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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 32
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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29.

Vierter Wettbewerb am Institut. Ich erhalte den Preis. Die Julirevolution. Die Einnahme Babylons. Die Marseillaise. Rouget de Lisle.

 

Der Wettbewerb am Institut erfolgte in diesem Jahre etwas später als gewöhnlich; er ward auf den 15. Juli festgesetzt. Ich bewarb mich nunmehr zum fünften Male, fest entschlossen, nicht wiederzukommen, was auch geschehen möge. Das war im Jahre 1830. Während ich die letzte Hand an meine Kantate legte, brach die Revolution aus.

Und als eine schwälende Sonne mit Glut
den Kai übergoß und die Brücken,
wie die Glocken da heulten, wie floß da das Blut,
wie die Kugeln da schwärmten gleich Mücken!
Wie Paris, eine Meerflut, getürmet zum Kampf,
sich brüllend die Freiheit errungen
und im Schlachtendonner, im Pulverdampf
die Marseillaise gesungen ...

Der Anblick des Institutsgebäudes, das von zahlreichen Familien bewohnt wurde, war damals sonderbar. Standbüchsen durchlöcherten die verrammelten Türen, Kanonenkugeln erschütterten die Vorderseite, Frauen schrien, und in den Feuerpausen nahm der Schwalbenchor seinen hundertmal unterbrochenen Freudensang wieder auf. Und ich schrieb Hals über Kopf meine letzten Partiturseiten, bei dem stumpfen, matten Klang verirrter Kugeln, die in einer Parabel über die Dächer geflogen kamen und sich an der Mauer bei meinen Zimmerfenstern platt schlugen. Endlich, am 29., war ich frei, konnte ausgehen und, die Pistole in der Faust, mit dem süßen Pöbel in Paris herumstrolchen.

Ich werde die Physiognomie von Paris zur Zeit dieser berühmten Tage nie vergessen; die Verwegenheit der Gassenjungen, die Begeisterung der Männer, die Zügellosigkeit der Dirnen, die düstere Resignation der Schweizer und der königlichen Leibwache, den seltsamen Stolz der Arbeiter, Herren der Stadt zu sein, wie sie sagten, und doch nichts zu stehlen; und die prahlenden Windbeuteleien einiger jungen Leute, die zuerst wirkliche Unerschrockenheit gezeigt hatten und dann auch Mittel fanden, sich lächerlich zu machen durch die Art, ihre Heldentaten zu erzählen, und durch ihre grotesken Ausschmückungen der Wahrheit. So zum Beispiel glaubten sie die unter nicht geringen Verlusten erzwungene Besetzung der Reiterkaserne in der Rue de Babylone mit einem Ernst erzählen zu müssen, der den Soldaten Alexanders geziemt hätte: »Wir waren bei der Erstürmung von Babylon.« Der gangbare Name wäre zu lang gewesen; übrigens wurde er so oft wiederholt, daß die Abkürzung unerläßlich ward. Und mit welch prachtvoller Klangfülle und mit was für einem Accent circonflexe auf dem »o« sprach man diesen Namen »Babylone« aus! O Pariser! ... Possenreißer ... riesenhafte, meinetwegen, aber auch Riesenpossenreißer! ...

Und die Musik, die Gesänge, die rauhen Stimmen, von denen die Straßen widerhallten – man muß sie gehört haben, um sich einen Begriff davon zu machen!

Gleichwohl erhielt ich einige Tage nach dieser harmoniösen Revolution einen Eindruck oder, besser gesagt, einen musikalischen Chok von außerordentlicher Heftigkeit. Ich überschritt den Hof des königlichen Palastes, als ich zu hören meinte, wie von einer Gruppe eine mir wohlbekannte Melodie ausging. Ich trete näher und vernehme, wie zehn oder zwölf junge Leute in der Tat eine Kriegshymne meiner Komposition sangen, deren Worte, aus Moores »Irischen Melodien« übersetzt, zufällig ganz und gar den Umständen angepaßt waren. Gedenket der Gefilde jener Erde,
die noch vom Blute unsrer Krieger raucht.
Als Autor, der an diese Art des Erfolges wenig gewöhnt war, freute ich mich sehr über diese Entdeckung, trete in den Kreis der Sänger und bitte sie um Erlaubnis, mich ihnen anschließen zu dürfen. Die Erlaubnis wird mir erteilt und so noch eine Baßstimme hinzugefügt, die, wenigstens für diesen Chor, ganz überflüssig war. Aber ich hütete mich, mein Inkognito fallen zu lassen, und erinnere mich sogar einer ziemlich lebhaften Diskussion mit dem taktschlagenden Herrn wegen des Tempos, in dem er mein Stück auffaßte. Glücklicherweise gewann ich seine Huld wieder, dadurch, daß ich meine Stimme in der »alten Fahne« von Béranger richtig sang, die er komponiert hatte und die wir gleich darauf zum besten gaben. In den Zwischenpausen des improvisierten Konzerts durchschritten drei Nationalgardisten, unsere Beschützer gegen die Menge, die Reihen der Zuhörer und sammelten, den Tschacko in der Hand, für die Verwundeten der drei Tage. Dieser Vorgang kam den Parisern absonderlich vor, und das genügte, eine gute Einnahme zu sichern. Bald sahen wir Hundertsousstücke regnen, die zweifellos ganz ruhig in der Börse ihrer Eigentümer geblieben wären, wenn es nichts anderes gegeben hätte, sie hervorzulocken, als den Zauber unserer Akkorde. Aber die Teilnahme wuchs und wuchs, der kleine Kreis um die orpheischen Patrioten verengte sich mit jedem Augenblick, und die »bewaffnete Macht«, die uns beschützte, fühlte sich, gegenüber dieser steigenden Flut von Neugierigen, ohnmächtig. Wir entflohen mit knapper Not. Die Flut folgte uns. Als wir, eingekreist und umstellt wie Bären auf dem Jahrmarkt, zur Galerie Colbert gelangt waren, die nach der Viviennestraße führt, wurden wir aufgefordert, unsere Gesänge wieder anzustimmen. Eine Ladeninhaberin, deren Geschäft auf die gläserne Rotunde der Galerie hinausging, bot uns darum an, nach dem ersten Stock ihres Hauses hinaufzugehen, von wo wir, ohne Erstickungsgefahr, »den Strom der Harmonien auf unsere glühenden Bewunderer ausgießen« könnten. Der Vorschlag wurde angenommen und wir beginnen die Marseillaise. Bei den ersten Takten steht das lärmende Gewühl zu unsern Füßen und schweigt. Die Stille auf dem St. Petersplatz ist nicht tiefer und feierlicher, wenn, von der Höhe der priesterlichen Altane, der Papst urbi et orbi seinen Segen spendet. Nach der zweiten Strophe: wiederum Stille, ebenso nach der dritten. Darauf hatte ich nicht gerechnet. Beim Anblick der unabsehbaren Volksmenge war mir eingefallen, daß ich gerade den Sang des Rouget de Lisle für großes Orchester und Doppelchor eingerichtet und, an Stelle der Bezeichnung »Tenöre, Bässe« an den Kopf der Partitur geschrieben hatte: »Alles, was Stimme, ein Herz und Blut in den Adern hat.« Aha! sagte ich mir, das ist mein Fall. Ich war also durch das hartnäckige Schweigen unserer Zuhörer bitter enttäuscht. Aber bei der vierten Strophe halte ich mich nicht länger, sondern schreie sie an: »Nun, zum Kuckuck, so singt doch!« Worauf das Volk sein » Aux armes, citoyens!« mit der Exaktheit und Kraft eines geübten Chors schmetterte. Stelle man sich vor, daß die Galerie, welche an die Viviennestraße stieß, voll Menschen war, daß die, welche in die Rue Neuve-des-Petits-Champs mündet, voll Menschen war, daß die Rotunde mitten drin voll Menschen war, daß diese vier- oder fünftausend Stimmen sich stauten an einem gut akustischen Orte, der zur Rechten wie zur Linken durch die Bretterverschläge der Läden, oben durch Glasscheiben, unten durch schallende Steinplatten eingeschlossen war; man bedenke ferner, daß die meisten Sänger – Männer, Weiber und Kinder – noch von der Erregung des Kampfes vom Tage vorher bebten, – und man wird sich vielleicht ein Bild machen von der erschütternden Wirkung des Refrains ... Ich für mein Teil fiel buchstäblich zu Boden, und unsere kleine Schar, überwältigt von diesem Ausbruch, wurde mit völliger Stummheit geschlagen, wie Vögel nach einem Donnerschlag.

Wie gesagt, hatte ich die Marseillaise für zwei Chöre und großes Orchester eingerichtet. Ich widmete meine Arbeit dem Autor des unsterblichen Liedes, und aus diesem Anlaß schrieb mir Rouget de Lisle folgenden Brief, den ich wie ein Kleinod gehütet habe:

»Choisy-le-Roi, 20. Dezember 1830.

Wir kennen uns nicht, Herr Berlioz; wollen Sie, daß wir miteinander bekannt werden? Ihr Kopf gleicht einem immer tätigen Vulkane; in meinem brannte stets nur Strohfeuer, das erlischt und noch ein wenig raucht. Aber schließlich könnte aus dem Überfluß Ihres Vulkans, zusammen mit den Resten meines Strohfeuers, etwas werden. Ich hätte Ihnen darüber einen, vielleicht auch zwei Vorschläge zu machen. Hierfür wäre nötig, daß wir uns sehen und sprechen. Wenn Ihr Herz dazu rät, so bestimmen Sie einen Tag, an dem ich Sie treffen könnte, oder kommen Sie nach Choisy zu einem Frühstück oder zum Mittagessen. Es wird ohne Zweifel sehr schlecht sein, aber, gewürzt durch die Landluft, einem Poeten, wie Ihnen, nicht so vorkommen. Ich hätte mit dem Versuch, mich Ihnen zu nähern, nicht bis jetzt gewartet und nicht jetzt erst gedankt für die Ehre, die Sie einem gewissen armen Geschöpf dadurch erwiesen haben, daß Sie es ganz neu bekleideten, und, wie man sagt, seine Blöße mit allem Glanz Ihrer Erfindung bedeckten. Aber ich bin nichts weiter, als ein armer, lahmer Einsiedel, der nur sehr kurze, sehr seltene Besuche in Ihrer großen Stadt macht, und der bei weitem die meiste Zeit über nichts von dem tut, was er tun möchte. Darf ich mir schmeicheln, daß Sie meine Aufforderung, die zwar ein wenig riskant für Sie ist, nicht ganz in den Wind schlagen werden und daß Sie mich, auf die eine oder andere Weise, instand setzen werden, Ihnen persönlich herzlichen Dank zu sagen und dem Vergnügen Ausdruck zu geben, mit dem auch ich die Hoffnungen der wahren Freunde Ihrer schönen Kunst teile, die Hoffnungen, welche sich auf Ihr kühnes Talent gründen.

Rouget de Lisle.«

Ich erfuhr später, daß Rouget de Lisle, der, beiläufig gesagt, noch viele andere schöne Lieder, als die Marseillaise, geschaffen hat, in seiner Mappe ein Opernbuch »Othello« liegen hatte, das er mir in Vorschlag bringen wollte. Aber da meine Abreise von Paris dem Empfangstage seines Briefes unmittelbar folgte, so entschuldigte ich mich bei ihm und verschob den schuldigen Besuch auf die Zeit meiner Rückkunft aus Italien. Inzwischen starb der arme Mann. Ich habe ihn nie gesehen.

Als die Ruhe in Paris, so gut es gehen mochte, hergestellt war, als Lafayette Louis-Philippe dem Volke vorgestellt und ihn als die beste Republik proklamiert hatte, als »der Streich gespielt« war und die Staatsmaschine wieder zu funktionieren begann, nahm auch die Akademie der schönen Künste wieder ihre Arbeiten auf. Die Aufführung unserer Kantaten fand (immer am Klavier) vor den beiden Gerichtshöfen statt, deren Zusammensetzung ich bereits geschildert habe.

Sie hielten mich für bekehrt zu den heiligen Lehren und erkannten mir – dank einem Stücke, das ich später verbrannte – alle beide endlich, endlich, endlich ... den ersten Preis zu. Ich hatte bei den vorausgegangenen vergeblichen Bewerbungen sehr lebhafte Enttäuschungen erfahren; so freute ich mich denn auch wenig, als der Bildhauer Pradier aus dem Sitzungssaal der Akademie zu mir in die Bibliothek trat, in der ich mein Schicksal erwartete, und mit lebhaftem Händedruck sagte: »Sie haben den Preis!« Wer ihn so freudig und mich so kalt sah, hätte denken können, ich sei der Akademiker und er der Laureat. Dennoch sah ich sogleich die Vorteile dieser Auszeichnung ein. Bei meinen Einsichten in die Organisation des Wettbewerbs konnte sie meiner Eitelkeit nicht allzusehr schmeicheln, aber sie stellte einen öffentlichen Erfolg dar, der dem Ehrgeiz meiner Eltern sicherlich Genüge tat, sie verschaffte mir eine Rente von tausend Talern, freien Eintritt in alle Opernhäuser, sie war ein Diplom, ein Titel, und bedeutete Unabhängigkeit, ja fast Wohlhabenheit, auf fünf Jahre hinaus.

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