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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 23
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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20.

Erscheinen Beethovens im Konservatorium. Gehässige Zurückhaltung der französischen Meister. Welchen Eindruck die C-Moll-Sinfonie auf Lesueur machte. Er verharrt bei seiner aus seinem System fließenden Ansicht.

 

Im Leben des Künstlers folgen sich die Donnerschläge manchmal ebenso schnell, wie bei einem großen Unwetter, wo sich die mit Elektrizität überladenen Wolken scheinbar den Blitz zusenden und den Sturm zublasen.

Eben erst hatte ich zwei Erscheinungen geschaut: Shakespeare und Weber, und schon sah ich an einem andern Punkte des Horizonts den Riesen Beethoven sich erheben. Die Erschütterung, die ich durch ihn erfuhr, glich fast der, die mir durch Shakespeare zuteil geworden. Er öffnete mir eine neue Welt der Musik, wie der Dichter mir ein neues Weltall der Dichtung erschlossen hatte.

Unter der tätigen, begeisterten Leitung Habenecks hatte sich gerade die Konzertgesellschaft des Konservatoriums gebildet. Trotz der schweren Irrtümer dieses Künstlers und trotz seiner Nachlässigkeiten gegenüber dem großen Meister, den er anbetete, muß man seine guten Absichten, selbst seine Befähigung, anerkennen und gerechterweise sagen, daß die ruhmreiche Popularisierung Beethovens in Paris ihm allein zu verdanken ist. Er mußte große Anstrengungen machen zur Gründung der schönen Einrichtung, die heute in der ganzen zivilisierten Welt bekannt ist; er mußte durch seinen Feuereifer eine große Anzahl Musiker mitfortreißen, deren Gleichgültigkeit ihm aufsässig ward, wenn er ihnen zahlreiche Proben und ebenso ermüdende, wie wenig gewinnbringende Arbeit in Aussicht stellte, um dadurch eine gute Aufführung dieser Werke zu ermöglichen, die damals allein durch ihre ungewöhnlichen Schwierigkeiten bekannt waren.

Er hatte also – und das war nicht die kleinste seiner Sorgen – gegen heimlichen Widerstand anzukämpfen, gegen eine mehr oder minder verhehlte Mißbilligung, gegen den Spott und die vorsätzliche Stummheit der französischen und italienischen Komponisten, die sehr wenig erbaut davon waren, daß man einem Deutschen einen Tempel errichtete, einem Deutschen, dessen Werke sie als Ungeheuerlichkeiten ansahen, die dennoch ihnen und ihrer Schule furchtbar wurden. Welch abscheuliche Schmähworte hörte ich bald den, bald jenen sagen über diese Wunder des Könnens und der Erfindungskraft!

Mein Lehrer Lesueur, bei alledem ein Ehrenmann, dem Gehässigkeit und Neid fremd waren, der seine Kunst liebte, aber jenen musikalischen Dogmen anhing, die ich Vorurteile und Narreteien zu nennen wage, ließ in diesem Sinne ein bezeichnendes Wort fallen. Wiewohl er, ziemlich zurückgezogen, seinen Arbeiten lebte, war doch der Lärm, der durch die ersten Konzerte des Konservatoriums und die Sinfonien Beethovens in der musikalischen Welt von Paris entstanden war, im Fluge zu ihm gelangt. Er wunderte sich um so mehr, als er, mit der Mehrzahl seiner Kollegen vom Institut, die Instrumentalmusik als untergeordnetes Genre ansah, als eine Art schätzbarer Kunst, aber von minderem Werte, der, nach seiner Meinung, von Haydn und Mozart unverrückbare Grenzsteine gesetzt waren.

Nach dem Beispiele also von Berton, der auf die ganze neudeutsche Schule mitleidig herabsah; von Boïeldieu, der nicht recht wußte, was davon zu halten, und kindlich überrascht war bei den einfachsten harmonischen Folgen, wenn sie nur ein wenig über die drei Akkorde hinausgingen, die er sein Lebenlang gewohnt war; wie Cherubini, dem die Galle schwoll, und der sie doch nicht auszugießen wagte über den Meister, dessen Erfolge ihn im innersten aufbrachten, da sie das Gebäude seiner Lieblingstheorien untergruben; wie Paër, der mit italienischer Arglist von Beethoven, den er gekannt haben wollte, Geschichten erzählte, die mehr oder minder ungünstig für den großen Mann, schmeichelhaft für den Erzähler waren; wie Catel, der mit der Musik schmollte und sich einzig mit seinem Garten und seinen Rosensträuchern abgab; endlich wie Kreutzer, der mit Berton die unverschämte Geringschätzung gegen alles teilte, was über den Rhein zu uns kam: – wie alle diese Meister schwieg Lesueur, trotz dem Bewunderungsfieber, von dem er die Künstler allgemein, besonders mich, ergriffen sah; er schwieg, stellte sich taub und hielt sich sorgsam vom Besuche der Konservatoriumskonzerte fern. Wäre er hingegangen, so hätte er sich ein Urteil über Beethoven bilden und es aussprechen müssen, hätte Zeuge der wütenden Begeisterung sein müssen, die der Meister hervorrief, und das wollte Lesueur nicht, wenngleich er sich's nicht eingestand. Demungeachtet ruhte ich nicht, redete ihm soviel von der Pflicht vor, die er hätte, eine so außerordentliche Tat, wie den Aufschwung unserer Kunst zu diesem neuen Stil, persönlich kennen zu lernen und zu würdigen, sprach soviel über die ungeheure Weite der Formen, daß er sich schließlich an einem Tage, wo Beethovens C-Moll-Sinfonie gespielt wurde, bereit erklärte, mit ins Konservatorium zu gehen. Er wollte gewissenhaft zuhören ohne Zerstreuungen irgendwelcher Art. So setzte er sich denn allein in den Hintergrund einer Loge zu ebener Erde, die von Unbekannten eingenommen ward, und hieß mich gehen. Als die Sinfonie zu Ende war, kam ich von meinem Rang, wo ich Platz genommen, herab, um von Lesueur zu hören, was er empfunden und wie er über die außerordentliche Vorführung dächte.

Ich traf ihn in einem Seitengang; er war sehr rot und ging mit langen Schritten auf und ab. »Nun, lieber Meister?« frage ich ... – »Uff! Ich gehe, ich muß Luft haben. Das ist ja unerhört! Wunderbar! Es hat mich so bewegt, verwirrt, aufgewühlt, daß ich dachte, ich würde meinen Kopf nicht mehr finden, als ich, beim Verlassen der Loge, den Hut aufsetzen wollte! Lassen Sie mich allein. Auf morgen ...«

Ich frohlockte. Andern Tages beeilte ich mich ihn aufzusuchen. Die Unterhaltung drehte sich vom ersten Anfang an um das Meisterwerk, das uns so heftig bewegt hatte. Lesueur ließ mich eine Weile reden, meine bewundernden Ausdrücke gezwungen billigend. Aber es war leicht zu sehen, daß ich nicht mehr mit dem Manne von gestern sprach und daß ihm der Gegenstand der Unterhaltung peinlich war. Gleichwohl fuhr ich fort, bis Lesueur, gerade als ich ihm ein neues Geständnis seiner gestrigen tiefen Erregung entlockt hatte, den Kopf schüttelte und mit eigenem Lächeln sagte: »Einerlei, solche Musik muß man nicht schreiben.« – Worauf ich erwiderte: »Seien Sie ruhig, lieber Meister, man wird es nicht oft tun.«

Arme Menschennatur! ... Armer Meister! ... Es liegt in diesem Worte, das von so vielen Menschen in so manchen ähnlichen Fällen variiert wird, Starrköpfigkeit, Bedauern, Furcht vor dem Unbekannten, Neid und ein Geständnis der Ohnmacht mit einbegriffen. Denn zu sagen: »solche Musik muß man nicht schreiben«, wenn man gezwungen war, ihre Macht zu fühlen und ihre Schönheit anzuerkennen, heißt soviel, als sich hüten, dergleichen selbst zu schreiben, – aber weil man empfindet, daß man es nicht könnte, auch wenn man wollte.

Schon Haydn hatte sich in ähnlicher Weise über denselben Beethoven ausgesprochen; er nannte ihn nur »einen großen Klavierspieler«.

Grétry hat ungereimte Aphorismen derselben Art über Mozart geschrieben, der, nach seiner Ansicht, »die Statue ins Orchester und ihr Piedestal auf die Bühne gestellt« habe.

Händel behauptete, sein Koch sei mehr Musiker, als Gluck.

Rossini sagte von Webers Musik, sie mache ihm Bauchgrimmen.

Was Händel und Rossini und ihre Abneigung gegen Gluck und Weber betrifft, so darf man sie nicht den Gründen jener andern zuschreiben; ich glaube, ihr Grund ist in der Unfähigkeit der beiden Bauchmenschen zu suchen, die beiden Männer des Herzens zu verstehen. Aber der Haß, den Spontini so lange Zeit in der ganzen französischen Schule erregte, die, wie die Mehrzahl der italienischen Musiker, nach seinem Blute lechzte, leitete sich gewiß aus jenem komplizierten Gefühl her, von dem ich gerade sprach, jenem elenden, lächerlichen Gefühl, das von La Fontaine in seiner Fabel »der Fuchs und die Trauben« so bewunderungswürdig gegeißelt worden ist.

Der hartnäckige Kampf Lesueurs gegen die Augenscheinlichkeit seiner eigenen Eindrücke vollendete meine Erkenntnis der Nichtigkeit seiner Doktrinen, die er sich mir einzuschärfen bemüht hatte; und so verließ ich kurzerhand die alte breite Straße, um meinen Weg über Berg und Tal, durch Wald und Feld zu nehmen. Gleichwohl verstellte ich mich, so gut ich nur immer konnte, und Lesueur bemerkte meine »Untreue« erst viel später, als er meine neuen Kompositionen hörte, die ich mich gehütet hatte ihm zu zeigen.

Ich komme auf die Konzertgesellschaft und auf Habeneck zurück, wenn von meinen Beziehungen zu dem geschickten, aber nicht vollkommenen, launischen Kapellmeister die Rede sein wird.

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