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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 27
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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24.

Miß Smithson und kein Ende. Eine Benefizvorstellung. Grausame Zufälle.

 

Nach diesem Wettbewerb und der Verleihung des zweiten Preises, die ihm folgte, sank ich in die düstere Untätigkeit zurück, die mein gewöhnlicher Zustand geworden war. Fast noch ebensowenig beachtet, als vorher, drehte ich mich, ein unbekannter Planet, um meine Sonne ... meine strahlende Sonne ... die dennoch, ach!, so traurig erlöschen sollte ... Ach, die schöne Estelle, die Stella montis, meine Stella matutina, war damals vollständig verschwunden! Verloren war sie in den Tiefen des Himmels, überstrahlt von meinem großen Mittagsgestirn, und ich dachte kaum daran, sie jemals am Horizonte wieder auftauchen zu sehen ... Ich vermied es, am Théâtre anglais vorbeizugehen, kehrte die Augen ab, um nur nicht die Bildnisse der Miß Smithson sehen zu müssen, die in allen Buchhandlungen ausgestellt waren – und trotzdem schrieb ich ihr, ohne jemals eine Zeile der Antwort von ihr zu empfangen. Nach einigen Briefen, die sie mehr erschreckt, als gerührt hatten, verbot sie ihrer Kammerjungfer, noch weitere von mir anzunehmen, und nichts konnte ihren Entschluß ändern. Das Théâtre anglais war übrigens geschlossen; man sprach von einer Übersiedelung der ganzen Gesellschaft nach Holland, und schon waren die letzten Vorstellungen angekündigt, in denen Miß Smithson auftreten sollte. Ich hütete mich, hinzugehen. Wie gesagt: Julien oder Ophelien auf der Bühne wiederzusehen, dieser Schmerz wäre über meine Kräfte gegangen. Aber als von der Opéra-Comique eine Benefizvorstellung für den französischen Schauspieler Huet veranstaltet ward, eine Vorstellung, in der zwei Akte des Shakespearischen Romeo mit Miß Smithson und Abott gespielt werden sollten, da setzte ich mir in den Kopf, meinen Namen auf dem Anschlagzettel neben dem der großen Tragödin zu sehen. Ich hoffte, einen Erfolg vor ihren Augen zu erringen, und, erfüllt von diesem kindischen Gedanken, ging ich zum Direktor der Opéra-Comique und bat ihn, in das Programm für Huet eine Ouvertüre von mir aufzunehmen. Der Direktor, im Einverständnis mit dem Kapellmeister, willigte darein. Als ich zur Probe ins Theater kam, beendeten gerade die englischen Künstler die ihre zu Romeo und Julie; sie waren bei der Szene in der Gruft. In dem Augenblicke, da ich eintrat, schloß Romeo, außer sich, Julien in seine Arme. Mein Blick fiel unwillkürlich auf die shakespearische Gruppe. Ich stieß einen Schrei aus und entfloh händeringend. Julie hatte mich bemerkt und gehört ... ich flößte ihr Furcht ein. Sie beschrieb mich den Schauspielern, die mit ihr auf der Bühne waren, und bat sie, auf den Gentleman acht zu geben, dessen Augen nichts Gutes kündeten.

Nach einer Stunde kehrte ich zurück, das Theater war leer. Als das Orchester versammelt war, wurde meine Ouvertüre probiert. Ich hörte zu wie ein Nachtwandler, ohne das geringste dazu zu bemerken. Die Mitwirkenden klatschten Beifall, und ich begann für die Wirkung des Stücks auf das Publikum und für die Wirkung meines Erfolges auf Miß Smithson zu hoffen. Armer Narr!!!

Es ist schwierig, sich eine Vorstellung von der tiefen Verständnislosigkeit der Welt zu machen, in der ich lebte.

In Frankreich wird, in einer Benefizvorstellung, eine Ouvertüre, sei es nun die zum Freischütz oder zur Zauberflöte, lediglich als Vorspiel betrachtet, dem die Hörer nicht die geringste Aufmerksamkeit schenken. Außerdem kann eine solche Ouvertüre, wenn sie isoliert steht und von einem kleinen Orchester, wie dem der Opéra-Comique, gespielt wird, nur einen recht mittelmäßigen musikalischen Eindruck machen, selbst wenn man ihr mit Sammlung folgt. Ferner kommen die großen Schauspieler, die in solchen Fällen vom Benefizianten um ihre Mitwirkung gebeten worden sind, erst in dem Augenblick ins Theater, der ihre Anwesenheit notwendig macht; sie beachten zum Teil das Programm gar nicht, interessieren sich überhaupt nicht dafür. Sie haben Eile, in ihre Garderobe zu kommen, um sich anzuziehen, und bleiben keinen Augenblick auf der Bühne, um bei etwas zuzuhören, das sie nichts angeht. Ich hatte mir also nicht gesagt: sollte meine Ouvertüre – wie nicht zu erwarten – in dieser Umgebung ausnahmsweise großen Erfolg haben und unter lauten Beifallsrufen vom Publikum da capo verlangt werden, so erführe doch Miß Smithson diesen Vorgang nicht einmal, wenn sie, in der Garderobe ihre Rolle überdenkend, von ihrer Zofe angekleidet würde. Und bemerkte sie es auch, das große Ereignis! »Was ist das für ein Lärm?« würde sie sagen, wenn sie das Klatschen hörte. – »Ach, nichts, gnädiges Fräulein; eine Ouvertüre, die wiederholt werden soll.« Überdies, ob ihr nun der Komponist dieser Ouvertüre bekannt gewesen wäre oder nicht, ein Erfolg von so geringer Bedeutung hätte nicht genügen können, ihre Gleichgültigkeit gegen jenen in Liebe zu verwandeln. Nichts war klarer, als das.

Meine Ouvertüre ward gut gespielt, freundlich aufgenommen, aber nicht wiederholt, und Miß Smithson merkte nicht das geringste. Nach einem neuen Triumph in ihrer Lieblingsrolle reiste sie andern Tages nach Holland ab. Durch Zufall (an den sie nie geglaubt) hatte ich in der Rue Richelieu 96 Wohnung genommen, fast gegenüber dem Stockwerk, das sie an der Ecke der Rue Neuve-Saint-Marc bewohnte.

Seit dem Abend des verflossenen Tages hatte ich, bis drei Uhr nachmittags, ausgestreckt auf meinem Bett gelegen, gebrochen, sterbend; nun stand ich auf und ging, wie gewöhnlich, mechanisch ans Fenster. Eine jener wohlfeilen, feigen Grausamkeiten des Schicksals wollte es, daß ich sah, wie gerade in diesem Augenblick Miß Smithson in den Wagen vor ihrer Tür stieg, um nach Amsterdam abzureisen.

*

Es ist sehr schwer, ein Leiden, gleich dem meinen, zu beschreiben; das Herzweh, die schauderhafte Einsamkeit, die Leere der Welt, die tausend Marter, die mir mit dem Blut eisig durch die Adern rannen, den Abscheu vor dem Leben und die Unmöglichkeit zu sterben. Selbst Shakespeare hat nie versucht, einen Begriff davon zu geben. Er hat nur, im Hamlet, diesen Schmerz den grausamsten Übeln des Lebens beigezählt.

Ich komponierte nicht mehr; mein Verstand schien im selben Maße zu schwinden, als meine Empfindsamkeit wuchs. Ich tat nichts, rein nichts ... als leiden.

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