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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 22
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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19.

Vergebliches Konzert. Ein Kapellmeister, der nicht dirigieren kann. Choristen, die nicht singen können.

 

Die Künstler, auf deren Mitwirkung im Orchester ich zählte, hatten mir diese in aller Form zugesagt, die Choristen waren engagiert, die Abschrift beendigt und der Saal allo burbero direttore entrissen; es fehlten mir also nur noch die Solisten und ein Dirigent. Bloc, der an der Spitze des Orchesters vom Odeon stand, wollte gern die Leitung des Konzerts übernehmen, der ich mich selbst nicht gewachsen fühlte; der kaum bekannte Duprez, der erst kürzlich die Schule von Choron verlassen hatte, willigte ein, eine Arie aus den Vehmrichtern zu singen, und Alexis Dupont nahm trotz einer Indisposition den »Tod des Orpheus« unter seine Fittiche, den er schon dem Preisgericht des Instituts vorzusingen versucht hatte. Ich war gezwungen, für den Sopran und den Baß des Terzetts aus den Vehmrichtern mich mit zwei Sternen der Oper zu begnügen, die weder Stimme noch Talent hatten.

Die Hauptprobe verlief, wie alle derartigen Proben, die »aus Gefälligkeit« veranstaltet werden; zu Beginn der Sitzung fehlten viele Musiker und noch mehr verschwanden vor dem Ende. Trotzdem wurden die beiden Ouvertüren, die Arie und die Kantate ziemlich gut einstudiert. Die Einleitung zu den Vehmrichtern rief im Orchester warmen Beifall hervor, und noch größere Wirkung erzielte das Finale der Kantate. Dieses Stück war textlich nicht gefordert, aber motiviert, und so hatte ich, nach dem Bacchanale, das Thema der Liebeshymne des Orpheus durch die Blasinstrumente wieder aufnehmen lassen, während das übrige Orchester mit einem Rauschen begleitet, wie wenn »die Gewässer des Ebro das bleiche Haupt des Dichters mit sich führten«, und während eine ersterbende Stimme in langen Zwischenräumen den Schmerzensschrei erhebt, von dem die Flußufer widerhallen: Eurydice! Eurydice! O unglückselige Eurydice! ...

Ich hatte mich der schönen Verse der Georgica erinnert:

Tum quoque, marmorea caput a cervice revulsum
Gurgite quum medio portans oeagrius Hebrus,
Volveret, Eurydicen, anima fugiente vocabat
Eurydicen! toto referebant flumine ripae.

Dieses musikalische Gemälde war voll seltsamer Traurigkeit; seine poetische Absicht mußte darum nicht weniger der im allgemeinen wenig belesenen Hörerschaft zu mindestens drei Vierteln entgehen; es erregte im ganzen Orchester Schauder und entfesselte einen Beifallssturm. Ich bedauere jetzt, daß ich die Partitur dieser Kantate vernichtet habe; die letzten Seiten hätten mich bestimmen sollen, sie aufzubewahren. Das Bacchanal Gerade in diesem Stück war der Klavierspieler des Instituts hängen geblieben. ward vom Orchester mit bewundernswerter Hingerissenheit vorgetragen; das übrige ging nicht so gut. A. Dupont war heiser und konnte die hohen Töne nur mit großer Mühe singen; es war sogar so schlimm, daß er mich am Abend im voraus bat, für morgen nicht auf ihn zu zählen.

Ich war also; zu meinem größten Verdruß, der Genugtuung beraubt, auf das Programm zu setzen: »Der Tod des Orpheus, lyrische Szene, von der Akademie der schönen Künste für unausführbar erklärt. Aufgeführt am ** Mai 1828.« Zweifellos schenkte Cherubini dem wahren Grunde, der mich das Stück zurückziehen ließ, keinerlei Glauben und verfehlte nicht zu behaupten, das Orchester wäre damit nicht fertig geworden.

Ich bemerkte bei dieser unglücklichen Kantate, wie wenige Kapellmeister dem launenhaften Gang des Rezitativs zu folgen vermögen, wenn sie für gewöhnlich nicht die große Oper dirigieren. Bei Bloc war dies nicht der Fall; im Odeon wurden nur Opern mit Dialog gegeben. Als daher nach der ersten Arie des Orpheus ein Rezitativ kam, das mit Zwischenspielen des Orchesters untermischt war, brachte er gewisse Einsätze der Instrumente niemals mit Sicherheit zuwege. Das veranlaßte einen anwesenden Perückenfreund zu der Bemerkung: »Ach, sagen Sie mir doch nichts über die alten italienischen Kantaten! Das ist Musik, die den Dirigenten nicht in Verlegenheit setzt; sie geht ganz von selbst.« – »Ja«, versetzte ich, »wie die alten Esel, die ihren Weg nach der Mühle ganz allein finden.«

Auf diese Art begann ich mir Freunde zu erwerben. Dem sei nun, wie ihm sei, die Kantate wurde durch das Resurrexit meiner Messe ersetzt, die dem Chor und Orchester bekannt war, und das Konzert fand statt. Vor allem fanden die beiden Ouvertüren und das Resurrexit Anerkennung und Beifall; auch die Arie, die von Duprez mit seiner damals schwachen, zarten Stimme schön zur Geltung gebracht wurde, hatte denselben Erfolg. Es war eine Anrufung des Schlafes. Aber das – erbärmlich gesungene – Terzett mit Chor ging unter anderm ohne Chor vonstatten; die Choristen hatten ihren Einsatz verfehlt und schwiegen klüglich bis zum Schluß. Die griechische Szene, deren Stil große vokale Massen erfordert, ließ das Publikum ziemlich kalt.

Sie wurde seitdem nie wieder aufgeführt, und ich habe sie schließlich vernichtet.

Gleichwohl war mir, alles in allem, das Konzert von wirklichem Nutzen. Einmal machte es mich den Künstlern und dem Publikum bekannt, was, trotz Cherubinis Gegenansicht, für mich notwendig zu werden begann; dann lehrte es mich die zahlreichen Schwierigkeiten zu überwinden, die mit der Laufbahn eines Komponisten verknüpft sind, der die Aufführung seiner Werke selbst in die Hand nehmen will. Ich sah bei dieser Probe, wieviel mir zu tun blieb, ihrer gänzlich Herr zu werden. Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß die Einnahme kaum ausreichte, die Kosten für Beleuchtung und Anschlagezettel, für die »Armensteuer« und meine unbezahlbaren Choristen zu decken, die so schön zu schweigen wußten.

Mehrere Zeitungen waren voll warmen Lobes über dieses Konzert. Fétis (der seitdem ...), selbst Fétis sprach sich, in einer Gesellschaft, in den schmeichelhaftesten Worten über mich aus und bezeichnete meinen Eintritt in die Künstlerlaufbahn als wirkliches Ereignis.

Aber genügte dieser Lärm, um die Aufmerksamkeit von Miß Smithson auf sich zu ziehen, mitten im Rausche, in den sie ihre Triumphe versetzen mußten? ... Ach, ich erfuhr später, daß sie, ihrem glänzenden Berufe gänzlich hingegeben, von meinem Konzert, meinem Erfolge, meinen Anstrengungen, ja von mir selbst nicht einmal hatte reden hören ...

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