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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 49
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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46.

Herr von Gasparin beauftragt mich, ein Requiem zu schreiben. Die Direktoren der schönen Künste. Ihre Ansichten über Musik. Wortbruch. Die Einnahme von Constantine. Cherubinis Ränke. Boa constrictor. Aufführung meines Requiems. Habenecks Tabaksdose. Man will mich nicht bezahlen. Man will mir einen Orden verkaufen. Ruchlosigkeiten aller Art. Meine Wut. Meine Drohungen. Ich werde bezahlt.

 

Im Jahre 1836 war Herr de Gasparin Minister des Innern. Er gehörte zu den wenigen unter unsern Staatsmännern, die sich für Musik interessierten, und zu der noch kleineren Schar derer, die Verständnis dafür hatten. Da es sein Wunsch war, die Kirchenmusik, mit der man sich seit langem nicht mehr befaßt hatte, in Frankreich wieder zu Ehren zu bringen, so bestimmte er, daß aus dem Kapital der Abteilung für die schönen Künste alljährlich eine Summe von dreitausend Franken einem französischen Komponisten zugewandt werden solle, zur Ausführung einer Messe oder eines Oratoriums im großen Stile. Der Komponist war vom Minister zu ernennen. Außerdem würde es der Minister, nach der Idee des Herrn de Gasparin, übernehmen, das neue Werk auf Staatskosten aufführen zu lassen. »Ich mache mit Berlioz den Anfang«, sagte er, »er muß ein Requiem schreiben, und ich bin sicher, daß es ihm glücken wird.« Als ich diese Neuigkeit durch einen Freund von Herrn de Gasparins Sohn, den ich kannte, erfuhr, waren meine Überraschung und meine Freude gleich groß. Um mich der Wahrheit zu versichern, suchte ich eine Audienz beim Minister nach, die mir die Richtigkeit der erhaltenen Schilderung bestätigte. »Ich lege mein Amt bald nieder«, fügte er hinzu. »Das soll mein musikalisches Testament sein. Sie haben die Verfügung, Ihr Requiem betreffend, erhalten?« – »Nein, Exzellenz, nur durch Zufall habe ich von Ihren guten Absichten mir gegenüber Kenntnis erhalten.« – »Wie geht das zu? Ich hatte vor acht Tagen befohlen, sie Ihnen zu schicken! Dieser Aufschub ist durch die Nachlässigkeit der Kanzleien verschuldet worden. Ich werde nachsehen.«

Trotzdem vergingen mehrere Tage und die Verfügung traf nicht ein. Voller Unruhe wandte ich mich daraufhin an den Sohn des Herrn de Gasparin; er klärte mich über eine Intrige auf, die ich nicht im geringsten geargwöhnt hatte. Herr X. X., der Direktor der schönen Künste, Er ist seit zehn oder zwölf Jahren gestorben, aber es ist besser, ihn nicht mit Namen zu nennen. billigte den Plan des Ministers, die Kirchenmusik betreffend, durchaus nicht und noch weniger die Wahl, die er durch meine Ernennung getroffen, um den Zug der Komponisten auf dieser Bahn zu eröffnen. Überdies wußte er, Herr de Gasparin werde in ein paar Tagen nicht mehr auf dem Ministerium sein. Wenn er also die Abfassung von dessen Verfügung, der die Einrichtung bestimmte und mich zur Komposition meines Requiems aufforderte, verzögerte, dann war nichts leichter, als den Plan mißlingen zu lassen dadurch, daß er Gasparins Nachfolger seine Ausführung widerriet. So hatte es sich der Herr Direktor in den Kopf gesetzt. Aber Herr de Gasparin ließ nicht mit sich spielen, und als er von seinem Sohn hörte, daß noch am Tage vor seinem Abschied vom Ministerium nichts geschehen war, schickte er endlich Herrn X. X. einen sehr strenge lautenden Befehl, den Erlaß auf der Stelle abzufassen und mir zu übersenden. Und so geschah es.

Diese erste Schlappe des Herrn X. X. konnte dessen Abneigung gegen mich nur steigern und steigerte sie in der Tat.

Dieser Richter über das Geschick von Kunst und Künstlern geruhte keinem Musiker, als Rossini, einen wirklichen Wert zuzuerkennen. Als er indes eines Tages alle alten und neuen Meister Europas vor mir hatte mißbilligend Revue passieren lassen – mit Ausnahme Beethovens, den er vergessen – besann er sich plötzlich und sagte: »Gleichwohl, scheint mir, ist noch einer darunter ... es ist ... wie heißt er doch? Ein Deutscher, dessen Sinfonien im Konservatorium gespielt werden ... Sie kennen doch die Sachen, Herr Berlioz ...« – »Beethoven?« – »Ja, Beethoven. Nun ja, der war nicht ohne Talent.« Ich habe diese Ausdrucksweise des Direktors der schönen Künste mit eigenen Ohren angehört. Er gab zu, Beethoven sei »nicht ohne Talent« gewesen.

Und doch vertrat Herr X. X. damit nur am auffälligsten das, was die musikalische Anschauung der ganzen französischen Bureaukratie jener Zeit war. Hunderte von Kennern dieser Art besetzten alle Pässe, durch welche die Künstler hindurch mußten, und setzten das Räderwerk der Staatsmaschine in Bewegung, in das unsere musikalischen Einrichtungen mit aller Gewalt eingreifen sollten. Heutzutage ...

Einmal mit meinem Erlaß ausgerüstet, machte ich mich ans Werk. Der Text des Requiems war für mich eine seit langem begehrte Beute, die man mir endlich auslieferte; ich warf mich mit einer Art von Wut darauf. Es schien, als wolle mir der Kopf bersten unter dem Druck meiner sprudelnden Gedanken. Der Plan des einen Stückes war noch nicht skizziert, als sich auch schon der zu einem andern aufdrängte. Bei der Unmöglichkeit, so schnell zu schreiben, nahm ich meine Zuflucht zu stenographischen Zeichen, die mir, vor allem beim Lacrymosa, gute Dienste taten. Komponisten kennen die Pein und die Verzweiflung, die durch das Vergessen gewisser Gedanken entstehen, die aufzuschreiben man nicht Zeit gehabt, und die so auf Nimmerwiedersehen entschlüpfen.

So schrieb ich denn das Werk mit großer Geschwindigkeit und habe erst lange nachher eine kleine Anzahl von Veränderungen angebracht. Man findet sie in der zweiten Auflage der bei Ricordi in Mailand erschienenen Partitur. Ist es nicht seltsam, daß ich zu jener Zeit, da ich dieses große Werk schrieb und mit Miß Smithson verheiratet war, zweimal denselben Traum hatte? Ich saß im Gärtchen der Frau Gautier zu Meylan unter einem reizenden Akazienblätterdache, aber allein. Fräulein Estelle war nicht zugegen und ich fragte mich, »wo ist sie? wo ist sie?« (» où est-elle?«) Wer mag das erklären? Vielleicht Seeleute und Gelehrte, welche die Bewegungen der Magnetnadel studiert haben und wissen, das Herz mancher Menschen gleiche ihr ...

Der ministerielle Erlaß bestimmte, daß mein Requiem auf Staatskosten aufgeführt werden solle, am Tage des berühmten Trauergottesdienstes, der alljährlich für die Opfer der Revolution von 1830 abgehalten wird.

Als die Zeit dieser Zeremonie, der Monat Juli, herankam, ließ ich die einzelnen Chor- und Orchesterstimmen meines Werkes ausschreiben und, gemäß der Weisung des Direktors der schönen Künste, die Proben beginnen. Aber fast gleichzeitig belehrte mich ein Schreiben aus der Kanzlei des Ministeriums, daß die Trauerfeier für die Toten des Juli ohne Musik stattfinden werde und befahl mir an, alle meine Vorbereitungen einzustellen. Der neue Minister des Innern schuldete in diesem Augenblick darum nicht weniger eine beträchtliche Summe als Honorar für den Kopisten und die zweihundert Choristen, die, laut Vertrag, ihre Zeit meinen Proben gewidmet hatten. Fünf Monate lang bemühte ich mich vergeblich um die Bezahlung dieser Schulden. Was meine eigenen Forderungen betrifft, so wagte ich gar nicht erst davon zu reden, so unmöglich schien mir jeder Gedanke daran. Schon begann ich die Geduld zu verlieren; da, eines Tages, als ich nach einer sehr lebhaften Erörterung dieses Themas Herrn X. X. verließ, verkündete die Kanone der Invaliden die Einnahme von Constantine.

Zwei Stunden später ward ich gebeten, in aller Eile auf das Ministerium zurückzukehren. Herr X. X. hatte gerade Mittel und Wege gefunden, sich meiner zu entledigen. Wenigstens glaubte er das. Der General Damrémont hatte unter den Mauern Constantines seinen Tod gefunden, und ein feierlicher Gottesdienst für ihn und die während der Belagerung gefallenen französischen Soldaten sollte im Invalidendome stattfinden. Das Kriegsministerium erwog diese Feierlichkeit, und der General Bernard, der damals diesem Ministerium vorstand, willigte ein, dort mein Requiem aufführen zu lassen. Diese unerwartete Neuigkeit erfuhr ich, als ich bei Herrn X. X. ankam.

Aber hier verwickeln sich die Fäden des Dramas und die schwerwiegendsten Ereignisse folgen einander. Armen Künstlern, die mich lesen, empfehle ich, sich wenigstens meine Erfahrung zunutze zu machen und über mein Mißgeschick nachzudenken. Sie werden daraus die traurige Lehre ziehen, allem und jedem zu mißtrauen, wenn sie in die gleiche Lage kommen sollten; die Lehre, Geschriebenem nicht mehr als Worten zu trauen, und sich gegen Himmel und Hölle zu wappnen.

Kaum war die Nachricht der bevorstehenden Aufführung meines Requiems bei einer großen öffentlichen Feierlichkeit, wie der, um die es sich handelte, zu Cherubini gedrungen, als sie ihn auch schon in fieberhafte Aufregung versetzte. Es war seit langem Brauch, die eine seiner Totenmessen aufzuführen (er hat nämlich zwei geschrieben). Ein solches Attentat auf das, was er als sein Vorrecht ansah: auf seine Würde, seine gerechte Berühmtheit, seine unbestreitbare Bedeutung, zugunsten eines jungen Mannes, der kaum seine Laufbahn begonnen und im Geruch stand, die Schule verketzert zu haben, traf ihn tief. Alle seine Freunde und Schüler, Halévy an der Spitze, teilten seinen Ärger und rüsteten sich, den Sturm zu beschwören und auf mich zu lenken, das heißt: zugunsten des Alten den Jungen um das Seine zu bringen. Eines Abends befand ich mich persönlich auf der Redaktion des Journal des Débats, dem ich seit kurzem verpflichtet war und dessen Besitzer, Herr Bertin, mir das tätigste Wohlwollen bezeigte, – als Halévy eintrat. Ich ahnte sogleich den Grund seines Besuchs; er kam, bei dem mächtigen Einfluß des Herrn Bertin Hilfe zu suchen, um die Pläne Cherubinis der Verwirklichung näher zu bringen. Indes war er ein wenig verstimmt, mich hier zu finden, mehr noch über die frostige Art, mit der ihn Herr Bertin und sein Sohn Armand empfingen; so wechselte er denn augenblicks die Richtung seiner Batterien. Er folgte Herrn Bertin, dem Vater, ins Nebenzimmer, dessen Tür geöffnet blieb, und ich hörte ihn sagen, Cherubini sei außerordentlich angegriffen, so daß er zu Bett liegen müsse; er, Halévy, komme zu Herrn Bertin mit der Bitte, von seiner Macht Gebrauch zu machen und dem berühmten Meister – zum Trost – behilflich zu sein, das Kreuz eines Kommandeurs der Ehrenlegion zu erlangen. Hier unterbrach ihn die ernste Stimme des Herrn Bertin: »Ja, mein lieber Halévy, wir werden tun, was Sie wünschen, damit Cherubini die wohlverdiente Auszeichnung erhält. Aber wenn es sich um das Requiem handelt, wenn man Berlioz etwa einen Vergleich wegen des seinen vorschlägt, und er hat die Schwäche, um eines Haares Breite nachzugeben, rede ich im Leben kein Wort mehr mit ihm.« Halévy mußte sich mit dieser Antwort zurückziehen, mehr als verwirrt.

So mußte sich der gute Cherubini, der mir schon so viele Nattern hatte vorsetzen wollen, eine Boa constrictor aus meiner Hand gefallen lassen, die er nie verdauen wird.

Jetzt eine andere Intrige, die viel geschickter angezettelt war und deren schwarze Tiefe ich nicht zu ergründen wage. Ich beschuldige niemand, ich erzähle die nackten Tatsachen, ohne die geringste Erklärung, aber mit der peinlichsten Genauigkeit.

Der General Bernard hatte mir selbst angekündigt, daß mein Requiem aufgeführt werden solle, unter Bedingungen, die ich sogleich vermelden werde; schon wollte ich mit meinen Proben beginnen, als Herr X. X. mich rufen ließ. »Sie wissen,« sagte er, »daß Habeneck mit der Leitung der großen öffentlichen Musikfeste betraut worden ist.« (Auch gut! dachte ich. Schon wieder ein Ziegel, der mir auf den Kopf fällt!) »Sie sind jetzt freilich gewohnt, Ihre Werke selbst zu leiten; aber Habeneck ist ein alter Herr (auch einer!), und ich weiß, daß es ihm sehr schmerzlich sein würde, Ihr Requiem nicht selbst zu dirigieren. Auf welchem Fuße stehen Sie mit ihm?« – »Auf welchem Fuße? Wir sind überworfen, ohne daß ich weiß warum. Seit drei Jahren spricht er nicht mehr mit mir; ich kenne seine Gründe nicht und habe es allerdings auch nicht der Mühe wert befunden, mir hierüber Aufklärung zu verschaffen. Es fing damit an, daß er sich hartnäckig weigerte, eines meiner Konzerte zu dirigieren. Sein Betragen gegen mich ist ebenso unerklärlich, als unhöflich. Da ich indessen wohl einsehe, daß er diesmal bei der Zeremonie für Marschall Damrémont mitzuwirken wünscht und dies auch Ihnen angenehm zu sein scheint, so bin ich bereit, den Taktstock an ihn abzutreten, behalte mir jedoch vor, selbst eine Probe zu leiten.« – »Daran liegt nichts,« entgegnete Herr X. X., »ich werde ihn benachrichtigen.«

Unsere Proben, die einzelnen und die für die Gesamtheit, wurden wirklich sehr sorgfältig durchgeführt. Habeneck sprach mit mir, als wenn unsere Beziehungen nie unterbrochen gewesen wären, und das Werk schien gut vonstatten gehen zu wollen.

Am Tage seiner Aufführung im Invalidendom, vor den Prinzen, Ministern, den Pairs und den Deputierten, vor der ganzen französischen Presse, den Korrespondenten fremder Zeitungen und einer ungeheueren Menge, war ein großer Erfolg Notwendigkeit für mich; ein mittelmäßiger wäre mir verhängnisvoll geworden, ein schlechter vollends hätte mich vernichtet.

Nun hört gut zu.

Meine Mitwirkenden waren in verschiedene Gruppen mit ziemlich weitem Abstand eingeteilt, und zwar war diese Vorbereitung für vier Orchester mit Blechinstrumenten getroffen, die ich im Tuba mirum angewandt habe; jedes von ihnen muß eine Ecke der großen Masse von Singstimmen und Instrumenten besetzen. Im Augenblick, da sie eintreten, beim Beginn des Tuba mirum, das sich unmittelbar an das Dies irae anschließt, verbreitert sich das Tempo ums Doppelte; die Blechinstrumente schmettern im neuen Tempo los, zuerst alle auf einmal, dann rufen sie sich einander zu und antworten sich in Abständen mit aufeinanderfolgenden Einsätzen, die sich jedesmal in der höheren Terz aufbauen. Es ist also von größter Wichtigkeit, die vier Schläge des breiten Zeitmaßes im Augenblick, da es eintritt, deutlich anzugeben. Ohne das kann diese furchtbare Sintflut von Musik, die so lange vorbereitet wird, wo sich außergewöhnliche, grausenerregende Mittel in Verhältnissen und Zusammenstellungen angewandt finden, die damals von niemand ausgenutzt und seitdem nicht wieder versucht worden sind, – ohne das kann dieses musikalische Gemälde des jüngsten Gerichts, das, wie ich hoffe, als etwas Großes unserer Kunst erhalten bleiben wird, nichts als einen ungeheuern, schrecklichen Mißklang ergeben.

Infolge meines gewöhnlichen Mißtrauens war ich hinter Habeneck zurückgeblieben und überwachte, den Rücken gegen ihn, die Gruppe der Paukenschläger – er konnte sie nicht sehen – im Augenblick, da sie am großen Kampfe teilnehmen sollten. Es gibt vielleicht tausend Takte in meinem Requiem. Ausgerechnet in dem soeben erwähnten, wo das Tempo breiter wird, wo die Blechinstrumente ihre schreckliche Fanfare hervorschmettern, kurz, in dem einzigen Takte, da die Tätigkeit des Dirigenten vollkommen unerläßlich ist, senkt Habeneck seinen Stab, zieht ruhig seine Tabaksdose und schickt sich an zu schnupfen. Ich hatte ihn immer im Auge behalten; jetzt drehe ich mich jählings auf dem Absatz herum, schwinge mich vor ihn hin, strecke meinen Arm aus und markiere die vier großen Schläge des neuen Zeitmaßes. Die Orchester folgen mir, alles verläuft in Ordnung, ich führe das Stück zu Ende, und die von mir erträumte Wirkung ist gelungen.

Als Habeneck bei den letzten Worten des Chores das Tuba mirum gerettet sah, sagte er zu mir: »Ich habe kalten Schweiß vergossen; ohne Sie wären wir verloren gewesen!« – »Ja, ich weiß wohl,« antwortete ich und sah ihn fest an. Ich fügte nicht ein Wort hinzu ... Tat er es absichtlich? ... Wäre es möglich, daß dieser Mann im Einverständnis mit Herrn X. X., der mich verwünschte, und mit Cherubinis Freunden es gewagt hätte, eine so niedrige Bosheit zu begehen? ... Ich mag es nicht ausdenken ... Aber ich zweifle nicht daran. Gott verzeihe mir, wenn ich ihm unrecht tue.

Der Erfolg des Requiems war vollständig, trotz aller Verschwörungen, feiger oder grausamer, offiziöser oder offizieller, die sich ihm hatten entgegenstellen wollen.

Ich teile gleich die Bedingungen mit, unter denen der Kriegsminister seine Aufführung bewilligt hatte. Es waren folgende: »Ich werde Ihnen zehntausend Franken zur Aufführung Ihres Werkes geben,« hatte der ehrenwerte General Bernard zu mir gesagt, »aber diese Summe wird Ihnen nur auf ein Schreiben meines Kollegen, des Ministers des Innern, hin, erstattet werden. Dadurch wird er sich verpflichten, Ihnen erstens das zu bezahlen, was er Ihnen nach der Verfügung des Herrn de Gasparin für die Komposition des Requiems schuldet, ferner seine Schulden bei den Choristen für die Proben, die um die Mitte des verflossenen Juli stattgefunden haben, und beim Kopisten.«

Der Minister hatte sich gegenüber dem General Bernard mündlich verpflichtet, diese dreifache Schuld zu begleichen. Sein Brief war schon abgefaßt, es fehlte nur seine Unterschrift. Um sie zu erlangen, blieb ich, mit dem Brief und einer Feder bewaffnet, von zehn Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags in seinem Vorzimmer, zusammen mit einem seiner Sekretäre. Erst um vier Uhr kam der Minister heraus, und der Sekretär hielt ihn im Weggehen an und veranlaßte ihn, seine so wertvolle Unterschrift unter das Schreiben zu setzen. Ohne eine Minute zu verlieren, eilte ich zu General Bernard, der mir, nachdem er das Schreiben seines Kollegen aufmerksam durchgelesen, die zehntausend Franken überweisen ließ.

Ich verwendete diese Summe ganz allein auf die Bezahlung meiner Mitwirkenden; ich gab Duprez, der das Solo im Sanktus gesungen hatte, dreihundert Franken und dreihundert weitere Franken Habeneck, dem unvergleichlichen Schnupfer ( priseur), der sich seiner Tabaksdose zu so gelegener Zeit bedient hatte. Für mich blieb absolut nichts. Ich bildete mir ein, daß ich endlich durch den Minister des Innern bezahlt werden würde, der zur Deckung dieser Schuld doppelt verpflichtet war: durch die Verfügung seines Vorgängers und durch die Verbindlichkeit, die er soeben persönlich gegenüber dem Kriegsminister eingegangen war. Sanctata simplicitas! wie Mephistopheles sagt; ein Monat, zwei Monate, drei Monate, vier Monate, acht Monate gingen hin, ohne daß es mir möglich war, auch nur einen Sou zu bekommen. Mit Hilfe von Gesuchen, Empfehlungen von Freunden des Ministers, Laufereien, schriftlichen und mündlichen Reklamationen wurden die Chorproben und die Kopiatur schließlich bezahlt. So war ich endlich befreit von der unerträglichen Verfolgung, der ich so lange ausgesetzt gewesen durch Leute, die es müde waren, auf Befriedigung ihrer Ansprüche zu warten, und die vielleicht in einem Verdacht gegen mich befangen waren, der mir, wenn ich nur daran denke, heute noch die Zornröte ins Gesicht treibt.

Aber auch von mir, dem Komponisten des Requiems, vorauszusetzen, daß ich nach dem Gewinn gemeinen Metalles trachte! Pfui! Das wäre ja Verleumdung gewesen! Daher hütete man sich wohl, mich zu bezahlen. Dessenungeachtet nahm ich mir die große Freiheit, auf die Erfüllung der ministeriellen Versprechungen in ihrem vollen Umfange zu dringen. Ich hatte ein gebieterisches Bedürfnis nach Geld. Ich mußte mich dazu verstehen, von neuem die Belagerung des Kabinetts des Direktors der schönen Künste aufzunehmen. Mehrere Wochen verstrichen unter nutzlosen Bemühungen. Mein Zorn wuchs; ich magerte ab darüber, verlor den Schlaf. Endlich, eines Morgens erscheine ich auf dem Ministerium, blau, bleich vor Wut, entschlossen, einen Skandal zu beschwören, entschlossen zu allem. Beim Eintreten sage ich zu Herrn X. X.: »Nun, es scheint ja, daß man mich definitiv nicht bezahlen will!« –

– »Mein lieber Berlioz,« antwortete der Direktor, »Sie wissen, es ist nicht mein Fehler. Ich habe alle Erkundigungen eingezogen, ich habe ernstlich Nachforschungen angestellt. Die für Sie bestimmt gewesene Summe ist verschwunden, man hat ihr eine andere Bestimmung gegeben. Ich weiß nicht, in welcher Kanzlei sich das zugetragen hat. Oh, wenn so etwas bei mir vorkäme! ...« – »Wie! Die für die schönen Künste bestimmten Gelder können also außerhalb Ihrer Abteilung verwendet werden, ohne daß Sie darum wissen? Ihr Budget steht also dem ersten besten zur Verfügung? ... Kümmert mich aber wenig! Mit derlei Fragen habe ich mich gar nicht zu befassen. Ein Requiem war vom Minister des Innern bei mir bestellt worden zum vereinbarten Preise von dreitausend Franken; ich brauche meine dreitausend Franken.« – »Mein Gott, haben Sie noch etwas Geduld. Wir wollen überlegen. Übrigens sind Sie für das Kreuz (der Ehrenlegion) in Aussicht genommen.« – »Ich pfeife auf Ihr Kreuz! Geben Sie mir mein Geld.« – »Aber ...« – »Es gibt kein Aber!« schrie ich und warf einen Lehnstuhl um, »ich gebe Ihnen Zeit bis morgen mittag, und wenn ich nicht Glock zwölf die Summe habe, mache ich Ihnen und dem Minister einen Skandal, dergleichen man noch nicht erlebt hat! Und Sie wissen, ich habe die Mittel dazu.« Hierauf stürmt Herr X. X., in der Bestürzung seinen Hut vergessend, hastig über die Treppe, die zum Minister führte, und ich verfolge ihn und rufe ihm nach: »Sagen Sie ihm, daß ich mich schämen würde, meinen Schuster so zu behandeln, wie er mich behandelt, und daß sein Benehmen gegen mich bald eine seltene Berühmtheit erlangt haben wird.« Und doch war er ein ausgezeichneter Mann, voll guter Absichten.

Diesmal hatte ich den Minister an seiner empfindlichen Stelle getroffen. Zehn Minuten später kam Herr X. X. mit einem Bon über dreitausend Franken a conto der Kasse der schönen Künste zurück. Es hatte sich Geld gefunden ... Dies die Art, auf die sich Pariser Künstler manchmal ihr Recht verschaffen müssen. Es gibt noch andere, schärfere Mittel, die ich ihnen dringend empfehle nicht zu vernachlässigen ...

Später schien mich der treffliche Herr de Gasparin, nachdem er sich wieder dem innern Dienste gewidmet hatte, entschädigen zu wollen für die unerträglichen Rechtsverweigerungen, die ich wegen meines Requiems erduldet, und verschaffte mir das berühmte Kreuz der Ehrenlegion, das man mir gewissermaßen für dreitausend Franken hatte verkaufen wollen und wofür ich, als man es mir damals anbot, nicht dreißig Sous gegeben hätte. Diese banale Auszeichnung wurde mir zur selben Zeit verliehen, wie dem großen Duponchel, dem damaligen Operndirektor, und Bordogni, dem Meister der Gesangmeister jener Epoche.

Als dann das Requiem gestochen war, widmete ich es Herrn de Gasparin, was um so natürlicher war, als er sein Amt niedergelegt hatte.

Was die Art, wie sich der Minister des Innern bei dieser Gelegenheit gegen mich benahm, im höchsten Grade pikant macht, ist die Tatsache, daß nach der Aufführung des Requiem, als die Musiker, Choristen, die Zimmerleute, die das Gerüst für das Orchester errichtet hatten, Habeneck, Duprez und alle Welt bezahlt waren, und ich mich immer noch am Anfang meiner Bemühungen um meine dreitausend Franken befand, – daß mich da gewisse Zeitungen als einen Günstling der Staatsgewalt; als einen Seidenwurm hinstellten, der von Blättern des Budgets lebe, und allen Ernstes druckten, man habe mir gerade dreißigtausend Franken für das Requiem bezahlt.

Sie fügten nur eine Null an die Summe, die ich nicht erhalten hatte. So schreibt man Geschichte.

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