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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 25
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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22.

Das Preisausschreiben für Komposition. Die Bestimmungen der Akademie der schönen Künste. Ich erhalte den zweiten Preis.

 

So ward ich Tag und Nacht von meiner shakespearischen Liebe zerrissen, deren schmerzenreiche Heftigkeit durch die Offenbarung der Werke Beethovens – weit entfernt, daß sie mich zerstreut hätten – zu wachsen schien; war mit unförmigen musikalisch-literarischen Arbeiten selten und schwach beschäftigt, träumte immer, war still und stumm, verwilderte, vernachlässigte mein Äußeres und war, meinen Freunden wie mir selbst, unerträglich. So kam der Juni des Jahres 1828, und ich meldete mich ein drittes Mal zum Wettbewerb des Instituts. Wieder ward ich zugelassen und erhielt den zweiten Preis.

Diese Auszeichnung besteht in Kränzen, die dem Preisgekrönten öffentlich überreicht werden und in einer nicht sehr wertvollen goldenen Medaille; sie gibt unter anderem ihrem Besitzer das Recht freien Eintritts in alle Opernhäuser, zahlreiche Vorteile und gute Hoffnung auf den Gewinn des ersten Preises beim nächsten Wettbewerb.

Der erste Preis gewährt viel wichtigere Rechte. Der Künstler, der ihn gewinnt, erhält fünf Jahre lang eine Pension von dreitausend Franken, unter der Bedingung, daß er die beiden ersten Jahre auf der französischen Akademie in Rom zubringe und das dritte zu Reisen in Deutschland verwende. Den Rest seiner Pension verzehrt er in Paris, wo er dann tut, was er kann, um sich bekannt zu machen und nicht Hungers zu sterben. Schließlich will ich hier eine Übersicht dessen geben, was ich vor fünfzehn oder sechzehn Jahren über die wunderliche Einrichtung dieses Wettbewerbs geschrieben habe.

Alljährlich die unter den jungen französischen Komponisten bekannt zu machen, welche die größte Gewähr für Talent bieten, sie zu ermutigen dadurch, daß man sie mit Hilfe einer Rente in den Stand setzt, fünf Jahre lang ausschließlich ihren Studien zu leben: das ist der doppelte Zweck der Einrichtung des Römerpreises, war die Absicht der Regierung, die sie ins Leben rief. Die Mittel aber, die man noch vor einigen Jahren anwandte, um diesen Doppelzweck zu erreichen, waren folgende.

Die Dinge haben sich seitdem wenig, sehr wenig geändert. Sie liegen heute ganz anders. Der Kaiser hat eben den Artikel aus den Institutsbestimmungen gestrichen, und den Preis für Komposition verleiht jetzt nicht mehr die Akademie der schönen Künste. 1865.

Die Tatsachen, die ich nun erzählen will, werden den meisten Lesern zweifellos außergewöhnlich und unwahrscheinlich vorkommen; aber ich habe beim Wettbewerb des Instituts den zweiten und den ersten Preis nacheinander erhalten und sage nichts, das ich nicht selbst gesehen hätte und dessen ich nicht vollkommen sicher wäre. Dieser Umstand erlaubt mir andererseits, alles zu sagen, was ich darüber denke, ohne Furcht, daß man dem Ärger verletzter Eitelkeit das zuschreiben möchte, was allein der Ausdruck meiner Liebe zur Kunst und meine innere Überzeugung ist.

Die Freiheit, die ich mir in diesem Punkte bereits genommen hatte, verstimmte Cherubini, den akademischsten Akademiker aller Zeiten, aufs heftigste und veranlaßte ihn zu sagen, ich habe, als ich die Akademie angriff, »meine Amme geschlagen«. Hätte ich den Preis nicht bekommen, so hätte er mich dieser Undankbarkeit zwar nicht bezichtigen können, aber ich wäre für ihn und viele andere ein Besiegter gewesen, der seine Niederlage rächt. Hieraus folgt, daß ich das verfluchte Thema von keiner Seite anfassen darf. Indessen, ich will damit beginnen und es, wie etwas ganz Gewöhnliches, ohne Schonung behandeln.

Alle Franzosen oder naturalisierten Franzosen, die noch nicht dreißig Jahre alt sind, konnten, und können nach den Bestimmungen immer noch, zum Wettbewerb zugelassen werden.

Wenn die Zeit hierzu festgesetzt war, kamen die Kandidaten auf das Sekretariat des Instituts, um sich einzuschreiben. Sie unterzogen sich einem vorbereitenden Examen, dem »vorläufigen Wettbewerb«, das den Zweck hatte, die fünf oder sechs am weitesten vorgeschrittenen Aspiranten festzustellen.

Als Aufgabe für den großen Wettbewerb hatte eine ernste lyrische Szene für eine oder zwei Stimmen und Orchester zu dienen; damit nun die Kandidaten zeigen könnten, was sie an empfindungsvoller Melodik, dramatischem Ausdruck, Kunst der Instrumentation und anderen Kenntnissen besäßen, die zu einem solchen Werk unerläßlich sind, mußten sie eine Vokalfuge komponieren. Sie durften hierzu einen Tag verwenden. Jede Fuge mußte unterzeichnet werden.

Am anderen Tage versammelte sich der Musikausschuß des Instituts, las die Fugen durch und traf eine, sehr oft parteiische, Auswahl; denn eine gewisse Anzahl der mit Namen versehenen Manuskripte gehörte immer Schülern der Herren von der Akademie an.

Wenn die Urteile gesammelt und die Bewerber bezeichnet waren, mußten sich diese bald darauf vorstellen, den Text der Szene entgegennehmen, die zu komponieren war, und sich in Klausur begeben. Der ständige Sekretär der Akademie der schönen Künste diktierte ihnen allzumal die klassische Dichtung, fast immer mit dem Anfang:

»Schon hebt Aurora ihre Rosenfinger«

oder: »Schon küßt der junge Tag die Welt«

oder: »Schon will mit sanftem Licht der Horizont sich färben«

oder: »Schon naht des blonden Phoebus Sonnenwagen«

oder: »Schon schmückt die fernen Berge purpurgolden«

usw. usw.

Die Kandidaten bewaffneten sich hierauf mit ihrem glanzvollen Poem und wurden, bis zur Beendigung ihrer Partitur, in je ein Zimmer mit Klavier, die »Loge«, eingeschlossen. Vormittags um elf und abends um sechs Uhr kam der Schließer, der die Schlüssel zu jeder Loge hatte, und öffnete den Gefangenen, die sich versammelten, um ihre Mahlzeit gemeinsam einzunehmen; es war ihnen aber verboten, das Institutsgebäude zu verlassen.

Alles, was sie von draußen bekamen, Papiere, Briefe, Bücher, Wäsche, wurde sorgfältig untersucht, damit die Bewerber von niemand Rat oder Hilfe erhalten möchten. Das hinderte nicht, ihnen den Empfang von Besuch im Hofe des Instituts zu gestatten, und zwar täglich von sechs bis acht Uhr abends, ja sogar die Einladung ihrer Freunde zu fröhlichen Gelagen, wo man sich, Gott weiß was alles, mündlich oder schriftlich, zwischen dem Bordeaux und dem Champagner mitteilen konnte. Die zur Komposition bestimmte Frist betrug drei Wochen. Die Komponisten, die vor dieser Zeit fertig waren, durften frei ausgehen, nachdem sie zuvor ihr Manuskript abgegeben hatten; dieses mußte immer numeriert und mit Namen versehen sein.

Wenn alle Partituren abgeliefert waren, versammelte sich der lyrische Areopag von neuem und zog bei dieser Gelegenheit zwei Mitglieder aus den andern Abteilungen des Instituts hinzu: z. B. einen Bildhauer und einen Maler, oder einen Kupferstecher und einen Architekten, oder einen Bildhauer und einen Kupferstecher, oder einen Architekten und einen Maler, oder auch zwei Kupferstecher oder zwei Maler oder zwei Architekten oder zwei Bildhauer. Die Hauptsache war, daß es keine Musiker sein durften. Sie hatten Stimmrecht und die Aufgabe, eine ihnen fremde Kunst zu beurteilen.

Wie gesagt, wurden alle diese Szenen für Orchester nach der Reihe angehört, und zwar in einer Vorführung am Klavier durch einen einzigen Begleiter! ... (Und so ist es heute noch.)

Man behaupte nicht, es sei möglich, eine so zugerichtete Orchesterkomposition nach ihrem wahren Werte zu beurteilen; nichts ist falscher, als das. Das Klavier kann eine Vorstellung von einem Werke für Orchester geben, wenn man es schon in vollständiger Ausführung gehört hat. Dann erwacht das Gedächtnis, ergänzt das Fehlende, und die Erinnerung tut so das ihre. Aber, beim jetzigen Stande der Musik, ist das bei einem neuen Werk unmöglich. Eine Partitur, wie die des Oedipus von Sacchini oder jede andre dieser Schule, verlöre bei einem solchen Versuche fast nichts, da eine eigentliche Instrumentation nicht existiert. Aber für keine moderne Komposition träfe das zu, vorausgesetzt, daß der Autor von den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, Gebrauch gemacht hat. Spielt doch einmal den »Kommunionsmarsch« aus Cherubinis Messe auf dem Klavier! Was würde aus den köstlichen gehaltenen Tönen der Blasinstrumente, die einen in mystisches Entzücken versetzen? Aus den bezaubernden Einflechtungen der Flöten und Klarinetten, aus denen fast die ganze Wirkung besteht? Sie verschwänden gänzlich, da das Klavier einen Ton weder anblasen noch aushalten kann. Begleitet doch einmal die Arie des Agamemnon, in Glucks »Iphigenie in Aulis«, auf dem Klavier! Bei dem Vers:

Es hallt in meinem Herzen wieder
die bange Klage der Natur!

– hat die Oboe ein Solo von einschneidender, wahrhaft bewundernswerter Wirkung. Auf dem Klavier würden, statt einer rührenden Klage, die Noten dieses Solos je den Ton eines Glöckchens ergeben und weiter nichts. Die Idee, der Gedanke, die Eingebung wären vernichtet oder doch entstellt. Zu geschweigen von den großen Orchesterwirkungen, den reizvollen Gegensätzen der Saiten- und Blasinstrumente, von der Verschiedenheit der Klangfarben, wodurch sich die Blechinstrumente von den Holzbläsern abheben, von den geheimnisvollen oder großartigen Wirkungen des Schlagzeugs, je nachdem man es zart verwendet oder seine gewaltige Macht und Stärke entfalten läßt, von den packenden Effekten, die man durch die Entfernung der einzelnen Abteilungen des Klangkörpers voneinander erzielt, zu geschweigen auch von hundert andern Einzelheiten, deren Anführung zu weitläufig wäre. Ich sage nur: hier zeigt sich die Ungerechtigkeit und Albernheit der Bestimmungen so häßlich wie möglich. Ist es nicht ersichtlich, daß das Klavier, welches alle Orchestereffekte zerstört, allein dadurch schon alle Komponisten gleichmacht? Der Geschickte, Gründliche, Erfindungsreiche wird auf die Stufe des Unwissenden herabgedrückt, der nicht einmal die Anfänge dieses Kunstzweiges kennt. Dieser könnte Posaunen anstatt der Klarinetten, Ophikleïden an Stelle der Fagotte geschrieben haben, dürfte die gröbsten Mißgriffe gemacht haben, nicht einmal den Umfang der verschiedenen Instrumente kennen; während der andere das Orchester auf das großartigste behandelt haben könnte, ohne daß, bei solcher Ausführung, eine Unterscheidung beider möglich wäre. Das Klavier ist für die Instrumentalkomponisten eine wahre Guillotine, mit der Bestimmung, alle vornehmen Köpfe abzuschlagen, wobei allein der Pöbel nichts zu fürchten hat.

Wie dem auch sei, – wenn die Szenen solcher Art vorgeführt worden sind, schreitet man zur Wahl durch Stimmzettel (ich spreche im Präsens, weil sich nichts daran geändert hat). Der Preis wird erteilt. Du glaubst, es sei fertig? Irrtum. Nach acht Tagen versammeln sich alle Sektionen der Akademie der schönen Künste zum endgültigen Urteil. Die Maler, Bildhauer, Architekten, Stempel- und Holzschneider bilden diesmal ein ehrfurchtgebietendes Kunstgericht von dreißig oder fünfunddreißig Mitgliedern, von dem indes die sechs Musiker nicht ausgeschlossen werden. Diese sechs Mitglieder der Musikabteilung können, bis zu einem gewissen Grade, der unvollkommenen, untreuen Wiedergabe auf dem Klavier dadurch zu Hilfe kommen, daß sie die Partituren mitlesen. Aber diese Auskunft wäre für die andern Akademiker nicht vorhanden, da sie nichts von Musik verstehen.

Wenn die Ausübenden, Sänger und Pianist, jede Partitur ein zweites Mal, nach dem Muster des ersten, vorgetragen haben, zirkuliert die verhängnisvolle Urne, die Zettel werden gezählt, und das vor acht Tagen von der Musikabteilung gefällte Urteil wird noch einmal analysiert und dann von der Majorität bestätigt, verändert oder – umgestoßen.

Der Preis für Musik wird also von Leuten verliehen, die keine Musiker, ja die nicht einmal in der Lage sind, die Partituren so zu hören, wie sie gedacht sind, unter denen sie, dank abenteuerlicher Vorschriften, eine Wahl treffen sollen.

Gerechterweise muß ich hinzufügen, daß, wenn die Maler, Kupferstecher usw. die Musiker beurteilen, diese ihnen denselben Dienst beim Wettbewerb in Malerei, Stecherei usw. erweisen, wobei die Preise ebenso von der Stimmenmehrzahl der vereinigten akademischen Sektionen abhängen. Aber, Hand aufs Herz: wenn ich die Ehre hätte, der gelehrten Körperschaft anzugehören, und sollte einem Kupferstecher oder Architekten den Preis zuerkennen, so könnte ich kaum einen andern Beweis meiner Unparteilichkeit geben, als den Namen des Gewinners auszulosen.

Am hohen Tage der Preisverteilung wird dann die von den Bildhauern, Malern und Kupferstechern bevorzugte Kantate vollständig aufgeführt; ein wenig spät: es hätte zweifellos mehr Sinn gehabt, das Orchester vor der Entscheidung zu bestellen. Die durch diese verspätete Aufführung verursachten Kosten sind ziemlich überflüssig, da an der getroffenen Entscheidung nichts mehr rückgängig zu machen ist. Aber die Akademie ist neugierig: sie möchte das von ihr gekrönte Werk auch kennen lernen ... und das ist ein ganz natürlicher Wunsch! ...

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