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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 26
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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23.

Der Hausmeister des Instituts. Seine Enthüllungen.

 

Es gab zu meiner Zeit einen alten Portier am Institut, namens Pingard, dem all das einen höchst spaßigen Unwillen erregte. Das Amt des braven Mannes zur Zeit des Wettbewerbs war, uns in die Logen einzuschließen, uns spät und früh die Türen zu öffnen, und unsern Verkehr mit den Besuchern in den freien Stunden zu überwachen. Bei den Herrn Akademikern hatte er unter anderm die Pflichten eines Pedells und war infolgedessen bei allen geheimen und öffentlichen Sitzungen zugegen, wo er eine ganze Anzahl merkwürdiger Beobachtungen machte.

Mit sechzehn Jahren war er als Schiffsjunge an Bord einer Fregatte gekommen, hatte fast alle Sundainseln durchquert und wollte bei einem Aufenthalt in Java durch die Gesundheit seiner Konstitution, mit acht andern, der Pest entronnen sein, die die ganze Mannschaft hingerafft hatte.

Ich hegte stets eine besondere Vorliebe für alte Reisende, vorausgesetzt, daß sie mir irgendeine wunderbare Geschichte zu erzählen hatten. In diesem Falle höre ich ihnen mit ruhiger Aufmerksamkeit und unaussprechlicher Geduld zu. Ich folge allen ihren Abschweifungen, den letzten Verästelungen ihrer nebensächlichsten Nebenepisoden; und wenn dann der Erzähler den Rückweg zu seinem Hauptgegenstand zu spät antritt, nicht weiß, wo aus und ein, und, um den abgerissenen Faden seiner Geschichte wieder zu finden, sich an die Stirn schlägt mit den Worten: »Mein Gott! wo war ich doch? ...«, dann bin ich glücklich, wenn ich seine Gedanken auf die rechte Spur bringen, ihm den gesuchten Namen, das vergessene Datum zuwerfen kann, und mit wahrer Genugtuung höre ich dann seinen Freudenschrei: »Ach, ja, ja! Richtig, jetzt hab ich's wieder!« So waren wir denn die besten Freunde, Papa Pingard und ich. Er hatte mich von allem Anfang an hoch geschätzt, weil es mir Vergnügen machte, mit ihm über Batavia, Celebes, Coromandel, Borneo, Sumatra zu reden; weil ich ihn des öfteren neugierig über die Javanerinnen ausgefragt hatte und über ihre Liebe, die für den Europäer ein Verhängnis ist; der Schäker hatte nämlich so schreckliche Streiche mit ihnen gemacht, daß es einen Augenblick schien, als wolle die Auszehrung die Versäumnisse der Cholera bei ihm nachholen. Als eines Tages von Syrien die Rede war, und ich die Rede auf Volney brachte, den guten, schlichten Grafen Volney, der immer blauwollene Strümpfe trug, wuchs ich in seiner Achtung noch um ein Erkleckliches; aber seine Begeisterung kannte keine Grenzen, als ich ihn fragte, ob er Levaillant, den berühmten Reisenden, gekannt.

– »Herrn Levaillant! ... Herrn Levaillant!« rief er lebhaft, »ob ich ihn kannte! ... Eines Tages, wissen Sie, spazierte ich pfeifend am Kap der guten Hoffnung ... ich erwartete nämlich eine kleine Negerin, mit der ich mich am Strande verabredet hatte; denn – unter uns – es gab Gründe, weshalb sie mich nicht besuchte. Ich sagte gerade ...«

– »Wohl, wohl, wir sprachen von Levaillant.«

– »Ach ja! Nun also! Eines Tages ging ich pfeifend am Kap der guten Hoffnung spazieren, da wandte sich ein großer, dunkler Mann mit einem Sappeurbart nach mir um: er hatte mich französisch pfeifen hören und daran erkannte er mich anscheinend.

– Sag doch, Bursch, redete er mich an, bist du Franzose?

– Das will ich meinen! antwortete ich, ich bin aus Givet, Departement Ardennen, dem Lande Méhuls. Méhul stammt wirklich aus Givet, aber ich zweifle, ob er schon auf der Welt war, zur Zeit, als Pingard mit Levaillant von ihm gesprochen haben will.

– Dann bist du also Franzose?

– Ja.

– Soso! ... Und er wandte mir den Rücken. Sagen Sie selbst, ob ich ihn kannte.«

Papa Pingard war also mein Freund. Als solchen behandelte er mich auch und teilte mir Dinge mit, die er sich gehütet hätte, einem andern, als mir, zu entdecken. Ich erinnere mich einer sehr lebhaften Unterhaltung, am Tage, da ich den zweiten Preis bekam. Wir hatten beim Wettbewerb diesmal eine Episode aus Tasso bekommen: Herminia legt die Rüstung Clorindens an und verläßt im Schutze dieser Verkleidung die Mauern Jerusalems, um dem verwundeten Tancred die Pflege ihrer treuen, unglücklichen Liebe angedeihen zu lassen.

In der dritten Arie (denn es gab in diesen Institutskantaten immer drei Arien; zuerst erscheint die obligate Morgenröte, dann kommt das erste Rezitativ, gefolgt von der ersten Arie, dann das zweite Rezitativ, gefolgt von der zweiten Arie, dann das dritte Rezitativ, gefolgt von der dritten Arie, alles für dieselbe Person) – in der dritten Arie also kamen folgende vier Verse vor:

Du Gott der Christen, Unbekannter,
den ich verachtend einst geschmäht,
in scheuer Demut nun genannter,
nimm gnädig an mein schwach Gebet!

Ich war so dreist, zu denken, dieser letzte Vierzeiler müsse, trotzdem das letzte Stück mit »Arie im bewegten Tempo« überschrieben war, ein Gebet sein, und es kam mir unmöglich vor, den Christengott durch die zitternde Königin von Antiochia mit melodramatischem Geschrei und einem verzweifelten Orchester anrufen zu lassen. Ich komponierte also ein Gebet, und sicherlich!, wenn etwas an meiner Partitur gut war, so war es dies Andante.

Als ich am Abend des endgültigen Urteils ins Institut kam, um mein Geschick zu erfahren und zu hören, ob die Maler, Bildhauer, Stempelschneider, Kupferstecher mich für einen guten oder schlechten Musiker erklärt hätten, begegne ich Pingard auf der Treppe.

– »Nun,« frage ich, »was haben sie beschlossen?«

– »Ach! ... Sie sind's, Berlioz, ... wahrhaftig, das freut mich! Ich suchte nach Ihnen.«

– »Was habe ich bekommen? Lassen Sie schnell hören! Einen ersten Preis, einen zweiten, eine ehrenvolle Erwähnung oder gar nichts?«

– »Oh! Ich bin noch ganz aufgeregt, wissen Sie. Wenn ich Ihnen sage: es hat Ihnen nur an zwei Stimmen zum ersten Preis gefehlt.«

– »Potz Tausend, davon wußte ich nichts; es ist das erste, was ich höre.«

– »Aber wenn ich Ihnen sage! ... Sie haben den zweiten Preis, ganz gut; aber es haben nur zwei Stimmen gefehlt, und Sie hätten den ersten bekommen. Oh! das hat mich so geärgert, wissen Sie! Weil – sehen Sie: ich bin weder Maler, noch Architekt, noch Stempelschneider, und deshalb verstehe ich gar nichts von Musik; aber darum hat mir doch Ihr ›Gott der Christen‹ ein gewisses Kribbeln im Herzen verursacht, es hat mich richtig gebeutelt. Und, Teufel auch, wissen Sie, wenn ich Ihnen in diesem Moment begegnet wäre, so hätte ich Ihnen ... hätte ich Ihnen eine Halbe bezahlt.«

– »Danke, danke, mein lieber Pingard, Sie sind zu gütig. Sie verstehen was, Sie haben Geschmack. Übrigens, haben Sie nicht die Küste von Coromandel bereist?«

– »Will's glauben! Aber warum?«

– »Die javanischen Inseln?«

– »Ja, aber ...«

– »Die sumatranischen?«

– »Ja.«

– »Die bornesischen?«

– »Ja.«

– »Sie waren mit Levaillant liiert?«

– »Und ob! Wie zwei Finger meiner Hand.«

– »Sie sprachen oft mit Volney?«

– »Mit dem Grafen de Volney, der blaue Strümpfe trug?«

– »Ja.«

– »Ganz gewiß.«

– »Nun also! Dann können Sie auch über Musik mitreden.«

– »Wieso?«

– »Das ›Warum‹ ist Nebensache. Wenn man Sie zufällig fragt: mit welchem Rechte beurteilen Sie junge Komponisten; sind Sie Maler, Kupferstecher, Architekt, Bildhauer? – so brauchen Sie nur zu antworten: nein, ich bin ... Reisender, Seemann, Freund von Levaillant und Volney. Das ist mehr, als genug. Ach ja! richtig –: wie ist denn die Sitzung verlaufen?«

– »Oh, wissen Sie, reden wir lieber nicht davon; immer dieselbe Geschichte. Ich könnte dreißig Kinder haben, aber der Teufel soll mich holen, wenn ich eins davon Künstler werden ließe. Denn ich, ich sehe alles, wie es ist. Sie kennen die verdammte Wirtschaft nicht ... Zum Beispiel geben sie sich untereinander Stimmen, ja verkaufen sie sogar. Einmal, wissen Sie, beim Wettbewerb in Malerei, hörte ich, wie Herr Lethière Herrn Cherubini um seine Stimme für einen seiner Schüler bat. ›Wir sind alte Freunde,‹ sagte er, ›du wirst mir das nicht abschlagen. Übrigens hat mein Schüler Talent, sein Bild ist sehr gut.‹ – ›Nein, nein, nein, ich mag nicht, ich mag nicht,‹ antwortete der andere. ›Dein Schüler hat mir ein Album für meine Frau versprochen und hat ihr nicht einmal einen Baum gezeichnet. Ich gebe ihm meine Stimme nicht.‹

– ›Ach, du tust sehr unrecht,‹ sagte Herr Lethière zu ihm, ›du weißt, ich stimme für die deinen und du willst nicht für meine stimmen?‹ – ›Nein, ich will nicht.‹ – ›Nun, dann will ich dein Album selbst machen, da!, mehr kann ich nicht sagen.‹ – ›Ah, das ist etwas anderes. Wie heißt dein Schüler? Ich vergesse immer seinen Namen. Gib mir auch seinen Vornamen und die Nummer des Bildes an, damit ich nichts verwechsle. Ich will mir alles aufschreiben.‹ – ›Pingard!‹ – ›Bitte!‹ – ›Papier und Bleistift.‹ – ›Hier.‹ – Sie treten in die Fensternische, schreiben drei Worte, und dann höre ich, beim Zurückgehen, den Musiker zum andern sagen: ›Gut! er hat meine Stimme.‹

Nun, ist so was nicht scheußlich? Und wenn ich einen Sohn beim Wettbewerb hätte und man spielte ihm solche Streiche, wäre da was dabei, wenn ich mich aus dem Fenster stürzte? ...«

– »Nun, beruhigen Sie sich nur, Pingard, und sagen Sie mir, wie sich heute alles zugetragen hat.«

– »Ich sagte Ihnen schon, Sie haben den zweiten Preis, und es haben Ihnen zum ersten nur zwei Stimmen gefehlt. Als Herr Dupont Ihre Kantate gesungen hatte, fingen sie an, ihre Zettel zu schreiben und ich habe die Hurne Die Urne. Der gute Pingard pflegte das Gefäß hartnäckig so zu nennen. gebracht. Auf meiner Seite saß ein Musiker, der leise mit einem Architekten sprach; er sagte zu ihm: ›Sehen Sie, der wird es nie zu etwas bringen; geben Sie ihm Ihre Stimme nicht, der junge Mann ist verloren. Er hat nur Bewunderung für die Schamlosigkeiten Beethovens; er wird nie mehr auf den guten Weg zurückfinden.‹

– ›Glauben Sie?‹, sagte der Architekt. ›Indes ...‹

– ›Oh, ganz sicher! Übrigens, fragen Sie unsern berühmten Cherubini. Ich hoffe, Sie zweifeln nicht an seiner Erfahrung. Er wird Ihnen sagen, wie ich, daß der junge Mensch verrückt ist, daß Beethoven ihm den Kopf verdreht hat.‹

Verzeihung,« unterbrach sich hier Pingard, »aber wer ist eigentlich dieser Herr Beethoven? Er ist nicht vom Institut, und doch spricht alle Welt von ihm.«

– »Nein, er ist nicht vom Institut. Er ist Deutscher. Fahren Sie fort.«

– »Ach, mein Gott, es hat nicht lange gedauert. Als ich die Hurne dem Architekten reichte, sah ich, daß er seine Stimme der Nummer 4 gab, statt Ihnen, und da war's geschehen. Plötzlich stand ein Musiker auf und sagte: ›Meine Herrn, bevor wir weiter gehen, muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß in der zweiten Arie aus der Partitur, die wir gerade hörten, das Orchester sehr sinnreich behandelt ist. Das Klavier kann die Arbeit, die sehr wirkungsvoll sein muß, nicht wiedergeben. Es ist gut, das zu wissen.‹

– ›Was, zum Kuckuck, redest du da für Töne,‹ antwortete ein anderer Musiker, ›dein Schüler ist ja im Widerspruch mit dem Programm. Statt einer Arie im bewegten Tempo hat er zwei geschrieben, und mittendrein hat er ein Gebet geschoben – was er gar nicht durfte. Man darf die Bestimmungen nicht so mißachten. Man muß ein Exempel statuieren.‹ – ›O, das geht zu weit! Was sagt der Herr Sekretär dazu?‹

– ›Ich glaube, das ist ein wenig streng, und man kann die Lizenz, die Ihr Schüler sich erlaubt hat, gelten lassen. Aber es ist wichtig, daß die Jury über die Art des Vorzuges, auf den Sie hinweisen, und den die Ausführung auf dem Klavier nicht hat erkennen lassen, aufgeklärt werde.‹

– ›Nein, nein, das ist nicht wahr,‹ sagte da Herr Cherubini, ›der angebliche Instrumentaleffekt existiert nicht; es ist nichts, als ein unverständliches Wühlen, das im Orchester abscheulich klingen würde.‹

– ›Je nun, meine Herrn, hören Sie!‹ sagten nun von allen Seiten die Maler, Bildhauer, Architekten und Graveure, ›wir können nur das beurteilen, was wir verstehen, und im übrigen, wenn Sie nicht einig sind ...‹

– ›Doch!‹

– ›Nein!‹

– ›Aber, mein Gott!‹

– ›Ach was! Zum Henker!‹

– ›Ich sage Ihnen aber ...‹

– ›Machen wir voran!‹

Schließlich schrien sie alle durcheinander, und als sie das langweilte, gingen Herr Regnault und zwei andere Maler weg; sie sagten, sie verzichteten und würden nicht abstimmen. Darnach zählte man die Zettel, die in der Hurne waren, und es fehlten Ihnen zwei Stimmen. So kam es, daß Sie nur den zweiten Preis erhalten haben.«

– »Ich danke Ihnen, mein guter Pingard. Aber, sagen Sie mir, passiert so etwas auch an der Akademie des Kaps der guten Hoffnung?«

– »Oh! Sehe einer! Welche Possen! Eine Akademie am Kap! Ein Hottentotteninstitut! Sie wissen schon, daß es das nicht gibt.«

– »Wirklich! Und bei den Indiern auf Coromandel?«

– »Nichts da.«

– »Und bei den Malaien?«

– »Auch nicht.«

– »So, so! Aber gibt es denn im Orient keine Akademie?«

– »Sicherlich nicht.«

– »Die armen Orientalen!«

– »Ach ja, sie haben nichts zu lachen.«

– »Die Barbaren.«

Hierauf verließ ich den alten Beschließer, Portier und Pedellen des Instituts und sann über den ungeheuren Vorteil nach, den es brächte, wenn man die Akademie zu Zivilisierungszwecken nach der Insel Borneo schickte. Ich erwog schon den Plan zu einem Entwurf, den ich an die Akademiker selbst schicken wollte, worin sie aufgefordert werden sollten, wie Pingard, ein bißchen am Kap der guten Hoffnung spazieren zu gehen. Aber wir sind so egoistisch, wir Okzidentalen, unsere Menschenliebe ist so schwach, daß mich die armen Hottentotten, die unglücklichen Malaien, die keine Akademie haben, nicht länger, als zwei bis drei Stunden ernstlich beschäftigten. Andern Tages dachte ich nicht mehr daran. Nach zwei Jahren bekam ich, wie man sehen wird, endlich den ersten, den großen Preis. Inzwischen war der redliche Pingard gestorben und das war sehr schade; denn wenn er meinen ›Brand‹ des sardanapalischen Palastes gehört hätte, er wäre diesmal imstande gewesen, mir eine ganze Maß zu zahlen.

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