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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 47
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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44.

Die päpstliche Zensur. Vorbereitungen zu Konzerten. Rückkehr nach Paris. Das neue englische Theater. Fétis. Seine Korrekturen Beethovenscher Sinfonien. Ich werde Miß Smithson vorgestellt. Sie ist ruiniert. Sie bricht ein Bein. Ich heirate sie.

 

Eine besondere Erlaubnis des Herrn Horace Vernet hatte es mir, wie gesagt, ermöglicht, Rom sechs Monate vor Ablauf meiner beiden Verbannungsjahre zu verlassen. So wollte ich denn die erste Hälfte dieses Halbjahrs bei meinem Vater zubringen und die zweite zur Organisierung eines oder zweier Konzerte in Paris verwenden, bevor ich nach Deutschland aufbrach, das ich, gemäß den Satzungen des Instituts, ein Jahr lang bereisen mußte. Meine Mußestunden zu la Côte-Saint-André dienten zur Kopiatur der Orchesterstimmen meines Monodrams, das ich während meiner Landstreichereien in Italien geschrieben, und das jetzt in Paris aufgeführt werden sollte. Die Chorstimmen dieses Werkes hatte ich in Rom autographieren lassen, wo der Satz mit den »Schatten« die Ursache eines Streites mit der päpstlichen Zensur wurde. Der Text dieses schon erwähnten Chores war in einer unbekannten Sprache geschrieben Ich habe seitdem französische Worte untergelegt, hob indes die unbekannte Sprache für das Pandaemonium in Fausts Verdammung auf., einer Totensprache, unverständlich den Lebenden. Als es sich darum handelte, von der römischen Zensur die Erlaubnis zum Druck zu erlangen, setzten die von den Schatten gesungenen Worte die Philologen in große Verlegenheit. Was war das für eine Sprache und was bedeuteten die fremden Worte? Man ließ einen Deutschen kommen, der erklärte, nichts davon zu verstehen; dann einen Engländer, der nicht glücklicher war; die dänischen, schwedischen, russischen, spanischen, irländischen, böhmischen Interpreten knackten vergebens an dieser Nuß! Große Verlegenheit auf dem Bureau der Zensur; der Setzer konnte nicht fortfahren, und die Veröffentlichung wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Endlich, nach tiefem Nachdenken, entdeckte einer der Zensoren ein Argument, dessen Folgerichtigkeit alle seine Kollegen staunen machte. »Da die englischen, russischen, spanischen, dänischen, schwedischen, irländischen und böhmischen Interpreten die geheimnisvolle Sprache nicht verstehen,« sagte er, »so ist es ganz wahrscheinlich, daß das Volk von Rom auch nicht mehr davon verstehen wird. Wir können also, scheint mir, den Druck gestatten, ohne große Gefahren für Sitte und Religion.« Also wurde der Chor der Schatten gedruckt. Unvorsichtige Zensoren! Wenn es nun Sanskrit gewesen wäre! ...

Als ich in Paris ankam, galt einer meiner ersten Besuche Cherubini. Ich fand ihn äußerst schwach und alt. Er empfing mich mit einer Herzlichkeit, die ich niemals an ihm bemerkt hatte. Diese Änderung seiner früheren Gesinnung gegen mich berührte mich traurig; ich fühlte mich entwaffnet. Als ich einen Cherubini antraf, der so ganz verschieden war von dem, den ich gekannt, sagte ich mir: »ach, mein Gott! der arme Mann geht dem Tod entgegen!« Wie man aber später sehen wird, dauerte es nicht lange, bis ich Lebenszeichen von ihm erhielt, die mich wieder vollkommen beruhigten.

Da ich die Wohnung in der Richelieustraße, die ich vor meiner Abreise nach Rom innegehabt, nicht frei gefunden, trieb mich ein geheimer Drang, eine andere gegenüber zu suchen, in dem Hause, wo einst Miß Smithson gewohnt hatte (Neue St. Markusstraße Nr. 1), und mich dort einzurichten. Andern Tages begegnete ich der alten Dienerin, die in diesem Hause seit langem das Amt einer Pförtnerin versah, und fragte sie: »Nun, was ist denn aus Miß Smithson geworden? Haben Sie Nachrichten von ihr?« – »Wie meinen Sie? Doch ja ... sie ist in Paris, vor wenigen Tagen logierte sie sogar hier; erst vorgestern hat sie die Wohnung, die Sie jetzt innehaben, verlassen, um sich in der Rivolistraße einzumieten. Sie leitet ein englisches Theater, das seine Vorstellungen mit nächster Woche beginnt.« Ich schwieg und das Herz klopfte mir, als ich von diesem unglaublichen Zufall vernahm, und wie hier schicksalschwere Umstände zusammentrafen. Ich sah darnach wohl ein, daß es für mich keine Möglichkeit des Kampfes mehr gebe. Seit mehr als zwei Jahren war ich ohne Nachrichten von der fair Ophelia, wußte nicht, ob sie in England, Schottland oder in Amerika sei, und kam aus Italien zurück im Augenblick, da sie, nach Beendigung ihrer Reisen im Norden Europas, wieder in Paris erschien. Fast wären wir uns im selben Hause begegnet, und ich bezog eine Wohnung, die sie am Tage vorher verlassen hatte.

Ein Anhänger der Lehre von magnetischen Einflüssen, geheimen Verwandtschaften, geheimnisvollen Ahnungen des Herzens, könnte daraus wohl Schlüsse zugunsten seines Systems ziehen. Ich sagte mir nur folgendes: Ich bin nach Paris gekommen, mein neues Werk (das Monodram) aufzuführen. Wenn ich nun, bevor ich mein Konzert gebe, ins englische Theater gehe, wenn ich »sie« wiedersehe, verfalle ich unfehlbar wieder dem delirium tremens, alle meine Geistesfreiheit ist aufs neu dahin, und ich bin unfähig zu den Vorbereitungen und Anstrengungen, die für mein musikalisches Unternehmen erforderlich sind. Geben wir also das Konzert zuerst; mag mir dann Hamlet oder Romeo Ophelia oder Julia zuführen, ich werde »sie« wiedersehen, sollte ich auch dran sterben. Ich liefere mich dem Verhängnis aus, das mich zu verfolgen scheint; ich kämpfe nicht mehr.

Mochten die shakespearischen Namen jeden Abend an den Mauern von Paris prangen, ich widerstand der Versuchung, und die Vorbereitungen zum Konzert fanden statt.

Das Programm bestand aus der phantastischen Sinfonie, gefolgt von »Lelio oder der Rückkehr zum Leben«, dem Monodram, das die Ergänzung zu jenem Werke und den zweiten Teil der »Episode aus dem Leben eines Künstlers« bildet. Der Vorwurf des musikalischen Dramas ist, wie man weiß, kein anderer, als die Geschichte meiner Liebe zu Miß Smithson, meiner Herzensnot, meiner schmerzlichen Träume ... Nun seht, welch wunderbare Reihe unglaublicher Zufälle sich hier entrollt.

Zwei Tage vor dem Konzert, das im Konservatorium stattfinden und, wie ich dachte, ein Abschied von Kunst und Leben sein sollte, befand ich mich in Schlesingers Musikalienhandlung, als ein Engländer eintrat und fast gleich darauf wieder verschwand. »Wer ist der Herr?« frage ich Schlesinger (seltsame, durch nichts begründete Neugierde!). – »Das ist Herr Schutter, einer der Redakteure von Galignanis Messenger. Oh, ein Gedanke!« unterbricht sich Schlesinger und schlägt sich an die Stirn, »geben Sie mir eine Loge; Schutter kennt Miß Smithson, ich will ihn bitten, ihr die Karten zu bringen und sie aufzufordern, in Ihr Konzert zu kommen.« Dieser Vorschlag machte mich erschauern, vom Kopf bis zu Fuß, aber ich hatte nicht den Mut, ihn zurückzuweisen, und stellte die Loge zur Verfügung. Schlesinger lief Herrn Schutter nach, fand ihn und stellte ihm zweifellos vor, welch außerordentliches Interesse die Gegenwart der berühmten Schauspielerin der musikalischen Veranstaltung geben würde, und Schutter versprach sein Möglichstes, sie hinzubringen.

Man muß wissen, daß, während ich meine Zeit auf Proben, auf Vorbereitungen aller Art verwendete, die arme Leiterin des englischen Theaters ihrerseits drauf und dran war, sich zu ruinieren. Die Künstlerin hatte in ihrer Naivetät auf die Beständigkeit des pariserischen Enthusiasmus gezählt, auf die Unterstützung der neuen literarischen Schule, die vor drei Jahren Shakespeare und seine würdige Interpretin in den Himmel gehoben hatte. Aber Shakespeare war keine Neuigkeit mehr für das hohle, wie die Welle bewegliche Publikum. Die durch die Romantiker hervorgerufene literarische Revolution war zu Ende, und die Häupter dieser Schule hatten nicht nur kein Verlangen nach neuen Erscheinungen des Riesen der dramatischen Dichtkunst, sondern diese kamen ihnen sogar, ohne daß sie sich's gestanden, ungelegen, wegen der zahlreichen Entlehnungen aus seinen Werken, die sich manche hatten zuschulden kommen lassen, und die es folglich in ihrem Interesse erscheinen ließen, daß das Publikum nicht allzu vertraut damit werde.

Aus der allgemeinen Gleichgültigkeit gegen die Vorstellungen des englischen Theaters ergaben sich mittelmäßige Einnahmen, die, gegenüber den beträchtlichen Kosten des Unternehmens, einem gähnenden Schlunde glichen, in dem alle Habe der unklugen Leiterin notwendig verschwinden mußte. So waren die Umstände, als Schutter Miß Smithson eine Loge zu meinem Konzert anbot, und darauf geschah das Folgende, das sie mir selbst viel später erzählt hat:

Schutter traf sie in tiefster Niedergeschlagenheit an, und sein Vorschlag wurde zuerst schlecht genug aufgenommen. Versteht sich, daß es ihr in dieser Zeit sehr um Musik zu tun war! Aber die Schwester Miß Smithsons vereinigte ihre Bitten mit denen Schutters, um sie zur Annahme dieser »Zerstreuung« zu bewegen, außerdem war ein englischer Schauspieler zugegen, der seinerseits Lust zu haben schien, die Loge zu benützen; so ließ man denn einen Wagen holen. Halb willig, halb mit Gewalt ließ sich Miß Smithson hinabführen, und Schutter sagte frohlockend zum Kutscher: nach dem Konservatorium! Unterwegs fiel der Blick der armen Bekümmerten auf das Konzertprogramm, das sie noch nicht betrachtet hatte. Mein Name, den man vor ihr nicht ausgesprochen, belehrte sie, ich sei der Veranstalter des Festes. Der Titel der Sinfonie und ihrer verschiedenen Sätze befremdete sie ein wenig, aber sie war darum nicht weniger weit entfernt, zu vermuten, daß sie die Heldin des so seltsamen, wie schmerzlichen Dramas sei.

Als sie ihre Loge im Proscenium betrat, ein Volk von Musikern unter sich (ich hatte ein ungeheures Orchester), sie selbst ein Ziel der interessierten Blicke des ganzen Saales, wurde sie, überrascht vom ungewohnten Gemurmel der Gespräche, die ihr zu gelten schienen, von einer Art instinktiver Angst erfaßt, deren Grund ihr nicht ganz klar war. Habeneck leitete die Aufführung. Als ich keuchend hinter ihm Platz nahm, bemerkte und erkannte mich Miß Smithson, die sich bis dahin gefragt hatte, ob sie der Name am Kopfe des Programms nicht täusche. »Ja, das ist er,« sagte sie bei sich selbst; »armer junger Mann! ... er hat mich ohne Zweifel vergessen ... hoffe ... ich ...« Die Sinfonie beginnt und ruft donnernden Applaus hervor. Es war die Zeit, da sich das Publikum noch erwärmte und begeisterte in diesem selben Saale des Konservatoriums, der mir heute verschlossen ist. Der Erfolg, der leidenschaftliche Ton des Werkes, seine glühenden Melodien, der Schrei der Liebe, die Wutausbrüche und die heftigen Wallungen eines solchen Orchesters, aus der Nähe gehört, mußten einen ebenso tiefen als unerwarteten Eindruck auf ihre nervöse Veranlagung und ihre poetische Phantasie machen und machten ihn auch. So sagte sie sich denn im geheimen Innern ihres Herzens: »Wenn er mich noch liebte! ...«

In der Zwischenpause, die der Sinfonie folgte, entstand ein Zweifel in ihr, der sie mehr und mehr aufregte; Schutter ließ doppelsinnige Worte fallen, ebenso Schlesinger, der dem Verlangen, bei Miß Smithson in der Loge zu erscheinen, nicht hatte widerstehen können, und beide machten durchsichtige Anspielungen auf den wohlbekannten Kummer des jungen Komponisten, um den es sich in diesem Augenblick drehte. Aber als im Monodram der Schauspieler Bocage, der die Rolle des Lelio rezitierte, Der Lelio wurde nicht dramatisch aufgeführt, wie später in Deutschland. Es braucht dazu ein Podium, aber nur wie für eine mit Monologen vermischte Konzertkomposition. die Worte sprach:

»O, daß ich sie fände, Julien, Ophelien, die mein Herz begehrt! Daß ich mich berauschen könnte an der bittersüßen Freude wahrer Liebe, daß ich an einem Herbstabend auf öder Heide, vom Nordwind eingewiegt, endlich in ihren Armen entschlummern könnte zum schweren, letzten Schlaf.«

– »Mein Gott! ... Julie ... Ophelia ... ich kann nicht länger zweifeln,« dachte Miß Smithson, »es handelt sich um mich ... Er liebt mich noch! ...« Von diesem Augenblick an, so hat sie mir oft erzählt, schien sich ihr der Saal zu drehen; sie hörte nichts mehr und ging nach Hause wie eine Nachtwandlerin, ohne eine rechte Vorstellung der Wirklichkeit.

Das war am 9. Dezember 1832.

Während dieses heimliche Drama auf der einen Seite des Saales vor sich ging, bereitete sich ein anderes auf der entgegengesetzten Seite vor; ein Drama, worin die verletzte Eitelkeit eines Musikkritikers die Hauptrolle spielte und ihm einen glühenden Haß einflößen mußte, von dem er mir Beweise gegeben hat bis zum Augenblick, da die Erkenntnis seiner Parteilichkeit gegen einen Künstler kritisch und gefährlich genug für ihn ward, ihm weise Mäßigung anzuraten. Es handelte sich um Herrn Fétis und eine beißende Apostrophe, die an einer Stelle des Monodrams deutlich an ihn gerichtet war; wohlverständliche Entrüstung hatte sie mir eingegeben.

In die Zahl meiner Erwerbsquellen vor meiner italienischen Reise war auch das Korrigieren musikalischer Druckbogen miteingeschlossen. Der Verleger Troupenas hatte mir, unter andern Werken, die Korrekturen von Beethovens Sinfonien übergeben, mit deren Durchsichtung Herr Fétis vor mir betraut worden war. Ich fand die Meisterwerke gespickt mit den unverschämtesten Veränderungen, die sich sogar auf Ideen des Autors erstreckten, und mit noch dünkelhafteren Anmerkungen. Alles, was in Beethovens Harmonik nicht mit der von Herrn Fétis gelehrten Theorie übereinkam, wurde mit unglaublicher Hartnäckigkeit geändert. Bei dem gehaltenen Ton der Klarinette auf Es über dem Sextakkord Symbol, im Andante der C-Moll-Sinfonie, hatte Herr Fétis sogar folgende naive Bemerkung an den Rand der Partitur geschrieben: »Dieses Es ist offenbar ein F: es ist unmöglich, daß Beethoven einen so groben Fehler begangen habe.« Mit andern Worten: es ist unmöglich, daß ein Mann wie Beethoven in seinen harmonischen Prinzipien nicht ganz mit Herrn Fétis übereinstimme. Infolgedessen hatte Herr Fétis ein F an die Stelle des so charakteristischen Tones von Beethoven gesetzt und so die überzeugende Absicht der scharf dissonierenden, gehaltenen Note vernichtet, die sich erst später, über E nach F, auflöst, und so, im Aufsteigen, eine kleine chromatische Folge und damit ein crescendo von ausgezeichneter Wirkung bildet. War ich schon betroffen von Korrekturen derselben Art, deren Aufzählung zu weit führen würde, so wurde ich durch diese geradezu erbittert. »Wie!« sagte ich mir, »man veranstaltet eine französische Ausgabe der wunderbarsten Instrumentalwerke, die eines Menschen Geist jemals geboren, aber, weil es dem Herausgeber einfiel, einen Professor zur Mithilfe heranzuziehen, der von seiner Wichtigkeit berauscht ist und aus dem engen Kreise seiner Theorien so wenig herauskann, als ein Eichhörnchen aus seinem Drehkäfig, so muß man diese monumentalen Werke kastrieren, und Beethoven muß sich Korrekturen gefallen lassen wie der geringste Schüler einer Harmonieklasse! Nein und aber nein, das darf nicht geschehen!« Ich suchte also Troupenas sofort auf und sagte zu ihm: »Herr Fétis höhnt Beethoven und den guten Geschmack. Seine Korrekturen sind Verbrechen. Das Es, das er aus dem Andante der C-Moll-Sinfonie verbannen will, ist von zauberhafter Wirkung, es ist berühmt bei allen Orchestern Europas; das F des Herrn Fétis ist eine Plattheit. Ich teile Ihnen mit, daß ich die Ungenauigkeit Ihrer Ausgabe und die Handlungsweise des Herrn Fétis allen Musikern der Konzertgesellschaft und Oper anzeigen werde, und daß Ihr Professor von denen, die das Genie achten und die anmaßende Mittelmäßigkeit verachten, bald behandelt werden wird, wie er es verdient.« Also tat ich. Die Nachricht der dummen Profanationen brachte die Künstler von Paris auf, nicht zuletzt Habeneck, wiewohl auch er, auf andere Art, Beethoven korrigiert hat, indem er eine ganze Reprise im Finale und die Kontrabässe zu Beginn des Scherzo wegließ. Das Aufsehen war so groß, daß sich Troupenas gezwungen sah, die Korrekturen verschwinden zu lassen und den Originaltext herzustellen, und daß es Herr Fétis für geraten hielt, in seiner Revue musicale eine derbe Lüge zu veröffentlichen, indem er leugnete, daß das öffentliche Gerücht, welches ihn der Korrektion an Beethovens Sinfonien bezichtige, im geringsten begründet sei.

Diese erste subordinationswidrige Handlung eines Schülers, der doch seit seinem ersten Auftreten von Herrn Fétis ermutigt worden war, erschien diesem um so unverzeihlicher, als er, zugleich mit einer offenbaren Neigung zur musikalischen Ketzerei, einen Akt der Undankbarkeit darin erblickte.

Solcher Leute gibt es viele. Wenn sie dir eines schönen Tages wohlwollend einen gewissen Wert zugestanden haben, sollst du dadurch allein gehalten sein, sie immerdar rückhaltlos zu bewundern in allem, was sie gut oder schlecht machen – bei Strafe der Ächtung als Undankbarer. Wieviele kleine A-B-C-Schützen, die mehr oder minder aufrichtige Begeisterung für meine Werke zeigten, haben sich deshalb eingebildet, ich sei notwendig ein heimtückischer Mensch, weil ich später nur mit Kälte von dem gemeinen Unflat sprach, den sie unter verschiedenen Namen – etwa einer komischen Oper oder ebenso komischen Messe – veröffentlichten.

Als ich nach Italien abreiste, ließ ich also den ersten heimlichen, erbitterten und tätigen Feind in Paris zurück, den ich mir selbst zugezogen hatte. Was die andern, mehr oder weniger zahlreichen, betrifft, die ich schon besaß, so muß ich gestehen, daß ich ihre Feindschaft nicht im geringsten verschuldet habe. Sie waren von selbst entstanden, wie Infusorien in stehendem Wasser. Ich beunruhigte mich so wenig über den einen wie über den andern. Ich war sogar auf Fétis erbitterter, als er auf mich, und konnte nicht, ohne vor Zorn zu zittern, an sein – erfolgloses – Attentat auf Beethoven denken. Ich vergaß ihn nicht beim Ausarbeiten des literarischen Teils meines Monodrams und legte, in einem der Monologe des Werkes, dem Lelio folgendes in den Mund:

»Aber die grausamsten Feinde des Genius sind jene traurigen Bewohner des Tempels der Routine, jene fanatischen Priester, die ihrer stumpfsinnigen Gottheit die erhabensten neuen Ideen zum Opfer brächten, wenn es ihnen gegeben wäre, solche jemals zu haben; jene jungen Theoretiker von achtzig Jahren, die inmitten eines Ozeans von Vorurteilen leben und überzeugt sind, die Welt sei mit den Ufern ihrer Insel zu Ende; diese alten Wüstlinge jeden Alters, die der Musik befehlen, ihnen zu schmeicheln, sie zu ergötzen, und durchaus nicht gelten lassen wollen, daß die keusche Muse eine höhere Sendung haben könnte; besonders aber jene Schänder, die Hand an originale Werke zu legen wagen, ihnen schrecklichen Unglimpf antun, den sie Korrekturen und Verbesserungen nennen, zu denen, wie sie sagen, viel Geschmack gehört. Dies Wort hatte ich aus Fétis' eigenem Munde. Fluch ihnen! Wie lächerlich schmähen sie die Kunst! Sie machen es wie die gemeinen Vögel unserer öffentlichen Gärten, die sich voll Anmaßung auf die schönsten Statuen setzen, und, wenn sie Jupiters Stirn, den Arm des Herkules, den Busen der Venus besudelt haben, sich voll Stolz und Genugtuung brüsten, als hätten sie ein goldenes Ei gelegt.«

Bei den letzten Worten der Rede brachen Gelächter und Beifall um so heftiger aus, als die meisten Künstler des Orchesters und ein Teil der Zuhörer die Anspielung verstanden, und Bocage bei dem »wozu viel Geschmack gehört« die süßliche Sprechweise von Fétis sehr anmutig nachahmte. Nun also, Fétis, der sehr auffallend in seiner Balkonloge saß, wohnte dem Konzert bei. Er bekam so meine volle Ladung aus erster Hand. Es würde zu weit führen, noch seine Wut zu beschreiben und den erbitterten Haß, mit dem er mich seit diesem Tag beehrte; der Leser kann sich das leicht selbst denken.

Die herbe Süße, die ich empfand, Beethoven so gerächt zu haben, war darum nicht weniger nächsten Tages völlig vergessen. Ich hatte von Miß Smithson die Erlaubnis erhalten, mich ihr vorstellen zu lassen. Seit diesem Tag hatte ich nicht einen Augenblick Ruhe; gräßlichen Ängsten folgten trunkene Hoffnungen. Was ich in dieser Zeit an Furcht und Aufregungen aller Art gelitten, läßt sich ahnen, aber nicht beschreiben. Ihre Mutter und ihre Schwester widersetzten sich in aller Form unserer Verbindung; meine Eltern wollten ihrerseits nichts davon wissen. Mißmut und Zorn zweier Familien, alle Szenen, die in solchem Falle ähnlichen Widerständen entspringen, stellten sich ein. Unterdessen mußte das Pariser englische Theater schließen; Miß Smithson war mittellos; all ihre Habe reichte bei weitem nicht zur Deckung der Schulden aus, die sie sich durch das verfehlte Unternehmen aufgeladen. Ein grausamer Zufall krönte bald darauf ihr Mißgeschick. Als sie eines Tages aus der Probe zu einer Benefizvorstellung für sich heimkam und an der Tür ihrer Wohnung aus dem Wagen steigen wollte, setzte sie ihren Fuß ungeschickt auf einen Pflasterstein und brach das Bein. Zwei Passanten hatten kaum Zeit, sie am Fallen zu verhindern, und trugen die halb Ohnmächtige auf ihr Zimmer.

Dieses Unglück, das man in England gar nicht glaubte, sondern für eine Komödie hielt, die von der Leiterin des englischen Theaters gespielt würde, um ihre Gläubiger zu besänftigen, war schreckliche Wahrheit. Wenigstens flößte es den Künstlern und dem Publikum von Paris die lebhafteste Sympathie ein. Das Benehmen von Fräulein Mars war bei dieser Gelegenheit bewundernswert; sie stellte ihre Börse, den Einfluß ihrer Freunde, alles, worüber sie gebieten konnte, der poor Ophelia zur Verfügung, die nichts mehr hatte und doch Tränenströme vergoß, als sie eines Tages von ihrer Schwester hörte, ich hätte ihr einige hundert Franken gebracht, und mich das Geld zurückzunehmen zwang, durch die Drohung, im Falle meiner Weigerung mich nicht mehr wiedersehn zu wollen. Unsere Bemühungen hatten nur langsam Erfolg; die beiden Knochen des Beins waren ein wenig oberhalb des Knöchels gebrochen; die Zeit allein konnte vollständige Heilung bringen, ja es war zu fürchten, Miß Smithson werde hinken. Während so die arme Kranke an ihr Schmerzensbett gefesselt war, gelang es mir, die verhängnisvolle Vorstellung, die den Unfall herbeigeführt, in gute Bahnen zu lenken. Diese Soiree, an der Liszt und Chopin in einem Zwischenakt teilnahmen, brachte eine ziemlich große Summe ein, die alsbald zur Deckung der brennendsten Schulden verwendet wurde. Endlich, im Sommer 1833, heiratete ich Miß Smithson trotz heftigen Widerstrebens ihrer Familie. Sie war ruiniert und kaum geheilt, und ich war zuvor gezwungen worden, an meine Eltern respektvolle Vorstellungen zu richten. An unserm Hochzeitstage besaß sie nichts mehr auf der Welt, als Schulden und die Angst, ihres Unfalls wegen nicht mehr erfolgreich auftreten zu können; ich meinerseits hatte alles in allem dreihundert Franken, die mir mein Freund Gounet geliehen, und war neuerdings mit meinen Eltern überworfen ...

Aber sie war mein, und ich bot allem die Stirn.

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