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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 33
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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30.

Verleihung der Preise am Institut. Die Akademiker. Meine Kantate »Sardanapal«. Ihre Aufführung. Ein Brand, der nicht ausbricht. Meine Wut. Frau Malibran erschrickt.

 

Zwei Monate später erfolgte, wie gewöhnlich, am Institut die Preisverteilung und die Aufführung der gekrönten Kantate mit großem Orchester. Diese Zeremonie geht noch in derselben Weise vor sich. Alljährlich spielen dieselben Musiker Partituren, die ungefähr auch immer dieselben sind, und die mit gleicher Einsicht erkannten Preise werden mit gleicher Feierlichkeit erteilt. Jedes Jahr am selben Tag, zur selben Stunde, wiederholt derselbe Akademiker, auf derselben Stufe derselben Treppe des Instituts stehend, dem gekrönten Laureaten dieselbe Phrase. Dieser Tag ist der erste Samstag im Oktober; die Stunde vier Uhr nachmittags; die Treppenstufe die dritte; den Akademiker kennt alle Welt; die Phrase heißt so:

»Nun, junger Mann, macte animo; Sie treten jetzt eine schöne Reise an ... der klassische Boden der schönen Künste ... das Vaterland der Pergolese, Piccini ... ein begeisternder Himmel ... Sie werden uns so manche schöne Partitur mitbringen ... Sie sind auf gutem Wege.«

An diesem glorreichen Tage legen die Akademiker ihr schönes, grün verbrämtes Kleid an; sie leuchten, sie strahlen. Sie kommen, einen Maler, einen Bildhauer, einen Architekten, einen Graveur und einen Musiker mit Pomp zu krönen. Groß ist die Freude im Palast der Musen.

Was habe ich denn da geschrieben? ... Das scheint ja ein Vers. Das kommt daher, weil ich in Gedanken weit von der Akademie fort bin und weil ich (warum, weiß ich eigentlich nicht recht) an die Strophe von Victor Hugo dachte:

Aar mit blutigem Gefieder,
herbes Los ist dir geworden!
Deine Schwingen sanken nieder,
deine Söhne sahst du morden,
sahst, gewohnt an Siegesfeste,
deinen Blitz verglühn in Fluten.
Doch im mütterlichen Neste
reiften deine edeln Bruten.
Rauschend mit dem Flügelpaare
künd' es, mit dem stolzen Blicke:
Deine jungen Heldenaare,
Mutter Frankreich, wurden flügge!

Kehren wir zu unsern Laureaten zurück, deren einige weit eher ein wenig den Eulen gleichen, den »kleinen mürrischen Ungetümen« La Fontaines, als Adlern, die aber darum nicht weniger alle gleichen Anteil am Wohlwollen der Akademie haben.

Am ersten Samstag im Oktober also schlägt ihre strahlende Mutter »mit den Flügeln«, und die gekrönte Kantate wird endlich ernsthaft aufgeführt. Man bestellt alsdann ein vollständiges Orchester; nichts fehlt. Die Streichinstrumente sind vertreten, man erblickt die beiden Flöten, die beiden Oboen, die beiden Klarinetten (indes, die Wahrheit zu sagen: dieser kostbare Teil des Orchesters ist erst seit kurzem vollzählig. Als mir die »Morgenröte« des ersten Preises aufging, gab es nur anderthalb Klarinetten; der Greis, der seit undenklichen Zeiten mit der ersten Klarinette betraut war, und der nur noch einen Zahn hatte, konnte aus seinem asthmatischen Instrument höchstens die Hälfte aller Töne herausbringen). Auch die vier Hörner sind da, die drei Posaunen und sogar Cornets à pistons, moderne Instrumente! Das ist stark, aber wahr. Die Akademie weiß sich an diesem Tage nicht mehr zu lassen, sie macht Dummheiten, wirkliche Ausschweifungen; sie ist zufrieden, »rauscht mit den Flügeln, ihre jungen Eulen (wollte sagen: Adler) sind flügge«. Jeder ist auf seinem Posten. Der Kapellmeister, mit dem Taktstock bewaffnet, gibt das Zeichen.

Die Sonne geht auf; Violoncello-Solo ... leichtes Crescendo.

Die kleinen Vöglein erwachen; Flötensolo, Triller der Violinen.

Die Bächlein murmeln; Bratschensolo.

Die Lämmlein blöken; Solo der Oboe.

Das Crescendo dauert fort, und wenn man die Vögelein, die Bächlein und die Lämmlein nacheinander gehört hat, zeigt es sich, daß die Sonne im Zenith steht und daß es allerwenigstens Mittag ist. Das Rezitativ beginnt:

»Schon küßt der junge Tag« ... usw.

Folgen die erste Arie, das zweite Rezitativ, die zweite Arie, das dritte Rezitativ, die dritte Arie, wo der Held gewöhnlich ausatmet, Sänger und Zuhörer aber aufatmen.

Der Herr Sekretär verkündet hierauf laut und vernehmlich Namen und Vornamen des Komponisten, in der einen Hand den künstlichen Lorbeerkranz, der die Stirn des Siegers krönen soll, in der andern eine Münze von echtem Golde, mit der jener seine Miete vor der Abreise nach Rom bezahlen kann. Sie ist, wie ich sicher glaube, einhundertsechzig Franken wert. Der Laureat erhebt sich:

Die frischgeschor'ne Stirn – Symbol der Weihe –
Errötet, wie er naht, in edler Scham.

Er umarmt den Herrn Sekretär. Man klatscht ein wenig. Ein paar Schritte weit von der Tribüne des ständigen Sekretärs entfernt steht der berühmte Lehrer des gekrönten Schülers; der Schüler umarmt seinen berühmten Lehrer: so gehört sich's. Wieder klatscht man ein wenig. Weit weg auf einer Bank, hinter den Akademikern, vergießen die Eltern des Laureaten im Stillen Freudentränen.

Der übersteigt die Sitzreihen des Amphitheaters, tritt dem einen auf den Fuß, dem andern auf den Rock und stürzt sich Vater und Mutter in die Arme, die diesmal ganz laut schluchzen: nichts natürlicher als das. Aber man klatscht nicht mehr, das Publikum beginnt zu lachen. Zur Rechten des Schauplatzes der weinerlichen Szene gibt ein junges Mädchen dem Helden des Festes Zeichen: dieser, nicht faul, zerreißt im Vorbeigehen einer Dame das Tüllkleid; verbeult einem Geck den Hut und landet endlich bei seiner Base. Er umarmt sie; manchmal sogar auch ihren Nachbar. Lautes Gelächter. Eine andere Dame, die in einer dunkeln, schwer zugänglichen Ecke sitzt, gibt Zeichen der Sympathie, und der glückliche Sieger hütet sich wohl, das zu übersehen. Er fliegt, auch seine Gebieterin, seine Zukünftige, seine Braut zu umarmen, die Teilhaberin an seinem Ruhme. Aber in seiner Hast, in seiner Gleichgültigkeit gegen die andern Frauen, bringt er eine von diesen durch einen Fußtritt zu Fall, hakt selbst an einer Bank an, fällt der Länge nach hin und verzichtet, ohne noch einen Schritt zu tun, darauf, dem armen Kinde die kleinste Umarmung zu spenden, sondern kehrt, verwirrt und schweißtriefend auf seinen Platz zurück. Diesmal klatscht man übertrieben, Lachsalven ertönen; es ist eine Freude, eine Wonne, der schönste Augenblick der akademischen Sitzung, und ich kenne so manchen Lachlustigen, der nur deswegen hingeht. Nicht der Groll gegen die Lacher spricht aus mir; denn ich hatte, als die Reihe an mich kam, weder Vater, noch Mutter, noch Base, noch Lehrer, noch Geliebte zu umarmen. Mein Lehrer war krank, meine Eltern abwesend und unzufrieden, und meine Geliebte ... Ich umarmte also den Herrn Sekretär, bezweifle aber, ob sich, als ich mich ihm näherte, das Erröten meiner Stirn erkennen ließ; denn sie war keineswegs »frisch geschoren«, sondern unter einem Wald roter Haare begraben, die, zusammen mit andern charakteristischen Zügen, nicht wenig dazu beitrugen, mich in die Klasse der Eulen einzureihen.

Übrigens war ich an jenem Tage sehr wenig rührselig gestimmt; ich glaube sogar, nie im Leben hatte ich schrecklicheren Zorn. Das kam so: die Preiskantate handelte von der »letzten Nacht Sardanapals«. Das Gedicht schloß mit dem Augenblick, da der besiegte Sardanapal seine schönsten Sklavinnen ruft und mit ihnen den Scheiterhaufen besteigt. Ganz zuerst war mir der Gedanke gekommen, in einer Art Sinfonie den Brand zu beschreiben, das Geschrei der bestürzten Frauen, die stolzen Worte des tapfern Lüstlings, der, mitten in den wachsenden Flammen, dem Tode trotzt, und das Krachen des einstürzenden Palastes zu schildern. Aber als ich über die Mittel nachsann, die mir zur Verfügung standen, um, allein mit dem Orchester, ein solches Gemälde in seinen Hauptzügen deutlich zu machen, bedachte ich mich. Die Musikabteilung der Akademie hätte, beim bloßen Anblick dieses instrumentalen Finales, ohne allen Zweifel meine ganze Partitur verworfen, und da es überdies nichts Unverständlicheres geben konnte, als solch ein Vortrag auf dem Klavier, so war es zum mindesten überflüssig, dergleichen zu schreiben. Ich wartete also. Und als mir dann der Preis zuerkannt ward und ich seines unwiderruflichen Besitzes, wie einer Aufführung mit großem Orchester, sicher war, schrieb ich meine Feuersbrunst. Dieses Stück wirkte in der Hauptprobe dergestalt, daß mehrere der Herrn Akademiker, unversehens davon ergriffen, in eigener Person zu mir kamen, um ihrem Wohlgefallen daran Ausdruck zu geben, ohne Hintergedanken, und ohne mir zu grollen wegen der Falle, die ich ihrer musikalischen Überzeugung gestellt hatte.

Der öffentliche Sitzungssaal des Instituts war voll von Künstlern und Kunstfreunden, und sie alle waren neugierig, die Kantate zu hören, deren Komponist schon damals im Rufe ausschweifender Kühnheit stand. Die meisten drückten beim Hinausgehen ihr Erstaunen aus, in das sie durch die Feuersbrunst versetzt worden waren, und durch ihre Berichte über die sinfonische Kuriosität war die Neugier und Spannung der künftigen Hörer des nächsten Tages, die der Probe gar nicht beigewohnt hatten, natürlich in nicht gewöhnlichem Maße gestiegen.

Ich setzte einiges Mißtrauen in die Geschicklichkeit des Herrn Grasset, der ehemals Kapellmeister am Théâtre-Italien gewesen, und so nahm ich neben ihm Platz, mein Manuskript in der Hand. Frau Malibran, gleichfalls durch das Gerücht von gestern angelockt, hatte keinen Platz im Saale finden können und saß, zwischen zwei Kontrabässen, auf einem Sessel neben mir. Ich sah sie an diesem Tag zum letzten Male.

Mein decrescendo beginnt.

(Da die Kantate anfing mit dem Vers: »Schon hüllt die Nacht in Schleier die Natur«, so mußte ich einen Sonnenuntergang an Stelle des geheiligten Sonnenaufgangs schildern. Ich bin, scheint es, dazu verdammt, stets aller Welt entgegenzuhandeln, und das Leben, wie die Akademie, gegen den Strich zu bürsten!)

Die Kantate verlief ohne Unfall. Sardanapal vernimmt seine Niederlage, beschließt den Tod, ruft seine Frauen. Der Brand flammt auf, man spitzt die Ohren; die Besucher der Hauptprobe sagen zu ihren Nachbarn:

– »Hören Sie jetzt den Zusammenbruch, das ist seltsam, wunderbar!«

Fünfmalhunderttausend Flüche über Musiker, die ihre Pausen nicht zählen!!! Ein Horn gibt in meiner Partitur den Pauken das Zeichen zum Einsetzen, die Pauken geben es den Becken, diese der großen Trommel, und der erste Schlag der großen Trommel führt endgültig die Explosion herbei! Mein verdammtes Horn fehlt seinen Einsatz, die Pauken, die ihn nicht hören, zögern nun ihrerseits mit dem Eintritt, weiterhin schweigen Becken und große Trommel; nichts erfolgt, rein nichts!!! Die Violinen und Bässe allein fahren mit ihrem ohnmächtigen Tremolo fort; keine Explosion! Ein Brand, der erlischt, bevor er ausgebrochen, eine lächerliche Wirkung anstatt des so lärmend angekündigten Zusammenbruchs; ridiculus mus! ... Nur ein Komponist, der schon einmal dergleichen ausgestanden, kann die Wut verstehen, die mich damals ergriff. Ein Schrei des Entsetzens entrang sich meiner keuchenden Brust, ich schleuderte meine Partitur ins Orchester und warf zwei Pulte um. Frau Malibran tat einen Satz zurück, wie wenn plötzlich zu ihren Füßen eine Mine losgegangen wäre; alles war in Aufregung: das Orchester, die geärgerten Akademiker, das gefoppte Publikum, die entrüsteten Freunde des Komponisten. So kam es noch zu einer musikalischen Katastrophe, die schlimmer war, als irgendeine, die ich vordem ausgestanden ... Wäre es wenigstens die letzte für mich gewesen!

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