicht zu.

Wie dem auch sei, der große Künstler täuschte sich; sein Ansehen, so mächtig es auch war, reichte nicht hin, die Dummköpfe und Lügner zum Schweigen zu bringen. Er kannte das Pariser Lumpenpack nicht genügend, und es bellte bald darnach nur desto heftiger hinter mir her. Ein Naturforscher hat gesagt, gewisse Hunde strebten nach Vermenschlichung; ich glaube, viel mehr Menschen streben nach Verhundung.

Als meine Schulden bezahlt waren und ich mich noch im Besitze einer recht hübschen Summe sah, dachte ich allein daran, sie zu musikalischen Zwecken auszugeben. Ich muß, sagte ich mir, jede andere Arbeit einstellen und ein Meisterwerk schreiben nach einem neuen, umfangreichen Plane, ein großes, leidenschaftliches Werk voller Phantasie, würdig, dem herrlichen Künstler, dem ich so viel schulde, gewidmet zu werden. Während ich dies Vorhaben hin und her überlegte, sah sich Paganini, dessen Krankheit in Paris zunahm, genötigt, nach Marseille zurückzureisen und dann nach Nizza, von wo er, ach!, nicht wiederkehrte. Ich unterbreitete ihm brieflich mehrere Entwürfe für die große Komposition, mit der ich mich trug und von der ich ihm gesprochen hatte.

»Ich habe Ihnen,« antwortete er mir, »hierüber keinen Rat zu geben; Sie wissen besser, als jeder andere, was Ihnen frommt.«

Endlich, nach langem Schwanken, entschied ich mich für die Idee einer Sinfonie mit Chören, Soli für Gesang und Chor-Rezitativen, deren erhabener, ewig neuer Gegenstand Shakespeares Drama »Romeo und Julie« sein sollte. Ich schrieb den ganzen Text in Prosa nieder, der, zwischen den instrumentalen Sätzen stehend, für den Gesang bestimmt war. Emile Deschamps, liebenswürdig und verbindlich, wie es seine Art war, brachte ihn, mit der ihm eigenen spielenden Leichtigkeit, in Verse, und so begann ich.

Ah! Diesmal keine Feuilletons mehr oder doch fast nicht mehr; ich hatte Geld, Paganini hatte es mir gegeben, damit ich Musik mache, und so machte ich sie denn. Ich arbeitete sieben Monate lang an meiner Sinfonie, ohne mich öfter zu unterbrechen, als drei oder vier Tage monatlich, was auch vorfallen mochte.

Welch ein Leben voll Glut lebte ich in dieser Zeit! Wie mutvoll befuhr ich das große Meer der Poesie, geliebkost von der gauklerischen Brise der Phantasie, unter den warmen Strahlen der Sonne, von Shakespeare entzündet! Ich traute mir die Kraft zu, zur Wunderinsel zu gelangen, wo sich der Tempel reiner Kunst erhebt.

Die Entscheidung, ob ich sie erreicht, steht mir nicht zu. Dreimal nacheinander wurde die Partitur in ihrem damaligen Zustande unter meiner Leitung im Konservatorium aufgeführt und dreimal schien sie großen Erfolg zu haben. Dennoch fühlte ich, daß ich vieles daran zu verbessern haben würde und schickte mich an, sie ernsthaft von allen Seiten zu prüfen. Zu meinem lebhaften Bedauern hat sie Paganini nie gehört, noch gelesen. Ich hoffte stets auf seine Rückkehr nach Paris und wartete andrerseits auf die endgültige Vollendung und Drucklegung der Sinfonie, um sie ihm zu schicken; aber mittlerweile starb er in Nizza und hinterließ mir, mit soviel andern nagenden Schmerzen, auch den der Unkenntnis darüber, ob er das Werk seiner würdig befunden hätte, das vor allem unternommen worden war, ihm zu gefallen, und in der Absicht, vor seinen eigenen Augen zu rechtfertigen, was er für den Urheber getan. Auch er schien heftig zu bedauern, Romeo und Julie nicht zu kennen, und sagte es mir in seinem Brief aus Nizza vom 7. Januar 1840, wo sich dieser Satz fand: »Jetzt ist alles gut, der Neid muß künftig verstummen.« Armer, teurer, großer Freund! Glücklicherweise hat er nie die entsetzlichen Albernheiten gelesen, die zu Paris in mehreren Zeitungen erschienen sind, über die Anlage des Werkes, die Einleitung, das Adagio, über die Fee Mab, die Rede des Pater Lorenzo. Der eine warf mir den Versuch dieser neuen sinfonischen Form als ungereimt vor, der andere fand am Scherzo der Fee Mab nichts, als ein bißchen wunderliches Geräusch, vergleichbar dem schlecht geschmierter Spritzen. Ein Dritter, der sich über die Liebesszene ausließ, über das Adagio, jenes Stück, das von dreivierteln der Musiker Europas, die es kennen, jetzt über alles gestellt wird, das ich geschrieben, versicherte, ich hätte Shakespeare nicht verstanden!!! O du von Dummheit geschwellte Kröte! Wenn du mir das beweisen solltest ...

Nie haben mich Kritiken unerwarteter und grausamer verwundet! Und, wie gewöhnlich, hat mir kein einziger der Aristarchen, die für oder gegen das Werk schrieben, einen einzigen jener Fehler gezeigt, die ich nach und nach verbesserte, wenn ich imstande war, sie zu erkennen.

Als mich Herr Frankoski (der Sekretär Ernsts) in Wien auf den schlechten, zu plötzlichen Schluß des Scherzos der Fee Mab aufmerksam gemacht hatte, schrieb ich zu diesem Satz die Coda, die es jetzt hat, und vernichtete die erste.

Nach dem Rate des Herrn d'Ortigue, glaub ich, wurde ein wichtiger Strich in der Rede des Pater Lorenzo angebracht; sie wirkte durch Längen ermüdend, da, wo die Überzahl der Verse des Dichters mich mitgerissen hatte. Alle andern Veränderungen, Zusätze, Kürzungen habe ich aus eigenem Antrieb gemacht, dank dem Umstand, daß ich die Wirkung des Werkes im ganzen und im einzelnen prüfen konnte; denn ich hörte es in Paris, Berlin, Wien und Prag. Wenn ich keine andern Fehler darin zu tilgen fand, so habe ich wenigstens mein Mögliches getan, sie zu suchen und, was ich an Findigkeit habe, daran gesetzt, sie zu entdecken.

Was kann, nach alledem, ein Autor noch tun, als frei zu gestehen, er habe es nicht besser machen können, und sich, trotz den Unvollkommenheiten seines Werkes, zu bescheiden? Als ich auf diesem Punkte angelangt war, aber auch erst dann, wurde die Sinfonie Romeo und Julie veröffentlicht.

Sie setzt der Aufführung ungeheure Schwierigkeiten entgegen, Schwierigkeiten aller Art, die der Form und dem Stil eigen sind, und die man nur durch langes, geduldiges, vortrefflich geleitetes Studium bewältigen kann. Zu einer guten Wiedergabe bedarf es – und das gilt vom Kapellmeister, wie von den Instrumentisten und Sängern – Künstler ersten Ranges, die entschlossen sind, so zu studieren, wie man an guten Opernbühnen ein neues Werk einübt, also etwa so, als solle es auswendig aufgeführt werden.

Demnach wird man sie in London nie verstehen, wo man die nötigen Proben nicht bekommen kann. Die Musiker dieses Landes haben keine Zeit zu musizieren. Seitdem ich dies schrieb, sind in London die vier ersten Sätze von Romeo und Julie unter meiner Leitung dennoch verstanden worden; nirgends ward ihnen beim Publikum eine glänzendere Aufnahme zuteil.

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