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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 50
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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47.

Aufführung des Lacrymosa aus meinem Requiem in Lille. Kleine Natter für Cherubini. Kleiner Streich, den er mir spielt. Giftige Otter, die ich ihm auftische. Meine Tätigkeit am Journal des Débats. Qualen, die mir mein kritisches Amt verursacht.

 

Einige Jahre nach der Zeremonie, deren Verlauf ich vorhin erzählt habe, hatte die Stadt Lille ihr erstes Musikfest gerüstet, und Habeneck wurde engagiert, den musikalischen Teil zu leiten. In einer Anwandlung von Wohlwollen, wie sie bei ihm trotz allem nicht selten war, kam er auf den Gedanken, dem Festausschuß, neben anderen Bruchstücken fürs Konzert, das Lacrymosa aus meinem Requiem vorzuschlagen. Gleichzeitig hatte man das Credo einer Festmesse von Cherubini ins Programm aufgenommen. Habeneck ließ mein Stück mit außerordentlicher Sorgfalt studieren und die Aufführung ließ, wie es scheint, nichts zu wünschen übrig. Auch die Wirkung, so sagt man, war sehr groß, und das Lacrymosa wurde, ungeachtet seiner enormen Ausdehnung, stürmisch nochmals verlangt. Es rührte die dortigen Hörer zu Tränen. Da mir das Komitee von Lille die Ehre einer Einladung nicht erwiesen hatte, so war ich in Paris geblieben. Aber nach dem Konzert schrieb mir Habeneck, voller Freude, mit einem so schwierigen Stück zu einem so schönen Ergebnis gelangt zu sein, einen kurzen Brief, der so oder ungefähr so lautete:

»Mein lieber Berlioz,

Ich kann dem Vergnügen nicht widerstehen, Ihnen zu melden, daß Ihr Lacrymosa, welches vortrefflich aufgeführt wurde, eine ungeheure Wirkung hervorgebracht hat.

Ganz der Ihre
Habeneck.«

Der Brief wurde in Paris in der Gazette musicale veröffentlicht. Bei seiner Rückkehr besuchte Habeneck Cherubini und versicherte ihn, daß sein Credo sehr gut wiedergegeben worden sei. »Ja,« antwortete Cherubini trockenen Tones, »aber an mich Sie 'aben nichts geschrieben.« Ich hatte ihm gesagt, daß mein Name ihm eines Tages bekannt sein werde.

Dieses unschuldige Schlänglein kam ihm noch von meinem Requiem her in die Quere; dessen Zwillingsschwester tischte er mir höchst pläsierlich bei folgender Gelegenheit auf.

Die Stelle eines Lehrers für Harmonie war am Konservatorium frei geworden, und einer meiner Freunde bewog mich, an der Bewerbung teilzunehmen. Ohne mich irgendwie in Hoffnung auf Erfolg zu wiegen, schrieb ich trotzdem in dieser Angelegenheit an unsern guten Direktor Cherubini. Bei Empfang meines Briefes ließ er mich rufen:

– »Sie bewerben sich um die 'armonie-Klasse? ...« fragte er mit seiner liebenswürdigsten Miene und der süßesten Stimme, die er finden konnte. – »Ja, Herr Direktor.« – »Ah, das iste ... Sie werden diese Klasse er'alten ... Ihr Ruf jetzte ... Ihre Beziehungen ...« – »Um so besser, Herr Direktor; ich habe mich darum beworben, um sie zu bekommen.« – »Ja, aber ... aber das iste gerade, was mir quält ... Das kommte, weil ich sie möchte geben an eine handere.« – »Dann werde ich also mein Gesuch zurückziehen.« – »Nein, nein, ich will nichte, weil, sehen Sie, man wird sagen, daß ich bin die Ursache von Ihre Rücketritt.« – »Dann bestehe ich auf meiner Bewerbung.« – »Aber, wenn ich Ihnen sage, Sie werden die Stelle er'alten, wenn Sie darauf bestehen und ... ich 'abe sie nicht für Sie bestimmt.« – »Ja, was ist da zu machen?« – »Sie wissen, daß man muß ... man muß ... man muß Pianiste sein, um 'armonie zu lehren an Konservatorium; Sie wissen das, mein Lieber.« – »Man muß Pianist sein? Ach! Ich war weit entfernt, daran zu denken. Nun ja, das ist ein trefflicher Grund. Ich werde Ihnen schreiben, daß ich mich, als Nicht-Pianist, um die Stelle eines Harmonielehrers am Konservatorium nicht bewerben könnte und mein Gesuch zurückzöge.« – »Ja, mein Lieber. Aber, aber, aber, ich bin nichte der Grund, daß Sie ...« – »Nein, Herr Direktor, weit entfernt! Es ist ganz natürlich, daß ich mich zurückziehe, da ich so dumm war, zu vergessen, daß man, um Harmonie zu lehren, Pianist sein muß.« – »Ja, mein Lieber. Kommen Sie, umarmen Sie mich. Sie wissen, wie ich Sie liebe.« – »Oh! ja! Ich weiß.« Und wirklich umarmt er mich mit wahrhaft väterlicher Zärtlichkeit. Ich gehe, teile ihm brieflich meinen Verzicht mit, und er läßt acht Tage später die Stelle einem gewissen Bienaimé geben, der nicht besser Klavier spielt, als ich.

Das nennt man fein einfädeln! Und ich war der erste, der darüber von ganzem Herzen lachte.

Der Leser bewundere meine Zurückhaltung, daß ich Cherubini nicht antwortete: »Könnten Sie denn nicht selbst in der Harmonielehre unterrichten?« Denn auch er, der große Meister, war nichts weniger, als Pianist.

Ich bedaure, bald hernach und sehr unfreiwillig, meinen berühmten »Freund« aufs grausamste verletzt zu haben. Ich wohnte nämlich, im Parterre der Oper, der ersten Aufführung seines Werkes »Ali Baba« bei. Diese Partitur ist – darüber war sich damals alle Welt einig – eine der blassesten und inhaltslosesten Cherubinis. Gegen das Ende des ersten Aktes war ich es müde, nichts von Bedeutung zu hören, und konnte mich nicht enthalten zu sagen – laut genug, daß es meine Nachbarn hören konnten: »Ich gebe zwanzig Franken für eine Idee!« Im zweiten Akt fahre ich fort, stets getäuscht durch die gleiche musikalische Luftspiegelung, höher zu bieten: »Ich gebe vierzig Franken für eine Idee!« Das Finale beginnt: »Ich gebe achtzig Franken für eine Idee!« Nach dem Finale stehe ich auf und werfe diese letzten Worte hin: »Wahrhaftig, ich bin nicht reich genug. Ich verzichte!« und gehe fort.

Zwei oder drei junge Leute, die auf derselben Bank neben mir saßen, betrachteten mich mit entrüsteten Blicken. Es waren Schüler des Konservatoriums, die man dorthin gesetzt hatte, ihrem Direktor »nützliche« Bewunderung zu zollen. Wie ich später erfuhr, versäumten sie nicht, ihm andern Tages mein unverschämtes Geldbieten zu erzählen und meine noch unverschämtere Entmutigung. Cherubini war darüber um so mehr beleidigt, weil er zu mir gesagt hatte: »Sie wissen, wie ich Sie liebe«; er mußte mich, nach seiner Gewohnheit, ohne Zweifel »undankbar« finden. Diesmal, gebe ich zu, handelte es sich nicht mehr um Nattern, sondern um eine jener giftigen Ottern, deren Bisse der Eitelkeit so grausam weh tun. Sie war mir entschlüpft.

Ich glaube, es ist an der Zeit, zu sagen, welcher Art meine Tätigkeit am Journal des Débats war. Ich hatte seit meiner Rückkehr aus Italien ziemlich zahlreiche Artikel in der Revue européenne, im Monde dramatique (Zeitschriften, deren Existenz von kurzer Dauer war), ferner in der Gazette musicale, im Correspondent und in einigen andern, heute vergessenen Blättern verfaßt. Aber diese verschiedenen Arbeiten von geringer Ausdehnung, geringem Werte, brachten mir eben auch sehr wenig ein, und den beschränkten Verhältnissen, in denen ich lebte, wurde dadurch nur in sehr geringem Maße aufgeholfen.

Eines Tages, da ich nicht wußte, welchem Heiligen ich mich weihen sollte, schrieb ich, um einige Franken zu verdienen, eine Art Novelle mit dem Titel »Rubini in Calais«, die in der »Gazette musicale« erschien. Ich fühlte mich tief traurig, da ich sie schrieb, aber dessenungeachtet war die Novelle ausgelassen lustig; dieser Kontrast ergibt sich bekanntlich oft. Einige Tage nach ihrer Veröffentlichung ward sie vom Journal des Débats nachgedruckt, und der Chefredakteur schickte ihr einige Zeilen voraus, die voll Wohlwollen für den Autor waren. Ich ging, meinen Dank zu sagen, augenblicklich zu Herrn Bertin, der mir vorschlug, das musikalische Feuilleton des Journal des Débats zu übernehmen. Dieser vielbeneidete kritische Thron war durch den Abgang von Castil-Blaze frei geworden. Anfangs hatte ich ihn nicht ganz allein inne. Ich übernahm eine Zeitlang nur die Kritik für Konzerte und neue Kompositionen. Als mir später auch die für Oper zufiel, blieb das italienische Theater unter Protektion des Herrn Delécluse, der es auch heute noch protegiert, und J. Janin wahrte seine Herrenrechte auf die Ballets der Oper. Daraufhin gab ich mein Feuilleton für den Correspondent auf und beschränkte meine kritischen Arbeiten auf die, welche mir vom Journal des Débats und der Gazette musicale abgenommen wurden. Heute habe ich sogar auf meine Mitarbeiterschaft an diesem Wochenblatt allmählich verzichtet, trotz den mir dort gebotenen vorteilhaften Bedingungen, und schreibe auch für das Journal des Débats nur, wenn mich die Vorgänge in unserer musikalischen Welt unbedingt dazu zwingen. Ich bekomme dort für ein Feuilleton hundert Franken, jährlich etwa vierzehnhundert Franken.

So groß ist nun einmal meine Abneigung gegen jede Arbeit dieser Art. Ich kann eine Uraufführung an einer unserer Opernbühnen nicht ankündigen hören, ohne ein Unbehagen zu verspüren, das sich steigert, bis mein Feuilleton fertig ist.

Diese stetig sich erneuernde Fron vergiftet mein Leben. Und trotzdem, auch abgesehen von den pekuniären Hilfsquellen, die sie mir verschafft und deren ich nicht entraten kann, sehe ich es fast als Unmöglichkeit an, sie aufzugeben, wenn ich nicht den wütenden, fast unzähligen Äußerungen des Hasses, den sie gegen mich erregt hat, wehrlos gegenüber stehen will. Denn die Presse ist in gewisser Beziehung wertvoller, als der Speer des Achilles. Nicht allein heilt sie manchmal die Wunden, die sie geschlagen, sondern dient auch dem, der sie dazu benutzt, als Schild. Dennoch – zu wie viel elender Schonung bin ich nicht gezwungen! ... Zu wie viel Umschreibungen, um den Ausdruck der Wahrheit zu vermeiden! Zu wie viel Konzessionen gegenüber der Gesellschaft und sogar der öffentlichen Meinung! Wie viel verhaltene Wut! Hinabgewürgter Schimpf! Und sie finden mich aufbrausend, boshaft, zur Verachtung geneigt! He! Grobiane, die ihr mich so behandelt, wollte ich den Grund meiner Gedanken verraten, ihr würdet sehen, daß das Nessellager, auf das ihr euch durch mich gebettet wähnt, nur ein Lager von Rosen ist, verglichen mit dem Rost, auf dem ich euch braten würde! ...

Ich darf mir zum mindesten die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu sagen, daß ich nie, durch welcherlei Erwägung immer, den höchsten Ausdruck der Achtung, Bewunderung oder Begeisterung Werken oder Menschen verweigert habe, die mir das eine oder andere Gefühl dieser Art einflößten. Ich habe Leute, die mir viel Übles zugefügt und zu denen ich jede Beziehung abgebrochen hatte, mit Wärme gelobt. Der einzige Ersatz, den mir die Presse für so viele Qualen bietet, ist die Tragweite, die sie den Wallungen meines Herzens gegenüber dem Großen, Wahren, Schönen gibt, wo immer es sich findet. Es scheint mir süß, einen verdienstvollen Feind zu loben – überdies ist das Pflicht eines rechtschaffenen Mannes, die er stolz ist zu erfüllen; während jedes lügnerische Wort zugunsten eines talentlosen Freundes mir nagenden Schmerz verursacht.

Dennoch ist in beiden Fällen – wie alle Kritiker wissen – der Mann, der dich haßt, wütend über das Verdienst, mit dem du dich zu schmücken scheinst, da du ihm öffentlich und warm Gerechtigkeit widerfahren lässest, und verabscheut dich desto mehr; und der Mann, der dich liebt und der stets wenig erbaut ist von den geschraubten Lobreden, die du ihm spendest, liebt dich um so weniger.

Der Seelenschmerzen nicht zu vergessen, die einem der Zwang verursacht, sich, auf welche Art immer, mit tausend winzigen Lappalien zu beschäftigen, wenn man, wie ich, das Unglück hat, Künstler und Kritiker zugleich zu sein, besonders mit Liebedienereien, Niederträchtigkeiten, Kriechereien der Leute, die einen brauchen oder nächstens brauchen. Ich ergötze mich oft damit, die Minierarbeiten gewisser Individuen zu verfolgen, die einen Tunnel von zwanzig Meilen Länge graben, um zu dem zu gelangen, was sie »eine gute Kritik« nennen. Nichts ist so lächerlich, als ihre mühsamen Axthiebe, wenn nicht ihre Geduld, mit der sie den Gang abräumen und das Gewölbe konstruieren – bis die Kritik, über diese Maulwurfsarbeit ungeduldig, plötzlich einen Wasserstrahl entsendet, der die Mine, und mitunter auch den Urheber, ertränkt.

So lege ich auch, bei Schätzung meiner Werke, Gewicht eigentlich nur auf das Urteil von Leuten, die außerhalb des Einflusses der Zeitungskritik stehen. Unter den Musikern sind die einzigen, deren Beifall mir schmeichelt, die Mitglieder des Orchesters und des Chors; denn da ihr eigenes Talent selten einer kritischen Prüfung unterworfen wird, so weiß ich, daß sie keinerlei Grund haben, einem um den Bart zu gehen. Schließlich können die Lobreden, die mir von Zeit zu Zeit erpreßt werden, den Empfängern wenig schmeicheln. Der Druck, unter dem ich stehe, wenn ich gewisse Werke loben muß, ist so groß, daß die Wahrheit durch meine Zeilen sickert, gleich wie unter der außerordentlichen Gewalt der hydraulischen Presse das Wasser durch das Eisen des Instrumentes dringt.

Balzac hat an zwanzig Stellen seiner wunderbaren Comédie humaine gewiß ausgezeichnete Dinge über die zeitgenössische Kritik gesagt: aber indem er die Irrtümer und die Ungerechtigkeit derer, die sie ausüben, rügt, hat er, wie mir scheint, nicht genugsam das Verdienst derjenigen, die ehrlich bleiben, hervorgehoben, noch ihre geheimen Schmerzen richtig geschätzt. Selbst in seinem Buche »Monographie der Presse« hat Balzac, trotz der Mitarbeiterschaft seines Freundes Laurent-Jan (der auch der meine ist und dessen Geist zu den durchdringendsten gehört, die ich kenne), nicht alle kleinen Seiten der Frage beleuchtet. Laurent-Jan hat sich in mehreren Zeitungen, doch nicht regelmäßig, schriftstellerisch betätigt, aber mehr als Phantast, denn als Kritiker, und konnte, nicht mehr als Balzac, weder alles wissen, noch alles sehen.

*

Eines Tages redete mich Armand Bertin, der wegen der Enge der Verhältnisse, in denen ich lebte, in Sorge war, mit folgenden Worten an, die mir desto größere Freude machten, je unerwarteter sie kamen:

»Mein lieber Freund, Sie sind jetzt ein gemachter Mann. Ich habe mit dem Minister des Innern über Sie gesprochen, und er hat bestimmt, daß man Ihnen, trotz Cherubinis Widerstand, eine Anstellung am Konservatorium als Lehrer der Komposition geben solle mit 1500 Franken Gehalt, dazu noch ein Honorar von 4500 Franken aus den Geldern des Ministeriums, die zur Unterstützung der schönen Künste bestimmt sind. Mit diesen 6000 Franken jährlich werden Sie vor jeder Sorge geschützt sein und sich also der Komposition frei widmen können.«

Am nächsten Abend befand ich mich hinter den Kulissen der Oper, als Herr X. X., dessen Gesinnung gegen mich man kennt, und der damals noch der Abteilung der schönen Künste im Ministerium vorstand, mich bemerkte, eifrig auf mich zukam und mir ungefähr in denselben Worten wiederholte, was mir Herr Armand Bertin gesagt hatte. Ich beauftragte ihn, den Minister meiner herzlichen Dankbarkeit zu versichern und brachte ihm selbst gegenüber meinen Dank zum Ausdruck. Dieses Versprechen, das man freiwillig einem Manne gab, der nichts verlangte, wurde nicht besser gehalten, als so manches andere, und von diesem Augenblick an war davon nicht mehr die Rede.

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