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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 37
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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34.

Drama. Ich verlasse Rom. Von Florenz nach Nizza. Meine Rückkehr nach Rom. Niemand ist tot.

 

Es heißt, man habe schon Flinten losgehen sehen, die nicht geladen waren. Man hat aber auch, glaube ich, oft geladene Pistolen gesehen, die nicht losgingen.

 

Ich brachte einige Zeit damit zu, mich, so gut es gehen wollte, dem neuen Leben anzupassen. Aber eine lebhafte Unruhe, die sich seit dem Tage meiner Ankunft meines Geistes bemächtigt hatte, raubte mir die Aufmerksamkeit auf die umgebenden Objekte und auf den Kreis, in den ich gerade so ungestüm aufgenommen worden. Ich hatte in Rom keine Briefe aus Paris vorgefunden, obwohl sie einige Tage vor mir hätten eintreffen müssen. Ich wartete drei Wochen lang mit steigender Angst darauf; nach dieser Zeit konnte ich nicht mehr länger dem Wunsche widerstehen, die Ursache des geheimnisvollen Schweigens kennen zu lernen, und ich bestand auf meiner Rückkehr nach Frankreich, trotz der freundschaftlichen Vorstellungen des Herrn Horace Vernet, der mir, um mich an einem dummen Streich zu hindern, versicherte, er müsse mich aus der Liste der akademischen Pensionäre streichen, wenn ich Italien verließe.

Auf der Rückreise über Florenz fesselte mich eine ziemlich heftige Halsentzündung acht Tage lang ans Bett. Damals machte ich die Bekanntschaft des dänischen Architekten Schlick, eines guten Burschen und talentvollen Künstlers, der von Kennern sehr hoch geschätzt wurde. Während dieser Leidenswoche beschäftigte ich mich damit, die Ballszene meiner phantastischen Sinfonie umzuinstrumentieren, und fügte dem Satz die heute bestehende Coda an. Kaum war ich mit dieser Arbeit fertig, als ich mich auch schon, am Tage meines ersten Ausgangs, zur Post begab, um nach Briefen zu fragen. Das Paket, das man mir übergab, enthielt einen Brief von so außerordentlicher Unverschämtheit, der für einen Mann meines damaligen Alters und Charakters so kränkend war, daß sich in mir plötzlich etwas Furchtbares vollzog. Zwei Tränen der Wut entquollen meinen Augen, und mein Entschluß stand alsbald fest. Es handelte sich darum, nach Paris zu fliegen und ohne Verzug zwei schuldige Frauen und einen Unschuldigen zu töten. Wie man ahnt, bezieht sich das auf meine reizende Trösterin. Ihre würdige Mutter, die vollkommen wußte, worum es sich gehandelt, klagte mich an, ich sei nur »gekommen«, Unfriede in ihr Haus zu bringen, und zeigte mir die Verehelichung ihrer Tochter mit Herrn P. an. Was, nach diesem schönen Streich, meine eigene Tötung anbelangt, so verstand sie sich, wie sich denken läßt, von selbst. Der Plan zu dieser Unternehmung war in einigen Minuten entworfen. Man mußte in Paris mit der Möglichkeit meiner Rückkehr rechnen, man kannte mich ... Ich war entschlossen, mich dort nur unter Beobachtung großer Vorsicht und in Verkleidung zu zeigen. Ich eilte zu Schlick, der über den Gegenstand des Dramas, in dem ich die Hauptperson darstellte, wohl unterrichtet war. Als er meine Blässe sah, rief er:

– »Ach, mein Gott! Was gibt's denn?«

– »Sehen Sie her,« sagte ich, ihm den Brief zeigend, »lesen Sie.«

– »Oh, das ist scheußlich,« gab er zurück, als er gelesen hatte. »Was denken Sie zu tun?«

Sogleich kam mir der Gedanke, ihn zu täuschen, um freie Hand zu haben.

– »Was ich tun will? Ich bestehe auf meiner Rückkehr nach Frankreich, aber ich gehe, anstatt nach Paris zu reisen, zu meinem Vater.«

– »Jawohl, mein Freund, Sie haben recht, suchen Sie ihre Familie auf; nur da können Sie mit der Zeit Ihre Kümmernisse vergessen und die schreckliche Aufregung beruhigen, in der ich Sie sehe. Also, Mut!«

– »Den hab ich; aber ich muß gleich abreisen; morgen könnte ich nicht mehr für mich einstehen.«

– »Ihre Abreise heute abend ist mit größter Bequemlichkeit zu bewerkstelligen; ich kenne viele Leute hier, auf der Polizei, auf der Post; in zwei Stunden habe ich Ihren Paß und in fünf Ihren Platz im Postwagen. Ich will mich um all das bekümmern; gehen Sie nur in ihr Hotel zurück, treffen Sie Ihre Vorbereitungen, ich suche Sie dort wieder auf.«

Anstatt heimzugehen, begebe ich mich nach dem Kai des Arno, wo eine französische Modistin wohnte. Ich trete in ihren Laden, ziehe meine Uhr und sage zu ihr:

– »Madame, es ist Mittag; ich reise heut abend mit der Extrapost. Könnten Sie mir, vor 5 Uhr, das vollständige Kostüm einer Kammerzofe, Gewand, Hut, grünen Schleier usw. zurecht machen? Ich gebe Ihnen, was Sie fordern; auf Geld kommt es mir nicht an.«

Die Modistin besinnt sich einen Augenblick und versichert mich, daß alles zur rechten Zeit bereit sein werde. Ich zahle an und gehe auf dem andern Ufer des Arno zurück zu den »Vier Nationen«, wo ich wohnte. Ich rufe den Portier:

– »Anton, ich reise um sechs nach Frankreich. Ich kann unmöglich meinen Koffer hinschaffen, die Eilpost will ihn nicht nehmen. Ihnen vertraue ich ihn an. Schicken Sie ihn bei der nächsten Gelegenheit sicher an meinen Vater; hier ist seine Adresse.«

Hierauf nehme ich die Partitur der Ballszene, Das Manuskript mit der durchgestrichenen Aufschrift ist in Händen meines Freundes I. d'Ortigue. deren Coda nicht ganz fertig instrumentiert war, und schreibe auf das Titelblatt: »Ich habe keine Zeit mehr, diesen Satz fertig zu machen; sollte es der Pariser Konzertgesellschaft einfallen, ihn in Abwesenheit des Komponisten aufzuführen, so bitte ich Habeneck, die Flötenpassage über der letzten Wiederholung des Themas mit den Klarinetten und Hörnern in der untern Oktav zu verdoppeln und die folgenden Akkorde für das ganze Orchester zu setzen; das genügt für den Schluß.«

Dann stecke ich die Partitur meiner phantastischen Sinfonie, mit der Adresse an Habeneck auf dem Umschlag, in einen Ranzen mit einigen Riemen, lade ein Paar zweiläufige Pistolen, die ich besaß, gehörig, prüfe und bringe zwei Fläschchen mit Erfrischungen, wie Laudanum und Strychnin, in meinen Taschen unter. Dann erwarte ich, über meine Ausrüstung beruhigt, die Stunde der Abreise, indem ich planlos die Straßen von Florenz durchstreife mit dem kranken, unruhigen und beunruhigenden Wesen eines tollen Hundes.

Um fünf Uhr kehre ich zu meiner Modistin zurück und lasse mir mein Kostüm anprobieren, das sehr gut sitzt. Beim Bezahlen des vereinbarten Preises gebe ich zwanzig Franken zuviel. Eine junge Arbeiterin, die vor dem Ladentisch sitzt, bemerkt es und will mich darauf aufmerksam machen; aber die Besitzerin des Ladens wirft mit rascher Handbewegung meine Goldstücke in ihre Schublade, stößt sie zurück und unterbricht sie:

»Geh, dummes Ding, laß den Herrn in Frieden! Meinst du, er hat Zeit, dein Geschwätz anzuhören?« und beantwortet mein ironisches Lächeln mit dem merkwürdigen, aber anmutvollen Abschiedsgruß: »Tausend Dank, mein Herr, ich prophezeie großen Erfolg; Sie werden in Ihrer kleinen Komödie ohne alle Frage reizend aussehen.«

Endlich schlägt es sechs Uhr. Ich nehme Abschied von meinem tugendhaften Schlick, der in mir ein verirrtes wundes Schaf sah, das in seinen Stall zurückkehrt, bringe mein weibliches Kostüm sorgsam in einer Wagentasche unter, werfe einen grüßenden Blick auf den Perseus des Benvenuto und seine berühmte Inschrift: » Si quis te laeserit, ego tuus ultor ero«, »Wenn jemand dich verletzt, so werde ich dich rächen" – Die berühmte Statue steht auf dem großherzoglichen Platze, wo auch die Post ist. und fort geht die Reise.

Meile folgt auf Meile, und immer herrscht zwischen dem Postillon und mir tiefes Schweigen. Mein Hals war zugeschnürt, meine Zähne zusammengepreßt; ich aß nicht, ich sprach nicht. Nur gegen Mitternacht wurden einige Worte gewechselt, der Pistolen wegen. Der vorsichtige Kutscher nahm die Zündhütchen ab und verbarg sie hierauf in den Kissen des Wagens. Er fürchtete nämlich, wir möchten angegriffen werden, und in diesem Falle, sagte er, dürfe man niemals die geringste Absicht zeigen, sich zu verteidigen, wenn man nicht ermordet werden wolle.

»Ihretwegen,« erwiderte ich ihm, »wäre es mir sehr unlieb, uns zu gefährden, und ich habe mit den Räubern nichts zu tun.«

Ich war in Genua angekommen, ohne etwas anderes als den Saft einer Orange genossen zu haben – zum großen Erstaunen meines Reisegefährten, der nicht recht wußte, stammte ich aus dieser oder aus jener Welt; da bemerkte ich ein neues Unglück: mein Frauenkostüm war fort. Wir hatten bei einem Dorfe Pietra Santa den Wagen gewechselt, und, indem ich jenen verließ, mit dem wir Florenz verlassen, hatte ich meinen ganzen Staat vergessen. »Tod und Teufel!« rief ich, »ist es nicht, als wolle ein niederträchtiger guter Engel die Ausführung meines Planes vereiteln? Ich möchte doch sehen!«

Sogleich rief ich einen Dienstmann, der französisch und genuesisch sprach. Er führte mich zu einer Modistin. Es ging auf Mittag; um sechs Uhr sollte die Eilpost weiterfahren. Ich bestellte ein neues Kleid; man bedauert: es könne in so kurzer Zeit nicht fertig sein. Wir gehen zu einer andern, zu zwei, zu drei andern Modistinnen; immer dasselbe. Endlich erbietet sich eine, etliche Arbeiterinnen zusammenzurufen und zu ersuchen, mich vor der Abreise herauszuputzen.

Sie hält Wort und ich bin gerettet. Aber während ich so den Weibern nachlief, da fiel es – dacht ich's doch! – der sardinischen Polizei, die meinen Paß revidierte, ein, mich für einen Abgesandten der Julirevolution zu halten, für einen co-carbonaro einen Verschwörer, einen Befreier; und so weigerte sie sich, mir besagten Paß nach Turin zu visieren, und schärfte mir ein, über Nizza zu reisen!

– »Nun denn, so visieren Sie in Gottes Namen nach Nizza, was liegt mir daran? Ich würde durch die Hölle reisen, wenn Sie wollten, nur lassen Sie mich reisen! ...«

Wer war nun der größere Schafskopf von uns beiden: der Polizist, der in allen Franzosen Sendlinge der Revolution sah, oder ich, der glaubte, nur als Frau verkleidet Paris betreten zu dürfen, als ob mir alle Bekannte auch gleich das Vorhaben, das mich hergeführt, von der Stirn hätten lesen können; oder, als ob ich, mich vierundzwanzig Stunden lang in einem Hotel verbergend, nicht fünfzig Modistinnen hätte finden können, die imstande gewesen wären, mich prächtig herauszuputzen?

Leidenschaftliche Leute sind allerliebst; sie bilden sich ein, die ganze Welt beschäftige sich mit ihrer Leidenschaft, welcher Art sie auch sei, und handeln mit wahrhaft erhebendem Vertrauen nach dieser Meinung.

Ich nahm also meinen Weg über Nizza, ohne daß meine Wut verraucht wäre. Ich ging sogar die kleine »Komödie«, die ich bei meiner Ankunft in Paris spielen wollte, sehr sorgfältig im Kopfe durch. Ich spreche um neun Uhr abends bei meinen »Freunden« vor, im Augenblick, da die Familie beim Tee sitzt, lasse mich als Kammerfrau der Gräfin M... anmelden: ich sei mit einer wichtigen, dringlichen Botschaft betraut, man führt mich in den Salon, ich gebe einen Brief ab und ziehe, während er gelesen wird, meine beiden Doppelpistolen aus dem Busen; ich zerschmettere Numero eins den Schädel, dann Numero zwei, ergreife Numero drei bei den Haaren, gebe mich zu erkennen und richte, trotz ihrem Geschrei, meinen dritten Gruß an sie; hierauf jage ich mir, bevor das Vokal- und Instrumentalkonzert Neugierige angelockt haben würde, das vierte unwiderstehliche Argument in die rechte Schläfe, und, sollte – was ja vorkommt – die Pistole versagen, so würde ich schleunigst zu meinem Fläschchen Zuflucht nehmen. Oh, die hübsche Szene! Wie schade, daß sie nicht zur Aufführung kam!

Indessen sagte ich mir, trotz meiner schwarzen Wut, unterwegs ein paarmal: »Ja, es wird ein recht anmutiger Augenblick sein! Aber die Notwendigkeit, mich hinterher zu töten, ist sehr ... verdrießlich. So der Welt und der Kunst Valet zu geben; keinen andern Ruf zu hinterlassen, als den eines Gewaltmenschen, der nicht zu leben verstand; meine erste Sinfonie nicht vollendet zu haben, dazu andere, größere Partituren im Kopf ... Ach! ... es ist ...« Und wieder kam ich auf meine Blutidee zurück: »Nein, nein, nein, nein, nein, alle müssen sie sterben, sie müssen und sie werden! Sie werden! ...« Und die Pferde trabten und zogen mich gen Frankreich. Die Nacht kam, wir fuhren auf dem Wege nach la Corniche dahin, das im Felsen eingebettet liegt, mehr als hundert Klafter hoch über dem Meer, das hier den Fuß der Alpen bespült. – Die Liebe zum Leben und zur Kunst wiederholten mir seit einer Stunde heimlich tausend süße Versprechungen, und ich ließ sie reden; ja, ich fand einen gewissen Reiz darin, ihnen zuzuhören; – da, mit einem Male, hielt der Postillon die Pferde an, um den Hemmschuh an die Räder des Wagens zu legen. Die augenblickliche Stille ließ mich das dumpfe Grollen des Meeres hören, das sich wütend am Fuße des Felsens brach. Dieses Geräusch weckte ein schreckliches Echo und einen neuen Sturm in meiner Brust, furchtbarer, als alle vorangegangenen. Ich stöhnte, wie das Meer, stützte mich mit beiden Händen auf die Bank, worauf ich saß, machte eine krampfhafte Bewegung, wie um mich vorwärts zu schwingen, und stieß ein Ha! aus, so rauh, so wild, daß der unglückliche Kutscher zur Seite sprang und nichts anders glaubte, als er habe zum Reisegefährten einen Teufel, der ein Stück des heiligen Kreuzes tragen müsse.

Indes – ein Nachlassen war da, man konnte es spüren; es gab einen Kampf auf Leben und Tod. Sobald ich das bemerkte, erwog ich folgendes, das mir in Anbetracht der Zeit und des Ortes gar nicht so dumm vorkommt: »Wenn ich den günstigen Augenblick wahrnähme (ich meinte den günstigen Augenblick, da das Leben mit mir zu liebäugeln begann; ich fing ersichtlich an, mich zu ergeben) – wenn ich also den günstigen Augenblick wahrnähme, mich irgendwie anzuklammern, mich auf etwas zu stützen, um der Wiederkehr des Übels besser standzuhalten, vielleicht gelangte ich dann zu dem Entschluß ... zu leben; wollen sehen!« Wir passierten gerade ein sardinisches Städtchen, ich glaube: Vintimille, an der Küste, auf gleicher Höhe mit dem Meer, das hier nicht allzu stark brandet. Wir halten, um die Pferde zu wechseln; ich bitte den Kutscher zu warten, bis ich einen Brief geschrieben hätte, trete in ein kleines Café, nehme ein Stück Papier und schreibe an den Direktor der Akademie in Rom, Herrn Horace Vernet, er möchte meinen Namen auf der Liste der Pensionäre stehen lassen, wenn er ihn noch nicht gestrichen; ich hätte die Bestimmungen noch nicht übertreten und verpflichte mich ehrenwörtlich, die italienische Grenze nicht zu überschreiten, bis mich seine Antwort in Nizza erreicht haben würde, wo ich auf sie warte.

So war ich denn durch mein Wort gebunden, und da es mir immer noch freistand, auf meinen Huronenplan zurückzukommen, wenn ich, aus der Akademie verbannt, ohne Herd und Dach, ohne Heller und Pfennig wäre, so stieg ich viel ruhiger wieder in meinen Wagen; ja, ich merkte auf einmal, daß ich ... Hunger hatte, da ich seit Florenz nichts mehr zu mir genommen. O gute, große Natur! Kein Zweifel: die Erde hatte mich wieder.

Ich kam, noch etwas murrend, in der glücklichen Stadt Nizza an; wartete einige Tage; dann kam die Antwort des Herrn Vernet, eine freundliche, wohlwollende, väterliche Antwort, die mich tief ergriff. Der große Künstler gab mir, ohne die Ursache meiner Verwirrung zu kennen, Ratschläge, die auf meine Lage nicht besser hätten passen können. Er empfahl mir Arbeit und Liebe zur Kunst als die beiden vornehmsten Heilmittel gegen moralische Qualen; er teilte mir mit, mein Name stünde noch auf der Liste der Pensionäre; der Minister wisse nichts von meinem Streich, und ich könne nach Rom zurückkehren, wo man mich mit offenen Armen empfangen werde.

– »Also, sie sind gerettet,« sagte ich mit einem tiefen Seufzer. »Und wenn ich jetzt lebte! Wenn ich ruhig, glücklich der Musik lebte? Oh, welch vergnügliches Geschäft! ... Versuchen wir's.«

Wie ich nun die laue, durchdüftete Luft Nizzas einsog! Wie nun Leben und Lust mit mächtigem Flügelschlag wiederkehrten, die Musik mich umfing, die Zukunft mir lächelte! So blieb ich denn in Nizza einen ganzen Monat, durchstreifte die Orangenhaine, badete im Meer, schlief auf den Bergheiden von Villafranca, sah von der Höhe meiner schimmernden Warte die Schiffe kommen, gehen und still verschwinden. Ich lebte ganz für mich, schrieb an der Ouvertüre zu König Lear, sang, glaubte an Gott. Genesung.

Also brachte ich in Nizza die zwanzig schönsten Tage meines Lebens zu. O Nizza!

Aber die Polizei des Königs von Sardinien trübte nochmals mein friedliches Glück und zwang mich, ihm Grenzen zu setzen.

Ich hatte schließlich im Café ein paar Worte mit zwei Offizieren der piemontesischen Garnison gewechselt, ja, es geschah eines Tages, daß ich mit ihnen eine Partie Billard spielte; Grund genug, dem Polizeichef meinetwegen schweren Verdacht einzuflößen.

»Sicherlich ist der junge französische Musiker nicht nach Nizza gekommen, um Vorstellungen von Matilde di Sabra (des einzigen Werkes, das damals gegeben ward), zu besuchen, er geht nie ins Theater. Er bringt ganze Tage in den Felsen von Villafranca zu ... er erwartet das Signal irgendeines revolutionären Schiffes ... er speist nicht an der table d'hôte ... um den hinterhältigen Gesprächen der Geheimagenten zu entgehen. Jetzt macht er sich ganz sachte an die Führer unserer Regimenter ... er möchte mit ihnen die Unterhandlungen anbahnen, mit denen er im Namen des jungen Italiens betraut ist. Es ist klar: die Verschwörung ist im Gang!«

O großer Mann! Tiefgründiger Politiker, du rasest, geh! Ich werde aufs Polizeibureau beordert und in aller Form ausgefragt.

– »Was tun Sie hier, mein Herr?«

– »Ich erhole mich von einer schweren Krankheit. Ich komponiere, träume, danke Gott, daß er die Sonne so schön geschaffen, das Meer so schon, die Berge so grün.«

– »Maler sind Sie nicht?«

– »Nein.«

– »Indessen, man sieht Sie überall, ein Album in der Hand, emsig zeichnend. Beschäftigen Sie sich mit der Aufnahme von Plänen?«

– »Ja, ich nehme den Plan einer Ouvertüre zum König Lear auf, das heißt: ich habe ihn aufgenommen, denn Entwurf und Instrumentation sind fertig. Ich glaube sogar, die Einleitung wird furchtbar sein.«

– »Wieso Einleitung? Wer ist dieser König Lear?«

– »Ach, das ist eine gute, alte Seele von englischem König.«

– »England!«

– »Ja. Er lebte, nach Shakespeare, vor einigen achtzehnhundert Jahren und hatte die Schwachheit, sein Königreich unter seine zwei verbrecherischen Töchter zu teilen, die ihn vor die Türe setzten, als er nichts mehr zu geben hatte. Sie sehen, es gibt wenig Könige ...«

– »Reden wir nicht vom König! ... Was verstehen Sie unter ›Instrumentation‹?«

– »Das ist ein musikalischer Kunstausdruck.«

– »Immer dieser Vorwand! Ich weiß sehr wohl, mein Herr, daß man Musik nicht so ohne Klavier schreibt, nur mit Album und Bleistift, und dabei still am Ufer spazieren geht! Nun also, wollen Sie mir sagen, wohin Sie zu gehen gedenken, Sie werden Ihren Paß zurückbekommen; Sie können nicht länger in Nizza bleiben.«

– »Dann werde ich nach Rom zurückkehren und, mit Ihrer Erlaubnis, noch fernerhin ohne Klavier komponieren.«

Und so geschah's. Ich verließ andern Tages Nizza: sehr gegen meinen Willen, wie ich gestehe, aber leichten Herzens und voll Fröhlichkeit und wohlgemut und wohlkuriert. Und so hat man auch einmal geladene Pistolen gesehen, die nicht losgegangen sind.

Einerlei, ich glaube, daß meine kleine Komödie nicht ohne Interesse war, und es ist wahrhaft schade, daß sie nicht aufgeführt worden.

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