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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 30
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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27.

Ich schreibe eine Phantasie über Shakespeares »Sturm«. Ihre Aufführung in der Oper.

 

Girard war um diese Zeit Kapellmeister am Théâtre Italien. Um mich über mein Mißgeschick zu trösten, kam er auf den Gedanken, mich zu einer andern, minder langen Komposition, als meine Phantastische war, anzuregen, und erbot sich, sie sorgfältig und ohne Verlegenheiten im Théâtre Italien aufzuführen. Ich machte mich daran, eine dramatische Sinfonie mit Chören über Shakespeares »Sturm« zu schreiben. Aber als sie fertig war, und Girard kaum einen Blick in die Partitur geworfen hatte, rief er auch schon: »Das ist zu groß angelegt, der Aufwand an Mitteln ist zu bedeutend, wir können im Théâtre Italien die Aufführung einer solchen Komposition nicht zuweg bringen. Für so etwas taugt nur die Oper.« Ohne mich zu besinnen gehe ich zu Herrn Lubbert, dem Direktor der königlichen Akademie der Musik, ihm mein Stück vorzuschlagen. Zu meinem großen Erstaunen willigt er ein, es anzunehmen für eine Veranstaltung, die er demnächst zum besten der Pensionskasse für Künstler geben mußte. Mein Name war ihm nicht unbekannt; denn mein erstes Konzert im Konservatorium hatte einiges Aufsehen erregt, und Herr Lubbert hatte die Zeitungen gelesen, die darüber berichteten. Kurz, er hatte Zutrauen, unterzog meine Partitur nicht der kleinsten beschämenden Prüfung, gab mir sein Wort und hielt es treulich. Er war, das muß man gestehen, ein Direktor, wie man ihn kaum je sieht. Sobald die Stimmen ausgeschrieben waren, ward in der Oper mit dem Studium der Chöre meiner Sinfonie begonnen. Alles ging glatt und vortrefflich von statten. Die Hauptprobe fiel glänzend aus; Fétis, der mich auf jede Weise ermutigte, wohnte ihr bei und bekundete dadurch sein starkes Interesse für den Autor und sein Werk. Aber – man bewundere mein Glück! – am nächsten Tage, dem Tage der Aufführung, bricht, eine Stunde vor Beginn der Oper, ein Unwetter aus, wie man es vielleicht seit fünfzig Jahren nicht in Paris gesehen hatte. Eine wahre Wasserhose verwandelt jede Straße in einen Gießbach oder See, der kleinste Übergang, zu Fuß, wie zu Wagen, wird fast unmöglich, und der Saal der Oper bleibt während der ganzen ersten Hälfte des Abends leer, gerade, als meine Sturmphantasie (verdammter Sturm!) gespielt werden sollte. So wurde sie denn von kaum zwei-, dreihundert Personen gehört, die Mitwirkenden eingeschlossen, und ich tat somit einen wirklichen »Schlag ins Wasser«.

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