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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 29
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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26.

Ich lese zum ersten Male Goethes Faust. Ich schreibe meine phantastische Sinfonie. Vergeblicher Versuch einer Aufführung.

 

Als eines wichtigen Ereignisses meines Lebens muß ich noch des seltsamen tiefen Eindrucks gedenken, den ich erhielt, als ich zum ersten Male Goethes Faust in der französischen Übersetzung des Gérard de Nerval las. Das wunderbare Buch bezauberte mich vom ersten Anfang an; ich ließ es nicht mehr aus der Hand; ich las unaufhörlich, bei Tische, im Theater, auf der Straße, überall. Die Übersetzung in Prosa enthielt einige Fragmente in Versen, Liedern, Gesängen usw. Ich gab der Versuchung nach, sie in Musik zu setzen, und kaum hatte ich diese schwierige Arbeit hinter mir, so beging ich die Dummheit, meine Partitur stechen zu lassen, ohne eine Note davon gehört zu haben, noch dazu auf meine Kosten. Einige Exemplare dieses Werkes, das in Paris unter dem Titel »Acht Szenen aus Faust« erschien, kamen so in Umlauf. Eines davon geriet Herrn Marx, dem bekannten Berliner Kritiker und Theoretiker, in die Hände, der so gütig war, mir einen wohlwollenden Brief darüber zu schreiben. Diese unverhoffte, noch dazu aus Deutschland kommende Ermutigung machte mir, wie sich denken läßt, viel Vergnügen; jedoch täuschte sie mich nicht lange über die zahlreichen gewaltigen Fehler dieses Werkes, das als Ganzes unzulänglich und sehr schlecht im Stil war, dessen musikalische Gedanken mir jedoch immer noch wertvoll erscheinen. Daher hob ich sie auf und entwickelte sie in meiner Legende »Fausts Verdammung« ganz anders. Sobald ich mit mir über diesen Punkt im reinen war, brachte ich schleunigst alle auffindbaren Exemplare des »Acht Szenen aus Faust« an mich und vernichtete sie.

Eben fällt mir ein, daß ich in meinem ersten Konzert das sechsstimmige »Sylphenkonzert« daraus hatte aufführen lassen. Sechs Schüler des Konservatoriums sangen es. Es machte nicht den geringsten Effekt. Man fand das inhaltslos; alles erscheine unbestimmt, kalt und sei ganz ohne Melodie. Dieselbe Szene ist, achtzehn Jahre später, mit geringen Veränderungen in der Instrumentation und Modulation, das Lieblingsstück des europäischen Publikums geworden. Nie habe ich es in St. Petersburg, Moskau, Berlin, London, Paris aufgeführt, ohne daß die Hörer » da capo« schrien. Man findet jetzt die Anlage vollkommen klar und die Melodie köstlich. Ich habe sie allerdings dem Chor anvertraut. Da ich sechs gute Solisten nicht finden konnte, habe ich vierundzwanzig Choristen genommen, und so kam der Gedanke heraus; man sieht jetzt Form und Farbe, und die Wirkung ist verdreifacht. Überhaupt gibt es Vokalkompositionen dieser Art, die durch das Unvermögen der Sänger ihre Wirkung einbüßen, aber ihren Glanz und Reiz wiedergewännen, wenn man sie ganz einfach von geübten Choristen in genügender Anzahl vortragen ließe. Da, wo eine gewöhnliche Stimme erbärmlich wäre, werden fünfzig gewöhnliche Stimmen hinreißen. Ein seelenloser Sänger läßt die glühendste Empfindung des Komponisten eisig, ja abgeschmackt erscheinen; oft genügt eine laue Wärme, die stets bei vielen zu finden ist, wenn sie wirklich musikalisch sind, die innere Glut eines Werkes leuchten zu lassen, und läßt es am Leben, während ein kalter Virtuose es umgebracht hätte.

Unmittelbar nach dieser Komposition aus Faust schrieb ich, unter dem stetigen Einfluß des Goetheschen Gedichtes, meine phantastische Sinfonie; einige Sätze mit großer Mühe, andere mit unglaublicher Leichtigkeit. So machte mir das Adagio (die Szene auf dem Lande), die das Publikum und mich selbst immer so lebhaft ergreift, drei Wochen lang und darüber zu schaffen. Dagegen war der »Gang zum Hochgericht« das Werk einer einzigen Nacht. Ich habe darum nicht weniger an diesen beiden Sätzen, wie an allen anderen dieses Werkes, im Laufe mehrerer Jahre viel geändert.

Das Théâtre des Nouveautés, das sich seit einiger Zeit der Aufführung komischer Opern gewidmet hatte, verfügte über ein ganz gutes Orchester, dessen Dirigent Bloc war. Er bestimmte mich, mein neues Werk den Direktoren des Theaters vorzulegen und, zu seiner Aufführung, ein Konzert mit ihnen zu veranstalten. Sie gingen darauf ein, wobei sie sich allein durch die Fremdartigkeit des Vorwurfs leiten ließen, die, wie sie meinten, die Neugier der Menge erregen mußte. Aber, da ich eine grandiose Aufführung haben wollte, bot ich außerdem über achtzig Künstler auf, die, vereint mit Blocs Orchester, insgesamt einhundertunddreißig Musiker ausmachten. Es waren indes keine Vorbereitungen zur schicklichen Aufstellung eines so großen Klangkörpers getroffen; weder die nötige Bühnenverkleidung, noch die Bretterböden, ja nicht einmal die Pulte waren vorhanden. Mit der Kaltblütigkeit von Leuten, die nicht wissen, worin die Schwierigkeiten bestehen, antworteten die Direktoren auf alle meine Anfragen über diesen Punkt: »Beruhigen Sie sich, das wird besorgt, wir haben einen findigen Maschinisten.« Aber als der Tag der Probe erschien, als meine hundertdreißig Musiker auf der Bühne Platz nehmen wollten, wußte man nicht, wohin mit ihnen. Ich nahm meine Zuflucht zu dem kleinen Orchesterraum unten. Er genügte kaum, um allein die Violinen aufzunehmen. Ein Tumult ging auf der Bühne los, der selbst einen kaltblütigeren Veranstalter, als mich, aus dem Häuschen gebracht hätte. Man verlangte Pulte, die Zimmerleute suchten Hals über Kopf irgend etwas zurechtzumachen, das geeignet war, ihre Stelle zu vertreten; der Maschinist suchte fluchend seine Dekorationen und Bohrer, hier schrie man nach Stühlen, dort nach Instrumenten, da nach Lichtern. Es fehlte an Saiten für die Kontrabässe; nirgend war Platz für die Pauken usw. usw. Der Orchesterdiener wußte nicht, auf wen hören; Bloc und ich vervier-, versechzehn-, verzweiunddreißigfachten uns – vergebene Mühe! Die Ordnung wollte sich nicht einstellen und es entstand eine wirkliche Flucht, ein Übergang der Musiker über die Beresina.

Trotzdem wollte Bloc mitten in diesem Chaos zwei Sätze probieren, »um«, wie er sagte, »den Direktoren einen Begriff von der Sinfonie zu geben«. Wir probierten, so gut es mit dem ungeordneten Orchester ging, den »Ball« und den »Gang zum Hochgericht«. Dieser letzte Satz rief bei den Mitwirkenden Ausrufungen und Stürme des Beifalls hervor. Trotzdem fand das Konzert nicht statt. Die Direktoren scheuten, erschreckt durch die Verwirrung, von dem Unternehmen zurück. Es seien zu beträchtliche und zu langwierige Vorbereitungen nötig; sie wüßten nicht, wozu es so großer Umstände für eine Sinfonie bedürfe.

Und mein ganzes Vorhaben scheiterte aus Mangel an Pulten und einigen Brettern ... Seit dieser Zeit beschäftige ich mich so sehr mit dem Material für meine Konzerte. Ich weiß zu gut, daß die geringste Unachtsamkeit in diesem Betreff Katastrophen herbeiführen kann.

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