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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 44
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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41.

Reise nach Neapel. Der enthusiastische Soldat. Ausflug nach Nisita. Die Lazzaroni. Sie laden mich zum Essen ein. Ein Peitschenhieb. Das Theater San-Carlo. Rückkehr nach Rom zu Fuß, quer durch die Abruzzen. Tivoli. Abermals Virgil.

 

Neapel!!! Himmel voll Reinheit und Licht! Festliche Sonne! Reiche Erde!

Alle Welt hat, und viel besser, als ich es könnte, diesen wundervollen Garten beschrieben. Und in der Tat, welcher Reisende war nicht hingenommen vom Glanze seines Anblicks! Wer hat nicht um Mittag das Meer bewundert, wie es ruht, wie es den dichten Besatz seines azurnen Kleides sanft bewegt mit schmeichelndem Rauschen! Wer hat nicht, wenn er sich um Mitternacht am Krater des Vesuv verlor, beim dumpfen Rollen des Donners im Erdinnern, ein unbestimmtes Gefühl des Schreckens empfunden, beim Schrei der Wut, der seinem Mund entflieht, bei den Ausbrüchen, den Myriaden schmelzender Steine, die gen Himmel fliegen gleich feurigen Flüchen und dann, zurückfallend, um den Rand des Berges rollen und als glühendes Halsband auf dem Riesennacken des Vulkans liegen bleiben! Wer hat nicht trauernd das trostlose Skelett von Pompeji durchwandert, wer nicht, als einziger Zuschauer, auf den Stufen des Amphitheaters die Tragödie des Euripides oder Sophokles erwartet, für die diese Bühne immer noch bereit zu sein scheint! Wer hat nicht schon den Sitten der Lazzaroni einige Nachsicht bezeigt, dieses liebenswürdigen Volkes von Kindern, das so fröhlich, so spitzbübisch, so voll geistreicher Beredsamkeit und manchmal so voll naiver Güte ist?

Ich werde mich also hüten, so vielen Schriftstellern nachzubeten, aber ich kann mir das Vergnügen nicht versagen, hier eine Geschichte zu erzählen, die, wie keine andere, für die Eigenart der napoletanischen Fischer bezeichnend ist. Sie handelt von einem Fest, das mir die Lazzaroni, drei Tage nach meiner Ankunft, gaben und von einem Geschenk, das sie mir zum Nachtisch machten. Es war an einem schönen Herbsttag. Ein frischer Wind wehte, und die Luft war so klar und durchsichtig, daß es schien, man könne von Neapel aus auf Capri Orangen pflücken, ohne den Arm allzusehr auszustrecken. Ich war auf dem Weg zur Villa Reale; meine Kameraden von der römischen Akademie hatte ich gebeten, mich an diesem Tag allein herumstreifen zu lassen. Als ich an einem kleinen Pavillon, das ich gar nicht beachtete, vorüberging, sprach mich ein Soldat, der vor dem Eingang Posten stand, kurzweg auf französisch an:

– »Ziehen Sie den Hut, mein Herr!«

– »Warum das?«

– »Hier!«

Er zeigte mir mit dem Finger eine Marmorstatue im Pavillon, und ich las auf ihrem Sockel zwei Wörter, die mich augenblicks zu der Ehrenbezeugung veranlaßten, die der enthusiastische Soldat von mir verlangt hatte: Torquato Tasso. Das war ausgezeichnet, rührend! ... Aber ich frage mich heute noch, wie die Schildwache des Dichters habe ahnen können, ich sei Franzose und Künstler und werde eilends ihrem Befehl nachkommen. Weiser Physiognomiker! Doch ich komme auf meine Lazzaroni zurück.

Ich schlenderte also nachlässig dem Strand entlang und dachte, ganz bewegt, an den armen Tasso, dessen bescheidenes Grab, im Kloster Sant-Onofrio zu Rom, ich vor einigen Monaten mit Mendelssohn besucht hatte; ich philosophierte vor mich hin über das Mißgeschick der Dichter, die mit Leib und Seele Dichter sind usw. usw. Auf einmal brachte mich Tasso auf Cervantes, Cervantes auf sein reizendes Schäferstück Galathée, Galathée an eine andere köstliche Figur desselben Romans, die Nisida heißt, Nisida an die Insel in der Bucht von Puzzuoli, die diesen hübschen Namen führt. Der wahre Name der Insel ist Nisita, aber ich kannte ihn damals nicht.

Ich eile weiter; schon bin ich in der Höhle des Posilippo, verlasse sie wieder, alles im Trab, erreiche den Strand, sehe einen Nachen und will ihn mieten. Ich fordere vier Ruderer auf; es kommen ihrer sechs. Ich biete ihnen einen annehmbaren Preis, mache ihnen bemerklich, daß es nicht sechs Männer bedürfe, um in einer Nußschale nach Nisida zu fahren. Sie bestehen lächelnd darauf und fordern ungefähr dreißig Franken für eine Fahrt, die höchstens fünf Franken wert war. Ich war guter Laune. Zwei junge Bursche hielten sich mit neidischen Gesichtern abseits, ohne etwas zu sagen. Ich fand die unverschämte Forderung meiner Ruderer spaßhaft, wies auf die beiden Lazzaronetti und sagte:

»Gut also! Nur zu! Dreißig Franken. Aber kommt alle acht und rudert, was das Zeug hält.«

Freudengeschrei, Luftsprünge der Kleinen und der Großen! Wir springen in den Kahn und sind nach einigen Minuten in Nisida. Ich lasse mein »Schiff« in der Hut seiner »Bemannung«, betrete die Insel, durchquere sie nach allen Richtungen, betrachte den Sonnenuntergang hinter dem Kap Misenum, wie ihn der Dichter der Aeneis besungen, während das Meer sich weder an Virgil, noch an Aeneas, noch an Ascanius, noch an Misenum, noch an Palinurus erinnert und im fröhlichen Dur tausend funkelnde Akkorde singt.

*

Wie ich so ziellos schweife, nähert sich mir ein Soldat, der sehr gut französisch spricht, und erbietet sich, mir die verschiedenen Sehenswürdigkeiten der Insel zu zeigen, die schönsten Aussichtspunkte usw. Eilends nehme ich seinen Vorschlag an. Als ich nach einer Stunde von ihm schied, machte ich eine Bewegung nach meiner Börse, ihm die übliche buona mano zu geben – als er einen Schritt zurücktrat, eine fast beleidigte Miene annahm und die Hand zurückstieß mit den Worten:

– »Was tun Sie, Herr? Ich verlange nichts ..., als daß Sie ... beim lieben Gott Fürbitte für mich einlegen.«

– »Potztausend, das will ich tun,« sagte ich bei mir selbst und steckte die Börse wieder ein; »der Gedanke ist zu drollig, und der Teufel soll mich holen, wenn ich's versäume.«

Und wirklich, als ich mich abends zu Bett legte, sagte ich sehr ernsthaft mein erstes Paternoster für meinen armen Sergeanten her, aber beim zweiten platzte ich heraus. Auch fürchte ich fast, der arme Mann hat sein Glück nicht gemacht und ist, wie zuvor, Sergeant geblieben.

*

Ich glaube, ich wäre bis zum nächsten Tage in Nisida geblieben, wenn nicht einer meiner Matrosen, ein »Abgesandter« des »Kapitäns« mich »angerufen« und mir gemeldet hätte, der Wind würde stärker, und wir möchten Mühe haben, das Festland zu gewinnen, wenn wir noch zögerten, die »Anker zu lichten« und »in See zu stechen«. Ich fügte mich dieser verständigen Meinung und stieg ein; jeder nimmt wieder Platz im »Schiffe«. Der Kapitän, als würdiger Nacheiferer des trojanischen Helden:

– – – – – – – Eripit ensem
Fulmineum

(öffnet sein langes Messer)
strictaque ferit retinacula ferro
(und schneidet kurz den Faden ab;)
Idem omnes simul ardor habet; rapiuntque, ruuntque;
Littora deseruere; latet sub classibus aequor;
Adnixi torquent spumas, et caerula verrunt.

(wir alle, voll Feuereifer und ein wenig ängstlich, fliehen Hals über
Kopf vom Ufer; unsere Ruder werfen Schaumwellen auf, das Meer
verschwindet unter unserm ... Kahn.)

Freie Übersetzung.

Indessen, es hatte seine Gefahr. Die Nußschale schaukelte auf eigene Weise durch die weißen Kämme ungleicher Wogen. Meine Spaßvögel lachten nicht mehr und begannen ihre Rosenkränze zu suchen. All das kam mir lächerlich grausam vor und ich fragte mich: aus welcher Ursache soll ich eigentlich ertrinken? Wegen eines belesenen Soldaten, der Tasso verehrt? Um weniger noch; um eines Hutes willen. Denn, wäre ich barhaupt gegangen, so hätte mich der Soldat nicht angeredet; ich hätte weder an den Sänger der Armida gedacht, noch an den Dichter der Galathée, noch an Nisida; ich hätte den Ausflug auf die Insel unterlassen und säße jetzt ruhig in San-Carlo, um die Brambilla und den Tamburini zu hören! Diese Betrachtung und die Bewegungen des preisgegebenen Schiffs machten mir, wie ich gestehe, das Herz sehr schwer. Gleichwohl fand der Meergott den Spaß, so wie er war, hinreichend und erlaubte uns, den Fuß ans Land zu setzen. Die Matrosen, bis dahin stumm wie Fische, fingen wiederum an zu schreien wie die Raben. Ja, ihre Freude war so groß, daß sie, beim Empfang der dreißig Franken, die ich mir von ihnen hatte abknöpfen lassen, Gewissensbisse bekamen und mich mit wirklicher Gutherzigkeit zum Essen luden. Ich nahm an. Sie führten mich ziemlich weit weg, mitten in ein Pappelwäldchen auf dem Wege nach Puzzuoli, an einen sehr einsamen Ort. Schon begann ich, an der Lauterkeit ihrer Absichten zu zweifeln (die armen Lazzaroni!), als wir eine ihnen wohlbekannte Strohhütte erreichten, wo meine Amphytrionen eilig ihre Befehle zum Feste gaben.

Bald erschien ein kleiner Berg von rauchenden Maccaroni. Sie forderten mich auf, wie sie, mit der rechten Hand hineinzulangen. Ein großer Krug Wein vom Posilippo stand auf dem Tische, und wir tranken alle der Reihe nach, jedoch nach einem zahnlosen Alten, dem einzigen der Gesellschaft, der vor mir trinken durfte; denn der Respekt vor dem Alter geht bei diesen braven Kindern allem voran, selbst der Höflichkeit, die sie ihrem Gaste gegenüber für Pflicht hielten. Nachdem der Alte unvernünftig getrunken hatte, kam er auf Politik zu sprechen und wurde sehr gerührt, als er des Königs Joachim gedachte, den er ins Herz geschlossen hatte. Um ihn zu zerstreuen und mir ein Vergnügen zu machen, baten ihn die jungen Lazzaroni inständig um die Erzählung einer langen, mühseligen Seereise, die er ehemals gemacht hatte: eine berühmte Geschichte.

Daraufhin erzählte der alte Lazzarone, zum großen Erstaunen seiner Zuhörer, wie er mit zwanzig Jahren auf einen speronare eingeschifft worden, drei Tage und zwei Nächte auf dem Wasser gewesen und immer auf neue Küsten stoßend, endlich an eine ferne Insel verschlagen worden sei; später sei, wie es hieß, Napoleon dorthin verbannt worden, und die Eingeborenen nannten die Insel Elba. Ich zeigte große Ergriffenheit bei der unglaublichen Erzählung und wünschte dem tapferen Seemann Glück, daß er so gräßlichen Gefahren entronnen sei. Daher faßten die Lazzaroni tiefe Zuneigung zu »meiner Exzellenz«. Die Dankbarkeit reißt sie hin, sie flüstern einander ins Ohr, gehen fort und kehren mit geheimnisvoller Miene in die Hütte zurück. Ich sehe, es handelt sich um Vorbereitungen zu einer auf mich gemünzten Überraschung. Und wirklich, als ich mich erhebe, um Abschied von der Gesellschaft zu nehmen, redet mich der größere der jungen Lazzaroni mit verlegener Miene an und bittet mich, im Namen seiner Kameraden und als Zeichen ihrer Liebe ein Andenken entgegenzunehmen, ein Geschenk, so großartig, als sie es mir nur bieten konnten und wohl geeignet, auch den Unempfindsamsten zu Tränen zu rühren. Es war eine ungeheure, riesengroße Zwiebel, die ich, den Umständen gemäß, bescheiden und ernsthaft entgegennahm, und, nach tausendfältigem Abschied, Händeschütteln und Beteuerungen unwandelbarer Freundschaft, bis zum Gipfel des Posilippo mit mir schleppte.

Ich hatte die guten Leute verlassen und ging mühsam meines Weges, da ich mich bei der Abfahrt von Nisida am rechten Fuß gestoßen hatte; es war fast Nacht. Eine schöne Kutsche fuhr auf der Straße nach Neapel, und es kam mir der wenig fashionable Gedanke, auf den hinteren Sitz zu springen, der durch die Abwesenheit des Lakaien frei war, um so ohne Ermüdung die Stadt zu erreichen. Aber ich hatte die Rechnung ohne die kleine, im Musselin versteckte, Pariserin gemacht, die im Innern thronte. Sie rief mit sauersüßer Stimme lebhaft dem Kutscher zu: »Louis, es sitzt jemand hinten auf!« und ließ mir einen tüchtigen Peitschenhieb quer durchs Gesicht versetzen. Das war das Geschenk meiner anmutigen Kompatriotin. O französische Puppe! Wenn nur Crispino dagewesen wäre, wir hätten dir eine böse Viertelstunde bereitet!

Ich kam also, hinke-hanke, zurück und träumte von den Reizen des Räuberlebens, das, trotz seiner Mühen, heutzutage eines anständigen Menschen allein wahrhaft würdig wäre, wenn sich nur nicht in der kleinsten Gesellschaft so viel elende Dummköpfe und Stänker befänden!

Ich versuchte, meinen Verdruß zu vergessen und mich in St. Carlo zu erholen. Und dort hörte ich, zum ersten Male seit meiner Ankunft in Italien, Musik. Das Orchester kam mir, verglichen mit denen, die ich bisher kennen gelernt, ausgezeichnet vor. Man kann in Ruhe die Blasinstrumente anhören, von ihrer Seite ist nichts zu fürchten; die Geigen spielen recht gut und die Violoncelli sind schön im Ton, aber zu schwach besetzt.

Der in Italien allgemein angenommene Brauch, die Violoncelli stets schwächer zu besetzen, als die Kontrabässe, kann nicht einmal durch das musikalische Genre gerechtfertigt werden, dem sich die italienischen Orchester gewöhnlich widmen. Ich möchte wohl auch dem Kapellmeister das höchst unangenehme Geräusch schenken, mit dem er den Bogen hart auf das Pult schlägt, aber es wurde mir versichert, daß, ohne dies, die »Musiker«, die er dirigiert, manchmal Schwierigkeiten hätten, dem Takt zu folgen ... Dagegen läßt sich nichts einwenden; denn schließlich kann man in einem Lande, wo die Instrumentalmusik fast unbekannt ist, nicht Orchester verlangen, wie die von Berlin, Dresden oder Paris. Die Choristen sind äußerst schwach; ich weiß von einem Komponisten, der für das Theater St. Carlo geschrieben hat, daß es sehr schwierig, um nicht zu sagen unmöglich ist, eine gute Ausführung von vierstimmigen Chören zu erzielen. Die Soprane haben Not, unabhängig von den Tenören ihren eigenen Weg zu gehen, und man ist sozusagen verpflichtet, diese beständig in der oberen Oktave zu verdoppeln.

Im Fondo gibt man die opera buffa mit einem Schwung, einem Feuer, einem brio, die diesem Theater unbestreitbare Überlegenheit über die meisten Bühnen für komische Oper sichern. Während meines Aufenthalts wurde dort eine sehr amüsante Posse von Donizetti gespielt: »Schickliches und Unschickliches am Theater«.

Man kann sich darum nicht weniger leicht denken, daß die Reize der napoletanischen Theater den Sieg nicht behaupten konnten gegenüber den Reizen, die das Erforschen der Umgebung der Stadt mir bot, und daß ich mich mehr draußen, als drinnen befand.

Eines Morgens frühstückte ich in Castellamare mit dem Marinemaler Munier, dem wir den Spitznamen Neptun gegeben hatten. – »Was sollen wir tun?« fragte er mich und warf seine Serviette hin. »Neapel langweilt mich; wir wollen nicht dorthin zurück ...«

– »Gehen wir nach Sizilien.«

– »Recht! Gehen wir nach Sizilien. Lassen Sie mich nur eine begonnene Skizze fertig machen, und um fünf Uhr bestellen wir unsern Platz auf dem Dampfboot.«

– »Gerne; aber wie steht es mit unserm Vermögen?« Nach Untersuchung unserer Börse fand sich's, daß wir wohl genug hatten, bis Palermo zu kommen; aber für die Rückreise von dort hätten wir, wie die Mönche sagen, auf die »Vorsehung« zählen müssen; und da wir, auf deutsch gesagt, des Glaubens »der Berge versetzt« gänzlich bar waren, so meinten wir, Gott nicht versuchen zu dürfen und trennten uns, er, um das Meer zu malen, ich, um zu Fuß nach Rom zurückzukehren.

Dieser Plan war mir schon seit Tagen durch den Kopf gegangen. Am selben Abend, da ich mich von Dufeu und Dantan verabschiedet, begegnete ich zufällig zwei mir bekannten schwedischen Offizieren, die mir ihre Absicht mitteilten, zu Fuß nach Rom zu gehen.

– »Alle Wetter!« sagte ich zu ihnen, »ich breche morgen nach Subiaco auf. Ich will in gerader Linie durch die Berge gehen, über Stock und Stein, wie die Gemsjäger. Wir sollten die Reise zusammen machen.«

Trotz seiner Absonderlichkeit hießen die Herrn den Gedanken gut. Unsere Sachen wurden alsbald in einem vetturino befördert. Wir kamen überein, uns gerades Weges nach Subiaco zu begeben, und, wenn wir uns dort einen Tag ausgeruht hätten, auf der großen Straße nach Rom zurückzukehren. Also geschah's. Wir hatten alle drei den üblichen Anzug von grauer Leinwand angelegt; M. B. nahm seine Mappe und Bleistifte mit; zwei Stöcke aus spanischem Rohr waren unsere einzigen Waffen.

Es war Erntezeit. Vorzügliche Trauben (die gleichwohl denen vom Vesuv nicht gleichkamen), bildeten am ersten Tage fast unsere ganze Nahrung. Die Bauern nahmen nicht immer Geld an, auch unterließen wir manchmal, nach dem Eigentümer zu fragen.

Abends in Capua fanden wir gutes Essen, gute Betten und ... einen Improvisator.

Der brave Mann erkundigte sich, nach einigen glänzenden Präludien auf seiner großen Mandoline, was wir für Landsleute wären.

– »Franzosen« entgegnete Herr Kl...rn.

Ich hatte vor einem Monat die Improvisationen des ländlichen Tyrtäus angehört, wo er dieselbe Frage an meine Reisegefährten gerichtet; sie hatten geantwortet:

– »Polen.«

Worauf er, voller Begeisterung, einfiel:

– »Ich habe die ganze Welt durchreist: Italien, Spanien, Deutschland, England, Polen, Rußland; aber am tapfersten sind die Polen, sind die Polen.«

Hier ist die Kantate, die er, samt der Musik, und ohne einen Augenblick zu zaudern, improvisierte und an die drei vorgeblichen Franzosen richtete:

Noten

Man begreift, wie sehr mir das schmeicheln mußte, und wie tief die Zerknirschung der Schweden war.

Bevor wir uns gänzlich den Abruzzen widmeten, hielten wir uns einen Tag in San-Germano auf, um das berühmte Kloster vom Monte Cassino zu besuchen.

Das Benediktinerkloster, welches, wie das von Subiaco, auf einem Berge liegt, gleicht diesem nicht entfernt in irgendeiner Beziehung. Anstatt der ursprünglichen, naiven Einfalt, die an St. Benedikt entzückt, findet man dort den Luxus und die Größenverhältnisse eines Palastes. Die Phantasie schrickt zurück vor der ungeheuern Höhe der Summen, die für alle diese Stücke, allein in der Kirche, ausgegeben worden sind. Es gibt dort eine Orgel mit zwei sehr lächerlichen Engelchen, die, wenn das Instrument in Tätigkeit ist, Trompete blasen und Becken schlagen. Der Vorhof besteht aus den seltensten Marmorarten, und Liebhaber können Chorstühle bewundern, die mit unendlicher Kunst geschnitzt sind und verschiedene Bilder aus dem Mönchsleben darstellen.

In einem Gewaltmarsch gelangten wir an einem Tage von San-Germano nach Isola di Sora, einem Dorf an der Grenze des Königreichs Neapel, merkwürdig durch einen kleinen Bach, der verschiedene industrielle Anlagen in Betrieb setzt und einen recht hübschen Wasserfall bildet. Eine Enttäuschung eigener Art erwartete uns hier. Herr Kl...rn und ich hatten wunde Füße, und alle drei hatten wir grimmigen Durst, waren abgemattet und unsere Kleider heiß und voll Staub. Als wir den Ort betraten, war unser erstes Wort die Frage nach der locanda, (Herberge).

– » E ... locanda ... non ce n' è« erwiderten die Bauern mit spaßhaftem Bedauern. » Ma però per la notte dove si va

– » E ... chi lo sa? ...«

Wir begehrten Nachtquartier in einem schlechten Wagenschuppen. Es war nicht ein Hälmchen Stroh darin und zudem weigerte sich der Besitzer. Man macht sich keine Vorstellung von unserer Ungeduld, die durch die Gleichgültigkeit und das Hohnlächeln der Grobiane noch vermehrt wurde. Sich in einem kleinen handeltreibenden Marktflecken, wie diesem, zu befinden und aus Mangel an einer Herberge oder an einem gastlichen Hause genötigt zu sein, auf der Straße zu schlafen ... das wäre stark gewesen, aber uns dennoch zweifellos widerfahren, wäre mir nicht, zu sehr gelegener Zeit, etwas eingefallen.

Ich war schon einmal am Tage in Isola di Sora gewesen; glücklicherweise erinnerte ich mich an den Namen des Herrn Courrier, eines Franzosen und Eigentümers eines Papiergeschäfts. Man zeigt uns in einer Gruppe seinen Bruder. Ich setze ihm unsere Verlegenheit auseinander, er antwortet mir ruhig auf französisch, ich könnte auch sagen auf dauphinesisch, denn dieser Dialekt bildet fast ein Idiom für sich:

– »Bei Gott! Sie sollen gut aufgehoben sein.«

– »Ah, wir sind gerettet! Herr Courrier ist Dauphinese, ich bin auch Dauphinese, und unter Dauphinesen, sagt Charlet, ›läßt sich die Sache machen‹.«

Und wirklich übte der Besitzer des Papiergeschäfts uns gegenüber die großmütigste Gastfreundschaft. Nach einem sehr ansehnlichen Abendessen nahm uns ein Monstrebett, dergleichen ich nur in Italien gesehen, zu dritt auf. Dort ruhten wir sehr vergnügt aus und überlegten uns, es wäre gut, für den Rest unserer Reise Kenntnis von den Dörfern mit locanda, zu nehmen, um nicht zum zweitenmal die Gefahr zu laufen, der wir gerade entronnen waren. Unser Gastwirt beruhigte uns am nächsten Tage ein wenig durch die Versicherung, daß wir in zwei Tagemärschen Subiaco erreichen könnten; wir hatten also nur noch eine zweifelhafte Nacht vor uns. Ein kleiner Junge führte uns eine Stunde lang durch Weinberge und Gehölz, wonach wir, auf einige ziemlich unbestimmte Andeutungen hin, unsern Weg allein fortsetzten.

Veroli ist ein großes Dorf, das von weitem das Ansehen einer Stadt hat und den Gipfel eines Berges bedeckt. Wir fanden hier ein schlechtes Mahl von Brot und rohem Schinken, mit dessen Hilfe wir vor Nacht zu einem andern bewohnten, rauheren und wilderen Felsen gelangten. Es war Alatri. Kaum hatten wir die Hauptstraße betreten, als sich ein Haufe, Weiber und Kinder, hinter uns bildete und uns mit allen Zeichen lebhaftester Neugier bis zum Platz folgte. Man zeigte uns ein Haus oder vielmehr eine Hütte, die durch eine alte Tafel als locanda. gekennzeichnet war. Trotz all unserem Ekel mußten wir hier übernachten. Gott! Welche Nacht! Wir brachten sie, ich kann es versichern, nicht mit Schlafen zu. Insekten aller Art, von denen unsere Decken wimmelten, machten jede Ruhe unmöglich. Was mich betrifft, so marterten mich diese Myriaden so grausam, daß ich am Morgen einen heftigen Anfall von Fieber bekam.

Was tun? ... Die Herrn wollten mich nicht in Alatri lassen ... Subiaco mußte erreicht werden ... Der Aufenthalt in dieser Spelunke bot eine traurige Perspektive ... Indessen zitterte ich dergestalt, daß man nicht wußte, wie mich wärmen, und daß ich mich nicht für fähig hielt, auch nur einen Schritt zu gehen. Meine Unglücksgefährten berieten sich, während ich schnatterte, auf schwedisch, aber ihre Gesichter bezeugten zu deutlich die große Verlegenheit, in die ich sie versetzt, als daß ein Mißverständnis möglich gewesen wäre. Eine Kraftanstrengung meinerseits war unerläßlich; ich machte sie, und nach zwei Stunden Marsch im Laufschritt war das Fieber verschwunden.

Bevor wir Alatri verließen, ward auf dem Platze eine Beratung mit den Geographen des Landes abgehalten wegen der einzuschlagenden Marschroute. Nachdem viele Meinungen geäußert und verworfen waren, gewann die, nach der wir uns über Arcino und Anticoli nach Subiaco begeben sollten, die Oberhand, und wir folgten ihr. Dieser Tag war der mühsamste, den wir noch seit Beginn unserer Reise zu bewältigen gehabt. Es gab keine gebahnten Wege mehr, sondern wir verfolgten Bachbette, höchst mühselig über die Blöcke hinwegsteigend, mit denen sie beständig erfüllt sind.

So kamen wir zu einem scheußlichen Dorfe, dessen Name mir unbekannt ist. Die gräßlichen Löcher, aus denen es besteht, die ich nicht Häuser zu nennen wage, waren geöffnet, aber ganz leer. Wir fanden keine andern Dorfbewohner, als zwei Ferkel, die sich im schwarzen Kot auf den zerklüfteten Felsen wälzten, die diesem Nest als Straßen dienen. Wo war die Bevölkerung? Hier konnte man fragen: chi lo sa?

Mehrmals verirrten wir uns in den Tälern des Felsenlabyrinths; dann mußten wir entweder von neuem den Hügel ersteigen, von dem wir gerade herabgekommen waren, oder, aus der Tiefe eines Hohlwegs, einen Bauer anschreien:

– » Ohe!!! la strada d'Anticoli? ...«

Worauf er mit Gelächter oder durch » via! via!« antwortete –, was uns, wie sich denken läßt, nur mittelmäßig orientierte. Indes, wir gelangten hin, und ich entsinne mich sogar, zu Anticoli großen Überfluß an Eiern und Schinken gefunden zu haben, sowie an Mais, den wir, nach Art der armen Bewohner dieser öden Landstriche, rösten ließen, und dessen herber Geschmack nicht unangenehm ist.

Der Chirurg von Anticoli, ein dicker roter Mann mit der Physiognomie eines Metzgers, beehrte uns mit Fragen über die Pariser Nationalgarde und empfahl uns ein »gedrucktes Buch«, das er zu verkaufen hatte.

Ungeheure Triften mußten vor Nacht durchquert werden; ein Führer war unerläßlich. Der, den wir genommen, schien des Weges nicht sehr sicher zu sein; er zögerte zu oft. Ein alter Schäfer, der vielleicht seit einem Monat keines Menschen Stimme vernommen, saß am Ufer eines Weihers. Da das Geräusch unserer Schritte vom dichten Rasen verschlungen wurde und ihm unser Kommen nicht anzeigte, wäre er fast ins Wasser gefallen, als wir ihn plötzlich über die Wegrichtung nach Arcinasso befragten, das, nach Aussage unseres Führers, ein hübsches Dorf sein sollte, wo wir Erfrischungen jeder Art finden würden.

Mit Hilfe einiger baiochi, die ihm unsere freundliche Gesinnung bewiesen, erholte er sich gleichwohl ein wenig von seinem Schrecken. Aber es war fast unmöglich, seine Antwort zu verstehen, da seine Stimme tief im Halse stak und eher einem Glucksen, als einem menschlichen Organe glich. Das hübsche Dorf Arcinasso ist nichts als eine Schenke inmitten dieser weiten, schweigenden Steppen. Eine alte Frau verkaufte dort Wein und frisches Wasser. Da das Skizzenbuch des Herrn B...t ihre Aufmerksamkeit erregt hatte, sagten wir ihr, es sei eine Bibel. Darüber hoch erfreut, stand sie auf und besah jede Zeichnung, Blatt um Blatt; dann umarmte sie Herrn B...t herzlich und gab uns allen dreien ihren Segen.

Nichts kann eine Vorstellung der Stille geben, die in diesen endlosen Wiesen herrscht. Wir fanden dort keine andern Lebewesen, als den alten Hirten mit seiner Herde und einen Raben, der sich mit verdrießlicher Gravität erging ... Bei unserer Ankunft nahm er seinen Flug gegen Norden ... Ich folgte ihm lange mit den Augen ... dann flogen meine Gedanken in derselben Richtung ... gen England ... und ich versank in shakespearische Träumerei ...

Aber hier galt es nicht, zu träumen und den Raben nachzugaffen; wir mußten unbedingt noch in dieser Nacht Subiaco erreichen. Der Führer von Anticoli war entlassen, die Dunkelheit brach rapid herein. Wir marschierten seit drei Stunden, stumm wie Gespenster, als mich ein Gebüsch, in dem ich sieben Monate früher eine Drossel geschossen hatte, die Gegend erkennen ließ.

– »Voran, meine Herren!« sagte ich zu den Schweden, »eine letzte Anstrengung! Ich befinde mich wieder auf bekanntem Boden; in zwei Stunden sind wir dort.«

Wirklich waren kaum vierzig Minuten verstrichen, als wir in großer Tiefe zu unsern Füßen Lichter glänzen sahen: es war Subiaco. Dort traf ich Gibert; er lieh mir Leibwäsche, die ich sehr nötig hatte. Ich gedachte schlafen zu gehen, aber bald erscholl das Geschrei: » Oh! Signor Sidoro! Isidore Flacheron. Ecco questo signore francese, chi suona la chitarra!« Die Subiacenser nannten mich immer so, da sie meinen Namen nicht aussprechen konnten. Und Flacheron lief herbei mit der schönen Marincia, Heute Frau Flacheron. das Tamburin in der Hand, und wohl oder übel mußte Saltarello getanzt werden bis Mitternacht.

Zwei Tage später, als ich Subiaco verließ, fiel mir folgender geistreiche Versuch ein:

Die Herrn Bennet und Klinksporn, meine beiden schwedischen Begleiter, gingen sehr rasch, und diese Gangart ermüdete mich arg. Da ich sie nicht dazu bringen konnte, von Zeit zu Zeit zu verweilen, noch ihren Schritt zu mäßigen, so ließ ich sie vorausgehen und streckte mich ruhig im Schatten aus, bereit, es zu machen, wie der Hase in der Fabel, und sie einzuholen. Sie waren schon sehr weit, als ich mich, aufstehend, fragte: Wäre ich wohl imstande, ohne Aufenthalt von hier bis Tivoli zu laufen (das waren gut sechs Meilen Weges)? Versuchen wir's! ... Und so lief ich denn, wie wenn ich eine entführte Geliebte hätte einholen sollen. Ich lange bei den Schweden an, überhole sie und passiere ein, zwei Dörfer, verfolgt vom Gebell sämtlicher Hunde, die ich in die Flucht schlug, indem ich das Grunzen entsetzter Schweine nachahmte; aber auch die wohlwollenden Blicke der Einwohner begleiteten mich, denn man war überzeugt, ich hätte gerade »etwas angestellt«. Jemand umgebracht.

Bald begann mir ein heftiger Schmerz im Kniegelenk die Beugung des rechten Beines unmöglich zu machen. Ich mußte es hängen lassen, nachziehen und auf dem linken hüpfen. Das war zum Teufelholen, aber ich hielt tapfer aus und kam nach Tivoli, ohne diesen wunderlichen Lauf einen Augenblick unterbrochen zu haben. Ich hätte einen Herzschlag verdient. Es geschah mir aber nichts. Ich muß wohl ein hartes Herz haben.

Als die zwei schwedischen Offiziere, eine Stunde nach mir, Tivoli erreichten, trafen sie mich schlafend; sie fanden mich darauf beim Erwachen an Körper und Geist vollkommen gesund (und ich verzeihe ihnen ganz aufrichtig; daß sie in dieser Hinsicht Zweifel gehabt) und baten mich, bei der Besichtigung der lokalen Sehenswürdigkeiten ihr Cicerone zu sein. So machten wir uns denn auf zum Besuch des kleinen, hübschen Vestatempels, der eher einem Tempel des Amor gleicht; besuchten den großen, die kleinen Wasserfälle, die Grotte des Neptun; es mußte der ungeheure, hundert Fuß hohe Tropfsteinfels bewundert werden, unter dem sich das Landhaus des Horaz versteckt, seine berühmte Villa von Tibur. Ich ließ die Herren eine Stunde lang unter den Ölbäumen ausruhen, die ob der Behausung des Dichters wachsen, um allein den benachbarten Berg zu ersteigen und auf seinem Gipfel eine kleine Myrte zu pflücken. In dieser Hinsicht bin ich, wie die Ziegen, unfähig, meinen Klettergelüsten nach einem grünen Hügel zu widerstehen. Dann, als wir zur Ebene hinabstiegen, wurde uns die Villa Mecena bereitwillig geöffnet. Wir schritten durch ihren großen, gewölbten Saal, durch den jetzt ein Arm des Anio fließt, der eine Schmiedewerkstatt in Betrieb setzt; dort hallt von riesigen Ambossen das gleichmäßige Geräusch ungeheurer Hämmer. Dieser selbe Saal klang einst von den epikuräischen Oden des Horaz, hörte den Virgil seine schwermütige Stimme mit sanfter Würde erheben, um, nach Festen, bei denen des Augustus Minister den Vorsitz führte, irgendein großartiges Fragment seiner ländlichen Gedichte vorzutragen:

Hactenus arvorum cultus et sidera coeli:
Nunc te, Bacche, canam, nec non silvestria tecum
Virgulta, et prolem tarde crescentis olivae.

Weiter unten besichtigten wir im Vorbeigehn die Villa Este, deren Name an den der Prinzessin Eleonora erinnert, berühmt durch Tasso und die unglückliche Liebe, die sie ihm einflößte.

Unten, beim Eintritt in die Ebene, führte ich die Herrn ins Labyrinth der Villa Adriana; wir nahmen in Augenschein, was von ihren weiten Gärten übrig war; das Tal, aus dem eine allmächtige Phantasie eine Miniaturkopie von Tempe machen wollte; den Wachtsaal, wo heute Schwärme von Raubvögeln wachen, und endlich den Platz, wo sich das Privattheater des Kaisers erhob, und den jetzt eine Pflanzung von Kohl, des gemeinsten der Gemüse, innehat.

Zeit und Tod – wie müssen sie lachen über solch bizarre Verwandlungen!

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